"Aus der Geschichte unserer Diözese (Anm. OID: ROKA). Russische Kirchen in Deutschland"

Berlin

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1989, 4

 

In dieser Ausgabe setzen wir die Berichte über alte russische Kirche in Deutschland fort, die im Boten Nr. 6/1988 mit der Beschreibung der Kirche in Baden-Baden begonnen hatte. Wir halten uns weiterhin an das Buch von Erzpriester Maltzew, unterwerfen seinen Stil allerdings einer Überarbeitung und kürzen den Text dort, wo er technische Einzelheiten beschreibt, die für den heutigen Leser nicht mehr interessant erscheinen.

Berlin:

Die Hauskirche zu Ehren des Hl. Apostelgleichen Großfürsten Vladimir an der Kaiserlich Russischen Botschaft Unter den Linden 7 bestand seit 1837. Damals wollte der verstorbene Kaiser Nikolaj Pavloviç, der mit der preußischen Prinzessin Alexandra Feodorovna, der Tochter des preußischen Königs Friedrich Wilhelm III., verheiratet war, für sei-ne Aufenthalte in Berlin ein eigenes Haus erwerben. Er kaufte dieses Haus am 30. Oktober (11. November) für 30.000 Taler von der Herzogin Sa-gan. Die Kirche befand sich im Erdgeschoß des Hauses zwischen dem ersten und zweiten Hof. Sie trug weder ein Kreuz, noch hatte sie Glocken, so daß es nach äußeren Kennzeichen schwierig war, ihre Existenz zu erraten. Die Kirche konnte nicht mehr als 150 Personen fassen. Eine bewegliche Kirche gab es für die russischen Gesandten am Preußischen Hof zu Berlin bereits seit 1718. Sie befand sich zunächst in verschiedenen Privathäusern, die von der russischen Regierung für die Botschaftsbüros, den Botschafter selbst und das ihm zugeordnete Personal angemietet wurden. Die Kirche wurde damals dem Gesandten "persönlich" überlassen und wurde bei seiner Versetzung an einen anderen Ort mit ihm weitergeführt. Die erste derartige Kirche wurde im Jahre 1718 dem Grafen Alexander Gavriloviç Golovkin mit dem Priester Gerasim Titov geschickt...
1729 wurde nach Berlin an den Hof Seiner Königlichen Hoheit vonPreußen der Minister Fürst Sergej Dmitrieviç Golicyn beordert und mit ihm wur-de der Priester Ioann Nikitin entsandt, dem 1730 ein Unglück geschah: er fiel aus dem Fourgon und erlitt starke Verletzungen; in der Folge bat er selbst wie auch der Gesandte um Erlaubnis, nach Rußland zurückzukehren. An seine Stelle wurde, bereits zur Zeit des Gesandten Graf Pavel Iv. Jaguzinskij, der Priester Leontij Vasil'ev aus der Stadt Usman' (Gouv. Tambov) bestellt, der nach der Abreise des Grafen Jaguzinskij die Kirchengeräte an die nahegelegene Potsdamer Kirche gab. 1741 befand sich in Berlin zur Amtszeit des wirkl. Kammerherrn und außerordentlichen Gesandten Graf Petr Grigor'eviç Çerny‚ev die Kirche "Begegnung des Herrn". In ihr zelebrierte der Priestermönch Kirill aus dem Kirillo-Jur'ev-Kloster der Novgoroder Diözese. Nach seiner durch Alter bedingten Abreise nach St. Petersburg im Jahr 1747 wurde die Ausstattung dieser Kirche von Graf Çerny‚ev mit nach England genommen. 1761 wurde der Öko-nom des Alexander-Nevskij Klosters, der Priestermönch Varlaam, nach Berlin entsandt.
1763 forderte der in Berlin wirkende Pionier-Oberst und außerord. Gesandte Fürst Vladimir Serg. Dolgorukov (der zur Zeit Friedrichs des Gr. 24 Jahre an der Spitze der Gesandtschaft stand) und in seiner Abwesenheit der Botschaftsrat Petr Mal'cev für Berlin einen Priester und eine bewegliche Kirche. Diese wurde 1764 aus Holland gebracht. Als Priester in ihr wurdeVater Iakov Kljuça-revskij ernannt, der dem Fürsten persönlich bekannt war und "die Liebe und Achtung von Menschen verschiedener Bekenntnisse erworben hat-te". Er verblieb dort bis 1773 , als er aus Gesundheitsgründen nach Rußland zurückkehrte. Der Priestermönch erhielt als Gehalt lediglich 100 Rubel im Jahr. 1746 erfolgte ein Gesuch um Erhöhung dieses Gehalts, welchem wohl auch stattgegeben wurde, denn dem 1764 als Kirchensänger nach Berlin entsandten Trofim Nikiforoviç Mukovozov wurde bereits eine Entlohnung von 150 Rubeln angewiesen.
