Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999,1

 

Kapitel 12
Der Herr Jesus und der Sabbat 12, 1–14
Das Problem der Persönlichkeit des heiligen Johannes des Täufers ist gelöst; Christus zeigte seinen Platz in der christlichen und menschlichen Gesellschaft. Die Mehrzahl der Juden nahm die Erklärung Christi über Johannes Persönlichkeit nicht an. Mit der Deutung des Johannes deutete der Herr Sich Selbst, Seinen Platz in der Welt und in der Gottheit. Die Juden akzeptierten das nicht.
12, 1–2 Jetzt löst der Herr das Problem des Sabbats und damit das Problem der Zeit. Was ist der Sabbat, was ist die Zeit vom Standpunkt des Gottmenschen? Welchen Sinn hat die Zeit und ein Zeitausschnitt – der Sabbat? Der Sinn der Zeit liegt in der gottmenschlichen Ewigkeit beschlossen; der Sinn des Sabbats – im gottmenschlichen Sinn der Zeit. Der Gottmensch Christus verleiht der Zeit wie dem Sabbat ihren Sinn. Ohne Ihn ist sowohl die Zeit als auch der Sabbat ein qualvolles und sinnloses Rätsel. Die Zeit und der Sabbat in ihr besitzt ihren unsterblichen Sinn nur aus der Perspektive der Einführung in die Ewigkeit Christi, in das Gottmenschtum Christi. Die Juden entstellten den gottgegebenen Sinn des Sabbats. Gott untersagte ihnen, sich am Sabbat gewöhnlichen alltäglichen Beschäftigungen hinzugeben (Ex. 20, 10; 4. Mos. 15, 32-36). Ihre Ältesten führten dieses Gebot zur Sinnlosigkeit: sie formalisierten es zu einem Gebot guter Werke. Die Pharisäer, Zeitgenossen Christi, wahrten besonders diese Überlieferungen der Ältesten und maßen den Herrn Christus und Seine Jünger daran. Sie sahen Übertretungen des Sabbats auch in solchen Handlungen der Jünger Christi, die vom Gesetz durchaus berechtigt waren. Der Evangelist verkündet: Zu jener Zeit ging Jesus durch ein Kornfeld am Sabbat; und seine Jünger waren hungrig, fingen an, Ähren auszuraufen, und aßen. Da das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu ihm: Siehe, deine Jünger tun, was am Sabbat nicht erlaubt ist (Vers 1-2). Das mosaische Gesetz erlaubt das Abreißen von Ähren auf dem Felde des Nächsten um der Stillung des Hungers willen (5. Mos. 23, 25). Doch die Pharisäer verhalten sich gegenüber Christus und Seinen Jüngern mit besonderer Strenge; deshalb werfen sie Ihm vor, daß Seine Jünger am Sabbat Ähren abreißen. Die Jünger tun dies nicht aus Opposition oder Übermut, sondern aus Not, denn es ist gesagt: „es hungerte sie“. Sie folgen Christus und gehen mit Ihm hungrig: sie sorgen sich nicht darum, was und wann sie essen sollen, denn das ist für sie völlig zweitrangig. Ihr Hauptanliegen ist das Reich Gottes, die Nachfolge Christi, sei es auch durch Hunger und Durst und Entbehrung. Der Herr rechtfertigt Seine Jünger unter Berufung auf den Propheten und König David (Vers 3-4). „Zur Rechtfertigung Seiner Jünger verweist der Herr auf das Beispiel Davids; aber wenn Er von Sich spricht, beruft Er Sich auf den Vater“1.
