Limonarium
oder „Geistliche Wiese“ des Hl. Johannes Mos’chos.


 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

Bote 1994, 3

Kapitel 1
Das Leben des hl. Starez Johannes
und die Sapsas Höhle.

„Eine kleine Höhle – größer als der Berg Sinai“.
Es wohnte ein Starez namens Johannes in der Einsiedelei des Abba Eustorios. Der Erzbischof von Jerusalem, der hl. Elias wollte ihn zum Abt des Klosters ernennen, aber der Starez lehnte mit folgenden Worten ab: „Ich möchte mich zum Berg Sinai begeben, um dort zu beten“. Der Erzbischof bestand aber darauf, daß er zuerst Abt würde und sich dann auf den Weg machte. Der Starez stimmte dem nicht zu; so entließ ihn der Erzbischof, verlangte ihm jedoch das Versprechen ab, daß er das Amt des Abtes nach seiner Rückkehr übernehmen würde. Nachdem er also von dem Erzbischof Abschied genommen hattte, machte sich der Starez auf den Weg zum Berg Sinai. Er nahm auch seinen Schüler mit sich. Aber kaum hatte er den Jordan überschritten und war etwas über eine Meile gegangen, als ihn Frost und Fieber schüttelte, so daß er seinen Weg nicht fortsetzen konnte. Die Weggefährten fanden eine kleine Höhle, in die sie sich zurückzogen, damit der Starez ruhen konnte. Die Krankheit verschlimmerte sich dermaßen, daß der Starez sich nicht mehr vom Fleck rühren konnte, und so mußten sie drei Tage in der Höhle zubringen. Da hörte der Starez im Traum eine Stimme, die zu ihm sprach: „Sprich, Starez, wohin strebst du?“. „Zum Berg Sinai“, antwortete der Starez der Erscheinung. „Ich rate dir, nicht von hier wegzugehen“, sprach der Unbekannte.
Dennoch ließ sich der Starez nicht überreden. Unterdessen nahm das Fieber noch zu. In der folgenden Nacht erschien derselbe Unbekannte wieder dem Starez: „Warum, Starez, willst du leiden? Höre auf mich, gehe nicht von hier“. „Aber wer bist du denn?“ fragte der Starez. „Ich bin Johannes der Täufer, und warum ich dich so sehr bitte, nicht von hier zu gehen, ist: diese kleine Höhle ist größer als der Berg Sinai. Hier besuchte mich oftmals unser Herr Jesus Christus. So gib mir dein Wort, hier zu bleiben und ich werde dich heilen“.
Auf diese Rede hin versprach der Starez freudig in der Höhle zu bleiben. Augenblicklich war er geheilt und blieb tatsächlich bis zum Ende seiner Tage in der Höhle. Er baute sie zu einer Kirche um und versammelte eine Bruderschaft um sich. Dieser Ort trägt den Namen Sapsas. Unweit davon, linker Seite, fließt der Choreb, und auf der anderen Seite der Jordan. Hierher wurde Elias der Thesbiter zur Zeit der großen Trockenheit gesandt.
Anmerkung: Der selige Elias, gebürtiger Araber, war Patriarch zur Zeit des Kaisers Anastasios (491-518). Damals war die christliche Welt tief erschüttert von der Häresie des Eutychios oder dem Monophysitismus. Die Monophysiten lehrten, daß im Herrn Jesus Christus die menschliche Natur von der Gottheit verschlungen wurde, und man daher nur ein ein Göttliches Wesen in Ihm anerkennen dürfe. Diese Lehre wurde auf dem 4. Ökumenischen Konzil in Chalkedon 451 verdammt, aber die Unruhen hörten noch lange nicht auf. In Syrien und Palästina revoltierten die Eutychianer und wiegelten das Volk auf. Der Friede der Wüsteneinsiedeleien war zerstört. Es kam sogar zuweilen zu Blutvergießen. Der Kaiser Anastasios erkannte den Beschluß von Chalkedon nicht an und schickte den Jerusalemer Patriarchen Elias wegen seines treuen Festhaltens an der Orthodoxie in die Verbannung nach Ailana, der südlichsten, am Golf des Roten Meers gelegenen Stadt Palästinas.
Johannes war ein alter Mönch und Presbyter im Jerusalemer Kloster des Eustorgios. Da er um sein tugendsames Leben wußte, wollte der Patiarch Elias ihn zum Abt dieses Klosters ernennen, aber der demütige Mönch wich dieser Ehre aus. Der Ort Sapsas befindet sich diesseitig des Jordans, nicht mehr als eine Meile von ihm entfernt. Eben hier entstand die berühmte Lavra des hl. Johannes des Vorläufers. Über den hl. Johannes siehe auch im Prolog zum 24. Februar.
Das Kloster wurde im vorigen Jahrhundert erneuert: es wurde eine Mauer um es gebaut und einige neue Gebäude errichtet. Es gibt sogar noch Überreste des alten Kirchengebäudes. Und in der neuen Kirchen gibt es Reste der alten Fresken, aber nicht alle sind gut erhalten.

