Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 2000, 2

KAPITEL 16
Das Zeichen vom Himmel (16, 1–4)
16, 1 Über physische Wunder bereitete der Heiland den Boden für geistliche Wunder vor. Aber selbst die vielzähligsten Wunder hören auf wunderbar zu sein, wenn der Mensch sie mit dem Auge der Bosheit und Ablehnung betrachtet. Die Pharisäer und Sadduzäer waren freiwillige Blinde. Wie zwei teuflische Augen gewähren ihnen Widerspenstigkeit und Bosheit nicht, das zu sehen, was das Volk deutlich sieht. Der Evangelist verkündet: Da traten die Pharisäer und Sadduzäer zu Jesus; die versuchten ihn und forderten ihn auf, daß er sie ein Zeichen vom Himmel sehen lasse (Vers 1). Sie sagten gleichsam zum Heiland: Du vollbringst Wunder vor dem einfachen Volk, aber zeige uns Wunder vom Himmel, uns, die wir die Gesetze des Himmels und der Erde kennen.
Der gütige Heiland ist ihnen nicht böse darüber, daß sie freiwillig unheilbar sind. Er mußte barmherzig sein gegenüber Menschen, die in ihrem Stolz so stur waren, die entschlossen waren, Ihm gegenüber so blind wie nur möglich zu sein. Die Pharisäer und Sadduzäer forderten ein Zeichen nicht, um an Ihn zu glauben, sondern um Ihn zu beschuldigen. Sie wollen sich für Menschen ausgeben, die bereit sind, himmlische Zeichen der Wunder des Heilands anzunehmen. Aber der Herr, der ihre Seelen kennt, nennt sie traurige Heuchler, denn sie denken eines und sagen etwas anderes. 16, 2–3 Des Abends sprecht ihr: Es wird ein schöner Tag werden, denn der Himmel ist rot . Und des Morgens sprecht ihr: es wird heute ein Unwetter kommen, denn der Himmel ist rot und trübe . Über die Zeichen des Himmels könnt ihr urteilen, könnt ihr dann nicht auch über die Zeichen der Zeit urteilen? (Vers 2–3; Mk. 8, 12).
Die Zeit hat ihre Sprache. Durch die Menschwerdung des Wortes Gottes trat die Ewigkeit in die Zeit ein, und teilt uns ihre Wahrheiten in der Sprache der Zeit mit. Eines ist die jetzige Zeit, und sie sagt uns die einen Wahrheiten; etwas anderes ist die Zeit der Zweiten Wiederkehr unseres Herrn Christus: Sie wird uns die endgültigen Wahrheiten des Ewigen Evangeliums offenbaren. Jetzt brauchen wir Zeichen auf der Erde, wogegen die Zeichen im Himmel für die Zukunft aufgespart werden. Jetzt ist der Herr als Arzt gekommen, dann kommt Er als Richter. Jetzt ist Er als demütiger Mensch gekommen, dann kommt Er als Blitz in Seiner ganzen Herrlichkeit: Er wird das Himmelszelt aufrollen, die Sonne ihres Lichtes berauben. Jetzt ist er gekommen, um eines erbärmlichen, aber loskaufenden Todes zu sterben. An Ihm wird die Prophezeiung erfüllt: “Nicht streiten wird er und nicht schrien, und nicht wird von außen vernommen seine Stimme” (Jes. 42, 2). Die Pharisäer und Sadduzäer fordern Zeichen vom Himmel, und ignorieren bewußt das allergrößte Wunder Christi: die Vergebung der Sünden durch die Heilungen, durch die Auferweckungen, durch die Austreibung der Teufel. Und der Prophet Jonas? Er ist ganz ein Zeichen vom Himmel, ganz ein himmlisches Signal und Urbild der Auferstehung, jenes Herzens der Rettung und der Vergottung. 16, 4 Ein böses und abtrünniges Geschlecht fordert ein Zeichen; doch soll ihm kein Zeichen gegeben werden, es sei denn das Zeichen des Jonas (Vers 4). Aber sie mißachten gerade dieses Zeichen absichtlich. Deshalb ließ der Herr sie stehen und ging davon (Vers 4)1.
Zeichen vom Himmel? Ist nicht der Herr Christus Selbst das größte Zeichen vom Himmel? Und jedes Seiner Werke, jeder Seiner Gedanken, jedes Seiner Wort, all das ist ein Bruchstück des Himmels, alles ist ein Zeichen vom Himmel. Wer in Ihm nicht Gott und den Himmel sieht, sieht sie nirgends, weder im Himmel noch auf der Erde. Und ist die Erde selbst nicht etwa ein Zeichen vom Himmel? Lebt nicht etwa alles, was auf ihr ist, durch den Himmel? Ist etwa nicht über alles, was ihr zugehört, der Himmel und das Himmlische ausgegossen? Es bleibt den irdischen Blinden nur noch eines übrig, das größte und abschließende Wunder vom Himmel: Der Tod und die Auferstehung des Gottmenschen von den Toten. Der, welcher auch dieses Wunder nicht auf den Himmel und den Gottmenschen bezieht, ist hoffnungslos blind, taub und geistig tot. Deshalb verwirft der Heiland mit Empörung die Forderung der Pharisäer und Sadduzäer als die eines bösen und abtrünnigen Geschlechtes.

