Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 5

Das Gebot: Du sollst keinen Eid brechen
5, 33-37
Obwohl der Mensch seiner Seele nach unendlich ist, ist er doch seinem Denken, seinem Fühlen nach mit sich unzufrieden, strebt immer nach etwas jenseits seiner selbst, besonders zu einem Wesen, das ihm als All-Wesen erscheint. Unzufrieden an sich und mit sich, müht er sich stets darum, sich über sich selbst hinaus zu verlängern, sich auszubreiten, sich nach oben und unten zu vertiefen, wie in die Breite, so auch in die Höhe und Tiefe. In diesem Streben über sich hinaus ist dem Menschen der Schwur eigen. Er zeugt von dem Streben des Menschen zu dem Allwesen. Besonders ist dies in dem Gottmenschen Jesus Christus zu erkennen. In Ihm ist der Mensch in vollkommenster und gründlichster Weise von Gott umgeben und verlängert, wobei seine Endlosigkeiten in die gottmenschlichen Endlosigkeiten verlängert sind. Alles Menschliche wird nur in dem Gottmenschen vergottmenschlicht, erhält nur in Ihm seine unsterbliche Vollkommenheit.
Ganz im Menschen und ganz um des Menschen willen führt der Gottmensch Christus den Menschen durch alle gottmenschlichen Wege zu Gott, wobei er ihm Unsterblichkeit und ewiges Leben sichert. So auch durch Sein Gebot vom Schwur. Er wiederholt nicht wörtlich das alttestamentliche Gebot, sondern drückt seinen seelenrettenden Inhalt kurz aus: “Du sollst keinen falschen Eid tun und sollst Gott deinen Eid halten.” Dieses Gebot steht im 3. Buch Mose (Leviticus) 19, 12 u. 5. Mose (Deut.) 23, 21-23. Es verbietet nicht jeglichen Eid überhaupt, sondern den falschen. Die Worte Christi bringen das gleiche zum Ausdruck wie die Worte des alttestamentlichen Gesetzes: “Leiste keinen Meineid; und wenn du nicht falsch schwörst, dann erfülle vor Gott deinen Schwur.” Was heißt es: “Erfülle vor Gott deine Schwüre”? – Das bedeutet: Wenn du schwörst, bist du verpflichtet, die Wahrheit zu sagen1.
“Ich aber sage euch, daß ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron”.Im Laufe der Zeit entwickelten die Juden den Brauch, den Schwur in Gottes Namen zu umgehen, und beim Himmel, der Erde, Jerusalem, dem Tempel zu schwören. Und sie erlaubten es sich, den Schwur zu brechen, denn mit einem solchen Schwur verletzten sie im wörtlichen Sinn nicht das Gesetz. Aber unser Herr Jesus Christus fordert von Seinen Nachfolgern mehr als die Gerechtigkeit der Pharisäer. Der Mensch der neutestamentlichen Tugenden ist demütig, zerknirscht, reumütig, sanftmütig, gütig, gerecht, barmherzig, einfühlsam, reinen Herzens, friedlich, friedenstiftend, langmütig, und flößt ein solches Vertrauen ein, daß er seine Worte nicht durch Schwüre bekräftigen muß; sein “ja” oder “nein” wird mehr Vertrauen hervorrufen als der Schwur sündiger Menschen. Durch Sein Gebot “schwöre überhaupt nicht” übertritt der Herr Christus nicht das Gebot vom Sinai: “Du sollst nicht des Herrn, deines Gottes Namen eitel nennen!” (Ex. 20,7), sondern Er bekräftigt es, ergänzt und führt es zur Vollkommenheit.
