Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 2

 

Was beinhaltet der Begriff der Seligkeit? Die Seligkeit, sagt der hl. Gregor von Nyssa, umfaßt alles Gute, was in nichts vermindert wird, was mit den guten Wünschen übereinstimmt. Doch der Begriff der Seligkeit wird dann deutlicher, wenn wir ihn mit seinem Gegenteil vergleichen. Das Zeichen der Seligkeit ist unaufhörliche und vollkommene Freude, welche aus der Tugend entspringt. Der Seligkeit entgegengesetzt ist der Zustand der Not. Daher ist die Not ein ständiges Hin- und Hergerissensein in bitteren und schrecklichen Leiden. Daher ist wahrhaftig allselig nur die Gottheit: denn wie auch immer wir Sie uns ausdenken, die Seligkeit ist - reines Leben, unaussprechliches und unbegreifbares Gut, unaussprechliche Schönheit, ursprüngliche Gnade, Weisheit und Kraft, wahrhaftiges Licht, der Quell jeden Gutes, höchste Macht. Einzige, wirkliche, unveränderliche, unaufhörliche Freude; ewiger Frohsinn, über den jemand, der alles sagt, was er dazu sagen kann, noch nichts Richtiges gesagt hat. Da Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat (Gen. 1,27), kann man an zweiter Stelle den Menschen als selig bezeichnen, da er an der wahren Seligkeit teilhat. Die menschliche Natur, die ja ein Abbild der erhabenen Seligkeit ist, wird auch selbst durch hohe Schönheit ausgezeichnet, wenn sie in sich die Züge dieser Seligkeit aufweist. Da jedoch sündiger Schmutz dieses Antlitz seiner Schönheit beraubt, ist Derjenige gekommen, Der uns mit Seinem lebendigen Wasser wäscht, welches in das ewige Leben fließt (Jh. 4,14), damit in uns, wenn wir den Unrat der Sünde abwerfen, das selige Antlitz wieder erneuert wird. (Sermo 1; S. 362-364).
“Als Jesus die Volksscharen sah, stieg er auf den Berg und setzte sich nieder. Seine Jünger traten zu ihm, und er tat seinen Mund auf und lehrte sie.”
Seine Bergpredigt, in der Er ewige und daher immer neue, göttliche Wahrheiten darlegt, hält der Heiland auf dem Berg. Schau, sagt der hl. Chrysostomos, wieweit Christus von Ruhmsucht und Stolz entfernt war. Er führte das Volk nicht mit Sich, sondern wenn es nötig war zu heilen, dann ging Er überall hin, besuchte Städte und Dörfer. Und als sich viel Volkes um Ihn sammelte, setzte Er Sich auf einen Platz und zwar nicht in der Stadt und nicht in der Mitte des Marktplatzes, sondern auf einem Berg, - und dadurch lehrte Er uns, nichts aus Ruhmsucht zu tun, uns von der Betriebsamkeit zu entfernen, besonders wenn es gilt, zu philosophieren und über wichtige Fragen nachzudenken. Als Er sich setzte, traten die Jünger zu Ihm. Siehst du, wie sie in der Tugend fortschreiten, und wie schnell sie sich besserten? Das Volk suchte Wunder, doch die Jünger wollten bereits etwas Erhabenes und Großes spüren. Das führte Christus dazu, Seine Predigt zu beginnen. Er heilte nicht nur Körper, sondern heilte auch Seelen; hier tat Er das eine, dort das andere. Mit dieser Sorge, sowohl um die Seele, als auch um den Leib verschloß Er den Häretikern den schamlosen Mund, indem Er zeigte, daß Er der Urheber jeglichen Lebens ist. So verfuhr Er auch jetzt. Der Evangelist sagt: Er öffnete Seinen Mund und lehrte sie. Warum ist hier hinzugefügt: Er öffnete Seinen Mund? Damit wir erkennen, daß Er auch dann lehrte, wenn Er schwieg, nicht nur wenn Er sprach; Er lehrte, indem Er hier Seinen Mund öffnete und dort durch Seine Werke lehrte. (Sermo 15,1, S. 223; S. 148-9).