DER PHARISÄISCHE
UND SADDUZÄISCHE SAUERTEIG (16, 4–12)
16, 5–12 “Der Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer”? Unglauben und Kleinglauben; ihr Herz ist Stolz. Ungeachtet aller himmlischen und göttlichen Zeichen, die der Herr Jesus zeigt und im Überfluß gibt, sehen die Pharisäer und Sadduzäer absichtlich nicht, erkennen in Ihm absichtlich nicht Gott und den Messias an. Sie leugnen mit böser Absicht die Gottmenschlichen Tatsachen, die “Werke” Christi, oder sie schreiben sie dem Beelzebub zu. Ein solcher Hohn des Heiligen Geistes – das ist der Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. Das verwandelt den Menschen in einen selbsternannten Teufel, und diese Welt in die Hölle. Denn der Mensch macht Christus Gott absichtlich und bewußt für das Böse verantwortlich und verharrt bewußt und stur bei der Sünde als Methode des menschlichen Lebens und Bewußtseins und Gefühls. Der Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer ist gleich die Wissenschaft der Pharisäer und Sadduzäer; das Pharisäische ist trockener und schwindsüchtiger Formalismus und Bürokratismus. Das Sadduzäische ist Leugnung der Unsterblichkeit, der Auferstehung und des Lebens nach dem Tode (Vers 11–12). Keinerlei Zeichen vom Himmel werden sie überzeugen oder verändern.
Das Pharisäertum ist die gefährlichste Untugend für die Nachfolger Christi. Dagegen wandte sich Christus mit außerordentlichem Zorn und rücksichtsloser Verurteilung. Das bedeutet, daß im Pharisäertum furchtbares Übel beschlossen liegt, das das Gottähnliche Wesen des Menschen völlig entstellt. Die Wurzel des Pharisäertums liegt im Stolz. So wie ein wenig Sauerteig den ganzen Teig säuert, so steckt auch das Pharisäertum die ganze menschliche Persönlichkeit an. Die Nachfolger Christi erhalten außergewöhnliche Gottmenschliche Gaben und Kräfte, so daß sie stolz werden und zu Pharisäern werden können. Daher gebietet ihnen der Heiland: Seht zu und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer (Vers 6, 11). Seht zu und hütet euch: Ihr, die ihr Tote auferweckt, Teufel austreibt, Kranke heilt, denn der Sauerteig der Pharisäer würde diese Kraft und diese Gabe in euch zerstören.
Der Heiland warnte Seine Jünger mit Recht, damit sie sich vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer hüteten, denn: Da dachten sie bei sich selbst und sprachen: Das wird’s sein, daß wir nicht haben Brot mit uns genommen (Vers 7). Der Heiland erinnert sie vorwurfsvoll an das Wunder der Sättigung Tausender Menschen mit einigen Broten und einer kleinen Menge Fisch. Und Er zeigt ihnen damit, daß es sich um Kleinglauben handelt, der sich zum Kleinglauben der Pharisäer entwickeln und ihnen so die Seelen verderben kann (Vers 8–12). Der Anfang des Pharisäertums ist: die Wunder Christi nicht anzuerkennen, sich ihrer nicht zu erinnern. Der Anfang des Pharisäertums ist: sich über die Maßen um das Brot zu sorgen und den Hunger zu fürchten, wenn neben dir der wundertätige und lebenspendende Herr Jesus ist, der das All speist.

WER IST JESUS? (16, 13-28)
16, 13–15 Wer ist Jesus? Zweifellos die geheimnisvollste und komplexeste Persönlichkeit im Menschengeschlecht. Wenn die Menschen sich bei rein menschlichen hoministischen Mitteln der Erkenntnis aufhalten, sehen sie in Ihm einen Propheten, Denker, Weisen, Riesen: Er ist für sie groß wie der Vorläufer, oder wie Elias, oder wie Jeremias, oder wie einer der Propheten und Riesen des Menschengeschlechts. In Ihm Gott, den Gottmenschen zu entdecken, das ist ein Geschenk Gottes an das menschliche Wesen. Es reicht nicht, zu entdecken, daß in Ihm Gott ist. Das ist zu wenig, und sogar sehr wenig. Aber zu entdecken, daß Er der fleischgewordene, menschgewordene Gott ist, das ist die vollkommene Erkenntnis Seines Geheimnisses; und als solche ein Geschenk Gottes. Der Mensch, das menschliche Wesen ist in solchem Maße durch die Sünden und den Tod zuschanden geworden, mit Schmach bedeckt, verweichlicht, von der Sterblichkeit angesteckt, daß das menschliche Bewußtsein den menschgewordenen Gott im Menschen sich weder vorstellen noch sehen kann. Vor Christus war der Mensch die Verkörperung der unterschiedlichsten Sünden und Schandtaten und Laster, obwohl er dafür geschaffen war, allmählich in sich das zu Gott Gehörende und Göttliche zu verkörpern.
