Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 1

Von den engen Toren
und dem schmalen Weg
Eng sind die Tore der Bergpredigt Christi. Der durch seine Sünden und Laster fettgewordene und ausgebreitete Mensch kann durch sie nicht eintreten, wenn er sich nicht zunächst einschränkt, indem er seine riesigen und schweren Sünden abwirft. Das kann der Mensch vollbringen, wenn er seine ganze Persönlichkeit in die Askese der Selbstentsagung einbringt: wenn er sich von seiner sündigen Seele lossagt, seinem sündigen Geist, seinem sündigen Willen, sündigen Leben. Durch die Übung in den selbstentsagenden gottmenschlichen Tugenden reinigt der Mensch sowohl seine Seele als auch seinen Geist und Willen von den sündigen Schichten (Überlagerungen) und Unrat, die ihm nicht gestatten, in das enge Tor einzutreten. Eng ist das Tor und schmal der Weg, der in das ewige Leben führt. So wie ein Mensch, der auf einem schmalen Pfad am Rand des Abgrundes geht, vorsichtig sein muß, um nicht von dem schmalen Pfad abzurutschen und in den Abgrund zu stürzen, so muß auch derjenige, der den schmalen Pfad christusförmiger Tugenden beschreitet, seine ganze Persönlichkeit in die auf Christus gerichteten asketischen Werke einbringen, muß seine ganze Seele in unsterbliches Streben nach Christus sammeln, muß sich verengen, muß über jedem ihrer Gedanken und jedem Wunsch und Gefühl und Handlung und ihrem ganzen Wesen wachen, damit ihn nicht irgendeine auftrumpfende Sünde fesselt und verwickelt auf dem schmalen Pfad Christi und in den ewigen Abgrund stürzt. Wenn der Mensch den schmalen Pfad der gottmenschlichen Tugenden beschreitet, besiegt er jegliche Sünde, jeden Tod, jeglichen Teufel und geht mit Hilfe der Ewigen Wahrheit, Ewigen Liebe, Ewigen Freude mit seinem ganzen Wesen in das ewige Leben ein.
“Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden” (Vers 13–14). Nach Zigaben: bezeichnet der Herr als enges Tor und schmalen Pfad die Übung in den Tugenden tªn askhsin tŽn aretŽn = asketische Übung in den Tugenden). Dieser Weg führt in das ewige Leben. Auf diesem Weg trifft man auf: Qualen, Leiden, Ärgernisse1.
Als breiten Weg und das weite Tor bezeichnet der Herr die Liebe zu Laster und Sünde, denn sie führen in den Abgrund, d.h. in ewigen Tod und ewige Qualen. Diesen breiten Weg beschreiten viele, denn auf ihm erlauben sich die Menschen alle sündigen Genüsse, ohne sich zu tugendhaften asketischen Übungen zu zwingen, zu Leiden, Dulden, nur zur Buße. Viele Menschen beschreiten ihn, weil sie nicht nur mit ihrer anderen Seele gesündigt haben, mit ihrem anderen Verstand, dem Gehalt ihrer Persönlichkeit, sondern auch mit der Art und Weise ihres Lebens. Der schmale Weg sagt ihnen wenig zu, weil viele Menschen freiwillig bei ihrem sündeliebenden Willen bleiben und die Augen ihrer Seele nicht vom Verderben der Sünde und Leidenschaft reinigen wollen, um mit gesundgewordenen Augen den engen Pfad der gottmenschlichen Tugenden zu betreten, der zum ewigen Leben und zur ewigen Seligkeit führt.

Von falschen Propheten
7, 15 Wenn jemand den schmalen Weg der gottmenschlichen Tugenden und der Kräfte Christi betritt, so ist er doch nicht frei von Gefahr, keine Minute ist er frei, denn er befindet sich stets in Gefahr seitens listiger Verführer, die ihn vom heilbringenden Weg abbringen können. Die Gefahr ist umso größer, als diese Verführer die Maske der Frömmigkeit tragen, sich jedoch von ihrer Kraft losgesagt haben. Dieser Gefahr muß man große Besonnenheit entgegensetzen, sich mit der Gabe des Heiligen Geistes rüsten zur Unterscheidung der Geister, zur gottmenschlichen Unterscheidung von Gut und Böse (vgl. Hebr. 5, 14). Deshalb auch die Frohbotschaft und das Gebot des Heilands: Sehet euch vor vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe (Vers 15).
