Kirchen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland

"Kirchen unserer Diözese"

Göbersdorf/Schlesien



 

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1990, 3

Die dem Heerführer der himmlischen Scharen Michael geweihte Kirche der Brüderschaft in Görbersdorf nahe der russischen Grenze, in einer Entfernung von 2 Stunden mit der Eisenbahn von Breslau und 1/2 Stunde per Kutsche von der letzten Eisenbahnstation Friedland. Die malerisch in ein Tal gebettete und den von dichtem Nadelwald bewachsenen Waldenburger Bergen umgebene Ortschaft Görbersdorf liegt 561 m ü.d.M. Die sich hier befindenden Heilanstalten werden besonders für Lungenkrankheiten, Blutarmut und neurologische Erkrankungen empfohlen. Die reine, gesunde Waldluft, die windgeschützte Lage und die ringsum herrschende Stille gestalten den Aufenthalt dort ebenso nützlich wie angenehm. Seit 1854 ist dieser Kurort wegen seines für die Kranken so ausgezeichneten Klimas berühmt. In den von namhaften Ärzten geleiteten, ausgezeichnet eingerichteten Kliniken findet alljährlich eine große Zahl von Kranken Erleichterung; darunter auch viele aus Rußland dank der geringen Entfernung von der Grenze, der guten Verbindung und der relativ geringen Kosten, verglichen z.B. mit Davos, Nizza, Menton, Cannes, San-Remo und anderen Kurorten. Der Vorsteher der Gesandtschaftskirche in Berlin, Maltzev, mußte ab 1886 oftmals Reisen nach Görbersdorf unternehmen, sei es um Kranken Trost und die Sterbesakramente zu spenden, sei es um den zum Herrn Eingehenden die letzte Ehre zu erweisen. Die völlige Abwesenheit einer auch nur kleinen Kapelle zum Gebet machte die Ausführung dieses christlichen Dienstes besonders schwer für den Priester und die Verwandten, was die Leiter der Heilanstalten selber auch zugaben. Am 27. April 1898 wurde von dem Sanitätsrat Dr. Rempler Erzpriester Maltzev ein zum Bau einer Kirche erforderliches Stück Land von etwa einer halben Desjatine (ca. 1/2 ha) das von einem prächtigen Nadelwald umgeben war und auf einer kleinen Anhöhe lag, zur Verfügung gestellt. Nach Berichterstattung darüber geruhte seine Eminenz, Metropolit Palladij, seinen bischöflichen Segen für den Bau einer Kirche im Namen des hl. Erzengels Michael zu erteilen mit der Herausgabe eines Kirchenbuches Nr. 4126 auf den Namen des "Baukomitees bei der Berliner Fürst-Vladimir-Bruderschaft". Bald bildete sich ein besonderes Konstruktionskomitee unter dem Vorsitz von Z.J. Minjuschskaja mit zwei Stellvertretern ihrer Exzellenz, A.P. Minju‚skij und dem kaiserlich-russischen Konsul in Breslau, Staatsrat von Essen. Die Hauptmittel für den Bau wurden von dem geheimen Ehrenbürger und Kaufmann erster Gilde von Samara Pjotr Semenoviç Arœanov gespendet. Die Kirche wurde nach Plänen und Entwürfen des Architekten Kryœanovskij und eines lokalen Architekten aus Breslau, namens Grosser, erbaut, unter dessen unmittelbarer Führung alle Bauarbeiten erfolgten, deren allgemeine Kosten sich ohne Einbeziehung des Grundstückes, der Anlage des Gartens und der Innenausstattung auf 25 Tausend Mark beliefen. Die Weihe der Kirche wurde am 21. April 1901 von dem Vorsteher und dem Klerus der Berliner Gesandtschaftskirche vollzogen. Die Kirche selbst ist im russischen Stil erbaut nach dem Vorbild der alten Jaroslavler Kirchen, auf einem Sockel und aus Sandstein, die Wände aus herrlichen Zierkacheln, mit einem flachen Dach und einer zwiebelförmigen Kuppel, auf der sich ein ornamentiertes vergoldetes Kreuz erhebt. Der Eingang in Zeltdachform ist mit einer vergoldeten geschnitzten Borte verziert. Die Vergoldung der Kuppel ist ein Geschenk des russischen Konsuls O.A. von Essen. Von innen ist die Kirche äußerst behaglich und hell. Ihre Fassungskraft beträgt nicht mehr als 100 Leute, sie ist 13 m lang, etwa 7 m breit, und die Höhe bis zum Dach beträgt 7 m. Die Ikonostasis ist weiß, lackiert und in Filigramausführung. Unterhalb der Kirche ist eine Krypta, in der Nähe derer auf einem Pfeiler eine etwa ein Pud schwere Glocke hängt. Um die Kirche herum sind Blumenbeete angelegt, die von der Verwaltung des Remplerschen Sanatoriums gepflegt werden. Die Gottesdienste werden abgesehen von den außerordentlichen vom Klerus aus Berlin vollzogen, und zwar zum Patrozinium, dem Tag der Einweihung der Kirche und an gewissen Werktagen in der Nähe der Feste von Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Für den Unterhalt der Kirche und die mehr oder weniger regelmäßige Durchführung der Gottesdienste wurde ein besonderes kirchliches Kuratel im Namen des Erzengels Michael gegründet, nach demselben Prinzip wie in Homburg und Kissingen.

