Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 4

13, 20–21 Bei dem aber auf felsigen Boden gesät ist, das ist, der das Wort hört und es gleich mit Freuden aufnimmt; aber er hat keine Wurzel in sich, sondern er ist wetterwendisch; wenn sich Bedrängnis oder Verfolgung erhebt um des Wortes willen, so nimmt er gleich Ärgernis (Vers 20–21). – In der Sprache Christi ist der Stein – ein Mensch, der sich für kurze Zeit an Seinem Wort begeistert, es jedoch nicht in die Tiefe seines Wesens einführt, in das Heiligtum seiner Seele, und es kann in ihm keine tiefen Wurzeln schlagen; und wenn er um des Wortes Christi willen verfolgt wird, nimmt er sogleich Anstoß an Christus und sagt sich sofort von Ihm los. Ein solches Christentum ist Christentum ohne Wurzeln. Kein Baum kann Früchte tragen, wenn ihm die Wurzel fehlt.
13, 22 Bei dem aber unter die Dornen gesät ist, das ist, der das Wort hört, und die Sorge der Welt und der betrügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht (Vers 22). – Unter Dornen werden hier die Sorgen dieser Welt verstanden, der Trug des Reichtums, der Genußsucht, des Sich-Auslebens, der Leidenschaft. All dies zerfrißt die Seele, lähmt, tötet ihre Kräfte, und sie gibt dem göttlichen Samen nichts. Die Sorge um diese Welt bringt keine Nahrung für das ewige Leben, und bleibt unfruchtbar. Die Dornen der Seele saugen die Seele aus, trinken ihre Kräfte, während dem Wort Christi nichts anderes verbleibt, als in diesem Dornengestrüpp zu ersticken und unfruchtbar zu bleiben. Der heilige Chrysostomus frohbotschaftet: “Denn wenn auch der Teufel es rauben will, es steht doch in unserer Macht, es uns nicht rauben zu lassen. Der Herr Christus sagte nicht: die Welt, sondern: Die Sorge für die Welt. Er sagte auch nicht der Reichtum, sondern: Der Trug des Reichtums. Schieben wir also die Schuld nicht auf die weltlichen Geschäfte, sondern auf unsere eigene verkehrte Gesinnung. Denn man kann auch reich sein, ohne sich täuschen zu lassen, und kann in dieser Welt leben, ohne von Sorgen erdrückt zu werden. Treffend sagte auch der Herr: Die Täuschung des Reichtums. Denn im Reichtum ist alles Täuschung; er ist nur ein Name, dem nichts Wirkliches zugrunde liegt. Auch die Lust, der Ruhm, der Schmuck und all diese Dinge sind ja nur Einbildung, nicht Wahrheit und Wirklichkeit”1.
13, 23 Bei dem aber auf gutes Land gesät ist, das ist, der das Wort hört und versteht und dann auch Frucht bringt; und der eine trägt hundertfach, der andere sechzigfach, der dritte dreißigfach (Vers 23). Gutes Land – das ist ein Mensch, der seine Seele mit dem Pflug des Glaubens und der Buße umgepflügt hat, aus ihr die Dornen der Leidenschaften und der Sorgen dieser Welt ausgejätet hat, und das Wort Christi in die Tiefe seiner Seele aufgenommen, entwickelt und aufgezogen hat. Gutes Land – das sind jene, die das Wort hören und es “in gutem und reinem Herzen bewahren”, rein von Dornen und Leidenschaften und Genüssen, “in Geduld Frucht bringen” (Lk 8, 15), d.h. sich in den heiligen Tugenden üben.
