Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 2000, 1

KAPITEL 15.
DER STREIT ÜBER DIE SATZUNG
DER ÄLTESTEN 15, 1–20

Als unser Herr Jesus Christus durch eine Vielzahl von wunderbaren Heilungen im Land von Genezareth Seine menschenliebende Göttliche Allmacht zeigte und bewies; als Er vielzählige übermenschliche Wunder vollbrachte: 15, 1–2 Da kamen zu Jesus Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem und sprachen: Warum übertreten deine Jünger die Satzungen der Ältesten? Denn sie waschen ihre Hände nicht, wenn sie Brot essen. – Der Evangelist sagt “da”, und bezeichnet damit die Zeit, um die äußerste und unaussprechliche Bosheit der Schriftgelehrten und Pharisäer zu zeigen. Was aber sagen die Worte: Pharisäer und Schriftgelehrte aus Jerusalem? – Schriftgelehrte und Pharisäer waren über alle Stämme verstreut und in zwölf Gruppen geteilt. Aber die von ihnen, die in der Hauptstadt lebten, waren um vieles schlimmer und boshafter als die übrigen, erfreuten sich größerer Achtung und waren ungewöhnlich stolz1. Sie beschuldigen nicht Christus, sondern Seine Jünger der Übertretung der Satzungen der Ältesten, der Überlieferung über das Händewaschen. Nach dem Dafürhalten der Juden gab Gott auf dem Sinai Moses zwei Gesetze: ein schriftliches und ein mündliches; das mündliche Gesetz übergab Moses an Jesus, den Sohn Naves, dieser übergab es den Richtern, die Richter den Propheten, bis es im Talmud niedergeschrieben wurde. Diese Überlieferung wurde als die Satzungen der Ältesten bezeichnet, d.h. der Männer des Altertums, der alten Vorfahren, und die Juden sahen sie als verbindlich an. Die Schriftgelehrten und Pharisäer beachteten diese Satzungen besonders streng; ihre Strenge ging soweit, daß sie nicht darauf achteten, was Gottes ist. Doch diese ihre Strenge galt in stärkerem Maße für andere, als für sie selbst. Der Heiland antwortet ihnen; und mit Seiner Antwort bezichtigt Er sie, daß sie die Gebote Gottes um menschlicher Satzungen willen übertreten: Er antwortete und sprach zu ihnen: Warum übertretet denn ihr Gottes Gebot um eurer Satzungen willen? (Vers 3).
15, 3 Wer in großen Dingen sündigt, der verdoppelt seine Sünde, wenn er den Menschen Vorwürfe macht, die in kleinen Dingen sündigen. Die Jünger aßen mit ungewaschenen Händen nicht weil sie verächtlich das Gebot der Älteren übertreten wollten, sondern weil sie diese ganzen Kleinigkeiten vergessen hatten, während sie sich um die Einhaltung dessen kümmerten, was vonnöten war. “Es galt ihnen weder als Vorschrift, die Hände zu waschen, noch als Verbot, sie nicht zu waschen; sie taten beides, wie es sich gerade traf”2. Denn Gott gebot: 15, 4 »Du sollst Vater und Mutter ehren; wer aber Vater und Mutter flucht, der soll des Todes sterben.« (Vers 4). Dies ist Gottes Gebot (Ex. 20, 12, 17; 3. Mos. 20, 9; 5. Mos. 5, 16). Die Ehrerbietung gegenüber den Eltern kam in der Liebe zu den Eltern zum Ausdruck, in der Sorge um sie und im Gehorsam ihnen gegenüber. Üble Nachrede gegen die Eltern heißt: Vorwürfe gegen die Eltern in Wort und Tat. Dies ist ein Laster, das mit der Todesstrafe geahndet wird. Aber ihr lehret, sagt der Herr zu den Schriftgelehrten und Pharisäern:
15, 5-6 Wer zu Vater oder Mutter sagt: Ich opfere Gott, was dir sollte von mir zukommen, der braucht seinen Vater nicht zu ehren. Damit habt ihr Gottes Gebot aufgehoben um eurer Satzungen willen (Vers 5-6).
