Die ehemaligen russischen Kirchen
im heutigen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 4

Das heutige Bundesland Mecklenburg-Vorpommern bestand bis zur Vereinigung im Jahre 1934 aus zwei Herzogtümern: der westliche Landesteil bildete das Herzogtum Mecklenburg-Schwerin, der östliche das Herzogtum Mecklenburg-Strelitz. Nur die regierenden Herzöge trugen den Titel Herzog von Mecklenburg-Schwerin bzw. von Mecklenburg-Strelitz, die nicht regierenden Herzöge bzw. Herzoginnen trugen nur den Titel von Mecklenburg ohne Zusatz der Stadtnamen. Seit 1815 trugen die regierenden Herzöge noch den Titel Großherzog.
Die Herzöge von Mecklenburg-Schwerin waren im 19. Jh. zweimal mit russischen Großfürstinnen verheiratet. Die Herzöge von Mecklenburg-Strelitz waren seit 1851 mit den Romanows verwandt und bekleideten hohe militärische Ämter in Rußland. Der russische Zweig des Hauses Mecklenburg-Strelitz verfügte über ausgedehnten Grundbesitz in Rußland 110 000 ha. Wald und 60 000 ha. Landwirtschaft. Der Stammsitz der Familie war bis 1895 in St. Petersburg das “Palais Michael” (heute befindet sich das Russische Museum in diesem Schloß) und das Steininsel-Palais. Außerdem besaßen sie bei Poltava noch ein Sommergut “Karlovka”. Das Michail Palais wurde 1895 von Zar Nikolaus II. als “Romanowscher Familienbesitz” beansprucht und zurückgekauft und gegen den Fontanka Komplex, neben dem Anitschkow Palast gelegen, getauscht. Dieses “Haus der Gräfin Karlowa” trug auch das mecklenburgische Wappen im Giebel.
Im Jahre 1914 nahmen die Herzöge Georg, Graf Karlow und Karl Michael die russische Staatsangehörigkeit an. Im Jahre 1917 emigrierte die Familie nach Mecklenburg und ließ sich in Remplin nieder. In der NS Zeit wurde die Familie als “Russen” gebrandmarkt. Nachdem sie sich weigerte, einen Teil des Rempliner Schlosses der NSDAP-Gauleitung zur Verfügung zu stellen, wurde das Schloß im Jahre 1940 auf Veranlassung des Gauleiters in Brand gesetzt und brannte völlig aus, darunter auch die wertvollen Kunstsammlungen und Bibliotheken. Nur der vom Gauleiter beanspruchte kleine Verwaltungstrakt wurde von der Feuerwehr gerettet. Das Inventar der russischen Kirche entging nur deshalb der Vernichtung, da es im Jahre 1934/35 der Brüsseler russischen Gemeinde geschenkt worden war.

In der Residenz der Großherzöge von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust befand sich in den Jahren 1800 bis 1806 eine russische Kirche zu Ehren der Hll. Apostelfürsten Peter und Paul. Die Kirche war nach der Heirat zwischen der Großfürstin Elena Pavlovna und dem mecklenburgischen Erbprinzen Friedrich Ludwig errichtet worden. Schon nach dreijähriger Ehe verstarb die junge Großfürstin im Alter von 18 Jahren im Jahre 1803 an Tuberkulose.
Großfürstin Elena Pavlovna war im Jahre 1784 als Tochter des russischen Thronfolgers Paul Petrovi¡c (1796-1801 Zar Paul I., einziger Sohn Katharinas d. Gr.) und der Prinzessin Sophie Dorothea von Württemberg, als Zarin Maria Feodorovna, geboren worden. Der Ehe entstammten acht Kinder, darunter die Zaren Alexander I. (1801-1825), Nikolaus I. (1825-1855), Katharina Pavlovna, Königin von Württemberg (1816-1819), Anna Pavlovna, die Gemahlin König Wilhelms I. der Niederlande und die erwähnte Großfürstin Elena.
