Peter Peiker

Bad Homburger Kirche: Geschichte der Gemeinde anläßlich der Wiedergründung 1945



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 5

Peter Peiker

Im Herbst 1995 jährt sich zum 50. Mal die Wiederbegründung der Bad Homburger Allerheiligengemeinde. Im Spätsommer 1945 erfuhr Tatjana Peiker, ein heutiges Gemeindemitglied, von Pfarrer Ohly der Erlöserkirche, daß ein russisch- orthodoxer Priester in der Villa Herrmann Quartier genommen hatte, um sich der Gläubigen anzunehmen und wieder eine Gemeinde in Bad Homburg zu bilden. Kriegsbedingt wurden viele Russisch- Orthodoxe in die Rhein- Main- Region verschlagen: verschleppte Ostarbeiterinnen und - bearbeiter, aus Rußland stammende Deutsche, russisch- deutsche Familien und amerikanische Soldaten russischer Herkunft.
In Bad Homburg an der Ecke Friedberger Straße/Heinrich v. Kleist Straße/ Waldfriedhof war ein Barackenlager, im Volksmund “Klein Moskau” genannt; in Zeilsheim und Frankfurt- Nied befanden sich DP-Lager mit mehr als 10.000 “Displaced Persons”; ebenso am früheren Heddernheimer Kupferwerk (VDM), dem jetzigen Mertonviertel. All diese Gläubigen wurden seelsorgerlich nach Wiedererrichtung der Gemeinde bzw. Inbetriebnahme des Gotteshauses von Bad Homburg aus betreut.
Für seine Seelsorge fand Priester Leonid Kasperski, der aus Berlin kam und heute in den USA lebt, ein reiches Betätigungsfeld. Zunächst wurde der alte Kirchenschlüssel von der damals noch unter Bürgermeister Dr. Eberlein im Aufbau befindlichen Stadtverwaltung besorgt. Ebenso wurde aus dem Bad Homburger Schloß mit einem Handwagen die berühmte, aus Eichenholz geschnitzte Ikonostase, berühmt durch ihre auf vergoldeten Zinkplatten gemalten Darstellungen, daneben auch das große Altarkreuz und die weiteren Ikonen zur Kirche transportiert. Priester Kasperski und ein Gemeindemitglied, Heinrich Peiker, ein in Rußland geborener, 1943 in Frankfurt ausgebombter Bad Homburger Unternehmer und “Mann der ersten Stunde”, montierten die Bilderwand und hängten die Ikonen auf. Die Altargeräte aus Edelmetall und die Silberbeschläge der Ikonen waren in der Kriegszeit im Schloß gestohlen worden. So wurden die ersten Altargeräte der neuen Gemeinde, die nun keine “Sommergemeinde” wie vor dem ersten Weltkrieg war, aus von Amerikanern zur Verfügung gestelltem Aluminium neu gefertigt. Unterstützung erfuhr die Gemeinde insbesondere durch die amerikanischen Kommissare Dwight D. Eisenhower und Joseph T. McNarney, die in der “Villa Reimers”, dem heutigen “Haus im Walde”, inmitten eines mit Stacheldraht abgesperrten Stadtviertels lebten. Ihr bis 1955 ständig “unter Dampf” stehender Sonderzug ist noch vielen Homburgern in Erinnerung. Spenden, Lebensmittel und Pakete für die vielen zu Betreuenden, kamen hauptsächlich von den “Amis” und wurden unter den vielen notleidenden Gemeindeangehörigen verteilt. Ein Chor, unter der Leitung von Igor Tschitschakoff, der zur gleichen Zeit wie Pfarrer Kasperski nach Bad Homburg kam, wurde gebildet. Noten wurden von Hand geschrieben; und da es keine Vorlagen gab, wurden die Töne nach dem Gedächtnis der einzelnen Sängerinnen und Sänger niedergeschrieben. Hochzeiten, Taufen, Beerdigungen und natürlich auch die vielen Gottesdienste, sorgten für reges kirchliches Leben.
Vater Leonid, wie die Gläubigen ihren Priester nannten, fuhr oft zu seelsorgerischen Besuchen in die Lager. Die meisten der damaligen Gemeindemitglieder wanderten dann nach und nach in die Vereinigten Staaten aus.
Der zuständige Bischof, Metropolit Seraphim Ladde, ein gebürtiger Sachse, besuchte häufig von München aus die Bad Homburger Gemeinde. Damals wurde auch durch Verfügung der amerikanischen Militärregierung im Zusammenwirken mit dem Leiter des Wohnungsamtes Dr. Depene die im ersten Stock des “Russischen Hospizes”, Proworoffstr. 4, seit 1955 “Am Elisabethenbrunnen 4”, gelegene Priesterwohnung der Gemeinde übergeben.
General McNarney sagte in diesem Zusammenhang Vater Leonid und Frau Irina N. Obuchowitsch, der damaligen Kirchenältesten, wörtlich: “Sie können das ganze Haus haben, es gehört sowieso Ihnen.” Aber angesichts der vielen Flüchtlinge und der großen Wohnungsnot wurde nach Verhandlungen zwischen dem amerikanischen Stadtkommandanten Captain Weaver und Bürgermeister Dr. Eberlein nur die Priesterwohnung im 1. Stock mit Nebenräumen in Anspruch genommen. (Die entsprechenden Unterlagen befinden sich im Stadtarchiv.)
Das aufgrund der großen Spenden von russischen Kurgästen und auch vieler Homburger Bürger errichtete “Hospiz” steht auf einem Grundstück, welches die Stadtverordnetenversammlung vor dem 1. Weltkrieg der “russischen Gemeinde” zur Verfügung gestellt hat. Die Priesterwohnung ist heute noch Zentrum der Seelsorge für Russisch- Orthodoxe Gläubige.
Die in der Wohnung befindlichen Möbel wurden von der Gemeinde gegen eine Abstandszahlung übernommen. Als Metropolit Seraphim Ladde, der im Jahr 1910 in Bad Homburg als Kurseelsorger tätig war, die Wohnung nach über 35 Jahren wieder betrat, rief er mit breitem sächsischen Akzent aus: “Das sind ja meine Möbel!” (zweimal bezahlt.)

Interessant erscheint mir noch die Tatsache, daß (ich vermute 1946 - als Metropolit Evlogij aus Paris nach Moskau zum “Paklon” fuhr) der Gemeinderat und der Priester zur Jurisdiktion der Karlowitzer Synode wechselten.