Hl. Justin von Celije

Kommentar zum Hl. Evanglium nach Matthäus



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 2000, 3

KAPITEL 17
DIE VERKLÄRUNG DES HERRN (17, 1–13)
17, 1 Nachdem der Heiland Seinen Nachfolgern den Weg zum Reich Gottes gezeigt hat, zeigt Er ihnen sechs Tage später das Reich Gottes. Der Evangelist verkündet: Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg (Vers 1). – Warum nimmt der Heiland nur diese Jünger mit Sich auf den Berg? Weil sie die anderen Schüler übertrafen: Peter durch die Kraft seiner Liebe zu Christus, Johannes durch die besondere Liebe Christi zu ihm, und Jakobus durch die Antwort, die er mit seinem Bruder gab, daß sie den Kelch trinken können, den der Heiland trinken wird (Mt. 20, 22). Und nicht nur durch die Antwort allein, sondern auch durch seine Werke, denn der Heiland nannte sie “Donnersöhne = boan™rgeV”1. 17, 2 Im zweiten Vers heißt es: Und Er wurde verklärt vor ihnen, und Sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und Seine Kleider wurden weiß wie das Licht (Vers 2).
Die Verklärung des Gottmenschen Christus? Tatsächlich ist die Verklärung die vollkommenste Gotteserscheinung (Theophanie): Gott wurde Mensch, wurde Leib, lebt im Leib, leuchtet aus dem Leib, um zu zeigen, daß auch der Körper, daß auch die Materie für den Herrn ist (1. Kor. 6, 13–20). Christus ist: e³kŽn to¨ Qeo¨ to¨ aoratou (Kol. 1, 15) = Ebenbild, Ikone, Abbild, Bild des unsichtbaren Gottes. Und Er, “das Ebenbild Gottes” und der Gottmensch, wurde verklärt, Sein ganzer Körper leuchtete in dem ewigen göttlichen Licht auf und erschien vergöttlicht, Göttlich. Mit Seiner Verklärung zeigte der Herr, daß auch der Körper dazu geschaffen ist, als Wohnstatt und “Stromleiter” des ewigen und ungeschaffenen Lichtes Gottes zu dienen, daß der ganze Gott in ihm, durch ihn und mit ihm wohnt. Als Neuer Adam zeigte der Herr dadurch, daß der menschliche Leib eben dafür geschaffen ist, daß Gott in ihm wohnt, und aus ihm leuchtet und glänzt, ihn von Kraft zu Kraft verklärt, und von Herrlichkeit zu Herrlichkeit.
Der Herr Christus wurde Mensch, um durch Sich als Gottmensch, als Kirche den Menschen zu einem Gottmenschen der Gnade nach zu verklären. Und zwar? Mit Hilfe der heiligen Mysterien und der heiligen Tugenden das menschliche Wesen mit Gott durchdringen, mit Gott erfüllen, mit dem Göttlichen Licht durchdringen, vergöttlichen. Und das geschieht mit jedem Gläubigen in der Kirche, die eben der Leib des Gottmenschen ist, und als solcher stets voll von verklärender Kraft; sie strahlt aus sich und durch sich immer von göttlichem Licht und verklärt dadurch, verchristet, vergottmenscht die Glieder der Kirche gemäß ihrer Askese im Evangelium. Die Kirche lebt ständig durch den Gottmenschen und durch alles, was zu Ihm gehört, denn in der Kirche setzt Er sich ganz fort und alles Ihm Gehörende in alle Zeitalter, ja auch Seine Verklärung selbst. Wenn es auch ein persönliches Erlebnis des Heilands ist, so verklärt es sich doch durch die Kirche in ein gemeinschaftliches Erlebnis. Die Weinrebe = der Gottmensch, und die Trauben daran leben immer durch den Gottmenschen.