7, 16 Falsche Propheten – das sind Tauf-Schein-Christen, Leute, die dem Schein nach Christen sind, dem Herzen nach jedoch weit von Gott entfernt sind. Für sie gibt es die von Christus vorgegebene Überprüfung: “an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen” (Vers 16). Ein und dieselbe Kontrolle für die gewöhnlichen Menschen und für Propheten, für Idole und für Götter: an ihren Werken werdet ihr sie erkennen. Überprüft ihre Lehre an ihren Werken. “Kann man auch Trauben lesen von den Dornen oder Feigen von den Disteln?” Wird etwa das Gute vom bösen Baum genommen oder die Tugend vom Laster?
7, 17 – 18 “Also ein jeglicher guter Baum brigt gute Früchte; aber ein fauler Baum bringt arge Früchte. Ein guter Baum kann nicht arge Früchte bringen, und ein fauler Baum kann nicht gute Früchte bringen.” (Vers 17–18). Diese Worte, sagt der Heilige Chrysostomos, besitzen folgenden Sinn: die Menschen, von denen die Rede ist, haben nichts Sanftmütiges, nichts Gütiges: sie sind nur dem Fell nach Schafe, und daran kann man sie leicht erkennen. Aber damit niemand sagt, daß ein böser Baum, wenn er auch böse Früchte hervorbringt, doch auch gute tragen kann, sagt der Heiland, daß dies nicht möglich ist: er bringt nur böse Früchte hervor, niemals jedoch gute; genauso auch umgekehrt. Was! Kann etwa ein guter Mensch nicht schlecht werden, und umgekehrt? Das menschliche Leben ist voll von solchen Beispielen. Aber unser Herr Christus sagt damit nicht, daß sich ein schlechter Mensch nicht in einen guten verwandeln kann, oder daß ein guter nicht fallen kann, sondern: daß man keine gute Frucht bringen kann, solange man ein schlechtes Leben führt. Ein schlechter Mensch kann sich auf die Seite der Tugend schlagen; doch solange er schlecht bleibt, kann er keine gute Frucht hervorbringen2 – Entsprechend den Gedanken des Seligen Augustinus ist hier unter dem Baum die menschliche Seele zu verstehen, unter der Frucht aber die menschlichen Taten, denn ein schlechter Mensch kann nichts Gutes tun, und ein guter Mensch – nichts Böses. Wenn aber ein schlechter Mensch Gutes tun will, muß er zunächst gut werden.
7, 19 Obwohl der Heiland Seinen Nachfolgern gebietet, falsche Propheten nicht zu bestrafen, sondern ihnen aus dem Weg zu gehen, bestimmt Er für sie dennoch, um zuerst zu trösten, dann aber zu warnen und zur Buße aufzurufen, eine Strafe für sie, indem Er sagt: Ein jeglicher Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen. Dann fügt er hinzu: Darum: an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen (Vers 20). – Es ist offensichtlich: von falschen christlichen Lehrern und Propheten kann man keine christusmäßigen Werke erwarten, obwohl die äußere Seite ihrer Werke vielleicht christlich ist. Und wie ein Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, abgehauen und ins Feuer geworfen wird, so bereiten auch falsche Propheten mit ihren Werken sich selbst für das ewige Feuer und ewige Qual vor.
Nach dem Seligen Theophylakt sind Stacheln und Kletten Heuchler. “Ein böser Baum” ist jeder Mensch, der ein verdorbenes und leichtsinniges Leben führt. Mit einem Baum wird der Mensch verglichen, denn er kann sich von der fruchtlosen Sünde die Tugend aufpfropfen3.
