Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 3

Mit dieser Frohbotschaft verkündet der Heiland: Der Glauben an den Gottmenschen Christus führt alle, die an Ihn glauben, ins Himmelreich ein, seien sie aus der Schar der Juden oder der Heiden. Durch den Glauben den Gottmenschen Christus aufzunehmen, bedeutet: zum ewigen Mitglied des ewigen Himmelreiches werden. Ihn abzulehnen bedeutet: sich der ewigen Seligkeit im ewigen Leben zu entäußern und sich so zu ewigem Heulen und Zähneknirschen zu verurteilen.
Das Wunder der Heilung des Hauptmanns umgibt der Heiland mit der Lehre vom Himmelreich und von der Finsternis und zeigt damit, daß das Ziel des Wunders darin beschlossen ist, die Menschen dem Himmelreich zuzuführen, die Seelen zu heilen, indem der Leib des Gelähmten geheilt wird. 8, 13 Und Jesus sprach zu dem Hauptmann: gehe hin, dir geschehe, wie du geglaubt hast. Und sein Knecht wurde gesund zu derselben Stunde (Vers 13).
So wurde der Hauptmann durch seinen Glauben an den Gottmenschen und Herrn Christus auch selbst zum Heiler und Wundertäter. Seine Seele, durch den Glauben mit dem Herrn Christus vereint, wurde selbst allmächtig und wundertätig. Der Knecht wurde durch den Glauben seines Herrn an die wundertätige Allmacht des menschenliebenden Gottmenschen und Herrn Christus geheilt. Der Hl. Johannes Chrysostomos verkündet: Wahrlich, es bedeutete gar viel, daß ein Mensch, nicht aus der Zahl der Juden, so hoch von Christus dachte. Mir scheint, daß er eine Vorstellung von den himmlischen Heerscharen besaß, oder davon, daß Krankheiten, Tod und alles übrige ebenso Christus unterworfen ist, wie ihm selbst die Soldaten. Deshalb sagt er auch: ich bin ein Mensch, der der Obrigkeit untertan ist, – d.h. Du bist Gott, ich ein Mensch; ich stehe unter der Obrigkeit, Du aber stehst nicht unter der Obrigkeit. Wenn ich also, als Mensch untertan bin, und soviel kann, so kannst Du, als Gott und keiner Obrigkeit untertan, viel mehr erreichen. Dabei ist zu beachten, daß Christus, wie der Hauptmann deutlich zeigte, über den Tod Gewalt hat wie über einen Knecht und ihm wie ein Herrscher gebietet. Wenn er sagt: gehe, und er geht, komm, und er kommt, so bedeutet er mit diesen Worten einen solchen Gedanken: wenn Du dem Tod gebietest, nicht zu ihm zu kommen, so kommt er nicht. Siehst du, was für einen Glauben er besaß? Er offenbarte schon deutlich das, was in der Folge allen deutlich werden sollte, nämlich, daß Christus Macht über Tod und Leben besitzt, in die Höllentore herabführen oder heraufführen kann. Und der Hauptmann erwähnte nicht nur seine Soldaten, sondern auch Knechte, was als Zeichen großen Gehorsams dient. Doch ungeachtet dessen, daß er einen so großen Glauben besaß, erachtete er sich noch für unwürdig. Christus aber zeigte, daß er würdig war, daß Er in sein Haus kam, tat sehr viel mehr, als Er sich über ihn wunderte, ihn lobte und ihm mehr schenkte, als er erbat. Er kam, um körperliche Gesundheit für seinen Knecht zu suchen, kehrte aber zurück, nachdem er das Reich empfangen hatte. Siehst du die Erfüllung des Gesprochenen: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und Seiner Gerechtigkeit; so wird euch dies alles zufallen (Mt. 6, 33). Sobald der Hauptmann großen Glauben und Demut zeigte, schenkte ihm Christus den Himmel und, darüber hinaus, gab Er dem Knecht die Gesundheit wieder. Und nicht nur damit zeichnete Er ihn aus, sondern auch durch das Zeugnis darüber, daß er ins Reich geführt wird, und welche Menschen aus ihm verjagt werden. Hieraus macht Christus schon für alle bekannt, daß die Rettung vom Glauben und nicht vom Gesetz kommt. Deshalb wird diese Gabe nicht nur den Juden geboten, sondern auch den Heiden, und den letzteren mehr als den ersteren. Denkt nicht, spricht der Heiland, daß dies so nur mit dem Hauptmann geschah; dasselbe wird auch mit dem ganzen Universum geschehen1.