Allein der Gottmensch verwandelte vollkommen und gänzlich den Menschen durch Gott. Und alles, was Er brachte und schenkte, brachte und schenkte Er den Menschen mit dem Ziel, daß sie sich Seinem Beispiel folgend durch Gott verklären. Und das erfolgt im Gottmenschlichen Organismus der Kirche, welchem der Gottmensch Christus sowohl Leib als auch Haupt ist. Die neutestamentliche Frohbotschaft: Der Gottmensch Christus ist e³kŽn to¨ Qeo¨ to¨ aoratou (Kol. 1, 15) = Ebenbild, Ikone, Abbild, Bild des unsichtbaren Gottes. – Und dieses “Abbild des unsichtbaren Gottes”, Gott Logos wurde Mensch, um den “nach dem Ebenbild Gottes” geschaffenen Menschen, der dieses Ebenbild selbst durch die Sünde entstellt hatte, zu erneuern, zu verklären, und zwar in der Kirche, die Sein Leib ist (Kol. 1, 12–23). Und wir werden in der Kirche zu eben demselben Abbild verwandelt, jenem Ebenbild, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie von dem Geist des Herrn (2. Kor. 3, 18).
Wesenhaftes Kennzeichen des Gottesreiches ist: die Materie leuchtet von Göttlichem Licht, und zwar nicht nur die Materie, aus der sich der Leib des Gottmenschen Christus zusammensetzt, sondern ebenso die, die Seinen Leib umgibt – der Kleidung. Nur in der Verklärung des Heilands wird die wahre Schönheit der Materie offenbar. Sie ist dazu berufen, Überträgerin des ewigen Göttlichen Lichtes zu sein: von ihm zu leuchten. In Seiner Verklärung offenbarte der Heiland den Plan Gottes hinsichtlich der Materie: Wohnstatt des Reiches Gottes zu sein.
17, 3 Der Evangelist frohbotschaftet: Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit Ihm (Vers 3). An der Offenbarung des Gottesreiches durch die Verklärung nehmen die zwei größten Propheten teil: Moses und Elias. Warum? Weil viele Christus für Elias oder irgendeinen Propheten hielten, und weil sie Ihn häufig als Übertreter des Gesetzes Moses’ anklagten. Und um zu zeigen, daß diese Beschuldigung Jesu ein Werk des Neides und der Bosheit ist, offenbart Gott in der Verklärung des Heilands, daß Moses und Elias Diener des Herrn Jesus sind. Der berühmte Gesetzgeber Moses erscheint und spricht mit Jesus bei Seiner Verklärung. Wäre Jesus ein Übertreter des Gesetzes Moses’, so würde Moses hier nicht als Sein Gesprächspartner und Diener auftreten. Wäre Jesus nicht der Sohn Gottes, so würde der feurige Elias, der um die Werke Gottes von cherubischem Eifer brennt, nicht zustimmen, sich Jesus zu unterwerfen und zu gehorchen. Sowohl Moses als auch Elias sind unsterblich: einer – der Vertreter der Verstorbenen, der andere – Vertreter der Lebenden, denn er war lebend in den Himmel erhoben. Und der eine wie der andere erscheinen als Diener des Herrn Jesus. Und damit beweisen sie, daß Jesus über die Lebenden und die Toten Macht hat. Moses, der starb und dessen Tod in der Bibel beschrieben ist, erscheint bei der Verklärung des Heilands als Lebendiger. Damit wollte der Heiland Seinen Jüngern Mut machen, damit sie Kreuz und Tod nicht fürchten.
Im dritten Vers ist gesagt: “die redeten mit Ihm “. Wovon sprachen sie? Diese Frage beantwortet der Evangelist Lukas in seiner Beschreibung der Verklärung des Heilands: “und siehe, zwei Männer redeten mit ihm, welche waren Mose und Elia” (Lk. 9, 30–31). – Sie sprachen also mit dem Herrn Jesus über Seine Gottmenschliche Heilsökonomie, die Ihm durch die Leiden und Auferstehung zu vollbringen bevorstand. Dadurch wurde den Jüngern auch eröffnet, daß der Messias auf der Erde ein Leidensdulder sein muß, wie der Prophet Jesajas (53, 3–12) prophezeit hatte.