7, 21 Der Heiland frohbotschaftet: Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr! in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel (Vers 21). In das Himmelreich geht man nicht nur dadurch ein, daß man Christus durch Worte bekennt, sondern ebenso durch Werke und das Leben. Es reicht nicht, Christi Demut, Sanftmut und Liebe als Tugenden anzuerkennen, sonden man muß mit Christi Demut demütig sein, mit Christi Sanftmut sanftmütig, mit Christi Liebe lieben; mit einem Wort: sich mit jeglicher Tugend Christi vertugenden. Der Glaube ist ohne gute Werke nicht reif, rettet nicht. Der Glaube ist die Wurzel und der Baum, die Werke die Frucht: die Rechtfertigung des Glaubens liegt in den Werken ebenso wie die lebenspendende Kraft der Werke im Glauben beschlossen ist. Wie in einem so auch im anderen liegt der Wille der Dreieinigen Gottheit beschlossen. – Zigaben bemerkt: Warum sagte Christus nicht: wer Meinen Willen tut, sondern: wer Meines Vaters Willen tut? Damit man den Vater ehrt und um zu zeigen, daß der Wille des Vaters und des Sohnes einer ist. Die Gebote des Sohnes sind der Wille des Vaters4.
7, 22–23 Ein christusförmiges Leben ist der Beweis wahren gottmenschlichen Glaubens. Dasselbe Maß wie in diesem Leben, ebenso beim Letzten Gericht: an seinen Werken wird jeder Mensch erkannt. Der Heiland erklärt Sich als Letzten Richter, um Seine Hörer zu überzeugen, daß das Maß das einzige gottmenschliche Maß ist und daß damit auch beim Schrecklichen Gericht jede menschliche Persönlichkeit gemessen wird, und frohbotschaftet: Es werden viele zu mir sagen an jenem Tage: Herr, Herr, haben wir nicht in deinem Namen geweissagt? Haben wir nicht in deinem Namen böse Geister ausgetrieben? Haben wir nicht in deinem Namen viele Taten getan? Dann werde ich ihnen bekennen: Ich habe euch nie gekannt; weichet von mir, ihr Übeltäter! (Vers 22–23).
Der Heilige Chrysostomos erläutert im Geiste Christi: des Himmelreiches geht nicht nur der verlustig, der den Glauben besitzt, sich um das Leben jedoch nicht kümmert, sondern genauso wird auch derjenige von Seinen Toren verwiesen, der neben dem Glauben sogar viele Wunder vollbrachte, aber nichts Gutes getan hat. Siehst du, wie der Heiland unmerklich auch Seine Person einführt und zum Abschluß Seiner Predigt Sich zum Richter erklärt? Daß die Sünder von der Strafe ereilt werden, hat Er oben eröffnet; doch wer sie strafen wird, das eröffnet Er hier. Wenn Er in der Tat nicht der Richter wäre, wie könnte Er dann den Zuhörern sagen: Und dann werde Ich ihnen bekennen: Ich habe euch niemals gekannt (Vers 23), – d.h. nicht nur beim Gericht, sondern auch damals, als ihr Wunder getan habt?... Diese ganze Gnade war doch nichts anderes als eine Gabe des Gabengebers, doch sie haben von sich aus nichts gegeben, weshalb sie auch gerechterweise gestraft werden. Als Beispiel dafür wollte der Heiland anführen, daß weder der Glaube noch die Werke irgendetwas bedeuten ohne ein tugendhaftes Leben. Und warum soll man sich darüber verwundern, daß Er Gnadengaben denen gab, die an Ihn glaubten, aber kein Leben im Einklang mit dem Glauben nachweisen konnten? Damals, zu Beginn der Predigt des Evangeliums, waren viele Beweise der Kraft Christi vonnöten. So hatte auch Judas, obwohl er doch böse war, die Kraft der Wundertätigkeit 5.