Der Heiland warnt: Habt ihr denn nicht gelesen, was David tat, da ihn, und die mit ihm waren, hungerte? Wie er in das Gotteshaus ging und aß die Schaubrote, die er doch nicht durfte essen noch die, die mit ihm waren, sondern allein die Priester? (Vers 3-4). Als „Opferbrote“ bezeichnete man die 12 Brote, die jeden Sabbat, zunächst im Bundeszelt, später im Tempel, vor dem Herrn von den Söhnen Israels auf einen besonderen Tisch gelegt wurden (3. Mos. 24, 5-9). Sie hießen Schaubrote, weil sie Demjenigen dargebracht wurden, vor Dem sie gelegt wurden. Jeden Sonnabend wurden sie durch neue Brote ersetzt, während die Priester die ersetzten an dem heiligen Ort verzehren mußten, wo sie dargelegt wurden (3. Mos. 24, 9). David, als er von Saulus verfolgt wurde und ihn Hunger peinigte, trat in das Gotteshaus und aß zusammen mit seinen Gefährten auf Vorschlag des Priesters die Schaubrote. Wenn der Hohepriester, der aus Liebe und Barmherzigkeit dem hungrigen David zu essen gab, die Gesetze über die Schaubrote übertrat, dann konnten auch die Jünger Christi, die ihren Hunger mit Korn und Ähren stillten, das Sabbat-Gesetz in der Form übertreten, wie es die Pharisäer angenommen hatten. (12,5) Daß jedoch die Pharisäer dieses Gesetz falsch verstanden, zeigt der Herr Christus Selbst, indem Er auf die Priester verweist, die am Sabbat im Tempel Opfer darbrachten, Opfertiere schlachteten, sie enthäuteten, Feuer anzündeten, was durch das Gesetz untersagt war (2 Mos. 35, 3), und dennoch nicht der Verletzung des Sabbat-Gesetzes schuldig befunden wurden (Vers 5). Sie verletzen nicht nur das Gesetz, sondern besudeln den Sabbat, das Gesetz aber hält sie für unschuldig.
12, 6 Doch jemand mag sagen: Das taten die Priester, wogegen Christi Jünger keine Priester waren. Die Jünger Christi aber stehen über den alttestamentlichen Priestern, da der Herr Christus mehr ist als selbst der Tempel. Sie besaßen ein unvergleichlich größeres Recht als die Priester, das Gesetz vom Sabbat außer Kraft zu setzen, denn sie haben als Lehrer Den, Der über dem Tempel steht. Davon zeugt der Heiland, wenn Er verkündet: Ich aber sage sage euch: Hier ist größeres als der Tempel (Vers 6). – Durch diese Frohbotschaft gibt Sich Christus als Gott und Herr zu erkennen, um Dessentwillen der Tempel nur besteht. Dabei ist der Tempel und alles, was dazu gehört, lediglich ein Schatten der Wahrheit – Christi, und deshalb umso geringer als Christus. Wenn es den Priestern des Tempels gestattet ist, am Sabbat Arbeiten zu verrichten, und sie nicht der Übertretung des Gesetzes vom Sabbat schuldig sind, dann können die Jünger der Wahrheit Selbst noch weniger der Verletzung des Sonnabends geziehen werden, die das Sabbat-Gesetz selbst ablösen sollen; sie, die am Sabbat Hunger leiden, reißen die Ähren ab und essen sie2.
12, 7–8 Die Pharisäer formalisierten das Gesetz vom Sonnabend bis hin zur Unmenschlichkeit: der Mensch ist um des Sabbats willen, nicht aber der Sabbat um des Menschen willen. – Der Herr Jesus bringt ein neues gottmenschliches neutestamentliches Maß der Zeit: “der Sabbat um des Menschen willen, nicht aber der Mensch um des Sabbats willen” (Mk 2, 27). Die Pharisäer konzentrierten sich auf äußere Opfer, auf Gepflogenheiten, die durch die Überlieferung festgesetzt waren; für sie gab es keine Barmherzigkeit, keine Gnade für den Nächsten, nicht das, was Gott durch den Propheten Hosea fordert: Barmherzigkeit will Ich, nicht aber Opfer (Hos. 6, 6 = Mt. 12, 7). Hätten sie diese Forderung Gottes erfüllt, so wüßten sie, daß Bermherzigkeit und mitleidende Liebe zum Hungernden über allen althergebrachten Überlieferungen steht, über den Gewohnheiten und Opfern, und sie würden die Hungernden nicht verurteilen, die am Sabbat Ähren abreißen und essen. Daher spricht der Herr zu ihnen: Wenn ihr aber wüßtet, was das ist: „Ich habe Wohlgefallen an der Barmherzigkeit und nicht am Opfer“, hättet ihr die Unschuldigen nicht verdammt (Vers 7), d.h. die Apostel, die über euren Priestern stehen, welche ihr für unschuldig haltet (Vers 5). Sie sind tatsächlich unschuldig, weil das der Vater spricht, der nicht nur über dem Tempel, sondern über dem Sabbat steht, denn der Menschensohn ist der Herr auch des Sabbats (Vers 8), d.h. Er ist der Herr und der Sinngeber der Zeit; Er gibt der Zeit Sinn und Inhalt; Er kam in die Welt der Zeit und des Raumes, um den Sabbat abzuschaffen und ihn durch den Sonntag, den Tag der Auferstehung, zu ersetzen.