16, 16 Das ganze Geheimnis Jesu liegt darin: Der Menschensohn ist gleichzeitig auch der Sohn des lebendigen Gottes; das aber heißt: vollkommener Mensch und vollkommener Gott = Gottmensch. Und als solcher ist Er Christus, der Messias, der Retter; unvergleichlich mehr als irgendein Prophet oder alle Propheten und Gottesmenschen zusammen. Menschensohn – Sohn des lebendigen Gottes: Gott = Vater; Vaterschaft Gottes hinsichtlich des Menschen, der menschlichen Natur, dem Menschengeschlecht. Ein völlig neues Verhältnis zwischen Mensch und Gott: Beziehung von Vater zu Sohn und Sohn zu Vater. Das Menschengeschlecht – Gottes Familie und dafür auch geschaffen. Daß aber das Menschengeschlecht von Gott abgefallen ist und in Ihm nicht seinen Vater erkennt, das ist ein Zeichen dafür, daß die Sünde, der Tod und der Teufel sich zwischen das Menschengeschlecht und Gott gelegt haben. Durch Seine Gottmenschliche Heilsökonomie, die Kirche nämlich, erneuert der Herr Christus als Gottessohn und Menschensohn das väterliche Verhältnis Gott Vaters zum Menschengeschlecht und schenkt ihm den Sieg über Tod, Sünde und Teufel.
16, 17 Menschlicher Leib und Blut durch die Sünde verfinstert, durch das Böse leichenhaft geworden, durch den Tod abgetötet, sind nicht fähig, Gott in Jesus zu offenbaren, den Unsterblichen im Sterblichen zu sehen, den Ewigen im Zeitlichen. Weder Gefühle noch der gefühlsmäßige Verstand, noch irgend etwas Leibliches können das Geheimnis Jesu offenbaren. Hier ist das unmittelbare Wirken Gottes auf die menschlichen Bewußtseinsorgane vonnöten. Hier verwandelt die göttliche Gnade den menschlichen Geist in den “Geist Christi”, und der Heilige Geist schenkt dem Menschen das, was das menschliche Auge nicht schaute und das menschliche Ohr nicht vernahm und das menschliche Herz nicht empfand (vgl. 1. Kor. 2, 7–15). Die Seligkeit des Apostels Petrus ist eben darin beschlossen: Gott wirkte in seiner Seele, in seinem Geist, und er denkt durch Gott, fühlt durch Gott, schaut mit Gott, und deshalb erkennt er in Jesus – den Gottmenschen und Messias. Trauer und Schrecknisse, Furcht und Verzweiflung entleeren die menschliche Seele, wenn der Mensch in Kategorien von Leib und Blut lebt, denkt, empfindet, wenn er sich von Körperlichem, Sinnlichem, Vergänglichem leiten läßt. Der Untermensch und Unmensch lebt ganz in solchen Dingen und deshalb sieht er nicht den Gottmenschen in Jesus, und er hat kein Heilmittel gegen den Tod und den selbstmörderischen Schrecken. Der europäische und asiatische Humanismus ist ganz auf dem Menschen als Fleisch und Blut begründet. Daher wird ihm auch die Offenbarung des Geheimnisses Jesu nicht zuteil, denn “man muß sich geistlich umschauen” (1. Kor. 2, 14).
Selig ist Petrus, denn durch ihn offenbarte Gott Vater die Hauptwahrheit der Persönlichkeit Christi. Der heilige Chrysostomus sagt: Petrus Worte drücken nicht menschliches Denken aus, sondern Göttliche Lehre. Und erfüllt wird das Wort des Heilands: “Niemand kennt den Vater außer dem Sohn; und niemand kennt den Sohn außer dem Vater; und wenn der Sohn es jemandem offenbaren will” (Mt. 11, 27; vgl. Lk. 10, 22). “Niemand kann zu Mir kommen, wenn ihn der Vater nicht anzieht, der Mich gesandt hat” (Mk. 6, 44). Das bedeutet, daß die Lehre des Heilands über die Christuserkenntnis und Gotteserkenntnis sehr deutlich ist: Den Sohn kann man nur durch den Vater erkennen, und den Vater kann man nur durch den Sohn erkennen. Der Heiland sagt zu Petrus: 16, 18 Und Ich sage dir, du bist Petrus, und auf diesem Stein – d.h. auf diesem Glaubensbekenntnis – werde Ich Meine Kirche bauen, und die Pforten der Hölle werden sie nicht überwinden (Vers 18)2. Der Glaube an Christus als Gottessohn und Menschensohn als an den Gottmenschen – das ist die Grundlage der Kirche Christi. Die Einmaligkeit und Einheit der Persönlichkeit Christi garantiert auf ewig die Einheit und Einzigartigkeit der Kirche. Was der Gottmensch Christus ist, das ist auch Seine Kirche: Sie ist Sein Leib, Er ist das Haupt des Leibes. Er allein ist stärker als Sünde, Tod und Teufel, diese Hauptkräfte der Hölle, und mit Ihm und durch Ihn auch alle rechtgläubigen Glieder der Kirche. Gewappnet mit der “Waffenrüstung Gottes” (Eph. 6, 10–18) besiegen sie mit Hilfe der heiligen gottmenschlichen Geheimnisse und der heiligen gottmenschlichen Tugenden die Hölle und all ihre Kräfte.
