Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 5

 

WEISSAGUNG VON DEN GLEICHNISSEN
13, 34–35 Vom anfänglichen und endgültigen Schicksal des Menschen spricht der Heiland in Gleichnissen, spricht gottmenschlich, allwissend. Solches alles redete Jesus in Gleichnissen zu dem Volk, und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen ( Vers 34); Er redete nicht in diesem Fall, zu dieser Zeit1. Um zu zeigen, daß die Rede in Gleichnissen nichts Neues ist, führt der Evangelist Matthäus den Propheten an, der die Art der Lehre voraussagte. Doch gleichzeitig eröffnet er uns die Absicht Christi, mit welcher Er in Gleichnissen sprach; Seine Absicht lag nicht darin beschlossen, daß Er die Hörer in Unkenntnis lasssen wollte, sondern daß Er sie zu Fragen anreizen wollte. Deshalb fügt der Evangelist Matthäus hinzu: und ohne Gleichnisse redete er nichts zu ihnen (Vers 34). Die prophetische Voraussage äußerte Asaph (Ps 77, 2): Ich will meinen Mund auftun in Gleichnissen und will aussprechen, was verborgen war vom Anfang der Welt an (Vers 35). Diese Worte spricht der Prophet von sich, aber sie dienen als Urbild des Messias, denn der Messias als Sohn Gottes, als ewige Weisheit Gottes, mußte sagen “was verborgen war vom Anfang der Welt an” , mußte die Geheimnisse des Gottesreiches aussprechen, das Verborgene offenbaren, um es heimlich offenbar zu machen.

AUSLEGUNG DES GLEICHNISSES
VOM WEIZEN UND VON DER SPREU (13, 36-43)
13, 36 Die Predigt des Heilands vom Himmelreich in Gleichnissen weckte Fragen in den empfindlichen Seelen der Apostel. Und als Er das Volk zurückließ und Seine Gleichnisse in ihren Herzen, trat Er in ein Haus ein. Und seine Jünger traten zu ihm und sprachen: Deute uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker (Vers 36): es hat uns aufgewühlt und erschüttert, uns an das Ende der Zeiten geführt, zum Ende der Geschichte. Das Gleichnis vom Senfkorn ist verständlich; das Gleichnis vom Sauerteig bleibt nicht unverständlich, aber das Gleichnis von der Spreu enthält die Geheimnisse der Welt und des Menschen, weshalb die Jünger auch verlangen, daß der Lehrer ihnen dieses Gleichnis auslegt. Er erläutert ihnen kurz und deutlich: Der Menschensohn ist’s, der den guten Samen sät (Vers 37). Der Gottessohn wird zum Menschensohn: was in Ihm ewig gut ist, legte Er in das Korn und säte es durch Seine Predigt in die menschlichen Seelen; Er säte es nicht nur, sondern sät es ständig durch Seine Nachfolger, die Apostel, Hirten, Lehrer der Kirche; sät und läßt das Gesäte durch die Gnade Seines Heiligen Geistes wachsen. Sät überall, über die ganze Welt, durch alle menschlichen Seelen und Gottes Schöpfung, denn: der Acker ist die Welt; der gute Same sind die Kinder des Reichs (Vers 38): d.h. das sind diejenigen, die den Samen Gottes mit ihrem ganzen Wesen annehmen, ihn in sich großziehen, in seine Pflege all ihre Sorge und ihre Kräfte einbringen, und der Same wächst in ihnen und trägt gottmenschliche Frucht - die heiligen Tugenden des Evangeliums: Glaube, Liebe, Hoffnung, Demut, Sanftmut, Barmherzigkeit, Gebet, Fasten, Liebe zum Guten.
Das Unkraut sind die Kinder des Bösen (Vers 38): d.h. das sind die Glieder der Kirche auf der Erde, die alle Macht und Frische ihrer geistlich-körperlichen Kräfte in böse Gedanken einbringen, in böse Leidenschaften, die der Teufel in ihnen säte. Ja, die Spreu zeichnet jene unnützen Glieder der Kirche, die durch ihre Sünden und Leidenschaften dem Teufel zuarbeiten. Der Feind, der es sät, ist der Teufel (Vers 39). In allen seinen Altersstufen und Wirkungsweisen ist der Teufel der Feind Gottes und Widersacher des Menschen als eines gottebenbildlichen Wesens, dessen Gottesebenbildlichkeit den Teufel quält. Die Ernte ist das Ende der Welt (Vers 39): wenn der Herr kommt, um die Welt zu vollenden, um die Reinigung alles Lebenden zu erklären. Die Schnitter sind die Engel (Vers 39): sie kommen am Tag des Schrecklichen Gerichts mit Ihm, um die Ernte von allem zu vollbringen, was im Laufe der Geschichte Knospen getrieben hat und gereift ist.