Das Volk tritt zu Jesus, sagt der selige Theophylakt, um Wunder zu sehen, die Jünger aber - um Seiner Wissenschaft willen. Nach den wunderbaren Heilungen des Körpers heilt Er auch die Seelen, damit wir erkennen, wer der Schöpfer sowohl des Körpers als auch der Seele ist. Es ist gesagt: Er öffnete Seinen Mund. Ist das etwa überflüssig? Nein, denn Er lehrte, auch wenn Er seinen Mund nicht öffnete. Auf welche Weise? Durch Sein Leben und Seine Wunder. Und jetzt lehrt Er sie, indem Er Seinen Mund öffnete (ibid. ad hoc). Es ist gesagt, sagt der selige Augustinus, daß Er Seinen Mund öffnete, während Er im Alten Testament gewöhnlich den Mund der Propheten öffnete (Sermon on the Mount, Englische Übersetzung, 1, chapter 22, page 2.).

“Selig die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich, selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.”
Der erste Gedanke des Heilands in der Bergpredigt und darin die erste göttliche Tugend, und in der ersten Tugend die erste Seligpreisung heißt: selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Hier geht es um drei Wirklichkeiten: Seligkeit, Armut am Geiste und das Himmelreich, doch sie sind so miteinander verquickt, so abhängig von einander, daß sie eine untrennbare, organische Realität darstellen, eine untrennbare Wahrheit des Evangeliums. Hier ist folgendes wichtig: Arm am Geist ist der Mensch, der mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß sein menschlicher Geist äußerst arm ist, äußerst unvollständig, äußerst erbärmlich, um selbst für sich zu leben, vielmehr bedarf er immer Desjenigen, Der allein reich an Geist ist: Gott. Arm im Geist ist der Mensch, der fühlt, daß nicht einem einzigen Gedanken, nicht einem einzigen Gefühl, nicht einem einzigen seiner Werke Leben oder Erfolg beschieden sein kann, sondern verschwinden und vergehen müssen, wenn sie nicht von Gott genährt werden, nicht von Gott unsterblich gemacht werden. Arm am Geist ist der Mensch, der mit seinem ganzen Wesen fühlt, daß sein ganzer menschlicher Geist äußerst arm gegenüber dem äußerst reichen Geist Gottes, jeder seiner menschlichen Gedanken äußewrst arm gegenüber dem so reichen Gedanken Gottes, und sein ganzes menschliches Leben äußerst arm gegenüber dem allerreichsten Leben Gottes ist, und sich aufrichtig darum müht und quält, seinen Geist durch den Geist Gottes zu erfüllen und zu vervollständigen, seine Gedanken durch Gott zu vervollständigen und zu vollenden, sein Leben durch Gott zu erfüllen und unsterblich zu machen.
Dieses Gefühl geistlicher Armut ist der Anfang des Christentums. Denn es stachelt den Menschen ständig dazu an, sich in Gott zu bereichern (vgl. Lk 12,21).
Doch Gott ist derart reich an allem, was unsterblich und ewig ist, daß der Mensch, soviel er sich an ihm bereichert, immer ein völliger Bettler Ihm gegenüber bleibt. Das bedeutet, daß das Gefühl der geistlichen Armut den Christen ständig auf dem gesamten Weg seiner Vervollkommnung im Evangelium begleitet. Alle Taten und Qualen auf diesem langen Weg erträgt er mit außergewöhnlicher Freude, mit außergewöhnlicher Seligkeit. Denn in dem Gefühl der geistlichen Armut selbst ist das unsterbliche Gefühl außergewöhnlicher Seligkeit enthalten, einer Seligkeit, die nur die geistlich Armen kennen. Das ist eben auch das erste Wunder, welches der wundertätige Herr Christus an Seinen Nachfolgern vollbringt: Die erste Tugend, wenn auch schwer und qualvoll, ist vollkommen von Seligkeit erfüllt, und je mehr der Mensch sich darin übt, umso mehr ergießt sich diese außergewöhnliche Seligkeit durch sein ganzes Wesen. Und daher dürstet der Christ immer mehr nach diesem Leben, diesem seligen Gefühl und nirgends findet dieses Gefühl ein Ende, nirgends nimmt seine Demut ein Ende, ja, seine Demut! Denn ein anderer Name für die geistliche Armut ist: die Demut.