Zweifellos ist die Verklärung des Heilands die Einführung zu Seiner Auferstehung, Vorbereitung und Voraussetzung. Tatsächlich ist das eine vom anderen nicht zu trennen: Sowohl die Verklärung als auch die Auferstehung geschieht durch Gott, durch den Gottmenschen. Ein organisches Ganzes: in der Kirche und in der Person des Gottmenschen. Offenbar ist im Licht der Verklärung das gesamte Gottmenschliche Heilswerk erkennbar. Die Verklärung als Bestandteil der Heilsökonomie wird nur durch die abschließende Tat jenes Heilswerkes deutlich: in der Gottmenschlichen Auferstehung. Deshalb befiehlt der Heiland auch den drei Zeugen Seiner Verklärung: Sagt niemandem von dieser Erscheinung, bis der Menschensohn von den Toten aufersteht (Vers 9).
17, 4 Zur Auferstehung kann man nicht anders gelangen als über die Verklärung. Die Verklärung – das ist ein so unerklärliches Licht, und Freude und Seligkeit für die menschliche Natur, daß der begeisterte Wunsch und die eifrige Bitte des Petrus völlig gerechtfertigt ist: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so wollen wir hier drei Hütten bauen, Dir eine, Mose eine und Elia eine (Vers 4). Petrus schlug das vor, weil er hörte, wie Moses und Elias mit dem Heiland von Seinem Leiden sprechen, vom Kreuz und allen Leiden von Golgatha nach dem Einzug nach Jerusalem. Und in der Angst um den Herrn Jesus schlug Petrus vor hier zu bleiben, auf dem Berg Thabor; hier ist gut sein; gut, denn hier ist Elias, der Feuer vom Himmel führt; den hier ist Moses, der mit Gott sprach; und niemand wird wissen, daß wir hier sind.
17, 5 Offensichtlich konnte der Apostel Petrus noch nicht die Notwendigkeit der Gottmenschlichen Leiden, des Todes und der Auferstehung erkennen. Deshalb auch erinnert Gott aus einer glänzenden Wolke daran: “Ihm sollt ihr gehorchen” (Vers 5); d.h. Er allein weiß, was zur Gottmenschlichen Heilsökonomie gehört. Das Licht spricht – das ist erhaben und furchterregend. Deshalb “fielen die Jünger auf ihr Angesicht und erschraken sehr” (Vers 6). Licht spricht zu Saulus auf seinem Weg nach Damaskus. Daher hat Saulus solche Furcht. Verklärung – Veränderung der Farbe des menschlichen Körpers in Licht: alles löst sich in Licht auf, und ergießt sich und fließt über und löst sich auf. Als sei der Leib Christi aus demselben Material gewoben wie das Licht. Es zeigt sich, daß die ganze Materie aus Licht besteht, aus Lichtkörnern, aus Lichtatomen. Nach der Verklärung des Heilands zu schließen, besteht die Materie dem Wesen nach aus Licht und ist auf das Licht als ihre Ur-Wesentlichkeit und Ur-Natur zurückzuführen. Der Gottmensch und Seine ganze Schöpfung spricht durch das Licht, denkt durch das Licht, lebt durch das Licht, wirkt durch das Licht (Jo. 8, 12; 1, 4–9; 1 Thess. 5, 5). Durch die Sünde haben die Menschen das Dunkel in sich gezogen und in die sie umgebende Welt. Hieraus entsteht all unser menschliches Stolpern und Fallen und Untergehen. Der Gottmensch verklärte Sich um uns zu zeigen, daß wir auf dem Weg zur Auferstehung die Verklärung all dessen brauchen, was uns eigen ist: des Herzens, und Geistes, und des Willens, und der Seele und des Leibes. Sind wir Christen? – Dann verklären wir uns in das Ebenbild Christi von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, wie durch den Geist des Herrn (2. Kor. 3, 18; 1. Kor. 15, 48–49; Phil. 3, 20–21).
17, 7–8 Die Augenzeugen der Verklärung des Heilands, die drei Jünger, konnten nicht ohne Furcht und Schrecken das ungewöhnliche Licht der Verklärung ertragen. Als sie Moses und Elias als Lebende schauten, die leuchtende Wolke sahen und die Stimme Gottes aus der Wolke hörten, fielen die Jünger auf ihr Angesicht und erschraken sehr”(Vers 6). Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! (Vers 7). “Gott lebt im unzugänglichen Lichte” (1. Tim. 6, 16). Wenn ein Mensch an dieses Licht herantritt, muß ihn Furcht befallen. Aber der Heiland erklärt Seinen Jüngern nicht, was sie geschaut haben. Er läßt sie selbst darüber nachdenken und dieses Ereignis mit Sinn füllen. In Seiner wunderbaren Verklärung erzählte der Heiland nicht von Sich als Gott, sondern zeigte Sich als Gott. Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein (Vers 8).
