Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 3

Das Gebot: Du sollst nicht töten
(5,21-26)
In unserem irdischen Leben, wo Tod und Sünde herrschen und durch sie der Teufel, gibt es keine wahren Frohbotschaften. Die wahre frohe Botschaft kann nur der Besieger des Todes sein. Und das ist der Gottmensch, der Herr Christus, welcher durch Seine Auferstehung den Tod besiegt und uns das ewige Leben geschenkt hat. Und daneben gab Er uns das Gesetz und die Frohbotschaft des ewigen Lebens. Und dies ist Sein gottmenschliches Evangelium, die gottmenschliche Frohbotschaft, welche heißt und ist – “ewiges Evangelium” (Off. 14,6) und für alle Zeiten und für alle Ewigkeit gilt. Das Alte Testament jedoch, und die alttestamentlichen Gebote sind lediglich Führer zu diesem, Führer zu Christus – paidagwgoV eiV Criston (Gal 3,24). Das ewige Evangelium des Heilands erklärt und verwirklicht und vermenschlicht die alttestamentliche Offenbarung und all ihre göttlichen Werte. Durch seine Ewigkeit und durch seine Gottmenschlichkeit umfängt das Neue Testament das Alte Testament und macht es unsterblich.
Der einzige Frohbotschafter des Menschengeschlechtes, der Herr Christus, verkündet: Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ist: “Du sollst nicht töten”, wer aber tötet, soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder ohne Grund zürnt, soll dem Gericht verfallen sein. Wer aber zu seinem Bruder sagt: “Du Nichtsnutz”, soll dem Hohen Rat verfallen sein. Wer aber sagt: “Du Tor”, soll der Hölle mit ihrem Feuer verfallen sein (5,21-22) – Offensichtlich fügt der Herr allmählich dem Alten Gesetz das Neue hinzu, ergänzt das Alte durch das Neue. Durch Moses ist den Alten gesagt: “Du sollst nicht töten!” (2. Moses 20,13). Doch das, was den Alten gesagt ist, muß verjüngt werden, erneuert werden, ihm müssen Lebenskräfte, lebenspendende Kräfte verliehen werden, es muß auf eine höhere Stufe der Vollkommenheit erhoben werden. Das alte Gesetz ist Schatten, Urbild, Prophezeiung, Einführung in das neue Gesetz, in den sündlosen Leib des Gottmenschen Christus, in dem die Gnade und die Wahrheit verkörpert ist (Jh. 1, 17). Nach dem Gesetz Moses wird ein mutwilliger Mörder einem besonderen Gericht überantwortet (4. Mos. 35,24). Der Herr aber schlägt tiefer, senkt seine Axt an die Wurzel des Bösen, an die Ursache des Mordes selbst: den Zorn. Die alttestamentlichen Propheten, Patriarchen, Gerechten sagten gewöhnlich: “So spricht der Herr”. Der Herr Christus aber spricht mit Macht als Sohn des Himmlischen Vaters, und Seine Worte sind Worte des einziggeborenen Sohnes: “Alles was mein ist, das ist dein, und was dein ist, das ist mein” (Jh. 17, 10). Durch Seine Worte: “Ich aber sage euch”, widersetzt sich der Herr Christus nicht, widerspricht nicht dem alten Gesetz, sondern betont besonders Seine Rolle des Neutestamentlichen Gesetzgebers, welcher das alte Gesetz durch das Neue vervollkommnet. Gott verbietet durch Moses den Mord, der Herr Christus aber verbietet nicht nur den Mord, sondern verbietet selbst den Anlaß und die Ursache des Mordes: den Zorn. Das Gebot: Zürne nicht! – bekräftigt und vervollkommnet das Gebot: Töte nicht! Das erste ist die Ergänzung des zweiten, und deshalb wichtiger als jenes. Wer sich dem Zorn nicht anheimgibt, der wird sich auch ebenso vom Mord enthalten; wer seinen Zorn eindämmt, der wird zweifellos auch Gewalt über seine Hände haben. Der Zorn ist die Wurzel des Totschlages. Deshalb wird derjenige, der die Wurzel ausreißt, ohne Zweifel auch die Zweige entfernen, oder besser – er wird sie nicht einmal entstehen lassen (Hl. Chrysostomos ibid. col. 245-6). Die Worte des Heilands: “ohne Grund” zeigen, daß der Herr nicht jeglichen Zorn verwirft, sondern lediglich den unzeitgemäßen, denn zeitgemäßer Zorn ist nützlich. Er tritt auf, wenn wir uns aus Nächstenliebe oder Liebe über jene erzürnen, die entgegen den Geboten Gottes leben; wenn wir uns gegen jene, die ein böses Leben führen, nicht aus Rachegefühlen heraus