Kirchen der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland

"Kirchen unserer Diözese"

Kathedralkirche des Hl. Nikolaus in München



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1991, 3

Nach dem II. Weltkrieg wurde München zum Zentrum der russischkirchlichen Emigration, so wie es bis 1945 Berlin gewesen war. München war bis 1950 zugleich Sitz des Oberhauptes der Auslandskirche und des Bischofsynods. Außerdem befindet sich hier seit 1945 die Diözesanverwaltung der deutschen Diözese und - mit Ausnahme der Jahre 1971 bis 1981 - der Sitz des Oberhauptes der Diözese.
In der Stadt selbst gab es nach dem II. Weltkrieg 15 russische Kirchen, ein Mönchs- und ein Nonnenkloster. Im näheren Landkreis und der näheren Umgebung befanden sich weitere ca. 10 Kirchen. Insgesamt betrug die Zahl der Flüchtlinge in diesem Raum etwa 30 000 bis 40 000 Personen. Die Gläubigen wurden von 5 bis 7 Bischöfen und etwa 30 bis 40 Priestern betreut. Hier in München tagten die Bischofskonzile der Nachkriegsjahre, sowie die Diözesanversammlungen der deutschen Diözese.
Die älteste Gemeinde Münchens, aber auch der Auslandskirche in Deutschland, ist heute die Gemeinde des Hl. Nikolaus (heute Salvatorplatz). Sie hatte sich im Jahre 1921 konstituiert, seit 1941 verfügt sie über einen ständigen Gottesdienstraum. Die übrigen in der ‘Verfassung der orthodoxen Diözese” im Jahre (Auferstehungs-Kathedrale Berlin, Breslau, Düsseldorf, München und Hamburg) wurden entweder später gegründet oder schieden aufgrund der politischen Ereignisse aus der Jurisdiktion der Diözese aus.

1. Die Anfänge der russischen Gemeinde in München: 1798-1920
Im Jahre 1798 wurde in München in der Ottostraße eine russische Gesandtschaft errichtet. In der Regel gehörte zu diesen diplomatischen Vertretungen auch eine Hauskirche für das Gesandtschaftspersonal und ihre Familienangehörigen. Über die Existenz einer solchen Hauskirche oder Gottesdienste in der Gesandtschaft liegen aber keine Informationen vor.
Sicher ist hingegen, daß seit 1832 die Gesandtschaftsangehörigen die Gottesdienste der griechisch-orthodoxen Kirche am Salvatorplatz besuchten. Die griechische Geistlichkeit betreute seitdem auch die russisch-orthodoxen Gläubigen in München, d.h. die Angehörigen der russischen Gesandtschaft. Wenn diese an hohen kirchlichen Feiertagen den Gottesdiensten in der griechischen Salvatorkirche beiwohnten, wurden “immer einige Gebete in russischer Sprache” gelesen. Für die Mitbetreuung der russischen Kolonie erhielt die griechische Gemeinde von Zar Nikolaus I. (1825-1855) eine großzügige finanzielle Schenkung.
Dieses Vermögen bildete noch zu Beginn unseres Jahrhunderts den Grundstock des “nicht unbedeutenden Vermögens der griechischen Gemeinde” am Salvatorplatz.
Seit dem Jahre 1867 gab es für die Angehörigen der Mission noch die Möglichkeit zum Besuch von orthodoxen Gottesdiensten in der Hauskirche im Palais des Grafen Adlerberg. Die Kirche war dem “Lebensspendenden Kreuz” geweiht. Diese Kirche bestand bis zum Jahre 1881, dann wurde sie geschlossen, da die Familie des Grafen nach Tegernsee umzog.
In der Villa am Tegernsee wurde eine neue Kirche eingerichtet. Sie war dem Hl. Nikolaus dem Wundertäter geweiht. Die Ikonostase dieser Kirche war ein Geschenk des Zaren Alexanders II. an die mit dem Zaren befreundete Familie des Grafen. Außer der Ikonostase stammten auch die liturgischen Gefäße, Leuchter und weiteres Kirchengerät aus der Hauskirche der Datscha des Zaren in Finnland.
Die Nikolaus-Kirche am Tegernsee bestand offiziell bis zum Jahre 1942. Gottesdienste wurden aber in den 20-er und 30-er Jahren nicht mehr zelebriert, da die Nachfahren des Grafen Adlerberg nicht mehr orthodox waren. Die Ikonostase der Kirche wurde der Münchner Gemeinde nach ihrer Gründung im Jahre 1921 leihweise von den Erben des Grafen für Gottesdienste zur Verfügung gestellt. Im Jahre 1942 erhielt die Gemeinde die Ikonostase wie auch das übrige kirchliche Inventar dann endgültig zum Geschenk.