“Bei der Ankunft Ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Frau Großfürstin Helenen Pawlowna, Erbherzogin von Mecklenburg-Schwerin in Ludwigslust Jahre 1800, wurde ein Zimmer im hiesigen Schloß zu einer griechischen Kapelle eingerichtet und hierin wurde der Gottesdienst bis zum Tode Ihrer Kaiserlichen Hoheit bis zum Jahre 1803 durch die von Rußland mitgebrachten Geistlichen, namentlich durch den Hofprediger Gabriel Dankow, und die Cantoren Stephan Maliutin, Joachim Rewin und Paul Dankow verrichtet. Im Jahre 1804 kehrten der Pope Dankow und der Cantor Dankow nach Rußland zurück” (Bericht v. Dr. Prosch v. 8. Dez. 1832).
Die Geistlichkeit wurde von der Großfürstin besoldet. Die Ikonen, die liturgischen Gefäße und Gewänder, Leuchter etc. hatte die Großfürstin aus ihrer Heimat mitgebracht.
Auch nach dem Tod der Großfürstin wurden in Ludwigslust noch bis zum Jahre 1811 Gottesdienste zelebriert, zunächst in der Schloßkirche, von 1806 bis 1811 in der Kirche im Mausoleum. Da nach dem Tod der Großfürstin der Priester und ein Sänger nach Rußland zurückgekehrt waren, zelebrierten die Gottesdienste in Ludwigslust Geistliche von der Berliner russischen Gesandtschaftskirche, da noch “einige Russen am Hof in Ludwigslust lebten”, darunter die zwei Sänger mit ihren Familien. Zwischen 1803 und 1811 wurden “mindestens dreimal im Jahr” Gottesdienste zelebriert: am Patronatsfest der Kirche (29. Juni), am Namenstag (21. Mai) und am Todestag der Großfürstin 12. September (alle Daten nach dem julianischen Kalender). Auch in den späteren Jahren wurde zumindest am Todestag der Großfürstin am 12.September weiterhin Panichiden von russischen Geistlichen der Berliner Botschaftskirche zelebriert (Cerkovnaja Pravda Berlin v. 14. März 1914).
Das Mausoleum mit der Kirche befindet sich im Schloßpark von Ludwigslust. Das Gebäude besitzt einen rechteckigen Grundriß von 20x12 m. Über eine Treppe erreicht man die von vier dorischen Säulen getragene Vorhalle, die im Architrav die Widmungsinschrift “Helenen Pawlownen” trägt. In der inneren Grabkapelle befand sich bis 1897 nur das Grab der Großfürstin Elena Pavlovna. Im Jahre 1897 wurde das Mausoleum dann zur Begräbnisstätte für die Angehörigen der großherzoglichen Familie umgebaut: unter dem Fußboden wurden Grabkammern errichtet, die mit präparierten Seesand aufgefüllt wurden. Über den Grabkammern standen schlichte Sarkophage aus weißem Marmor. In den Grabkammern darunter ruhen die Gebeine von 12 Angehörigen der großherzoglichen Familie, darunter zwei Großfürstinnen. Ursprünglich war das Mausoleum mit einem blauen Kugelgewölbe und einem Sternenhimmel versehen. Nach dem Umbau des Jahres 1897 wurde dann die Wölbung entfernt, so daß ein rechteckiger Raum mit Oberlicht entstand. Den Abschluß des Raumes bildet ein Apsis, ein Altarraum mit einem Kreuz. Im oberen Wandabschluß befinden sich Ornamente, die mit lateinischen und dem dreibalkigen russischen Kreuz verziert sind. An einer Seitenwand befindet sich ein weißes Marmorrelief mit der Darstellung der Großfürstin Elena Pavlovna.
Die russische Kirche befand sich im oberen Stockwerk, gleich über dem Eingang zum Mausoleum. Der Kirchenraum ist etwa 12x4 m groß und über eine Treppe erreichbar. An der linken Seitenwand der Kirche befinden sich Fenster mit Blick in das Mausoleum.
