Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 6

12, 30 Es gibt zwei Reiche: Gottes und des Teufels; zwei Welten, zwei Leben, zwei Sinne, zwei Ewigkeiten – die Christi und die Satans. Der Mensch ist entweder mit Christus oder mit Satan, etwas drittes gibt es nicht. Der Herr verkündet: Wer nicht mit Mir ist, der ist wider Mich (Vers 30). Denn nicht mit Mir sein heißt, außerhalb Meiner sein, in Meinem Gegner sein. Wer nicht mit Mir ist, ist in der Tat nicht mit sich, mit seiner christusebenbildlichen Seele, hat sich verirrt von ihr, hat sich verloren, denn wer nicht mit Mir sammelt, der zerstreut (Vers 30): Wer seine Seele nicht sammelt, seine Gedanken, sein Gewissen, seine Persönlichkeit in Mir und durch Mich, der verschwendet seine Seele im Bösen, und seine Gedanken und seine Persönlichkeit. Der Gottmensch Christus – das ist die Synthese der menschlichen Seele und Persönlichkeit; der Teufel aber der Zerschmetterer, der Verstreuer der menschlichen Seele und Persönlichkeit. Der Heiland verkündet uns: “Mein Wunsch ist es, die Menschen zu Gott zu führen, sie die Tugend zu lehren, ihnen das Gottesreich zu verkünden. Und was will Satan und die Teufel? Das Gegenteil.”1.

12, 31–32 Der Herr frohbotschaftet: Deshalb sage Ich euch: Alle Sünde und Lästerung wird den Menschen vergeben; aber die Lästerung wider den Geist wird den Menschen nicht vergeben. Und wer etwas redet wider des Menschen Sohn, dem wird es vergeben; aber wer etwas redet wider den Heiligen Geist, dem wird es nicht vergeben, weder in dieser noch in jener Welt. (Vers 31-32).
“Deshalb”, d.h. für alles, was ihr von Mir gesagt habt (Vers 24), und was Ich anläßlich eurer Worte gesagt habe (Vers 25-30). Die Lästerung des Heiligen Geistes ist keine gewöhnliche Sünde, sondern eine Sünde, die mit teuflischer Verbissenheit, Boshaftigkeit und Bewußtsein begangen wird. Das ist eine Sünde, in der sich der Mensch in böser Absicht mit dem Teufel identifiziert: bösartig Gott verleumdet, seinen Widerstand gegen Gott und seinen Kampf gegen den Geist mit dem Siegel satanischer Boshaftigkeit besiegelt. Das ist eine Sünde, in der der Mensch sich freiwillig vom Teufel gebären läßt und den Vater der Lüge zu seinem Erzeuger macht (vgl. Jh. 8, 44). Die Lästerung des Heiligen Geistes liegt vor, wenn man die Austreibung des unreinen Geistes Beelzebul zuschreibt (Vers 23), wenn die Pharisäer auch wissen, daß eine solche Sache nur der Heilige Geist vollbringen kann. Es unterliegt keinem Zweifel, der Heilige Geist wirkt durch Christus genauso wie Er durch die Propheten wirkte; und Seine Werke nicht anzuerkennen, in ihnen nicht die Offenbarung der Gottheit zu erblicken, Seinen Werken keinen Glauben zu schenken, sondern sie mit böser Absicht zu leugnen und dem teuflischen oder dem menschlichen Geist zuzuschreiben – das bedeutet: den Heiligen Geist lästern, sich absichtlich dem Teufel zu überliefern und vom Teufel besessen zu sein, und sich bewußt stets dem Heiligen Geist zu widersetzen (vgl. Apg. 7, 51), Welcher durch die Werke so deutlich spricht. Deshalb wird die Lästerung des Heiligen Geistes niemals verziehen, weder in dieser Welt noch in jener. Die Sünde und Lästerung gegen den Menschensohn dagegen wird verziehen werden, sagt der Herr. Warum? Weil die Lästerung des Menschensohnes aus Unwissenheit entsteht und aus Unverständnis dessen, wie der Gottessohn zum Menschensohn wird, wie er sich mit dem sterblichen Leib bekleidet und Mensch wird. Auf dem Weg durch die Geschichte wurde der menschliche Körper furchtbar von Schmach und Unreinheit bedeckt. Wie kann sich dann der Sohn Gottes in ihn kleiden, ohne Sich zu besudeln?
