Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999,3

 

Kapitel 13
Das Gleichnis vom Sämann und vom Samen
(13, 1–23)
13, 1–2 Um Sich und Seine Lehre zu erklären, übersetzt der Heiland alles bisher Gesagte in Gleichnisse. Er sprach durch wunderbare Werke wie niemand vor Ihm. Aber übelgesinnte Juden überschütteten Ihn mit Lästerungen und Verleumdungen. Er offenbarte ihnen das Geheimnis Seiner Persönlichkeit, aber sie verwarfen auch dies. Er ist unermüdlich in der Menschenliebe, sie aber sind unermüdlich im Kampf gegen Gott. In Ihm gibt es etwas, was nicht nur die Gott Liebenden anzieht, sondern auch die Gotteshasser. Um Ihn drängte sich viel Volk (Vers 2), doch Er, Der Gütige und Sanftmütige, sitzt am Meer (Vers 1) und denkt einen Gedanken so groß wie die Welt. Er möchte, von welcher Seite auch immer, in die menschliche Seele eindringen, um sie für alles Göttliche und Ewige und Gottmenschliche zu öffnen, um sie von der dämonischen Einsamkeit und tödlichen Verworfenheit von Gott zu retten. Er führt in die Natur übernatürliche Geheimnisse des Himmlischen Reiches ein; das Übernatürliche kleidet Er in Natürliches; alles Geheimnisvolle des Himmels sammelt Er in ein Weizenkorn. Für die Erde und die Menschen auf ihr stellt das Himmelreich nichts Unnatürliches dar, sondern etwas so Natürliches wie ein Weizenkorn.
13, 3 Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen (Vers 3): aus der Umarmung Seines Himmlischen Vaters geht der Himmlische Sämann, der Sohn Gottes hervor, um in den menschlichen Seelen den Samen der Wahrheit Gottes zu säen, der Gerechtigkeit Gottes, der Liebe Gottes, des Göttlichen Lebens. Er geht hervor, um zu säen – überall: in allen Seelen, auch in deiner, und in den Seelen aller Menschen. Hast du sie für die Saat vorbereitet? Du weißt, was der Aussaat vorangeht. Er wird auch auf deinem steinigen Boden säen, auf deinen Dornen, und auf deinen Wegen, und auf guter Erde. Das ist das Zeichen Seiner unermeßlichen Liebe zu dir, und deiner furchtbaren Faulheit dir gegenüber. Ihm ist Sein himmlischer Same nicht zu schade, warum kümmerst du dich nicht um deine gottebenbildliche Seele, die sinnlos und ziellos ist, wenn in ihr nicht der himmlische Samen gesät wird.
13, 4 Und indem er säte, fiel etliches an den Weg; da kamen die Vögel und fraßen es auf (Vers 4; vgl. Vers 19). Der Himmlische Sämann sät denselben Samen in der ganzen Seele; in all ihren Gegenden und Enden. Aber das Schicksal des gesäten Samens hängt von der Qualität des Grundes ab, auf den er gesät wird. An den Weg – das sind faule Leute und unaufmerksame, die den Boden ihrer Seele nicht mit dem Pflug der Buße und des Eifers bearbeitet haben. Der Samen des Himmlischen Sämanns bleibt auf der steinigen Kruste ihrer Seele, bleibt stets außen, und die Vögel picken ihn leicht auf. Die Vögel – das sind die Dämonen1.
13, 5–6 Etliches fiel auf das Felsige, wo es nicht viel Erde hatte, und ging bald auf, darum daß es nicht tiefe Erde hatte (Vers 5): fiel auf Seelen, die von Untätigkeit versteinert sind, deren Oberfläche wenig durchpflügt ist. Und ging bald auf, weil es an der Oberfläche war und ihre dünne Kruste leicht durchstieß, also nicht in die Tiefe der Seele durchgedrungen ist, um den Weg an die Oberfläche lang und schwer zu gestalten, und somit die Wurzel tiefer und kräftiger. Die Seele ist steinig; wie kann die Wurzel in den Stein eindringen? Die Seele – das ist die Arena der Versuchungen, die erste stärkere Versuchung verbrennt das aufbrechende Korn. Als aber die Sonne hoch stieg, verwelkte es, und weil es nicht Wurzel hatte, ward es dürre (Vers 6). Unter der Sonne muß man die Versuchungen verstehen, die die Menschen zeigen, wie sie sind, und wie die Sonne beleuchten sie das, was verborgen ist”.
13, 7–22 Etliches fiel unter die Dornen; und die Dornen wuchsen auf und erstickten es (Vers 7): fiel in vernachlässigte Seelen, die mit den Dornen der Leidenschaften und alltäglichen Genüsse verwachsen sind, und die Leidenschaften und Genüsse haben sich aufgebläht und haben die himmlischen Knospen erstickt. Vielzählige Sorgen um zweitrangige Dinge – das sind gefährliche und tödliche Dornen für den himmlischen Samen, und er trägt keine Frucht (Vers 22).