12, 9–14 Der Herr des Sabbats quält die Pharisäer, weil sie Ihn am Sabbat messen und Ihn aus Neid angreifen. Er mißt den Sabbat durch Menschenliebe, erfüllt den Sabbat durch Wundertaten, um die Pharisäer zur Vernunft zu bringen: daß der Mensch ein gottebenbildliches Wesen ist und deshalb wichtiger als der Sabbat. Er befreit den Sabbat mutig und furchtlos von formalistischen Überlieferungen, und erfüllt ihn mit menschenliebender Barmherzigkeit, um den Pharisäern zu zeigen, daß der Sabbat um des Menschen willen existiert. Am Sabbat kommt Er in ihre Synagoge (Vers 9), und sie lassen ihrer ganzen Boshaftigkeit und ihrem ganzen Neid freien Lauf. In der Synagoge befindet sich ein Mensch mit einer verdorrten Hand. Die Pharisäer empfinden keinerlei Mitgefühl mit diesem Armseligen, sondern sie sind voll von Boshaftigkeit gegen den Herrn Jesus und fragen Ihn, indem sie sprechen: Soll man am Sabbat heilen? (Vers 10). Sie fragen Ihn, um Ihn anzuklagen (Vers 10), denn die Überlieferungen der Väter verboten, am Sabbat solche Werke der Barmherzigkeit zu vollbringen, wie z.B. die Heilung von Kranken (Lk. 13, 14). Unter anderem zeigt Er ihnen, daß Er ihre Gedanken kennt, das Ziel ihrer Frage weiß. Und Er sagte ihnen: Welcher ist unter euch, wenn er ein einziges Schaf hat und es fällt ihm am Sabbat in eine Grube, der es nicht ergreife und ihm heraushelfe? (Vers 11). Sicher zieht er es heraus, wenn nicht aus Mitgefühl, dann aus Gewinnsucht. Und wenn er es herauszieht, dann übertritt er das Sabbat-Gebot. Doch da der Mensch wichtiger ist als ein Schaf – der Mensch, Ebenbild und Abbild Gottes, euer Bruder im Leibe und Bruder im Leiden. Also, soll man am Sabbat Gutes tun (Vers 12), Gutes für den leidenden Menschen tun, den Kranken und Leidenden auch am Sabbat wie an anderen Tagen der Woche. Da sagte er dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie ward ihm wieder gesund gleichwie die andere (Vers 13). Die Heilung des unseligen armen Kerls mit der trockenen Hand sollte alle in der Synagoge Anwesenden mit Rührung und Freude und Dankbarkeit erfüllen; sie sollte die Seelen aller von Neid und Boshaftigkeit heilen, diesen frevelhaften, geistlichen Krankheiten. Doch anstelle dessen gingen die Pharisäer hinaus und hielten einen Rat über Ihn, wie sie Ihn umbrächten (Vers 14). – Die gotteswidrige Bosheit erstreckt sich bis zum Wahnsinn, strebt danach den Gottmenschen umzubringen. Aber da Jesus das erfuhr, wich Er von dannen (15). Er verbarg Sich nicht aus Furcht, sondern aus dem Wunsch, sie von dieser letzten seelenverderbenden Sünde zu bewahren.