Aber woher stamt der Unterschied in der Menge der Frucht? der Same ist ein und derselbe; der menschenliebende Herr ist Ein und Derselbe für alle und gegenüber allen, und über allen sät Er denselben Samen gottmenschlicher Wahrheiten aus. Aber die Erde ist nicht gleich: hier sind Steine, dort etwas Dornen, und an manchen Stellen gar nichts. Darin besteht auch der Unterschied in der Menge der Frucht. Doch welcher Art ist das Verhältnis zwischen Samen und Erde, zwischen dem Wort Christi und der menschlichen Seele? Der Same muß sich auflösen, vermengen, im Herzen sterben, denn wenn er nicht stirbt, nachdem er mit dem Herzen eins geworden ist, wird er Leben aus dem Herzen saugen; und allmählich wächst er und reift durch die christusähnlichen Tugenden und heiligen Mysterien, bis er schließlich heranreift und Frucht bringt. Ein Viertel des ausgesäten Samens ist erhalten, aber es hat nicht gleichmäßig Frucht gebracht, sondern auch hier besteht ein großer Unterschied. Aus dem Gleichnis ist klar, daß der Herr Christus Seine Lehre allen ohne Unterschied vorlegt: Armen und Reichen, Gelehrten wie Einfältigen, Guten und Bösen, und überhaupt allen Menschen, obwohl Er doch von vorneherein weiß, welche Frucht entsteht. Mit all diesem sagt der gütige Herr gleichsam dem Menschengeschlecht: Was hätte Ich als Gottmensch und Heiland für das Menschengeschlecht tun sollen, was Ich nicht getan hätte?

DAS GLEICHNIS VOM WEIZEN
UND DER SPREU (13, 24–30)
Das Geheimnis von Gut und Böse übersteigt alle geistigen Kräfte des Menschen. Seine Erklärung liegt jenseits des Menschen, jenseits seines Geistes und Verstandes, sie fügt sich nicht dem Menschen oder der Menschheit. Es gehört zum Gottmenschen. Nur der Mensch gewordene Gott sagt dem Menschen dieses Geheimnis. Spricht: durch Seine Gottmenschliche Persönlichkeit, Seine Gottmenschliche Askese und Seine Gottmenschliche Lehre. Durch Seine Frohbotschaft von diesem Geheimnis antwortet Er auf die quälende Frage: woher stammt das Böse in der Welt. Er antwortet in erster Linie durch das Gleichnis vom Weizen und der Spreu.
13, 24 Das Himmelreich gleicht einem Menschen, der guten Samen auf seinen Acker säte (Vers 24). – Das Himmelreich – das ist der Herr Christus Selbst: Mensch geworden, hat Er das Himmelreich auf die Erde herabgebracht. Doch obwohl sie unter der Gewalt der Sünde und des Todes liegt, bleibt die Erde doch immer noch Gottes Schöpfung, Gottes Acker, Gottes Feld. Alles Gute auf der Welt ist vom Herrn Christus; Er hat die Welt mit unzähligem Gut übersäht; die Welt gehört Ihm; und Er sät Sein gottmenschliches Gut auf der Erde wie auf Seinem Acker aus, auf Seinem Feld. Dieses Feld aber, dieser Acker – das sind zuvörderst die menschlichen Seelen, menschlichen Wesen. 13, 25 Als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut zwischen den Weizen und ging davon (Vers 25). Der Feind Christi und Seiner Anhänger ist der Teufel. Wenn Menschen Christi Glaubens sich Nachlässigkeit, Trägheit, Unaufmerksamkeit erlauben, dann kommt der Teufel und sät in ihren Seelen Häresien, böse Gedanken, Versuchungen, seelenverderbende Vorstellungen: 13, 26 Als nun die Saat wuchs und Frucht brachte, da fand sich auch das Unkraut (Vers 26). – Zunächst sind die Handlungen des Teufels unsichtbar, unmerkbar. Derart sind auch die unreinen Gedanken, und die Häresien, und jegliches Böse überhaupt. Deshalb ist ständige Wachsamkeit gegenüber dem furchtbaren Geheimnis von Gut und Böse in der Welt vonnöten. Wenn das Unkraut auftritt, d.h. eine Art des Bösen, 13, 27–28 traten die Knechte zu dem Hausvater und sprachen: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? (Vers 27). Woher stammt das Böse auf deinem Feld? Er aber sprach zu ihnen: der Feind des Menschen hat dies getan (Vers 28), der Feind Gottes und des Menschen, Gottes, der Mensch wurde; der Feind des Menschen – das ist der Teufel; er säte das Böse auf der Erde, auf dem Acker Gottes; säte es auch im Menschen und über die ganze Schöpfung. Da sprachen die Knechte: Willst du denn, daß wir hingehen und es ausjäten? (Vers 28). – Die Knechte sind von Eifer erfüllt, aber nicht von Allwissen; sie dulden das Böse nicht, wollen es so schnell wie möglich aus der Welt schaffen, aus dem guten Weizen des Ackers Gottes. Aber der Herr sagte ihnen: Nein! damit ihr nicht zugleich den Weizen mit ausraufet, wenn ihr das Unkraut ausjätet (Vers 29).
