Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evangelium nach Matthäus



 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 6

 

KAPITEL 14
ENTHAUPTUNG DES HEILIGEN JOHANNES DES TÄUFERS 14, 1–12
Der Herr Jesus Christus bewegte Sich unter einfachen Leuten, unter Menschen ohne Macht und Luxus, neigte Sein Ohr dem Schmerz jedes Kranken und spendete Trost; versetzte Sich in die Leiden der Leidenden und – verlieh den Leiden Sinn, verkörperte Sich in die Seelen der Sünder und reinigte sie von den Sünden, stieg in die Gräber der Toten herab und erweckte sie von den Toten. 14, 1 Aus diesem Grund scharten sich die Volksmassen um Ihn, betrachteten Ihn als ihren Heiler und Tröster. Die neunte Welle der Predigt und des Wunderwirkens Christi, welche die Apostel erhoben (vgl. Mk. 6, 12-13), überschwemmte den Thron des Herodes und Herodes Seele. Zu der Zeit kam die Kunde von Jesus vor den Landesfürsten Herodes (Vers 1).
Gemeint ist Herodes Antipa, der leibliche Bruder des Archelaos, des Sohnes Herodes I., der die Kinder in Bethlehem tötete. Er war mit der Tochter des arabischen Königs Arethas verheiratet, die er um der Herodiana wegen verließ. Er blendete die Augen seiner Seele durch Wollust und konnte das Gottmenschliche Geheimnis der Person Christi nicht schauen; durch Pomp verstopfte er seine Ohren, so daß er den Herrn Jesus Christus nicht gottweise hören konnte. Doch schließlich wurde er sehend und hörend, und seine Seele fing an, herumzuwandern vor der ungewöhnlichen Erscheinung des wunderbaren Jesus. Jesus nahm den lautstarken Refrain Johannes des Wüstenbewohners und Täufers auf: “Tut Buße!” – Herodes wurde davon in Schrecken und Unruhe versetzt. Und er konnte sich wundern und fragen: Aber ich – ich habe auf dem Tablett das abgeschlagene Haupt des Johannes gesehen, ich und viele mit mir; doch dieser Jesus hat gleichsam die Sprache des Johannes entliehen und dessen unbarmherzigen Refrain: “Tut Buße! Tut Buße!”. Johannes habe ich enthauptet; doch wer ist dies, von dem ich solche Wunder höre? (Lk 9, 9). Johannes habe ich enthauptet, doch johannäische Werke beunruhigen meinen Geist. Sind etwa seine Taten unenthauptet geblieben? All diese Gerüchte über die Auferweckung der Toten, über die Austreibung unreiner Geister, über die Heilung Kranker (Mk. 6, 12–13), haben gleichsam hinter sich das Haupt des Johannes und des Johannes Mund. Und Herodes wunderte sich über die Wunder Christi und konnte sich nicht genug wundern; und er suchte eine Erklärung für Christi Wunder, und er konnte sie nicht finden, bis er schließlich durch ein Wunder die Wunder Jesu erklärte.
14, 2 Und er sprach zu seinen Leuten: Das ist Johannes der Täufer; der ist von den Toten auferstanden, deshalb wirken in ihm solche Kräfte (Vers 2). – Der Heilige Chrysostomus verkündet: Herodes fürchtete sogar noch den toten Johannes, deshalb bildete er sich vor lauter Angst ein, er sei wieder auferstanden... Ich glaube ferner, daß seine Worte sowohl der Eitelkeit, wie auch der Furcht entsprangen”1. Das, was unmöglich erscheint, wenn die menschlichen Gefühle und die Seele von Leidenschaft getränkt sind, wird möglich, wenn er von den Leidenschaften ernüchtert wird. Auf jeden Fall besagen diese Worte des Herodes eines: Johannes der Täufer war, wahrhaftig war er der größte unter denen vom Weibe Geborenen, wenn Herodes ihn nicht nur mit dem Herrn Christus verglich, sondern sogar mit Ihm gleichsetzte. “Danach macht uns der Evangelist auch mit den geschichtlichen Tatsachen bekannt. Warum aber hat er sie nicht schon früher erwähnt? Weil ihre ganze Sorge nur darauf gerichtet war, das zu berichten, was Christus betraf; anderes, Nebensächliches übergingen sie, außer wenn es zu ihrem Hauptzweck beitrug. Darum hätten sie auch jetzt Profangeschichtliches nicht erwähnt, wenn es sich nicht auf Christus bezogen hätte, und wenn nicht Herodes hier gesagt hätte, Johannes sei von den Toten auferstanden” (ebenda).
