Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 2

Der Eindruck der Bergpredigt auf die Zuhörer

(7, 28–29) Der Ungewöhnliche Lehrer weckte durch Seine Bergpredigt einfache Menschenherzen auf. Seine schweren und erhabenen Gebote fielen nicht auf das Volk wie schwere Mühlsteine, sie bedrückten und verzauberten das Volk nicht, erschreckten nicht, sondern beschäftigten das Volk, verwunderten es. Das Heiige Evangelium verkündet: Und es begab sich, da Jesus diese Rede vollendet hatte, entsetzte sich das Volk über seine Lehre(Vers 28). Warum? Denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie ihre Schriftgelehrten (Vers 29). Das Volk staunte über den Inhalt und die Art der Lehre des Heilands: niemals hatte jemand Das gesagt, und niemand hatte jemals So gesprochen wie Er. Die Schriftgelehrten und Pharisäer sagten gewöhnlich: so gebietet das Gesetz und die Propheten. Der Herr Christus aber spricht mit ungekannter Kühnheit; so spricht Der, Der Macht hat, ewige Macht – zu retten und zu vernichten, zu begnadigen und zu verurteilen: “Ich aber sage euch”. Seine Lehre ist voll von Ewigkeit und Gottmenschlichkeit; voll von Himmel und himmlischen unvergänglichen Werten und Schätzen, denn Er spricht als Gottmensch, der nie etwas entleiht, sondern alles, was Ihm gehört, ist voll ewigen göttlichen Gehalts und Kraft. Er hat Macht über die menschlichen Seelen, über ihr Leben und ihren Tod, über Paradies und Hölle; durch die nicht dagewesene Süße und Lebenskraft und Unsterblichkeit und Gottmenschlichkeit Seiner Worte weckt Er Liebe zu Seiner Lehre. “Das Volk wunderte sich über seine Lehre”, denn sie strömt aus Seiner außergewöhnlich wunderbaren und wundertätigen Gottmenschlichen Persönlichkeit hervor, einer Persönlichkeit, derengleichen die Welt nicht gesehen hat.
Der gottweise Chrysostomos kündet: Angesichts der Schwere und Erhabenheit der vom Heiland dargelegten Gebote müßte das Volk bekümmert und ängstlich werden; aber die Macht des Lehrers war so groß, daß Er viele begeisterte und sehr erstaunte, und durch die Süße Seiner Lehre davon überzeugte, sich selbst dann, als Er aufhörte zu sprechen, nicht von Ihm zu entfernen. Darüberhinaus, als Er vom Berg herabstieg, verliefen sich die Hörer nicht, sondern begleiteten Ihn weiter, – so große Liebe erweckte Er gegenüber Seinen Worten. Doch über alles verwunderte sich das Volk über Seine Macht, da Er Seine Worte nicht im Namen von jemand anderem sprach, wie das der Prophet Moses getan hatte, sondern überall zeigt, daß Er Selbst Macht besitzt. Indem Er also die Gesetze vorschrieb, fügte er stets hinzu: “Ich aber sage euch”; und bei der Erwähnung des Letzten Tages erklärt Er Sich zum Richter, der sowohl die Strafen als auch die Belohnungen festsetzen wird1.

KAPITEL 8
Die Heilung des Aussätzingen

(8, 1–4) Die wunderbaren Heilungen verschiedener körperlicher und geistlicher Krankheiten sind nicht nur Einführung, sondern auch Nachwort zur Bergpredigt. Sie sind eine Art Körper, in den die geistliche Kraft und Macht Christi gekleidet ist. Seine gottmenschliche Lehre bekräftigt der Heiland durch gottmenschliche Werke. Wie Er lehrt, so handelt Er auch wie einer, der Macht besitzt; und alles, was Ihm gehört, ist um so vieles größer und höher als der Mensch wie der Gottmensch größer und erhabener ist als der Mensch. Das fühlt das einfache Volk mit seinem aufrichtigen und gutmütigen Herzen, und deshalb begleitet es Ihn begeistert und ehrlich. “Als er aber vom Berge herabging, folgte ihm eine große Menge. Und siehe, ein Aussätziger kam heran und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen” (Vers 1–2).
Aussatz ist die schrecklichste und widerwärtigste Krankheit im Nahen Osten. Sie entwickelt sich allmählich: zuerst entstehen Flecken, gewöhnlich im Gesicht, um die Nase und Augen; danach breiten sie sich über die übrigen Teile des Körpers aus, bis die Narben schließlich den ganzen Körper bedecken; das Gesicht schwillt an, die Haut reißt, wird gefühllos, die Haare fallen aus, die Nase trocknet, der Gaumen fault, eine überlriechende Flüssigkeit tritt hervor, der Körper welkt, wird häßlich; manchmal fallen die Nägel ab, die Finger, Teile der Hände und Füße, der Gaumen zerfällt, bis der unglückliche Aussätzige schließlich in schrecklichen Qualen stirbt.
Der Aussatz ist eine ansteckende Krankheit. Der Prophet Moses gibt genaue und detaillierte Anweisungen zu dieser Krankheit (3. Mos. 13). Aussätzige wurden ausgesondert, nicht zur Gemeinschaft mit anderen zugelassen, damit sie sie nicht ansteckten; Priester waren verpflichtet, in allen Fällen die notwendigen Anweisungen zu geben.
Ein Aussätziger, verzweifelt und hilflos, tritt zu Jesus, tritt herbei mit grenzenlosem Glauben an die Macht und Allmacht Jesu. Er sagt nicht zum Herrn Jesus: Wenn du Gott bittest, oder wenn du zu Gott betest, sondern: wenn du willst, kannst du mich reinigen. Auch sagte er nicht: Herr, reinige mich!, sondern er überläßt alles Ihm, die Heilung überläßt er Seinem Willen; und er legt Zeugnis von Seiner höchsten Macht ab. Doch wenn die Denkweise des Aussätzigen fehlerhaft war? In diesem Fall mußte ihn Christus abweisen, zurechtweisen, berichtigen. Doch Er tat dies nicht. Im Gegenteil, Er bekräftigte und bestätigte alle Worte des Aussätzigen. Deshalb sagte Er auch nicht: Werde rein!, sondern: Ich will’s tun; sei rein! Auf diese Weise wird das Verständnis von der Macht Christi nicht zum Gedanken des Aussätzigen, sondern zum Gedanken Christi Selbst2.

