Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1998, 4

 

10, 28 Den menschlichen Körper kann jeder töten, aber die Seele – niemand außer der Sünde. Die Sünde ist der einzige Mörder der Seele. Dem Menschen selbst ist die oberste Macht über seine Seele gegeben: er hat die Macht, sie ins Verderben zu führen und die Macht, sie zum ewigen Leben zu bewahren. Hier entscheidet der Mensch, Gott nimmt die Entscheidung an. Damit sie mit Freude nicht nur Qualen und Beschwernisse ertragen, sondern sogar den leiblichen Tod, weist der Herr Seine Schüler auf die Unsterblichkeit der Seele hin. Nicht nur auf die Unsterblichkeit, sondern auch auf die Übersterblichkeit der Seele. Die Unsterblichkeit der Seele ist eine wunderbare und furchtbare Sache: wunderbar, wenn wir durch ein christusmäßiges Leben zu ewiger Seligkeit gelangen; furchtbar, wenn wir durch ein teuflisches Leben ewige Qualen in der Hölle erlangen. Fürchtet euch nicht vor jenen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten; fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle (Vers 28). Fürchtet die Sünde, die Seele wie auch Körper in die Hölle herabführen kann; der Mensch selbst entscheidet, welches Los er für das ewige Leben auswählt: das Paradies oder die Hölle. Gott nimmt seine Entscheidung an, denn Er rettet niemand mit Zwang und Er verurteilt niemand zwangsmäßig. Wenn Er gewaltsam retten würde, dann wäre Gott ein Tyrann; wenn Er gewaltsam verurteilen würde, erwiese Er sich als Zerstörer des freien Willens des Menschen. Im ersten Fall wäre Er nicht die Liebe, im zweiten wäre Er nicht die Gerechtigkeit. Die Berufung der Apostel ist es: sich vor Menschen nicht zu fürchten, die selbst wenn sie es wollten, die Seele nicht töten können, sondern Gott zu fürchten, Der um Seiner gerechten Liebe willen nicht verwehren kann, daß geistliche Selbstmörder in die schwarze Ewigkeit geschickt werden, die sie sich selbst asugesucht haben – die Hölle. “Furcht besiegt mit Furcht, – die Furcht vor den Menschen besiegt mit der Furcht vor Gott”1.
10, 29–31 Gefahr und Leiden verengen gewöhnlich das Gefühl für Gott und das Gottesbewußtsein. Der Mensch ergibt sich in Momenten der Gefahr und des Leidens häufig einem aufrührerischen Gefühl und Bewußtsein: weit ist Gott, Er hört mein Schreien nicht, sieht meine Leiden nicht, kennt meine Gefahr nicht. Doch der Mensch Christi fühlt und weiß immer, daß Gott alles sieht und alles weiß. Deshalb ermutigt der Herr Seine Nachfolger mit göttlich weisen Worten: Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht, denn ihr seid besser als viele Sperlinge (Vers 29-31). “Die allumfassende Sorge Gottes und das Allwissen Gottes erstrecken sich auch auf die bedeutungsloseste Bewegung wenig wertvoller Vögel. Es ist gesagt, daß Gott gleichsam auch die Haare zählt! Damit die Vollkommenheit des Wissens Gottes und Seine große Mühewaltung um alles offenbar werde”. Die Menschen sind derart wertvoll, daß selbst alle Haare auf ihren Köpfen gezählt sind, und Gott weiß alles bis ins Detail, was sie betrifft3 Der Heiland sagt gleichsam Seinen Jüngern: Ihr seid wertvoller als viele Sperlinge, denn ihr werdet den Retter der Welt predigen, und in Ihm die Rettung der Menschheit. Und wird Gott etwa euch, die Gottesprediger, vergessen, wenn Er nicht einmal wertlose Sperlinge vergißt? Fürchtet euch also nicht: Ihr seid wertvoller als viele Sperlinge.