17, 9 Der Evangelist frohbotschaftet: Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist (Vers 9). – Der Heiland sagte nicht nur, sondern verbot Seinen Jüngern, zu irgend jemandem von Seiner Verklärung zu sprechen, solange Er nicht von den Toten aufersteht. Warum? Weil die Zeit noch nicht gekommen war, daß Seine ganze Gottmenschliche Heilsordnung offenbar würde, und da die Menschen Anstoß nehmen könnten, wenn sie Ihn am Kreuz sehen, wo Er leidet, stirbt und erniedrigt wird. Vor der Auferstehung hätte niemand an die Verklärung Christi geglaubt. Erst die Auferstehung Christi bietet genügend Grund, daß der Mensch an alle Wunder Christi glauben kann, die er vor Seiner Auferstehung vollbrachte. Nach der Auferstehung konnten die Jünger nicht in Versuchung geführt werden, da sie den Heiligen Geist empfangen hatten, den “Geist der Wahrheit”, der sie in alle Wahrheit über Jesus Christus und Seine Gottmenschliche Heilsordnung einführte, einschließlich des Geheimnisses der Verklärung selbst.
17, 10 Nach der Verklärung entstand bei einigen der Jünger die berechtigte Überzeugung, daß Jesus der Messias ist. Davon überzeugt, fragten Seine Jünger Ihn und sprachen: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elia kommen? (Vers 10). Ja, Du der Messias bist hier, aber Dein Vorläufer Elias ist nicht da. Zur Zeit des Heilands gab es bei den Juden die Meinung, daß Elias kommen und den Weg des Messias bereiten wird. Diese Annahme bewog die Juden dazu, aus Jerusalem Priester und Leviten zu Johannes schicken, die den Vorläufer fragten: “Wer bist du? Bist du Elias? Er antwortete: nein” (Jo. 1, 19–21). Dieser Glaube der Juden war auf der Prophezeiung des Maleachi begründet (Mal. 4. 5–6). Das bekräftigte der Heiland Selbst mit Seiner Antwort auf die von den Jüngern gestellte Frage. Der Evangelist verkündet: Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Elia soll freilich kommen und alles zurechtbringen. Doch ich sage euch: Elia ist schon gekommen, aber sie haben ihn nicht erkannt, sondern haben mit ihm getan, was sie wollten. So wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen. Da verstanden die Jünger, daß er von Johannes dem Täufer zu ihnen geredet hatte (Vers 11–13).
Die Prophezeiung des Maleachi, sagt der Heiland, ist in der Person und dem Wirken Johannes des Täufers erfüllt worden. Denn Johannes ist eben jener Elias, der kommen sollte und der bereits gekommen ist. Das verkündete der Engel des Herrn dem Vater des Vorläufers, dem Priester Zacharias (Lk. 1, 17). In den Worten des Engels ist der Hinweis auf die Voraussage des Propheten Maleachi deutlich zu erkennen. Der Heiland sagt: Elia ist schon gekommen, “aber sie haben ihn nicht erkannt”. – Das bedeutet: des jüdische Volk hat den Vorläufer Johannes nicht als Vorläufer des Messias erkannt, noch das Wesen des messianischen Werkes verstanden, “sondern haben mit ihm getan, was sie wollten”. – Der selige Theophylakt sagt: Da die Juden zuließen, daß Herodes den Vorläufer umbrachte, wurden sie selbst zu seinen Mördern2.