Die Demut ist die grundlegende Tugend und der Anfang aller Tugenden; so wie der Stolz die grundlegende Sünde und der Anfang aller Sünde ist. Man muß noch hinzufügen: Die Demut ist auch die Seele aller Tugenden des Evangeliums. Denn ohne sie wird jede Tugend des Evangeliums zum Laster. Daher ist die Demut die Grundlage des Christentums, auf die der Christ mit Hilfe der übrigen heiligen Tugenden sein ewiges Haus (2 Kor. 5,1) baut. Auf dem Gebiet der Gedanken erscheint die Demut als demütiges Denken (vgl. hl. Johannes Chrysostomos: “Die Grundlage unserer christlichen Philosophie ist das demütige Denken - h tapeinofrosunh”, PG, P 51, col. 215) gegenüber dem Stolz, der auf dem Gebiet des Denkens als stolzes Denken erscheint. Demütiges Denken bedeutet: demütig denken, demütig philosophieren den Geist in den Grenzen von Glaube und Heiligkeit halten (vgl. Röm 12,3). Demütiges Denken verlangt vom Menschen lange und ausdauernde Übung in der Beherrschung der eigenen Gedanken, Gefühle, Stimmungen. Hier umgürtet der Mensch jeden seiner Gedanken und seiner Gefühle und seiner Stimmungen mit dem Feuergürtel der Demut, des Glaubens und des Gebetes, damit sie nicht vom Weg abweichen und sich in den verfänglichen Urwäldern sündiger Genüsse und den verführerischen Nestern lästiger Leidenschaften verirren.
Die Seligkeit der ersten gottmenschlichen Tugend, der Demut, hängt wie auch alle übrigen Seligkeiten, von dem einzig Seligen ab: von unserem Gott und Herrn. Die Demut verbindet den Menschen geistlich mit Gott. Er gießt in des Menschen Seele die Seligkeit durch die Demut und um der Demut willen aus. Auf diese Weise erlebt der Mensch als erste Realität des Evangeliums diese Wahrheit: die erste Seligkeit des Menschen hängt von Gott ab, mit welchem ihn, als dem Quell aller Seligkeiten, geistlich die erste Tugend des Evangeliums verbindet, die Demut. Neben dieser ersten läuft die zweite Wahrheit des Evangeliums einher: die Tugend ist das erste Gefühl, welches den Menschen mit dem Himmel verbindet; es erhebt den Menschen so sehr in den Himmel, daß es selbst das Himmelreich zu seinem Reiche macht. Dies erhöht die Seligkeit der geistlich Armen in unerhörtem Maße. Sie leben wirklich auf der Erde wie im Himmel: denn ihrer ist das Himmelreich. Sie haben noch während des Lebens auf der Erde das Himmelreich und seine Seligkeiten, denn der Herr sagte: ihrer ist das Himmelreich, und nicht: ihrer wird das Himmelreich sein. Das bedeutet; durch Demut wird der Mensch zum Bürger des Himmels, zum Mitbewohner der Engel. Durch sie überträgt er die Grundlage seines Wesens von der Erde in den Himmel, wo weder die Motten der Sünde die ewigen Reichtümer der Seele verderben, noch die Räuber - die Leidenschaften - sie untergraben und stehlen. Die Demut führt ins Himmelreich, ins Himmelreich aller göttlichen Tugenden, durch welche die heiligen himmlischen Wesen, Erzengel und Engel unsterblich leben. Für sie sind die göttlichen Tugenden das einzige Gesetz des Lebens, die einzigen Lebensregeln. Daher sagt der hl. Hilarius zu Recht, daß der Herr in seiner Bergpredigt “die Regeln des himmlischen Lebens vorschlägt” (coelestis vitae praeceptae constituit) (Comment. in Matthaeum cap.IV, P. lat., t.9, col. 931 C.) Denn die Nachfolger Christi sind dazu berufen, auf der Erde Engel zu sein. Das haben die zahlreichen Heiligen in vollem Maße erreicht, welche die Kirche als irdische Engel und himmlische Menschen bezeichnet. Und sie haben dies in erster Linie dadurch erreicht, daß sie die erste selige Tugend des Evangeliums, die Demut, zu ihrer steten und unveränderlichen Grundeinstellung machten.