1733 wurde der bisherige Diakon der St.-Pe-tersburger Andreas-Kathedrale Trifon Timofeev Kedrin als Priester nach Berlin entsandt. Die Berliner Kirche selbst heißt 1774 Hl. Fürst Vladimir-Kir-che und befindet sich im "Gesandtschaftshaus" an der Wilhelmstraße . Das Schicksal der Kirchendiener oder Sänger war traurig: Mukovozov erkrankte unheilbar, ein anderer (aus dem Kiever Seminar) Timofej Andreev kehrte 1777 zurück. Der an deren Stelle eingesetzte Sanitätsschüler Stepan Ivanoviç Maljutin und Konstantin Jakovlev Zubarov gerieten auf dem Weg in einen Sturm auf dem Meer und verloren dabei ihr gesamtes Hab und Gut, woraufhin sie sich in Berlin verschuldeten und trotz des Wunsches, Fremdsprachen zu erlernen, dies wegen Mangels an Mitteln nicht verwirklichen konnten. Als man an den Synod die Bitte um Erhöhung ihres Gehaltes sandte, folgte die Antwort, daß ihre Lernbegier den Synod nichts anginge. 1779 verstarb Zubarov, und an seine Stelle trat der beim Gesandten (Fürst Dolgorukij) befindliche Ivan Poœarskij, der dann in seinem Amt bestätigt wurde. Obwohl Maljutin wegen schwacher Gesundheit um Rückkehr in die Heimat bat, ging es ihm offensichtlich später besser. In jener Zeit (1779) belief sich der Lohn der Kirchensänger auf 200 Rubel, das Gehalt des Priesters aber auf 500.
Am 1. Juli 1782 starb Vater Kedrin, der fast 10 Jahre (seit 1773) in Berlin gedient hatte und allen in bester Erinnerung blieb. An seine Stelle wurde nach der Wahl des Erzbischofs von Novgorod und St. Petersburg Gabriel aus dem St. Petersburger Priesterseminar der "Hörer der Theologie" Gabriel Semjonov Dankov geschickt (1792-1799). Am 9. August 1799 erhielt er den Auftrag, nach Dresden zu gehen und von dort (17. Januar 1800) nach Mecklenburg-Schwerin zur Erbprinzessin von Mecklenburg-Schwerin Elena Pavlovna. Von hier sollte er auch sein Gehalt erhalten, da das Außenministerium ihn und seine Kirchengehilfen in Berlin aus seiner Obhut entließ. Nach Berlin aber wurde am 1. Mai 1800 aus Dresden Vater Joann Çudnov-skij versetzt, der 1791 als Seminarist an die Dresdener Mission gekommen war. Auf kaiserlichen Befehl zelebrierte er gelegentlich Gottesdienste bei ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Großfürstin Anna Fjodorovna in Coburg und war ihr geistlicher Vater. Als er am 12. Februar 1801 vom Tod des Kirchendieners Andrej Jankovskij Mitteilung macht, bittet er um Ernennung seines Sohnes Nikita an dessen Stelle. Dieser hatte diese Aufgaben im Beisein der Großfürstin Elena Pavlovna, der Erbprinzessin von Mecklenburg-Schwerin, während ihres Aufenthaltes in Berlin versehen. Dem Gesuch, das Minister Baron Kriedener unterstützte, wurde stattgegeben. Als Gehalt standen dem Priester damals 700 Rubel zu, den beiden Kirchendienern je 200 Rubel und für kirchliche Auslagen 200 Rubel.
Vater Çudnovskij übersetzte 1804 aus dem Deutschen die Belehrungen Reinhards, die aus unerfindlichem Grund nicht veröffentlicht wurden. Am 30. Juli 1812 kehrt Vater Çudnovskij mit sei-nem Sohn, dem Kirchendiener Nikita und einem anderen, Ivan Stepanov, nach Rußland zurück. Wahrscheinlich war dies im gleichen Maße eineFolge der Kriegshandlungen wie auch der Tatsache, daß der damalige Berliner Gesandte (Alopeus) ein "Fremdländer" war, d.h. nicht orthodoxen Bekennt-nisses. Vater Çudnovskij diente in der Kirche bei der Theaterverwaltung in St. Petersburg. Doch auf kaiserlichen Befehl vom 25. April 1813 wurde in der Berliner Gesandtschaft die Kirche wiederhergestellt und er wurde erneut nach Berlin entsandt, nun bereits als Erzpriester. 1814 erhielt er ein Kreuz und 1829 aus Anlaß der von ihm vorgenommenen Einweihung der Hl. Alexander Nevskij Kirche (am 10. Juni) in der russischen Kolonie Alexandrovka bei Potsdam wurde ihm in Anwesenheit des Za-ren Nikolai I. und von Mitgliedern des Preußischen Königshauses der preußische Orden des Roten Adlers 3. Grades verliehen, 1832 der Orden der Hl. Anna 2. Grades mit Krone. 1834 wurde Erzpriester Çudnovskij im Alter von 80 Jahren mit einer Pension von 1200 Rubel (jährlich) zur Ruhe gesetzt. Doch er verstarb in dem gleichen Jahr und wurde neben dem Altar innerhalb der Umzäunung der von ihm 1829 eingeweihten Alexander Nevskij Kirche bei Potsdam begraben. Hier hatte er während seiner Dienstzeit in Berlin auch Gottesdienste für die russischen Kolonisten durchgeführt. Diese Kolonisten stammten aus der Gruppe von Militärsängern, die der Zar Alexander I. dem Preußenkönig Wilhelm geschenkt hatte, als sie 1813 nach der Einnahme von Paris nach Rußland zurückkehrten...