DIE HEILUNG DER SCHWIEGERMUTTER DES PETRUS (8, 14-15; Mk. 1, 29-31)
8, 14-15 Petrus war von Geburt aus Bethsaida in Galiläa (Joh. 1, 44), übersiedelte jedoch wahrscheinlich nach Kapernaum mit seinem Bruder Andreas. Unser Herr Christus kam in sein Haus, wahrscheinlich mit dem Ziel, Sich durch Speise zu kräftigen2, denn sobald Er dessen Schwiegermutter geheilt hatte, diente sie ihnen bei Tische (Vers 15). Der Evangelist Matthäus stellt dieses Ereignis nicht in chronologischer Folge dar, wie dies der Apostel Markus tut (1, 21-23). Nach Markus wurde das Wunder im Hause des Petrus sofort vollbracht, nachdem Christus aus der Synagoge herausging, wo Er das Volk belehrte (Mk. 1, 21.23), und den Besessenen heilte (Mk. 1, 23-28). In seiner Beschreibung dieser wundertätigen Heilung der Schwiegermutter des Petrus wollte der Apostel Markus auch die Zeit dieses Ereignisses bezeichnen, während Matthäus lediglich von dem Wunder berichtet, ohne auf die Zeit zu verweisen3. Hinsichtlich der Tatsache, daß Petrus eine Schwiegermutter hatte, d.h. daß er in der Ehe lebte, sagt der Selige Theophylakt: “Lerne daraus, daß auch die Ehe keineswegs der Tugend schadet, denn auch der erste unter den Aposteln hatte eine Schwiegermutter” vgl. 1. Kor. 9, 54. Die Schwiegermutter des Petrus war an einer fiebrigen Entzündung erkrankt; der Herr Christus heilt sie, indem Er ihre Hand berührt. Seine Macht über die Krankheiten ist unermeßlich: Er heilt sie nicht nur zeitweise, sondern läßt sie sofort am Tische ihnen dienen. Es ist bekannt, daß man nach der Genesung von einer Fieberkrankheit viel Zeit braucht um gesund zu werden; doch auch in diesem Falle vollbringt die wundertätige Kraft Christi all dies in einem Moment5.

