Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1998, 3

 

Natürlich fragt man sich: welchen Trost hatten die Apostel in all diesen Gefahren und Anfechtungen? – Die Allmacht, die gottmenschliche Allmacht Dessen, Der sie aussendet. Deshalb sagt Er vor allem zu ihnen: “Siehe, ich sende euch” . – das reicht, damit sie weder vor sichtbaren noch vor unsichtbaren Feinden Angst haben. Damit jedoch niemand sagt, das alles sei eine Sache der Gnade, und damit man nicht denkt, daß sie die Kränze des ewigen Lebens umsonst erhalten, verlangt der Herr Christus auch ihren persönlichen Einsatz: “Seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben” (Vers 16). Klug wie eine Schlange ist derjenige, der rücksichtsvoll und umsichtig eine Lehre empfiehlt, um möglichst erfolgreich seine Zuhörer zur Aufnahme dieser Lehre zu bewegen. Ohne Boshaftigkeit aber wie die Tauben ist derjenige, der auch nicht in Gedanken gegen den auf Rache sinnt, der Böses gegen ihn denkt”1. Wie eine Schlange nichts bewahrt, selbst wenn man ihren Körper in Stücke schneidet, sich nicht verteidigt, sondern versucht nur ihren Kopf zu schützen, so gib auch du alles: Besitz und Körper und sogar deine Seele – alles außer dem Glauben. Der Glauben ist der Kopf und die Wurzel. Wenn du ihn bewahrst, magst du dabei auch alles verlieren, so erlangst du doch alles von neuem, mit noch größerem Ruhm. Schlangenartige Klugheit mit Gutherzigkeit zu verbinden, das ist eine neue Tugend, eine gottmenschliche, apostolische Tugend des Evangeliums. Schlangenartige Klugheit ist um der Vorsicht in Gefahren willen notwendig, taubenartige Gutmütigkeit aber um der Nichterwiederung von Bösen mit Bösem willen, der Verletzung durch Verletzung; denn der Mensch hat keinerlei Nutzen von seiner Klugheit, wenn sie nicht mit Gutherzigkeit verbunden ist2.
10, 17–18 Der Heiland verkündet Seinen Aposteln: “Hütet euch aber vor den Menschen; denn sie werden euch den Gerichten überantworten und werden euch geißeln in ihren Synagogen. Und man wird euch vor Statthalter und Könige führen um meinetwillen, ihnen und den Heiden zum Zeugnis” (Vers 17–18). Hütet euch vor den Menschen. Wodurch? Durch die Sanftmut der Schafe, die Klugheit der Schlangen, die Nichtboshaftigkeit der Tauben. Warum? Damit ihr nicht in Wölfe verwandelt werdet, damit eure Seelen nicht mit wölfischen Leidenschaften und Wildheit und Hartherzigkeit angefüllt werden. “Siehst du, bemerkt der Selige Theophylakt, das bedeutet, klug und vorsichtig zu sein und keinen Vorwand zur Verfolgung denen zu geben, die verfolgen wollen, sondern seine Sache weise zu vollbringen. Will der Verfolger Geld oder Ehre – gib sie ihm, damit er keinen Vorwand zur Verfolgung besitzt; wenn er aber den Glauben nehmen will, so bewahre deinen Kopf”3. Durch diese Seine Worte ermutigt der Herr Seine Jünger zum mutigen Ertragen von Leiden und zeigt, daß der Sieg durch das Erdulden von Leiden erzielt wird. “Der Herr sagte nicht: kämpft auch ihr und widersetzt euch denen, die euch Gewalt antun, sondern nur: ihr werdet äußerste Not leiden. Wie groß ist die Kraft Dessen, Der so sprach! Welche erhabene Philosophie derer, die dies hörten. Es ist höchst bemerkenswert, wie die Apostel, diese furchtsamen Menschen, die sich niemals weit von dem See, in dem sie fischten, entfernt hatten, angesichts solcher Worte nicht sofort wegliefen. Wie dachten sie nicht: gegen uns sind Könige und Herrscher, jüdische Synagogen, heidnische Völker, Vorgesetzte und Untergebene, – denn Christus hatte ihnen nicht nur die Verfolgungen vorhergesagt, die sie allein in Palästina erwarteten, sondern Er sagte ihnen den Kampf der ganzen Welt gegen sie voraus, indem Er sprach: vor Statthalter und Könige wird man euch führen, womit Er ihnen zeigte, daß Er sie später auch zu den Heiden schicken wird”:4. “Ihnen und den Heiden zum Zeugnis”, ihnen und gegen sie, d.h. die Apostel werden ausgesandt, um durch ihr Leben und ihre Predigt vor Königen und Statthaltern Zeugnis abzulegen von Christus als dem Messias, dem Gottmenschen und Heiland. Wenn sie jedoch dieses Zeugnis ablehnen, wenn sie Christus nicht als Retter annehmen, dann sind die Apostel dazu verpflichtet, gegen sie Zeugnis abzulegen, sie bloßzustellen, damit sie keine Entschuldigung haben5.
