Hamburg** Dieser Text entstammt dem Buch des Erzpriesters Mal'cev,
Russische Kirchen im Ausland 1905


 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1990, 4

Die Kirche des hl. Nikolaus des Wundertäters in der freien Hansestadt Hamburg sieht von außen nicht wie eine Kirche aus, denn sie befindet sich im obersten Stockwerk des "Bruderschaftshauses". Dieser Steinbau wurde von der Berliner Fürst-Vladimir-Bruderschaft am 22. März 1902 um 30.000 Mark mit Löschung einer darauf lastenden Hypothek von weiteren 1.352 Mark erworben. Die unvermeidliche Aufstockung der Rück- und Seitenmauern des Gebäudes und verschiedene Vorrichtungen für die Kirche mit Anstrich des gesamten Hauses beliefen sich auf weitere 8.000 Mark, so daß die ganze Anlage etwa 40.000 Mark kostete.
In seinem Bericht über diesen Erwerb an den kaiserlich-russischen Botschafter in Berlin, Graf N.D. von Osten-Sacken schrieb Erzpriester Maltzev: "Im Laufe meines über 15-jährigen Wirkens in Berlin mußte ich jedes Jahr mehrere Male zur Ausführung geistlicher Amtshandungen und von Zeit zu Zeit zur Zelebration des allgemeinen Gottesdienstes (Liturgie) nach Hamburg fahren, wofür mir freundlicherweise ein privater Raum in der Wohnung der Angehörigen des Außenministeriums oder ein Raum in der Kanzlei des Generalkonsulats oder der Kaiserlich-Russischen Gesandtschaft zur Verfügung gestellt wurde. Diese häufigen Besuche mit der unbequemen Situation der Abhängigkeit von der Benutzung privater oder öffentlicher Räumlichkeiten überzeugten mich, daß es unbedingt notwendig war, früher oder später in Hamburg eine eigene, wenn auch nicht sehr große Kirche im Namen des hl. Nikolaus des Wundertäters zu bauen, denn diese Stadt zählte (ohne Altona) über 704.699 Einwohner und beherbergte eine Kaiserlich-Russische Gesandtschaft oder ein Generalkonsulat, sowie eine kleinere russische Gemeinde; darüberhinaus gab es dort etwa 150-200 griechische Glaubensbrüder, die in den örtlichen Tabakfabriken arbeiteten, schließlich eine Menge von Personen, die besonders seit der Eröffnung des in die Elbe mündenden Kaiser-Wilhelm-Kanals als russische Matrosen nach Hamburg kamen, und Kaufleute im allgemeinen, die mehrere Büros zum Handelsverkehr mit Sibirien und dem Fernen Osten geingerichtet hatten. Nachdem Metropolit Palladij über diese Notwendigkeit informiert worden war, erteilte Seine Exzellenz den bischöflichen Segen, auf den Namen des bei der Berliner Bruderschaft für diesen edlen Zweck gebildeten Baukomitees ein Baubuch mit Datum 7. September 1898 unter der Nummer 4125 auszustellen. Da man jedoch über keine besonders großen Geldmittel für den Bau einer solchen Kirche verfügte, und da man gleichzeitig die Durchführung dieser Sache nicht auf die lange Bank schieben wollte, wurde beschlossen, sich fürs erste auf die Einrichtung einer kleineren Hauskirche zu beschränken, und dazu eine geeignete Villa oder ein Gebäude, das nach Möglichkeit in der Nähe des Wohnsitzes des Ministerresidenten und Vizekonsuls gelegen sein sollte und auch Raum für deren Kanzleien bieten sollte, zu erwerben, was dann auch bestens durch den Kauf des obengenannten "Bruderschaftshauses" gelang. In seinem oberen Stockwerk wurde die Kirche und ein Zimmer für die Unterkunft des Priesters eingerichtet, das Parterre und der erste Stock wurden dagegen an den Sekretär bei der Russischen Gesandtschaft vermietet, so daß diese Kirche sofort in der Lage war, sich selbst zu unterhalten und keinerlei weitere Mittel zu ihrer Aufrechterhaltung und Sicherung benötigte.
Gegen 1904 wurde nicht nur die letzte Schuld der Hamburger Kirche an die Berliner Bruderschaft durch die Spende des Generaldirektors Ballin der Hamburg-Amerika Schiffahrtslinie beglichen, sondern es konnte sogar ein Sonderfonds der Nikolaus-Kirche Hamburg eingerichtet werden. Darüberhinaus wurde das Nachbarhaus in derselben Straße erworben, das genau die gleiche Fassade, die gleichen Fenster und Gesimse hat, denn die beiden Häuser stellten Teile eines einzigen Gebäudes dar. Dieses Haus wurde von der Witwe Schuman gekauft, die bis zum 1. Oktober 1905 das Wohnrecht in ihm hatte..."