2. Die Gemeinde zu Ehren des Hl. Nikolaus 1921-1941: Gottesdienste im Mathildenstift
Die genaue Zahl der Emigranten, die 1920/1921 nach München gekommen war, steht nicht fest. Es dürften aber etwa 200 bis 300 Personen gewesen sein, die in München lebten. Außerdem gab es Gruppen russischer Flüchtlinge in Augsburg, Landsberg, Nürnberg, Regensburg und anderen bayerischen Städten.
Im Herbst 1921 gab es Bemühungen zur Gründung einer russischen Gemeinde in München. Gottesdienste wurden zu dieser Zeit schon gelegentlich von Priester Nikolaj Behr in angemieteten Räumen zelebriert. Außer ihm zelebrierte der Priester der russischen Kirche in Baden-Baden, Michail Scefirza, mehrmals in München.
Die Gemeinde wünschte aber ständige Gottesdienste in München. Ende Juni 1922 konstituierende Sitzung der neuen Gemeinde statt. An ihr nahmen 48 stimmberechtigte Gemeindemitglieder teil. Es wurde beschlossen, die Gemeindestatuten des Russischen Landeskonzils von 1917 zur Grundlage für den Aufbau der neuen Gemeinde zu nehmen. Ferner wurde ein Gemeinderat, dem 7 Personen angehörten, gewählt. Starost wurde Fürst Nikolaj Nikolaeviç Obolenskij.
Seitdem wurden regelmäßig Gottesdienste in München gefeiert. Die Betreuung lag bei Archimandrit Sergij (Familienname unbekannt), ihm folgte im Januar 1923 Priester Nikolaj Behr, der die Gemeinde bis März 1927 betreute. Außerdem zelebrierten noch Priester Michail Scefirza, Priester Grigorij Prozorov, Mönchspriester Georg, Mönchspriester Savva (Sovetov, der spätere orthodoxe Militärbischof von Polen; er emigrierte
1940 nach London, wo er 1951 starb) und andere Geistliche in München, wo es keinen eigenen Priester gab. In den Jahren 1924 bis 1926 zweimal im Monat Gottesdienste im Saal des “Christlichen Hospiz” (Mathildenstift) in der Mathildenstraße 5 gefeiert wurden. Die Ikonostase hatte die Gemeinde aus der oben erwähnten Kirche am Tegernsee erhalten, desgleichen das Kirchengerät, liturgische Gefäße und Priesterornate.
Die Gemeinde bestand seit 1923 als eingetragener Verein und benutzte bei ihren Korrespondenzen einen Stempel mit der Inschrift “Russische Gemeinde München”. Laut Vereinssatzung verfolgte der Verein den “Zweck der Zusammengehörigkeit aller russischen Orthodoxen, die in München und Umgebung leben, sowie der Erhaltung der Interessen der russischen orthodoxen Kirche und der gegenseitigen Hilfe” (§ 1). Ferner sollte der Verein “für den Unterhalt des Geistlichen der Gemeinde...und beim kirchlichen Unterricht der Kinder der orthodoxen Gemeinde” (§ 2) Sorge tragen.
Der Gemeinderat versammelte sich in diesen Jahren etwa alle zwei Monate. Auf den Sitzungen wurden finanzielle Fragen der Gemeinde und die mit der Abhaltung der Gottesdienste verbundenen Probleme diskutiert.
Der gesamte Schriftverkehr wie auch alle Abrechnungen wurden ausschließlich von der Kirchenältesten, Frau Sofia P. Durnowo, erledigt. Sie verwaltete dieses Amt von 1927 bis bis zum Jahre 1942 und trat dann aus Gesundheitsgründen zurück, blieb aber zunächst noch stellvertretende Kirchenälteste. Sie starb im Jahre 1943. Es war zweifellos ihr Verdienst, daß die Gemeinde in den 20-er und 30-er Jahren nicht auseinanderfiel und unter schwierigen Bedingungen Gottesdienste zelebrieren konnte. Diese fanden bis zum Jahre 1942 alle im o.g. Saal in der Mathildenstraße statt.
Die Spaltung kirchlichen Emigration vom 1926 wirkte sich zunächst auf das Gemeindeleben nicht weiter aus. Im Herbst 1927 unterstellte sich die Münchner Gemeinde offiziell dem amtierenden Bischof von Berlin und Deutschland, Tichon. Dies geht aus einem Brief Bischof Tichons hervor, in dem er sich im Juli 1928 bei Frau Durnovo für ihre “Initiative hinsichtlich des kirchlichen Lebens der Münchner Gemeinde im Augenblick der kirchlichen Spaltung”, bedankte.
3. Gemeinde ohne Priester
Die Ernennung eines (auslandsrussischen) Priesters stieß auf Schwierigkeiten, da es nicht genügend Priester in Deutschland gab. Auf der Suche nach Geistlichen wandte sich die Gemeinde auch an die orthodoxen Schwesterkirchen, so trat z.B. Fürst Scerbatov über das königlich serbische Generalkonsulat in München direkt an den serbischen Patriarchen Dimitrij mit der Bitte heran, einen Priester nach München zu entsenden. Auch Bischof Tichon bemühte sich, einen Geistlichen für München zu finden: er wandte sich an Metropolit Dionisij von Warschau und bat um die Entsendung eines Priesters aus Polen.
Mit der Erledigung der Berliner Anfrage wurde Mönchspriester Filofej (Narko, der spätere Erzbischof von Berlin und Deutschland) beauftragt. In einem “Rundschreiben an den Klerus in Polen” appellierte Filofej an die Geistlichkeit, die Betreuung der russischen Gemeinden in Bayern zu übernehmen. Auf diesen Aufruf meldeten sich drei Geistliche, die gegen Erstattung der Unkosten bereit waren, an hohen Feiertagen in München zu zelebrieren. Es gibt Hinweise, daß Mönchspriester Filofej selber in den Jahren 1928/1929 einige Male in München zelebriert hat.
Im März und April 1930, in der großen Fastenzeit und zu Ostern, wurde die Gemeinde von Mönchspriester Ignatij (Ozerov) aus Warschau betreut. Schwierigkeiten bereitete aber weiterhin die Betreuung der Gemeinde durch einen Priester. Doch konnten an hohen kirchlichen Feiertagen, in der Karwoche, zu Ostern, Pfingsten und zum Fest der Geburt Christi Gottesdienste jährlich zelebriert werden. Aus Korrespondenzen geht aber hervor, daß Bischof Tichon dafür Sorge trug, daß in München und Bad Kissingen “mehrmals im Jahr” Gottesdienste zelebriert werden konnten.