Gefesselt von Leidenschaften, eingeschlossen in Wollust, konnte Herodes die furchtlose Bloßstellung seitens des leidenschaftslosen und jungfräulichen Johannes nicht ertragen. Deshalb hatte Herodes den Johannes ergriffen, gefesselt und in das Gefängnis geworfen wegen der Herodias, der Frau seines Bruders Philippus (Vers 3). Philippus war mit Heriodas verheiratet: in dieser Ehe gebar Herodias Salome – die Tänzerin. 14, 4 Und der gerechte und furchtlose Johannes klagt den Herodes an: Es ist nicht recht, daß du sie hast (Vers 4). Warum? Weil das Gesetz Moses einer Frau, deren Mann gestorben ist ohne Kinder zu hinterlassen, gebot, den Bruder ihres Mannes zu heiraten, um seinen Samen wiederherzustellen und das Geschlecht fortzusetzen (5. Mos. 25, 5–6). Da jedoch Herodes eine Ehe mit der Frau seines Bruders, die eine Tochter hatte, eingegangen war, klagt Johannes ihn deshalb an. 14, 5 Außerdem war Philippus noch am Leben. Und er hätte ihn gern getötet, fürchtete sich aber vor dem Volk, denn sie hielten ihn für einen Propheten (Vers 5).
Er erschrak, weil sich das Volk angesichts des getöteten Propheten zu einem Aufstand erheben konnte. Aber Herodes hatte noch einen Grund, vielleicht einen tieferen, denn es war ein innerer und unüberwindlicherer. Herodes nahm Johannes gefangen und warf ihn ins Gefängnis; doch die ungefesselte Seele des Wüstenbewohners beunruhigt die unheilige Seele des Herodes, das leidenschaftslose Gewissen beschämt das unzüchtige Gewissen des Herodes; der Mund des Johannes ist verstummt, doch das Echo seiner Worte und Taten bricht sich wie wiederkehrender Donner in der wollüstigen Seele des Herodes und in seinen Gemächern: Denn Herodes fürchtete Johannes, darum wissend, daß er gerecht und heilig war, und verwahrte ihn; und so manches tat er wie er es ihm sagte, und er horchte ihm mit Freude zu (Mk. 6, 20). Mit Freude hörte er bis zum Gelage an seinem Geburtstag, als die entbrannte Lüsternheit auch des letzten Teilchen seines Gewissen wegnahm.
14, 6 Als aber Herodes seinen Geburtstag beging, da tanzte die Tochter der Herodias vor ihnen (Vers 6). “Du aber beachte, wie satanisch das ganze Schauspiel war. Vor allem bestand es nur aus Trunkenheit und Schwelgerei, aus denen ja kaum je etwas Gutes entstehen kann. Ferner waren die Zuschauer verdorbene Menschen, und der Gastgeber der schlechteste von allen. Drittens handelte es sich um eine unvernünftige Belustigung. Viertens hätte man das Mädchen, um dessentwillen die Ehe ungesetzlich war, lieber verbergen sollen weil es ja für die Mutter eigentlich ein Anlaß zur Beschämung war; statt dessen kommt sie herein, um sich zu zeigen und trotz ihrer Jungfrauschaft sämtliche Huren in Schatten zu stellen”2. Ihr Tanz 14, 7–8 ruft bei Herodes nur noch größere Lüsternheit hervor, so daß er ihr mit einem Eid versprach, er wolle ihr geben, was sie fordern würde (Vers 7). Und wie sie zuvor von ihrer Mutter angestiftet war, sprach sie: Gib mir her auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers! (Vers 8).