Die Erfüllung der Prophezeiung des Jesajas von Christus Jesus 12,15-21
Während die Pharisäer von Bosheit zerrissen werden, stürmt das Volk begeistert Christus nach. Um jedes Wunder Christi türmen die Pharisäer boshafte Fragezeichen auf und verwerfen stur jegliche Erklärung Christi, wogegen das einfache Volk in seiner gottgesegneten Unkompliziertheit sowohl Christus als auch Seine Wunder mit Dankbarkeit annimmt. Der Evangelist verkündet: Und Ihm folgte viel Volkes nach, und Er heilte sie alle (Vers 15): alle ohne Unterschied; ohne zu fragen und zu untersuchen, wer würdig ist und wer nicht; ohne ein besonderes Bekenntnis des Glaubens an Ihn zu verlangen. Mehr noch, der Herr verbietet die Kunde von Ihm auszubreiten (Vers 16). Die Propheten bekannten und verkündeten Ihn auf von Gott inspirierte Weise. Wer die Zeugnisse der Propheten über Ihn nicht annimmt, wie soll er das Zeugnis einfacher und ungebildeter Menschen annehmen? Sanftmut und Demut – das ist eine feurige Sprache, die Jesus mit lauter und unüberhörbarer Stimme als Messias verkündet, nicht aber Eitelkeit und Ruhmsucht.
Was die Pharisäer schauend nicht sehen und hörend nicht vernehmen, das sah der heilige Prophet Jesaja ohne zu schauen und vernahm es ohne hinzuhören. Sanftmut und Demut – das ist das Herz des Messias Jesus (Mt. 11, 29). Was der christusschauende Jesaja vorhersah, und der Evangelist und Augenzeuge als Vorausgeschautes bezeugte, – das vollzieht sich auf der Erde. Nach dem Wort Gott Vaters durch den Propheten Jesaja: Hier ist mein Diener – ø pa³V mou (mein Kind), welchen Ich selbst im vorewigen Ratschluß als den Retter der Welt auserwählte, Er wird durch Sein sanftmütiges und demütiges Dienen das Gottmenschliche Heilswerk erfüllen (vgl. Eph. 1, 3–6; Hebr. 10, 5–10). Ich habe Ihn erwählt; Er ist Mein Geliebter; nach dem Willen meiner Seele, warum ihr Ihn haßt. Warum haßt ihr Den, Den Gott liebt; warum ist nicht nach dem Willen eurer Seele Der, Der nach dem Willen der Seele Gottes ist? Nicht deshalb vielleicht, weil ihr Gott haßt? Nicht deshalb etwa, weil ihr den Teufel liebt? Ich lege Meinen Geist auf Ihn: bei Seiner Fleischwerdung, bei Seiner Menschwerdung, obwohl Er doch als der Einziggeborene Sohn Gottes ewig den Heiligen Geist hat, ewig einwesentlich mit Ihm ist. Als Mensch empfängt Er den Heiligen Geist und die Gaben des Heiligen Geistes (Mt. 3, 16; Jo. 1, 29–34; vgl. Jes. 11, 2; 61, 1; 42, 1–4), und erweist den Völkern das Gericht, d.h. die Wahrheit, denn der Prophet bezeichnet die Wahrheit gewöhnlich als Gericht”3 Im weiteren Sinne bedeutet Wahrheit: das Gebot, Gesetz; in diesem Fall heißt es: das Gesetz des Evangeliums, die Gesamtheit aller Wahrheiten, der gnadenvollen und gottmenschlichen Wahrheiten. In der Wahrheit ist auch das Gericht enthalten, das zeitliche und ewige Gericht, welches der Messias über alle Völker hält und halten muß (Vers 18). Aber die Frohbotschaft und Freude liegt darin, daß der Richter sanftmütig ist: Er wird nicht hadern noch schreien, und man wird seine Stimme nicht hören auf den Gassen (Vers 19). Nicht nach der Art der Pharisäer wird Er auf den Wegen und Kreuzwegen falschen Ruhm suchen. Seine Werke werden Seine Stimme sein, seine Worte. “Christus wollte ihre Kranken heilen, aber als sie Ihn ablehnten, widersetzte Er sich ihnen nicht einmal darin”4. Seine Sanftmut geht bis zu Göttlicher Allbarmherzigkeit: Er knickt keinen Zweig (Vers 20).