 

Kapitel 2

Über den Starez,
der Löwen in seiner Höhle fütterte.

„Ohne Furcht und Zittern
begegnete er den Löwen“.

An eben diesem Ort Sapsas lebte ein anderer Starez, der so hohe geistliche Vollkommenheit erlangt hatte, daß er ohne Zittern Löwen, die ihn in seiner Höhe besuchten, empfing und sie knieend fütterte. Von einer so großen göttlichen Gnade war dieser Mensch Gottes erfüllt.

Anmerkung: Von der Macht der Heiligen über die wilden Tiere sind viele Episoden überliefert, nicht nur in der „Geistigen Wiese“, sondern auch in anderen Erzählungen über das Leben der Asketen. Dieses Geheimnis wird im 18. Kapitel der „Geistigen Wiese“ erklärt. „Wenn wir die Gebote unseres Herrn Jesus Christus einhalten würden, dann würden die Tiere uns fürchten. Aber wegen unserer Sünden sind wir zu Knechten geworden und nun fürchten eher wir sie“. Im 107. Kapitel nach der rührenden Erzählung über die Anhänglichkeit eines Löwen an den ehrwürdigen Gerasimos, heißt es abschließend: „Solches geschah also, nicht weil der Löwe eine vernünftige Seele hätte, sondern nach Gottes Willen, der die Ihn Verherrlichenden nicht nur zu Lebzeiten, sondern auch nach ihrem Tode verherrlicht, und um uns zu zeigen, in welchem Gehorsamsverhältnis die Tiere bei Adam, ehe er das göttliche Gebot übertrat und aus dem Paradies der Wonne vertrieben wurde, standen“.
„Aus der nitrischen Wüste kamen zwei Mönche zu einem Einsiedler, weil sie von dessen tugendsamem Leben gehört hatten. Obwohl sie von weither und aus einer fremden Gegend kamen, hegten sie doch noch die frühere Zuneigung zu ihm, da sie einst mit ihm in einem Kloster gewohnt hatten. Lange suchten sie ihn und fanden ihn schließlich in der Wüste bei Memphis. Er verweigerte nicht das Wiedersehen mit den ehemaligen Freunden und verbrachte drei Tage mit ihnen. Am vierten Tag, als er ihnen das Geleit zum Abschied gab, kam ihnen eine riesige Löwin entgegen. Das Tier näherte sich und nach einiger Überlegung fiel es dem Einsiedler zu Füßen. Das Gebaren des Tieres zeigte deutlich, daß es großen Kummer hatte... Alle waren tief gerührt, besonders der, zu dem das Tier gekommen war. Sie gingen der Löwin nach. Sie ging voran, sich bald umschauend, bald anhaltend und gab dem Einsiedler auf diese Weise irgendwie zu verstehen, wohin er ihr folgen sollte. So gelangten sie zur Höhle der Löwin. Dort waren fünf ausgewachsene Junge, die jedoch blind geboren waren. Sie trug eines um das andere hinaus und legte es zu Füßen des Einsiedlers. Da begriff der Heilige, was die Löwin von ihm erwartete. Den Namen Gottes anrufend berührte er mit der Hand die blinden Augen der Löwenjungen. Ihre Blindheit verschwand und ihre Augen öffneten sich. Die Löwin kehrte nach fünf Tagen zu ihrem Wohltäter zurück und brachte ihm zum Dank den Balg eines unbekannten Tieres. Der heilige Mann wies ihre Gabe als nach seinem Verständnis von einem anderen Geber gesandt nicht zurück, und legte noch oft dieses Fell an.“ (aus Sulpitius Severus, in „Erzählungen über die orientalischen Väter“).
In der Vita unseres ehrwürdigen Vaters Sabbas des Geheiligten heißt es: „Einst, als dieser heilige Starez von Ruva zum Jordan ging, da begegnete ihm an der Stelle, wo Schilfrohr wächst, ein riesiger hinkender Löwe. Vor Sabbas niederfallend, zeigte er ihm sein Bein und bat ihn durch Zeichen, ihm Beistand zu leisten. Unser Vater Sabbas, der merkte, welchen Schmerz das Tier litt, setzte sich, faßte das Bein des Löwen und zog daraus einen eingedrungenen Stachel heraus. Der vom Schmerz befreite Löwe stand auf und konnte wieder gehen. Danach, im Verlauf von 40 Tagen begleitete er den Starez und diente ihm willig. Der geheiligte Starez hatte damals einen Schüler bei sich, einen Syrer namens Phlais. Dieser Schüler hatte zu seiner Hilfe einen Esel in Ruva, in der Niederung, bei sich. Als Sabbas diesen Schüler zur Ausführung irgendeines Auftrages ausgesandt hatte, befahl er dem Löwen, seinen Esel zu hüten. Der Löwe nahm morgens den Zügel des Esel ins Maul, entfernte sich mit ihm und weidete ihn den ganzen Tag; abends tränkte er ihn und kehrte dann mit ihm zurück. Nach einigen Tagen, während der Löwe weiterhin seinen Dienst tat, fiel Phlais, der zur Erledigung seines Auftrages ausgesandt worden war, in Sünde, denn er hatte sein Heil vernachlässigt, weil er vielleicht auf irgendetwas stolz geworden und daher von Gott verlassen worden war. Genau an diesem selben Tag riß der Löwe den Esel und fraß ihn auf. Als Phlais davon erfuhr, sah er ein, daß seine Sünde die Ursache war, daß sein Esel aufgefressen wurde. Deshalb wagte er nicht, vor den Starez zu treten, sondern fiel in Verzweiflung, ging in sein Dorf und beweinte dort seine Sünde. Aber der göttliche Starez verachtete ihn in Nachahmung der Menschenliebe des Herrn nicht, sondern suchte lange nach ihm und als er ihn fand, unterwies er ihn, so daß er sich vor Gott beugte, und richtete ihn so vom Falle wieder auf“.