13, 29 Damit sagt der Heiland gleichsam: Nein, nein! ihr kennt das wunderbare Geheimnis von Gut und Böse nicht; ihr wißt nicht, wie netzartig und eng ihre Wurzeln miteinander verwoben sind. Äußerlich ähnelt das Unkraut dem Weizen; darin liegt eben die Gefahr des Ausreißens des Unkrauts vor der Ernte. – Nach der Auslegung des heiligen Chrysostomus verbietet der Herr mit diesen Worten die Ermordung der Häretiker, untersagt Kriege, Blutvergießen und Totschlag. Er beläßt das Unkraut bis zur Ernte auch noch deshalb, weil er ihm Zeit geben will, um zu Weizen zu werden, d.h. er erschlägt die bösen Menschen nicht, sondern gibt ihnen Zeit, sich zu ändern und gut zu werden2. Laßt beides miteinander wachsen bis zur Ernte (Vers 30), wenn der Weizen und das Unkraut reifen, denn dann wird es leichter sein, das eine vom anderen zu unterscheiden und zu trennen. Doch dazu sind die Leute nicht fähig; das ist den Engeln vorbehalten. Und um die Erntezeit will ich zu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut . Warum zuerst das Unkraut? Um die Gefahr der Vermengung von Weizen und Unkraut zu vermeiden. Und bindet es in Bündel, damit man es verbrenne (Vers 30), denn “Komplizen in derselben Sünde werden auch Komplizen in derselben Strafe sein”3. Und der Weise Herr vollendet das Gleichnis mit der Frohbotschaft: Aber den Weizen sammelt mir in meine Scheune (Vers 30): in die Schatzkammer ewiger Güter, wo ewiges Leben in ewiger Seligkeit ist.

VOM SENFKORN (13, 31–32)
13, 32–32 Um das Geheimnis des Himmelreiches möglichst deutlich und natürlich zu erklären, vergleicht es der Herr Jesus Christus mit dem Geheimnis des Senfkorns. Der heilige Evangelist verkündet: Ein anderes Gleichnis legte er ihnen vor und sprach: Das Himmelreich gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte; das ist das kleinste unter allen Samenkörnern; wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als alle Kräuter und wird ein Baum, so daß die Vögel unter dem Himmel kommen und wohnen in seinen Zweigen (13, 31–32). Seiner Natur nach ist das Himmelreich übernatürlich, aber nach seiner Entwicklung auf der Erde ist es natürlich. Das Übernatürliche wird natürlich; und das, was natürlich ist, entwickelt sich und wächst bis es selbst übernatürlich wird. Das Geheimnis des Himmelreiches ist riesig; um seinetwillen sammelt uns der Herr in ein winziges Senfkorn, das für uns natürlich ist. Doch wer kennt das Geheimnis des Senfkorns, obwohl es so klein ist? Dieses Korn bringt der Herr, sät es in die menschliche Seele, damit es dort stirbt, aufblüht, wächst und zu einem Baum mit vielen Zweigen heranreift. Das im Menschen ausgesäte übernatürliche Himmelreich entfaltet sich und reift in ihm. All das zeigt und beweist eines: daß der Mensch ein sehr natürlicher Boden ist, auf dem alles Übernatürliche, Himmlische, Ewige, Gottmenschliche reift. Das Gleichnis vom Senfkorn hat eine geheimnisvolle Verbindung zum Gleichnis vom Sämann und zum Gleichnis vom Weizen und der Spreu. Ergänzend erklären sie einander. Davon frohbotschaftet der heilige Chrysostomus: Mit dem Gleichnis über den Sämann und den Samen wurde gesagt, daß drei Teile des Gesäten umkommen, und nur ein Teil reift; durch das Gleichnis über den Weizen und die Spreu wird erklärt, daß auch diesem vierten Teil große Gefahr von dem Unkraut droht. Beim Hören dieses Gleichnisses hätten die Jünger in Kleinmut und Verzagtheit