Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 6

Der Mensch ist ein gottebenbildliches und daher gottähnliches Wesen, denn er ist nach dem Vorbild des Dreisonnigen Gottes und Herrn geschaffen. Und der Mensch wird zum wirklichen Menschen, wenn er sowohl in seinem Wesen als auch in seinem Leben Gott ähnlich wird. Als Abbild Gottes, als lebendige Ikone Gottes stellt der Mensch in der sichtbaren Natur ein übernatürliches Wesen dar, ein göttlich übernatürliches. Und wenn unser Herr und Gott Jesus Christus Mensch wird, kommt Er auf die Erde unter die Menschen wie “unter die Seinen” (Joh. 1, 11). Und wenn Er den Menschen Sein gottmenschliches Evangelium predigt, so predigt Er ihnen als gottähnlichen, Christus ebenbildlichen Wesen das, was für sie natürlich ist, für sie logisch, für sie realisierbar ist. Und keinesfalls und in keiner Weise das, was für sie unnatürlich ist. Tatsächlich entspricht das gesamte Evangelium des Gottmenschen Christus dem gottmenschlichen Bestand des menschlichen Wesens, denn der Mensch ist als potentieller Gottmensch geschaffen. Und nur, wenn er im Evangelium des Gottmenschen lebt, erlangt der Mensch das Ziel seines von Gott geschaffenen gottähnlichen Wesens. Und der Mensch lebt durch das Evangelium des Gottmenschen Christus, wenn er in Seinem gottmenschlichen Leib – der Kirche – lebt, als “Teilhaber” an Seinem Leibe (Eph. 3, 6). In der Kirche aber wird der Mensch zum Teilhaber am Leibe, und lebt als Teilhaber nur mit Hilfe der gottmenschlichen Tugenden.
5, 43 Gott wurde um unseretwillen, um der Menschen willen, Mensch – Gottmensch, und indem Er dadurch Gott und alles Göttliche zu dem unseren machte, verkündet Er in Seinem Evangelium: Ihr habt gehört, daß gesagt ist: “Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.” (V. 43). Die erste Hälfte dieser Frohbotschaft, dieses Gebotes, steht bei dem Hl. Propheten Moses (Ex. 19, 18). Bei den Juden bedeutete das Wort “Nächster” lediglich einen Menschen desselben Volkes: Für den Juden ist nur ein Jude ein Nächster; die übrigen Menschen sind für ihn Entfernte; die Grenzen der Liebe machten an den Grenzen des Volkstums halt, die Ausschließlichkleit der ethnischen Liebe ging so weit, daß man alle Nichtjuden für Feinde hielt.
Die zweite Hälfte: “hasse deinen Feind” steht nicht im alttestamentlichen Gesetz. Sie wurde von selbsternannten Gesetzesgebern geschaffen. Doch der “Einzige Menschenliebende”, unser allbarmherziger Herr, streicht die Gebote der selbsternannten Gesetzgeber durch, erstreckt den Begriff des “Nächsten” auf alle Menschen und gibt das gottmenschliche Gebot der Liebe, indem Er frohbotschaftet:
5,44 Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet, die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen (V. 44).
Wenn ihr dies tut und so lebt, werdet ihr zu neutestamentlichen Menschen, zu christusförmigen Menschen, denn gottmenschliche Liebe ist das Wesen und Zeichen des neutestamentlichen Menschen (vgl. Joh. 13, 34–35; 14, 24). Das Neue Testament ist neu eben durch diese gottmenschliche Liebe zu den Feinden. “Gott ist Liebe” (1. Joh. 4, 16). Weil Gott Liebe ist, wurde Er Mensch, um uns von der Sünde, dem Tod und dem Teufel zu retten und uns zu “Göttern der Gnade nach” zu machen durch die heiligen gottmenschlichen Sakramente und die heiligen gottmenschlichen Tugenden. So wie die Liebe Gott zum Menschen machte, so macht sie auch den Menschen zu Gott. Und wie sollte sie es verfehlen, aus dem Feind einen Freund zu machen!