Das Haupt Johannes fordert Herodias, um den Mund des Wüstenbewohners zum Schweigen zu bringen und die von der Vorstellung zu zwei Sonnen entfachten zwei Augen des Eremiten für immer auszulöschen. Ein solch teuflisch künstlerisches Verbrechen konnte nur eine von dämonischer Lüsternheit besessene Frau ausdenken. Vor ihrem schrecklichen Wunsch schreckt ihre Tochter nicht zurück, es sieht so aus, als habe sich die wollüstige Herodias in ihre Tochter verkörpert. So ist die Unzucht: sie blendet jegliches Auge, tötet die Scham ab, mordet die Menschenliebe. Von der Unzucht zum Mord ist der Abstand ganz kurz. Die unzüchtige Seele der hurerischen Mutter schwatzt künstlerisch durch die Zunge der unverständigen Tochter: Gib mir hier auf einer Schale das Haupt Johannes des Täufers. Nur das Haupt, damit er stumm und ohnmächtig und ungefährlich wird. Denn wer konnte zu dem Gelage Johannes zulassen - den ausgefasteten und gottragenden Wüstenbewohner? Wer konnte seine Gegenwart aushalten?
14, 9 Und der König ward traurig (Vers 9). Denn so beschaffen ist die Tugend, sie ist auch bei lasterhaften Menschen erstaunlich und lobenswert. Selbst bei dem lasterhaften Herodes blitzte noch einmal ein Funke des noch vorhandenen Guten auf, um danach für immer im Dunkel gotteswidriger Bosheit zu verglimmen. – Der Evangelist verkündet: doch wegen des Eides und derer, die mit ihm zu Tisch saßen, befahl er, es ihr zu geben (Vers 9). – Um den unsinnigen und unüberlegten Eid nicht zu übertreten, mordet Herodes, begeht eine unvergleichlich größere Sünde. Die Forderung der Herodias wird zum Wunsch der Tochter; der Wunsch ihrer Tochter wird in Herodes Mund zum Befehl. Dies ist ein wahnsinniges Wetteifern im Bösen. 14, 10–12 Und er schickte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten (Vers 10). Und das königliche Gelage wird vom Haupt des Wüstenbewohners geziert. Ein grausameres Szenario ist selbst in der Hölle unmöglich. Und sein Haupt wurde hereingetragen auf einer Schale und dem Mädchen gegeben; und sie brachte es ihrer Mutter (Vers 11). Da kamen seine Jünger und nahmen seinen Leichnam und begruben ihn; und sie kamen und verkündeten das Jesus (Vers 12).
Gott ließ den Mord an dem größten Propheten zu, dem größten unter den Menschensöhnen, und gab damit eine Evangeliumslehre darüber, daß das geduldige Ertragen des Todes um der Gerechtigkeit und der Wahrheit willen der Weg ist, welcher ins ewige Leben führt.
DAS WUNDER MIT DEN FÜNF BROTEN
UND ZWEI FISCHEN 14, 13–21
Die Schüler beerdigten den ungewöhnlichen Lehrer: und sie kamen und verkündeten das Jesus (Vers 12); sie kamen zu Jesus, damit Er ihnen den Lehrer ersetzte, sie tröstete, sie ermutigte. Der heilige Chrysostomus frohbotschaftet: Unterlaß es nicht darauf zu achten, wie die Johannes Jünger von da an enger an Jesus sich anschlossen. Sie waren es ja, die ihm den Tod des Johannes meldeten, wie verließen alles und flüchteten sich hinfort zu ihm”3. Während des Johannes Schüler Jesus mitteilen, daß der größte unter den Menschen durch das Schwert des Hurers und der Hure geköpft wurde, kommen die Apostel von ihrer ersten Apostelreise zurück und berichten Jesus alles, was sie getan haben (Mk 6, 30); sie sagen Ihm, wie sie Kranke heilten, Aussätzige reinigten, Tote auferweckten, unreine Geister austrieben. Jesus ist zwischen zwei ungewöhnlichen Nachrichten. Es war zu erwarten, daß Er Seinen Aposteln befiehlt, daß sie Johannes auferwecken. Statt dessen jedoch fuhr er von dort weg in einem Boot in eine einsame Gegend allein. (Vers 13), nachdem Er Seinen Jüngern gesagt hatte: “Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruhet ein wenig “ (Mk. 6, 31). Nach dem Tod des Wüstenbewohners führt der Heiland die Jünger in die Wüste, damit die Wüste ihnen die Antwort auf die Frage nach dem Geheimnis der Persönlichkeit Johannes gibt. In der Wüste zurückgezogen, von Angesicht zu Angesicht mit der furchtbaren Tragödie des Gerechten auf der Erde, konnten die Jünger ihr Schicksal betrachten und das Schicksal aller Gerechten und den unvergänglichen Wert und den gottmenschlichen Sinn der Tragödie der Gerechten finden. Der Evangelist verkündet: und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein (Mk. 6, 32; Mt. 14, 13). Aber der einsame Platz wurde plötzlich bevölkerter als riesige Städte. Denn als das Volk das sah, folgte es ihm zu Fuß aus den Städten. (Mt. 14, 13; Mk. 6, 32): sie verließen ihre Häuser, trugen Verstümmelte, führten Blinde, hielten Besessene; sie kamen zu Jesus gelaufen und kamen den Aposteln zuvor (Mk. 6, 33), obwohl diese im Boot fuhren.