In der Welt der Sünde und des Todes ist Leiden und Tod das Los selbst des Messias und Seines Vorläufers in der Gottmenschlichen Heilsordnung und dem Vergottungswerk des Messias. Die Verklärung des Messias aber ist das “Reich Gottes” (Lk 9, 27) vor der Auferstehung; es ist das “Reich Gottes in der Macht” vor der Auferstehung, das Reich der Auferstehung und des Sieges über den Tod des Gottmenschen selbst und aller Glieder Seines Gottmenschlichen Leibes – der Kirche. Zweifellos ist die Verklärung des Gottmenschen und Herrn Christus vor Seiner Auferstehung das ewige Licht und die Kraft der Auferstehung: über alles Menschliche ergießt sich und fließt das Licht und die Kraft der Auferstehung; das zu erleben, das zu kosten, bedeutet: “den Tod nicht kosten” (Mt. 16, 28; Mk. 9, 1; Lk. 9, 27), die Auferstehung und das ewige Leben vorausfühlen, vorauskosten und die ganze “große Barmherzigkeit”, die der wunderbare Herr Christus durch Seine Auferstehung über alles Menschliche ergießt.

DIE HEILUNG DES MONDSÜCHTIGEN 17, 14–21
17, 14–18 Die Sünde ist der Mißbrauch des freien Willens. Das ist die kirchenväterliche Definition jeglicher Sünde, sowohl menschlicher als auch teuflischer. Der Teufel, einstiger Erzengel, erhob sich freiwillig und frei gegen Gott mit dem Ansinnen, Ihn zu ersetzen, und in diesem Stolz und in dieser Sünde schlug er völlig Wurzeln, verkörperte sich, und erklärte dies für sein Wesen und sein Charakteristikum. Das ist die Grundsünde des Teufels, die teuflische All-Sünde. Und das Heilmittel? – Der Gottmensch mit Seiner allmächtigen Göttlichen Kraft. Und wie wird Er uns zugänglich? Durch unseren Glauben an Ihn. Denn durch unseren Glauben an Ihn, wird alles, was Ihm eigen ist, zum unseren, und wir Menschen werden durch Ihn und in Ihm zu Gottmenschen der Gnade nach. Gottmenschen der Gnade nach zu werden, ist das Ziel des menschlichen Daseins. Dafür ist der Mensch ja auch nach Gottes Ebenbild geschaffen. Die gott-ebendbildliche Seele des Menschen strebt natürlich Gott zu, sie ist Gott-zentrisch; sie führt ihn zum Gottmenschen Christus, und verwandelt ihn in Seinem Leib, der Kirche, mit Hilfe der heiligen Mysterien und der heiligen Tugenden zum Gottmenschen der Gnade nach.
In der Heilung des Mondsüchtigen zeigt sich die Göttliche Allmacht des Herrn Christus, und wie sie zu unserer, menschlichen wird, so daß jeder Christ zusammen mit dem Apostel Paulus freudig sagen kann: “Alles kann ich in Christus, Der mir Kraft verleiht” (Phil. 4, 13). Dabei wird die Diagnose eindeutig gestellt und deutlich das Heilmittel verordnet. Die Krankheit: Unglaube; die Arznei: Glaube, der durch Gebet und Fasten lebt und wirkt. Der Ablauf der Heilung zeigt das alles: Sowohl den Unglauben des Vaters, als auch den Kleinglauben der Jünger (Mk. 9, 17–31; Lk. 9, 38–43). “Der stumme Geist” hatte so sehr von dem Jüngling Besitz ergriffen, und war so stark, daß die Jünger “ihn nicht austreiben” konnten. Wo ist das Versprechen: “die Macht über die unreinen Geister (Mt. 10, 1)? Diese Macht hatte sie verlassen. Warum? Wegen des Unglaubens” (Vers 20), denn die Jünger waren zweifellos vor der Kraft des stummen Geistes und den Leiden des Jünglings erschrocken. Daher der Vorwurf und die Trauer des Heilands: “O du ungläubiges und verkehrtes Geschlecht, wie lange soll ich bei euch sein? Wie lange soll ich euch erdulden?” (Vers 17) bezieht sich teilweise auch auf die Jünger. Denn trotz all Seiner und ihrer früheren Wunder waren sie nicht von Seiner und ihrer Allmacht überzeugt. Der unglückliche Vater ist von der schrecklichen Macht des stummen Geistes so gequält und so verschreckt und eingeschüchtert, daß er weder Kraft noch Mut verspürt, um an die Heilung seines Sohnes zu glauben. In seinem Kleinglauben sagt er auch zum Herrn: “Wenn Du etwas kannst, dann erbarme Dich unser und hilf uns!” (Mk. 9, 22). Darauf eröffnet der Heiland das Allheilmittel gegen unreine Geister und sagt dem vergrämten Vater: “Kannst du nur irgendwie glauben, alles ist dem Glaubenden möglich – panta dunata tw piste¨onti” (Mk. 9, 23). Alles ist dem Menschen möglich, der mit ganzem Herzen, mit ganzem Wesen, mit ganzer Seele an den Gottmenschen Christus glaubt, an Seine Allmacht. Doch was ist der Mensch? Mit einem unreinen Geist – Schwäche und Ohnmacht, mit dem Gottmenschen – Kraft und Allmacht. Diese Gottmenschliche Kraft macht auch den Menschen zum wahren Menschen, so wie er sein soll und mit welchen Möglichkeiten und mit welchem Ziel ihn Gott auch geschaffen hat. Tatsächlich ist der Gottmensch der wahre Mensch, normale Mensch. Diese Normalität erreicht ein jeder Mensch auf dem Weg über die Vergottmenschlichung mit Hilfe des Glaubens an den Gottmenschen. Und das: mit Hilfe eines Lebens durch den Gottmenschen und um des Gottmenschen willen. Solange der Mensch des Glaubens an den Gottmenschen entbehrt, stößt ihn jegliche Sünde in den ewigen Tod.