4. Betreuung der Gemeinde durch einen Reisepriester
Seit dem Jahre 1937 wurden dann wieder regelmäßig Gottesdienste in München, Augsburg, Landsberg und Bad Kissingen gefeiert. Im Jahre 1937 wurde Andrej Lovçij von Erzbischof Tichon zum Priester geweiht. Er diente zwar offiziell als 2.Geistlicher an der Kirche in Berlin-Tegel, doch bestand seine eigentliche Aufgabe in der Betreuung der bayerischen Gemeinden. In den Korrespondenzen wurde er offiziell als “Reisepriester für Bayern” bezeichnet. Vater Andrej - nach seiner Weihe zum Mönch nahm er den Namen Alexander an - betreute die Münchner Gemeinde des Hl. Nikolaus von 1937 bis 1971. Im Jahre 1942 erhielt er den Rang eines Igumen (Abt), im Jahre 1943 wurde er zum Archimandriten erhoben, im Jahre 1945 zum Bischof von Kissingen, Vikarbischof der deutschen Diözese geweiht. Seit 1951 war er Leiter der deutschen Diözese, mit dem Titel “Bischof von Berlin und Deutschland”, im Jahre 1952 wurde ihm der Rang eines Erzbischofs verliehen. Im Jahre 1971 trat er aus Altersgründen in den Ruhestand.
Bis zum Ausbruch des II. Weltkrieges gehörten zur Münchner Gemeinde ausschließlich Emigranten, die im Gefolge der Revolution und des Bürgerkrieges nach Deutschland gekommen waren. Aus den Gemeindelisten geht hervor, daß sich darunter viele Gläubige mit deutschen Namen befanden, sowohl orthodoxe Rußlanddeutsche wie deutsch-russische Paare.

5. Suche nach einer Kirche
Nach dem Hitler-Stalin Pakt und der damit verbundenen Besetzung Ost-Polens durch die Sowjetunion, kamen neue Flüchtlinge nach Deutschland. Ihre Reihen wurden durch Emigranten aus Frankreich und den Benelux-Staaten aufgefüllt, die zunächst freiwillig nach Deutschland kamen, da sie hier bessere Arbeitsbedingungen vorfanden. Seit Mitte/Ende 1940 kamen dann aus allen besetzten Ländern Zwangsarbeiter hinzu. Dort, wo schon Gemeinden bestanden, schlossen sich diese Personen den bestehenden Gemeinden an. So wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder seit 1940 nicht nur in München, sondern auch in Augsburg und Landsberg sprunghaft an. Damit stieg der Wunsch nach einer ständigen Kirche in München. Seit Herbst 1940 war die Gemeinde auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude, denn der Neubau einer Kirche stieß jetzt, mitten im Krieg auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Zur Gemeinde gehörten nun ca. 250 registrierte Personen. Vom Leiter der deutschen Diözese, Erzbischof Serafim, erhielt die Gemeinde die Erlaubnis zur Errichtung einer ständigen Kirche, da “die gegenwärtig bestehende Gemeinde ... nie offiziell aufgehoben worden ist”. Damit wurde praktisch bestätigt, daß die Gemeinde seit ihrer Gründung im Jahre 1921 bestand.
Die Münchner Gemeinde mußte auch in den Jahren 1937 bis 1941 weiterhin in der Mathildenstraße ihre Gottesdienste feiern. Im Jahre 1941 richtete Frau Durnowo ein Gesuch an die die Geheime Staatspolizei und bat um die Genehmigung, “wie alljährlich auch in diesem Jahr vom 12. bis 20. April die österlichen Gottesdienste abhalten zu dürfen.” Sie teilte mit, daß hierzu “wie gewöhnlich der Saal im Mathildenstift zur Verfügung” stünde. Man rechne mit etwa “250 Gläubigen, Russen und Bulgaren”.
Es war das letzte Osterfest der Gemeinde im Mathildenstift. Das Osterfest im Jahre 1941 wurde bereits in der neuen Kirche zu Ehren des Hl. Nikolaus in der Denningerstr. 8 gefeiert. Diese Kirche diente bis zum Jahre 1949 als Gemeindekirche.

 