10, 32–33 Wer nun Mich bekennet vor den Menschen, den will auch Ich bekennen vor Meinem himmlischen Vater. Wer Mich aber verleugnet vor den Menschen, den will auch Ich verleugnen vor Meinem himmlischen Vater (Vers 32-33). Der Herr normiert und bewertet den Glauben Seiner Nachfolger durch die Ewigkeit. Mit der Seele an die Ewigkeit angekettet, geht der Nachfolger Christi durch das Feuer der Leiden und bezeugt dabei Christus als Gott und Retter. Wer vor den Menschen furchtlos seinen Glauben an Christus als den Gottmenschen und Messias bekennt, erhält den Herrn Christus als Bekenner seines Glaubens vor dem himmlischen Vater, d.h. der Herr erklärt ihn zu Seinem treuen Diener, belohnt ihn mit ewiger Seligkeit. “Warum gibt Sich der Herr nicht mit dem Glauben zufrieden, der in der Seele ist, sondern fordert das Bekenntnis mit dem Mund? Um uns zu Tapferkeit, zu ewiger Liebe und Eifer anzustacheln und um uns zu erhöhen”4. Wer Christus als Gott verleugnet, wer sich vor Leiden fürchtet und von Christus als Retter lossagt, wird die schlimmsten Qualen erleiden. Von ihm wird Sich der Herr am Tag des Letzten Gerichts lossagen mit den schrecklichen Worten: Ich kenne dich nicht. Und dieser geht in die ewigen Qualen ein, in ewige Leiden (vgl. Mt. 25, 46).
10, 34–36 Die Persönlichkeit des Herr Christus läßt keine Kompromisse mit dem Bösen und Frieden mit der Sünde zu. Sie wirkt wie ein zweischneidiges Schwert: zerschneidet, trennt das Böse vom Guten bis zum letzten Teilchen. Das Böse ist in die Natur des Menschen eingewachsen und mit ihr verwachsen. Und jedes Wort Christi schneidet diese Knospe ab und trennt sie von der Seele. Deshalb ist die Persönlichkeit Christi und das Wort Christi ein Schwert. Die Begegnung des Menschen mit dem Herrn Christus ruft in der Seele des sündigen Menschen Verwirrung hervor, Verwirrung und Krieg zwischen allem, was in der Seele Christus zustrebt und was Christus widerstrebt. Die Begegnung mit der Person des Gottmenschen Christus ruft in der menschlichen Seele seelische Erschütterungen und Erdbeben hervor. Allein das Eintreten unseres Herrn Jesus Christus in die irdische Welt ruft Unfrieden hervor, Umbrüche, Zusammenstöße: die unreinen Geister, unreinen Menschen, unreinen Seelen, unreinen Herzen, unreinen Gewissen stehen auf und schreien: Sohn Gottes, was bist du gekommen uns zu quälen? (vgl. Mt. 8, 28–32).
Der Herr Christus ist “unser Friede”, Friede, zu dem man durch Krieg und den Sieg über die Sünde, den Tod und den Teufel gelangt (vgl. Eph. 2, 14–16). Der Heiland frohbotschaftet: Ihr sollt nicht meinen, daß Ich gekommen bin, um Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert (Vers 34). Das sagt der Heiland zu den Aposteln, denen Er vor kurzem gebot, in jedes Haus zu gehen mit dem Gruß: “Friede diesem Hause” (Mt. 10, 12). Das sagt Der, Dessen Ankunft in der Welt die Engel als die Ankunft des Friedens begrüßten: “Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden” (Lk. 2, 14). Auch die Propheten prophezeiten vom Messias als dem Frieden und Friedensstifter. Wie sind dann diese beiden Frohbotschaften zu vereinen: die Verkündigung vom Messias als Frieden und Friedensstifter und die Verkündigung vom Messias als Schwert? Der hl. Chrysostomus sagt: Friede tritt ein, wenn das abgetrennt wird, was durch Krankheit angesteckt ist. Nur auf solche Weise kann der Himmel mit der Erde vereint werden. So rettet auch der Arzt die übrigen Körperteile, wenn er den unheilbaren Teil von ihnen abtrennt5. Unser Herr Jesus Christus ist das Schwert für alles Böse im Menschen, Er erfüllt mit göttlichem Frieden alles Gute in ihm. Durch Seine Persönlichkeit und Lehre und Werke treibt Er die Menschen zur entschiedenen und klaren Wahl: ob sie für Ihn oder gegen Ihn sind. Er kam als Gottmensch in die Welt, um zum Maß und zum höchsten Wert für jeden zu werden, der an Ihn glaubt in jeder Hinsicht: familiär, gesellschaftlich, national, international, himmlisch-irdisch. Denn Ich bin gekommen, spricht der Heiland, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit der Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter (Vers 35): zu entzweien den an Mich glaubenden Sohn mit dem Vater, der nicht an Mich glaubt, um dem Sohn näher zu sein als seinem Vater und der Tochter als ihrer Mutter: Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein (Vers 36). Wer christusfeindlich sein Haus Mir vorzieht, der ist Mein Feind; Feinde des Menschen sind seine Hausgenossen, wenn sie ihn von Mir abwenden. Wer Mein Freund ist, ist auch sich selbst Freund. Aber der Mensch kann nie zu seinem eigenen Freund werden, wenn er nicht zuerst Mein Freund wird. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert (Vers 37).