12, 20–21 Aber jeder Mensch ist ein angeknickter Zweig, angeknickt durch die Sünde, und die Schrecken des Lebens, und den Tod. Jeder Mensch ist äußerst schwach im Dornengestrüpp der Sünde und des Todes, und bedarf der Zuwendung Gottes. Ein geknickter Zweig ist der Mensch, jeder Mensch, der von der Sünde geknickt ist: “der irgendeiner Leidenschaft unterworfen ist, aber den Willen Gottes erfüllen möchte”5. Menschen, die von der Sünde angebrochen sind, wird der Messias nicht hart und unbarmherzig brechen, sondern Er wird sie heilen, berichtigen, trösten. Auch die kleinste Flamme der Hinwendung zu Gott wird Er nicht auslöschen, sondern zu einem riesigen Feuer anzünden: den glimmenden Docht wird Er nicht auslöschen (Vers 20). So wird Er immer verfahren: Er wird die Schwachen an Geist und Kranken an Körper heilen, die Gebeugten stützen und die Gefallenen aufrichten: bis daß Er hinausführe das Recht zum Sieg (Vers 20). Durch Sein sanftes und demütiges Wirken wird Er dem Evangelium zum Sieg über die Welt verhelfen, über das All. Durch das Evangelium wird Er jeden Menschen einzeln und die gesamte Schöpfung gemeinsam richten. Seine sanfte Verkündigungs-Tätigkeit wird einmünden in Sein Gericht und Seinen Sieg, denn alles, was im Himmel und auf der Erde ist, wird sich Ihm unterwerfen (1. Kor. 15, 24–28). Doch die Werke der göttlichen Heilsökonomie bleiben nicht auf die Bestrafung der Ungläubigen beschränkt. Im Gegenteil: Der Herr zieht noch die ganze Welt an Sich, denn deshalb ist zugefügt: und die Heiden werden auf Seinen Namen hoffen (Vers 21); d.h. in allen Nöten und Schrecknissen des Lebens werden sie auf Ihn hoffen, werden im Glauben und der Hoffnung auf Ihn Rettung finden, in Todesangst werden sie ihre ganze Hoffnung auf Ihn setzen – den Besieger des Todes.

Die Heilung des Besessenen
und die Rede aus diesem Anlaß 12, 22–37
Nicht nur die Seele, sondern ebenso die Gefühle können besessen sein, von bösen Geistern gelenkt; nicht nur der Geist, sondern genauso auch die Materie kann vom Teufel besessen sein. Das zeigt der Besessene, der blind und stumm war (Vers 22). “Ja, teuflische Bosheit verstellte die beiden Eingänge, durch die dieser Mensch den Glauben erhalten konnte, – das Sehvermögen und das Gehör. Aber der Herr Christus öffnet den einen wie den anderen”6. Und Er heilte ihn, so daß der Stumme und Blinde sprach und sah (Vers 22). Der Teufel hat Macht über die Gefühle, aber der Herr Jesus besitzt Macht über den Teufel und die Gefühle. Diese ist eine Macht, die keinem gewöhnlichen Menschen innewohnt, sondern nur dem höchsten Menschen – dem Gottmenschen. Das empfindet und weiß auch das einfache Volk. In der Heilung des Besessenen erkennt es die messianische Macht und Kraft: Und alles Volk entsetzte sich und sprach: ist dieser nicht Christus, der Sohn Davids? (Vers 23). Doch während so das einfache Volk fühlt und spricht, dessen Herz nicht durch Bosheit gelähmt ist, wird zu gleicher Zeit das Herz der Pharisäer von Boshaftigkeit und Besessenheit zerfressen. Der Evangelist sagt: Aber die Pharisäer, da sie es hörten, sprachen: Er treibt diese bösen Geister nicht anders aus, als durch Beelzebub, den Fürsten der Dämonen (Vers 24). Der Neid würdigt auch Gott zum Beelzebub herab und erklärt die wunderbaren Taten Gottes als teuflische Kraft. Der Neid der Pharisäer gegenüber Christus ist schlimmer als teuflischer Neid, denn die Teufel erklärten niemals Christi Werke mit dem Beelzebub.