13, 40 “Wenn der Herr sät, sät Er Selbst, aber wenn er straft, straft Er durch andere”2. Nämlich: Gleichwie man nun das Unkraut ausjätet und mit Feuer verbrennt, so wird’s auch am Ende dieser Welt gehen (Vers 40). - Das Ende der Welt wird völlig natürlich sein, so wie die Ernte für den gereiften Weizen natürlich ist. Beim Ende der Welt reift das Böse und das Gute; es reift das Böse, das der Teufel und die Menschen selbst im Menschen gesät haben; es reift auch das Gute, das der Herr Christus in ihnen gesät hat. Dann verkündet nicht der Teufel, sondern der Herr Christus die Ernte, denn Ihm gehört die endgültige Macht über alles Gute und Böse in der Welt. Der Menschensohn wird seine Engel senden, und sie werden sammeln aus seinem Reich alle, die Ärgernis geben und die da Unrecht tun (Vers 41): wird Seine Engel senden, weil sie vollkommen Gut und Böse unterscheiden können, und sie werden aus Seinem Reich sammeln, d.h. aus der Welt - denn die Welt gehört Ihm - alle Versuchungen, d.h. dämonischen Motive und Anlässe zum Bösen, und all jene, die sich freiwillig den Verführungen des Teufels hingaben. Die Engel werden sie sammeln und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein (Vers 42): die Ewigkeit des Schmerzes, Ewigkeit des Bösen, Ewigkeit des Teufels und der Menschen, die freiwillig durch böse Werke ihm zu Söhnen wurden und sich zu Teufelskindern gemacht haben (1. Jo. 3, 8-10). Ihr Schicksal: ewiges Heulen aus Ohnmacht des Bösen, und verbissener Widerstand und Zähneknirschen gegen Gott. Ein solches Ende ist ganz natürlich und richtig, denn sie haben sich mutwillig durch ihre unbußfertige Sündenliebe während ihres Lebens eine solche Ewigkeit bereitet.

13, 43 Dann werden die Gerechten leuchten wie die Sonne in ihres Vaters Reich (Vers 43). - Der selige Theophylakt verkündet: Die Sonne der Gerechtigkeit - das ist Christus; am Tag der universalen Ernte werden die Gerechten ähnlich wie Christus aufleuchten, denn sie werden selbst wie Götter sein - -sontai qeo- (ibid. , cap. 13, v. 43; col. 289 A ). Ja - sie werden Götter der Gnade nach. Die Gerechten leben während ihres Lebens auf der Erde in der Askese der Verchristung mit Hilfe der heiligen Sakramente und der heiligen Tugenden bis sie dem Ebenbild Christi ähnlich werden (Röm. 13, 14; 8, 29; Gal. 3, 27). Das ewige Leben des Menschen beginnt schon hier auf der Erde, um sich durch die ganze Ewigkeit fortzusetzen. Das christusgleiche Leben des Christen wird vom Herrn Christus angenommen. Deshalb wird auch seine Seele und sein Leib ewig durch Christus, durch die Christusebenbildlichkeit erleuchtet. Das gesamte Geheimnis des menschlichen Wesens liegt in der Verchristung beschlossen, in der Christusähnlichwerdung, in der Vergottmenschlichung, in der Vergottung. Das Heil - das ist nichts anderes als die Verchristung: der ganze Mensch wird von Christus-Gott erfüllt, lebt durch Ihn, denkt in Ihm, empfindet durch Ihn. Und alle Ewigkeiten Christi werden zu seinen Ewigkeiten, und alle Frohbotschaften Christi werden zu seinen Frohbotschaften. Das endgültige Geheimnis des menschlichen Wesens liegt darin: die Menschen werden durch den Herrn Christus zu Göttern der Gnade nach, Gesalbten der Gnade nach. Diese Frohbotschaft ist zweifellos die allumfassende Frohbotschaft der heiligen christustragenden Väter. - “Wer Ohren hat zu hören, der höre!” (Vers 43).