Die Kirche gründet ganz auf dem Gottmenschen, ganz auf dem Glauben und der Überzeugung, daß Jesus der Gottmensch ist und deshalb der Messias, also der Retter von Sünde, Tod und Teufel. Der Gottmensch – und in Ihm der einzige wahre Mensch, wirkliche Mensch, sündlose Mensch, ewige Mensch, gottmenschliche Mensch. Ja, Gottmensch: Mit gottmenschlichen Kräften gründet und baut Er die Kirche, und verwandelt in ihr die Menschen zu gnadenvollen Gottmenschen. Alles in ihr ist gottmenschlich, unsterblich, ewig. Deshalb können die Höllenpforten sie nicht überwinden. Die Pforten der Hölle? – das sind der Tod und alle Mächte des Todes, die Sünden und alle Leidenschaften in ihnen und mit ihnen, und über allem die Teufel als die Schöpfer und Bewacher der Hölle und ihrer Hauptkraft, des Todes – des Todes, den die Sünden hervorbringen. Daß der Gottmensch die Grundfeste der Kirche ist, und nicht Petrus oder irgendein anderer Mensch oder alle Menschen zusammen, dafür ist der Beweis, daß nur Er den Tod und alle Mächte der Hölle besiegen kann und besiegt hat. Wäre die Kirche auf einem Menschen begründet, welcher Tod würde ihn nicht überwinden und welcher Teufel nicht besiegen? Durch den Gottmenschen Christus ist die Kirche stärker als alle Tode und alles Böse und alle Teufel. Er ist es, wodurch sie all diese sich unterwirft und besiegt. Indem Er ausschließlich Selbst in der Kirche wirkt, unterwirft der Gottmensch durch Seine Göttliche Kraft und durch Seine auserwählten Diener der Kirche die Hölle und all ihre Mächte. Durch Ihn herrschen Seine heiligen Apostel über Himmel und Erde.
16, 19 Da sie Ihn besitzen, haben die Apostel die Schlüssel des Himmelreiches (Vers 19). Ins Himmelreich tritt man durch Ihn ein, den Gott des Himmels und der Erde, denn Er ist “die Tür für die Schafe” (Jo.10, 7). Dieselbe Wahrheit, dieselbe Gerechtigkeit, dieselben Gesetze gelten auf der Erde und im Himmel, gelten durch die Kirche, die als Gottmenschlicher Leib Christi ein und dieselbe ist auf der Erde und im Himmel. Durch die Kirche wird die Erde zum Himmel emporgehoben mit ihm gleichgesetzt und wird zum Himmel. Aber auch der Himmel neigt sich durch die Kirche zur Erde, wird mit ihr gleich und wird zur Erde. Durch die Kirche wird der Himmel geerdet und die Erde verhimmelt. All das ist das Werk und die Gabe des Gottmenschen unseres Herrn Jesus Christus (Kol. 1, 16–20; Eph. 1, 10–23).
Der Evangelist verkündet: Dann gebot Jesus Seinen Jüngern, niemandem zu sagen, daß Er der Christus sei (Vers 20). Warum? Weil die Zeit Jesu noch nicht gekommen war, weil zwischen der Auferstehung, diesem wichtigsten Zeichen, nach dem die Menschen Jesus als den Sohn Gottes erkennen werden, noch Golgatha stand, die Kreuzigung, das Leiden, der Tod. Angesichts all dessen – wer bleibt fest im Glauben, daß Christus der Gottessohn ist? Ja selbst Petrus wird sich von Ihm lossagen. Golgatha mit all seinen Schrecknissen wird zum fast unüberwindlichen Hindernis, daß die Menschen den Glauben bewahren, daß Jesus der Sohn Gottes ist. Wenn die Jünger jetzt Christus als den Messias ausrufen, wird das Volk durch Ihn in Versuchung geführt, wenn es Seine Leiden auf Golgatha und Seinen Tod sieht. Alle Leiden und Qualen Christi kann man nicht ohne des Heiligen Geist verstehen. Und selbst die Apostel, die den Herrn Christus lange begleiteten, erhielten allmählich Offenbarungen über Seine Gottheit, über Seine Gottmenschheit. Und selbst beim Letzten Abendmahl eröffnete der Heiland Seinen Jüngern nicht alles. Er sagte ihnen damals: “Ich habe noch vieles zu sagen, aber jetzt könnt ihr das nicht tragen” (Jo. 16, 12).