10, 19-20 Wenn sie euch nun überantworten werden, so sorget nicht, wie oder was ihr reden sollt; denn es soll euch zu der Stunde gegeben werden, was ihr sprechen sollt. Denn nicht ihr seid es, die das reden, sondern eures Vaters Geist ist es, der durch euch redet (Vers 19–20). Natürlich führen die Weisen dieser Welt die ungebildeten und einfachen Fischer und Zöllner in Verwirrung, indem sie behaupten, der Herr würde ihnen keine übernatürliche Kraft zur Hilfe herabsenden – den Heiligen Geist, die Dritte Person der Allerheiligsten Dreiheit. Sie müssen sich in Demut üben, demütig denken, demütig anerkennen, daß ihr menschlicher Geist nicht fähig ist, Christus würdig und überzeugend zu predigen, und stets wird ihnen der Heilige Geist gegeben werden, der durch sie die apologetische Arbeit in Hinsicht auf Christus und auch sie führen wird. Allein für sich sind die Apostel ohnmächtig; mit dem Heiligen Geist sind sie allmächtig. “Unser Werk ist es, zu bezeugen, doch weise die Apologetik zu betreiben – das ist das Werk Gottes. Damit du jedoch nicht meinst, daß die Apologie eine natürliche Fähigkeit ist, sprach der Herr: Nicht ihr werdet sprechen, sondern der Heilige Geist”6.
10, 21 Der Glaube an Christus ist wahrhaftig und recht nur dann, wenn er zum Wesenskern der menschlichen Persönlichkeit wird, zum Maß aller Wesen, aller Beziehungen, aller Dinge, zum Maß auch aller Werte in der Familie. Wer aufrichtig an den Herrn Christus glaubt und Ihn bekennt, der bleibt Ihm treu bis in den Tod, wenn sich auch alle seine Verwandten gegen ihn wenden. Christus der Gottmensch, der einzige wahre Gott und der einzige wahre Mensch, muß für den Gläubigen über allem und vor allem stehen: vor den Eltern und dem Haus, vor dem Vaterland und der Menschheit, und vor allen sichtbaren und unsichtbaren Welten. Der Heiland frohbotschaftet: Es wird aber ein Bruder den andern dem Tod preisgeben und der Vater den Sohn, und die Kinder werden sich empören gegen ihre Eltern und werden sie töten (Vers 21). “Preisgeben”: ja sie gaben preis zur Zeit der Verfolgungen; sie überantworten auch heute: Ungläubige geben die Gläubigen preis; es empören sich ungläubige Kinder gegen die gläubigen Eltern und töten sie, und umgekehrt. Geduldiges und freudiges Sterben für den Herrn Christus – das ist die Methode des Kampfes nach dem Evangelium, welche die Christen gegen die teuflische Kampfmethode anwenden, deren sich die Christusfeinde bedienen. Dieses Nichtwiderstehen dem Bösen durch Böses feuert die Asketen des Bösen besonders zum Haß an, und sie unterminieren die ganze Welt durch den Haß gegen die Christen.
