Deutsche Diözese während des Zweiten Weltkrieges (I) -Kloster des hl. Hiob



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 2000, 3

Auf dem Hintergrund der laufenden Kampagne gegen die Russische Auslandskirche und speziell der Deutschen Diözese erscheint die Wiederherstellung der historischen Wahrheit als besonders wichtig. Leider ist festzustellen, daß die Autoren dieser Kampagne sich nicht scheuen, alte Mythen und Propagandalügen aus der Stalinzeit aufzuwärmen, um damit russische Gläubige irrezuführen.. Die ernsthafte historische Forschung zeichnet indes ein ganz anderes Bild, als es die Verleumder gerne hätten. In Wirklichkeit geschah in den Jahren 1941-1945 eine echte Begegnung der zwei Teile Rußlands. Die folgende Publikation ist der Teil eines Kapitels aus einem neuen Buch von Dr. M. V. Shkarovskij über das Leben der Russischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges. Die Herausgabe des Buches ist für Mitte 2001 in deutscher Sprache vorgesehen. Mit freundlicher Genehmigung des Autors beabsichtigen wir in den nächsten Nummern des BOTEN insgesamt zwei Kapitel aus diesem Buch, die die Deutsche Diözese betreffen, zu publizieren. Der folgende Abschnitt ist hauptsächlich der Tätigkeit des Klosters des hl. Hiob von Po¡caev gewidmet. – Red.

Die Anzahl der orthodoxen Laien in der Diözese betrug Anfang 1942 bereits etwa 130.000, gemäß dem Bericht Seraphims an das Reichskirchenministerium (RKM) vom 3.10.40: altes Reichsgebiet 15.000, ehem. Polen 14.750, Protektorat 30.000, ... Österreich 2.000 und Danzig 500.36 Bald darauf strömte nach Deutschland ein Heer von Millionen Ostarbeitern und die Herde des Metropoliten wuchs um ein Vielfaches an.
Ein weiteres territoriales Wachstum des Metropolitankreises wurde durch Erlasse der NS-Behörden unterbunden. So wurde z. B. in Heydrichs Einsatzbefehl Nr. 10 vom 16.8.41 das Verbot einer Eingliederung in die orthodoxe deutsche Diözese der Gemeinden aus dem Bezirk von Belostok und Grodno, der zum Dritten Reich kam, ausgesprochen: “Ein Anschluß der an Ostpreußen fallenden Gebietsteile an die Jurisdiktion des Erzbischofs von Berlin und Deutschland, Seraphim, kommt nicht in Frage.”37 Dieses Verbot wurde streng gehandhabt, ebenso wie die Nichtzulassung von Geistlichen der ROKA auf den besetzten Ostgebieten im Verlauf des gesamten Krieges.
Mit der Entstehung des Metropolitankreises stellte sich auch die längst gereifte Frage nach der Schaffung einer orthodoxen Zeitschrift in Berlin. Das in der Slowakei erscheinende periodische Blatt “Pravoslavnaja Rus’” hatte schon im Januar 1942 zur Herausgabe der Zeitschrift “Kirchliche Wahrheit” aufgerufen: “Diese Zeitschrift sollte unter Mitarbeit namhafter orthodoxer Theologen und Schriftsteller etwa in Berlin erscheinen. Die orthodoxe Geistlichkeit, soweit in den west- und zentraleuropäischen Ländern ansässig, ist berufen, die Wahrheit der orthodoxen Kirche zu vertreten und zu verkündigen.” Gleichzeitig, so heißt es in dem Appell weiter, könnte das geforderte Organ der Sammlung der orthodoxen Christen im besetzten Rußland dienen.38
In seinem Vortrag auf der Versammlung der deutschen Diözese in München am 16.7.46 beschrieb Metropolit Seraphim die Situation in der Kriegszeit folgendermaßen: “Wir hatten die Absicht, eine wissenschaftlich-theologische Zeitschrift herauszugeben, aber die mehrfachen Bitten, uns eine entsprechende Erlaubnis zu geben, wurden stets abgewiesen, und als Antwort auf den letzten (vierten) Antrag wurde mir sogar ein Verbot in die Hand gedrückt. Daraufhin habe ich mich in Zusammenarbeit mit Erzpriester K. Gavrilkov zur Herausgabe der ihnen bekannten Beschlüsse und Mitteilungen entschieden.” Aber die Zeitschrift hatte einen halblegalen Charakter - sie wurde nicht verboten, sondern nur geduldet, und ihre Verbreitung war nur innerhalb der Kirchen möglich.39 So erschien vom Juni 1942 bis November 1944 in Berlin das monatliche offizielle Organ “Nachrichten und Beschlüsse des orthodoxen Metropoliten des mitteleuropäischen Metropolitankreises und Orthodoxen Bischofs von Berlin und Deutschland Seraphim” in russischer Sprache. Diese Zeitschrift bemühte sich, auch über das kirchliche Leben in den besetzten Ostgebieten zu berichten, ist daher eine überaus wertvolle Quelle zur Geschichte der Russischen Kirche während des Zweiten Weltkrieges.