16, 21 Dann ist verständlich, daß der Heiland Seinen Jüngern verbietet, von Ihm als dem Messias zu sprechen, denn für das einfache Volk war der Messianismus unverständlich, und es wäre gefährlich, ihm alle Geheimnisse vorzeitig zu offenbaren. Der Evangelist frohbotschaftet: Seit der Zeit fing Jesus an, Seinen Jüngern zu zeigen, wie er nach Jerusalem gehen und viel leiden müsse von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und am dritten Tage auferstehen (Vers 21). Seit der Zeit? Seit der Zeit, als die Jünger bekannten, daß Jesus der Gottessohn ist, von der Zeit an begann Jesus zu Seinen Jüngern von den Geheimnissen Seiner Persönlichkeit zu sprechen. Aber auch dann “verstanden sie nichts davon” (Lk. 18, 34).
Die Apostel konnten in keiner Weise durch die Leiden Christi zu Seiner Auferstehung durchdringen. Das Leiden des Messias war für sie sinnlos, denn die Leiden eines Sterblichen erlangen ihren Sinn und ihre Rechtfertigung nur in der Auferstehung.
Von der Zeit an spricht der Gottmensch offen von Seinem Tod, Leiden und Auferstehung. Warum von der Zeit an? Weil Er Seinen Jüngern in Seiner Person das vorewige Geheimnis der Kirche offenbarte, das Geheimnis Seiner alles besiegenden Gottmenschlichen Kraft, welche den Tod zerstört und die Hölle überwindet. Und sie wird die paradiesische Freude der Existenz durch die Auferstehung erleben, durch die auferstehende Kraft, welche keinerlei Tod beeinträchtigen kann. Das aber ist es gerade, was die sündige und sterbliche menschliche Logik nicht verstehen und annehmen kann. Der Apostel Petrus ist ein deutlicher Vertreter von dieser Logik: Herr, das verhüte Gott! Das widerfahre dir nur nicht! (Vers 22).
16, 22 Mußt Du etwa leiden und getötet werden? Du Göttlicher Helfer, unübertroffener Wundertäter, unerhörter Lehrer? Nein, das lassen wir nicht zu, wir verteidigen Dich! Du hast uns ja Kraft verliehen, Tote aufzuerwecken, Aussätzige zu reinigen, alle Krankheiten zu heilen, Macht über Dämonen zu haben. Werden wir allmächtige Wundertäter Dich etwa nicht vor Deinen Feinden und Quälern schützen?
16, 23 Auf all das antwortet der sanftmütige Heiland so scharf, wie niemals bisher: Geh von Mir, Satan! Du bist mir ein Ärgernis; denn du meinst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist (Vers 23). Ein satanischer Gedanke und Plan, daß der Tod nicht besiegt wird, daß der Gottmensch nicht aufersteht und das Menschengeschlecht von Sünde, Tod und Teufel nicht gerettet wird! Das heißt, daß der Satan auch weiterhin durch Sünde und Tod das Menschengeschlecht in seiner Gewalt, in seiner Sklaverei hält. Die göttliche Idee aber, der Plan Gottes ist, daß der Gottmensch durch Seine Leiden, Tod und Auferstehung Sünde, Tod und Satan besiegt und so die Menschheit rettet. Das ist die göttliche Logik der Rettung, an die sich der Mensch gewöhnen muß, wenn er nicht Sklave des Satanismus bleiben will, Gefangener von Sünde, Tod und Teufel. Der Satanswunsch ist, die Rettung ohne Leiden, Tod und Auferstehung anzustreben; derart satanisch ist dieser Wunsch, daß der Heiland deshalb Seinen obersten Apostel und Bekenner als Satan bezeichnet. Den Retter von Leiden und Tod abzulenken, das bedeutet Ihn von der Auferstehung fernzuhalten; im Kreuz aber und der Auferstehung ist das Zentrum des Heils. Hätte der Herr Christus nicht gelitten und den Tod erduldet, so wäre das qualvollste Problem des menschlichen Wesens ungelöst geblieben, und er hätte kein Recht, Sich Menschensohn zu nennen. Leiden ist das Schicksal der Menschen auf der Erde, das wissen die Apostel sehr wohl. Daß aber das Leiden auch Schicksal des Menschensohnes auf Erden wird, das können sie in keiner Weise verstehen. Deshalb unterstreicht ihnen der Heiland die gottmenschliche Wahrheit des Evangeliums: Leiden – das ist das Schicksal nicht nur des Sohnes Gottes auf der Erde, sondern auch aller seiner Nachfolger. Und zwar als ein Leiden, das sie sich selber freiwillig auferlegen.