“Alles ist dem Glaubenden möglich” (Mk. 9, 23); – das ist die ganze neutestamentliche Anthropologie, die ganze neutestamentliche Lehre vom Menschen. Der Mensch steht über allem, der Mensch ist höher als alles: erhaben über die Sünde, erhaben über den Teufel, erhaben über Zeit und Raum, erhaben über die Vergänglichkeit, erhaben über die Welt3, ganz in Gott, ganz – Gott der Gnade nach, ganz in der Ewigkeit, denn ganz in der Gottmenschlichkeit. Es gibt keine freudigere Anthropologie als die des Evangeliums. Und keine wirklichere. Gott gibt alles dem Menschen, der sich durch seinen Glauben Gott anvertraut. Nach dem Vorbild des Gottmenschen: Gott Logos gab Sich ganz dem Menschen anheim, wurde ganz Mensch, damit sich der Mensch ganz dem Gottmenschen anvertraue, und so ganz Gott der Gnade nach werde. Von Menschen wird ebensoviel verlangt, wie ihm gegeben wird. Mehr noch: alles ist dem Willen des Menschen überantwortet: “wenn du irgendwie glauben kannst” (Mk. 9, 23). Wenn du entschieden sagst: ich kann – dann gehört dir sofort auch das: “alles ist dem Glaubenden möglich” (Mk. 9, 23).
Der von Sünde und Sterblichkeit gelähmte Mensch, der von Gott geschaffene Mensch hat immer mehr die göttliche Merkmalen verloren, da er sie freiwillig in sich verminderte und immer mehr an die Macht und die Kraft des Bösen glaubte, bis von ihm schließlich das Gefühl völliger Ohnmacht vor Tod, Sünde und Teufel Besitz ergriff. Und darin: Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Der Vater des vom Teufel besessenen Jünglings drückt auch so nicht nur seine eigene, sondern auch die allgemein menschliche Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit aus, wenn er mit Tränen dem Herrn Jesus antwortet: “Ich glaube, Herr! hilf meinem Unglauben” (Mk. 9, 24). Nie kann ich genügend mit dem Verstand glauben. In mir und um mich herum ist soviel Böses, soviel Tod, soviel Dämonen, soviel Sünden, daß ich einfach nicht mit dem Verstand glauben kann, daß mir “alles möglich ist”. Ich fühle: nur Allglaube gewährt Allmacht. Allglaube aber heißt: mit dem ganzen Verstand, mit dem ganzen Herzen, dem ganzen Denken, mit ganzer Kraft an den Gottmenschen den Herrn Christus glauben; nach Paulus alles für “Eitelkeit” halten, für “Splitter” um des auferstandenen Christus willen, der göttlich und gottmenschlich für den Menschen alles und alle ist (Phil 3, 8–11). Entsprechend dem Glauben wird dem Menschen auch göttliche und gottmenschliche Kraft verliehen; allumfassendem Glauben wird Allmacht gegeben. Das ist offenkundig bei vollkommenen Christen: den Heiligen. Beispiel wahren Glaubens sind eben die Heiligen. SIe sind das lebendige Evangelium. Deshalb sind sie auch Wundertäter. Durch sie kommt das Himmelreich auf die Erde herab und lebt auf der Erde als Kirche.