Seine Feinde zu lieben, ist die heilige Pflicht jedes Nachfolgers Christi. Wer diese Liebe nicht hat, der gehört nicht zu Christus, denn Christus ist dadurch Christus, ist dadurch Heiland, daß Er Seine Feinde liebt. Ja, Seine Feinde! Die Menschen aber, alle Menschen, sind durch ihre Sünden Feinde Gottes, denn die Sünde – das ist Feindschaft gegenüber Gott (Röm. 8,7). Und in Seiner Liebe zu den Menschen, diesen freiwilligen “Sklaven der Sünde” (Röm. 6, 17. 20; vgl. Gal. 3, 22) und damit Seinen Feinden, wurde Er zum Menschen und vollbringt als Gottmensch die Rettung der Welt. Deshalb kann man nicht Nachfolger Christi unseres Herrn sein, ohne seine Feinde zu lieben. Unser Herr Christus liebte und liebt Seine Feinde, damit auch Seine Nachfolger ihre Feinde lieben. Er hatte nichts, was Er nicht wünschte, daß auch wir es hätten; Er tat nichts, wovon Er nicht wünschte, daß auch wir es täten. Daraus entspringt die klare und unmittelbare Frohbotschaft und das Gebot an alle Christen: Ihr sollt Nachahmer Gottes sein (Eph. 5, 1) – Gottes im Körper, Gottes, der Mensch wurde, um uns Menschen zu zeigen und Kraft zu verleihen, ein Leben zu führen, indem wir uns ein Beispiel an Ihm nehmen.
Und die Vorbilder dafür und die Zeugen davon sind alle Heiligen Gottes, alle Christusförmigen, Christusträger. Sie alle liebten und lieben ihre Feinde, denn man kann nicht Christus angehören und seine Feinde nicht lieben, nicht das tun, was Er tat, nicht auf Ihn und Seine Heiligen Nachfolger schauen (vgl. 1. Thes. 1, 6; Phil. 1, 27; Kol. 1, 10; 1. Petr. 2, 21; 2. Petr. 1, 3-9).
Christus lieben, kann jeder Mensch, der Christus in sich trägt, der durch Christus und in Christus lebt, der die Welt durch Christus aufnimmt, der Christus als Mittler zwischen sich und der Welt, zwischen sich und seinen Feinden hat. Wer Christus-Gott in seiner Seele hat, segnet die, die ihn verfluchen und erfüllt so das gottmenschliche Gebot des Heilands: Segnet die euch fluchen (V. 44). Wer den menschenliebenden Herrn in seinem Herzen hat und sich freiwillig zum Werkzeug Gottes macht, der tut freudig denen Gutes, die ihn hassen, und erfüllt mit Leichtigkeit das lichte und heilbringende Gebot des Herrn: Tut wohl denen, die euch hassen (V. 44).
Alles, was ein christusliebender Mensch tut, tut er durch den Herrn Jesus Christus und im Herrn Christus; und es gibt nichts Gutes, das er nicht tun könnte, aber nicht aus eigener Macht, sondern durch Christus. Tatsächlich ist unser Herr Jesus Christus ein unermüdlicher Diener an uns Menschen. Er dient sehr jedem Menschen: reinigt ihn von der Sünde, erleuchtet ihm den Geist und das Herz und die Seele, heiligt, verchristet, vergottet, veralltugendlicht, dient ihm auf allen Wegen aller gefährlichen asketischen Taten, und führt ihn so in Sein seliges ewiges Reich.