Nach einem Inventarverzeichnis aus dem Jahre 1852 befanden sich noch alle Gegenstände, die die Großfürstin aus Rußland mitgebracht hatte, in der Kirche im Mausoleum, darunter Ikonen und liturgische Gefäße, die “mehrfach vorhanden waren, aus Silber und innen vergoldet”. Zu den liturgischen Büchern gehörten mehrere Evangelien und Psalter, deren “Einbände mit Silberoklad verziert waren”. Die liturgischen Gewänder, Kirchentücher und Decken waren “alle aus Goldbrokat und Seide” hergestellt. Die Ikonen in der Ikonostase hatte der Hofmaler R. Suhrlandt nach einem Entwurf des russischen Künstlers Pernikov gemalt. Diese Ikonostase war “faltbar” konstruiert, da der Kirchenraum nicht breit genug war: Die mittlere Tür war noch vorn in den Gemeinderaum vorgezogen, wodurch der Altarraum gleichzeitig vergrößert wurde. Die beiden seitlichen Türen waren etwa 1,5 m nach hinten versetzt, so daß die beiden Hauptikonen mit der Darstellung des Herrn und der Gottesmutter in einem leichten Schrägwinkel nach hinten verliefen. Die Ikonen links und rechts von den Seitentüren waren wiederum nach vorne angewinkelt.
Die Ikonen waren dem Zeitgeschmack entsprechend dem italienischen Realismus nachempfunden, folgten also nicht der traditionell russischen Ikonenmalerei. Die Darstellungen: links befand sich eine Ikone der Hl. Helena mit dem Kreuz, auf der linken Altartür eine Ikone des Erzengels Michael, daneben die Ikone der Gottesmutter mit dem Christuskind, auf der mittleren Tür die Evangelisten und Engel, rechts davon die Christus Ikone, auf der rechten Tür eine Ikone mit der Darstellung der Vertreibung aus dem Paradies, rechts von der Tür eine Ikone der Hll. Apostelfürsten Peter und Paul. Über der mittleren Tür gab es noch eine Darstellung mit dem letzten Abendmahl.
Die gesamte Ikonostase bestand aus Holz, der Sockel und der Abschluß der Ikonenwand wie auch die Einrahmungen der Ikonen waren aber im dorisch-toskanischen Marmorstil gemalt, so daß der Eindruck entstand, es handle sich um einen Marmor-Ikonostas mit Säulen.
Die Gottesdienste in der Kirche in Ludwigslust wurden dann nach der Heirat von Herzog Friedrich Franz III. und der russischen Großfürstin Anastasija Michailovna in den 80er Jahren wieder häufiger gefeiert. Außer den oben erwähnten Gottesdiensten zu den Patronats- und Todestagen wurden nun wieder Gottesdienste in den Sommermonaten in Ludwigslust zelebriert. Im Winter wurden die Gottesdienste im Schweriner Schloß zelebriert, wo es bis zum Jahre 1905 noch eine weitere russische Kirche zu Ehren der Hl. Märtyrerin Anastasija gab. Im Jahre 1905 übersiedelte die verwitwete Großfürstin Anastasija dann nach Ludwigslust. Bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges wurden in der Kirche in Ludwigslust noch “mehrmals im Jahr” Gottesdienste zelebriert. Die Geistlichen kamen von der Berliner Botschaftskirche, meist kam der Vorsteher der Botschaftskirche, Erzpriester A. Mal’cev nach Ludwigslust. Als die Großfürstin Anastasija im März 1922 starb, wurde sie im Mausoleum beigesetzt. Anläßlich dieser Beisetzung wurde ein Totenamt nach orthodoxem Ritus in Ludwigslust von Geistlichen aus Berlin zelebriert, vermutlich von Archimandrit Tichon, den späteren Erzbischof von Berlin und Deutschland.
Es ist nicht bekannt, ob bis zur Schließung des Mausoleums im Jahre 1946 noch Gottesdienste in der Kirche zelebriert worden sind.
Bei Kriegsende 1945 wurde die Kirche geplündert und weitgehend zerstört. Nach einer Aufnahme aus dem Jahre 1967 (Wiedereröffnung des Mausoleums, vgl. Foto) wurden die Bilder der rechten Seite der Ikonostase (Christus Ikone, Vertreibung aus dem Paradies und die Apostel Ikone) gestohlen. Die Darstellungen auf der linken Seite (Hl. Helena, Erzengel Michael und die Gottesmutter-Ikone, sowie die Darstellung mit dem Abendmahl über der mittleren Tür) waren noch vorhanden. Das Abendmahlsbild hängt heute im Schweriner Museum (Staatliches Museum, Kunstsammlungen Schlösser und Gärten, Schwerin). Über den Verbleib der übrigen Bilder ist dem Museum nichts bekannt). Weiterhin ist nicht bekannt, wo die liturgischen Gefäße, Gewänder und Bücher verblieben sind.