14, 14 Der Evangelist berichtet: Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; Er sah . und Blinde und Stumme und Aussätzige und Besessene, und sie jammerten ihn, und er heilte ihre Kranken (Vers 14). Er heilte alle Kranken, ohne von ihnen zu verlangen, daß sie mit Worten ihren Glauben bekannten, denn sie bewiesen ihn durch ihre Werke: zu Fuß versammelten sie sich aus weit entlegenen Städten, erduldeten um Christi willen an der einsamen Stätte Hunger und bemerkten in Seiner Anwesenheit nicht, daß der Tag sich schon neigte. 14, 15 Am Abend aber traten seine Jünger zu ihm und sprachen: Die Gegend ist öde, und die Nacht bricht herein; laß das Volk gehen, damit sie in die Dörfer gehen und sich zu essen kaufen (Vers 15).
Das sagen die Schüler Christi, die zu diesem Zeitpunkt bei so vielen Wundern zugegen waren, die auch selbst durch den Namen Jesu Tote erweckten, Aussätzige reinigten, Kranke heilten, Teufel austrieben. Kann Jesus etwa Hungernde nicht sättigen? Oder ist das unter Seiner Würde? – Aber die Apostel konnten nicht soweit denken, denn der Heilige Geist war noch nicht auf sie herabgekommen, um sie vollständig zu verchristen, weise zu machen, zu verallmachten. Durch Seine Antwort erinnert der Heiland sie an Seine menschenliebende Allmacht: Aber Jesus sprach zu ihnen: Es ist nicht nötig, daß sie fortgehen; gebt ihr ihnen zu essen (Vers 16). 14, 16–18 Doch anstatt auf die ihnen bisher von Christus verliehene Macht zu schauen, betrachteten sie die Brote um sich und sagten: Wir haben hier nichts als fünf Brote und zwei Fische (Vers 17). Und der Heiland, der ihnen zeigen wollte, daß Seine menschenliebende Wundertätigkeit grenzenlos ist, sagte ihnen: Bringet sie mir her! (Vers 18). “Denn wenn auch der Ort öde ist, so ist doch derjenige zugegen, der dem ganzen Erdkreis Nahrung spendet. Wenn auch die Stunde vorüber ist, es redet derjenige mit euch, der keiner Zeit unterworfen ist”4.
14, 19 Und er ließ das Volk sich auf das Gras lagern und nahm die fünf Brote und die zwei Fische, sah auf zum Himmel, dankte und brach’s und gab die Brote den Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk (Vers 19). Der heilige Chrysostomus fragt: Warum schaute der Heiland auf den Himmel? Weil er den Anwesenden versichern wollte, daß er von Seinem Himmlischen Vater gesandt wurde, und daß er Ihm gleich ist. Der Herr Jesus blickte im Gebet zum Himmel auf, betete bei der Ausführung dieses Wunders aber bei der Auferweckung des Jairus’ Töchterlein hatte er nicht gebetet, noch bei der Heilung des besessenen Geraseners, noch bei der Glättung des Meeres. Die Wunder des Heilands kann man in zwei Gruppen teilen. Die erste Gruppe stellt Wunder dar, welche Er mit einem Gebet an Seinen Vater vollbrachte und dadurch seine Demut als Sohn und seinen Gehorsam als Sohn seinem Vater gegenüber bewies. Der Herr betete über den Borten, um dem zahlreichen Volk ein Beispiel zu geben, wie man sich dem lebenspendenden Brot gegenüber gebetsvoll zu verhalten hat, wie man es mit Gebet empfangen und essen soll. Die Brotvermehrung ist kein geringeres Wunder als die Erschaffung der Welt, die Schöpfung des Pflanzenreiches. Und sowohl das eine wie das andere bedeutet: Macht über die Erde und ihre Früchte haben. Bis hierher heilte der Herr Kranke; nun speist Er Gesunde, damit sie nicht an Seiner Fürsoge um sie zweifeln mögen5.