Solche und so große Liebe hat niemand von den Menschen für sich gefordert, aber der Herr Christus fordert sie. Und zu Recht. Denn Er – Gott – wurde Mensch, um als Gottmensch dem Menschen das zu geben, was ihm keiner von den Menschen jemals geben kann. Und das sind alles Seine gottmenschlichen Reichtümer, gottmenschlichen Frohbotschaften: Ewiges Leben, Ewige Wahrheit, Ewige Gerechtigkeit, Ewige Liebe, Ewige Güte, Ewige Freude, Ewige Seligkeit. Mit einem Wort: all das, was nur Allein der Wahre Gott besitzt und dem menschlichen Wesen und dem gesamten Menschengeschlecht geben kann. Mit Seiner Fleischwerdung und der Erfüllung des Gottmenschlichen Heilsplanes zeigte der Gottmensch Christus, daß Er den Menschen mehr liebt, als ihn Vater oder Mutter lieben können. Deswegen fordert Er auch vom Menschen, daß er Ihn mehr liebt als Vater oder Mutter. Er ist der Heiland, Er ist der Einziggeborene Sohn Gottes, er ist das ewige Leben und ewige Seligkeit, daher fordert Er, daß die Liebe zu Ihm jegliche andere Liebe übertrifft. Diese Liebe schließt die Liebe zu den Eltern oder Nächsten nicht aus und widerspricht ihr nicht. Das heilige Evangelium befiehlt in Gehorsam gegenüber den Eltern zu leben. Aber dieser Gehorsam kann sich nur soweit erstrecken, wie er im Einklang mit dem Gehorsam gegenüber dem Herrn Jesus Christus steht. Die Liebe zu Christus muß unvergleichlich größer sein als die Liebe zu Eltern, Kindern, Frau, Geschwistern, Menschheit, überhaupt zur ganzen Schöpfung. Sie muß andere Formen der Liebe soweit übertreffen, daß diese im Vergleich zu ihr, eher Haß ähneln als Liebe. So jemand zu Mir kommt, sagt der Heiland, und hasset nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein (Lk. 14, 26). Damit gebietet der Herr nicht einfach zu hassen, denn das würde dem Gesetz widersprechen, sondern wenn jemand wünscht, daß du ihn mehr als den Herrn Christus liebst, so hasse ihn deshalb, denn das zerstört den Liebenden und den Geliebten6. “Dann muß man Eltern und Kinder hassen, wenn sie wollen, daß wir sie mehr lieben als Christus”7.
10, 38 Derjenige ist Christi unwürdig, gehört nicht Christus, der jemanden oder etwas mehr liebt als den Herrn Christus. Christi würdig ist derjenige, der alle Leiden, alle Qualen, alle Verfolgungen um Christi willen, Verfolgungen bis zum Leiden am Kreuz, bis zum Kreuzestod mit Gebet und mutig erträgt. Der Heiland verkündet: Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt Mir nach, ist Meiner nicht wert (Vers 38). Für sich genommen machen die Leiden den Menschen nicht Christi würdig, sondern Leiden, mit denen der Mensch Christus nachfolgt. Der Nachfolger Christi muß zum Tod für Christus bereit sein, und zwar zu einem schrecklichen Tod, dem Kreuzestod. Er muß sich der Welt kreuzigen und die Welt für sich, muß sich gegenüber den Annehmlichkeiten und Leidenschaften der Welt kreuzigen und alles in sich töten, was ihn an die Welt bindet und von Christus trennt. Ds Wort Kreuz bedeutet eben Leiden und Kreuzigung um Christi willen, es bedeutet auch noch: die eigene Seele zu hassen, alles Sündige und Sündenliebende in ihr zu hassen, sie zu hassen und zu kreuzigen, damit sie mit Christus zu den Tugenden Christi aufersteht. Nach dem Heiligen Makarius dem Großen erzieht der Mensch durch seine Sündenliebe in seiner gottebenbildlichen Seele einfach eine andere Seele, eine Seele der Sünde. Und wenn der Heiland von Seinen Nachfolgern verlangt, daß sie selbst ihre Seele hassen, dann fordert Er, daß wir jene andere Seele in uns hassen, die Seele der Sünde (Lk. 14, 26)8. Ohne dies ist es unmöglich, ein Nachfolger Christi zu sein.