Der ganze Schrecken des Schrecklichen Gerichts ist in vier Worten Christi beschlossen: “Ich habe euch nie gekannt”. Ihr habt euch von Mir dem Allwissenden soweit entfernt, daß Selbst Mein Wissen euch nicht erreicht; ihr habt euch so mit der Sünde gleichgemacht, euch in solchem Maße entgöttlicht, habt die euch bei der Schöpfung verliehene Gottebenbildlichkeit so sehr verzerrt, daß selbst Ich als Gott der Liebe und allumfassenden Liebe euch nicht erkenne. – Nach dem Gedanken des Seligen Augustinus ist “Ich habe euch nie gekannt” gleichbedeutend mit den Worten: ihr habt Mich nie gekannt.

Schluß der Bergpredigt 7, 24 – 27
In der Bergpredigt des Heilands trägt alles gottmenschlichen Charakter und deshalb ist es alles unsterblich, alles zeitlich-ewig, alles himmlisch-irdisch, alles unbegrenzt, alles unendlich. Alles erweitert und verlängert und erhöht den Menschen zum gnadenbegabten Gottmenschen. Mit Seinen abschließenden Worten legt der Heiland diese Wahrheit dar, diese allumfassende Wahrheit über den Menschen: der Mensch ist nicht die Grundlage für sich selbst, noch kann er dies irgendwann sein; der Gottmensch ist die ewige unzerstörbare Grundlage des Menschen, der menschlichen Persönlichkeit. Wenn der Mensch auf dieser Grundlage aufbaut, dann baut er das Haus seiner Persönlichkeit auf dem unsterblichen Stein, der niemals zerfällt. Und der Mensch baut sich auf diesem Fundament auf, wenn er nicht nur die frohbotschaftlichen Gebote der Bergpredigt hört, sondern sie auch erfüllt; wenn er sie zur Seele seiner Seele macht, zum Verstand seines Verstandes, zum Herzen seines Herzens, zum Willen seines Willens. Der Mensch baut sich auf dem Gottmenschen auf mit Hilfe gottmenschlicher Tugenden, indem er diese gottschaffenden Tugenden in die wichtigsten schöpferischen Kräfte seiner Persönlichkeit verwandelt. Der Gottmensch ist nicht nur das Ende, sondern auch der Anfang der menschlichen Persönlichkeit und alles, was zwischen Anfang und Ende liegt. Sowie der Mensch sich für den Herrn Christus entscheidet und sich Ihm im Glauben überantwortet, wird er zum Erbauer im Evangelium, der hier auf der Erde das Haus seiner Persönlichkeit auf der Ewigkeit = auf der Gottmenschlichkeit als Fundament aufbaut; mit einem Wort: auf dem Gottmenschen als Grundlage. Alles Zeitliche wird ewig, wenn es vergottmenschlicht wird, wenn es organisch mit Christus - Gott vereint wird. Der ganze Mensch wird ewig, wenn er seine Persönlichkeit vergottmenschlicht; wenn er sich gnaden- und tugendhaft mit unserem Herrn Christus vereint mit Hilfe der heiligen Mysterien und der heiligen gottmenschlichen Tugenden, und zum lebendigen Glied Seines Gottmenschlichen Leibes – der Kirche – wird. Einen solchen Menschen können alle tosenden Wasser der lasziven Laster nicht ertränken; und vom Fundament der Gottmenschlichkeit können ihn die Wirbelstürme der irdischen und dämonischen Versuchungen nicht verwehen, denn er ist auf dem unerschütterlichen Felsen – dem Gottmenschen Christus – befestigt: dem Eckstein jeder menschlichen Persönlichkeit, jeder Gesellschaft, des Universums, aller Wesen und aller Geschöpfe.