16, 24 Der Evangelist frohbotschaftet: Da sprach Jesus zu seinen Jüngern: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir (Vers 24). Der Mensch kann nicht Christus als Gott anerkennen und den Neigungen seines Herzens folgen. An Christus glauben bedeutet, sich von seinem sündigen Ich loszusagen. Der Glaube hat zwei Momente: einen negativen und einen positiven. Der negative – sich von sich loszusagen: Dieses sich umfaßt alles, was der Mensch in seiner Seele, in seinem Körper, in seinem Herzen, in seinem Gewissen, in seinem Willen trägt. Sich von sich selbst loszusagen, bedeutet nach dem heiligen Makarius dem Großen: sich von seiner “zweiten Seele” loszusagen, der Seele, die unsere Sünde in uns formte (Homil. XV, 35; P. gr. t. 34, col. 600). Wenn wir zu Christus Glauben fassen, sagen wir uns von jener Seele unserer Sünden los und fangen an, unserer gottgleichen Seele zu leben, die uns von Gott bei der Erschaffung des Menschen verliehen wurde. Und wir vervollkommnen sie durch die heiligen Mysterien des Evangeliums und die heiligen Tugenden des Evangeliums, mit dem Ziel, heranzuwachsen zur Reife des Mannesalters, zum vollen Maß der Fülle Christi und zwar konziliar mit allen Heiligen in der Kirche, die der Leib Christi ist (Eph. 4, 13; 3, 18; 4, 12). In welcher die Christen durch den Heiligen Geist zu “gnadebegabten Gottmenschen” werden, und so das Ziel erreichen, um dessentwillen sie auch von dem Dreisonnigen Herrn geschaffen wurden.
Was bedeutet sich von sich selbst lossagen? Es bedeutet: Sich von seiner sündigen Seele abwenden, seinem sündigen Willen, seinem sündigen Geist. Wenn der Mensch das tut, kreuzigt er sich wahrlich und trennt in sich das Reine vom Unreinen, das Sündige vom Sündlosen, das Göttliche vom Teuflischen. Der Mensch ist dann am Kreuz, und zwar an seinem Kreuz. Das Leiden, die Selbstkreuzigung werden zur Reinigung. Der Mensch kreuzigt all seine Sünden, entsagt seiner Eigenheit, seinem egoistischen Leben, verwirft seinen sündigen Eigenwillen und nimmt Christi Göttlichen Willen an als seinen weiteren Führer in seinem gesamten Dasein in der Zeit und in der Ewigkeit. Diese kreuzmäßige Selbstentäußerung teilt sich in zwei asketische Übungen. Die erste Askese ist, sein Kreuz aufzunehmen; die zweite ist, Christus nachzufolgen durch die heiligen Mysterien des Evangeliums und die heiligen Tugenden des Evangeliums. So baut sich der Mensch zum Christen auf. Sich nicht seiner selbst durch die Kreuzesliebe zu entsagen, aber Christus nachfolgen zu wollen, heißt ein Mensch zu sein, der sich hundert Mühlsteine an den Hals hängt und fliegen will. Das Wort Kreuz ist im Christentum ein Sammelbegriff und bedeutet alle Qualen und alle Leiden im Kampf des Christen mit den Sünden und Leidenschaften und Toden und Teufeln. Die Kreuze sind nicht einheitlich für alle Menschen. Jeder hat sein eigenes Kreuz, denn man kann nicht Christus angehören, Christ sein ohne Kreuz, ohne Kreuztragen, ohne Selbstkreuzigung. Das verkündet der Heiland: Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir (Vers 25).
Die ganze gottmenschliche Heilsökonomie der Rettung und Vergöttlichung des Menschen wurde vom Gottmenschen Christus von Seiner Menschwerdung bis zur Himmelfahrt vollbracht und stellt die asketische Handlung des Gottmenschen Christus dar. Worin aber besteht die Askese und Aufgabe des Menschen? Dem Gottmenschen nachzufolgen und so Dessen Askese zu seiner eigenen zu machen. Und wie folgt man dem Gottmenschen nach? Durch Selbstverleugnung und die Aufnahme des eigenen Kreuzes, Selbstkreuzigung. Das heißt, nicht denken “was des Menschen ist” (Vers 23), sich nicht nach jenem menschlichem Maße zu richten, den Menschen nicht als höchstes Maß der Dinge anzusehen, sich von allem lossagen, auf dem der Mensch steht und existiert: Egoismus, Eigenliebe, Selbstzufriedenheit, Autarkie (Selbständigkeit); sich von sich lossagen, d.h. von allem, was der Mensch ausschließlich als ihm gehörig ansieht, wie sein Ich, wie seine Seele, wie sein Wesen, und sich vom Gottmenschen Christus erfüllen lassen (vgl. Kol. 2, 9–10; 3, 9–11). All das aber heißt: Sich in den Herrn Christus kleiden (Röm. 13, 14; Gal. 3, 27).