Die Worte des Heilands “schwöre überhaupt nicht” riefen viele Erklärungen hervor. Der Heilige Apostel Jakobus schreibt: “Vor allem aber, meine Brüder, schwört nicht, weder bei dem Himmel noch bei der Erde noch mit einem anderen Eid (Jak. 5, 12). Der Heilige Apostel Paulus ruft mehrfach Gott zum Zeugen an (Röm. 1, 9; 2. Kor. 1, 23; Phil. 1, 8). Der Heilige Justin der Philosoph, sagt bei der Darlegung der Lehre Christi in seiner ersten Apologie: Darüber, daß man keinen Schwur aussprechen, sondern nur die Wahrheit sprechen soll, gebot der Herr so: Schwöre überhaupt nicht, sondern eure Rede sei “ja, ja” “nein, nein”, und was darüber hinausgeht, das ist vom Bösen2. Der Hl. Basilius der Große schreibt: Der Schwur ist überhaupt verboten. Umso mehr unterliegt ein Schwur, der in einer bösen Sache gegeben wurde, der Verurteilung3.
Der Hl. Johannes Chrysostomos wendet sich gegen die Gewohnheit der Antiochener zu schwören und frohbotschaftet: Wahrlich, schwer ist diese Sünde, sogar äußerst schwer: Sie ist gerade deswegen so schwer, weil sie leicht scheint; und ich fürchte sie eben darum, weil keiner sie fürchtet... Aber jener da, sagst du, ist ein guter Mensch, ein Priester, er lebt keusch und in Ehren, und er schwört doch? Sprich mir nicht von diesem Guten, Keuschen, Gottesfürchtigen, diesem Priester; möge dieser Petrus oder Paulus oder ein vom Himmel herabgestiegener Engel sein, ich schaue da nicht auf den Rang einer Person, denn ich halte das Gebot über den Schwur nicht für ein knechtisches, sondern für ein königliches; und wenn man eine königliche Verordnung liest, dann muß jede Würde der Knechte verblassen. Wenn du zu behaupten wagst, daß Christus zu schwören befahl, oder daß Christus dies nicht bestrafe, so beweise es und ich beuge mich. Wenn Er jedoch dies mit solchem Nachdruck verbietet und Ihm diese Sache so wichtig ist, daß Er den Schwörenden mit dem Bösen gleichsetzt, – Was darüber ist, d.h. über das Ja und das Nein, das ist vom Übel (Mt. 5,37), warum dann redest du mir von denem und jenem?... Ich befahl, spricht Er, und so sollte man gehorchen und nicht auf irgend jemand verweisen und über fremde Sünden mutmaßen. Wenn der große David in schwere Sünde fiel, so sage mir: Ist es vielleicht deshalb für uns ungefährlich zu sündigen? (Katechese 1)
Aber wie ist es, fragst du, wenn jemand den Schwur verlangt und gar dazu zwingt? Möge die Furcht vor Gott stärker als jede Nötigung sein! Wenn du solche Einwände vorbringst, dann wirst du auch nicht ein Gebot halten. Dann wirst du über die Frau sagen: Was ist schon, wenn sie unbändig und verschwenderisch ist? Du wirst von dem wollüstigen Blick sagen: Darf ich denn nicht einmal hinschauen? Ebenso kannst du über den Zorn auf den Bruder sagen: Was ist dabei, wenn ich aufbrausend bin und meine Zungen nicht halten kann? Auf diese Weise wird es dir leicht sein, alle oben genannten Gebote mit Füßen zu treten... Nun, was das nun untersuchte Gebot betrifft, so wird vielleicht für dich gar keine Situation eintreten, daß du schwören mußt. Wer die Lehre über die Seligpreisungen hörte und so lebt, wie Christus es befahl, den wird jeder als der Achtung und Ehre würdig halten und niemand wird ihm zum Schwur nötigen.4 Der Selige Theophylakt scheibt mit göttlicher Weisheit: Der Schwur, außer “Ja” und “Nein” ist überflüssig und eine teuflische Sache. Aber du fragst: War denn etwa das Gesetz Mose, welches den Eid befahl, übel? Wisse, daß in jenen Zeiten der Schwur nichts Böses war; aber nach Christus ist er etwas Übles – ebenso wie die Beschneidung und überhaupt alles Jüdische5. Euthymios Zigaben schreibt: Der Heiland sagt: Euer zustimmendes Wort, wenn ihr etwas bejaht, sei “ja”, und wenn ihr etwas verneint “nein”. Und anstelle des Schwurs sollt ihr nur diese Worte zur Bejahung benutzen; nichts als “ja” sollt ihr benutzen6.
“Noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel; noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Der Herr gebietet um unserer Rettung willen: “Schwöret überhaupt nicht, denn auch der Himmel und die Erde und Jerusalem gehören Gott. Wer bei ihnen schwört, der schwört mittelbar bei seinem Schöpfer “Auch sollst du nicht bei deinem Haupte schwören” – Der Mensch gehört sich nicht selbst, denn er ist nicht von selbst entstanden und hat sich nicht selbst die Seele und den Leib gegeben. Tatsächlich, genau genommen, hat er überhaupt nichts eigenes: selbst seinen Kopf kann er nicht sein eigen nennen, sondern er ist von Gott; wenn er behauptet, daß er ihm gehört, so möge er das beweisen, indem er schwarze Haare in weiße verwandelt.
Der Retter verkündet: “Doch euer Wort sei “ja, ja”, “nein, nein”; und was darüber hinausgeht ist vom Bösen” (™k to¨ ponhro¨ ™st³n). – Der Herr verbietet verschiedene Schwurformeln, welche die Juden gebrauchten und mißbrauchten. Er läßt nur zwei Formen zu: “ja” und “nein”. Doch die Orthodoxie zeigt, wie einstmals Gott der Herr durch den Propheten Moses Mitgefühl mit den menschlichen Schwächen und läßt in besondern Fällen den Schwur zu. Der neutestamentliche Mensch trägt noch die Schwächen des alttestamentlichen Menschen in sich.
Doch wenn das persönliche und das gesellschaftliche Leben des neutestamentlichen Menschen aus christusförmigen Tugenden gewirkt sein wird: aus Liebe, Gebet, Fasten, Gottesliebe, Sanftmut, Güte, Langmut, Barmherzigkeit, dann werden schon keine Schwüre mehr gebraucht werden, sondern zur Bejahung wird das Wort ”Ja” ausreichen, und zur Verneinung das Wort “Nein”.

Das Gebot: Auge um Auge
5, 38–42
Gott ist im Menschen und der Mensch in Gott – das ist das ganze Neue Testament. Das ist auch die ganze gottmenschliche Persönlichkeit des Herrn Jesus Christus. Das ist auch die ganze gottmenschliche Heilsökonomie unserer Rettung: Gott wird Mensch, damit der Mensch im gottmenschlichen Leib der Kirche Gott der Gnade nach werden kann, und zwar mit Hilfe der heiligen gottmenschlichen Gebote: der heiligen gottmenschlichen Sakramente und der heiligen gottmenschlichen Tugenden. Eben dies ist das Ziel der gesamten alttestamentlichen Christologie, der gesamten alttestamentlichen Heilsökonomie der Rettung: sich im Neuen Gottmenschlichen Testament zu bewahrheiten und auf diese Weise die Vollkommenheit zu erlangen und die eigene ewige Jugend – die gottmenschliche Ewigkeit.
Ganz Fleischwerdung und Personifizierung Gottes im Menschen, verkündet unser Herr Jesus Christus “Ihr habt gehört, daß da gesagt ist: “Auge um Auge, Zahn um Zahn”. Ich aber sage euch, daß ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern, wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar. Und wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel. Und wenn dich jemand nötigt eine Meile, so geh mit ihm zwei. Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will”.