Am 30. August 1872 wohnte der Liturgie in der Berliner Gesandtschaftskirche Zar Alexander II. bei, sowie der deutsche Kaiser und König von Preussen Wilhelm I. und der Kaiser von Österreich-Ungarn Franz-Joseph. Nach Beendigung der Liturgie erachtete es unser Herrscher und Kaiser für angemessen, anzuordnen, daß bei dem Gottesdienst der Name des "Herrschers dieses Landes", des Königs Wilhelm, erwähnt werde.
Doch, obwohl die Gesandtschaftskirche innen gut eingerichtet ist, ist sie doch zu klein und von außen nicht nur schmucklos, sondern überhaupt nicht zu bemerken, sodaß viele sie nur mit Mühe finden können! Indessen ist diese kleine Hauskirche die einzige Vertreterin der Orthodoxie und dient als Ort des Gebetes nicht nur den orthodoxen Russen, sondern ebenso den Orthodoxen anderer Nationen: Griechen, Serben, Rumänen, Bulgaren u.a. mit ihren Vertretern, den Botschaftern an der Spitze! Wenn in vielen weniger großen und bedeutenden Städten im Ausland (Dresden, Wiesbaden, Bad Ems, Genf, Florenz, Bad Kissingen, Darmstadt, Bad Homburg u.a.) längst wunderbare und erhabene orthodoxe Kirchen stehen, die eine wahre Zierde dieser Städte darstellen, steht es uns dann nicht zu, in der Hauptstadt Deutsch-lands selbst, die über 2 Millionen Einwohner zählt, mit ihren höchsten diplomatischen Vertretern, Generalkonsulaten und Vertretungen eine ähnliche Kirche zu haben? "Es unterliegt keinem Zweifel, lesen wir im 'Bruderschaftsbericht' für das Jahr 1891, daß die Frage des Baus einer orthodoxen Kirche in Berlin nicht nur auf keine Widerstände seitens der örtlichen Behörden stoßen würde, sondern sogar wünschenswert war und ist, was man aus den wiederholten Anfragen seitens deutscher höchstgestellter Personen schließen kann. So fragte noch der verstorbene Kaiser Friedrich nicht selten: "warum gibt es in unserer Hauptstadt keine russische Kirche?" Der jetzt regierende deutsche Kaiser Wilhelm II., dem es mit seiner Gattin gelungen ist, ungewöhnlichen Eifer und Neigung zur Verschönerung der Hauptstadt durch eine ganze Reihe wunderbarer Kirchen an den Tag zu legen, hat mehrmals unsere Heimat mit ihren wunderbaren Kirchen besucht. Er würde die Russen nicht nur des Trostes, in seiner Residenz eine schön gebaute orthodoxe Kirche zu haben, nicht berauben, sondern nach aller Wahrscheinlichkeit würde er noch seine hohe Unterstützung für eine so schöne Sache geben, dies umso mehr, als bei dem Erbau lutheranischer und katholischer Kirchen sowohl in unseren beiden Hauptstädten (gemeint ist Petersburg und Moskau - Red.) als auch in anderen Zentren bei uns kostenlos oder für äußerst geringe Bezahlung Bauplätze auf den besten Straßen und Plätzen zur Verfügung gestellt wurden. Daneben wurde auch unmittelbare Hilfe in Form verschiedener Spenden geleistet, wie z. B. Kirchenglocken u.ä. Natürlich reichen die eigenen Mittel der hiesigen Gemeinde nicht zur Verwirklichung dieser großen Aufgabe aus...
Nach dem im Ausland seltenen bischöflichen Besuch der Berliner Gesandtschafts- und Potsdamer Alexander Nevskij Kirche durch den Höchstgeweihten Leontij (den späteren Metropoliten von Moskau) und damaligen Vikarbischof von Novgorod und St. Petersburg am 25. August 1861 zelebrierten in der Gesandtschafts- und in der Friedhofskirche der Bruderschaft: der Hochgeweihte Nikolaj, Bischof der Aleuten und Alaskas - am 21. Mai 1895, der Erzbischof von Finnland Antonij - am 29. und 30. Juni 1897, der Bischof von Nordamerika Tichon (der spätere Patriarch, der als Bekenner 1925 an den Folgen der Haft starb - Red.) - am 26. Mai 1903 und 1. Januar 1904, der Bischof der Aleuten und Alaskas Innokentij - am 15. Februar 1904. Die Kirche der Bruderschaft wurde am 30. Mai 1904 vom Vikarbischof von Moskau Trifon (in der Welt Fürst Turkestanov) besucht.