Die Unterstützung der kirchlichen Wiedergeburt in Rußland wurde zu einer der wichtigsten Richtungen in der Tätigkeit des Metropolitankreises. In seinem Vortrag vom 16.7.46 unterstrich Seraphim: “Aber dafür ist es eine lichte, freudige Tatsache, daß unsere orthodoxe Diözese in Deutschland der orthodoxen Bevölkerung und der orthodoxen Geistlichkeit großzügige Hilfe und Unterstützung leistete in den Gebieten, die in jenen Jahren durch die deutsche Armee besetzt waren. Dorthin sandten wir heilige Antimensien, heiliges Myron, kirchliches Gerät, gottesdienstliche Bücher, Ikonen, Taufkreuze usw. Es wurde sogar eine Kleidersammlung organisiert, aber auf das Gesammelte legte der Staat seine Hand; wohin diese Dinge letztlich gegangen sind, wissen wir nicht. Aber die heiligen Antimensien, das heilige Myron usw. erreichten ihre Adressaten ... Dank dem unermüdlichen Einsatz und der Energie des Archimandriten Ioann und des Erzpriesters A. Kiselev gelang es uns, einen Buchverlag einzurichten sowie ein Lager für Bücher, Ikonen usw. Unter anderem haben wir die vollständige Bibel in russischer Sprache publiziert, das heilige Evangelium von Johannes, ein Gebetsbuch sowie andere Bücher und Broschüren.”40 Der Metropolit vermerkte, daß ihm andere orthodoxe Kirchen bei der Sendung der gottesdienstlichen Gegenstände nach Rußland behilflich waren.
Tatsächlich war z. B. in der serbischen Zeitung “Novo Vreme” vom 6.12.41 davon die Rede, daß aufgrund einer gesellschaftlichen Initiative für die russischen Territorien 4.250 Ikonen und Bibeln gesammelt worden sind. Und in seinem Brief vom 12.8.42 an Metropolit Anastasij vermerkte Seraphim, daß der bulgarische Synod ihm ein Kilogramm heiliges Myron und 100 Antimensien zur Verfügung gestellt hat, die bereits in den Osten abgeschickt worden sind. An gleicher Stelle ist davon die Rede, daß einige tausend Taufkreuze, die in Deutschland und Belgien produziert wurden, nach Rußland gesandt worden sind. Aus dem Diskussionsbeitrag des belgischen Protopresbyters A. Schabaschev auf der Diözesanversammlung vom 29.1.42 ergibt sich auch, daß zu diesem Zeitpunkt bereits 8.000 Taufkreuze mit der Aufschrift “Gott rette Rußland” produziert worden sind. In seinem Schreiben an Anastasij vom 9.11.42 teilte Seraphim, der Metropolit von Berlin, mit, daß er bereits etwa 400 geweihte Antimensien an ihre Bestimmungsorte geschickt habe und 120 ungeweihte (die letzteren nach Kiev).41 Diese Unterstützung durch Antimensien war besonders wichtig, da man ohne sie die wiederhergestellten Kirchen nicht weihen konnte.