Durch die neutestamentlichen Gebote ergänzt der Herr, vervollständigt Er auf gottmenschliche Weise und vervollständigt die alttestamentlichen Gebote, um die organische Einheit der einen mit den anderen zu zeigen und damit zu beweisen, daß der Gesetzgeber Ein und Derselbe ist. Das alttestamentliche Gebot: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Arm um Arm, Bein um Bein, Seele um Seele (Ex. 2, 2; Lev. 24, 20; Deut. 19, 21) war den alttestamentlichen Juden wegen der Härte ihres Herzens gegeben, wegen der Grobheit und Verwilderung ihrer Seele. Der Hl. Johannes Chrysostomos schreibt gottweise: Der Urheber des Gesetzes befiehlt: “Auge um Auge”, nicht dafür, daß wir einander die Augen ausreißen sollen, sondern damit wir unsere Hände davon abhalten, anderen Böses zuzufügen, denn ein Verbot, daß mit der Androhung einer Strafe verbunden ist, schränkt die Ausführung böser Ansinnen ein7.
Mensch geworden, bezähmt unser sanftmütiger Herr Jesus Christus durch Seine verwandelnde Menschenliebe die durch die Sünder verwilderte menschliche Natur, macht sie gutmütig und befreit sie von der Rachsucht. Ganz menschgewordene und personifizierte Sanftmut, Güte, Liebe und vollkommene Vergebung, ist Er das vollkommene Muster und Ideal des neutestamentlichen Menschen. In Seiner unendlichen Menschenliebe erfüllt Er jeden Menschen, der mit ganzem Herzen an Ihn glaubt, mit Seiner gottmenschlichen Sanftmut, Liebe, Barmherzigkeit, vollkommenen Vergebung und den übrigen gottmenschlichen Tugenden, macht ihn Sich ähnlich, gleich, denn Er wurde den Menschen gleich, damit die Menschen Ihm gleich werden. Gott wurde Mensch, um die Menschen zu vergottmenschlichen. Solchen neutestamentlichen christusförmigen Menschen gibt der Herr eben das Gebot: “Widerstrebt dem Übel nicht!”(5,39)
Der Herr sagt damit gleichsam: ihr Arme an Geist, ihr Sanftmütige, ihr Hungrige und nach Wahrheit Dürstende, ihr Barmherzige, ihr reinen Herzens, ihr Verbannte um der Wahrheit willen – widersetzt euch dem Bösen nicht so wie sich die alttestamentlichen Menschen der Härte ihres Herzens wegen widersetzten, sondern stellt dem Bösen das Gute entgegen, dem Zorn die Sanftmut, der Grobheit Güte, dem Haß die Liebe, der Rachsucht die Vergebung, dem Laster die Tugend. Das Böse wird nicht durch das Böse geheilt. Wenn ihr so denkt, werdet ihr einem Menschen ähneln, der das Feuer mit Feuer löscht, die Finsternis mit Finsternis zerstört. Das Böse bringt niemals Gutes hervor, denn das Böse kann niemals als Mittel zur Erlangung des Guten dienen. Das Böse hat seine eigenen Mittel, seine Wege: böse Mittel und böse Wege; das Gute dagegen hat seine guten Mittel und guten Wege. Auch das geringste Böse ist in seiner Wurzel vom Bösen, vom Teufel, aber auch das geringste Gute ist vom Guten, von Gott. Die teuflische Medizin ist menschentötend: die Sünde durch die Sünde heilen, das Böse durch das Böse, Beleidigung durch Beleidigung, Ungerechtigkeit durch Ungerechtigkeit, Laster durch Laster. Heilbringend sind die gottmenschliche Frohbotschaft und das Gebot: vergeltet niemandem Böses mit Bösem; übt keine Rache; laß nicht zu, daß das Böse überhand nimmt, sondern besiegt das Böse durch das Gute; achtet darauf, daß niemand dem anderen Böses mit Bösen heimzahlt, sondern haltet euch immer an das Gute, sowohl untereinander wie auch gegenüber allen anderen (Röm. 1, 17. 19. 21; 1. Thess. 5, 15-16; vgl. 1. Petr. 3, 9).