 

Bote 1989, 5

 

Seit 29. März (10. April) 1890 besteht bei der Gesandtschaftskirche des Hl. Fürsten Vladimir die gleichnamige "Bruderschaft", die unter der Schirmherrschaft seiner Kaiserlichen Hoheit des Großfürsten Vladimir Alexandroviç steht.
Gemäß den höchstherrschaftlich bestätigten allgemeinen Regeln über Bruderschaften in Rußland und den Bruderschafts-Statuten, die von der königlich-preußischer Regierung am 8. April (27. März) desselben Jahres 1890 angenommen und vom kaiserlich-russichen Gesandten (welcher nach der Satzung der Bruderschaft Ehrenvorsitzender der allgemeinen Versammlungen der Bruderschaft ist) Graf P. A. Ûuvalov an das preußische Innenministerium weitergeleitet wurden, hat die Bruderschaft zum Ziel: 1. Hilfeleistung, besonders hinsichtlich Arbeit für notleidende russische Bürger aller christlichen Bekenntnisse und für Orthodoxe aller Nationalitäten. Zwei der Bruderschaft gehörende Grundstücke von etwa 3 Tagewerken Größe mit Gartenanlagen, wo sich auch das Haus zum Gedächtnis des Kaisers Alexander III. (Alexanderheim) befindet, liegen in der nördlichen Umgebung Berlins, in Richtung Tegel (einem Berliner Vorort, dem Wohnort der Brüder Humboldt). 2. Ziel der Arbeiten in den Baumschulen, Orangerien und Werkstätten der Bruderschaft ist es, den Notleidenden die Möglichkeit zu geben sich die Mittel zur Rückkehr in die Heimat zu verdienen. Als Lohn für einen Arbeitstag ist bei Überlassung von Wohnraum, Heizung und Beleuchtung die Summe von 2 Mark festgesetzt (für außerhalb Wohnende, auf dem Dorf oder in der Stadt, bei Überbelegung der Quartiere - 2,50 Mark) bei zusätzlicher Entlohnung für Überstunden von 20 Pf. pro Stunde. 3. Der Arbeitstag in der Gärtnerei der Bruderschaft erstreckt sich von 6.00 Uhr morgens (im Winter 6.30 Uhr) bis 7.00 abends mit Pausen für das Frühstück, Mittagessen und abendlichen Tee. Die Dauer der Tätigkeit schwankt in Abhängigkeit vom Grad der Bedürftigkeit, Verhalten und Eifer des Arbeitenden zwischen 2-3 und 5-6 Wochen. Gärtnerlehrlinge werden zum Zweck der Ausbildung für ein halbes oder ein Jahr angenommen. Heizer, Kutscher und Bedienstete an der Friedhofskirche der Bruderschaft werden auch auf längere Zeit angenommen. 5. ´Medizinische Versorgung für diejenigen, die bei der Arbeit erkranken, erfolgt unentgeltlich auf Kosten der Bruderschaft. 6. Personen, die eine bestimmte Zeit gearbeitet haben und zur Rückehr in die Heimat entlassen worden, werden nur in äußersten und besonderen Fällen zum zweiten Mal angenommen. 7. Trunkenheit, Kartenspiel um Geld, Schlägereien und Diebstal und ähnliche Fälle führen zur sofortigen Entlassung mit der Eintragung der betreffenden Person in ein besonderes Buch derer, die das Zutrauen der Bruderschaft nicht verdienten.
II. Das zweite Ziel der Bruderschaft besteht in der Auffindung von Mitteln:
1. Für die Erbaung der Kirche in Berlin selbst, wo es bisher im Hof des Hauses Unter den Linden 7, eine kleine Hauskirche gibt ohne Kreuz und Glocken, die oft als Kapelle bezeichnet wird und