10, 22 Die Rede des Heilands ist ganz aus historischen Fakten gewoben: Und ihr werdet gehaßt werden von jedermann um meines Namens willen. Wer aber bis ans Ende beharret, der wird gerettet werden (Vers 22). – Der Christ ist verpflichtet, sich bis zum Ende seines Lebens ununterbrochen in den Tugenden des Evangeliums zu üben. Wenn er von ihnen abweicht, dann weicht er vom Pfad der Rettung ab. Der Herr Christus zwingt niemanden zur Rettung; gerettet wird der, der den Retter durch seine persönlichen asketischen Taten in den Tugenden nach dem Evangelium zur Seele seiner Seele, zum Leben seines Lebens macht. Auf allen Stufen seiner Entwicklung ist der Christ ein asketischer Kämpfer in den Tugenden des Evangeliums. Dies zeigt der Heiland, indem Er den Aposteln Seine Gottmenschliche Satzung einflößt. Er verlangt von ihnen, daß sie sich nicht nur auf Seine Allmacht und Kraft stützen, sondern daß sie auch selbst ihrerseits asketische Werke an den Tag legen: “Wer aber bis ans Ende beharret, der wird gerettet werden “. – Der Heilige Chrysostomus verkündet: Achte darauf, wie der Herr von Anfang an die einen Dinge Selbst tut, die anderen aber die Jünger. Wunder zu vollbringen ist Seines; nichts zu haben – ihres. Wiederum: alle Häuser zu öffnen – ist Sache der höchsten Gnade; nichts außer dem Allernötigsten zu fordern – ist Sache ihrer Weisheit – tªV a¨tŽn filosof³aV; “der Arbeiter ist seines Lohnes würdig” (Mt. 10, 10). Frieden zu schenken – ist Sache der Gabe Gottes; die Würdigen zu finden und nicht zu allen ohne Unterschied zu gehen, ist Sache ihrer Enthaltsamkeit. Und wiederum: diejenigen, die sie nicht annehmen, zu strafen, ist Sache Gottes; sich aber von solchen ohne Streit, ohne Vorwürfe und Beleidigungen zurückzuziehen, ist Sache der Sanftmut der Apostel. Den Heiligen Geist zu geben und von der Sorge zu befreien, wie und was zu sprechen, ist Sache Dessen, Der sie aussendet; so zu sein wie Schafe und Tauben und alles großmütig zu ertragen, ist Sache ihrer Standhaftigkeit und Unterscheidungsgabe. Haß zu ertragen und den Mut nicht verlieren, sondern auszuharren – das ist ihre Sache; aber diejenigen zu retten, die dulden, ist Sache Dessen, Der sie sendet. Deshalb sprach Er auch: “Wer aber bis ans Ende beharret, der wird gerettet werden “7.
10, 23 In ihren vielfältigen Werken der Askese müssen die Apostel immer eine unsterbliche Tugend besitzen: klug zu sein wie die Schlangen und ohne Bosheit wie die Tauben. Diese Tugend verkündet der Heiland, wenn Er sagt: Wenn sie euch in einer Stadt verfolgen, so fliehet in eine andere (Vers 23); opfert nicht sinnlos euer Leben; begebt euch nicht unnötig in Gefahr. Der Herr gebietet Seinen Jüngern nicht, mit den Verfolgern den Kampf aufzunehmen, sondern vor ihnen zu fliehen. Er spricht hier nicht von den späteren Verfolgungen, sondern von den Verfolgungen vor Seinen Leiden und der Kreuzigung, was auch Seine Worte zeigen: “Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt” (Vers 23). “Damit die Jünger also nicht sagen: und was, wenn wir irgendwohin vor unseren Verfolgern fliehen, und sie finden uns auch dort und verfolgen uns von neuem, vertreibt der Heiland solche Angst, indem Er sagt: ihr werdet nicht einmal ganz Palästina durchwandern, da werde Ich schon zu euch kommen. Achte wiederum darauf, daß der Herr auch in diesem Fall das Übel nicht abwendet, sondern lediglich als Helfer in der Not erscheint. Er sagte nicht: Ich werde euch erlösen und die Verfolgungen beenden, sondern was? – “Ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende kommen, bis der Menschensohn kommt”8.
10, 24 In den Qualen sind die Jünger nur Schüler ihres Göttlichen Lehrers: selbst darin können sie Ihn nicht übertreffen: Der Jünger steht nicht über dem Meister und der Knecht nicht über seinem Herrn (Vers 24). Wenn der Lehrer wegen seiner Lehre verfolgt wird, dann werden auch seine Schüler verfolgt werden, die seine Lehre verbreiten. Wenn man den Gebieter des Himmelreiches verfolgt, dann wird man auch die Knechte verfolgen, die diesem Herrn dienen. Der Selige Theophylakt verkündet: Wenn du jedoch fragst, wie ist dies, daß es keinen Schüler gibt, der seinen Lehrer übertrifft, wenn wir doch sehen, daß es viele Schüler gibt, die ihre Lehrer übertreffen? Wisse nun, daß sie, solange sie Schüler sind, geringer als ihr Lehrer sind; doch wenn sie darüber hinauswachsen, dann sind sie schon nicht mehr Schüler; so kann auch der Knecht, solange er Knecht ist, nicht seinen Herrn übertreffen9.