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6. Die “Notkirche” in der Denningerstr. 5
Dem Wunsch nach einer ständigen Kirche mit eigenem Priester kam die Gemeinde schließlich im Jahre 1941 näher, als sie in München-Bogenhausen eine Barackenkirche von der evangelischen Kirche mieten konnte. Hier befand sich fast ein Jahrzehnt lang die Gemeindekirche. Da die Gemeinde durch den Zustrom von Flüchtlingen in den folgenden Jahren auf etwa 1200 Mitglieder anwuchs, benutzte sie zusätzlich in den Jahren 1943 bis 1946 noch die griechische Salvator-Kirche und seit 1946 einen Raum in der Salvator-Schule zusätzlich als Kirche. In der Salvator-Schule befindet sich heute noch die russische Kirche.
Die “Hauptkirche” blieb aber bis 1949 die Barackenkirche in der Denningerstraße, die Kirche in der Salvatorschule war bis 1949 offiziell nur eine “Filialkirche”, da die Barackenkirche in Bogenhausen für die vielen Gläubigen nicht genügend Platz bot. Die Gläubigen der beiden Kirchen gehörten zu einer Gemeinde. Zur Unterscheidung wurde auch häufig von der “Stadtgemeinde” gesprochen, wenn man an die Kirche in der Salvatorschule dachte.
Auf der Suche nach einem geeigneten Raum, wandte sich die Gemeinde im März 1941 an den evangelischen Pastor Bauer in München-Bogenhausen, die bisher ihre Gottesdienste in der Baracke in der Denninger Str. 8 gefeiert hatte. Nachdem sie ihre neue Kirche in der Lamontstraße beziehen konnte, stand die Notkirche leer. Pfarrer Bauer erklärte sich sofort bereit, die Barackenkirche der russischen Gemeinde kostenlos zu überlassen.
Nach dieser Zusage wurde im April 1941 eine Gemeindesitzung einberufen, auf der ein neuer Gemeinderat gewählt wurde. Dieser wandte sich in einem Schreiben an die Berliner Diözesanverwaltung mit der Bitte um Entsendung eines ständigen Priesters nach München.
Im Vertrag zwischen der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde der Dreieinigkeitskirche und der Russischen Orthodoxen Kirchengemeinde des Hl. Nikolaus wurde u.a. ausgeführt, daß die “Notkirche der Russischgriechisch orthodoxen Gemeinde zur Abhaltung ihrer Gottesdienste überlassen wird und ...die Gemeinde das Recht erhält, ...den Raum für ihre gottesdienstlichen Zwecke herzurichten.”
Aus einer Inventarliste der Kirche vom Jahre 1942 geht hervor, daß außer der erwähnten Ikonostase noch 30 Ikonen die Kirche schmückten. Außerdem gab es mehrere Kerzenleuchter, liturgische Gefäße und Bücher und “sehr reichhaltiges liturgisches Gewand”. Außerdem werden aufgeführt “Gemeindebücher” (metriçeskie knigi), beginnend mit dem Jahr 1924 bis zum Jahr 1942.
Am 12. Juli 1941 zelebrierte Vater Alexander die erste göttliche Liturgie in der neuen Kirche. Seitdem fanden Gottesdienste regelmäßig statt.
Die Kosten für den Priester wurden durch einen monatlichen Mitgliedsbeitrag von 50 Pfg. pro Gemeindemitglied aufgebracht. Kosten entstanden durch die Anreisen von Vater Alexander, der zunächst noch Geistlicher in Tegel blieb.
Der Wunsch nach einem eigenen Priester wurde im August 1942 endgültig erfüllt. Metropolit Serafim ernannte Priestermönch Alexander zum ständigen Geistlichen in München. Seit 29.August 1942 fanden nun an jedem Wochenende Gottesdienste in München statt. Durch den Zustrom der Ostarbeiter schlossen sich neue Mitglieder der Gemeinde an: Im Gemeindeverzeichnis vom Jahre 1942 waren 636 Personen registriert.
Seit November 1942 gab es eine Gemeindeschule mit Unterricht an zwei Wochentagen. Es wurden Katechismus, russische und kirchenslawische Sprache, russische Geschichte und Kirchengeschichte unterrichtet. Kinder aus der Gemeindeschule halfen auch als Altardiener in der Kirche und als Lektoren. Die Schule wurde von Kindern bis zum Alter von 12 Jahren besucht. 1943 wurde für die Kinder der Gemeinde das Weihnachtsfest (e1ka) gefeiert.
Für Erwachsene wurde ein religiös-katechetischer Arbeitskreis gegründet. Seit Herbst 1941 gab Vater Alexander jeden Sonntag ein kleines Gemeindeblatt heraus, der “Voskresnyj listok” (Sonntagsblatt). Sie erschienen bis zum Jahre 1962 regelmäßig und hatte in den letzten Jahren noch eine Auflage von 500 Exemplaren. Das Gemeindeblatt umfaßte in der Regel zwei Seiten mit einem Abdruck der Sonntagspredigt von Vater Alexander und Ankündigungen für die Gemeinde.
Die nächste Gemeindeversammlung trat im Mai 1943 zusammen. Zum Kirchenältesten wurde G.I. Çerpickij gewählt. Auf der Versammlung wurde ferner beschlossen, eine Schwesternschaft bei der Gemeinde zu gründen. Im Protokoll der Gemeindeversammlung von 1943 wurde festgehalten, daß das Leben der Gemeinde “verhältnismäßig normal verlaufen” sei, wobei das Wort “verhältnismäßig” handschriftlich und nachträglich in das Protokoll eingefügt worden war.
Doch der Krieg und seine Folgen wurden überall spürbar. Die Kirche konnte nur selten geheizt werden. Die Rationierung von Papier machte den Mangel an geistlichem Schrifttum spürbar. Es fehlte an Ikonen und Kreuzen. Allmählich wurden auch Kerzen knapp, dann wurden auch diese rationiert. Selbst das Mehl für die Prosphoren und den Kommunionswein gab es nur noch auf Zuteilung. Im Dezember 1942 teilte Metropolit Serafim der Gemeinde mit, daß er künftig keinen Wein und kein Mehl mehr schicken könne, da er vom Getreidewirtschaftsamt keine Zuteilungen bekomme. Die “bisherigen Zusendungen seien alle illegal gewesen”. Serafim schlug dem Gemeinderat vor, daß die Gemeindemitglieder von ihren Lebensmittelkarten für Brot und Mehl Abschnitte bereit stellen sollten, um das benötigte Mehl zu bekommen.
In diesen schwierigen Jahren gehörte auch Alexander Schmorell zur Münchner Gemeinde. Er war Mitglied der “Weißen Rose” und wurde wegen seines Widerstands gegen das Nazi-Regime am 13. Juli 1943 hingerichtet. Am Tag vor seiner Hinrichtung wurde sein langjähriger Beichtvater, Archimandrit Alexander (Lovçij), zu Schmorell geschickt, um ihn zu bewegen, um Gnade zu bitten. Dies lehnte Schmorell, dessen christliche Motivation zum Widerstand geführt hatte, ab. In seinem Abschiedsbrief machte Schmorell deutlich, daß er aus seinem Glauben Kraft für seinen Weg gefunden hat: ‘Der Tod ist kein Ende, sondern der Übergang zu einem neuen, weit herrlicheren Leben als das irdische, in dem es Trennung und Ende nicht mehr gibt.