Görlitz

Kirche des hl. Georg. Die Stadt Görlitz muß für Russen eigentlich von besonderem Interesse sein wegen der vielen Denkmäler altslawischen Lebens: schon ihr Name stammt von dem slawischen "goret'" (brennen). Sie wurde von den Tschechen gegründet und erst 1232 kam diese Stadt durch die Eheschließung von Markgraf Otto von Brandenburg mit der tschechischen Prinzessin Beatrix an die Deutschen. Viele umliegende Siedlungen tragen bis heute slawische Namen, z.B. Nikrisch, Lewschitz, Radmeritz, Bisnitz u.a., und in Budischin, 40 Werst von Görlitz entfernt, wurden damals zwei Zeitungen in der sorbischen Sprache herausgegeben. Die Kirche des hl. Georg, die der Überlieferung zufolge unter der Erde liegt und einen unterirdischen Gang durch den Berg besitzt, war vormals eine Höhle, wo sich die ersten Christen vor ihren Verfolgern verbargen. Es ist bemerkenswert, daß sie an derselben Stelle steht, wo zuvor die Heiden - Slawen und Germanen - ihren Göttern Opfer darbrachten. Dieser Ort trägt immer noch die Bezeichnung "Hainwald". Die Christen zelebrierten ihre Gottesdienste gerade zur Zeit der heidnischen Opferdarbringungen. Um in ihre Höhe zu gelangen, gruben sie einen geheimen Gang in den Berg, der einige Werst lang war. Dieser geheime Gang wurde erst vor kurzem entdeckt und man kann ihn besichtigen. In dieser Höhle sind zwei Brunnen erhalten, die als Taufbecken dienten für den Taufritus der Neubekehrten. Die Heiden entdeckten jedoch die-sen geheimen Versammlungsort der Christen, drangen in ihn ein und erschlugen die Christen. Durch die Predigt des hl. Kyrill wurde der tschechische Fürst Borivoj zur Taufe bewegt, und der hl. Kyrill legte zum Gedächtnis an dieses Ereignis im Jahre 844 über dieser Höhle den Grundstein einer christlichen Kirche im Namen des hl. Georg. In je-nen Brunnen wurden 30 neu bekehrte Heiden getauft und zur Verkündigung des Wortes Gottes in verschiedene europäische Länder gesandt, die Kir-che selber jedoch behielt im Volksmund den Na-men "Wiege des Christentums". Bis 1525 wurden dort Gottesdienste zelebriert, jetzt steht sie leer, und nur einmal im Jahr, am 23. April (dem Gedenktag dieses Heiligen) hält der Vorsteher der Peter-und-Paul Kirche eine Predigt zur Erinnerung an die Ereignisse im Zusammenhang mit der Weihe dieser Kirche, die der Chronik zufolge am 23. April 966 stattfand. Neben der Kirche befindet sich eine Sakristei.
Im 11. Jh. war diese Kirche die einzigste in der Umgebung, in der ersten Hälfte des 10. Jh. wurde eine Kirche dem hl. Nikolaus geweiht, die bis heute besteht, und im 13. Jh., genauer im Jahre 1225, wurde über der Kirche des hl. Georg eine Kirche den hl. Aposteln Petrus und Paulus geweiht. Diese Kirche wurde im byzantinischen Stil gebaut, heute ist sie verunstaltet durch zwei im gotischen Stil errichtete Türme, wodurch sie einen Mischmasch von zwei Stilen darstellt. In einer Ecke der Kirche ist ein Taufbecken erhalten, das an die echte Form der Taufe erinnert, die jetzt von der westlichen Kirche abgelehnt wird. Am Eingang der Kirche steht eine Truhe, in der Tetzel Geld für die von ihm verkauften päpstlichen Ablaßurkunden sammelte, die damals als Hauptanlaß für die Reformation dienten.