DIE HEILUNG VIELER KRANKER
8, 16-17 Der Ruhm des Wundertäters Jesus breitete sich überall aus. Zu Ihm eilt man von allen Seiten; man vergißt Müdigkeit, Bequemlichkeit; selbst abends kommen zu Ihm schwache und kranke Erdenbewohner. Der Evangelist verkündet: Als aber der Abend anbrach, brachten sie viele Besessene zu Ihm, und Er trieb die Geister aus durch Sein Wort und heilte alle Kranken (Vers 16). Rührend ist Jesu Mitgefühl: Er heilt unwidersprechlich alle, die zu Ihm gebracht werden. Bei den Besessenen ist der Grund ihrer Krankheit – der Teufel; wenn sie aber mit dem Herrn Jesus Christus in Berührung kommen, fliehen aus ihnen die Dämonen. Er tritt ein, sie aber verschwinden; sie sind der Grund der Krankheit, Er – der Grund der Gesundheit. Der Evangelist unterstreicht: Er heilte alle Kranken, alle ohne Unterschied; es gab keine Kranken, die nicht durch die Berührung Seiner Hand oder Seines Wortes geheilt werden konnten. Der Evangelist spricht nicht von jedem Wunder einzeln; mit einem Wort “überquert” Er das unaussprechliche Meer der Wunder6. Aber damit diese ungewöhnlichen Wunder keine ungewöhnliche Verwunderung auslösen, erinnert uns der Evangelist an die Prophezeiung des Propheten Jesajas: Damit erfüllt werde, was da gesprochen ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht: Er hat unsere Schwachheit auf Sich genommen, und unsere Krankheiten hat Er getragen (Vers 17; Jes. 53, 4). Das sagte Jesajas in seiner prophetischen Voraussage der heilbringenden Leiden des Messias. Durch Seinen Tod nahm der Messias die Sünden aller Menschen auf Sich, und damit nahm Er alle Folgen der Sünden auf Sich: die menschlichen Schwachheiten und Krankheiten. Die Sünde ist der mittelbare oder unmittelbare Grund von Krankheiten und Tod. Der Messias hat unsere Schwachheiten auf Sich genommen,hat unsere geistlichen Krankheiten auf Sich genommen, nimmt auch die körperlichen auf Sich, damit wir ohne Murren die Last des Lebens tragen können. Der Messias hat unsere Krankheiten getragen, damit wir nicht in Verzweiflung vergehen unter ihrer schweren Last, in hoffnungsloser Schwäche und feiger Hoffnungslosigkeit.