VOM SCHATZ,
DER AUF DEM ACKER VERBORGEN IST(13, 44)
Der Herr erklärte den Jüngern, warum Er zum Volk in Gleichnissen spricht und half ihnen, die Gleichnisse zu verstehen (13, 51), und spricht nun weiter in Gleichnissen: Und noch: Das Himmelreich gleicht einem Schatz, der im Acker verborgen ist, den ein Mensch fand und verbarg ihn; und in seiner Freude ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte den Acker (Vers 44). Nach dem seligen Theophylakt ist der Acker die Welt, der Schatz aber die Predigt und die Erkenntnis Christi3. Das Himmelreich ist eine Schatzkammer, die mit verschiedenen ewigen Schätzen der Dreieinigen Gottheit angefüllt ist, die uns vom Heiland, dem Gottmenschen Christus, vollkommen anvertraut wird. Darin liegt der ewige Sinn und der ewige Wert des Lebens - Ackers. Dieser Schatz wird auch dem Menschen offenbart, der dieses Gut und diesen Sinn mit Eifer sucht. Und wenn der Mensch diesen unvergänglichen Schatz entdeckt, besiegt Freude seine Seele, unsagbare Freude, und er verkauft vor Freude alles, was er besitzt, sagt sich freudig von allem Besitz los, um durch Selbstentsagung den Herrn Christus zu kaufen, in Dem alles ist, was der Mensch für das ewige Leben in beiden Welten braucht.

VON DER WERTVOLLEN PERLE (13, 45-46)
Das Himmelreich wächst wie ein Senfkorn; durchdringt wie der Sauerteig; überflügelt alles wie der allerwertvollste Edelstein. Der Heiland verkündet: Wiederum gleicht das Himmelreich einem Kaufmann, der gute Perlen suchte, und als er eine kostbare Perle fand, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie (Vers 45-46). Das Meer des Lebens ist riesig; Menschen steigen sogar zu seinem Grund herab; die unruhige menschliche Seele taucht in die unerforschten Tiefen des Lebens; sucht die Wahrheit, sucht Gerechtigkeit, sucht Unsterblichkeit. Und anstelle der Perle der Wahrheit und Gerechtigkeit verfängt sie sich häufig im Netz der Lüge und in der Trübe der Unwahrheit. Der Mensch, der mit ganzem Herzen die Perle sucht, kann zwischen einer falschen und einer echten Perle unterscheiden, und seine nach ewiger Wahrheit und Gerechtigkeit dürstende Seele wird sich nicht zufriedengeben, bis sie die einzige wahre, die einzige kostbare Perle findet - den Herrn Christus. Aber diese Perle finden nur die, die sich von allem Irdischen lossagen, die alles verkaufen, was sie haben. Die kostbare Perle = der Herr Christus lebt in den unerforschten Tiefen der Dreieinigen Gottheit; diese Abgründe erforscht und kennt nur der Heilige Geist (1. Kor. 2, 10). Deshalb können nur geistliche und vergeistigte Menschen, welche der Heilige Geist in die Abgründe Gottes hinabführt, diese kostbare Perle finden und ihr ganzes Geheimnis erkennen. Der Heilige Geist wird Menschen gegeben, die alles Irdische um des Himmelreiches willen opfern, die Tag und Nacht über den unerforschten Geheimnissen des Lebens wachen und sich widerspruchslos der Führung des Herrn Christus anvertrauen. “Wenn du nicht alles verkaufst, so kannst du auch nicht einkaufen; wenn deine Seele nicht so gesinnt ist, daß sie darnach verlangt und sucht, so findest du auch nicht” (Hl. Chrysostomus, sermo 47, 2; S. 483).