Der christustragende Chrysostomus verkündet: “Niemand schäme sich also des ehrwürdigen Zeichens unserer Erlösung, der größten aller Wohltaten, durch die wir leben, durch die wir sind. Wir wollen vielmehr das Kreuz Christi wie eine Krone tragen. Denn durch das Kreuz wird ja unser ganzes Heil vollbracht. So oft jemand wiedergeboren wird, ist das Kreuz dabei; so oft er genährt wird mit jener geheimnisvollen Speise, so oft jemand geweiht wird, so oft irgendeine andere Handlung vorgenommen wird, überall steht dieses Zeichen des Sieges uns zur Seite. Deshalb zeichnen wir es voll Eifer auf die Häuser, Wände und Fenster, auf die Stirn und auf das Herz. Ist es doch das Sinnbild unserer Erlösung, unserer gemeinsamen Befreiung, sowie der Güte unseres Herrn. ‘Wie ein Lamm wurde er zur Schlachtung geführt’ (Jes. 53,7). So oft du dich also mit dem Kreuze bezeichnest, beherzige alles, was im Kreuze liegt, dämpfe den Zorn und alle übrigen Leidenschaften. Wenn du dich bekreuztest, erfülle deine Stirn mit großer Zuversicht, mache deine Seele frei. Ihr wisset doch sicherlich, wodurch wir die Freiheit von der Knechtschaft der Sünde erlangen. Nach den Worten des Apostel Paulus ‘Um einen Preis seid ihr erkauft worden; werdet nicht Sklaven der Menschen’ (1. Kor. 7, 23). Er will sagen: Bedenke, was für ein Preis für dich bezahlt worden ist und du wirst keines Menschen Knecht sein, das Kreuz nennt er nämlich einen Kaufpreis. Man darf das Kreuz aber nicht einfach nur mit dem Finger machen, sondern zuerst mit dem Herzen, voll innigen Glaubens. Wenn du es in dieser Weise auf deine Stirne zeichnest, dann wird dir kein unreiner Geist nahen, weil er die Waffe sieht, die ihm die Wunde geschlagen, das Schwert, das ihm den tödlichen Streich versetzte. Der Teufel erschaudert beim Anblick des Kreuzes, der Waffe, mit der Christus seine ganze Macht gebrochen und dem Drachen den Kopf abgehauen hat. Präge dir also diese Wahrheit tief ins Gedächtnis ein und drücke das Heil unserer Seelen an dein Herz. Denn dieses Kreuz hat die Welt erlöst und bekehrt, hat den Irrtum verscheucht, die Wahrheit gebracht, die Erde in einen Himmel verwandet, aus Menschen Engel gemacht. Mit dem Kreuze braucht man die Teufel nicht mehr zu fürchten, sondern darf sie verachten, ist der Tod kein Tod mehr, sondern nur ein Schlaf, sind alle uns feindlichen Mächte zu Boden gestreckt und niedergetreten worden.3
Ohne freiwillige Selbstkreuzigung kann der Mensch nicht dem Gottmenschen nachfolgen. Die allerwahrste Frohbotschaft lautet: Welche aber Christus Jesus angehören, die haben ihr Fleisch gekreuzigt samt den Lüsten und Begierden (Gal. 5, 24). Das Bekenntnis eines jeden Christen ist: Von mir aber sei es ferne, mich zu rühmen, als allein des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch welchen mir die Welt gekreuzigt ist und ich der Welt (Gal. 6, 14). Dieses ist die höchste Regel des neuen, gottmenschlichen Lebens nach dem Evangelium: Und wie viele nach dieser Regel einhergehen, Friede und Barmherzigkeit sei über sie (Gal. 6, 16). Man kann nicht dem sündigen Selbst folgen und dem Gottmenschen. Dem Gottmenschen folgt der, der sich selbst verleugnet und sein Kreuz aufnimmt. Und das Kreuz? – das sind alle Leiden um des Herrn Christi willen, die der Mensch im Kampf mit den Sünden, mit den Leidenschaften, den Toden und den Teufeln auf sich nimmt. Nach den Regeln der Kriegsstrategie des Evangeliums: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens; ergreife das ewige Leben (1. Tim. 6, 12; vgl. 1, 16). Das Kreuz? – das sind alle Sterben, alle Tode, die der Mensch um des Herrn Christi willen aufnimmt, um auf diese Weise die Auferstehung von den Toten zu erlangen, den Sieg über den Tod, und Ihn zu erkennen und die Kraft Seiner Auferstehung und die Gemeinschaft Seiner Leiden, und Seinem Tod zu ähneln (Phil. 3, 8–11).