Das Mausoleum war 1946 geschlossen und zugemauert worden. Im Jahre 1950 wurden die Marmor Sarkophage abgetragen, die Marmorplatten im Kloster Dreilützow verbaut. Die Grabkammern mit den sterblichen Überresten wurden nicht angetastet. Seit dem Jahre 1967 wurde dann das Mausoleum durch das Museum für Ur- und Frühgeschichte als Depot und Ausstellungsraum genutzt und mit einer provisorischen Zwischendecke versehen. In den oberen Räumen der ehemaligen russischen Kirche befindet sich seitdem ein Büro des Museums.
Außer den beiden Gräbern der russischen Großfürstinnen im Mausoleum befindet sich in unmittelbarer Nähe des Mausoleums im Park noch ein weiteres russisches Grab mit den sterblichen Überresten des Grafen Musin-Pu¡skin. Er war Offizier des Isumschen Reiterregiments und am 2.4.1813 bei Kämpfen in Lüneburg tödlich verwundet worden, als mecklenburgische Truppen zusammen mit russischen Verbänden gegen Reste der napoleonischen Armee zu Felde zogen. Seinen Leichnam hatte man im Park neben dem Mausoleum beigesetzt, da er in der “Nähe einer russischen Kirche” seine letzte Ruhestätte finden wollte. Die Kirche in Ludwigslust war zu dieser Zeit außer der russischen Botschaftskirche in Berlin - die einzige russische Kirche in Deutschland.
Die Kirche in Ludwigslust hat ihr Pendant in der russischen Grabeskirche auf dem Rotenberg bei Stuttgart, wo die Schwester der Großfürstin Elena Pavlovna, Ekaterina Pavlovna, (Königin von Württemberg 1816-1819) im Jahre 1824 ihre letzte Ruhestätte gefunden hat. Für den Fall der Wiederherstellung der Kirche in Ludwigslust, wäre dies die älteste (noch bestehende) russische Kirche in Deutschland. Die Wiederherstellung wäre sicher wünschenswert, da im Großraum Schwerin heute zahlreiche orthodoxe Familien leben. In Schwerin hat sich inzwischen eine kleine orthodoxe Gemeinde konstituiert, die von Priester Evgenij Sapronov aus Berlin betreut wird, aber bisher über keinen gottesdienstlichen Raum verfügt.
Die DDR Regierung soll dem Moskauer Patriarchat in den 60er und 70er Jahren zweimal angeboten haben, die Kirche in Ludwigslust wiederherzustellen, doch zeigte der Vertreter des Patriarchats in Berlin kein Interesse an dem “verwahrlosten Gebäude”. Herzog Christian Ludwig von Mecklenburg-Schwerin (die Linie hat keine männliche Nachfolge und erlischt nach dem Tode des Herzogs) hofft, daß die Schweriner Landesregierung das Mausoleum wieder in seinen ursprünglichen Zustand versetzen und vor allem dringend erforderliche Reparaturen durchführen wird. Der Auszug des vorgeschichtlichen Museums ist zumindest nicht vor 1997/1998 geplant.
Quellen:
Mecklenburgisches Landeshauptarchiv Schwerin: Großherzogliches Kabinett III, Sign. 162/163: Bericht von Dr. E. Prosch vom 8. Dez. 1832, in: Mecklenburgisches Landesarchiv, Großherzogliches Kabinett III, Signatur 162, Nr. 29 und Inventarliste erstellt von Dr. E. Prosch vom 14. Dez. 1852: Inventarium der verschiedenen Gegenstände in der griechischen Kapelle im Mausoleum zu Ludwigslust, Mecklenburgisches Landesarchiv, ad 3 Bericht von Dr. E. Prosch v. 15. Dez. 1853 über die Beisetzung der Großfürstin Helene Pawlowna am 11. October 1803, Mecklenburgisches Landesarchiv, Nr. 36
Schloßpark Ludwigslust - ein informativer Rundgang, o.O.o.J.