VOM NETZ (13, 47-50)
13, 47-48 Das Himmelreich gleicht einem Netz, das unseren Planet und alles, was auf ihm ist, gefangen hat; das Weltall und alles in ihm. Denn der Gottmensch verkündet: Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen ist und Fische aller Art fängt. Wenn es aber voll ist, ziehen sie es heraus an das Ufer, setzen sich und lesen die guten in Gefäße zusammen, aber die schlechten werfen sie weg (Vers 47-48). - Das Meer - das ist die Welt; das Netz bedeutet die Lehre Christi; die Fischer sind die Apostel und ihre Erben. Das Netz der Predigt umfaßt alle Arten von Menschen: sowohl gute als auch böse, Barbaren, Griechen, Juden, Unzüchtige, Zöllner und Räuber (vgl. Sel. Theophylakt und Zigaben, ad loc.).

13, 49-50 Den anderen Teil des Gleichnisses erklärt der Heiland Selbst: So wird es auch am Ende der Welt gehen: die Engel werden ausgehen und die Bösen von den Gerechten scheiden und werden sie in den Feuerofen werfen; da wird Heulen und Zähneklappern sein (Vers 49-50). - Das Ufer, das der Herr erwähnt, bedeutet das Ende der Zeiten und das Letzte Gericht, wenn die Bösen in alle Ewigkeit von den Guten getrennt werden, die Gerechten von den Sündern; die einen werden ewig Seligkeit erben, die anderen dagegen ewige Qual und ewiges Zähneknirschen in der Hölle des egoistischen und gottwidrigen Stolzes. Der Feuerofen- das ist nichts anderes als die Verworfenheit von Gott, vollkommene egoistische Vereinsamung, Verschlossenheit der Seele in den engen Grenzen des eigenen sündigen Ich, überhebliches und stures Verweilen in sich selbst, Selbstbegrenzung und ein ausschließlich auf sich selbst begrenztes Leben. Der völlig vom Teufel besessene Mensch schreit vor Wut und knirscht mit den Zähnen vor Bosheit auf Gott. Ewig wird die von Sünde und Bosheit verwilderte menschliche Seele weinen und mit den Zähnen knirschen, denn ihr ganzes Streben wird ewig auf den Kampf gegen Gott gerichtet und von den Dämonen besessen sein.