7. Wachsende Aufgaben:
Ostarbeiter und Kriegsgefangene
In einem Schreiben vom Dezember 1942 bat Vater Alexander bei der Berliner Diözesanverwaltung um Unterstützung bei der Betreuung der in Bayern befindlichen sowjetischen Kriegsgefangenen. Diese hätte sich “massenweise” in Schreiben an ihn und seine Gemeinden gewandt und um Zusendung von Kreuzen und Ikonen gebeten. Da er nicht allen Wünschen nachkommen könne, bitte er zunächst um Zusendung von je 300 Kreuzen und Ikonen. Im Dezember erfolgte die erste Sendung mit Ikonen und Kreuzen.
Im gleichen Monat wurde bei der Münchner Gemeinde ein eigenes Missionskomitee gegründet. Außerdem gab es einen religiös-katechetischen Arbeitskreis zur Betreuung der Ostarbeiter, um diese mit dem kirchlichen Leben und Brauchtum vertraut zu machen. Der Münchner Arbeitskreis arbeitete eng mit dem Berliner Komitee zusammen. Beide bemühten sich um die Beschaffung von religiösem Schrifttum. Besonderer Bedarf bestand für Evangelien und Gebetbücher. Es wurde um die Zusendung von 600 Evangelien und von 250 Gebetbüchern nachgesucht.
Bei der Kunstanstalt May in Dresden wurden 1943 /1944 jeweils 2000-3000 Papierikonen bestellt. Diese Auflage war als Folge der Papierknappheit limitiert worden. Da aber alle 3 Monate ein neuer Auftrag erteilt werden durfte, machte die Gemeinde von dieser Möglichkeit Gebrauch und bestellte jeweils das Höchstkontingent.
Nach der Besetzung Griechenlands wurde die griechische Salvatorkirche geschlossen. Es scheint aber, daß das Bayerische Ministerium für Kultus hiermit nicht einverstanden war. Im Frühjahr 1943 erhielt Archimandrit Alexander einen Brief vom Kultusministerium mit dem Vorschlag, daß der “russische Klerus’l in München die Betreuung der griechischen Kirche am Salvatorplatz übernehmen solle.
Im russischen Gemeinderat wurde der Vorschlag des Kultusministeriums diskutiert und akzeptiert. Der erste russische Gottesdienst in der griechischen Kirche fand am 22./23. Mai 1943 unter Teilnahme einer großen Zahl von Gläubigen statt. Bis Februar 1946 wurde die griechische Kirche von der russischen Gemeinde benutzt, dann wurden die Schlüssel der Kirche dem griechischen Archimandriten Meletios Galanapoulos übergeben.#

 

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8. Kriegsende und Neubeginn
Im Mai 1944 sollte die nächste Gemeindeversammlung stattfinden. Sie wurde aber mit Zustimmung des Metropoliten Serafim auf Januar 1945 verschoben. Die Versammlung tagte in der griechischen Kirche, da diese verkehrsgünstiger lag. An der Versammlung nahmen aber nur wenige Gemeindemitglieder teil, da infolge der schrecklichen Zeiten viele Gläubige nicht kommen konnten bzw. nicht von der Einberufung benachrichtigt werden konnten.
Im Protokoll hieß es wieder, daß das Leben der Gemeinde verhältnismäßig normal” verlaufen sei. Außer Archimandrit Alexander wurde die Gemeinde nun noch von zwei “Geistlichen aus dem Osten”, Vater Georgij Bolkun und Dimitrij Posnjakov betreut. Die Zahl der Gemeindemitglieder sei nicht genau bekannt, 150 Personen zahlten regelmäßige Beiträge. Die Zahl der Teilnehmer an der Hl. Kommunion habe im Jahr 1943-1944 bei etwa 1500 Personen gelegen. Beide Kirchen, die Salvatorkirche und die Notkirche in Bogenhausen, seien an hohen Feiertagen restlos überfüllt. Am 12. Sept. 1944, dem Festtag des Hl. Alexanders Nevskij habe die Gemeinde die große Freude und Ehre gehabt, von Metropolit Serafim besucht worden zu sein. Der Gottesdienst sei in der griechischen Kirche zusammen mit Archimandrit Alexander gefeiert worden.
Besonders feierlich wurde der Ostergottesdienst im Frühjahr 1945 gestaltet. An der Prozession um Mitternacht nahmen 2000 Personen teil, es sang ein Chor von 30 Personen. Dieser Gottesdienst hinterließ bei Kardinal von Faulhaber einen tiefen Eindruck: bei dem Antrittsbesuch des Metropoliten Anastasij beim Kardinal im Mai 1946 erinnerte der Kardinal seinen Gast an diesen Gottesdienst, den er vom Fenster seiner Residenz aus mitverfolgt hatte. Wörtlich sagte Faulhaber: Die Osternacht 1945 erlebte ich vom geöffneten Fenster meiner Wohnung aus. Ich lauschte dem wunderbaren Gesang mit großer Befriedigung und schaute der Prozession zu. Der feierliche Gesang hinterließ bei mir einen Eindruck, den ich mein ganzes Leben nicht vergessen werde. (Aus dem Briefwechsel zwischen Erzbischof Alexander und Metropolit Anastasij v. 2./15. Nov. 1956)
Seit 1944 zelebrierten noch die Geistlichen Georg Bolkun und Dimitrij Posnjakov an der Gemeinde. 1944/1945 kamen noch die Priester Georg Sorec, Nikolaj Raçkovskij und Arsenij Grigorja‚ an die Gemeinde, die noch für 8 weitere Gemeinden in Bayern zuständig waren: Augsburg, Nürnberg, Landsberg, Ingolstadt, Bad Kissingen, Burghausen, Gauting und Bad Tölz, wo es Gemeinden mit Kirchen gab.