Metropolit Seraphim versuchte, so aktiv wie möglich seinen Einfluß bei den orthodoxen Kirchen der mit Deutschland verbündeten Länder Bulgarien und Rumänien zu nutzen. Diese Kontakte dienten als eine Art Schutz vor den Angriffen der NS-Behörden. Das hob den Argwohn der letzteren gegenüber einer Unterstützung der kirchlichen Wiedergeburt in Rußland keineswegs auf, und sie schränkten eine solche immer wieder in verschiedenster Weise ein oder sprachen Verbote aus. Aus einem Brief des Metropoliten vom 12.12.42 wird deutlich, daß kirchliche Gegenstände in jener Zeit hauptsächlich in Päckchen versandt wurden, deren Gewicht 100 Gramm nicht überschreiten durfte. Diese Hilfe hatte zugleich nur einen halblegalen Charakter und aus ihren Anlaß erhielt der Metropolit aus der Gestapo immer wieder Warnungen.42 Der gesamte Schriftwechsel Seraphims, des Archimandriten Ioann und einiger anderer russischer Priester wurde von der Gestapo gelesen und fotografiert. Ein bedeutender Teil dieser Fotokopien ist bewahrt und befindet sich jetzt im Moskauer Archiv CChIDK. Die Prüfung der dort befindlichen Briefe an den Metropoliten vom Januar - November 1942 aus Nikolaev, Dnepropetrovsk, Smolensk, Lettland, Estland usw. zeigt, daß diese Hilfe mit kirchlichen Gegenständen und Literatur weit gestreut war und große Bedeutung hatte.43
Eine besonders energische und großangelegte Aktivität bei der Verbreitung religiöser Literatur entfaltete das Kloster des Heiligen Hiob. Dieses soll im folgenden eigens betrachtet werden. Das Kloster wurde 1923 im Ostteil der Slowakei als eine typographische Bruderschaft durch den Archimandriten (und späteren Erzbischof) Vitalij (Maksimenko) gegründet. Von 1928 an wurde hier die Zeitung “Pravoslavnaja Rus’” herausgegeben, die in 48 Ländern Verbreitung fand, vom Jahre 1935 an erschien auch die Kinderzeitschrift “Kindheit und Jugend in Christus” (Detstvo i junost’ vo Christe), 1939-40 erschien die theologische Zeitschrift “Pravoslavnyj Put’”. Von 1937 an weitete das Kloster seine Aktivitäten zur Ausbreitung der Orthodoxie in der Gegend wesentlich aus und nahm jährlich 2.000-3.000 Pilger auf. Im Herbst 1940 machte man den Versuch, zweijährige pastoraltheologische Kurse zu eröffnen, um Priester und Mönchsmissionare für das künftige befreite Rußland vorzubereiten. Als Leiter dieser Kurse setzte der Bischöfliche Synod den Vorsteher des Klosters Archimandrit Seraphim (Ivanov) ein. Zwar konnten infolge der Kriegsereignisse nicht alle, die sich eingeschrieben hatten, tatsächlich kommen, aber die Kurse selbst fanden bis 1944 statt. Zum Jahre 1941 zählte die Bruderschaft einschließlich der Novizen 30 Personen. Diese arbeiteten in drei Abteilungen - der typographischen, der verlegerischen und der ikonographischen. Bis zum Überfall Deutschlands auf Serbien befand sich das Kloster in unmittelbarer administrativer Unterordnung unter dem Bischöflichen Synod, dann wurde die Verbindung sehr schwierig. Am 10.4.41 beschloß die geistliche Versammlung des Klosters, den Erzbischof Seraphim um seine Obhut zu bitten, und im September wechselte das Kloster unter die Leitung des Metropoliten, der ihnen im April 42 den Stavropigialstatus verlieh.44