Auf die widerliche Verleumdung der Pharisäer antwortet der Herr Christus sanftmütig und offenbart Seine Gottheit, Seine wesenseine Einheit mit dem Heiligen Geist und leitet Seine Kraft aus der Einheit mit Gott ab. Als Gott heilt Er den Stummen und Blinden, als Gott kennt Er auch die Gedanken der Pharisäer, denn es ist gesagt: Jesus wußte aber ihre Gedanken und sprach zu ihnen: jedes Reich, das mit sich selbst uneins wird, das wird verwüstet; und eine jegliche Stadt oder Haus, wenn es mit sich selbst uneins wird, kann nicht bestehen (Vers 25). Jegliche Person, jegliches Ding vergeht, wenn es sich im Wesen teilt, wenn es uneins wird: ein gespaltenes Herz kann nicht leben; in der organischen Einheit liegt die Kraft und Macht und das Leben jeder Persönlichkeit, jeder Sache beschlossen. Ein gewöhnliches Haus, ein gewöhnliches menschliches Reich wird vernichtet, wenn es sich teilt: umso eher wird das Reich der menschlichen Persönlichkeit oder der teuflischen Persönlichkeit oder der Persönlichkeit Christi verwüstet und muß verwüstet werden, wenn es sich spaltet, teilt, uneins wird. Wenn nun Satan den Satan austreibt, so muß er mit sich selbst uneins sein; wie kann dann sein Reich bestehen? (Vers 26). „Wenn ich den Teufel in Mir habe und mit seiner Hilfe andere Teufel austreibe, so weiß ich, daß unter den Teufeln Uneinigkeit und Zwist herrscht, und sie sich gegeneinander auflehnen, dann ist ihre Macht verloren und gestört. Wenn, spricht der Heiland, der Teufel den Teufel austreibt, (Er sagt nicht die Teufel, und zeigt damit, daß zwischen ihnen große Einigkeit herrscht), so ist er selbst mit sich uneins geworden. Wenn er selbst mit sich uneins geworden ist, wie kann er dann einen anderen austreiben?… Ein und derselbe Mensch kann nicht sagen, daß er mächtig ist und Teufel austreibt, und dabei in der Sache Macht hat, in der er die Macht verlieren müßte”7.