Bei den Juden war es Brauch, Jahwe verschiedene Gegenstände aus dem Hab und Gut zu opfern, und das Gesetz forderte, daß die geopferten Gegenstände unbedingt Gott dargebracht wurden (5. Mos. 23, 21-23). Im Laufe der Zeit bildete sich die Überlieferung, daß eine solche Gabe wichtiger ist, als eine Gabe an die allernächsten Menschen, wie z.B. die Eltern. Auf diese Weise “Sie lehrten die Jugend unter dem Vorwand der Gottesverehrung ihre Väter verachten. Wie? Wenn eines von den Eltern zu dem Kinde sagte: Gib mir das Schaf, das du hast, oder das Kalb oder etwas anderes der Art, so erwiderten sie: Was du von mir haben willst, ist eine für Gott bestimmte Gabe, du kannst es daher nicht erhalten. Dadurch wurde das Böse verdoppelt: denn sie brachten es Gott nicht dar, und ihren Eltern versagten sie es ebenfalls, unter dem Vorwand, es sei ein Opfer; so frevelten sie an den Eltern, indem sie sich auf Gott beriefen, und an Gott, indem sie sich auf die Eltern beriefen” Der Heiland verurteilt damit nicht die Darbringung von Gaben an Gott, sondern den heuchlerischen Mißbrauch dieser Gabe.
15, 7–9 Die heuchlerischen Handlungen der Pharisäer verurteilt nicht nur der Herr, sondern genauso auch der Prophet Jesajas. Wenn Christus auf die Prophezeiung des Jesajas verweist, verweist Er damit auf Gott, Der durch die Propheten prophezeite und durch sie sprach. Ihr Heuchler, wie fein hat Jesaja von euch geweissagt und gesprochen: »Dies Volk ehrt mich mit seinen Lippen, aber ihr Herz ist ferne von mir; vergeblich dienen sie mir, weil sie lehren solche Lehren, die nichts als Menschengebote sind.« (Vers 7–9; Jes. 29, 13). Die Prophezeiung des Jesajas rechtfertigt das Urteil Christi über die Pharisäer. Was Jesajas einstmals verurteilte, das verurteilt Christus jetzt, verurteilt das Ersetzen der Gebote Gottes durch menschliche Lehren. Heuchelei besitzt die verfluchte Besonderheit, daß sie die ganzheitliche Persönlichkeit des Menschen teilt, spaltet, zerstückelt, und dadurch den Menschen der Fähigkeit beraubt, mit seinem ganzen Herzen, seinem ganzen Geist, ganzen Verstand, mit seiner ganzen Kraft an Gott zu glauben, Gott zu dienen, mit Gott mitzuwirken. Der Heuchler ersetzt Gott durch den Menschen, ersetzt Gottes Lehre durch menschliche Lehre. Doch diese Lehre ist “vergeblich”, sagt der Prophet Jesajas und bestätigt der Herr Christus. Vergeblich, verderblich für die Seele ist die menschliche Lehre, denn sie besitzt keine lebenspendende, zur Auferstehung führende Kraft, welche nur Gott besitzt und verleihen kann. Deshalb auch rechtfertigt der Heiland Seine Jünger, daß sie sich nicht an diese menschlichen Lehren halten, die “vergeblich” sind. Vergeblich richten sie ihr Augenmerk ganz auf die Nahrungsaufnahme mit ungewaschenen Händen, anstatt auf das ungewaschene Herz zu achten, auf die ungewaschene Seele, auf ungewaschene Worte.
15, 10–11 Die Pharisäer hielten eigenmächtig, stur und unablässig an menschlichen Lehren fest. Deswegen wendet sich der Herr von ihnen ab und wendet sich dem Volk zu und verkündet die Lehre Gottes. Und er rief das Volk zu sich und sprach zu ihnen: Höret zu und fasset es: (Vers 10). Hört, was Gott über die menschlichen Lehren sagt, was über die Speise; versteht euer Verhältnis zu ihnen; versteht Gottes Lehre; denkt darüber nach! Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein (Vers 11). Der Mensch hat die Schöpfung besudelt, nicht die Schöpfung den Menschen. Durch den Menschen ist die Sünde in die Welt gekommen, nicht durch die Schöpfung. Nicht die Speise an sich ist unrein, sondern der Gedanke, mit dem sie aufgenommen wird. Die Quelle der Sünde ist im Menschen, nicht aber in den Menschen umgebenden Dingen. Dem Reinen ist alles rein, dem Unflätigen und Unreinen ist alles unrein, sowohl sein Geist als auch sein Gewissen ist unrein und besudelt (vgl. Tit. 1, 15; 1 Tim. 4, 4). Damit jedoch wird kein Urteil darüber gesprochen, daß man auf die Art und Weise der Speise achtet, was in der Lehre des Heilands über das Fasten seinen Ausdruck findet. Hierdurch wird die Übertragung des ethischen Zentrums aus dem Menschen in äußerliche Dinge verurteilt. Zweifellos sagte der Herr nicht, daß die Unterscheidung der Speise unbedeutend ist, und daß Moses dies vergeblich vorschrieb; sondern der Herr nimmt den Beweis aus der Eigenart der Dinge und sprach: Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein 4 – Vorsicht und Umsicht in der Speise ist nötig und bedeutsam, wenn sie die Folge der ethischen Haltung bildet und des Bestrebens, dadurch die Reinigung der eigenen Seele zu erreichen und das moralische Wachstum der Nächsten zu fördern (vgl. 1. Kor. 10, 23-33).