Die verlegerischen und missionarischen Aktivitäten der Bruderschaft beunruhigten die deutschen Behörden noch vor Beginn des Krieges mit der UdSSR außerordentlich. Am 23.10.40 schickte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) an den Sonderbeauftragten beim Deutschen Gesandten in Preßburg, SS-Sturmbannführer Hahn einen Brief anläßlich der vom Kloster durchgeführten “panslawistischen” Tätigkeit, die für Deutschland potentiell gefährlich sei: “Es wurde festgestellt, daß die panslawistischen Kreise innerhalb der orthodoxen Kirche des Generalgouvernements in engen Beziehungen zu dem Kloster Wladymirow in der Slowakei stehen. Der Prior dieses Klosters, Archimandrit Seraphim, leitet die russophile orthodoxe Kirchenarbeit im Ostraum ... Hauptinteressengebiet dieser Mission ist die Ostslowakei, die Karpatenukraine und das Lemkegebiet im Generalgouvernement ... Dieses Zentrum der panslawistischen orthodoxen Mission steht ... mit dem Berliner Erzbischof Seraphim in Verbindung ... Da der Verdacht entstanden ist, daß diese russophilen Strömungen in irgendeiner Form verknüpft sind mit sowjetfreundlichen Bewegungen und außerdem eine starke Beunruhigung der ukrainischen Bevölkerung im Distrikt Krakau eingetreten ist, wird ersucht nähere Ermittlungen über das Kloster Wladimirow und den Umfang der dortigen Arbeiten einzuleiten.”45
Hahn erfüllte seinen Auftrag und besuchte die Bruderschaft am 5.12. In seinem Antwortschreiben an das RSHA vom 15.12.40 wurde die Version verworfen, daß die in der Slowakei verbreiteten kommunistischen Flugblätter in dem Kloster gedruckt worden seien, denn dieses betreibe Propaganda nicht im Moskauer, sondern im zaristischen Geist: “Es ist nun begreiflich, wenn die Lage sich so zu entwickeln beginnt, dass das Kloster Ladomirova wieder ein Stützpunkt des russischen Reiches wird, eine Art Vorbereitung und Sammelplatz für die Zukunft eines zaristischen Rußlands, und wenn sich unter dem äußerst liebenswürdigen Einfluß dieses Klosters die russischen und auch die ukrainischen Emigranten zu sammeln beginnen und jetzt in den Selbständigkeitsbestrebungen der Ukraine aber einen Keil im ‘eigenen Fleisch’ erblicken”. Hahn vermerkte ebenso, daß wenn in der Slowakei auch weiterhin terroristische Methoden gegen die Ukrainer angewandt werden würden, das Kloster seinen Einfluß wesentlich ausweiten könnte.46
Da die Hauptlinie der Tätigkeit der Bruderschaft negativ bewertet wurde, versuchte man der Verbreitung seiner Periodika auf dem Territorium des Dritten Reichs verschiedenste Hindernisse in den Weg zu legen. Zunächst gestattete die Presseabteilung der Reichsregierung am 29.1.41 und ebenso das RKM am 19.2. die Einfuhr dieser Publikationen. Aber als das Kloster mit der GmbH Auslandszeitungshandel in Verbindung trat, teilte diese, wahrscheinlich auf den Befehl des RSHA hin, am 4.4. den Verlegern mit, daß ihren Wünschen “aus grundsätzlichen Erwägungen nicht stattgegeben werden kann”. Auf eine neuerliche Anfrage folgte wiederum eine Zurückweisung vom 1.8.41. Archimandrit Seraphim schrieb am 4.8. an die deutsche Botschaft in Preßburg, daß er genötigt sei, die “Pravoslavnaja Rus’” aus der Slowakei auf dem Postwege zu versenden, wobei die Zeitung die Empfänger nur in Berlin und Wien erreiche, und selbst das nicht regelmäßig, während von den Provinzstädten und dem Protektorat überhaupt keine Rede sein könne.47 Bald nach Beginn des Krieges mit der UdSSR nahm auch die Presseabteilung ihre Erlaubnis zurück. Am 17.11.41 meldete sie dem Auswärtigen Amt, daß der Chef der Sicherheitspolizei und des SD die Einfuhr religiöser, in der Slowakei erscheinender Zeitschriften in das Reich und in die besetzten Gebiete verboten habe. Diese Zeitschriften fielen unter das von der Presseabteilung mit Zustimmung des Auswärtigen Amtes (P17750 v. 12.10.41) erlassene Verbot russischen Emigrantenschrifttums.48 Dieses vom Chef der Sipo und des SD auferlegte Verbot betraf auch die besetzten Ostgebiete.