7, 24–25 Diese Wahrheit verkündet der allmenschenliebende Herr, wenn er spricht: Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Felsen baute. Da nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und wehten die Winde und stießen an das Haus, fiel es doch nicht; denn es war auf den Felsen gegründet (Vers 24–25). – “Jeder”: hier kann es keine Ausnahme oder Unwahrheit geben: niemand kann sich ohne den Gottmenschen Christus ewig und gottmenschlich machen. Wer “diese Worte” erfüllt, die Worte der Bergpredigt, der vollbringt ein großes gottmenschliches Werk und wird christusförmig (vgl.Gal. 4, 19; 3, 27; Röm. 8, 29). Der Selige Theophylakt verkündet: der Stein ist Christus, und das Haus – die Seele. Wer also seine Seele auf der Erfüllung der Gebote Christi errichtet, den kann weder Regen, d.h. der Teufel, der vom Himmel fällt, noch Stürme, d.h. böse Geister, noch irgendwelche Versuchungen zusammen erschüttern6. Nach Zigaben: Unter Regen und Stürmen sind die Leidenschaften und verschiedene Versuchungen zu verstehen; unter Regen leidenschaftliche Gedanken, die die Dämonen in die Seele werfen; unter Winden – Dämonen7.
Der Heilige Chrysostomos verkündet dem Evangelium gemäß: Unter Wassern und Winden ist menschliches Unglück und Mißgeschick zu verstehen: üble Nachrede,Verleumdung, Trauer, Tod, Ableben von Verwandten, Beleidigungen und jegliches anderes Übel, das sich in diesem Leben ereignen kann. Aber die Seele eines gerechten Menschen kann durch nichts besiegt werden, denn sie ist auf Stein gebaut. Mit Stein aber bezeichnet Christus die Festigkeit Seiner Lehre. Und in der Tat sind Seine Gebote weitaus fester als Stein. Mit ihrer Hilfe erhebt sich der Gerechte über alle Wellen von Versuchungen, erfüllt eifrig die Gebote des Heilands und überwindet dadurch nicht nur Verfolgungen seitens der Menschen, sondern legt auch alle unreinen Mächte in Asche. Als Zeugen dafür haben wir Hiob, der inmitten aller teuflischen Ränke unerschütterlich bleibt. Als Zeugen dafür haben wir auch die Apostel: angesichts des Angriffs durch alle Stürme und Gewitter des Weltalls, von fremden Völkern und Tyrannen, Menschen aus dem eigenen Volk wie auch Fremden, Dämonen und Teufel, und aller Listen standen sie fester als Stein und haben all das zerstört. Sagt doch, was kann seliger sein als ein solches Leben? Und so etwas kann uns niemand versprechen: weder Reichtum, noch körperliche Kraft, weder Ruhm noch Macht, oder irgendetwas anderes, sondern ausschließlich und allein – das Erreichen der Tugend. Neben dem tugendhaften Leben ist es unmöglich, eine andere Lebensart zu finden, die von allem Bösen frei wäre. Die Apostel wurden von allen Seiten angegriffen; viele Gewitter gingen über sie nieder, und dennoch konnte all das ihren Mut nicht im geringsten zum Wanken bringen oder sie traurig machen; im Gegenteil, indem sie ohne jedwede äußere Hilfe kämpften, besiegten und überwanden sie alles. In ähnlicher Weise kann das jeder von uns erleben, wenn er nur eifrig die Gebote Christi erfüllt. Das wichtigste ist: sich mit diesen göttlichen Belehrungen umgeben, dann kann uns nichts den Mut nehmen. Welchen Schaden kann z.B. derjenige zufügen, der dir deinen Besitz fortnehmen will? Ist dir doch noch vor seiner Drohung angeordnet, den Reichtum zu verachten und niemals von Gott zu fordern. Hat man dich ins Gefängnis geworfen? Ist dir doch noch vor dem Gefängnis geboten zu leben, als seiest du für die Welt gekreuzigt. Wird dir übel nachgeredet? Doch auch hier hat dich der Herr von aller Trauer befreit und dir für die Sanftmut selbst die Belohnung versprochen und dich auf diese Weise weit über die Bitterkeit erhoben, da Er gebot, selbst für die Feinde zu beten. Wirst du verfolgt und von einer Unzahl von Übeln umzingelt? Dadurch wird dir doch ein glänzender Kranz geflochten. Tötet man dich und schlägt dir das Haupt ab? Oh, dadurch fügt man dir doch den größten Nutzen zu, bereitet dir die Belohnung von Märtyrern8.
