Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1996, 1

5, 46 Die gottmenschliche Liebe der Feinde macht den Christen zum Christen, macht ihn Gott ähnlich, unterscheidet ihn von den Nichtchristen, denn der alle Wahrheit übersteigende Mund der Wahrheit sprach diese gottmenschliche Wahrheit aus: Denn wenn ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner?(Vers 46). Selbst die allersündigsten, in höchstem Maße von Haß erfüllten Menschen lieben diejenigen, die sie lieben. Zum Beispiel: die Zöllner. Wegen der Ungerechtigkeit und Hartherzigkeit beim Eintreiben der Steuern waren sie allen verhaßt und galten als die schlechteste Art von Menschen. Ja selbst sie lieben diejenigen, die sie lieben. Solche Liebe ist selbst der niedrigsten Menschensorte zu eigen. Die Christen aber besitzen größere, höhere, gottmenschliche, göttliche Liebe. Ein Christ, der seine Feinde nicht liebt, ist kein Christ, sondern ein Heide. Der über aller Wahrheit stehende Herr bringt die Frohbotschaft:

5, 47 Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht dasselbe auch die Heiden? (Vers 47). Die Liebe aber den Feinden gegenüber, das ist das “höher”, welches die Christen von den Nichtchristen trennt. Diese Besonderheit, dies ist die besondere Eigenschatf der Christen. Wer diese Eigenheit besitzt, der empfängt einen großen, unbeschreiblichen Lohn: Er wird Gott ähnlich, wird dem himmlischen Vater zum Sohn; und als Sohn Gottes erhält er alles, was der Vater besitzt. Wer aber diese Eigenschaft nicht besitzt, wer nicht über diese einzigartige christliche Eigenschaft verfügt, über diese Seele und dieses Wesen aller christlichen und gottmenschlichen Eigenschaften, welchen Lohn kann er erwarten? Der Lohn wird für die Tat verteilt, der größte für die größte Tat. Aber der Lohn wird nicht für Gefühle und Werke gewährt, die der menschlichen Natur angeboren sind, wie zum Beispiel die Liebe gegenüber denen, die uns lieben. Das Leben des Christen ist eine lebendige Kette von gottmenschlichen Taten der Askese, welche die Seele des Christen immer mehr christusförmig werden lassen, gottähnlich.

5, 48 Das Ziel des Christen ist nicht darin beschlossen, daß er so vollkommen wie die Engel und Erzengel wird, wie die Cherubim oder Seraphim, sondern unvergleichlich mehr, unvergleichlich höher. Sein Ziel ist vollkommen zu werden, gleichwie unser Vater im Himmel vollkommen ist (Vers 48). Nach der Frohbotschaft und dem Gebot des allmächtigen und überaus menschenliebenden Herrn und Gottes Jesus Christus Seid vollkommen, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist(Vers 48)4
Niemals hat irgend jemand solche Vollkommenheit von den Menschen gefordert, doch der Herr fordert sie und das zu Recht. Denn Er hat alle Mittel zum Erreichen dieser Vollkommenheit gegeben: der Gottähnlichkeit, Gottebenbildlichkeit = Vergottmenschlichung = Vergottung = Verdreieinigung. Er hat sie gegeben in der Kirche, Seinem Gottmenschlichen Leib. Und der Mensch, der als Teilhaber am Gottmenschlichen Leib Christi in der Kirche lebt, vervollkommnet sich mit Hilfe der heiligen Mysterien und der heiligen Tugenden unendlich in der Christusebenbildlichkeit, der Gottebenbildlichkeit, der Dreieinigkeitsabbildlichkeit. Ohne Zweifel ist der Vervollkommnung des Menschen keine Grenze gesetzt. Seine Grenze ist die gottmenschliche Unendlichkeit, sein Ende – die gottmenschliche Unbegrenztheit. Die unaufhörliche gottmenschliche Vervollkommnung ist die heilige Pflicht jedes Christen; er darf sich niemals sagen: Ich bin vollkommen, habe meine Vervollkommnung erreicht. Das Christentum ist ein unaufhörlicher gottmenschlicher asketischer Kampf, gottmenschliches Leben, das den Menschen immer gottähnlicher macht, immer christusförmiger, immer gottmenschlicher: Es macht ihn zur Wohnstätte der Heiligen Dreieinigkeit, und die Heilige Dreieinigkeit zur Wohnstätte des Menschen. Es ist klar, daß in der Kirche alle und alles vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist geschieht (vgl. Joh. 14, 23; 17, 21)5z

4 Nach dem Sel. Theophylakt “liegt die Vollkommenheit darin beschlossen, alle zu lieben” (ibid. cap. 5, vers. 48; col. 201 B). – Zigaben frohbotschaftet: “Vollkommen sind diejenigen, die ihre Feinde lieben” (ibid. ad loc., col. 228 C).
5 So lehren die Heiligen Väter: der Hl. Athanasius der Große u.a.