Der Beginn des Krieges zwischen Deutschland und der UdSSR wurde von den Mönchen der Bruderschaft als ein Signal zur praktischen Arbeit an der Wiedergeburt der Russischen Kirche aufgefaßt. Am 22.6. beschloß die Geistliche Versammlung des Klosters: “... die Ikonen der russischen Heiligen sind während der gesamten Zeit des Krieges in der Kirche zu belassen und in dieser gesamten Zeit sollen vor ihnen täglich ein Bittgottesdienst gehalten werden an den Erlöser, an die Gottesmutter und alle russischen Heiligen; alle Mantija-Mönche sollen täglich 25 Prostrationen machen mit dem Gebet: ’Herr Jesus Christus rette Rußland und lasse die orthodoxe Rus’ auferstehen!’”49 Am 16.9.41 schrieb der Vorsteher an Erzbischof Seraphim, Baron von Kaulbars, der das Kloster besucht hatte, habe sich einverstanden erklärt, seinen persönlichen Bekannten, den Priestermönch Hiob, als Korrespondenten der “Pravoslavnaja Rus’” nach Rußland mitzunehmen. Dem letzteren wurde ein Antimension sowie heilige Gefäße zur Abhaltung von Gottesdiensten mitgegeben, ebenso nahm er zwei Säcke Bücher, Ikonen und Zeitungen zur Verbreitung mit. Da zu dieser Zeit Hoffnungen bestanden, man könne die gesamte Tätigkeit der Bruderschaft nach Rußland verlegen, erklärte Archimandrit Seraphim: “Wir schaffen weiterhin in aller Eile missionarische Literatur für die sich befreiende Russische Kirche, und bereiten uns zugleich selbst für die missionarische Tätigkeit dort vor. Von unserem Abba, Bischof Vitalij [der in den USA lebte] haben wir bereits den Segen, bei der ersten Möglichkeit unsere missionarische Arbeit nach Rußland zu verlegen”. Eine entsprechende Erlaubnis hatte das Kloster auch vom Metropoliten Anastasij erhalten, der Archimandrit Seraphim bei einer Begegnung im März 1943 in Belgrad die Weisung gab: “Bei der Arbeit in Rußland sollte die Unterordnung unter den Auslandssynod bewahrt werden, wenn sich dies aber nicht als nützlich erweist, dann sollte man sich dem Metropoliten Alexij [dem Haupt der Ukrainischen Autonomen Kirche - nicht zu verwechseln mit der ‘Ukr. Autokephalen Kirche’] unterstellen, keinesfalls aber dem Metropoliten Sergij.”50 Die Reise des Priestermönches Hiob war jedoch eine der wenigen Ausnahmen. Eine Verlegung der Bruderschaft in die besetzten Ostgebiete wurde nicht zugelassen.
Das Kloster konnte dennoch, indem es den Umfang seiner verlegerischen Tätigkeit massiv vergrößerte, die kirchliche Wiedergeburt in der Heimat sehr wesentlich unterstützen. Vom 30.10.41 an wurde die “Pravoslavnaja Rus’” mit einer Beilage publiziert, die als “erste Gabe des Russentums außerhalb Rußlands an das vom Joch des Bolschewismus befreite Vaterland” bezeichnet wurde. Gemäß der Bitte des Erzbischofs Seraphim wurde beschlossen, diese Beilage und die Broschüren, die für Rußland vorgesehen waren, in der neuen Rechtschreibung zu drucken, die für die Bevölkerung der früheren sowjetischen Territorien vertraut geworden war. Die Situation, die damals im Kloster herrschte, wird gut durch einen Brief der in der Slowakei lebenden E. Somova in die Schweiz wiedergegeben, welcher in Wien geöffnet und zur Kenntnisnahme an das OKW weitergeschickt wurde: “Wie herrlich ist doch diese Sache! Es sind nicht viele Mönche vertreten, im ganzen nur 12 Mann, dafür aber ist die Gefolgschaft, sowie die Zahl der mühsam Schaffenden umso größer. Sie arbeiten alle für Rußland. Es finden Kurse für die Geistlichen statt. Die Typographie bringt Kirchenbücher heraus, zum Zwecke der Verkündigung des Evangeliums, sowie der Verbreitung desselben in Rußland.”51
Ungeachtet des Verbots gelangte die “Pravoslavnaja Rus’” auf allen “möglichen und unmöglichen Wegen” in die besetzten Ostgebiete, vor allem mit Hilfe russischer Übersetzer und ruthenischer Soldaten, die in den slowakischen Abteilungen im Bestand der Wehrmacht dienten. In einer der Broschüren der ROKA aus der Nachkriegszeit wurde dies folgendermaßen beschrieben: “Die Deutschen verboten strengstens irgendwelche Literatur in die von ihnen besetzten Gebiete zu schicken. Aber dank der Tatsache, daß die russische Bevölkerung die Menschen, die geistliche Literatur brachten, großzügig belohnte, kamen viele Soldaten der slowakischen Armee vor ihrer Abreise an die Front in das Kloster des Heiligen Hiob, erhielten dort religiöse Publikationen und gaben sie an die Bevölkerung in den von den deutschen besetzten Gebieten weiter, so daß im Kloster sogar aus der Gegend von Stalingrad rührende Dankesbriefe ankamen.”52 Im Bestreben, jegliche Möglichkeiten zur Verbreitung geistlicher Literatur zu nutzen, wandte sich die Bruderschaft im April 1942 sogar an das Oberhaupt der rumänischen orthodoxen Mission in Transnistrien mit dem Vorschlag, die Lieferungen zu unterstützen.