erzürnen, sondern um ihres Vorteils willen. Der Hl. Chryostomos sagt, daß der Herr durch diese Seine Worte den Zorn nicht gänzlich verwirft: Zunächst deshalb, weil der Mensch nicht vollkommen von dieser Leidenschaft frei sein kann; er kann sie bewahren und eingrenzen, aber er ist nicht imstande, sie vollkommen auszumerzen; zweitens deshalb, weil die Leidenschaft des Zorns auch nützlich sein kann, wenn wir sie nur zu rechter Zeit benutzen. Der Zorn des Apostels Paulus auf die Korinther rief ungeheuer viel Gutes hervor; ebenso wirkte auch sein Zorn auf die Galater. Aber die Frage ist: Wann ist der Zorn zeitgemäß? Dann, wenn wir nicht aus Rache zürnen und nicht um unserer selber willen, sondern um der Beschränkung der Widerspenstigen willen und um der Hinwendung der Gleichgültigen auf den richtigen Weg willen. Wenn wir aus Rache zürnen, was der Apostel Paulus verbietet (Röm. 2,19); wenn wir um Geld zürnen, was derselbe Apostel nicht zuläßt (1. Kor. 6,7). “Wer vergeblich seinem Bruder zürnt, der wird dem Gericht überantwortet; wenn aber jemand wegen der Erbauung seines Bruders und aus geistlichem Eifer heraus zürnt, der wird nicht verurteilt werden. Denn Paulus sagt zornige Worte dem Zauberer Elim und dem Hohenpriester, nicht etwa ohne Grund, sondern aus Eifer”1.
Die Worte des Heilands:”gegen deinen Bruder” bedeuten: gegen jeglichen Menschen, wen auch immer, denn alle Menschen sind Kinder des Einen Himmlischen Vaters, und dadurch untereinander Brüder (Hebr. 2,11). Die Worte: “dem Gericht schuldig” bedeuten die Verantwortung und die Schuld vor dem Gericht des Gottmenschen Christus, dem geistlichen und ewigen Gericht, das nicht nur für Totschlag verurteilt, sondern genauso für zornige Gefühle, zornige Gedanken und Worte. Sagt er aber seinem Bruder “Narr”, so wird er vor dem Synedrion schuldig sein – dem höchsten jüdischen Gericht in Jerusalem. Der Herr erwähnt das Synedrion, damit man nicht denkt, daß Er in allen Dingen Neues und Fremdes lehrt2.
Das Wort “Narr” ist ein chaldäisches Wort, welches die Juden zur Zeit Christi als Schimpfwort benutzten. Es bedeutet: ein leerer, nichtiger Mensch. Der menschenliebende Herr verurteilt die Verwendung dieses Wortes, da für Ihn und Seine Nachfolger selbst der größte Sünder das gottähnliche Antlitz der Seele nicht verloren hat, damit man einen solchen Ausdruck auf ihn anwenden könnte: Dummkopf. Damit fordert der menschenliebende Herr von seinen Leuten ein menschenliebendes Verhältnis gegenüber jedem Menschen und die Achtung jeder menschlichen Persönlichkeit. Deshalb überantwortet Er jeden Menschen, der seinem Bruder zürnt und der seinen Zorn durch das Wort Narr ausdrückt, dem Gericht.
Es ist eine gottmenschliche Wahrheit: Wer seinem Bruder sagt: du Narr, der wird der Gehenna des Feuers schuldig sein (Vers. 22). In anderen Worten: wer in seinem Zorn irgendeinen Menschen, der nach dem Ebenbild der Dreieinigen Gottheit geschaffen ist, derart erniedrigt, daß er ihn als Narren bezeichnet, der wirft sich selbst ins Höllenfeuer. Vielen erscheint dieses Gebot des Heilands als streng und grausam; und es könnte dies tatsächlich sein, wenn dieses Wort nicht die völlige Negierung der gottähnlichen Seele in diesem Menschen bedeutete, auf den es gerichtet ist. Der Hl. Chrysostomos sagt: wenn du deinen Bruder dessen beraubst, wodurch wir uns von den Tieren unterscheiden und was uns in erster Linie zu Menschen macht, d.h. des Verstandes, so beraubst du ihn damit jeglicher Erhabenheit3. Viele sagen und meinen, daß dieses Urteil schwer und streng sei. Doch dies ist nicht so. Denn wie ist derjenige nicht der Hölle würdig, der seinen Bruder des Verstandes und Geistes beraubt, d.h. dessen, wodurch wir uns von den Tieren unterscheiden? Wer beleidigt und erniedrigt, der zerstört die Liebe; und mit der Zerstörung der Liebe werden auch alle Tugenden zunichte gemacht, so wie sie erhalten werden, wenn sie zugegen ist. Wer also die Liebe bricht und alle Tugenden vernichtet, der ist deshalb auch der Hölle würdig4.