darüber fallen können, daß die Menge der Menschen, die gerettet werden können, nur so klein ist. Deshalb erzählt ihnen der Herr das Gleichnis über das Senfkorn: Obwohl es am Anfang das allerkleinste ist, wächst es heran, nachdem es gesät ist, und wir riesengroß. Ähnliches geschieht auch bei der Predigt des Evangeliums. Obwohl Seine Jünger die schwächsten und unwissendsten von allen waren, hatten sie ungeheure Kraft in sich verborgen, und breiteten die Predigt des Evangeliums in alle Welt aus und gründeten das Reich Gottes auf der Erde: die Kirche, die anfangs klein und unbedeutend war, wie ein Senfkorn, aber sich dann über den ganzen Erde ausbreitete4. Zigaben verkündet: Einige behaupten, daß man unter den Zweigen die gläubigen Menschen verstehen muß, in denen himmlische Vögel verweilen, d.h. Engel, ihre Beschützer. Andere dagegen sagen, daß man unter den Zweigen die Tugenden zu verstehen hat, und unter den Vögeln die Menschen, die über den irdischen Dingen schweben und sich mit den Flügeln des Geistes in die Höhen der Gotteserkenntnis aufschwingen und zum Himmel streben5

VOM SAUERTEIG (13, 33)
13, 33 Ein anderes Gleichnis sagte er ihnen: Das Himmelreich gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war (Vers 33). Der Wirkung des Sauerteigs ähnelt die Wirkung der Lehre Christi: so wie der Sauerteig allmählich den Teig durchdringt, bis er sich seiner bemächtigt und er ganz gesäuert wird, so durchdringt auch die gottmenschliche Lehre des Heilands allmählich die menschliche Seele, den Körper und das Herz, bis sie auch das kleinste Teilchen seines Wesens beherrscht. Der Gottmensch Christus ist der gottmenschliche Sauerteig; Er ist als Sauerteig in die Welt gekommen, um die Welt mit Sich zu säuern, die gesamte Schöpfung mit Sich durch die vergottmenschlichten Gottessöhne zu durchdringen (vgl. Röm 8, 19–23). So sind auch die Apostel Sauerteig, der vom Herrn Jesus in die Menschheit geworfen wurde, um sie mit der gottmenschlichen Heilsökonomie zu durchsäuern, dem gottmenschlichen Evangelium des Heils. Der heilige Chrysostomus verkündet: “Da wendet mir nicht ein: Was sollen wir zwölf Leute vermögen, wenn wir unter eine solche Menschenmasse kommen? Gerade das läßt ja eure Macht nur um so heller erglänzen, daß ihr unter eine solche Menschmasse kommt und doch nicht unterliegt. Wie also hier der Sauerteig den anderen Teig durchsäuert, wenn er in Verbindung gebracht wird mit dem Mehle, und nicht bloß in Verbindung gebracht, sondern mit ihm vermengt wird, denn es heißt ja nicht bloß: sie legt ihn hin, sondern: sie verbarg ihn –, so werdet auch ihr eure Feinde überwinden, wenn ihr mit ihnen in Berührung und Verbindung tretet. Und wie der Sauerteig von der Masse des Teiges überschüttet wird, aber nicht verloren geht, sondern nach kurzer Zeit allem seine Eigenschaft mitteilt, gerade so wird es auch mit eurer Lehrverkündigung gehen. Seid also nicht in Furcht, weil ich euch viele Mühsale vorhergesagt habe; gerade dadurch werdet ihr in besonderem Glanze erstrahlen und alle überwinden”6. Nach dem seligen Augustinus und dem seligen Theophylakt bezeichnen drei Maße Mehl die drei wichtigsten Kräfte der menschlichen Persönlichkeit: Herz, Seele und Geist. Die Frau bedeutet die Seele, welche die Predigt in ihre drei Kräfte wirft, und sie wächst mit ihnen zusammen, säuert sie und heiligt sie bis zur letzten Möglichkeit und vergöttlicht sie.