Den ganzen Weg vom Unglauben zum Allglauben haben die Apostel durchschritten. Und das heißt: den ganzen Weg von der Ohnmacht zur Allmacht. 17, 19–20 In diesem Fall offenbart der Heiland die Quelle ihrer Ohnmacht vor dem unreinen Geist: “Wegen eures Kleinglaubens” – dia tªn apist³an ¨mŽn” (Vers 20). Später wuchsen sie zum Allglauben an den wunderbaren Herrn Jesus heran; und zwar mit Hilfe des Heiligen Geistes, gekleidet “in Kraft von oben” (Lk. 24, 49). In diesem Fall, bei der Heilung des Mondsüchtigen verschreibt der Heiland die Regel, eröffnet das Gesetz des neuen Lebens, des neuen Menschen, des allgläubigen und allmächtigen Menschen. Der Retter frohbotschaftet: “Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so könnt ihr sagen zu diesem Berge: Heb dich dorthin!, so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein” (Vers 20).
Was heißt das? Es heißt: Der Glaube siedelt den ganzen Gott im Menschen an, mit all Seinen Kräften und Eigenheiten. Beispiel? – Der heilige Apostel Paulus: “Nicht mehr ich lebe, sondern in mir lebt Christus” (Gal 2, 20). Wo aber Christus ist, da ist auch das Gesetz und die Macht: das Gesetz der Logik – der All-Logik, das Gesetz des Geistes – des allumfassenden Geistes, das Gesetz der Natur – der All-Natur. Dann wird alles Göttliche und Gott Eigene logisch und natürlich und wirklich; dann wird dem Menschen alles Göttliche wirklich möglich. Dann kann der verchristete Mensch wirklich alles außer dem Bösen, denn er will alles außer dem Bösen. Was außer dem Bösen ist nicht alles einem solchen Paulus, Petrus, Johannes möglich? Sagte und bezeugte nicht einer von ihnen im Namen aller Gläubigen: Alles kann ich in Christus Jesus, Der mir Kraft verleiht (Phil. 4, 13). Hauptsache: durch die Willenskraft die ganze eigene Seele zu Gott zu führen und zu bringen, das ganze Herz, seinen ganzen Geist, seine ganze Kraft, sie zu einem asketischen Handeln zu vereinen – zum Glauben an den Gottmenschen, und dann werden dem Menschen alle göttlichen Kräfte und alle göttlichen Tugenden geschenkt, die er zum ewigen Leben in beiden Welten braucht (2. Petr. 1, 3–8).
Über diese Wahrheiten verkündet der christusweise Chrysostomos: “Du fragst vielleicht: Wo haben sie je einen Berg versetzt? Ich antworte: Sie haben noch viel größere Wunder verrichtet durch Tausende von Totenerweckungen. Denn einen Berg zu versetzen steht auf gleicher Stufe wie eine Leiche dem Tode entreißen. Übrigens wird auch berichtet, daß in späterer Zeit manche, die an Heiligkeit weit hinter den Aposteln standen, im Notfalle Berge versetzt haben*. Daraus folgt offenbar, daß auch sie es im Notfall getan hätten. Wenn aber damals kein solcher Notfall eintrat, so brauchst du deshalb nichts an ihnen auszusetzen. Wenn sie nun keine Berge versetzten, so liegt der Grund nicht darin, daß sie es nicht vermocht hätten, sondern weil sie nicht wollten, da kein triftiger Anlaß dazu vorlag. Weil aber überhaupt nicht alle ihre Wundertaten aufgeschrieben worden sind, kann es wohl sein, daß sie auch Berge versetzt haben, ohne daß es aufgezeichnet worden ist.