7, 26–27 Der Mensch ist ein himmlisch-irdisches Wesen. Er braucht immer sowohl Himmel als auch Erde, sowohl Gott auch Mensch. Deshalb ist auch sein Leben, alles was er tut, gottmenschlichen Charakters. An allem, was ihn betrifft, hat Himmel und Erde teil, Gott und Mensch. Der sicherste Zeuge dafür ist der Gottmensch Christus. Er, der Gottmensch, offenbart uns das ganze Geheimnis des Menschen: von seinem Anfang bis zu seinem gottmenschlichen Ende. Wenn der Mensch sich nicht auf dem Gottmenschen Christus aufbaut, so hört er auf, normal zu sein, vernünftig, und wird anormal, verrückt: als sich und in sich schafft er die Hölle und ewige Qualen. Deshalb verkündet der Einzige Menschenliebende: Jeder, der hört… (Vers 26–27).
Der Mensch, der sich nicht mit Hilfe gottmenschlicher Tugenden auf dem Gottmenschen Christus als Fundament aufbaut baut das Haus seiner Persönlichkeit auf Treibsand und baut es niemals zu Ende; wenn er es jedoch vollendet, so wird es unter dem Ansturm der Versuchungen und des Bösen zerstört werden, das darauf seitens böser Menschen und widriger Dämonen einstürmt. In dieser Welt ist für das gottähnliche Wesen, das da Mensch heißt, alles außer dem Gottmenschen Christus Treibsand. Zweifellos baut auf lebendigem Sand der Mensch, der auf sich selbst baut: sei es auf sich, sei es auf dem Menschen überhaupt, oder auf den Dingen dieser Welt, oder auf dem Reichtum; oder auf seinen Gedanken, Gefühlen, Wünschen, oder auf seinen Sünden, Leidenschaften, Lastern, oder auf seinen Geschöpfen: Kultur, Zivilisation, Philosophie, Kunst, Wissenschaft; oder auf irgendetwas Menschlichem; oder auf irgendeinem Menschen, nicht aber auf dem Gottmenschen. Unter dem Druck der Versuchungen zerfällt eine solche Persönlichkeit in Staub, fällt und zerfällt furchtbar; er fällt aus der Gottmenschlichkeit heraus und verfällt in ewiges Weinen und Knirschen, in selbstgewählte Hölle. Aber auf Sand baut das Haus seiner Seele nicht nur der Mensch, der sich auf Nicht-Christus und Antichrist aufbaut, sondern ebenso auch derjenige, der die Worte Christi hört, die Worte Christi kennt, an Christi Worte glaubt, aber sie nicht vollbringt; der Mensch, der dem Namen nach Christ ist, der Kleidung nach, aber nicht dem Herzen und der Seele nach; der an Christus glaubt, aber nicht Christi Werke tut.