Das zweite Gebiet, in das die Druckerzeugnisse des Klosters hauptsächlich verbreitet wurden, war die deutsche Diözese. Mitte 1942 gelang es Erzbischof Seraphim, eine Aufhebung des allgemeinen Einfuhrverbots für die Publikationen des Klosters auf das Territorium des Dritten Reiches, in das Protektorat, nach Belgien, Holland und Serbien zu erreichen. Bald darauf machte das Diözesan-Missions-Komitee zwei große Bestellungen bei der Druckerei der Bruderschaft - 60.000 kleine Gebetsbücher und 300.000 Evangelien nach Johannes. Sie waren zur Verbreitung unter den Ostarbeitern und Kriegsgefangenen vorgesehen. Außerdem publizierte das Kloster auch andere Evangeliumsausgaben, 5.000 4-bändige Trebniks, Kirchenkalender und eine große Zahl von Broschüren religiös ethischen Inhalts. Über den Umfang der typographischen Aktivitäten kann man auch daraus schließen, daß im Januar 1943 der Vorsteher in Preßburg sich wieder einmal um eine Exporterlaubnis von 4,5 t Literatur aus der Slowakei bemühte. Um eine solche Arbeit zu leisten, bedurfte es großer Geldsummen. Sie kamen aus der Bulgarischen Orthodoxen Kirche. Der erste Beitrag von 300.000 Lev wurde über den Metropoliten von Berlin im Juli 1942 empfangen. Als Dank bedruckte man im Kloster 1.000 Evangelien mit den Worten “Gabe an die befreite Russische Kirche von der Bulgarischen Kirche”. Weitere zwei große Spenden kamen aus Bulgarien im März und November 1943. Sie umfaßten 960.000 Lev.53 Im Trebnik von 1944 steht “Durch die großherzige Hilfe der bulgarischen Orthodoxen Kirche wurde dieses Buch, der Trebnik, gedruckt für die vielleidende Russische Kirche”. Neben der Herausgabe von Literatur wurden im Kloster auch die für die wiedereröffneten russischen Kirchen unabdingbaren Antimensien hergestellt. So schrieb der Vorsteher am 24.12.41 an Erzbischof Seraphim, er werde ihm bald weitere 20 Antimensien zur Weihe senden und bittet, davon 5 an das Kloster zurückzuschicken. Die Gesamtzahl der produzierten Antimensien muß beträchtlich gewesen sein. Allein im August 1942 wurde Stoff zur Herstellung von 500 Antimensien eingekauft. Im Herbst 1943 wurden 400 Antimensien hergestellt.54
Ende 1942 erhielt man die Erlaubnis, die “Pravoslavnaja Rus’” ins Reich einzuführen. Hierbei stellten die deutschen Behörden ihre Bedingungen: “... der Straßenverkauf war streng verboten, ausschließlich eine Verbreitung per Abonnement und der Verkauf innerhalb orthodoxer Kirchen war gestattet”. Aber nicht lange konnte man diese Lockerung nutzen. Von 1.1.43 an stoppte die slowakische Administration, einer Forderung der deutschen Behörden entsprechend (nach einer anderen Version “wegen Papiermangels”), die Herausgabe der “Pravoslavnaja Rus’” völlig. Statt dieser Zeitung begann die Bruderschaft Sammelbände herauszugeben - “Chronik der Kirche” und “Leben der Kirche”, in denen die laufenden kirchlichen Materialien enthalten waren.55
Bei diesem Verbot hatten möglicherweise auch innerslowakische Umstände eine Rolle gespielt. Schon im September 1941 hatte die Regierung den Wunsch geäußert, daß die orthodoxe Kirche in diesem Land, wenn sie schon nicht völlig eigenständig sein könnte, wenigstens eine autonome Einheit sein solle, die indirekter an der ROKA teilnehmen sollte. Auf dieser Grundlage entstanden gelegentlich Konflikte mit der russischen Geistlichkeit. So berichtete die deutsche Botschaft am 8.9.42 nach Berlin: “Der Archimandrit Nafanail aus Ladomirova versucht, trotz der nicht wohlwollenden Haltung der Regierung, einen russisch-orthodoxen Bischofssitz in Preßburg zu errichten, um auf diese Weise die Ausbreitung der russischen Kirche zu fördern. Als Bischof käme er selber in