15, 12 Da traten seine Jünger zu ihm und fragten: Weißt du auch, daß die Pharisäer an dem Wort Anstoß nahmen, als sie es hörten? (Vers 12). “Dieses Wort” bezieht sich auf den 11. Vers. Das neue, gottmenschliche Maß hinsichtlich der Speise brachte die Pharisäer in Verwirrung und verunsicherte selbst die Jünger Christi. Der Heiland aber läßt sie in der Anfechtung verbleiben, denn sie verharren stur auf ihrer gottwidrigen Lehre. Und der Heiland antwortete und sprach: Alle Bäume, die mein himmlischer Vater nicht gepflanzt hat, die werden ausgerissen (Vers 13). Unter Bäumen ist jegliche menschliche Lehre zu verstehen, die nicht von Gott geschaffen wurde, an Gott vorbei, gegen Gott; auch muß man jeglichen Menschen verstehen, der von sich aus lehrt, um seinetwillen, ohne Gott, gegen Gott. Eine solche Lehre, ein solcher Mensch muß vergehen: “Laßt sie”, mit Gewalt bringt ihr sie nicht zum Verstand; die Weisheit wird nicht unsinnig aufgepflanzt; das Heil wird nicht durch heillose Mittel vollbracht: “Laßt sie”, denn sie haben sich auf ewig mit Stolz umgeben. Sie sind blinde Führer der Blinden: durch Stolz haben sie die Augen ihres Verstandes geblendet, und es haben sich Blindäugige den Blinden als Führer aufgedrängt; aber das Ende der einen wie der anderen ist selbstmörderisch: Wenn aber ein Blinder den andern führt, so fallen sie beide in die Grube (Vers 14). “Es ist ein großes Unglück, blind zu sein; aber zweifach und dreifach ist die Schuld, wenn man blind ist und, ohne selbst einen Führer zu haben, sogar noch die Rolle eines Führers spielen will. Ist es schon gefährlich, wenn ein Blinder führerlos ist, um wieviel mehr noch, wenn ein Blinder den anderen Führer sein will”5
15, 15 Daß die Jünger selbst von der Lehre des Heilands über die Speise verwirrt waren, zeigt das Verhalten des Apostels Petrus. Der Evangelist verkündet: Da antwortete Petrus und sprach zu ihm: Deute uns dies Gleichnis! (Vers 15). ”Manchmal bezeichnen die Juden ein Rätsel oder eine undeutliche Aussage als Gleichnis”6. Die Jünger, denen es gegeben ist, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu kennen (Mt. 13, 11), verstehen dies nicht; deshalb fragt der Heiland sie vorwurfsvoll: Und Jesus sprach zu ihnen: Seid denn auch ihr noch immer unverständig? Merkt ihr nicht, daß alles, was zum Mund hineingeht, das geht in den Bauch und wird danach in die Grube ausgeleert? (Vers 16-17). Alles, was in den Mund hineingeht: alle Speise für sich genommen heiligt den Menschen nicht und besudelt ihn nicht; sie schafft keine moralischen Werte; sie wird nur dann zu einem moralischen Mittel, wenn der Mensch als ethische Persönlichkeit ethischen Wert in sie einbringt. Was aber aus dem Mund herauskommt, das kommt aus dem Herzen, und das macht den Menschen unrein (Vers 16): alles, was aus dem Herzen herauskommt, weil das Herz jeden Moment ein moralisches Zentrum ist, moralische Heimat; alles, was aus dem Herzen herauskommt, das ist entweder unrein oder rein, etwas drittes gibt es nicht. Ob du es willst oder nicht: der Mensch ist immer ein ethisches Wesen. “Selbst wenn die Speise irgendwie im Körper verbliebe, so würde sie auch dann den Menschen nicht verunreinigen. Die Unreinheit des Herzens jedoch wohnt innen und verunreinigt den Menschen nicht nur, wenn sie dort bleibt, sondern auch, wenn sie von dort herauskommt, – und in diesem Falle noch mehr”7.