Wenn die Anstrengung auch groß ist, so erfährt der Mensch doch die Demut als erste himmlische Freude, als erste Seligkeit, in welcher das Himmelreich enthalten ist. Denn die Demut verbindet auf unsichtbare aber sichere Weise die Seele des Demütigen mit dem Herrn Jesus Christus, welcher im Herzen demütig ist (Mt 11,27). Offensichtlich ist die Wahrheit und Realität des Evangeliums. Die Demut ist eine Kraft, eine wundertätige und selige Kraft, die sich aus dem Herrn Christus ergießt und in die Christusträger überfließt. Wenn die göttliche, absolute Demut Körper und Angesicht hat, so ist der Gottmensch Christus sowohl ihr Körper als auch ihr Antlitz (vgl. Phil 2,3-9). In Ihm erfuhr sie ihre Allgültigkeit und ihre Ewigkeit. Als solche vertreibt sie aus dem Menschen die wichtigste schöpferische Kraft der Sünde, den Stolz.
Die Demut hat Gott zum Menschen gemacht (vgl. Phil 2,3-9), damit sie den Menschen nach der Gnade zu Gott mache. Und wo Gott ist, da ist auch der Himmel, und das Himmelreich; da ist das Paradies, denn der Stolz vertrieb den ersten Engel Luzifer aus dem Himmel und verwandelte sein Paradies in die Hölle. Das, was der Stolz mit dem ersten Engel im Himmel tat, tut er auch mit allen Menschen auf der Erde. Sowie er in die menschliche Seele eindringt, in ihr Fuß faßt, verwandelt er ihr Paradies in die Hölle. In der Tat, die Hölle ist nichts anderes, als die absolute Herrschaft des Stolzes, des Stolzes, der Gott nicht will, der Gott haßt, sich von Gott lossagt, des Stolzes, welcher Gott nicht braucht. Wenn man von den menschlichen Verfluchungen sprechen wollte, so wäre dies die erste: verflucht sind die geistlich Stolzen, denn ihrer ist das Reich des Bösen - die Hölle.
Die Erfahrung beweist: die Demut ist die erste Seligkeit für das menschliche Wesen und der Stolz die erste Qual. In anderen Worten, die Demut ist das Paradies, der Stolz die Hölle. Beispiel? Die Heiligen erfahren durch Demut das Paradies auch hier auf der Erde. Die Stolzen aber erfahren durch Stolz die Hölle noch hier auf der Erde. Wenn man so will, so ist der Engel die Verkörperung der Demut, der unsterblichen Demut vor Gott, der Teufel aber die Verkörperung des Stolzes, des unsterblichen Stolzes vor Gott. Daher ist die christusähnliche Demut eine Kraft, mit der der Teufel ungern kämpft. Und wenn er mit ihr kämpft, so kann er sie niemals besiegen. Im Gegenteil, das ist eine Kraft, durch welche der Mensch wie mit der sichersten Waffe den Teufel besiegt. In einer Begegnung hat das der Teufel selbst dem großen Asketen, dem hl. Makarios von Ägypten, zugestanden: du fastest, und ich esse niemals; du wachst, und ich schlafe niemals. Aber es gibt etwas, womit du mich besiegst. Und was ist das? fragte der hl. Makarios. Deine Demut, - antwortete der Teufel betrübt und verschwand.
Die erste Seligkeit des Evangeliums stellt auch das erste Gebot des Evangeliums dar. Das Gebot als Seligkeit, - das ist etwas Neues, nicht wahr? Ja, vollkommen Neues. Selig zu sein in der Askese selbst, in der Erfahrung selbst, in der Tätigkeit selbst, sei sie auch schwer und sehr schwer, sei sie qualvoll und sehr qualvoll - das ist die Neuigkeit der rettungbringenden Tugenden des Gottmenschen. Die Demut, die erste Tugend des Evangeliums, ist auch die erste asketische Handlung und Erfahrung und Tätigkeit. Da der Christ sie immer braucht, muß er sie ständig erfahren als eine unaufhörliche Askese und stetige geistliche Tätigkeit. Das heißt: diese Tugend hat einen Anfang, doch kein Ende. Und wahrlich, der Mensch erlebt durch sie seine erste Unsterblichkeit, seine erste Ewigkeit, denn er schafft in sich ein Gefühl, eine Haltung, die unsterblich, ewig andauern wird. Zur gleichen Zeit erstreckt sich der Mensch durch sie auf die ganze Welt, auf den ganzen Himmel, auf das ganze Himmelreich; er wird unendlich, unbegrenzt. Das ist seine erste Unbegrenztheit, daher seine erste Unendlichkeit. Und das ist keine schwarze Unbegrenztheit, keine dunkle Unendlichkeit, sondern eine lichte, liebliche, göttliche, von Christus ausgehende.