Als er die Brote segnete, füllte der Heiland sie auf unerklärliche Weise mit Seiner wundertätigen Gnade, brach sie und gab sie Seinen Schülern=Mittlern, damit auch sie persönlich an diesem Wunder teilnahmen. Und sie nehmen gehorsam die fünf Brote, um sie an die fünftausend Menschen auszuteilen. Und sie teilen sie aus: teilen fünf Brote auf fünftausend Menschen; und während sie sie austeilen, vermehrt sich das Brot in ihren Händen; und je mehr sie geben, desto mehr bleibt in ihren Händen; und ihre Hände, und ihre Augen und Sinne haben alle teil an diesem Wunder, damit ihre Seele und das “versteinerte Herz” (Mk 6, 52) lernen, an Christus zu glauben, und ihre eigenen Hände lebendige Zeugen dieses vielbedeutenden Wunders sind.
14, 20 Zweifellos hinterließ dieses Wunder einen unauslöschlichen Eindruck in den Seelen der Apostel, die zwei Fische an fünftausend Menschen verteilten und fünf Brote an fünftausend Menschen ohne Frauen und Kinder (Vers 21). Aber das Ende des Wunders ist nicht minder wunderbar als sein Beginn: von fünf Broten und zwei Fischen aßen sie; und sie aßen nicht nur, sondern sie wurden alle satt, und außerdem: sammelten die Apostel auf, was an Brocken übrigblieb, zwölf Körbe voll (Vers 20) – zwölf Körbe (14, 21) auf zwölf Apostel, jedem je einen; auch dem Judas von Iskariot, damit auch er mit den übrigen ein unsterbliches Zeugnis von der göttlichen Allmacht Christi hatte, so daß keiner von ihnen eine Ausrede hatte, daß er nicht ausreichend Beweise der göttlichen und gottmenschlichen Allmacht des Herrn Jesus Christus gehabt hätte. Der Heiland konnte den Hunger hungernder Menschen auch ohne Brote sättigen, doch in diesem Fall hätten die Schüler Seine Kraft nicht erkannt, und Sein menschenliebendes Verhältnis zu den sündigen Menschen, und Sein Verhältnis zum Brot.

JESUS GEHT ÜBER DAS MEER 14, 22–33
Das Wunder mit den fünf Broten und zwei Fischen verursachte einen ganzen Umschwung in der Seele des Volkes; das Volk sagte: “Das ist wahrlich der Prophet, der in die Welt kommen soll” (Jo. 6, 14). Aber dieses Erstaunen ergoß sich in den unchristlichen Wunsch: das Volk wollte Christus greifen und Ihn zum König machen (Jo. 6, 15), nicht darum wissend, daß das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (Jo. 18, 36). Damit jedoch die Jünger, die ebenfalls von dem Wunder betroffen waren, aber noch nicht die reinen neutestamentlichen Ansichten vom Messias besaßen, von diesem unchristlichen Wunsche des Volkes nicht angesteckt wurden, 14, 22 trieb Jesus seine Jünger alsbald, in das Boot zu steigen und vor ihm hinüberzufahren, bis er das Volk gehen ließe (Vers 22). Der Evangelist sagt “trieb”, um damit darauf hinzuweisen, daß die Jünger es nie liebten, sich von ihrem geliebten Lehrer zu trennen6. Der Heiland schickt sie allein; auf jene Seite des Sees, damit ein jeder über das Geheimnis des himmlischen Wunders nachdächte, damit jeder mit seinem Korb allein sei und in dessen gottmenschliches Geheimnis eindringe. Außerdem wünschte Er Seinen Jüngern eine Belehrung zu geben, daß sie nicht menschlichem Ruhm nachjagen sollen und nicht immer die Begierden des Volkes erfüllen. Es ist gesagt: bis er das Volk gehen ließe, d.h. bis er das Volk besänftigt, um ihm zu erklären, daß Seine Ankunft auf der Erde nicht die Gründung eines irdischen Reiches, sondern die Gründung des Himmelreiches = der Kirche zum Ziel hat.