Die Menschheit Christi stellte für die Juden eine Versuchung dar, führte sie zur Verlästerung Seiner Person; sie wurden durch Seine Herkunft aus Nazareth verleitet (Jo. 1, 46), dadurch, daß Er arm war, demütig, daß Er mit Sündern ißt und trinkt. Und sie wurden wankelmütig über der Frage, ob man Ihn als den Messias anerkennen sollte. Aber der Herr sagt ihnen, daß die Sünde und die Lästerung Seiner Person den Menschen vergeben wird, denn das ist eine Sünde, die aus Unwissenheit entsteht, aus Verwirrung, aus Unverständnis: Unkenntnis kann durch Wissen ersetzt werden, es kann Glauben mit Buße enststehen, und Sünde und Lästerung können verziehen werden. Der Heilige Geist – das ist Gott, und Gott ist Heiliger Geist: den Heiligen Geist in Christus leugnen, bedeutet Gott in Ihm leugnen. “Wenn auch andere Taten und Werke barmherzig verziehen werden, so gibt es doch kein Erbarmen, wenn Gott in Christus geleugnet wird”2.
Der Heiland sagt den Juden gleichsam: ihr habt viel von Mir gesagt, daß Ich ein Betrüger bin, daß Ich gottwidrig bin. Ich verzeihe euch das und werde keine Strafe für euch verlangen, wenn ihr Buße tut; aber die Lästerung des Heiligen Geistes wird selbst den Reumütigen nicht verziehen… Und warum? Weil sie nicht wußten, wer Christus ist, wogegen sie über den Geist ausreichende Kenntnisse erhielten. Alles, was die Propheten sagten, sprachen sie durch die Inspiration des Heiligen Geistes, von Dem man im Alten Testament eine sehr klare Vorstellung besaß. Wenn ihr schon sagt, daß ihr Mich nicht kennt, so wißt ihr zweifellos, daß es die Sache des Heiligen Geistes ist, Teufel auszutreiben und zu heilen. Folglich beleidigt ihr nicht nur Mich, sondern den Heiligen Geist. Daher ist auch die Strafe unausweichlich, wie hier so auch dort3.
12, 33 Die Austreibung der Teufel ist ein gutes Werk; wie kann das der Teufel vollbringen, da er doch böse ist? Ein gutes Werk ist die Frucht des Guten, ein böses dagegen – des Bösen. Das Werk ist lediglich eine sichtbare Offenbarung der unsichtbaren Substanz. Der Heiland frohbotschaftet: Setzet entweder einen guten Baum, so wird die Frucht gut; oder setzet einen faulen Baum, so wird die Frucht faul. Denn an der Frucht erkennt man den Baum (Vers 33). – Diese Worte des Heilands haben folgenden Sinn: “Niemand von euch hat die Geheilten beschuldigt, daß sie nicht geheilt sind und daß es schlecht ist, sie vom Teufel zu befreien. Wenn ihr Meine Werke leugnen wollt, so sei es so; nur laßt in euren Beschwerden keine Unstimmigkeiten und Widersprüche bestehen. Denn vom Baum richtet man nach der Frucht, nicht aber von der Frucht nach dem Baum; ihr aber geht entgegengesetzt vor. Tatsächlich wird die Frucht aus dem Baum hervorgebracht, aber erkennen muß man den Baum nach der Frucht. Demnach müßtet ihr beweisen, daß Meine Werke schlecht sind, wenn ihr Mich anschuldigen wollt; oder, wenn ihr Meine Werke lobt, müßt ihr Mich, der Ich diese Werke vollbracht habe, gleichzeitig von der Beschuldigung befreien. Ihr aber verfahrt entgegengesetzt: während ihr in Meinen Werken, die die Frucht darstellen, nichts der Verurteilung Würdiges findet, verurteilt ihr den Baum – nennt Mich einen Besessenen”4.