16, 25 Der menschenliebende Herr frohbotschaftet: Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden (Vers 25). – Alles, was Christus gehört, sich mit Hilfe der heiligen Mysterien und der heiligen Tugenden zu eigen zu machen, im Leibe Christi – der Kirche – lebend, das ist die einzige Art, in der der Mensch seine Seele für das ewige Leben bewahren kann. Seine Seele zu verlieren durch die Selbstkreuzigung, durch die Leiden um Christi willen, wenn der Mensch meint, nun sterbe ich ganz und denkt “Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?”, heißt eben sie zu finden; sie zu finden gereinigt, geheiligt, unsterblich gemacht, ewig, verchristlicht, vergottmenschlicht. Wer aber ohne den Herrn Christus seine Seele retten will, sie ohne Ihn ewig und selig machen will – der verliert sie. Zwei wertvollste und wichtigste Realitäten sind diese: Gott und Mensch, der Gottmensch und die menschliche Seele. Allein durch den Gottmenschen kann der Mensch seine Seele finden. Sucht er sie nicht durch Ihn, so findet er sie niemals. Deshalb sind die Christusfeinde gleichzeitig auch Seelenfeinde. Da sie Christus nicht anerkennen, erkennen sie auch ihre Seele nicht an, und ebensowenig in den sie umgebenden Menschen. Allein der Gottmensch verleiht dem Menschen die Kraft, sich als ewig zu empfinden, sich als ewig zu erkennen und sich als ewig aufzubauen. Durch diese gottmenschliche Kraft entdeckt er auch in anderen Menschen das Ewige, das Gottmenschliche, das Gottebenbildliche, das Göttliche, das Dreieinige = die Seele. Wer Gott nicht anerkennt, der erkannt auch die Seele nicht an; wer Gott verneint, der verneint auch die Seele. Atheisten sind gleichzeitig auch immer “Apsychisten”; Gottlose stets auch Seelenlose. Man muß von diesem Gefühl und Bewußtsein ausgehen: Alles, was mir gehört, alles Menschliche, ist ohne Christus nichts wert; all das ist “müßig”, all das ist trockener “Unrat” gegenüber Christus: ...und achte es für Unrat, auf daß ich Christus gewinne (Phil. 3, 8).

16, 26 Die Welt und die Seele: Die Welt mit all ihren Universen ist ein unvergleichlich geringerer Wert gegenüber der menschlichen Seele, denn sie ist gottebenbildlich, denn sie ist voll von göttlichen Kräften, unsterblichen göttlichen Werten. Die Seele ist das, was der Mensch als das ewig Seine empfindet als sich selbst, als das, was den ewigen Inhalt seines Selbstempfindens und Selbstbewußtseins ausmacht. Die Seele – das ist die Unsterblichkeit des Menschen, die Ewigkeit des Menschen. Und die Welt? – Sie ist etwas Äußerliches, etwas Begrenztes, Vergängliches. Durch nichts in der Welt, nicht einmal durch die ganze Welt kann der Mensch nicht seine Seele ersetzen, weder das Gewissen, noch die Paradiesesstimmung. Wodurch aus der Welt kann der Mensch seine gottähnliche und von Sünde, Tod und Teufel unsterbliche Seele freikaufen? Mit nichts außer dem Gottmenschen. Die Seele, die durch die Askese des Glaubens und des Gottmenschen die Leiblichkeit und Erdhaftigkeit überwindet und durch das asketische Werk der Liebe sich selbst um Christi willen aufopfert, findet sich in Christus: geschmückt, geheiligt, verchristet, für das ewige Leben bewahrt. Die Frohbotschaft des menschenliebenden Heilands lautet: Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Oder was kann der Mensch geben, womit er seine Seele auslöse? (Vers 26).
16, 27 Über der Welt und ebenso über der menschlichen Seele steht der Gottmensch als Retter und Richter. In Seiner Kirche gibt Er alle Mittel, alle Kräfte für die Rettung des Menschen von der Sünde, von Tod und Teufel, denn am Tag des Gerichts wird er einem jeden vergelten nach seinem Tun (Vers 27). Dessen Tun aber – das sind seine Gedanken, seine Gefühle, seine Worte, seine Werke; mit einem Wort sein ganzes Leben, von der Krippe bis zum Grab. Dieses Netz wird tagtäglich und allnächtlich gewoben am Kreuzweg des menschlichen Lebens. Der Mensch ist ein himmlisch-irdisches Wesen, weshalb auch seine Verantwortung himmlisch-irdisch ist: für jedes Gefühl, jedes Wort, jedes Werk. Denn alles zusammen und für sich bestimmt das ewige Leben des Menschen.
Ob der Mensch dies will oder nicht, er erarbeitet sich im Laufe seines irdischen Lebens sein Verhältnis gegenüber Christus: entweder nähert er sich Ihm oder er entfernt sich von Ihm.