Das erste Wort in der Bergpredigt ist: selig. Vorher wußten die Menschen nicht, was wahre Seligkeit ist. Sie waren verflucht. Denn überall um sie herum, über ihnen und unter ihnen, und vor ihnen war eine Unzahl von Sünden, zahllose Arten des Todes. Und unter ihnen, und gefangen von ihnen, können die Menschen da selig sein? Sicher nicht, solange sie ihnen fröhnen. Aber damit die Menschen sich in dieser Welt selig fühlen, müssen sie zuerst ihre Gefühle mit dem Gefühl Christi für diese Welt vereinen. Das ist die einzige Art, auf die die Verfluchten der Sünde und des Todes dieses Leben und diese Welt als Seligkeit empfinden können. Ihnen wird unendlich viel gegeben und unendlich wenig von ihnen gefordert. Was? Daß sie ihre Seele und ihr Herz vor Christus unserem Gott demütigen, und danach vor allen Menschen und vor allem Geschöpf. Einen anderen Ausweg aus der Hölle der allgemeinen menschlichen Verfluchtheit gibt es nicht. Man braucht sich nichts vorzutäuschen: nichts, was Gottes ist, nichts Paradiesisches, nichts Himmlisches, nichts Seliges kann man in dieser Welt erfahren oder erreichen oder haben ohne Demut. Demut ist alles, was in der ersten Seligpreisung gesagt ist, wirkliche göttliche Wahrheit. Selig sind die Armen am Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich.
In seiner Erklärung zur ersten Seligpreisung fragt der gottweise Frohbotschafter, der hl. Johannes Chrysostomos: Was bedeutet arm im Geist? Und er antwortet: Das bedeutet demütigen und zerknirschten Herzens sein. Als Geist bezeichnete der Heiland die Seele und die Geisteshaltung des Menschen. Doch warum sagte Er nicht demütig, sondern arm? Weil dieses andere Wort gehaltvoller ist, als das erste. Als Arme bezeichnet Er hier diejenigen, die die Gebote Gottes fürchten und vor ihnen zittern. Sie bezeichnet Gott durch den Propheten Jesaias auch als Ihm Wohlgefällige, indem Er sagt: Auf wen werde ich schauen? Auf den Armen und den Zerknirschten im Geiste und jenen, der vor Meinen Worten zittert (Jes. 66,2). Die Demut hat viele Stufen: einige sind gemäßigt demütig, andere dagegen sehr. Diese zweite Art der Demut preist auch der selige Prophet, wenn er bei der Beschreibung eines nicht nur einfach demütigen Herzens, sondern sehr zerknirschten Herzens sagt: “Mein Opfer, Gott, ist ein zerbrochener Geist, ein ganz gebrochen und zerknirschtes Herz” Ps. 50,19). Solche Demut nennt hier auch Christus selig. Alle die größten Übel, die das ganze Weltall bedrängen, sind aus Stolz entstanden. So wurde auch der Teufel, der früher nicht so war, aus Stolz zum Teufel. So fiel auch der erste Mensch, verführt vom Teufel durch falsche Hoffnung, und wurde sterblich. Er hoffte, Gott zu werden, und verlor dadurch auch das, was er hatte. So verfiel auch jeder nach Adam, der von seiner Ebenbürtigkeit mit Gott träumte, in Gottlosigkeit. Da also der Stolz das höchste aller Übel ist, die Wurzel und Quelle jeder Gottlosigkeit, bereitet der Heiland ein Heilmittel, welches der Krankheit entspricht, und stellt dieses erste Gesetz als feste und unfehlbare Grundlage auf. Auf dieser Grundlage kann man ohne Gefahr auch alles übrige aufbauen. Wenn diese Grundlage nicht vorhanden ist, dann wird der Mensch, selbst wenn er sich durch sein Leben bis zum Himmel erhebt, leicht alles verlieren und ein schlechtes Ende nehmen. Mag der Mensch sich auch durch Fasten, Gebet, Almosen, Keuschheit oder irgendeine andere Tugend auszeichnen, all dies wird ohne Demut zerstört und zerfällt. So geschah es mit dem Pharisäer. Nachdem er sich bis auf die Höhe der Tugend erhoben hatte, fiel er von ihr herab und verlor alles, denn ihm fehlte die Demut - die Mutter aller Tugenden. So wie der Stolz der Quell jeglicher Gottlosigkeit ist, so ist die Demut der Anfang jeglicher Frömmigkeit. Daher beginnt Christus, Der den Stolz mit der Wurzel aus der Seele der Hörer herausreißen will, mit der Demut (Sermo 15, 1,2, S.223-4, S.147-150).