Erklärende Anmerkungen des Priesters M.I. Chitrov

 

Bote 1994, 4

Kapitel 3

Die Vita des Kononos, des Presbyters des Klosters von Pentakleia.

“Sei fest und beharrlich!”
Wir kamen in die Lavra unseres Hl. Vaters Sabbas zu Athanasios. Ein Starez erzählte uns: “Wir mußten zum Kloster Pentakleia gehen. Dort war der Starez Kononos aus Kilikien. Anfangs als Presbyter war er bei der Spendung des Sakraments der Taufe behilflich, dann übertrug man ihm, als dem großen Starez selber den Vollzug der Taufe, und er begann, die zu ihm Kommenden zu salben und zu taufen. Jedesmal, wenn er eine Frau zu salben hatte, geriet er in Konflikte und hegte sogar die Absicht aus diesem Grunde das Kloster zu verlassen. Aber da erschien ihm der Hl. Johannes und sprach: “Sei fest und geduldig, und ich werde dich aus diesem Kampf retten”. Einst kam eine Perserin zu ihm zur Taufe. Sie war so schön von Gestalt, daß der Presbyter sich nicht entschließen konnte, sie mit dem heiligen Myron zu salben. Zwei Tage waren seit ihrer Ankunft vergangen. Als der Erzbischof Petrus von dieser Sache erfuhr, war er verwundert und dachte schon daran, eine Diakonisse für diese Aufgabe zu bestimmen, dann aber tat es doch nicht, weil das Kirchenrecht solches nicht gestattete. Unterdessen nahm der Presbyter seine Mantia und entfernte sich mit den Worten “Hier kann ich nicht länger bleiben”. Aber kaum war er auf den naheliegenden Hügel gestiegen, als ihm plötzlich Johannes der Täufer begegnete und zu ihm sprach: “Kehre ins Kloster zurück, und ich befreie dich von diesem Kampf”. Zornig antwortete ihm Abba Kononos: “Ich versichere dir, um nichts in der Welt werde ich zurückkehren. Das hast du mir schon so oft versprochen, aber dein Versprechen hast du nicht gehalten”. Dann ließ ihn der Hl. Johannes auf dem Boden Platz nehmen und seine Kleider öffnend zeichete er ihn dreimal mit dem Kreuzeszeichen und sprach: “Glaube mir, Presbyter Kononos, ich meinte, daß du den Lohn für diesen Kampf bekommen solltest, aber weil du dies nicht wolltest, befreie ich dich von dem Konflikt, aber gleichzeitig damit gehst du auch der Belohnung für den geistigen Kampf verlustig”. Ins Kloster zurückkehrend, wo die Taufe vollzogen wurde, taufte der Presbyter am Morgen die Perserin, nachdem er sie gesalbt hatte, und bemerkte dabei überhaupt nicht, daß sie eine Frau war. Danach vollzog der Presbyter zwölf Jahre lang die Salbung und die Taufe ohne jeglichliche unreine Regung des Fleisches, ja er war sich gar nicht bewußt, daß vor ihm eine Frau stand. Und so starb er.”