10, 39 Nur durch Christus Gott kann die menschliche Seele von der Sünde, von Tod und Teufel bewahrt werden und das Ewige Leben und die Ewige Wahrheit erlangen. Wer egoistisch sich selbst gehört, wer seine Seele nur mit dem Körper umgibt, wer mit sich selbst und für sich selbst lebt, um sich selbst zu erhalten, der bringt sich um, tötet sich, denn es gibt kein Geschöpf, das durch sich selbst leben könnte, in sich selbst und nur von sich, sondern jede Seele lebt mit Christus Gott durch andere Geschöpfe Gottes. Nur im Gottmenschen und Herrn Jesus Christus findet der Mensch seinen ewigen Sinn und sein ewiges Leben und seine ewige Seligkeit. Außerhalb Seiner und ohne Ihn droht dem Menschen stets das ewige Verderben, ewige Hölle. Deshalb verkündet der Heiland auch: Wer sein Leben findet, wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert um Meinetwilen, der wird’s finden (Vers 39); nämlich: ein geheiligtes, verchristlichtes, vergöttlichtes, bewahrtes Leben – für das ewige Leben und die ewige Seligkeit.
10, 40–42 Der Herr Christus hinterläßt Seinen Jüngern nicht nur Seine Lehre, sondern Sich Selbst, Seine Persönlichkeit. Dadurch unterscheidet Er Sich von anderen Lehrern, dadurch unterscheiden sich Seine Jünger von anderen Schülern. Durch die heiligen Mysterien und heiligen Tugenden siedelt Sich der Herr Christus in Seinen Schülern an, und sie werden zu Christusträgern. Daher sagt der Heiland auch zu Seinen Jüngern: Wer euch aufnimmt, der nimmt Mich auf; und wer Mich aufnimmt, der nimmt den auf, der Mich gesandt hat. Wer einen Propheten aufnimmt darum, daß er ein Prophet ist, der wird eines Propheten Lohn empfangen. Wer einen Gerechten aufnimmt darum, daß er ein Gerechter ist, der wird eines Geerechten Lohn empfangen (Vers 40-41). Wer einen Propheten deshalb aufnimmt, weil er ein Prophet ist, weil er wahre Prophezeiungen offenbart, und nicht aus eigennützigen Gründen – der empfängt die Belohnung des Propheten von Gott; und wer einen Gerechten aufnimmt, weil er ein Gerechter ist, weil er die Gerechtigkeit verkündet, nicht aber aus heuchlerischen und selbstsüchtigen Gründen, der empfängt den Lohn des Gerechten. Selbst der geringste Dienst, der an den Jüngern geleistet wird, wird belohnt werden, denn dadurch wird Sein gottmenschliches Werk unendlich unterstützt. Der Heiland verkündet: Und wer einem dieser Geringen auch nur mit einem Becher kalten Wassers tränkt darum, daß er Mein Jünger ist, wahrlich Ich sage euch: es wird ihm nicht unbelohnt bleiben. (Vers 42). Warum? Weil er ein Jünger des Herrn und Heilands ist, Der die Welt von den schlimmsten Feinden des Menschen rettet: der Sünde, dem Tod und dem Teufel, indem Er ihm den Einzigen Wahren Gott gibt, und mit Ihm – Ewige Wahrheit, Ewiges Leben, Ewige Gerechtigkeit, Ewige Liebe.
11, 1 All diese Hinweise, die der Herr Seinen Jüngern gibt, da Er sie zur Predigt aussendet, das sind nicht nur Ratschläge, sondern das sind gleichzeitig auch Verkündigungen und Gebote. 6
6 Der Herr definierte damit den Aposteldienst; verkündet wird die gottmenschliche Methode der apostolischen Tätigkeit. Die geringste Abweichung von diesen Geboten stellt eine Absage an den Herrn Jesus Christus dar. Im Wirken der Apostel läßt der Herr keine anderen Methoden zu als die Seinen, auch keine Komrpomisse mit den Methoden dieser Welt. Jedes Wort des Heilands, vom fünften bis zum zweiundvierzigsten Vers des zehnten Kapitels, ist ein Gebot für die Jünger Christi aller Zeiten. Ja, ja, ja: stets derselbe Heiland, immer ein und dieselbe Rettung, immer dasselbe Aposteltum, stets dieselben Methoden, gottmenschliche und unveränderliche Methoden.