Anläßlich der ersten Seligpreisung sagt der hl. Gregor von Nyssa: Wer freiwillig von allem Laster arm geworden ist und in seiner Schatzkammer nicht einen einzigen teuflischen Wertgegenstand versteckt hat, sondern im Geiste entbrannt ist, der befindet sich nach den Worten unseres Herrn Jesus Christus in seliger Armut, deren Frucht das Himmelreich ist. Unser Herr sagt: Selig sind die Armen im Geiste. Wir sagten und wiederholen wieder: Das Ziel des tugendhaften Leben ist die Ähnlichwerdung mit Gott. Aber der Leidenschaftslose und Reine ist für die Menschen vollkommen unnachahmbar, denn ein leidenschaftliches Leben kann nicht der Natur ähnlich werden, welche in sich keine Leidenschaft zuläßt. Wenn nur allein Gott selig ist, so wie der Apostel das sagt (1 Tim. 6,15), die Menschen aber die Möglichkeit der Teilnahme an der Seligkeit in der Ähnlichwerdung mit Gott finden, - so ist die Nachahmung äußerst schwer, und daraus folgt, daß im menschlichen Leben die Seligkeit unerreichbar ist. Aber auch in der Gottheit gibt es etwas, was diejenigen, die es wünschen, nachahmen können. Was ist das? - Geistliche Armut. So nennt die Heilige Schrift freiwillige Demut. Als Beispiel dafür zeigt der Apostel die Armut Gottes, die Armut Christi, indem er sagt: “Wie Er, der Reiche, um euretwillen sich arm gemacht hat, damit ihr durch Seine Armut reich würdet” (2. Kor. 8,9). Da also alles übrige, was sich auf die göttliche Natur bezieht, das Maß der menschlichen Natur übersteigt, die Demut dagegen etwas uns Natürliches ist, die wir auf der Ende wandeln, von Erde gemacht sind und in die Erde zurückkehren, daher kleidet sich auch der Mensch selbst, der sich Gott ähnlich macht, in dasjenige, was für ihn natürlich und möglich ist, in seliges Gewand. Es mag auch niemand meinen, daß der Fortschritt in der Demut leicht und ohne Anstrengung erreicht werden kann. Im Gegenteil, das ist schwerer als jegliches andere Unterfangen in der Tugend. Woher das? Daher, daß der Feind unseres Lebens, wenn der Mensch einen guten Samen in sich aufnimmt und einschläft, in uns den wichtigsten entgegengesetzten Samen zieht: den Keim des Stolzes. Denn womit er sich selbst auf die Erde warf, damit zieht er auch das arme Menschengeschlecht in den allgemeinen Fall; und für unsere Natur gibt es kein anderes Laster, wie diese Krankheit, die durch den Stolz hervorgerufen wird. Da die Leidenschaft des Stolzes fast jedem, der zum Menschengeschlecht gehört, eigen ist, beginnt Er an dieser Stelle auch die Seligpreisungen: wie ein Urübel reißt er den Stolz aus unseren Gewohnheiten, dadurch daß Er uns rät, dem freiwillig arm Gewordenen ähnlich zu werden, der wahrhaftig selig ist, damit wir, soweit wir können, und soweit wir Kraft haben, Ihm in freiwilliger Armut ähnlich werden und so an der Seligkeit teilhaben. Es ist gesagt: "Ein jeglicher sei gesinnt wie Jesus Christus auch war: welcher, ob Er wohl in göttlicher Gestalt war, nahm Er's nicht als einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an" (Phil. 2,5-7) - Gibt es etwa ein größeres Armwerden als dieses: Gott nimmt die Gestalt des Knechtes an? Gibt es etwa größere Demut als diese: Der König aller Geschöpfe