13, 8 Etliches fiel auf ein gutes Land und trug Frucht, etliches hundertfältig, etliches sechzigfältig, etliches dreißigfältig (Vers 8): fiel in Seelen, die vom Glauben und den übrigen Tugenden des Evangeliums bearbeitet und für die Aussaat vorbereitet sind. Die am besten bearbeiteten gaben die größte Ernte, die weniger bearbeiteten gaben eine mittlere Ernte, und die am wenigsten bearbeiteten gaben die geringste Frucht.
13, 9 Dieses geheimnisvolle Gleichnis beendet der Heiland mit einer besonderen Warnung: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Vers 9). Also: das Gleichnis hat einen tiefen gottmenschlichen Sinn, es zeichnet das Schicksal der ganzen Lehre Christi in der irdischen Welt nach: nur ein vierter Teil der Samen reift, dreiviertel gehen unter. Der Grund: die Qualität der Erde = der menschlichen Seelen, die nach ihrem freien Willen den Herrn Christus und Seine Gottmenschliche Heilsökonomie entweder annehmen oder ablehnen. Die Apostel nahmen sie an und fühlten, daß das Volk das Gleichnis vom Sämann und vom Samen nicht versteht. Deshalb wenden sie sich auch an ihren Lehrer mit der Frage: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es auch nicht (Vers 10–11). Euch ist es gegeben: euch – die ihr alles um Meinetwillen verlassen habt und ständig bei Mir seid; die ihr eure Seele mit dem Pflug der Buße durchpflügt habt; euch – deren Herz nicht von Unglauben versteinert ist, nicht von den Dornen der Sündenliebe verwachsen, Mir gegenüber nicht gleichgültig geblieben ist; euch – die ihr in Glauben und Liebe eifrig dem Geheimnis des Gottmenschen folgt; euch als solchen – ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben; aber Ihnen ist nicht gegeben: die “draußen sind” (Mk. 4, 11); ihnen – den vom Gottmenschen und Heiland durch Nachlässigkeit oder Unglauben Entfernten; ihnen – die von Ihm weit weg sind. Denn diejenigen, die “außen” sind, außerhalb der Seele Christi, außerhalb des Reiches Seiner Persönlichkeit, wie können sie wissen, was im Gottmenschen Christus vorgeht, in Seiner Seele? Sie sind “Außenstehende” für alles, was Christus betrifft, sie wollen nicht durch ihre Anstrengung in Seine gottmenschlichen Welten eingehen; wünschen nicht, richtig Seine Werke und Seine Persönlichkeit zu verstehen. Wenn der gütige Herr ihnen durch wunderbare Taten und klare Worte die Geheimnisse Seines Himmelreiches offenbart, schreien sie Ihn an: in Ihm ist Beelzebul; Er treibt mit Hilfe des Beelzebul Teufel aus (Mt 12, 24; Mk 3, 22).
13, 12 Die Kenntnis der Geheimnisse Christi – das ist eine Gabe, die angeboten, aber niemandem aufgezwungen wird. Sie wird dem gegeben, der sich durch die Askese des Glaubens an Christus annähert, der sich in Seine gottmenschlichen Welten einbringt, der durch das Dornengestrüpp der Leidenschaften und der Sündenliebe nicht das Wort Christi erstickt; der durch Untätigkeit und Nachlässigkeit nicht die Gabe Christi mißachtet; der sich über dem Samen der himmlischen Wahrheiten müht, die von Christus in seiner Seele ausgesät sind; der ihn pflegt, umsorgt und wachsen läßt: Denn wer da hat, dem wird gegeben, daß er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird auch genommen, was er hat (Vers 12). Zigaben verkündet: Wer Glauben hat, dem wird reichliche Kenntnis der Geheimnisse gegeben; wer aber keinen Glauben hat, von dem wird auch die Gabe genommen, die er von Gott hat3. Jeder Mensch hat als Geschöpf Gottes eine wertvolle Gabe von Gott: das ist die gottebenbildliche Seele. Aber auch diese Gabe wird von dem genommen, der nicht an Christus glaubt. “Wer sich selbst müht und die Gnadengaben zu erreichen strebt, dem schenkt Gott alles, aber wer diesen Wunsch und dieses Streben nicht besitzt, dem bringt selbst das keinerlei Nutzen, was er hat, und Gott gibt ihm Seine Gaben nicht”4.