Cerkovnaja Pravda. Berlin Nr. 6 v. 14. März 1914, S. 178 und Nr. 7(1914) v.28./15. März 1914, S.214
Bratskij e¡zegodnik pravoslavnyja cerkvi i russkija u¡cre¡zdenija za graniceju. Petrograd 1906, S.211.
Das Dokumentenmaterial und die Fotos stellte Bernd Wollschläger, Leiter des Museums im Mausoleum zur Verfügung. Er gab auch wertvolle Hinweise zur Situation seit 1946.

Schwerin:
Hauskirche zu Ehren
der Hl. Märtyrerin Anastasija, ca. 1884-1904

Im Schweriner Schloß befand sich in den Jahren 1884 (?) bis 1904 eine Hofkirche zu Ehren der Hl. Märtyrerin Anastasija. Sie war die Patronin der russischen Großfürstin Anastasija Michailovna, die mit Großherzog Friedrich Franz III. von Mecklenburg-Schwerin verheiratet war. Die Großfürstin war Tochter des Großfürsten Michail Nikolaevi¡c, des jüngsten Sohnes von Zar Nikolaus I., gewesen.
Die Kirche bestand bis zum Jahre 1904 im Schloß von Schwerin und wurde dann geschlossen, nachdem die verwitwete Großfürstin in die Sommerresidenz nach Ludwigslust übersiedelt war, wo sie am 11.3. 1922 verstarb und im “Helenen Pawlownen Mausoleum” beigesetzt worden ist.
Die Gottesdienste in der Schweriner Hofkirche wurden von Geistlichen der Berliner Botschaftskirche mehrmals im Jahr zelebriert, darunter am Patronatstag der Großfürstin, am 15. April (a. St.). Die Ikonostase der Kirche und das Kirchengerät wurden nach der Schließung zunächst nach Ludwigslust gebracht, das Antimension an die Berliner Botschaftskirche übergeben, wo es aber nur ein Jahr blieb. Dann wurde es der neuen Kirche in Bad Nauheim übergeben.
Quelle:
Pravoslavnyja cerkvi i russkija u¡cre¡zdenija za graniceju. Bratskij e¡zegodnik. Berlin 1906, @Sverin, S. 420.

 

Bote 1995, 5

Remplin:
Kirche zur Geburt unseres Herrn
Jesus Christus, 1854-1934

Im Schloß von Remplin befand sich in den Jahren 1854 bis 1934/35 eine Kirche zu “Ehren der Geburt Christi”. Die Kirche wurde nach der Eheschließung des Herzogs Georg August von Mecklenburg-Strelitz mit Großfürstin Ekaterina Michailovna im Rempliner Schloß im Jahre 1854 errichtet.
Großfürstin Ekaterina Michailovna entstammte der Ehe des Großfürsten Michail Pavlovi¡c und Elena Pavlovna, geb. Prinzessin Charlotte von Württemberg.
In den Jahren 1854 bis 1874 gab es nur eine provisorische (pochodnaja) Kirche in einem kleinen Saal. Nach dem Umbau und Ausbau des Schlosses wurden dann Anfang der 70er Jahre im ersten Stock drei Kirchen errichtet: Am Ende eines Ganges befand sich die orthodoxe Kirche, in zwei weiteren Sälen links und rechts von dieser Kirche eine katholische und eine protestantische Kirche. Die orthodoxe Kirche war die größte der drei Kirchen befand sich in einem Saal mit den Ausmaßen 10x15 m. Die katholische und protestantische Kirche in wesentlich kleineren Räumen.
Die drei Kirchen waren notwendig, da es in der herzoglichen Familie orthodoxe, katholische und lutherische Familienmitglieder gab. Das Rempliner Schloß wurde von den Herzögen erst im Jahre 1854 erworben und diente als Residenz nur wenige Wochen im Spätsommer und Herbst zur Jagdsaison als Familiensitz. Die übrige Jahreszeit verbrachten die Herzöge in St. Petersburg, wo sie hohe militärische Ämter bekleideten.