9. Die Nachkriegsjahre der Gemeinde
Die Zahl der Kirchenbesucher nahm nach Kriegsende sprunghaft zu. Zur Gemeinde mit den beiden Kirchen - in der Denningerstraße und am Salvatorplatz - gehörten um etwa 2 000. Die Nikolaus-Gemeinde war nun, nach Kriegsende aber nur eine von 15 russischen Kirchen in München. Zu den Gottesdiensten der Nikolaus-Kirche kamen aber auch viele Gläubige aus den in und um München liegenden Lagern. Vorsteher der Gemeinde blieb Vater Alexander, der im Juli 1945 zum Bischof geweiht worden war. Außerdem gehörten zur Geistlichkeit der beiden Kirchen etwa 6 bis 8 Priester und Diakone. Beide Kirchen verfügten über einen Kirchenchor, dem 20 bis 30 Personen angehörten.
Besonders an den hohen Festtagen war der Andrang zu den Gottesdiensten sehr groß. Im Jahre 1946 nahmen 1 225 Personen an der Hl. Kommunion teil. Im Frühjahr 1948 waren 1 200 Personen als Gemeindemitglieder registriert.
Erstmals nach dem Kriege feierte die Gemeinde im Januar 1946 das Weihnachtsfest für Kinder in der Gemeinde. An ihm nahmen 35 Kinder und ihre Eltern teil. Die Kinder rezitierten Gedichte, sangen und lasen Gebete. Seit dieser Zeit wird das Weihnachtsfest regelmäßig in der Gemeinde gefeiert.
Aus einer Aufstellung vom Jahre 1950 geht hervor, daß zur Gemeinde am Salvatorplatz 1 050 Personen gehörten, von denen 60 im Lager Schleißheim lebten. 150 Personen waren älter als 60 Jahre. 625 Personen hatten Arbeit und brauchten keine Unterstützung, etwa 75 Personen waren krank und arbeitsunfähig und auf Unterstützung angewiesen.
In den 50-er Jahren schlossen sich - als Folge der Schließung der Lagerkirchen - immer wieder neue Gläubige der Gemeinde an, die in München Arbeit gefunden hatten und nicht auswandern wollten. Die Zahl der Gläubigen lag in diesen Jahren konstant bei ca. 2 000 Personen. Aus einer Aufstellung vom Jahre 1974 geht hervor, daß zur Gemeinde 318 Personen bis 25 Jahre, 987 Personen im Alter zwischen 25-60 Jahren und 682 Personen über 60 Jahren gehörten. Die Gemeindeschule wurde von ca. 50 Kindern besucht. Als dann in den 60-er und 70-er Jahren viele Gemeinden im Süden und Südosten von München aufgrund des Priestermangels geschlossen werden mußten, nahm die Bedeutung der Münchner Kirche für den südbayerischen Raum zu, da diese Gläubigen, sowie kleinere Gemeinden ohne eigenen Priester von der Kathedralgeistlichkeit aus München mit betreut werden mußten. Heute gehören etwa 3 000 Gläubige zur Münchner Gemeinde. Seit Anfang der 80-er Jahre ist eine deutliche Verjüngung bei den Gemeindtangehörigen bemerkbar, wo nun die 3. Generation mit ihren Kindern das Bild der Kirchgänger immer mehr bestimmt.