14, 23 Der Evangelist frohbotschaftet: Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er allein auf einen Berg, um zu beten. Und am Abend war er dort allein (Vers 23). Warum steigt der Herr auf einen Berg? – Um uns zu belehren, daß Wüste und Einsamkeit dem Gebet zu Gott förderlich sind. Deshalb zog Er sich häufig in die Wüste zurück, und verbrachte vielmals dort die Nächte im Gebet, und lehrte uns so, Ort und Zeit auszusuchen, die uns dem stillen Gebet geneigt machen können. Die Wüste – das ist die Mutter des Verstummens im Gebet – ªsuc–aV, Ruhe und Zuflucht; sie beschützt uns vor jeglicher Unruhe7.
14, 24 Während der Heiland betet, kämpfen die Jünger mit dem Sturm. In Seiner Abwesenheit läßt Er zu, daß eine schreckliche Versuchung über sie herfällt, damit sie fühlen wie ohnmächtig sie ohne ihren Lehrer sind: Und das Boot war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind war ihm entgegen (Vers 24). Der äußere Sturm rief einen inneren Sturm hervor, einen Sturm in den Seelen der Jünger. Der Sturm wühlte die Wellen bis auf den Grund der Seelen der Jünger auf; und sie kämpfen die ganze Nacht mit einem zweifachen Sturm, kämpfen wie zum Tode Verurteilte; der Herr Jesus ließ dies zu, um in ihnen das Gefühl ihrer Ohnmacht und den Wunsch Seiner Anwesenheit zu stärken. Und erst: in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem See (Vers 25), erst in der vierten Nachtwache 14, 25, d.h. zwischen drei und sechs Uhr nach Mitternacht, wodurch Er sie belehrte, “daß sie nicht schnelle Erlösung aus der Gefahr fordern sollten, die sie ereilt hatte, sondern daß sie mutig alles erdulden sollten, was ihnen widerfahren würde”8.
Über das Meer wandelnd zeigt der Herr Jesus, daß Er auch über das Wasser Macht besitzt und daß das Wasser in Ihm seinen Gott und Schöpfer erkennt, daß das Gesetz der Schwerkraft für Ihn nicht unumgänglich ist. Aber diese Tatsache ist so unverständlich für den menschlichen Verstand; sie bedeutet ein völlig neues Verhältnis zum Wasser und zur Schwerkraft der Erde, deshalb flößt sie den Menschen auch Angst ein, deshalb versetzt sie auch die Apostel in Furcht. Der Evangelist sagt: Und als ihn die Jünger sahen auf dem See gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst! und schrien vor Furcht (Vers 26).
Das Wandeln Christi über das Meer – das ist für die Jünger nur eine neue Furcht, die sich zu der Furcht vor dem Sturm gesellt. Der Heiland läßt zu, daß sich ihre Furcht bis zur Unerträglichkeit vergrößert, bis zum Rufen um Hilfe und zum Jammergeschrei, damit die Offensichtlichkeit des Wunders für sie möglichst fühlbar werde. “Christus löste die Dunkelheit nicht auf und eröffnete Sich den Jüngern nicht sofort, um sie durch die ausgedehntere Zeit der Furcht in der Geduld zu festigen und zu belehren”9. Je mehr sich ihre Furcht vergrößert, desto unumgänglicher und angenehmer wird die Hilfe Christi; und erst als sie vor Furcht schrien, redete Jesus sogleich mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht! (Vers 27): fürchtet euch nicht vor dem Sturm, der eure geringe körperliche und geistliche Schwäche übersteigt, fürchtet euch auch nicht vor Mir, der Ich Macht über den furchtbaren und mächtigen Sturm habe.
Die Worte Jesu ergießen Mut in die aufgewühlten Seelen der Jünger, und der feurige Petrus sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser (Vers 28). – Siehst du, sagt der heilige Chrysostomus, wie groß diese Flamme, wie stark dieser Glaube ist? Obwohl Petrus häufig Gefahren ausgesetzt ist, weil er sich an unermeßlich wunderbare Dinge klammert, denn auch hier forderte er zuviel, doch er forderte ausschließlich aus Liebe und nicht aus Ruhmsucht – Petrus war überzeugt, daß Jesus nicht nur über das Meer schreiten, sondern auch andere führen kann, und er wünscht, so schnell wie möglich in Seiner Nähe zu sein10. Und der Herr sprach zu Petrus: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu, ging im Glauben an Jesus und durch die Liebe zu Jesus. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, hilf mir! (Vers 29–30).