Wegen der unverzeihlichen Lästerung des Heiligen Geistes willen bezichtigt der Heiland die Pharisäer genauso wie der Hl. Johannes der Täufer (Mt. 3, 7): Schlangenbrut, wie könnt ihr Gutes reden, da ihr doch selber schlecht seid? Wes das Herz voll ist, des geht der Mund über (Vers 34). Mit diesen Worten offenbart der Herr die Herkunft und Quelle ihrer Lästerung: böse Worte und Lästerungen sind selbst die Frucht eines bösen Herzens und einer gotteslästerlichen Seele. “Ihr, sagt der Herr, seid ein schlechter Baum und könnt keine gute Frucht hervorbringen. Deshalb wundere Ich Mich auch nicht, daß ihr solche Worte sprecht. Ihr stammt aus einem bösen Geschlecht, ihr seid auch schlecht erzogen und habt böse Gedanken angenommen5.
12, 35–37 Das Herz ist die Schatzkammer von Gut oder Böse. Der wichtigste Reichtum des Menschen befindet sich in seinem Herzen, der Reichtum an Gut oder Böse. Wenn jemand den Menschen sucht, so findet er ihn im Herzen, und zum Teil auch in den Gedanken, in den Worten, den Gefühlen. Der Herr verkündet: Ein guter Mensch bringt Gutes hervor aus dem guten Schatz seines Herzens; und ein böser Mensch bringt Böses hervor aus seinem bösen Schatz (Vers 35). Aus ihrem bösen Herzen tragen die Pharisäer Böses heraus: ihre bösen Worte vom Heiligen Geist offenbaren nicht nur ihre Bosheit, sondern auch ihr böses Herz. Alles im Menschen besitzt ewige Bedeutung: sowohl das Böse als auch das Gute. Das Gute im Menschen hat seine Ewigkeit: das Paradies; und das Schlechte im Menschen hat seine Ewigkeit: die Hölle. Deswegen sagt der Heiland auch: Ich sage euch aber, daß die Menschen müssen Rechenschaft geben am Tage des Gerichts von einem jeglichen nichtsnutzigen Wort, das sie geredet haben. Aus deinen Worten wirst du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst du verdammt werden. (Vers 36–37). “Ein leeres Wort ist ein Wort, das mit der Tat nicht übereinstimmt, ein falsches, das Verleumdung atmet; ein leeres Wort ist all das, was zu unziemlichem Gelächter reizt, was schimpflich, unanständig und gemein ist”6. Ein leeres Wort – das ist jegliches Wort, das der Mund Christi nicht aussprechen würde. Der in allem gerechte Herr hat dem Menschen die Macht gegeben, sich selbst ewiger Richter zu sein. Beim Letzten Gericht in der Gegenwart des sündlosen Richters Christus wird jeder Mensch sich rechtfertigen oder sich mit seinen Worten verurteilen, die er im Laufe seines irdischen Lebens gesprochen hat.

DIE ANTWORT DES HEILANDS
AUF DIE FORDERUNG NACH EINEM WUNDER
12, 38–40 Die Bosheit der Pharisäer grenzt an Wahnsinn, denn nach so vielen Wundern, nach der offensichtlichen Heilung des taubstummen Besessenen verlangen sie von Jesus wiederum ein Zeichen, ein Zeichen Seines Messianismus und Seiner Gottheit. Der Evangelist frohbotschaftet: Da hoben an etliche unter den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollten gerne ein Zeichen von dir sehen (Vers 38). Dann – “als sie das Haupt hätten neigen müssen; als sie von Erstaunen hätten erfüllt werden müssen; als ihnen nichts mehr übrigblieb als zu erschrecken und nachzugeben, selbst in diesem Moment lassen sie nicht in ihrer List nach”7.