ABSCHLIESSENDES GLEICHNIS
DES HEILANDS (13, 51-52)
Mit Seinen geheimnisvollen Gleichnissen führte der Heiland Seine Jünger in die endgültigen Geheimnisse der Welt ein, führte sie zum Ende der Geschichte, von dem aus die Entwicklung des Himmelreiches vom Anfang bis zum Ende offenkundig sichtbar ist. Mit Hilfe von Christus Gott verstehen die Jünger das bisher Unverständliche, sehen das bisher Unsichtbare, hören das bisher Unhörbare.
13, 51 Und auf Seine Frage: Habt ihr das alles verstanden? Sie sprachen Ja (Vers 51): Wir haben die Geheimnisse der Welt und des Menschen verstanden, die Geheimnisse der Zeit und der Ewigkeit; haben das Alte mit Hilfe des Neuen verstanden, das Natürliche durch das Übernatürliche, das Zeitliche durch das Ewige, das Menschliche durch das Göttliche.
Dieses Verständnis der himmlischen und irdischen Geheimnisse, der natürlichen und übernatürlichen, macht aus ungelernten Schülern Christi Gelehrte Leute, aus Unverständigen Weise, aus Unwissenden Wissende. Deshalb bezeichnet der Herr sie auch als Schriftgelehrte, aber nicht alttestamentliche Schriftgelehrte, sondern neutestamentliche Schriftgelehrte, die das Himmelreich erforscht haben. 13, 52 Da sprach er: Darum, ein jeglicher Schriftgelehrter, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinem Schatz Neues und Altes hervorholt (Vers 52). Die alttestamentlichen Schriftgelehrten kannten nur das Alte - die alttestamentlichen Prophezeiungen vom Messias, aber sie verstanden und erklärten sie in vielem nicht richtig; ein neutestamentlicher Schriftgelehrter kennt die alttestamentlichen Prophezeiungen, versteht und erklärt sie richtig, denn das lehrt ihn der Messias Selbst - der Gottmensch Jesus Christus, der ihn mit geistlichem Verstand erfüllt, mit Gotteserkenntnis, Christuserkenntnis. Der Herr Christus ist der Hausherr im Himmelreich, welches die Kirche Christi ist; jeder Seiner Schüler nimmt an Seinem überreichen Haushalt teil, und wie ein Hausherr bringt er aus seiner Schatzkammer Altes und Neues gleichsam heraus, bedient sich in seiner Predigt nicht nur der Lehre Christi, sondern ebenso der alttestamentlichen Prophezeiungen über Ihn. Der Herr Christus schließt das Alte Testament nicht aus, sondern lobt es, indem Er es als Schatzkammer bezeichnet. Wer in der Göttlichen Schrift unerfahren ist, kann sich nicht als Hausherr bezeichnen; solche Menschen haben selbst nichts, entleihen nichts von anderen, sondern werden von Hunger gequält und gehen zugrunde3.