In seinem Kommentar zu dieser Frohbotschaft des Heilands sagt der Hl. Johannes Chrysostomos: Der Herr sprach zu Anfang: Wer seinem Bruder zürnt und zu ihm sagt: Du gottloser Narr! der ist des höllischen Feuers schuldig. Hier wird jedoch noch höhere Weisheit gefordert, die dem Gekränkten nicht nur zu schweigen, sondern dem Beleidiger auch die andere Wange zu bieten befiehl, um ihn auf diese Weise noch mehr durch Großmütigkeit zu überwältigen. Und das spricht Er nicht nur darum, um ein Gebot zu geben, wir sollen Kränkungen ertragen, sondern um uns auch in allen anderen Fällen die Sanftmut zu lehren8.
Mit einer solchen Frohbotschaft hat der Herr den Nutzen des Beleidigers wie des Beleidigten im Auge. Wenn der Beleidigte seine Seele mit Sanftmut und den Tugenden, die der Herr gibt, gewappnet hat, dann wird er auch die Beleidigung nicht für eine Beleidigung halten, sondern für eine Aufforderung dazu, seine christlichen Waffen zu benutzen. Der Beleidiger aber wird beschämt und wird ihn nicht nur nicht auf die zweite Wange schlagen, sondern wird sich auch für den ersten Schlag verurteilen. Denn nichts besänftigt in solchem Maße wie sanftmütiges Ertragen seitens des Beleidigten. Sich dem Bösen mit Bösem zu widersetzen, der Beleidigung durch Beleidigung, ist um ein vielfaches einfacher, als sich dem Bösen durch das Gute zu widersetzen und der Beleidigung durch Vergebung und durch christusartige Liebe. Denn das letztere verlangt unermeßlich größere Selbstüberwindung und eine ganze Schar mutiger heiliger Tugenden: Man braucht eine christusartige, christusbesitzende Seele, die ständig in Christus lebt, und Er in ihr, die alles durch Ihn und in Ihm aufnimmt; die das ganze Leben von Seinem Standpunkt aus betrachtet und alles mit Seinem Maß mißt.

Der wunderbare Heiland verkündet eine völlig neue Frohbotschaft: “Und wenn jemand mit dir rechten will und deinen Rock nehmen, dem laß auch den Mantel”. Der Hl. Chrysostomos erklärt mit von Gott beflügelten Worten diese gottmenschliche Verkündigung folgendermaßen: Der Heiland wünscht, daß wir solche Güte nicht nur an den Tag legen, nicht nur, wenn wir geschlagen werden, sondern auch wenn man uns den Besitz nimmt. Daher schreibt Er uns wieder so eine hohe Verhaltensregel vor. Wie Er dort befieht durch Geduld zu siegen, so auch hier durch Abgeben, und zwar mehr als der Habsüchtige erwartet. Übrigens gibt Er nicht nur diese letzte Regel, sondern versieht sie noch mit Vorbehalten. Er sagte nicht: Gib dem Bittenden deinen Rock, sondern - dem, der mit dir rechten will, d.h. der dich vor Gericht bringen und einen Rechtsstreit mit dir führen will. Und ähnlich, wie Er nach den Geboten – den Bruder nicht einen Narr zu nennen und nicht eitel ihm zu zürnen – in Seiner Predigt noch mehr forderte, da Er befahl, auch die rechte Wange zu bieten, so dehnt Er jetzt nach dem schon genannten Befehl, sich mit dem Gegner zu versöhnen, Seine Forderung noch weiter aus, und schreibt vor, dem Gegner nicht nur das zu geben, was dieser nehmen will, sondern dazu ihm noch Wohltätigkeit zu erweisen. Was denn? Soll ich vielleicht nackt gehen? Wären wir nicht nackt, wenn wir wortgetreu diese Gebote erfüllten; im Gegenteil, wir wären noch viel besser gekleidet als alle anderen: Erstens, weil keiner über einen Menschen herfällt, der solch eine Geisteshaltung hat, und zweitens, wenn sich auch ein so Grausamer und Unbarmherziger finden sollte, der sich dazu erdreisten würde, dann würden sich zweifellos noch mehr Menschen finden, die so weise wären, den Beraubten nicht nur mit Kleidern zu bedecken, sondern, wenn es möglich wäre, sogar mit ihrem eigenen Fleisch.