Wer durch die heiligen Sakramente und die heiligen Tugenden unseren Herrn Jesus Christus zur Seele seiner Seele gemacht hat, zum Herzen seines Herzens, zum Verstand seines Verstandes, zum Gewissen seines Gewissens, zum Willen seines Willens, der bittet mit Liebe für die, so ihn beleidigen und verfolgen (V. 44). Das Gebet ist die allbesiegende christliche Waffe, mit der der wahre Christ kämpft und seine sichtbaren und unsichtbaren Feinde und Verfolger, die mit ihm Krieg führen, besiegt. So wie das Wachs in der Nähe des Feuers schmilzt, so fliehen vor dem christusliebenden und zu Christus strebenden Gebet alle unserer Rettung feindlichen Kräfte und werden vertrieben. Allseitig bezeugt ist die Wahrheit des Evangeliums: Ein Christ ist ein unbesiegbarer Sieger, wenn er für seine Verleumder und Verfolger betet; ihn kann niemand besiegen, denn er hat die Höhe der Tugenden erreicht. Nur die gottmenschliche Liebe betet für die Feinde und Verfolger, wobei der Mensch sich eucharistisch gnadenmäßig und blutsmäßig mit dem allvollkommenen Herrn Christus vereinigt. Wer solche Liebe besitzt, der besitzt “alle Vollkommenheiten” (Kol. 3, 14): Er bindet alles, was in allen Welten Gottes vollkommen ist. Durch Seine heilbringenden Frohbotschaften und Gebote führt uns der Herr von anfänglichen Tugenden zu höheren und endet mit der allerhöchsten: der gottmenschlichen Liebe im Gebet. Der Heilige Chrysostomus frohbotschaftet: Alle Seine Gebote schmückt der Herr mit einem wunderschönen Kranz, indem Er sagt: “bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen” (V. 44); und auf diese Weise führt Er Seine Schüler auf den höchsten Gipfel der Philosophie, auf den allerhöchsten Gipfel der gottmenschlichen Weisheit und Heiligkeit. So wie das Ertragen von Schlägen eine größere asketische Übung ist, als sanftmütig zu sein, das Hemd und das Kleid zu geben, weitaus wichtiger ist als barmherzig zu sein, Beleidigungen zu ertragen eine größere Tugend ist als rechtschaffen zu sein, sich schlagen zu lassen und sich nicht zu widersetzen, eine größere Tuged ist als ein Friedenstifter zu sein, in der Zeit der Verfolgung die Verfolger zu segnen höher steht als verfolgt zu werden. So führt uns der Herr allmählich in den Himmel1.
5, 45 In allen gottmenschlichen Tugenden muß man das Vorbild in Jesus Christus, unserem Herrn und Gott Selbst suchen, und durch Ihn auch in Gott Vater Selbst. Wofür? Der Heiland sagt: ... auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel: Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte (Vers 45). Durch verschiedene gottmenschliche Tugenden führt unser Herr Christus die menschliche Seele ihrem himmlischen Ziel und ihrer Bestimmung zu: der Gottebenbildlichkeit, Gottähnlichkeit. Jede dieser Tugenden stellt eine asketische Tat dar, alle aber zusammen stellen sie den gottmenschlichen Zyklus der Askese dar: eine entsteht aus der anderen, die eine ruft die andere hervor. Die Armut im Geiste, die Demut, ruft die Tränen über sich selbst hervor; das Weinen über sich selbst ruft Sanftmütigkeit hervor; Sanftmut ruft Hunger und Durst nach Gerechtigkeit hervor; Hunger und Durst nach Gerechtigkeit rufen Barmherzigkeit hervor; Barmherzigkeit ruft Reinheit des Herzens hervor; Reinheit des Herzens ruft Frieden und Friedenstiften hervor; Friedenstiften – das freudige Ertragen von Verfolgungen um der Wahrheit willen; das freudige Ertragen von Verfolgungen um der Wahrheit willen ruft selige Zornlosigkeit hervor; selige Zornlosigkeit – Furchtlosigkeit; Furchtlosgkeit – völlige Ergebenheit gegenüber Gott; Ergebenheit gegenüber Gott – Nichterwiderung des Bösen durch Böses, Nichterwiderung des Bösen durch Böses ruft die Liebe zu den Feinden hervor. Die Liebe zu den Feinden – das ist die abschließende Tugend, die Krone aller Tugenden. Sie macht den Menschen zum Gottessohn, so wie sie den Einziggeborenen Sohn Gottes zum Menschensohn machte2. Durch sie wird der Mensch an Kindes Statt von Gott angenommen durch gottmenschliche Adoption, und sie macht ihn zum Erben aller göttlichen Reichtümer. Wer diese Liebe besitzt, wird Gott nahe, Gott ähnlich. Ohne sie kann man die abschließende Vollkommenheit der menschlichen Persönlichkeit, ihren ewigen Sinn und ihr ewiges Ziel nicht erreichen. Diese Tugend setzt Gott als ganz unumgängliche Bedingung zum Erreichen der gottmenschlichen Gottessohnschaft, Gottähnlichkeit, Gottebenbildlichkeit. Die oberste gottmenschliche Frohbotschaft und höchstes Gebot ist: Liebet eure Feinde…, auf daß ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel: Denn er läßt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte (V. 44–45).