Auf den von Herzen kommenden, grenzenlosen Glauben des Aussätzigen antwortet der mitleidige Heiland durch Seine gottmenschliche alles übersteigende Liebe: Und Jesus streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun; sei rein! Und sogleich wurde er von seinem Aussatz rein (Vers 3). Nach dem Gesetz Moses hält sich derjenige, der einen Aussätzigen berührt, selbst für aussätzig (3. Mos. 13, 3). Indem Christus den Aussätzigen berührte, zeigte Er, daß Er dem Gesetz nicht unterliegt und daß den Reinen keinerlei Unreinheit unrein machen kann3. Um zu zeigen, daß Er nicht als Diener heilt, sondern als Herr, Der über alle Krankheiten gebietet, berührt der Herr den Aussätzigen. Und Seine Hand, die den Aussatz berührte, wurde nicht aussätzig, sondern im Gegenteil, es wurde von der Berührung der heiligen Hand der Körper des Aussätzigen rein4.
Durch Sein” Ich will’s tun” zeigt der Herr Seine Göttliche Allmacht und Seine Göttliche Macht in Seiner Gottmenschlichen Person. Und unter der gottmenschlichen Wirkung des “ Ich will’s tun” des Heilands wurde der Aussätzige vom Aussatz gereinigt: Alle Wunden wurden geheilt, alle verfaulten Glieder des Körpers wurden erneuert, und vor den verwunderten Augen des Volkes erschien ein erneuerter, gesunder Mensch.
Und Christus sprach zu dem Geheilten: Sieh zu, sage es niemandem, sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis (Vers 4). – Der Herr gebietet dem Geheilten, niemandem etwas zu sagen, um ihn auf diese Weise vor Prahlerei und Ruhmsucht zu bewahren. Doch warum sagt Er dem Geheilten, er solle sich dem Priester zeigen und die Gabe opfern? Dafür, daß das Gesetz erfüllt werde. Wie der Heiland nicht überall das Gesetz verletzte, so beachtete Er es auch nicht überall. Er beachtete es nicht, um den Weg der künftigen höheren Weisheit nicht zu durchkreuzen; und Er beachtete es, um eine Zeitlang die schamlose Sprache der Juden zu zähmen und ihren Schwächen entgegenzukommen5.
“Zeige dich dem Priester “: denn der Priester hatte das Recht, die Reinigung eines Aussätzigen zu überprüfen, und ihn zur Gemeinschaft mit den Reinen zuzulasssen (Lev. 13, 14). “Und opfere die Gabe, die Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis “. Moses, nicht Ich. – Auch hier verweist der Heiland auf Moses, um den Juden den Mund zu stopfen, damit sie nicht anfangen zu reden, daß Er Sich die Macht des Hohenpriesters zueignet. Auf diese Weise enthalten die Worte des Heilands einen solchen Gedanken in sich: Ich will nicht nur dem Moses nicht zuwiderhandeln oder den Priestern, sondern auch diejenigen, denen Ich Gutes getan habe, zwinge Ich dazu, daß sie sich ihnen unterwerfen6. – “Zum Zeugnis”: zum Zeugnis, daß Ich kein Gesetzesübertreter bin, kein Gegner Moses. Wenn man Mich als Gesetzesübertreter beschuldigen wird, dann wirst du Zeugnis dagegen ablegen, denn Ich trage dir auf, das darzubringen, was das Gesetz vorschreibt7