12, 27 Seine Gottheit stellt der Herr Jesus unter Beweis, indem Er auf die göttlichen Werke Seiner Schüler verweist, die Söhne des jüdischen Volkes sind. Der Heiland verkündet: Und wenn Ich durch die Kraft Beelzebubs die Dämonen austreibe, mit wessen Macht treiben dann eure Söhne sie aus? (Vers 27). “Schau, mit welcher Sanftmut Er auch hier zu ihnen spricht. Er sagte nicht: Meine Jünger, oder Meine Apostel, sondern eure Söhne – um ihnen, wenn sie sich dem apostolischen Adel nähern wollten, dazu den Anlaß zu geben; wenn sie aber bei der bisherigen Undankbarkeit und Anstandslosigkeit bleiben wollten, – beraubte Er sie jeglicher Ausrede. Seine Worte bedeuten: Wodurch treiben die Apostel Dämonen aus? Sie haben bereits Teufel ausgetrieben, da sie dafür die Macht von Christus empfingen, aber die Pharisäer haben sie dafür nicht angeklagt, denn sie kämpften nicht gegen die Sache, sondern gegen die Persönlichkeit. Da Er zeigen wollte, daß allein der Neid die Ursache ihrer Anklage ist, verweist der Herr Christus auf Seine Apostel. Wenn Ich, wie ihr sagt, die Teufel mit dem Beelzebub austreibe, dann umso mehr sie, welche die Macht dafür von Mir erhalten haben. Aber trotzdem sagt ihr nichts derartiges über sie. Dafür klagt ihr Mich an, Der ihnen solche Macht verliehen hat, wogegen ihr sie von der Anklage befreit. Aber das wird euch nicht von der Strafe befreien, sondern euch einer noch größeren überantworten. Deshalb fügte der Herr auch hinzu: Sie werden euch Richter sein (Vers 27). Wenn Meine Jünger, die aus eurer Mitte stammen und solche Dinge vollbracht haben, an Mich glauben und Mir gehorchen, dann ist klar, daß sie diejenigen richten werden, die Gegenteiliges tun und sprechen”8.
12, 28–29 Der Teufel kann nicht durch den Teufel ausgetrieben werden. Das zeigt der Herr, indem Er auf die Natur des Teufels hinweist. Er vertreibt die Teufel durch den Geist Gottes. Das beweist Er unter Verweis auf Seine Göttlichen Werke: Wenn Ich durch den Geist Gottes die Teufel austreibe, dann ist das Reich Gottes über euch gekommen – das Reich des Heiligen Geistes (Vers 28). Aber ihr wollt darin nicht eintreten. Das Reich des Messias schließt das teuflische Reich aus. Das Austreiben unreiner Geister ist eben das Werk der größten Göttlichen Macht und Gnade des Heiligen Geistes. Wenn Christus das tut, so heißt es: das Reich des Messias ist gekommen. “Der Heiland sagte nicht nur: das Reich Gottes ist gekommen, sondern fügte hinzu: zu euch, als ob er damit sagen wollte: die Zeit unserer Seligkeit ist angebrochen. Was freut ihr euch dann nicht an euren Gütern? Warum kämpft ihr gegen eure Rettung? Ja, jetzt ist die Zeit angebrochen, von der von altersher die Propheten vorhersagten. Seht das Zeichen der Ankunft, das sie predigten: durch die göttliche Kraft werden Teufel ausgetrieben. Der Satan kann jetzt nicht mächtig sein; er ist unausweichlich schwach geworden. Deshalb verkündet der Heiland: Wie kann jemand in eines Starken Haus gehen und ihm seinen Hausrat rauben, es sei denn, daß er zuvor den Starken binde und alsdann sein Haus beraube? (Vers 29). Daß der Satan den Satan nicht austreiben kann, ist aus dem zuvor Gesagten klar; und daß es anders unmöglich ist, den Satan auszutreiben, wenn er nicht zuvor besiegt ist, – auch dem stimmen sie zu. Was bedeuten also die Worte Christi? Nichts anderes als die Unterstreichnung dessen, was zuvor gesagt wurde. Ich wünsche nicht nur, den Teufel nicht zum Verbündeten zu haben, sagt Er gleichsam, – sondern vielmehr bekämpfe Ich ihn und fessele ihn… Die Pharisäer wollten beweisen, daß Er die Teufel nicht durch Seine Macht austreibt; Er dagegen beweist, daß Er mit Seiner Macht nicht nur die Teufel, sondern auch ihren Anführer gefesselt und mit Seiner eigenen Macht besiegt hat… Wenn der Satan der Anführer und die Teufel seine Untergebenen sind, wie ist es dann möglich, sie zu besiegen, ohne den Satan zu besiegen und zu unterwerfen? Christus bezeichnet den Satan als Kräftigen, nicht weil er von Natur aus kräftig ist, sondern er verweist auf seine frühere Macht, die er über uns wegen unserer Nachlässigkeit hatte9.