13, 13 Die dem Volk unverständlichen Geheimnisse Seines Gottmenschlichen Reiches übersetzt der Herr Christus in Gleichnisse, in sehr natürliche Gleichnisse, paßt sie dem Verständnis des Volkes an, damit sie möglichst leicht verstanden und aufgenommen werden können. Deshalb spricht Er ihnen in Gleichnissen. Denn mit sehenden Augen sehen sie nicht, und mit hörenden Ohren hören sie nicht; und sie verstehen es auch nicht (Vers 13). Angesichts der gottmenschlichen Taten Christi sehen sie in ihnen nicht den Heiligen Geist; während sie die gottmenschlichen Wahrheiten Christi hören, hören sie Gott nicht in ihnen. Deshalb verstehen sie auch Christus und Seine Taten und Seine Worte nicht. Schauend sehen sie nicht, denn sie haben die Augen ihrer Seele durch gotteswidrige Bosheit geblendet; und horchend hören sie nicht, denn sie haben ihre Ohren durch christusfeindliche Lästerungen betäubt. Und ihre Blindheit und Taubheit – das ist das Werk ihres freien Willens, aber nicht der Vorbestimmung Gottes. 13, 14–15 Und an ihnen wird die Weissagung Jesajas erfüllt, die da sagt: Mit den Ohren werdet ihr hören und werdet es nicht verstehen; und mit sehenden Augen werdet ihr sehen und werdet es nicht erkennen. Denn dieses Volkes Herz ist verstockt, und ihre Ohren hören übel, und ihre Augen schlummern, auf daß sie nicht etwa mit den Augen sehen und mit den Ohren hören und mit dem Herzen verstehen und sich bekehren, und Ich ihnen hülfe (Vers 14–15=Jo. 6, 39). Der heilige Chrysostomos verkündet: Sie sind also selbst daran schuld, daß sie nicht verstehen, denn sie betäubten ihr Gehör, verschlosssen die Augen, ließen ihr Herz gefühllos werden. Und das haben sie dafür getan, daß sie sich Mir nicht um der Heilung willen zuwenden. Es versteht sich, daß der Herr damit zeigt, daß sie sich umwenden können und gerettet werden, wenn sie Buße tun5.
13, 16–17 Im Gegensatz zum Volk sehen die Apostel durch Glaube und Liebe das, was die anderen böswilig nicht sehen wollen, und hören das, was die anderen absichtlich nicht hören wollen, und mit gottliebendem Herzen verstehen sie das, was andere mit gottwidrigem Herzen nicht verstehen. Deshalb spricht Gott auch zu ihnen: Aber selig sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören. Wahrlich, Ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben begehrt zu sehen, was ihr sehet, und haben es nicht gesehen und zu hören, was ihr höret, und haben es nicht gehört (Vers 16-17). Selig sind die leiblichen Augen der Apostel, selig auch die Ohren; aber viel würdiger der Seligkeit sind ihre geistlichen Augen und Ohren, die Christus erkannt haben. Der Herr stellt die Apostel über die Propheten, weil sie auch physisch – swmatikŽV – Christus schauten, die Propheten jedoch nur in Gedanken – noerŽV – und weil die Propheten nicht so vieler Geheimnisse und so großen Wissens gewürdigt wurden wie die Apostel. In zwei Dingen überragen die Apostel die Propheten: das eine besteht darin, daß sie Christus physisch sahen, das andere – daß sie die Göttlichen Geheimnisse wesentlich geistlicher verstanden”6.
13, 19 Seinen treuen Jüngern eröffnet der Herr Jesus die geheimnisvolle Bedeutung des Gleichnisses vom Sämann und dem Samen: Wenn jemand das Wort von dem Reich hört und nicht versteht, so kommt der Arge und reißt hinweg, was da gesät ist in sein Herz; das ist der, bei dem an den Weg gesät ist (Vers 19). „Zu jedem“ – ohne Ausnahme kommen die Teufel; “ Zu jedem” – der das Wort Christi gehört, aber es nicht zum Inhalt seines Lebens gemacht hat, seines Geistes, seines Verstandes, sondern es außen gelassen hat, am Rand des Weges seines Lebens, sich nicht darum kümmert, es nicht bewahrt. “Am Rande des Weges” ihres Lebens halten Christus und Sein Wort all diejenigen, die Ihm gegenüber gleichgültig sind; die Ihn und Seine Lehre nicht schätzen; die nicht auf den Teufel achten, der das Gesäte stiehlt und fortträgt. Nach dem seligen Theophylakt ist Christus der Weg; am Rande des Weges sind die, die außerhalb Christi sind – ™xw to¨ Cristo¨, die nicht auf dem Weg, sondern außerhalb des Weges sind7. Nach Zigaben bedeutet “das Wort von dem Reich”: das Wort Gottes, das Wort des Glaubens, denn das Reich – das ist auch der Glaube. Wer glaubt, der herrscht über die Leidenschaften und herrscht (ist Mit-Herrscher) mit Christus. Und die Worte: “und nicht versteht” bedeuten: und nimmt das Wort nicht in der Tiefe des Herzens auf; der Arge – das ist der Teufel8.