DER AUFENTHALT CHRISTI IN NAZARETH
(13, 53-58)
13, 53-54 Der wundertätige Herr faßte die unfaßbaren Geheimnisse des Himmels in einfache Gleichnisse. Und Er erweiterte die Seele und den Geist und die Sinne Seiner Jünger, damit diese sie fassen und begreifen konnten. Seine Himmlische Heimat brachte der Heiland in Gleichnisse herab, und durch die Gleichnisse in die Ohren Seiner Schüler, und erweiterte ihnen die Zeit bis zur Ewigkeit, und die Menschheit bis zur Gottmenschheit. Der Evangelist verkündet: Und es begab sich, da Jesus diese Gleichnisse vollendet hatte, ging er von dannen und kam in seine Vaterstadt (Vers 53-54), ging “nach Nazareth, in die Heimat Seiner Mutter und Seines Stiefvaters, in die Stadt, in der Er erzogen wurde”4. und lehrte sie in ihrer Synagoge, so daß sie sich entsetzten und sprachen: Woher kommt diesem solche Weisheit und Taten? (Vers 54). Er lehrte sie durch Worte und Werke; und Seinen Worten und Seinen Werken wohnte unaussprechlche Weisheit und Kraft inne. Doch obwohl Er ihre Sinne und Seele durch Seine Weisheit bestach, bis zur Verwunderung berührte, die durch ihre Frage hervorbricht, verblieben sie doch stur in der finsteren Höhle ihres Unglaubens. Sie wollten damals Jesus durch Seinen Ziehvater erklären, Ihn zum Tischlersohn herabnivellieren. Deshalb fragten sie: Ist er etwa nicht des Zimmermanns Sohn? Heißt nicht seine Mutter Maria und seine Brüder Jakobus und Joseph und Simon und Judas? (Vers 55-56).
Die Nazarener umgeben den Herrn Christus mit Fragen, wollen Ihn auf Seine leiblichen Verwandten zurückführen, eine Erklärung für Seine wunderbare Persönlichkeit in Seinen leiblichen Verwandten finden. Sie tun dies, sei es weil sie nicht um Seine übernatürliche Geburt wußten, um Seinen Himmlischen Vater, sei es weil sie an eine solche Seine Geburt nicht glaubten. Jedenfalls dient ihnen das nicht zur Entschuldigung, denn sie wußten aus der Geschichte ihres Volkes, daß sehr häufig die Kinder unbedeutender Eltern berühmt wurden. So war es mit David, mit Amos, mit Moses. Deshalb mußten sie Christus ehren und sich wundern, daß Er als solcher so ungewöhnlich sprach. Das eben weist auf die Göttliche Herkunft Seiner Weisheit wie auch Seiner Persönlichhkeit hin. Hätten sie sich unvoreingenommen bis zum Grunde Seiner Weisheit herabgelassen, so wären sie zu Seinem Vater gelangt - zu Gott. Sind etwa Seine Brüder nicht der und jener - sagten sie. Doch eben das hätte gerade als Grund zu ihrer Bekehrung im Glauben dienen sollen. “Doch der listige Neid widerspricht sich oft selbst. Das Wunderbare und Ungewöhnliche, das bestimmt war, sie anzuziehen, das gerade verblendete sie”5.
Die Nazarener erforschen die Herkunft des wunderbaren Wirkens und der Predigt Christi, wollen dabei jdeoch nicht über die Brüder und Schwestern Christi hinausgehen, weshalb sie die von Verwunderung erfüllte Frage Woher kommt ihm denn das alles? stellen - 13, 57 Eine Frage, die sie in keiner Weise beantworten können. Ihre Anwort ist in einem furchtbaren Abgrund zu finden: Und sie nahmen Ärgernis an ihm (Vers 57), sie nahmen Ärgernis, da sie Seine Gottmenschliche Persönlichkeit auf die Persönlichkeit eines einfachen Menschen herabführten. Jesus aber sprach zu ihnen: Ein Prophet gilt nirgend weniger als in seinem Vaterland und im eigenen Hause (Vers 57). Das bedeutet: Menschen, die unter gleichen Bedingungen aufgewachsen sind, unter demselben Himmel, und auf demselben Stückchen Erde, sind kaum geneigt, jemandem aus ihrer eigenen Mitte irgendeine lobenswerte Besonderheit anzuerkennen, am wenigstens eine prophetische oder messianische. Das trat besonders im Verhältnis der Nazarener zum Herrn Christus zutage (vgl. Lk 4, 28-29). Der Heiland fügte hinzu: in seinem Hause, “worunter Er Seine Brüder verstand”6.
Ein solches Verhalten der Nazarener zum Herrn Christus entstammte ihrem Unglauben an Ihn. Das aber trug dazu bei, daß der Herr die Zahl Seiner Wunder unter ihnen einschränkte. 13, 58 Der Evangelist frohbotschaftet: Und er tat daselbst nicht viel Zeichen um ihres Unglaubens willen (Vers 58). Der Glaube ist die Bedingung für ein Wunder; durch ihn bringt der Mensch seine Bereitschaft zum Ausdruck, das Wunder anzunehmen; der Heiland setzt vielfach das Vollbringen eines Wunders in Abhängigkeit vom Glauben, denn ohne Glauben könnten die Wunder aufgezwungen erscheinen. “Warum aber vollbrachte der Herr nicht wenigstens einige wenige Zeichen? Damit sie nicht sagen sollten: Arzt, heile dich selbst; damit sie nicht sagten: Er ist unser Gegner und Feind, er verachtet seine eigenen Verwandten; damit man nicht sagen würde: Wären Zeichen geschehen, so hätten auch wir geglaubt. Deswegen hat Er zwar Zeichen gewirkt, aber bald damit aufgehört; das erste, um wenigstens das zu tun, was an Ihm lag, das zweite, um sie nicht noch einem schwereren Gerichte zu überliefern”7.