10. Wieder ein Provisorium: die Kirche des Hl. Nikolaus in der Salvatorschule

Wie bereits erwähnt, hatte die Gemeinde seit Februar 1946 die Möglichkeit verloren, in der griechischen Salvatorkirche Gottesdienste zu zelebrieren. Die Pläne zum Bau einer eigenen Kirche mußten aus Mangel an Baumaterial zunächst zurückgestellt werden. Auch die “Notkirche” in der Denningerstraße war von Anfang an nur als Provisorium gedacht gewesen, da die Gemeinde schon 1942/1943 den Bau einer eigenen Kirche plante.
Der Kirchenrat der Gemeinde hatte im September 1945 bereits den Beschluß gefaßt, mit einem Gesuch an das Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus, die amerikanische Militärverwaltung und den Leiter der amerikanischen Militärseelsorge heranzutreten, damit diese die ehemalige amerikanische Kirche am Salvatorplatz der Gemeinde überließe. In dem Antrag wurde als Begründung auch vermerkt, daß “die amerikanische Kirche am Salvatorplatz teilweise fliegergeschädigt ist und nicht mehr benützt wird”.
Bei diesen Räumlichkeiten im Erdgeschoß der städtischen Musikschule handelte es sich um einen etwa 140 qm großen Raum, der durch zwei Reihen mit Rundbogensäulen unterteilt wurde und den Eindruck eines Sakralbaus vermittelte. Ursprünglich handelte es sich bei diesem Raum um eine Markthalle mit einzelnen Verkaufsständen, die zwischen den Säulen lagen. Um die Jahrhundertwende wurde dann der Raum umgestaltet. Im mittleren Teil, das durch ein Glasfenster im Jugendstil abgeschlossen wurde, wurde eine Kapelle für die in München lebenden US-Staatsbürger errichtet, im rechten Teil entstand eine amerikanische Bibliothek. Nach Kriegseintritt der USA im Jahre 1941 wurden die Kapelle und die Bibliothek geschlossen.
Die Bauarbeiten in der Salvatorkirche begannen im Juni 1946. Aus den Rechnungen geht hervor, daß die 8 m hohen Zwischenwände herausgebrochen werden mußten, die sich in den Rundbögen befanden und den Raum unterteilten. Die Türen und Fenster waren stark beschädigt und mußten erneuert bez. repariert werden. Im Jahre 1946 wurden insgesamt 22 000 RM für Reparaturen aufgewendet. Man kann diese Summen allerdings nur dann richtig einordnen, wenn man die Stundenlöhne für Handwerker dieser Zeit in die Betrachtung einbezieht: so erhielt ein Werkmeister 2,40 RM pro Std. ein Vorarbeiter 2,05 RM und ein Steinmetz 1,87 RM pro Arbeitsstunde.
Im Januar 1947 unterzeichneten Bischof Alexander und Oberbürgermeister Dr. Fingerle einen Vertrag über die Nutzung der neuen Kirche am Salvatorplatz. Die Weihe der Kirche fand zum Patronatsfest am 22. Mai 1947 statt und wurde von Metropolit Anastasij, Metropolit Serafim und Bischof Alexander, sowie mehr als 10 Geistlichen vorgenommen. Das Antimension der neuen Kirche war im Jahre 1937 von Metropolit Antonij geweiht worden. Es ist aber nicht bekannt, für welche Kirche es im Jahre 1937 bestimmt war.
Damit verfügte die Gemeinde wieder über zwei Kirchenräume, in der Denningerstraße und am Salvatorplatz. Für beide Gemeinden am Salvatorplatz und in Bogenhausen wurde immer ein Kirchenältester gewählt. Sein Stellvertreter war für die Barackenkirche zuständig.
Der Fortbestand der zwei Gemeinden war allerdings nicht von langer Dauer. Bereits zwei Jahre nach der Weihe der Kirche am Salvatorplatz wurde der Vertrag über die Nutzung der Kirche in der Denningerstraße von der evangelischen Kirche gekündigt. Die Notkirche wurde der evangelischen Gemeinde im Oktober 1949 zurückgegeben.

11. Pläne zum Bau einer russischen Kirche in München
Seit 1943 gab es wiederholt konkrete Pläne zum Bau einer eigenen russischen Kirche in München. Im Krieg konnten diese Pläne nicht realisiert werden. Nach dem Krieg im Jahre 1946 wurden die Pläne aber wieder aufgegriffen. Dieses Mal waren die finanziellen Voraussetzungen für die Gemeinde zwar sehr günstig, doch war der Mangel an Baumaterial in der zerstörten Stadt der Hinderungsgrund. Man gab die Hoffnung aber nicht so schnell auf: seit dem 1. August 1946 fanden regelmäßige Bittgottesdienste in der Notkirche in der Denningerstraße für den geplanten Neubau statt.
Die Währungsreform verhinderte dann die Weiterverfolgung dieser Pläne, da das Gemeindevermögen im Verhältnis 1:10 abgewertet wurde. In den folgenden Jahren konnten kaum Rücklagen gebildet werden, da die Einnahmen für den Unterhalt der Geistlichkeit, soziale Aufgaben und Unterstützung allgemeinkirchlicher Aufgaben (z.B. Abgaben an die Diözese, den Synod, Spenden für die Klöster etc.) verbraucht wurden.
So wurde aus dem Provisorium am Salvatorplatz ein Dauerzustand, über dem aber ständig die Gefahr der Kündigung schwebte, da die Räumlichkeiten von der Stadt angemietet sind. Bereits seit 1957 gab es immer wieder Pläne der Stadt, den Mietvertrag mit der Gemeinde zu kündigen. Grundsätzlich war die Gemeinde bereit, die Räume an die Stadt zurückzugeben, doch bat sie bei jeder Kündigung um Hilfe der Stadt, bei der Suche nach neuen Räumen bzw. nach einem Grundstück zum Bau einer eigenen Kirche. Im Verlauf von über 30 Jahren und wiederholten Verhandlungen hat es aber die Stadt München bis heute nicht geschafft, weder einen Ersatzraum noch ein geeignetes Grundstück anzubieten, obgleich es mehrmals konkrete Angebote gegeben hatte. Bereits im Jahre 1957 hatte Bischof Alexander nach der ersten Kündigung durch die Stadt auf die Wünsche der Gemeinde hingewiesen und geschrieben. “Wir haben keine großen Ansprüche, wir wollen nur die Möglichkeit und Sicherheit haben, unsere Gottesdienste auch weiterhin feiern zu können”. Die Stadt ihrerseits versicherte daraufhin, daß “das Mietverhältnis nur im besten Einvernehmen gelöst werden solle und sie sich bemühen werde, ...eine würdige Ersatzunterkunft für die Kirche zu finden.”
Im Jahre 1960 wurde schließlich zwischen der Stadt, vertreten durch Oberbürgermeister Brauchle, und der Gemeinde, vertreten durch Erzbischof Alexander, eine Übereinkunft geschlossen, in der es in § 1 hieß: “Die russisch-orthodoxe Kirche verpflichtet sich, die Räume in der Mittelschule am Salvatorplatz zu räumen, wenn ihr ein für ihre Zwecke angemessener, würdiger und zumutbarer Raum in angemessener Lage zur Verfügung gestellt wird (§1). Die Stadt München verpflichtet sich, die Kosten des Umzuges der russisch-orthodoxen Kirche in den kirchlichen Ersatzraum zu tragen (§2)”. Diese Abmachung vom 2. Juni 1960 blieb bis heute Verhandlungsgrundlage beider Seiten.
Im Laufe der Jahre wurde dann das “Provisorium” am Salvatorplatz immer mehr zur “russischen Kirche” in München. Im Mai 1952 wurde Bischof Alexander zum Leiter der deutschen Diözese ernannt. Gleichzeitig erfolgte seine Ernennung zum Erzbischof von Berlin und Deutschland. Durch Ukaz vom 9./22. Mai 1952 (Patronatsfest der Gemeinde) wurde daraufhin die Kirche am Salvatorplatz zur Kathedralkirche erhoben, die seitdem zugleich die Bischofskirche des Leiters der deutschen Diözese ist. (Von 1945 bis 1952 war die Kirche des Hl. Erzengels Michael, die sich zunächst im Lager Schleißheim befand und später nach Ludwigsfeld verlegt wurde, Kathedralkirche gewesen).