15, 19–20 Hinter einem bösen Gedanken steht ein böses Herz; hinter einem bösen Gefühl, hinter einer bösen Tat, hinter Mord, hinter Ehebruch, und hinter allen Verbrechen steht ein böses Herz: Denn aus dem Herzen kommen böse Gedanken, Mord, Ehebruch, Unzucht, Diebstahl, falsches Zeugnis, Lästerung. Das sind die Dinge, die den Menschen unrein machen. Aber mit ungewaschenen Händen essen, macht den Menschen nicht unrein (Vers 19–20). Menschliche Bosheit befindet sich nicht auf der Haut des Menschen, sondern in den Abgründen des menschlichen Wesens; klebe sie auf der Haut, so wäre es ein leichtes, sie wegzublasen, und die Pharisäer könnten Ärzte des Bösen sein. Aber das Böse sitzt so tief im Innern des Menschen, daß nur die Hand Gottes allein es fassen und aus ihm herauswerfen kann.
Fortsetzung folgt

DIE HEILUNG
DER TOCHTER DER KANAANÄERIN
(15, 21–28)
15, 21 Nach dem Streitgespräch mit den Pharisäern ging der Herr Christus weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon (Vers 21), in die Gegend der Heiden. Aber da erhebt sich die Frage: Wie geht Christus auf die Wege der Heiden, wenn Er Seinen Jüngern, als Er sie zur Predigt aussandte, gebot: “Auf den Weg der Heiden geht nicht” (Mt. 10, 5). Für ein solches Vorgehen hatte der Heiland einige Gründe. Erstens: Er war nicht verpflichtet das zu erfüllen, was Er Seinen Jüngern gebot; zweitens: Er zog in die Gegenden der Heiden nicht um zu predigen; darauf verweist der Evangelist Markus, wenn er sagt, daß der Herr sich zurückziehen und verbergen wollte (Mt. 7, 24); drittens: nicht zu den Heiden zu gehen, entspräche nicht der Menschenliebe des Einzigen Menschenliebenden. Er konnte die Heiden nicht von Seiner Frohbotschaft ausschließen, als sie sich um Ihn versammelten8 Die offensichtlichste Rechtfertigung für diese Seine Reise in die heidnischen Gegenden war “der große Glaube” der kanaanäischen Frau.
15, 22 Der Evangelist verkündet: Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme Dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt (Vers 22). Die Kanaanäer waren die ursprünglichen Einwohner Palästinas, die unter dem Druck der Juden in den Norden gezogen waren und sich mit den Bewohnern Syriens und Phöniziens vermischt hatten. Während die Juden Jesus verfolgen, läuft die nichtjüdische Frau zu Ihm und wendet sich an Ihn wie eine ganz rechtgläubige Verehrerin Jahwes. Sie bezeichnet Jesus als Herrn und Sohn Davids, was bedeutet, daß sie nicht nur um den Messias wußte, sondern auch glaubte, daß dieser Messias Jesus Selbst, der Sohn Mariens aus Nazareth ist. Wahrscheinlich hatte sie von Jesus gehört wie viele Bewohner Syriens (Mt. 4, 24). Die Besessenheit, der Wahn ihrer Tochter bestärkte in ihr den Wunsch den wundertätigen Jesus zu sehen und von Ihm das Heilmittel für ihre stark gequälte Tochter zu fordern. Die Qual ihrer Tochter empfindet sie mehr als ihre halbwahnsinnige Tochter, und sie schreit: erbarme Dich meiner! und nicht: meiner Tochter, denn sie fühlte die Leiden ihrer Tochter wie ihre eigenen. Und sie sagt nicht: komm und heile, sondern nur: erbarme Dich9
15, 23 Auf den verzweifelten Schrei der vergrämten Mutter antwortete Jesus kein Wort (Vers 23). Warum? Deshalb etwa, weil Er für das Leid nicht empfänglich war? Nein, sondern deshalb, weil Er sie prüfen wollte, um ihren Glauben zu prüfen und um Seinen Jüngern den Nutzen des unablässigen Gebets zu zeigen. Und die Jünger traten zu Ihm, baten Ihn und sprachen: Laß sie doch gehen, tröste sie, tu ihr nach ihrer Bitte, denn sie schreit uns nach (Vers 23). Der Heiland antwortet den Jüngern, daß das vornehmlichste Ziel Seines Kommens ist: die verlorenen Schafe zu retten – die Israeliten: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel (Vers 24). Doch das schließt nicht aus, sondern ist nützlich für das Heil aller Völker aller Zeiten mit Hilfe der Gottmenschlichen Heilsökonomie der Rettung (vgl. Mt. 8, 11-12; 24, 14; 28, 18-20; Mk. 16, 16). Die kranken Gefühle der Kanaanäerin nehmen immer krankhafteren Ausdruck an, ergießen sich in maßlosen Glauben, der an Bekennertum grenzt. Sie aber kam und fiel vor Ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! (Vers 25), denn ein einziger Schrei meiner unglücklichen Tochter ruft in mir Tausende von Schreien hervor. Aber Er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, daß man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde (Vers 26).