Ein Schüler kann seinen Lehrer übertreffen und ein Knecht seinen Herrn. Das gibt es bei einfachen Menschen. Doch dies hat keine Bedeutung, wenn die Rede von einem solchen Lehrer ist wie Christus. Er ist Gottmensch – Lehrer; und um wieviel Gott höher steht als der Mensch, umso viel höher steht Er auch als Lehrer über einem menschlichen Lehrer. Daher können sich Seine Jünger niemals mit Ihm vergleichen. “Es ist für den Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr.” (Vers 25). Und die Schüler des Heilands sind “wie Er”, wenn sie durch Ihn mit Hilfe der heiligen Mysterien des Evangeliums und der heiligen Tugenden nach dem Evangelium leben (1.Jo. 3, 1-9; 2, 6; 1.Petr. 1, 1-5; 1.Kor. 11, 1; Gal. 2, 20; Röm. 14, 8; Eph. 3, 17-19; 6, 10-18; Phil. 1, 27; Kol. 1, 10; 3, 1-4; 2, 6-10; 3, 9-11; 1.Thess. 2, 12). “Es ist für den Jünger genug, daß er sei wie sein Meister und der Knecht wie sein Herr. Haben sie den Hausherrn Beelzebul genannt, wieviel mehr werden sie seine Hausgenossen so nennen!” (Vers 25).
Das Wort Beelzebul leiten die einen vom Wort Belzebul ab, die anderen vom Wort Beelzebul. Beelzebul bedeutet: Gott der Fliegen. Das war eine philistimische Gottheit (4. Kön. 1, 2–3). Die Philister erfanden sie, als Schwärme giftiger Fliegen über sie herfielen. Er war für sie ein Beschützer. Wahrscheinlicher jedoch stammt dieses Wort von beel xeboul, was bedeutet: Hausgott. Der Herr Christus ist der Hausherr im Hause des Reiches Gottes, im Hause des Lichtes; doch die Christusfeindlichen Juden bezeichnen Ihn als Beelzebul, was Teufel bedeutet, Herr im Hause der Finsternis, der Gottlosigkeit, der Sünde.
10, 26-27 Auf die Gute Nachricht der Apostel antworten die Christusfeinde mit bitteren Beleidigungen; aus den Aposteln aber wird der Heilige Geist sprechen; die Christusfeinde werden gegen sie schreien: aus euch spricht der unreine Geist – Beelzebul; die Apostel werden Kranke heilen, Tote auferwecken, während sie die Christusfeinde mit jedem beliebigen Schrecknis dieser Welt angreifen werden. Doch fürchtet euch nicht vor ihnen, ermutigt der Herr Seine Schüler, denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht offenbar werden wird, nichts Geheimes, was nicht bekannt werden wird (Vers 26). Offenbar werden wird eure Unschuld, die die Verfechter des Bösen mit ihrem höllischen Geschrei verdecken; die Welt wird eure rettungbringende Kunde vernehmen, die sie mit ihrem Lärm übertönen will. “Wartet nur etwas, und alle werden euch Retter nennen und Wohltäter der Welt. Alles Verborgene wird von der Zeit offenbart; sie wird die üble Nachrede der Feinde offenbaren und eure Tugend an den Tag bringen”10.
Die Gottesfeinde und Christusfeinde nicht zu fürchten, ist die Hälfte der Tugend, zu der der Herr Seine furchtlosen Nachfolger aufruft: Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern (Vers 27). “Selbstverständlich gab es keine Finsternis, als der Herr dies sprach, und Er sprach den Jüngern nicht ins Ohr; hier werden nur deutlichere Ausdrücke gebraucht. Da Er mit ihnen allein und in einer kleinen Ecke Palästinas sprach, sagte Er: in der Finsternis und in das Ohr, da er die jetzige Art der Rede jenem Mut in der Predigt gegenüberstellen wollte, den Er ihnen verleihen sollte”11.

Anmerkungen:
9 ibid. cap. 10, vers. 24; PG t. 123, col. 241 B
10 Hl. Chrysostomus, ibid., S. 399
11 Hl. Chrysostomus, sermo 34, 2; S. 399