Von besonderem Interesse in dieser Kirche ist die altertümliche, auf Seide gemalte Ikonostasis, die einst für die russische Großfürstin Alexandra Pavlovna nach Stockholm gebracht wurde, anläßlich ihrer geplanten Vermählung mit dem Schwedischen König Gustav IV., der vor dem 13. August 1796 unter dem Namen Graf Gaga in Sankt Petersburg eingetroffen war. Die Verlobung war für den 11. September im Winterpalais vorgesehen. Die tiefe Ergebenheit in den orthodoxen väterlichen Glauben verhinderte jedoch die Verwirklichung dieses Planes, und der Großfürstin war es beschieden, die Gattin des ungarischen Palatins, Herzog Josephs zu werden. Die Ikonostasis aber befand sich bis zuletzt in der russischen Gesandtschaftskirche in Stockholm; nach dem Umzug der russischen Gesandtschaft an einen anderen Ort, wo eine neue Ikonostasis eingebaut werden mußte, wurde sie jedoch überflüssig, und mit Genehmigung des Außenministeriums wurde sie durch die Vermittlung von Graf von Osten-Sacken der neu erbauten "Bruderschaftskirche" in Hamburg zur Verfügung gestellt.
Abgesehen von ihrer direkten und unmittelbaren Bedeutung stellt die Hamburger Kirche ein großes historisches Denkmal für die friedlichen Handelsbeziehungen dar, welche diese Stadt in der Frühzeit der russischen Geschichte mit unseren Hansestädten Novgorod, Pskov und Ladoga unterhielt. Bereits zur Zeit des Großfürsten Jaroslav I. im 11. Jh. hatten die Hamburger in Novgorod ihre eigene Apostel-Pe-trus-Kirche, während die Gothländer dort das Krankenhaus des hl. Olaf besaßen. Es ist auch bekannt, daß jeder deutsche Besucher, der aus Novgorod nach Gothland reisen wollte, einen Silbergroschen zu Ehren der hl. Paraskeva opferte. 1060 besaßen die deutschen Kaufleute, wie aus skandinavischen Erzählungen ersichtlich ist, schon ihre eigene Kirche in Ladoga, so wie die russischen die ihrige in Wisbi hatten, und gegenseitige Handelsabmachungen zwischen den Hamburgern und den Novgorodern entstanden schon in den Jahren 1209-1270.
Da die Hamburger Kirche keinen eigenen Klerus für die regelmäßige Zelebration der Gottesdienste hat, macht sie sich, abgesehen von den vom Berliner Klerus abgehaltenen Gottesdiensten, die Durchreise russischer Geistlicher zunutze, die sich von Hamburg aus zu ihrem Dienst nach Amerika einschiffen, oder die auf Urlaub oder für immer nach Rußland zurückkehren. Sie können unentgeltlich in dem Bruderschaftshaus in Hamburg unterkommen, wo sie mit dem Segen des Erzbischofs Tichon von Amerika und den Aleuten (der spätere hl. Patriarch und Bekenner) auch von Zeit zu Zeit zelebrieren. Die in diesem Hause wohnende russische Familie erweist ihnen gerne ihre Dienste, die sie in in der fremden Stadt und bei Nichtkenntnis der örtlichen Sprache besonders benötigen, z.B. beim Kauf von Dampfer- oder Eisenbahnfahrkarten, bei der Erledigung der Quarantänevorschriften und anderen Formalitäten.
Zur Erhaltung der Kirche in einwandfreiem Zustand, für den Fall von Reparaturen und für die Zelebration der Gottesdienste wurde ein besonderes "Kuratorium im Namen des Hl. und wundertätigen Nikolaus" gegründet, das mit der Zeit einen ständigen kirchlichen Fonds bilden konnte. Die "Russische Gesellschaft in Hamburg" wurde von der Hamburger Regierung bestätigt, und ihre Eröffnung fand am 8. Februar 1894 in Hamburg statt. Hier hatte jeder, der die russische Sprache, Literatur und Musik liebte, die Möglichkeit, sich damit zu befassen. Die Gesellschaft hatte wiederholt Gelegenheit, durch ihren Rat jungen Mitgliedern oder Kaufleuten, die mit den örtlichen Lebensgewohnheiten nicht vertraut waren, mit der Vermittlung eines Arbeitsplatzes in den Kontoren der Hamburger Handelshäuser zu helfen. So gelang es ihr, arbeitssuchende Russen unterzubringen, und sie war stets bereit, die sich mit der Bitte um Hilfe an sie wendenden Russen, soweit sie nur konnte, zu unterstützen.
Die Mitglieder der Gesellschaft pflegten sich freitags zu versammeln, wobei sie häufig musizierten und Rubinstein, Tschaikowskij und Glinka spielten. Sie wurden durch die Teilnahme eines hervorragenden Baritons der Moskauer Schule namens P.N. Sokolov unterstützt, dank dessen Bemühungen aus den Mitgliedern der Gesellschaft ein kleiner Kirchenchor gebildet werden konnte, der bei den Gottesdiensten in der orthodoxen Kirche in Hamburg sang. Die Gesellschaft selber reihte sich in die Zahl der ordentlichen Mitglieder des "Kuratoriums im Namen des hl. wundertätigen Nikolaus" ein.
Es wurde auch eine Bibliothek gegründet. Im Ausland ist es durchaus nicht einfach, passende russische Bücher zu finden, und sie aus Rußland zu bestellen, ist teuer und beschwerlich; deshalb leisteten jene Personen, die den Grundstein für diese Bibliothek legten, eine sehr nützliche Arbeit in der Fremde.