2. Für den Unterhalt der bereits mit Teilnahme und Unterstützung der Bruderschaft erbauten Kirchen: a) in Tegel selbst, der Friedhofskirche zu Ehren der Hll. Apostelgleichen Konstantin und Helena; b) in Kissingen (Bayern) zu Ehren des Hl. Sergij v. Radonez; c) in Herbersdorf (in Schlesien) zu Ehren des Hl. Erzengels Michael; d) in Hamburg zu Ehren des Hl. Nikolaus und e) der noch einzurichtenden Kirche in Nauheim zu Ehren des Hl. Innokentij von Irkutsk.
3. Als drittes Ziel der Bruderschaft sehen wir den Dienst an der religiös-moralischen Aufklärung an, wozu die Einrichtung und Unterstützung der entsprechenden Schulen und Klassen zählt (wie z. B. in Potsdam für die Kinder der orthodoxen Kolonisten und griechischen und rumänichen Staatsangehörigen, die in verschiedenen deutschen Schulen erzogen werden, in denen es keinen Religionsunterricht gibt; die Erweiterung und Unterstützung der Bibliothek und des Leseraumes der Bruderschaft, des historische Museums für russische Geschichte im Ausland und die Erweiterung des Horizons deer verlegerischen Tätigkeit der Bruderschaft (des literarisch-verlegerischen Gogol'-Fonds).
Über die Bedeutung und den Nutzen der Einrichtungen der russichen Bruderschaften im Ausland sagte der Höchstgeweihte Nikolai, der Bischof der Aleuten, in seiner am 21. Mai 1895 in der Bruderschaftskirche gehaltenen Rede unter anderem folgendes: "Als Bischof einer Diözese, die sich außerhalb der Grenzen unseres Vaterlandes befindet verstehe ich mehr als andere den Sinn dieser heiligen Sache und die Verdienste derer, die sie ins Leben gerufen haben und sie unterstützen. Durch dieses gute Unternehmen werden die Seelen vieler russischer Menschen vor Verzweiflung und Heimweh, von seelischem Hunger erlöst... Hier werden orthodoxe Menschen miteinander nicht nur im Geiste des Gebets, sondern genauso im Geist russischen Volkstums und im Geist des Slaventums vereint sein.
Erzpriester A. P. Mal'cev wurde am 14. März 1854 als Sohn eines Erzpriesters der Jaroslaver Diözese geboren. 1878 schloß er die St.Petersburg Geistliche Akademie ab und wurde im gleichen Jahr als Lehrer am St. Petersburg Geistlichen Seminar bestellt. 1879 erhielt er den akademischen Grad eines Magisters. 1882 wurde er zum Priester geweiht und 1886 an die Gesandtschaftskirche in Berlin bestellt, wobei er in den Stand eines Erzpriesters erhoben wurde. Er ist ein Mitglied aller vier geistlicher Akademien und Mitglied auf Lebenszeit der Wohltätigkeits Verein an den Akademien, Ehrenmitglied der Christlich-archeologischen Gesellschaft in Athen, der serbischen Gesellschaft des Hl. Sabbas und der Bruderschaft des Hl. Vladimir in Berlin, der Gesellschaft der vereinigten Bruderschaften des New-Yorker Kreises in Amerika, wirkliches Mitglied der Kaiserlichen Palästina-Gesell-schaft und der Gesellschaft der Förderer der russischen historischen Bildung zum Gedenken des Kaiser Alexander des III. Durch Beschluß des regierenden Senates vom 13. Mai 1898 wurde ihm mit seinen Kindern der erbliche Adelstitel zuerkannt.