Und wenn jemand trotzdem um solcher Weisheitsliebe willen noch nackt gehen würde, dann wäre dies auch keine Schande. Adam war nackt im Paradies und schämte sich nicht (Gen. 2,25). Und Jesaia, der nackt und ohne Schuhe ging, war berühmter als alle Juden (Is. 20,3). Joseph leuchtete besonders (an Tugend), als er er die Kleider hinter sich ließ. Es ist keineswegs übel, sich so zu entblößen, aber es ist schändlich und lächerlich, sich so zu kleiden, wie wir uns heute kleiden, d.h. in kostbare Gewänder. Deshalb verherrlichte Gott jene, aber uns verurteilt Er sowohl durch die Propheten als auch durch die Apostel. So wollen wir also die Weisungen des Herrn nicht für unmöglich erachten. Sie sind nützlich und höchst einfach auszuführen, wenn wir nur wachsam bleiben. Sie sind so rettungsbringend, daß sie nicht nur uns, sondern auch den uns Umgebenden großen Gewinn bringen9.
Dem durch Tod und Sündenliebe gelähmten Menschengeschlecht verkündet der Heiland: “Und wenn dich jemand nötigt, eine Meile, so gehe mit ihm zwei.”Dazu ruft der Hl. Chrysostomos aus: Siehst du, zu welcher Höhe der Weisheisliebe dich der Erlöser emporhebt? Er sagt, daß wenn du deinem Feind auch das Ober- und das Untergewand abgegeben hast, du dich ihm nicht widersetzen sollst, wenn er auch noch deinen entblösten Leib Leiden und Qualen unterwerfen sollte. Er möchte, daß alles gemeinsam sei – Leib und Vermögen und daß wir mit ihrer Hilfe sowohl den Armen, als auch jenen, die uns kränken, dienen. Letzteres ist eine Pflicht der Männlichkeit, ersteres der Nächstenliebe10.
Die aus christusförmigen Tugenden gewobene Seele fürchtet nicht nur keine Leiden, sondern liebt sie und strebt nach ihnen. Der Körper, in dem eine solche Seele wohnt, erträgt Beanspruchung und Mühe, die ihm aufgezwängt werden, mit Güte und Sanftmut. Nach dem Hl. Chrysostomos: Jemand zwingen, bedeutet, ihn ungerechterweise zu ziehen, ohne jede Ursache und unter Kränkung. Aber du sei auch dazu bereit; sei bereit, sogar noch mehr zu erdulden, als dieser dir antun will11.
Die heilbringende Verkündigung lautet: “Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will.” Sei der Bittsteller nun ein Freund oder Feind, ein Gläubiger oder Ungläubiger, gib ihm alles, was du von Gott empfangen hast, alles, was gottförmig ist, von Gott gegeben, dem Seelenheil zuträglich. Möge das Elend eines jeden Menschen dein Elend sein; erlebe seine Qualen als deine eigenen, und der Herr wird dich immer lehren, was du geben sollst; wieviel, wie und wann du geben sollst. Das wichtigste ist, daß der Herr in dir ist, und dann wirst du mit Leichtigkeit Seine Gebote erfüllen und Seine Werke tun. Fortsetzung folgt

9 sermo 18, 2–3; c. 267.
10 ibid. S. 268
11 ibid. ad loc
1 Chrysostomos, a.a.O., S. 260
2 Apologie I, 16, 5
3 Asketische Rede, P. gr. t. 31, col. 880–1
4 sermo 17, 5; c. 260–261
5 Theophylakt ad. loc.
6 Comment. in Matth. cap. V, vers. 36.
7 ibid S. 266
8 ibid. S. 266