Heiden – Hunde! Die Juden waren Kinder Gottes, und gegenüber Andersgläubigen verhielten sie sich wie zu Hunden, wie zu unreinen Tieren. Ein solches Verhältnis zeigt der Heiland zeitweilig gegenüber der Kanaanäerin, um sie zu einem unerhörten Bekenntnis ihres Glaubens zu bewegen. Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen (Vers 27). Ja, Herr, ich bin ein Hund, aber Du bist der Herr: aber Dein Hund soll auch vom reichen Tisch Deiner Barmherzigkeit ein Brosamen erhalten. – Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Dein großer Glaube hat deinen Willen allmächtig gemacht, dein “ich will” ist zu Gottes “Ich will” geworden, dir geschehe wie du willst. Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde (Vers 28).
Der Glaube der Kanaanäerin ist “ein großer Glaube” sogar für den Herrn Jesus Selbst. und in ihm: große Liebe, große Weisheit, große Hoffnung, großes Gebet, große Wahrheit, große Gerechtigkeit. Solchem Glauben gehört göttliche, schöpferische, wundertätige Allmacht: Dir geschehe, wie du willst! Das erinnert an jenes: “Es werde Licht!” – und es geschah so. Nur großer Glaube an die Allmacht des Gottmenschen erklärt dem Menschen, mit welcher Allmacht Gott die Welt schuf, und ständig Göttliche Welten in den menschlichen Seelen schafft. Denn die Kanaanäerin trieb durch ihren Glauben den Teufel aus ihrer Tochter aus, diese äußerste und ganz schreckliche Finsternis, und zündete in ihr die Sonne Gottes an.
Was braucht man für den “großen Glauben”? Großes Zutrauen zum Herrn Christus und Entschlossenheit des Willens: das dem Menschen Unmögliche für den Gottmenschen als Mögliches zu erachten. Großer Glaube: annehmen, daß Christus den Teufel aus dem menschlichen Wesen austreiben kann, aus der menschlichen Natur = das Böse aus der Welt entfernen. Das zu erreichen, fordert von den Menschen Glauben an den Gottmenschen, den Glauben der Kannaäerin. Aber die Kraft und die Allmacht und die Macht über unreine Geister gehört dem Gottmenschen, und nach Seiner Gabe auch den Christusträgern (Mt. 10, 1.8; Lk 9, 1).
“Vor die Hunde werfen”. Hunde – die Heiden. Ja, und alle Menschen, denn es ist um vieles furchtbarer und schändicher und unwürdiger für den Menschen, den Teufel in sich zu haben, als ein Hund zu sein. Hunde haben nicht den Teufel in sich, während die Menschen ihn – unmittelbar oder mittelbar in sich haben. Sie haben ihn in sich durch ihre Sünden und Laster. Die Kraft des Bösen ergießt sich durch die Sünden über das ganze menschliche Wesen; und durch sie auch der Teufel selbst. Denn die Sünden – das sind Sünden gemäß der Macht des Teufels, der schöpferischen Macht des Bösen. Der Gottmensch kam in die irdische Welt, um den Menschen zu zeigen wie anstelle des Teufels im Menschen Gott und Seine Göttlichen Kräfte leben und wirken kann. Im Laufe Seines ganzen Lebens auf der Erde zeigte und bewies dies der Gottmensch.