Der Herr sieht bis auf den Grund ihrer Seele, die von der Unzucht mit Heuchelei und Bosheit verdorben ist, und antwortet als Richter: Dieses böse und ehebrecherische Geschlecht fordert Zeichen. “Das böse Geschlecht”, denn auf gute Werke antwortet es mit Bosheit und Lästerung; ein ehebrecherisches Geschlecht, denn in seiner Seele begeht es Ehebruch mit dem Teufel und seinen schwarzen Teufeln. Und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden denn das Zeichen des Propheten Jona (Vers 39); d.h. außer dem allergrößten Zeichen, das in der Person des Propheten Jonas typologisch gegeben ist. Dieses typologische Zeichen ist der Kreuzestod, das dreitägige Verweilen im Grab und die Auferstehung, denn gleichwie Jona drei Tage und drei Nächte in des Fisches Bauch war, so wird des Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Schoß der Erde sein (Vers 40). Der Kreuzestod ist das größte Zeichen der allumfassenden Liebe und Barmherzigkeit Christi; und die Auferstehung ist das größte Zeichen Seiner Gottheit und Allmacht. Und dieses allergrößte Zeichen wird den Pharisäern gegeben, aber sie werden auch dann nicht an die Gottheit Jesu Christi glauben. “Der Heiland sagte nicht offen, daß Er auferstehen wird, denn die Pharisäer und Schriftgelehrten hätten Ihn verlacht, sondern Er deutete es verborgen an, damit sie glauben konnten, daß Er das alles vorher wußte. Und sie konnten den Sinn Seiner Voraussagen genau verstehen, wie dies aus den Worten Pilatus zu sehen ist: Dieser Betrüger, da er noch lebte, sprach: Ich will nach drei Tagen auferstehen (Mt 27, 63). Beachte, mit welcher Genauigkeit der Heiland sogar Seine verborgene Prophezeiung ausdrückt. Er sagt nicht: in der Erde, sondern im Schoß der Erde, um so klar Sein Verbleiben im Grab zu bezeichnen, und damit niemand dachte, daß Sein Tod nur eine Erscheinung der Phantasie sei”8.
Jonas bewegte die heidnischen Nineviten zur Buße an, und der Untergang der Stadt wurde um zwei Jahrhunderte aufgeschoben; der Gottmensch Christus ist um soviel größer als Jonas, um wieviel Gott größer ist als der Mensch. Aber die hartköpfigen Juden nehmen dennoch weder Christus noch Seine Lehre an. Deswegen werden am Tag des Allgemeinen Gerichts die Nineviten die Juden richten und verurteilen, die keine Buße getan haben. Die Nineviten werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona. (Vers 41). “Jonas ist ein Knecht, Ich aber der Herr; er ist aus dem Bauch des Walfisches gekommen, Ich aber werde von den Toten auferstehen; er hat den Untergang gepredigt, Ich aber bin gekommen, um das Reich zu verkünden. Und die Nineviten haben ihm ohne jedes Zeichen geglaubt, Ich aber habe viele Zeichen gezeigt; sie haben nichts als seine drohenden Worte gehört, Ich aber habe die ganze Schatzkammer der Weisheit geöffnet – pasan filosof³aV ³d™an. Jonas erschien in Ninive als Diener Gottes, Ich aber bin Gebieter und Herr über alles, Ich bin nicht mit Drohungen gekommen, nicht mit der Forderung nach Abrechnung, sondern mit Vergebung. Die Nineviten waren Heiden, mit euch aber haben so viele Propheten verkehrt. Von Jonas hat niemand vorausgesagt, von Mir aber – alle, und Meine Werke stimmen vollkommen mit den Prophezeiungen überein. Er floh vor dem Angesicht des Herrn, im Glauben der Schande zu entkommen, Ich aber bin in die Welt gekommen, wohl wissend, daß Ich gekreuzigt und verhöhnt werde. Er wollte nicht einmal diese Erniedrigung auf sich nehmen, um die Nineviten gerettet zu sehen, Ich aber werde den Tod auf Mich nehmen, und zwar den schändlichsten Tod, und danach werde Ich noch andere zur Predigt aussenden. Er war fremd unter den Nineviten ein Zugereister und Unbekannter, Ich aber bin euer Verwandter dem Leibe nach und stamme von denselben Vorfahren ab”9.