Zu jener Zeit waren sie aber noch recht unvollkommen. Und inwiefern? Hatten sie damals auch diesen Glauben nicht? Nein. Sie waren eben nicht immer dieselben. Petrus wird das eine Mal selig gepriesen, dann wieder getadelt; die übrigen werden vom Herrn getadelt, weil sie in ihrem Unverstande das Gleichnis vom Sauerteige nicht begriffen. So zeigten sich die Jünger auch in unserem Falle schwach; vor dem Kreuzestode Christi waren sie eben noch gar zu unvollkommen. Hier nun handelt er vom Glauben an die Wunder und weist auf das Senfkorn hin, um die unbeschreibliche Kraft des Glaubens zu kennzeichnen. Das Senfkorn ist dem Äußeren nach zwar klein, aber an Leistungsfähigkeit übertrifft es alle Samenkörner. Das Senfkörnlein also führt er an, um zu zeigen, daß auch das geringste Maß echten Glaubens Großes vermag. Aber auch das genügt ihm nicht; er spricht auch noch vom Berge versetzen; ja er geht noch weiter und sagt: “Nichts wird euch unmöglich sein.” Hier hast du nun Gelegenheit, die Tugend der Apostel und die Kraft des Heiligen Geistes zu bewundern; die Tugendhaftigkeit der Apostel, denn sie machen kein Hehl aus ihrer Schwäche; die Kraft des Hl. Geistes, weil er sie, die nicht einmal ein Senfkörnlein Glauben besaßen, nach und nach so weit emporhob, daß sogar Quellen und Ströme des Glaubens aus ihnen hervorbrechen.”4
17, 21 Was ist das, wovon der Glaube wächst, lebt und allmächtig wird? – Gebet und Fasten. “Nichts wird euch unmöglich sein”, wenn euer Glaube durch das Gebet und Fasten lebt, denn das Gebet überträgt den ganzen Menschen zu Gott, vertraut ihn Gott an, das Fasten aber beflügelt das Gebet, stärkt es, unterstützt es, damit es nicht kraftlos wird. Der Glaube ist ein Vogel mit zwei unverbrüchlichen Flügeln: Gebet und Fasten. Gebet und Fasten vertreiben aus dem Menschen jegliche Unreinheit, entwurzeln die Leidenschaften, vernichten die Sünden, erleuchten den Geist, machen den Körper keusch, vergottähnlichen die Seele. Wenn sie das tun, vertreiben sie aus dem Menschen jeglichen unreinen Geist – vom größten bis zum kleinsten, einen und alle zusammen. Deshalb sagte der Heiland auch: Diese Art wird nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben e³mª ™n proseucª ka³ nhste³a (Vers 21). Das beste und heilsamste Heilmittel gegen jeglichen Satanismus, Dämonismus, Unreinheit ist eben Gebet und Fasten: Glauben, der betet und fastet; Fasten, das glaubt und betet. Diese drei: Glaube, Gebet und Fasten stellen eben das gottmenschliche Allheilmittel des Evangeliums dar gegen jede Krankheit des Geistes und des Leibes. Beweis? – Die Heiligen, insbesondere die heiligen Faster, die Wüstenväter. Denn das ist die tugendhafte Triade des Evangeliums: Glaube, Gebet und Fasten, das ist ihre Art, ihre Methode des Daseins und des Denkens und des Empfindens und des Handelns. Als der menschenliebende Herr Sein Evangelium verkürzen wollte, führte Er es auf diese dreieinige Tugend zurück: Glaube, Gebet und Fasten. Läßt eine dieser Drei–Tugenden nach, dann werden auch die anderen beiden schwächer; erstarkt eine, dann erstarken mit ihr auch die übrigen zwei. Mit Hilfe dieser gnadenerfüllten Tugend-Triade wird der ganze Mensch gesund, wird geheilt von allen seelischen und körperlichen Gebrechen. Wo der rechte Glaube, Gebet und Fasten des Evangeliums ist, da ist der richtige Mensch, der normale Mensch, gesunde Mensch. Wo diese fehlen, da ist auch kein Mensch, sondern nur Splitter des Menschen, Menschenabfall: alles verkrüppelt, alles verzwergt, alles von Sünde, Tod und Teufel durchsetzt. Wo sie aber sind, da ist im Menschen alles gottgerichtet, alles verchristet, vergottet, verdreieinigt; da ist ein ganzheitlicher und gottebenbildlicher Mensch, ganz hineingewachsen in alle gottmenschlichen Unbegrenztheiten und Unendlichkeiten.