Im Jahre 1920 heiratete dann Herzog Graf Georg Karlow, seit 1928 Herzogs von Mecklenburg und Enkel des obengenannten Herzog Georg August, die verwitwete Gräfin Irina Michailovna Tolstaja geb. Rajevskaja. Herzogin Irina trat Mitte der 20er Jahre zum sog. “Russisch-Katholischen Ritus” über. Dieser Ritus war im 19. Jh. entstanden und sollte den Übertritt orthodoxer Russen zur katholischen Kirche “erleichtern”. Die Gottesdienste wurde streng nach orthodoxem Ritus zelebriert, der einzige Unterschied bestand in der Kommemorierung des Papstes und Bischofs. So trat Vl. S. Solov’ev 1896 zu diesem Ritus über, da er aber vor seinem Tod bei einem orthodoxen Priester beichtete, erhielt er ein orthodoxes Begräbnis. Die “russischen Katholiken” waren nach der Revolution in Berlin, Paris, Brüssel und Harbin mit eigenen Gemeinden vertreten und wurden durch das in Rom ansässige “Russicum” unterstützt. Nach dieser “Konversion” wurden die Gottesdienste in der Rempliner (orthodoxen) Kirche von dem russischen Priester Kusmin Kuraev aus Berlin zelebriert. Der Herzogin scheint aber nie der Unterschied zum orthodoxen Glauben bewußt gewesen zu sein, wie ihr Sohn, Herzog Georg Alexander, meint. Auch orthodoxe Verwandte und Bedienstete des Schlosses besuchten weiterhin diese “orthodoxen” Gottesdienste, speziell in der Karwoche und zu Ostern bis Anfang der 30er Jahre.
Die erste orthodoxe Kirche - sie bestand in den Jahren 1856-1874 - im Schloß war aus der Mitgift der Großfürstin errichtet worden. Über die Ikonostase und das liturgische Gerät gibt es keine Informationen.
Es gab aber bereits Pläne, eine größere Kirche im Schloß zu errichten. Herzog Georg war mit dem russischen Hofmaler Carl Timoleion Neff gut befreundet. Neff besuchte Remplin in den Jahren 1857 und 1862. Im Sommer 1867 malte Neff während eines Italienaufenthaltes in Piera eine Ikone des Hl. Georg und schickte diese als Geschenk nach Remplin zur Ausschmückung der Kirche. Im Sommer 1871 besuchte Neff wieder Remplin. Zu dieser Zeit fanden im ersten Stock bereits Umbauten für die geplante Kirche statt, die in einem Saal (10x15 m) entstehen sollte. Vermutlich hatte Neff bei diesem Aufenthalt versprochen, die Ikonen für die künftige Ikonostase zu malen, denn nach seiner Rückkehr nach Petersburg teilte ihm der Herzog in einer Depesche mit, “die Kapelle schreitet rüstig vorwärts, und ich werde die von Ihnen geforderten Maße der Halle mitbringen” (Skizzen und Bilder, S. 208). Aus weiteren Briefen wissen wir, daß Neff die Ikonen für die Ikonostase nach den Maßangaben des Herzog zwischen 1872 und 1874 während seiner Aufenthalte in Piera und in St. Petersburg malte. Nachdem alle Ikonen in Remplin eingetroffen waren, erhielten örtliche Handwerker den Auftrag zur Anfertigung der “hölzernen, schwarzen Ikonostase” Als letzte Ikonen waren in Remplin eingetroffen: “1 kleines, längliches Abendmahl, 2 Bilder der Verkündigung, 4 kleine Evangelistenköpfe, 1 Christus mit der Weltkugel, 1 Maria mit dem Christkinde, 2 Erzengel mit weißen Flügeln, eine heilige Helene im lila Gewande mit der Krone, eine heil. Katharina mit rothem Gewande und eine heil. Elisabeth als alte Frau”. (Brief des Herzog v. 26. Okt. 1874, Skizzen S. 211).
Gottesdienste wurden in der Kirche “nur in den Herbstwochen” während der Anwesenheit der herzoglichen Familie in Remplin von Geistlichen aus Berlin und Weimar zelebriert. Nach dem Tod der Großfürstin im Jahre 1894 wurden dann bis zum Ausbruch des I. Weltkrieges nur noch an ihrem Todestag, am 16./29. August Panichiden zelebriert.