12, 42 Nach Weisheit lechzend kam die Königin vom Süden vom Ende der Erde, Salomos Weisheit zu hören (3. Kön. 10), und Christus ist Gottes Kraft und Gottes Weisheit (1. Kor. 1, 24), und die Juden wollen nicht auf Ihn hören; doch siehe, hier ist mehr als Salomo (Vers 42). Deswegen wird die Königin auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und wird es verdammen (Vers 42). “Ohne seinen Palast zu verlassen, empfing Salomon die zu ihm gekommene Königin, Ich aber bin persönlich Selbst gekommen. Salomon empfing eine Frau, die vom Ende der Welt kam, Ich aber durchlaufe Selbst Städte und Dörfer. Salomo sprach mit ihr über Bäume und Pflanzen, und sie konnte aus diesen Gesprächen keinen großen Nutzen ziehen, Ich aber spreche zu euch über unaussprechliche Dinge und die schrecklichsten Geheimnisse”10.
12, 43–45 Einen über Jonas und Salomo Erhabenen nehmen die Juden nicht an, weil ihnen der Herr von Schrecknissen und furchtbaren Dingen spricht, die sie ereilen werden, weil Er zu ihnen in einem geheimnisvollen Gleichnis spricht: Wenn aber der unreine Geist von dem Menschen ausgefahren ist, so durchwandelt er dürre Stätten, sucht Ruhe und findet sie nicht. Da spricht er denn: Ich will wieder umkehren in mein Haus, daraus ich gegangen bin. Und wenn er kommt, so findet er es leer, gekehrt und geschmückt. Dann geht er hin und nimmt zu sich sieben andere Geister, die ärger sind als er selbst; und wenn sie hineinkommmen, wohnen sie allda; und es wird mit demselben Menschen hernach ärger, als es zuvor war. So wird’s auch diesem argen Geschlecht gehen. (Vers 43–45). Diese Worte des Heilands besitzen einen engeren Sinn, der die Pharisäer betrifft, und einen weiteren, jeden Menschen betreffenden. Der Herr konnte das geforderte Zeichen geben, so wie Er auch davor viele Zeichen gegeben hatte, doch tat Er dies nicht, da Er wußte, daß die Pharisäer Ihm nur für kurze Zeit glauben würden: Sie würden den unreinen Geist des Unglaubens aus sich vertreiben, um ihn bald wieder einzulassen, damit er in sie zurückkehre.
Der weitere Sinn der Worte des Heilands liegt in folgendem: der unreine Geist hat sich etwas vom Menschen angeeignet; er ist im Menschen ein Gast, ein Fremder, ein Wanderer. Der Mensch kann ihn freiwillig, entweder durch seine Liebe zur Sünde behalten, oder durch die Liebe zu Christus austreiben. Doch die schlimmste Sache geschieht dann, wenn der Mensch zu seinem Haus wird, wenn der unreine Geist von ihm als von seinem Hause spricht. Der Mensch wird nämlich zu seinem Haus, wenn böse Leidenschaften in ihm Wurzel fassen. Denn schließlich ist jede Leidenschaft eine Ausgeburt eines unreinen Geistes. Darüber hinaus ist jede Leidenschaft ein unreiner Geist: etwas Selbständiges, Individuelles, etwas, das unter Zustimmung des Menschen im Menschen Wurzeln faßte, aber nicht vom Menschen und nicht der Mensch ist. Durch verschiedene heilige Sakramente und verschiedene heilige Tugenden kann der Mensch jedoch alle Leidenschaften, alle unreinen Geister aus sich vertreiben. Wird er aber danach träge und sorgt sich nicht mehr um seine Rettung, dann kommt die vertriebene Leidenschaft allmählich wieder zurück, sieht daß der Mensch sich der Faulheit und Sündenliebe anvertraut hat, und siedelt dann in ihm andere Leidenschaften an, schlimmer als sie selbst. Und dann ergeht es dem Menschen von der Menge der Leidenschaften schlimmer, als früher von der einen. Was aber das allerschlimmste bei all dem ist, daß sich die Leidenschaften = unreinen Geister außerhalb des Menschen wie Obdachlose fühlen, die in der Wüste in der Suche nach Ruhe und Nahrung umherirren, diese aber nicht finden, solange sie nicht in den Menschen zurückkehren.