DIE ZWEITE
WUNDERBARE NÄHRUNG DES VOLKES
15, 29–31 Der Evangelist verkündet: Und es kam eine große Menge zu ihm; die hatten bei sich Gelähmte, Verkrüppelte, Blinde, Stumme und viele andere Kranke und legten sie Jesus vor die Füße, und er heilte sie, so daß sich das Volk verwunderte, als sie sahen, daß die Stummen redeten, die Verkrüppelten gesund waren, die Gelähmten gingen, die Blinden sahen; und sie priesen den Gott Israels (Vers 29–31). Zu Jesus kommen viele Menschen; sie reden nicht; sie legen schweigend die Kranken zu Jesu Füßen und bekennen dadurch ihren Glauben an Ihn. Und Er heilt sie alle ohne Worte. Er fordert von ihnen kein öffentliches Bekenntnis ihres Glaubens; Er erwartet von ihnen nicht, daß sie Ihn bitten. Die Tochter der Kanaanäerin heilte Er nicht sofort, aber diese heilte Er sofort, nicht weil diese würdiger wären als jene, sondern weil sie größeren Glauben besaß als jene. Der Herr schiebt die Heilung ihrer Tochter heraus und tut dies nicht schnell, um die Größe und Unerschütterlichkeit ihres Glaubens zu zeigen10 Aber auch der Glaube dieses Volkes ist nicht gering: drei Tage sind sie an einem wüsten Ort; und wenn sie auch etwas Speise hatten, so müssen sie sie schon gegessen haben. Deshalb rief Jesus seine Jünger zu Sich und sprach: Das Volk jammert mich; denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen; und ich will sie nicht hungrig gehen lassen, damit sie nicht verschmachten auf dem Wege (Vers 32). 15, 32 Und die Jünger? – Die Jünger hatten schon das Wunder mit den fünf Broten und den zwei Fischen vergessen, und sagten Ihm: Woher sollen wir soviel Brot nehmen in der Wüste, um eine so große Menge zu sättigen? Doch der Herr fragt sie ohne Vorwurf: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben und ein paar Fische (Vers 33–34). Und das donnernde Wunder wird wiederholt: Jesus nahm die sieben Brote und die Fische, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, und die Jünger gaben sie dem Volk. Und sie aßen alle und wurden satt; und sie sammelten auf, was an Brocken übrigblieb, sieben Körbe voll. Und die gegessen hatten, waren viertausend Mann, ausgenommen Frauen und Kinder (Vers 35–38) .
Durch viele Wunder führt der Herr Seine Jünger zum Bewußtsein Seiner Göttlichen Kraft, Seiner Allmacht. 15, 39 In einigen von diesen wie in dem gegenwärtigen läßt Er sie lebendig teilhaben, um in ihren Seelen eine größtmögliche Spur zu hinterlassen. Und nachdem Er so das Volk leiblich und die Jünger geistlich gesättigt hatte, entließ Er das Volk, stieg ins Boot und kam in das Gebiet von Magadan (Vers 39).
Durch dieses Wunder zeigt der Herr: die Frage nach dem Brot ist eine Frage nach Gott, eine Frage Christi, eine Gottmenschliche Frage. Der Menschenliebende Herr löst sie mit Liebe, mit Mitgefühl. Er führt sie auf eine geistliche Frage zurück. Der Beweis? Er segnet die sieben Brote und einige Fische und speist soviel Volk. Und außerdem: “sieben Körbe voll”. Der wichtigste Anlaß für dieses Wunder: Liebe, Mitgefühl. Für all diese gespeisten Menschen ist das wichtigste: der Herr Christus, Seine Göttliche Liebe, Göttliche Allmacht, Göttliche Wissenschaft. Darum vergaßen diese Menschen sich selbst, ihre Speise, ihren Trank. Ihre zweitrangige Sorge nimmt der mitfühlende Herr Selbst auf Sich. Denn sie streben zuerst nach dem Reich Gottes und Seiner Gerechtigkeit, während dies ihnen als Nebensächliches und Natürliches gegeben wird (Mt 6, 25–33). So verfahren alle wirklichen Christen: sie streben zunächst nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit, und der barmherzige Heiland gibt ihnen für ihre Mühen das Übrige wie den Vögeln und den Lilien des Feldes.