tritt in Gemeinschaft mit unserer ärmlichen Natur? Der König der Könige und der Herr der Herren kleidet sich freiwillig in die Kleidung des Knechtes: der Herr der Schöpfung verweilt in der Höhle; der Allherrscher findet keinen Platz in der Herberge, sondern man legt ihn in die Krippe unvernünftiger Tiere; der Reine und Allheilige nimmt den Schmutz der menschlichen Natur auf Sich, nimmt auch all unsere Armut an, erträgt sogar den Tod. Seht ihr das Maß der freiwilligen Armut? Das Leben erfährt den Tod; den Richter führt man vor Gericht; der Herr des Lebens aller Schöpfung unterwirft sich der Verurteilung des Richters; der Herrscher jeglicher überkosmischer Kraft wendet von Sich nicht die Hand des Henkers ab. Darin sagt der Apostel, müssen wir das Maß der Demut erkennen (Über die Seligpreisungen, Sermo 1; S. 365, 366-8).
Es gibt aber ebenso eine andere Art der Armut, meint dieser heilige Denker, die zur Erreichung des Himmelreiches dient: Der Herr sagt: “Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben” (Mt. 19,21). Auch eine solche Armut ist nicht weit von der Armut in der ersten Seligpreisung. “Wir haben alles verlassen und sind Dir gefolgt - was wird uns also zuteil werden?” (Mt. 19,27). Was für eine Antwort gibt es darauf? Selig sind die geistlich Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Geistlich arm sind diejenigen, die körperlichen Reichtum durch seelischen Reichtum ersetzen, die irdischen Reichtum von sich abschütteln wie eine Last, um erhöht und erleichtert in die Höhe zu fliegen zu Gott. Wie man das erreicht, zeigt der Psalmensänger: “Er streut aus und gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich; sein Horn wird erhöht mit Ehren” (Ps 111,9). Wer in die Gemeinschaft mit den Armen getreten ist, hat für sich dasselbe ausgesucht wie Jener, Der um unseretwillen arm wurde. Der Herr wurde arm, damit auch wir uns nicht vor der Armut fürchten. Aber Jener, Der um unseretwillen arm wurde, herrscht über der gesamten Schöpfung. Daher, wenn du mit dem arm Gewordenen arm geworden bist, dann wirst du mit dem Herrschenden herrschen. Denn selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich (ibidem, S. 373—4).
Der Herr sagte nicht, meint Zigaben, Selig sind die Armen an Besitz, sondern: selig sind die Armen im Geiste, d.h. diejenigen, die aus freiem Willen und mit ganzer Seele demütig sind. Hier wird der Demütige als arm bezeichnet; arm = ptocwV kommt von katepthcenai , was bedeutet: sich fürchten. Denn der Demütige - o tapeinojrwn - fürchtet immer Gott, wie einer, der Ihm niemals gefällig gewesen ist. Schau, welche Grundlage Er seiner Lehre setzte! Denn nachdem der Hochmut - h hyhlojrosunh - sowohl den Teufel ins Verderben stürzte als auch den Erstgeschaffenen (Adam), der durch das Essen von der verbotenen Frucht Gott werden wollte, aus dem Paradies vertrieb und zur Wurzel und Quelle allen Übels wurde, verschreibt der Herr dagegen als Arznei die Demut und macht sie zur Wurzel und Quelle der Tugenden (ibid. Kap. 5, Vers 3; col. 189 c). In der Demut des Geistes beschloß der Herr die Grundlage der vollkommenen Seligkeit (hl. Hilarius, Comment. in Matth. cap. 4,2; col. 932 a).