In Seiner Bergpredigt eröffnet uns Christus die Mittel und Wege, durch die aus einem Menschen durch den Gottmenschen ein Gottmensch der Gnade nach aufgebaut wird, und aus der Menschheit die gnadenmäßige Gottmenschheit. Durch persönliche Aneignung und persönliches Erleben der gottmenschlichen Tugenden = Gebote Christi als Inhalt der Methode der Persönlickeit, wird aus dem Menschen ein Gottmensch der Gnade nach aufgebaut, aus der Menschheit die Gottmenschheit der Gnade nach. Der Gottmensch ist das Ziel des Menschen, die Gottmenschheit das Ziel der Menschheit. Das ist die christliche Philosophie der Persönlichkeit und Gesellschaftsphilosophie. Ohne gnadenvolle Gottmenschen ist die gnadenvolle Gottmenschheit unmöglich; ohne vollkommene Persönlichkeiten ist die vollkommene Gesellschaft unmöglich. Das zweite ist lediglich Resultat des ersten; das erste ist immer das erste, das zweite immer das zweite. Von der Eigenart der Persönlichkeit hängt die Eigenart der Gesellschaft ab. Um zur vollkommenen Gesellschaft zu gelangen, zur gnadenvollen Gottmenschheit, muß jede Persönlichkeit, die dazu zählt, durch persönliche Askese die gottmenschlichen Gebote Christi = die gottmenschlichen Tugenden Christi erleben. Das ist der Weg, der durch den Gottmenschen Christus in der Bergpredigt für die unsterbliche Lösung aller persönlichen und gesellschaftlichen Probleme aufgezeigt ist. Dieser Christusweg, dieser gottmenschliche Weg ist der einzige Weg auf diesem Planeten Gottes, der zur vollkommenen Lösung sowohl der Probleme der menschlichen Persönlichkeit als auch der Probleme der menschlichen Gesellschaft führt. Forsetzung folgt

DER EINDRUCK DER BERGPREDIGT AUF DIE ZUHÖRER
(7, 28–29) Der Ungewöhnliche Lehrer weckte durch Seine Bergpredigt einfache Menschenherzen auf. Seine schweren und erhabenen Gebote fielen nicht auf das Volk wie schwere Mühlsteine, sie bedrückten und verzauberten das Volk nicht, erschreckten nicht, sondern beschäftigten das Volk, verwunderten es. Das Heiige Evangelium verkündet: Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre (Vers 28). Warum? Denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten (Vers 29). Das Volk staunte über den Inhalt und die Art der Lehre des Heilands: niemals hatte jemand Das gesagt, und niemand hatte jemals So gesprochen wie Er. Die Schriftgelehrten und Pharisäer sagten gewöhnlich: so gebietet das Gesetz und die Propheten. Der Herr Christus aber spricht mit ungekannter Kühnheit; so spricht Der, Der Macht hat, ewige Macht – zu retten und zu vernichten, zu begnadigen und zu verurteilen: “Ich aber sage euch”. Seine Lehre ist voll von Ewigkeit und Gottmenschlichkeit; voll von Himmel und himmlischen unvergänglichen Werten und Schätzen, denn Er spricht als Gottmensch, der nie etwas entleiht, sondern alles, was Ihm gehört, ist voll ewigen göttlichen Gehalts und Kraft. Er hat Macht über die menschlichen Seelen, über ihr Leben und ihren Tod, über Paradies und Hölle; durch die nicht dagewesene Süße und Lebenskraft und Unsterblichkeit und Gottmenschlichkeit Seiner Worte weckt Er Liebe zu Seiner Lehre. “Das Volk wunderte sich über seine Lehre”, denn sie strömt aus Seiner außergewöhnlich wunderbaren und wundertätigen Gottmenschlichen Persönlichkeit hervor, einer Persönlichkeit, derengleichen die Welt nicht gesehen hat.
Der gottweise Chrysostomos kündet: Angesichts der Schwere und Erhabenheit der vom Heiland dargelegten Gebote müßte das Volk bekümmert und ängstlich werden; aber die Macht des Lehrers war so groß, daß Er viele begeisterte und sehr erstaunte, und durch die Süße Seiner Lehre davon überzeugte, sich selbst dann, als Er aufhörte zu sprechen, nicht von Ihm zu entfernen. Darüberhinaus, als Er vom Berg herabstieg, verliefen sich die Hörer nicht, sondern begleiteten Ihn weiter, – so große Liebe erweckte Er gegenüber Seinen Worten. Doch über alles verwunderte sich das Volk über Seine Macht, da Er Seine Worte nicht im Namen von jemand anderem sprach, wie das der Prophet Moses getan hatte, sondern überall zeigt, daß Er Selbst Macht besitzt. Indem Er also die Gesetze vorschrieb, fügte er stets hinzu: “Ich aber sage euch”; und bei der Erwähnung des Letzten Tages erklärt Er Sich zum Richter, der sowohl die Strafen als auch die Belohnungen festsetzen wird9.