Außer seiner Magisterarbeit über die "moralische Philosophie des Utilitarismus" , S-Pb. 1879, veröffentlichte er: "Grundlagen der Pädagogik" (dritte Ausgabe, Warschau1901), übersetzte aus dem Englischen die "Mental and moral science" von Bayne, aus dem Französischen 5 Bände Predigten von Bersier. In das Deutsche übersetzte er 1) die Göttlichen Liturgien unserer Hll. Väter Johannes Chrysostomos, Basilios d. Großen und Gregor Dialogos (parallel russisch-deutsch, Berlin 1890); 2) die Nachtwache - Abend- und Morgengottesdienst, Berlin 1892; 3) Andachtsbuch, Berlin 1895; 4) die Hl. Krönung (Trauung), Berlin, 1896; 5) Bitt-, Dank- und Weihegottesdiernste, Berlin 1897; 6) die Sakramente, Berlin, 1898; 7) Begräbnisritus und einige spezielle altertümliche Gottesdienst, Berlin, 1898; 8) Fasten- und Blumentriodion, 1896; 9) Menologion, erster und zweiter Teil 1900 u. 1901 u. a.
Unter seinen apologetischen Arbeiten sind zu nennen "Dogmatische Erörterungen zur Einführung in das Verständnis der Orthodox-Katholischen Auffassung in ihrem Verhältnis zur römischen und protestantischen, von einem Geistlichen der Orthodox-Katholischen orientalischen Kirche, Berlin 1893. "Die Russische Kirche" 1893. "Altkatholizismus und Orthodoxie", 1898 ff. u. a. m.

Auf Veranlassung des Oberprokurors des Synods wurde 1895 in Berlin das Neue Testament in der Übersetzung V. A. Œukovskijs herausgegeben.

Neben dem hervorragenden Erzpriester Alexej Mal'cev war in Berlin auch ein deutscher Priester tätig, nämlich Vater Vasilij Göcken. Er war preußischer Staatsbürger, Offizier im Ruhestand, Sohn eines Militärartztes, am 12./24. April 1845 in Berlin geboren. Ein ehemaliger Katholik, wurde er am 30. März 1890 von dem Vorsteher der Gesandtschaftskirche, Erzpriester A. Mal'cev in die Orthodoxe Kirche aufgenommen. Auf seinen Wunsch hin, der Orthodoxen Kirche aktiv zu dienen, ernannte ihn der Metropolit Isidor am 23. August 1890 zum Lektor an der Alexander-Nevskij Kirche in Potsdam. Dabei erhielt er das Recht, beim Gottesdienst ein Stichar' zu tragen und die Verpflichtung, in deutscher Sprache zu predigen und als Religionslehrer an der Gemeindeschule der Bruderschaft in Potsdam zu wirken. Mit Resolution des Metropoliten Palladij vom 10. Januar 1894 wurde er zum Priester der Alexander Nevskij Kirche in der russischen Kolonie "Alexandrovka" bei Potsdam bestimmt und zum Klerus der Gesandtschaftskirche in Berlin zugezählt. Er wurde vom Erzbischof Flavian von Holm und Warschau (den späteren Metropoliten von Kiew) am 22. Januar 1894 in Warschau zum Diakon und am 23. Januar zum Priester geweiht. Außer der Potsdamer Kirche zelebriert er in der Friedhofskirche der Bruderschaft in Tegel. Seine Frau Emma (in der Orthodoxie Emmada), geborene Kohlwey, Tochter des Skulpters aus Hannover, singt in russischer und liest in deutscher Sprache bei den Gottesdiensten in der Friedhofskirche. Sie war ursprünglich evangelisch und wurde von Erzpriester Mal'cev in die Orthodoxie aufgenommen.