Bis Ende der 60-er Jahre hatte die Kirche noch immer den Charakter einer Nachkriegskirche, eines Provisoriums bewahrt. Seitdem wurden die Ikonostase, alle Ikonen an den Wänden, die riesigen Ikonen vor den Fenstern neu angeschafft und im Auftrag der Gemeinde gemalt. Zusätzlich wurden Altargerät, Kerzenständer, liturgische Gewänder, Parameter und Kirchentücher durch Neuanschaffungen ersetzt. Allein in den 80-er Jahren wurden fast 150 000 DM für neue Ikonen aufgewendet.
Nachdem die Gemeinde Ende der 60-er Jahre mit erheblichen Unkosten das Kircheninnere völlig umgestaltet hatte, drohte die Kündigung der Kirche durch die Stadt München, da die Räume für die Musikschule benötigt wurden. Auch in den 70-er und 80-er Jahren gab es immer wieder Pläne für eine Verlegung der Kirche. Derzeit plant die Stadt den Kirchenraum in ein Modemuseum umzuwandeln, was die Gemeinde insofern besonders schmerzt, da viele ihrer Mitglieder die Umwandlung von Kirchen in Museen in der Sowjetunion miterlebt hatten.
Die Gemeinde wollte jedoch ein erneutes Provisorium nicht mehr akzeptieren, das jederzeit durch Kündigung beendet werden konnte. So bemühte sie sich mit Unterstützung der Stadt, ein geeignetes Grundstück zum Bau einer Kirche zu finden. Natürlich ging die Gemeinde von einem zentral, d.h. verkehrsmäßig gut gelegenen Grundstück aus, da die Gemeindemitglieder über die ganze Stadt und den Landkreis verteilt wohnen und eine “geographisch einseitige Verlegung” der Kirche für einen Teil der Gemeindemitglieder jeweils mit erheblichen Nachteilen verbunden wäre.
So gab es immer wieder Umzugs- und Baupläne für eine eigene Kirche: Hier nur einige der wichtigsten Stationen: 1957 war die (von Bomben beschädigte Kirche in der Damstiftstraße) als Ausweichquartier im Gespräch, 1972 die altkatholische Kirche in der Blumenstraße. Seit Mitte der 70-er Jahre gab es Baupläne zur Errichtung einer Kirche mit Gemeindezentrum und Wohnungen in der Ungererstraße am Nordfriedhof. Dieses Mal wurde ein Architekt beauftragt und ein “Förderkreis zum Bau der Russischen Orthodoxen Kirche in München” gegründet. Die Pläne scheiterten an dem hohen Grundstückspreis, den die Stadt forderte. Ein erneuter Versuch wurde dann im Jahre 1988 unternommen. Dieses Mal bot die Stadt die geschlossene “Interimskirche” in Laim an. Auch dieses Mal erklärte sich die russische Gemeinde zum Auszug bereit, zumal hier die Möglichkeit bestand, auf dem Grundstück eine russische Kirche zu errichten und die unter Denkmalschutz stehende “Interimskirche” nach ihrer Renovierung innen als Gemeindesaal zu nutzen. Wieder wurde ein Baukomitee ins Leben gerufen, ein Architekt beauftragt. Zwar stimmte der Stadtrat den Plänen zu, doch protestierte eine Bürgerinitiative gegen diese Pläne, die ihr Interesse an der seit über 50 Jahren geschlossenen Interimskirche entdeckt hatte, wo nun ein “Kulturladen” entstehen sollte. Außerdem stand ihr Vorsitzender auf dem Standpunkt, daß man den Laimer Bürgern die “wesensfremde Religionsgemeinschaft” in ihrer Mitte nicht zumuten könne! So besteht das Provisorium in der Salvatorschule weiter und - wie schon im Jahre 1946 - finden wieder Bittgottesdienste für den Neubau einer russischen Kirche in München statt.
Derzeit ist ein Projekt im Süden Münchens Gegenstand der Diskussion.