DIE BEDINGUNGEN FÜR DIE NACHFOLGE CHRISTI
8, 18 Als aber Jesus die Menge des Volkes um Sich sah, das von Seiner Gottmenschlichen Lehre und Gottmenschlichen Wundern angezogen wurde, gebot Er Seinen Jüngern, hinüber ans andere Ufer des Sees zu fahren (Vers 18). Er tut dies einerseits um uns Bescheidenheit zu lehren, andererseits aber, um den jüdischen Neid zu besänftigen und uns zu überzeugen, daß wir nichts um der Ruhmsucht willen tun sollen7.
8, 19 Wahrscheinlich von den Wundern Jesu und dem Ruhm, den Er unter dem Volk genoß, erstaunt, trat ein Schriftgelehrter zu Ihm und sprach: Meister, ich will Dir folgen, wohin Du auch immer gehst ( Vers 19); ich will Dir folgen, d.h. ich will Dein Schüler werden im genauesten Sinne, um immer mit Dir zu sein, um zu gehen wohin Du auch immer gehst. Doch der Herr Jesus Christus sieht bis auf den Grund der Seele dieses Schriftgelehrten und verfährt mit ihm göttlich weise und gütig. Er weist ihn nicht scharf und grob von Sich ab; sagt ihm nicht: du kannst Mir nicht folgen; sondern verweist ihn auf die schwierige Seite Seines Lebens: die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; der Menschensohn aber hat keinen Platz, wo er Sein Haupt hinlegen kann (Vers 20). Rührend sind diese Worte und traurig: der Schöpfer ist von Seinen Geschöpfen abgewiesen; für Ihn gibt es keine Zuflucht in der Seele und im Haus Seiner Geschöpfe, die Menschen sind zu eigenwilligen und stolzen Eroberern der Schöpfung Gottes geworden, haben sich alles angeeignet, der menschgewordene Gott aber kann nirgends Sein Haupt hinlegen; die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester, der Menschensohn aber, der Gottmensch aber kann Sich nirgends zurückziehen, Er findet keine menschliche Seele, unter deren Dach Er Sein Haupt hinlegen könnte. Christus bezeichnet Sich als Menschensohn, und damit, sagt der gottweise Zigaben, weist Er auf die Wirklichkeit Seiner Fleischwerdung hin8.
8, 21-22 Ein anderer unter den Jüngern sprach zu Ihm: Herr, erlaube, daß ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Doch Jesus spricht zu ihm: folge Mir und laß die Toten ihre Toten begraben (Vers 21-22). Hierdurch wird eine schwierige Frage beantwortet: Soll man irgend etwas der Nachfolge Christi vorziehen? Die Antwort des Heilands: nichts, nichts, nichts, denn die Nachfolge Christi garantiert dem Menschen: Rettung, Vergottung, Verchristung, und damit ewiges Leben in ewiger Seligkeit. Bei den Juden nahmen die Kinder nach geheiligtem Brauch an der Beerdigung der Eltern teil. Doch der Heiland gestattet diese Teilnahme Seinem Jünger nicht, der Sein enger untrennbarer Schüler sein will. Laß die Toten ihre Toten begraben. Im ersten Fall bedeutet das Wort Tote geistlich Tote, die für die Lehre Christi tot sind, für Seine Worte und Gebote, im zweiten aber bezeichnet es körperlich Verstorbene. Unter Toten im ersten Fall versteht Zigaben Tote für den Glauben an Christus9
Nun kann jedoch jemand sagen: Warum erlaubte Christus dem Jünger nicht, seinen Vater zu begraben? Weil es auch ohne ihn Menschen gab, die sich dieser Sache angenommen hätten, und der Verstorbene nicht ohne Beerdigung geblieben wäre. Der Jünger jedoch sollte sich nicht von dem Wichtigeren entfernen, dem Notwendigen: der Nachfolge Christi. Die weltliche Sorge konnte den Jünger von Christus entfernen, von der Rettung, der Unsterblichkeit, von dem Einen Notwendigen (Lk. 10, 42). Deshalb erlaubt es der menschenliebende Heiland auch nicht Ihm etwas vorzuziehen: weder Eltern, noch Verwandte, noch Besitz oder irgend etwas anderes Irdisches, Alltägliches, Weltliches.
Der Hl. Chrysostomos meint, von Christus weise gemacht: Der Herr Jesus untersagte Seinem Jünger die Teilnahme an der Beerdigung seines Vaters nicht deshalb, weil Er gegen die Achtung der Eltern war, sondern um zu zeigen, daß für uns nichts notwendiger sein kann, als das Himmlische, die himmlischen Güter. Man muß sich über die göttliche Weisheit der Lehre des Heilands wundern, denn dadurch zog Er den Jünger stark an Sich und befreite ihn von vielen unnötigen Dingen, wie etwa: Schluchzen, Weinen und all dessen, was damit zusammenhängt. Tatsächlich, nach der Beerdigung mußte man das Testament durchsehen, sich mit der Teilung des Erbes beschäftigen und andere ähnliche Sorgen erledigen. Deshalb zieht der Herr Christus den Jünger an Sich und bekräftigt ihn in Seiner Nachfolge. Es ist äußerst schlecht, sich von geistlichen Belehrungen zu entfernen. Daher spricht der Heiland auch an einer Stelle: Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt zum Reich Gottes(Lk. 9, 62). Wahrhaftig ist es viel besser, das Reich Gottes zu predigen und andere vom Tod zu erlösen, als einen Toten zu begraben, besonders wenn Menchen da sind, die diese Sache betreiben können. Zweifellos muß man allem, selbst dem Allernotwendigsten, das Geistliche vorziehen und wissen, worin das Leben besteht und worin der Tod 10.

1 sermo 26, 4
2 Hl. Chrysostomos; Sel. Theophylakt, ibid., ad loc.

3 Hl. Chrysostomos, sermo 27, 1
4 Theophylakt, ibid.
5 vgl. Hl. Chrysostomos, ibid.
6 Hl. Chrysostomos, ibid.

7 vgl. Hl. Chrysostomos, sermo 27, 2
8 ibid., cap. 8, v. 20; col. 294 A

9ibid., ad loc.
10 sermo 27, 3-4; col. 348