Betracht. Sollte die Durchführung dieses Planes nicht möglich sein, so will er in Wien den Bischofssitz errichten und von dort die Slowakei betreuen.”56 Dieser Plan mißlang. Im September 1942 verlangte die slowakische Regierung die Einsetzung eines Administrators, der unbedingt ein Bürger der Slowakei sein mußte, dem die örtlichen orthodoxen Priester untergeordnet werden sollten. Bald darauf wurde der Dekan der russischen Gemeinden, der Erzpriester V. Solov’ev, zum Administrator ernannt. Er hatte dieses Amt bis zum 7.9.44 inne, wurde dann durch einen Erlaß des Metropoliten Seraphim entlassen und erhielt Zelebrationsverbot. An seiner Stelle wurde der Abt Savva (Struve) aus dem Kloster des Heiligen Hiob eingesetzt.57
Der erste Versuch des Vorstehers im Januar 1943, eine Wiederaufnahme der Herausgabe der Zeitung zu erreichen, war erfolglos. Archimandrit Seraphim beschrieb in seinem Bericht über seine Reisen nach Preßburg bei der Sitzung der Geistlichen Versammlung des Klosters am 1.2.43 “die Situation als ernst: die Orthodoxie steht unter Druck. Man entzieht den Priestern die Staatsangehörigkeit. Von einer Eröffnung der “Pravoslavnaja Rus’” kann keine Rede sein”. Im Frühling 1943 erhielten die Machthaber eine Denunziation, daß die Mönche angeblich “die Kinder aus den slowakischen Dörfern im russischen Geiste erziehen und zum Schaden des slowakischen Staates agieren”. Um zu prüfen, inwieweit die Vorwürfe berechtigt sind, kam die Polizei ins Kloster und führte Verhöre durch. Aber im Mai 1943 gelang es der Bruderschaft dennoch, die Herausgabe der “Pravoslavnaja Rus’” wiederaufzunehmen, die bis zur Evakuierung des Klosters im August 1944 ununterbrochen weitergeführt wurde. Hierbei blieb das Verbot, die Zeitung in die besetzten Ostgebiete einzuführen, ebenso wie für die übrige geistliche Literatur bis zum Ende des Krieges bestehen.58
Die Mönche bemühten sich auch, so gut sie konnten, den Ostarbeitern zu helfen. 1942 kamen sie auf den slowakischen Bahnhöfen zu den ersten Transporten mit Menschen, die zwangsweise zur Arbeit nach Deutschland gebracht wurden. Sie brachten Essen, Taufkreuze, geistliche Literatur. Später erhielt das Kloster von diesen Ostarbeitern in Briefen hunderte schreckenserregender Beschreibungen ihres Lebens im Dritten Reich. Diese wurden teilweise publiziert. Im November 1942 erschienen im Kloster erstmals Menschen, die aus Kriegsgefangenenlagern oder aus der Zwangsarbeit geflüchtet waren. Zunächst ließ man sie im Kloster leben, als aber vom Frühling 1943 an Dutzende von aus der Gefangenschaft geflüchteten, sowjetischen jungen Leuten kamen, nutzten die Mönche ihre Verbindungen und begannen, die Geflohenen bei verschiedenen Behörden und wirtschaftlichen Unternehmen unterzubringen. Im Sommer 1943 sind so durch das Kloster 40 Personen vermittelt worden. Im Herbst jedoch, kam ein neues Gesetz heraus, demzufolge es der Slowakei verboten wurde, Flüchtlinge aus der Ukraine und Rußland ohne eine besondere deutsche Erlaubnis bei sich aufzunehmen. Dennoch half die Bruderschaft diesen Menschen auch weiterhin, indem sie diese als Flüchtlinge aus Ungarn, Rumänien und Serbien ausgab. Bald wurde in der Slowakei auf Drängen der Deutschen ein Lager für 105 Personen eingerichtet für Geflohene, deren man habhaft werden konnte, denen es nicht gelungen war die notwendigen Ausweispapiere zu beschaffen. Es gelang dem Archimandriten Nafanail in dem Lager eine provisorische Kirche einzurichten und dreimal dort Gottesdienst zu halten, aber dann wurden alle Gefangenen von den Slowaken an Deutschland ausgeliefert. Die Rettung der Geflohenen ging auch 1944 weiter, so daß zu diesem Zeitpunkt