Im Jahre 1917 siedelte die Familie dann endgültig nach Remplin über. Herzog Georg Georgievi¡c heiratete im Jahre 1920 die verwitwete Gräfin Irina Tolstaja, eine geborene Rajewskaja. Regierender Herzog war zu dieser Zeit der kinderlose Herzog Michail Georgievi¡c, Graf Karlow, der im Jahre 1934 als letzter Sproß der russischen Linie in Remplin verstarb. Er verfügte in seinem Testament im Jahre 1934, daß die gesamte Kircheneinrichtung an die Brüsseler russische Gemeinde übergeben werden sollte.
Nach der Übersiedlung wurden in Remplin wieder häufiger orthodoxe Gottesdienste zelebriert, zumal im Schloß auch mehrere orthodoxe Bedienstete lebten. Regelmäßig gefeiert wurden in diesen Jahren die orthodoxen Ostergottesdienste, an denen alle Mitglieder der Familie - auch die katholisch getauften Kinder - teilnehmen mußten. Vermutlich wegen der katholischen Verwandtschaft und wegen des Priestermangels - es war äußerst schwierig einen orthodoxen Priester nach Remplin kommen zu lassen - entschloß sich die bereits erwähnte Herzogin Irina Mitte der 20er Jahre zum Übertritt in die “Russisch-Katholische Kirche”. Jedenfalls kam nun aus Berlin wieder regelmäßig ein Geistlicher, der Russe Kuzmin Kuraew, der “orthodoxe” Gottesdienste in Remplin zelebrierte.
Die Kirche wurde dann endgültig im Jahre 1935 aufgelöst und das Inventar der Brüsseler russischen Gemeinde geschenkt. Ursprünglich war vorgesehen, daß die Ikonostase, wie auch die vielen Einzelikonen, das liturgische Gerät, die Gewänder und Bücher der geplanten Kirche des Hl. Hiob, die zugleich Gedächtniskirche für die ermordete Zarenfamilie ist, übergeben werden sollte. Da aber die Ikonostase wie auch mehrere im italienisch beeinflußten Stil nicht in die im Novgoroder Stil gebaute Hl. Hiob Kirche paßten, erhielt die russische Gemeinde zur “Auferstehung Christi” (heute: rue DraPiers) die Ikonostase, sowie mehrere Gemälde aus Remplin, ein Antlitz des leidenden Christus, ein Gemälde von der Geburt Christi und ein Gemälde von der Hl. Olga und die Pla¡s¡canica aus Remplin, sowie ein Evangeliar mit Silberoklad. Das wohl wertvollste Gemälde aus Remplin ist eine Darstellung des auferstandenen Christus von Brulow, dessen Wert unbekannt ist (alle übrigen Bilder Brulows befinden sich in der Eremitage). Das liturgische Gerät, die Kirchengewänder und Kirchentücher wie auch alle liturgischen Bücher erhielt dann später die Kirche des Hl. Hiob. Im Laufe der Jahre sind fast alle Textilien als Folge der Abnutzung entfernt worden. Von dem liturgischen Gerät ist bei einem Einbruch alles, bis auf ein Altarkreuz gestohlen worden.
Immerhin sind durch die testamentarische Verfügung von 1934 wenigstens die von Neff gemalte Ikonostase und die meisten Bilder aus Remplin erhalten geblieben und nicht durch das eingangs erwähnte Feuer vernichtet worden (vgl. Bote 4/1995).

Quellen:
Skizzen und Bilder aus dem Leben Carl Timoleons von Neff. Darmstadt 1887
Rostislaw Krasjukow u. Bernd Funk: Der russische Zweig des Hauses Mecklenburg-Strelitz, in: Carolinum. Historisch literarische Zeitschrift, Nr. 105 v. Sommer 1991, S.7-24.
Pravoslavnyja cerkvi i russkija u¡cre¡zdenija za graniceju. Bratskij e¡zegodnik. Berlin 1906, Remplin, S. 327 und Cerkovnaja Pravda Berlin v. 14.1. 1914
Briefe und mündliche Mitteilungen von Georg Alexander, Herzog zu Mecklenburg