Der selige Theophylakt verkündet: “durch die Taufe wird der unreine Geist ausgetrieben und geht in wasserlosen und ungetauften Seelen umher, findet in ihnen jedoch keine Ruhe. Die Teufel finden Ruhe, wenn sie getaufte Menschen auf böse Gedanken bringen, auf böse Gefühle, böse Taten. Ein unreiner Geist kehrt in einen Getauften mit sieben Geistern zurück, denn so wie es sieben Gaben des Heiligen Geistes gibt, so gibt es auch sieben Gaben des Bösen. Wenn der unreine Geist in den Getauften zurückkehrt, ergeht es dem Menchen schlechter, denn er wurde früher durch die Taufe gereinigt, jetzt aber kann er sich nur durch die Buße reinigen, aber die Buße ist ein sehr qualvoller und schwerer Kampf11. Nach Zigaben ist der unreine Geist, der sieben andere Geister mitbringt, die Praßsucht; die sieben Geister aber sind die sieben Leidenschaften: Unzucht, Geldgier, Zorn, Verzagtheit, Unachtsamkeit, Stolz, Neid12.
DIE MUTTER UND BRÜDER CHRISTI

12, 46–50 Während Er noch sprach, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen, die wollten mit ihm reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und wollen mit dir reden. Er antwortete aber und sprach zu dem, der es ihm ansagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? und reckte die Hand aus über seine Jünger und sprach: Siehe da, das ist meine Mutter und meine Brüder! Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter (Vers 46–50). Während der Herr zum Volk über die unaussprechlichen Geheimnisse der Dreieinigen Gottheit spricht und über das finstere und seelenverderbende Geheimnis des Bösen und der unreinen Geister, verlangt Seine leibliche Mutter und die Brüder – die Söhne Josephs (dazu s. Mt. 1, 25) mit Ihm zu sprechen, wollen Seine Predigt unterbrechen. Daher rühren die Vorwürfe in der Antwort des Heilands. Mit Seiner Frage: Wer ist Meine Mutter? sagt Sich der Herr nicht von Seiner Mutter los, schämt Sich ihrer nicht (denn, wenn Er Sich schämte, so wäre Er nicht durch ihren Leib gegangen), sondern Er will damit zeigen, daß sie davon wenig Nutzen hat, wenn sie nicht den Willen des himmlischen Vaters vollbringt. Der heilige Chrysostomus verkündet: Ohne Tugend bringt das Tragen in ihrem Leibe und Gebären dieser wunderbaren Frucht keinerlei Nutzen. Mit Seiner Anwort gab der Herr allen eine große Belehrung: niemand darf sich auf seine Herkunft verlassen und dabei die Tugend vernachlässigen. Ohne geistliche Verwandtschaft bringt die leibliche keinerlei Nutzen und rettet nicht (vgl. Mt. 3, 7–9; Jo 7, 5). Aber der Herr verwirft nicht die natürliche Verwandtschaft, sondern unterstreicht die Verwandtschaft der Tugend nach13. Der selige Theophylakt sagt: “der Heiland sagte nicht: sie ist nicht Meine Mutter, sondern: wenn sie nicht Gottes Willen tut, so hilft es ihr nicht, daß sie Mich geboren hat”14.
Mit einer solchen Antwort und solcher Haltung zeigte der Heiland Seinen Jüngern in Wort und Tat, wie man den Willen des himmlischen Vaters dem Willen irdischer Verwandter vorziehen muß. Als der Heiland Seine Apostel zur Predigt aussandte, legte Er ihr Verhältnis zu den leiblichen Verwandten eindeutig fest: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als Mich, der ist Mein nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als Mich, der ist Mein nicht wert (Mt. 10, 37). Das, was der Herr festlegte und gebot, zeigte Er Selbst. Selbstverständlich wäre es falsch, in der Antwort des Herrn, von der die Rede ist, eine Verleugnung Seiner Mutter oder Gleichgültigkeit Ihr gegenüber zu erblicken. Seine Liebe zu Ihr bewies Er sogar am Kreuz, als Er Sie der Sorge Seines Lieblingsschülers anvertraute (Jo. 19, 26–27).