mit Hilfe der Mönche bereits mehr als hundert Personen an verschiedenen Orten Arbeit erhalten hatten. Die Bruderschaft half auch mit Geld. Als z. B. das Kloster im April 1943 für seine Literatur, die es nach Deutschland geschickt hatte, Geld erhalten hatte, spendete es diese Mittel für den Bau einer orthodoxen Kirche im Dorf Medve¡ze und einer Kapelle im Dorf Porubnaja. Am 24.9.43 bestimmte die Geistliche Versammlung, 15 Prozent aller ihrer Mittel einzusetzen für die Nöte der Russen, die bei der Bombardierung von Berlin Schaden erlitten haben.59
Am 31.7.44 verließ, angesichts der nahenden sowjetischen Armee, der Großteil der Bruderschaft gemäß der Weisung des Metropoliten Anastasij das Kloster und siedelte nach Preßburg um, wo sie eine provisorische Kirche des Heiligen Hiob und eine Mönchsgemeinschaft einrichtete. Im Kloster verblieben nur 6 Mönche mit dem zum Archimandriten beförderten Savva (Struve) an der Spitze. Geschlossen wurde das Kloster nach dem Tod des Archimandriten Savva 1946 durch die neuen tschechoslowakischen Machthaber. Die Kirche existiert noch als Gemeindekirche. Sogar unter diesen Bedingungen gelang es den Mönchen in Preßburg, auf Bitten vieler Laien hin, 1.000 Kirchenkalender für das Jahr 1945 zu drucken. Die Mönche sorgten sich sehr über Schicksal der geistlichen Bücher, deren mehr als 50 Tonnen auf Lager verblieben waren. Zuguterletzt gelang es, diese in drei Waggons nach Deutschland zu schicken, mit der Hoffnung auf Rettung. Aber zwei der Waggons verbrannten infolge von Bombenangriffen in Karlsbad und Ulm, der dritte fiel in Wien der Sowjetarmee in die Hände. Auch das Klostergebäude hatte unter Bombenangriffen stark gelitten. Im Januar 1945 verließ die Bruderschaft Preßburg in Richtung Deutschland, und am 18.5.45 kamen 17 Mönche in der Schweiz an.60
Die Tätigkeit des Klosters des Heiligen Hiob in den Kriegsjahren ist ein einzigartiges Phänomen, welches dadurch ermöglicht wurde, daß die Slowakei formell ein unabhängiger Staat war und die nationalsozialistischen Behörden sich nicht direkt in das Geschehen auf ihrem Territorium einmischen konnten. Aber auch im Dritten Reich gaben die russischen Geistlichen religiöse Literatur heraus, wenngleich in geringerem Umfang. So gelang es 1941 den vollständigen Text der Bibel zu drucken, außerdem das Neue Testament, und gesondert noch das Markusevangelium. Archimandrit Ioann erinnerte sich, daß eine der Druckereien in Leipzig bereit war, den Auftrag anzunehmen, unter der Bedingung einer Bescheinigung aus dem RKM, die Bibel würde “zu gottesdienstlichen Zwecken” gebraucht. Zu dieser Zeit erlaubten die Nazis den Druck von Bibeln bereits nicht mehr. Es gelang, vom Ministerium ein entsprechendes Papier zu bekommen, weil die Ehefrau des bekannten deutschen Wirtschaftswissenschaftlers W. Sombart als Gemeindemitglied der Kirche des hl. Wladimir in Berlin einen Mitarbeiter im RKM persönlich kannte. Alle Bücher erschienen praktisch unter Umgehung der Zensur. Hinter dem Rücken der Behörden wurden auch die Taufkreuze produziert (Metall ist zu Kriegszeiten ein wichtiger Rohstoff) sowie kleine Ikonen gedruckt.61
All das wurde dann im wesentlichen kostenlos versandt und verteilt. Das am 19.11.42 gebildete Missionskomitee der Diözese mit Archimandrit Ioann an der Spitze ließ verlauten, daß es denjenigen, die es wünschen, die Evangelien von Markus und Johannes sowie orthodoxe Gebetsbücher zusendet. Allein nach München wurden dem Vorsteher der dortigen Gemeinde, dem Abt Alexander (Lov¡cij), vom September 1942 bis Januar 1943 - 600 Evangelien, 250 Gebetsbücher, 50 Bibeln, sechshundert Taufkreuze und dreihundert Ikonen zugesandt...