Der Hl. Chrysostomus sagt in der Weisheit Gottes: Auch Gott also haßt diejenigen, die Ihn beschimpfen, nicht bloß nicht, sondern spendet ihnen Wohltaten. Und dennoch ist der Fall nicht allein wegen der Größe der Wohltat, sondern auch wegen der hervorragenden Würde Gottes ein ganz ungleicher. Du wirst verachtet von deinem Mitknecht, Er aber von seinem Knecht, dem Er unzählige Wohltaten erwiesen hat; du spendest ihm bloß Worte, wenn du für ihn betest, Er aber vollbringt überaus große und bewunderungswürdige Werke, indem Er die Sonne leuchten läßt und jedes Jahr Regen gibt. Dennoch gestatte ich dir, Gott, soweit es Menschen möglich ist, gleich zu sein. Darum hasse den nicht, der dir Böses zufügt, denn er verschafft dir große Güter und bereitet dir viel Ehre: verfluche nicht den, der dich kränkt, sonst hast du das Leid zu tragen und verlierst den Nutzen, erleidest den Schaden und kommst doch um den Lohn. Nun aber ist das die äußerste Torheit, das Härtere ausstehen und das weniger Harte nicht ertragen zu wollen! “Doch wie ist das möglich?” fragst du. Du siehst Gott Mensch werden, sich so tief herablassen und so vieles um deinetwillen leiden: und du fragst und zweifelst noch, ob es möglich sei, dem Mitknecht Beleidigungen zu vergeben? Hörst du Ihn nicht am Kreuze sagen: Vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun (Lk. 23,34), hörst du nicht Paulus sagen: ... daß derjenige, der emporgestiegen ist und zur Rechten Gottes sitzt, für uns Fürbitte leistet? (Röm. 8,34). Siehst du nicht, wie Er auch nach Seiner Kreuzigung und selbst nach Seiner Himmelfahrt, den Juden, die Ihn getötet hatten, Apostel schickte, die ihnen unzählig viel Gutes bringen sollten, während sie von ihnen unzählig viel Böses erleiden sollten? Allein dir ist großes Unrecht angetan worden? Hast du denn so viel leiden müssen, wie dein Herr, der gebunden, geschlagen, gegeißelt, von Knechten angespieen ward und nach unzähligen Wohltaten, die Er gespendet hatte, den Tod und zwar den allerschimpflichsten Tod erlitt? Hat man dir aber großes Unrecht zugefügt, so tue gerade deshalb am allermeisten Gutes, damit du dir eine um so herrlichere Krone bereitest und deinen Bruder von seiner schrecklichsten Krankheit befreiest.3
Wenn der Mensch seine Feinde liebt, so ist dies ein Zeichen dafür, daß er ein Gottessohn ist, daß er seine Seele in die Seele des Einziggeborenen Sohnes Gottes eingegliedert hat, und sein Herz in Sein Herz, und sein Leben in Sein Leben; es ist ein Zeichen dafür, daß er Gott schon zum Vater hat, daß er von Gott geboren ist, daß er durch Gott lebt, daß er die Eigenschaften seines himmlischen Vaters besitzt, daß er die ganze Welt durch das Auge Gottes betrachtet, alle Menschen, alle Geschöpfe, alle Freunde und Feinde. Er durchläuft den Himmel seines Lebens wie die Sonne; mit seiner Liebe beträufelt er sowohl Freunde als auch Feinde. Wie die Sonne, wenn sie täglich geboren wird, nicht fragt, wer würdig ist, wer gerecht, wer rein, wer sündlos, um ihn heute zu wärmen, sondern alle wärmt, die Gerechten ebenso wie die Ungerechten, die weniger Sündigen ebenso wie die sehr Sündigen, so liebt der Mensch, der die Ewige Sonne – den Herrn Jesus Christus – in seinem Herzen trägt, nicht nur die Guten und Gerechten, Reinen und Tugendhaften, sondern auch die Ungerechten und Bösen, die Unreinen und Sündigen, sowohl Freunde als auch Feinde. Fortsetzung folgt

1 sermo 18, 6; S. 272.
2 Hl. Maxim d. Bekenner, P.gr. t. 90,1390 u.a. insbes. “Kapitel über die Liebe”
3 sermo 18, 4; S. 269–270)