Die Heilung des Knechtes
des Hauptmanns
(8, 5–13)

8,5–6 Durch die Heilung des Knechtes des Hauptmanns beweist der Herr Christus in der Tat Seine in der Bergpredigt vorgetragene Lehre von der gottmenschlichen Liebe gegenüber allen Menschen. Der Hauptmann ist ein Heide, wenn auch der jüdischen Religion geneigt; doch sein Glaube an die wundertätige Kraft der Person Christi ist unermeßlich. Er tritt zu Jesus heran und fragt dabei und spricht: Herr, mein Knecht liegt zu Hause und ist gelähmt und leidet große Qualen (Vers 5–6); er stirbt (Lk. 7, 2).
Der Hauptmann brachte seinen Knecht nicht auf dem Bett, da er glaubte, daß Christius auch von Weitem heilen kann. Nach der Ansicht des Heiligen Chrysostomos zeugt die Tatsache, daß der Hauptmann seinen Knecht nicht auf der Bahre brachte, von seinem großen Glauben, der weitaus größer war, als bei den Menschen, die den Gelähmten durch das Dach herabließen. Der Hauptmann glaubte und wußte klar, daß ein Wort Jesu reichen würde, um den Gelähmten aufstehen und gesund werden zu lassen. Deshalb hielt er es für überflüssig, ihn herzubringen. Und was tut Christus? Das, was Er früher nirgends tat. In allen anderen Fällen trug Er dem Wunsch des Bittstellers Rechnung, aber hier nimmt Er nicht nur den Wunsche des Hauptmanns an, sondern verspricht nicht nur den Knecht zu heilen, sondern auch in sein Haus zu kommen: Jesus sprach zu ihm: Ich will kommen und ihn gesund machen (Vers 7). Aber diese menschenliebende Bereitschaft des Heilands eröffnet dem riesigen Glauben des Hauptmanns die Möglichkeit, sich in eine unerhörte Beichte zu ergießen, und er spricht zerknirscht: Herr, ich bin nicht wert, daß du unter mein Dach gehst, sondern sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund. Denn auch ich bin ein Mensch, der Obrigkeit untertan, und habe Soldaten unter mir; und wenn ich zu einem sage: Geh hin!, so geht er; und zu einem andern: Komm her!, so kommt er; und zu meinem Knecht: Tu das!, so tut er’s (Vers 8–9)8.
Vor der wuderbaren und wunderwirkenden Persönlichkeit des Herrn Christus demütigt sich die Seele des Hauptmannes wie ein Wurm: Er fühlt die ganze Erbärmlichkeit seines Geistes, die ganze Ärmlichkeit seiner Seele, die ganze Unwürdigkeit seines Herzens, den Herrn Jesus Christus in sein Haus aufzunehmen. Sprich nur ein Wort, Dein Wort ist mächtiger als alle Heilmittel und alle Menschen; Dein Wort ist wundertätig,so wird mein Knecht gesund werden. Wie meinen Worten alle meine Soldaten gehorchen, alle meine Untergebenen, so gehorchen Deinem Wort alle unsere Krankheiten, alle unsere Schwächen, alle unsere Tode. Sage, sprich nur ein Wort, Herr, so wird mein Knecht gesund.

8,10 Dies ist die unerhörte Beichte eines unerhörten Glaubens selbst im auserwählten Volk. Er erstaunt nicht nur die Menschen, sondern sogar den Gottmenschen Christus Selbst. Der Evangelist bezeugt: Als das Jesus hörte, wunderte Er sich und sprach zu denen, die Ihm nachfolgten: Wahrlich, Ich sage euch: Solchen Glauben habe Ich in Israel bei keinem gefunden! (Vers 10). – “In Israel” = beim ganzen jüdischen Volk nicht, dessen Propheten von Mir, dem Messias, prophezeiten, dessen Gesetz von Mir, dem Messias, schreibt.

8,11–12 Ein solches Bekenntnis des Glaubens an den Gottmenschen macht die Seele unsterblich, erhebt sie ins Himmelreich, beflügelt sie durch die Ewigkeit und befreit sie für das ewige Leben in ewiger Seligkeit. Ein solcher Glaube veranlaßt den Heiland, den universalen, allmenschlichen Charakter Seines Messianischen Reiches offenzulegen und damit die eng-nationalen Neigungen der Juden, die das Reich des Messias ausschließlich zu einem Reich der Juden und der zum jüdischen Glauben übergetretenen Heiden machen wollten, unfruchtbar zu machen. Deshalb verkündet der Heiland: Aber ich sage euch: Viele werden kommen von Osten und von Westen und mit Abraham und Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; aber die Kinder des Reichs werden hinausgestoßen in die Finsternis (Vers 11–12).