Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 4

STILLUNG DES STURMES AUF DEM SEE
8, 23-27
Alle Wunder, die Christus bisher vollbracht hat, zeigen Seine allmächtige Kraft über menschliche Krankheiten; aber mit dem Wunder der Stillung des Sturmes auf dem Meer zeigt Er Seine Macht über die Elemente der Natur, Seine Macht über die Materie, Macht über das Universum. Dieses Wunder vollbringt Er unter Seinen Jüngern und um der Jünger willen, um ihnen, den Fischern und Kennern des Meeres, zu zeigen, daß das Meer auf Ihn hört und Ihn versteht, daß Er auch über das eigenwillige Meer allmächtige Kraft besitzt.

8, 23-24 Er befindet sich im Boot mit den Jüngern. Und siehe, da erhob sich ein gewaltiger Sturm auf dem See, so daß auch das Boot von Wellen zugedeckt wurde. Er aber schlief (Vers 24). Und sie waren in Gefahr (Lk. 8, 23). Und die Fischer, Kenner des Meeres, waren verzweifelt vor Todesangst; der Sturm auf dem See entfachte einen großen Sturm in ihren Seelen. Und während der Wirbelwind der Angst sich stürmisch in ihre Seelen eingrub, und jedes Atom ihres Wesens weckte – schlief Er (Vers 24). Von Sinnen vor Angst, fühlen sie ihre äußerste Ohnmacht vor dem wildgewordenen Meer, und sie nähern sich Jesus und weckten Ihn auf und sprachen: Herr, rette uns, wir kommen um! (Vers 25); kümmert es Dich denn nicht, daß wir umkommen (Mk. 4, 38). Meister, Meister, wir kommen um (Lk. 8, 24). Im furchtbaren Sturm haben sich all unsere Kräfte in Ohnmacht verwandelt; wir sind nicht imstande, uns selbst zu helfen; rette uns, rette und, Deine Jünger, Du, Der Du Dich um die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes kümmerst. Da sagt er zu ihnen: Ihr Kleingläubigen, warum seid ihr so furchtsam? (Vers 25). Der Heiland wendet Seinen göttlichen Blick zunächst auf den geistlichen Sturm, der durch Kleinglauben an Ihn als den Messias und Retter von allen Gefahren hervorgerufen ist. Unglauben ist der Grund aller furchtbaren und todbringenden geistlichen Stürme; Kleinglauben – der Grund vieler großer innerer Stürme. “Christus bezeichnet Seine Jünger nicht als Ungläubige, sondern als Kleingläubige, denn als sie sagten: Herr, rette uns – zeigten sie darin Glauben, aber das Wort: wir kommen um war nicht von Glauben diktiert”1.
8, 26 Und Er stand auf und bedrohte den Wind und das Meer. Da wurde es ganz stille (Vers 26). Der Evangelist Markus sagt: Er verbot dem Wind und sagte dem Meer: sei stille, halte ein (Mk. 4, 39). Der Herr Christus wendet Sich an den Wind und das Meer wie an lebendige Wesen, und sie unterwerfen sich Ihm gehorsam, wie vernünftige Wesen. Wind und Meer hören die Worte des Herrn und verstehen sie; die Menschen aber horchen mit den Ohren und hören nicht, schauen mit den Augen und sehen nicht, haben ein Herz und verstehen nicht. Zwischen Christus als Schöpfer und der von Ihm geschaffenen Schöpfung besteht eine innere enge Bekanntschaft, Verständnis, Verwandtschaft. Er sagte dem Meer. Hat das Meer etwa Ohren? Wer spricht noch mit dem Meer – in Worten? Der Herr Christus kennt die Sprache des Meeres, die Seele des Meeres: es wurde ganz stille –von Ihm, der einzigen Stille, von Ihm, dem Schöpfer des Meeres. Der Sturm auf dem See wühlte die Seelen der Jünger auf; die Stille Christi beruhigt den Sturm auf dem See. Die Jünger kennen das Geheimnis des Sees nicht, wissen aus Kleinglauben nicht, daß der Herr Jesus Christus Macht hat auch über dieses Geheimnis, daß auch das Geheimnis des Meeres in Ihm ist. Sie sind von dem Sturm stark verschreckt, weil sie nicht wissen, daß seine unermeßliche Seele während Seines körperlichen Schlafes wacht und aufmerksam das Universum bewahrt und alle unendlichen Sonnensysteme und Welten, wie auch jeden Vogel, Grashalm, Käfer; sie wacht über jeden Cherubim und Engel; wacht über dem Meer und dem Wind, und über jedes menschliche Wesen.

8, 27 Die Menschen aber, wahrscheinlich die, die sich in den anderen Booten befanden, verwunderten sich und sprachen: Wer ist das, daß ihm Wind und Meer gehorsam sind? (Vers 27). Und wieder eine Frage und wieder Zweifel. Selbst dieses riesige Wunder kann für die Menschen nicht zum durchdringenden Auge werden, mit dem sie das Geheimnis der Persönlichkeit Christi erkennen. In ihrer Hartherzigkeit gestatten sie sich noch nicht, sich davon zu überzeugen, daß Jesus der Messias ist, der Retter, Gottmensch. Auch weiterhin halten sie Ihn für einen Menschen. Warum? fragt der Heilige Chrysostomos. Und antwortet: Weil Er menschliche Gestalt hatte, schlief und auf dem Boot war. Eben deshalb sprachen sie in Verwunderung: Wer ist das? Während Schlaf und äußerer Anblick Ihn als Menschen erscheinen ließen, erwies Ihn das Meer und die Stille als Gott2.