Petrus besiegt das Meer durch den Glauben, den Glauben, der an das glaubt, was für den menschlichen Verstand unmöglich ist; doch in dem Moment, als dieser Glauben schwächer wurde, ging Petrus der wundertätigen Kraft verlustig und begann zu sinken. Solcher Art ist die Natur des Glaubens: wenn sich Zweifel erhebt, wenn er ihm eine kleine Wunde zufügt, so verwandelt diese sich umgehend in eine lebendige Wunde, welche ihn allmählich zerfrißt, bis er schließlich ganz zersetzt ist. Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt? (Vers 31). Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich (Vers 32). 14, 31–33 Der heilige Chrysostomus sagt in gottweiser Art: Warum befahl der Herr nicht dem Wind einzuhalten, sondern gab Petrus die Hand und ergriff ihn? Weil der Glaube des Petrus nötig war. Wenn von unserer Seite ein Mangel besteht, so tut auch Gott das Seinige nicht. Der Herr zeigt also, daß nicht die Gewalt des Windes, sondern die Kleingläubigkeit des Petrus schuld an seinem Unfall ist, und sagt daher: Warum hast du gezweifelt, Kleingläubiger? Wäre er also nicht im Glauben schwach geworden, so hätte er auch dem Winde gegenüber leicht standgehalten. Darum läßt auch der Herr, nachdem er ihn gefaßt hatte, den Wind weiter wehen, um zu zeigen, daß er nicht schaden kann, wenn der Glaube festgewurzelt ist11. Und sie traten in das Boot, und der Wind legte sich (Vers 32): der Wind legte sich und vollendete durch sein Aufhören dieses ungewöhnliche Wunder Christi, welches in den Seelen der Anwesenden die Überzeugung und das Bewußtsein hervorriefen, daß Jesus der Sohn Gottes ist: Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn! (Vers 33).
Durch Sein Schreiten über das Meer zeigt der Herr deutlich und unumstößlich, daß der Mensch dafür geschaffen ist, über die Natur zu herrschen, daß Er über sie Macht besitzt. Alles, was der Gottmensch Christus tat, vollbrachte Er, um zu zeigen und zu beweisen, daß das alles auch der Mensch nur mit Gottes Hilfe und durch den Gottmenschen tun kann, nur dann, wenn er sich durch den Glauben vergottmenschlicht. Der Beweis? Der Apostel Petrus und die übrigen heiligen Wundertäter. In ihnen ist der Mensch mit Hilfe des Gottmenschen zu seinem eigentlichen Selbst gelangt, zu seiner wirklichen Kraft und Allmacht, zur Herrschaft über die Natur und ihre Elemente.

DIE HEILUNG VON KRANKEN
IM LAND GENEZARETH 14, 34–36
Das Bekenntnis der Apostel, daß Jesus wirklich der Sohn Gottes ist – bekräftigt der Herr Jesus auf der Stelle durch zahlreiche Heilungen im Land Genezareth. Der Evangelist verkündet: Und sie fuhren hinüber und kamen ans Land in Genezareth (Vers 34). Die Person des Retters zieht die Bewohner dieses Landes sehr an; sie laufen zu Ihm mit all ihren Kranken: Und als die Leute an diesem Ort ihn erkannten, schickten sie Botschaft ringsum in das ganze Land und brachten alle Kranken zu ihm (Vers 35). Sie erkennen in Ihm den wunderbaren Heiler der blutflüssigen Frau, und führen zu Ihm alle Kranken aus ihren Häusern, denn sie kennen Seine unsagbare Menschenliebe, wissen, daß Er die Krankheit jedes Kranken auf Sich nimmt, und deshalb bitten sie Ihn in ihrem großen Glauben um eines: daß sie nur den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die Ihn berührten, wurden gesund (Vers 36). Ihr Glaube ist riesig, deshalb ist ihnen auch das möglich, was dem Unglauben unmöglich ist. Auch die Kleider des Heilands heilen, denn auch durch sie strahlt Seine göttliche Allmacht durch.
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