Anmerkung: Der ehrwürdige Athanasios, der sich in der Lavra Sabbas des Geheiligten in Askese übte, lebte im 6. Jh. Er zeichnete sich durch die Gabe der Belehrung aus. Siehe z.B. das 130. Kapitel der “Geistigen Wiese”.
Kilikien: Provinz in Klein Asien.
Der Jerusalemer Erzbischof Petrus war nach den Worten von Bischof Theodoros ein “Mann ausgezeichneter Tugenden”; er hatte den Patriarchenstuhl in Jerusalem von 524 bis 546 inne, oder nach anderer Version bis zum Jahre 550. Die monophysitischen Wirren in der Kirche hatten sich noch nicht gelegt. Kaiser Justinian ordnete auf Bitte der palästinischen Mönche die Einberufung eines Konzils in Konstantinopel an, auf dem endgültig die extremen Anhänger des Monophysitismus verurteilt wurden. Die Konzilsbeschlüsse wurden Petrus von den Mönchen übermittelt, der sie anhörte und sie in einer von ihm in Jerusalem einberufenen Lokalsynode in Anwesenheit fast aller palästinischen Bischöfe 536 annahm.
Im Altertum wurden sowohl Männer als auch Frauen nackt getauft (Brief J. Chrysostomos an Innocenz, Band 4, S. 596. Augustinus “De civitate Dei”, Buch 22, Kap 6). Vor der Taufe wurde damals wie auch heute die Myronsalbung vollzogen (Kyrillos von Jerusalem, Katechesis 2, Abs. 3. Sechste Rede des J. Chrysostomos über den Kolosserbrief). Bei der Taufe von Frauen dienten nach dem Beschluß des Kaisers Justinian gewöhnlich Diakonissen (Novelle zum corpus iuris 6, Kap 6). Nach den apostolischen Regeln salbte der Diakon bei der Taufe von Frauen nur die Stirn, wonach die Diakonissen die Salbung vollendeten (Buch 3, Kap 15). Aber der Patriarch wollte keine Diakonisse zum Beistand von Kononos einsetzen, um nicht den Brauch, keine Frauen ins Kloster einzulassen, zu verletzen. Über Abba Kononos siehe Kapitel 15 der “Geistigen Wiese”. Sein Gedenken ist am 19. Februar.
Der ehrwürdige Sabbas der Geheiligte wurde etwa 436 oder 437 in einem Dorf in Kappadokien geboren. Mit nur 8 Jahren trat er in das Kloster des ehrwürdigen Flavianus, 20 Stadien von seinem Heimatdorf entfernt, ein. In der friedlichen Atmosphäre des Klosters wuchs und gedieh er; dort festigten sich seine Überzeugungen und es offenbarte sich seine religiös-ethische Veranlagung. Nachdem er etwa 10 Jahre im Kloster des Hl. Flavianus gelebt hatte, empfand er das heiße Verlangen, die heiligen Stätten in Jerusalem zu verehren.
In Palästina angekommen, überließ er sich bald auf Anweisung des großen Euthymios der Führung des seligen Theoktistos. “Er gab sich ganz Gott hin – schrieb sein Biograph Kyrillos – alles was ihm als Eigentum gehörte, gab er in die Hände von Theoktistos und widmete sich jeder Art von Askese; Tag und Nacht in körperlicher Mühe zubringend, machte er die Demut und den Gehorsam zur Grundlage und zum Ausgang seines Lebens. Da er Befähigung und großen Eifer für den Gottesdienst zeigte, war er stets vor allen anderen in der Kirche und ging nach allen anderen wieder hinaus. Neben seinen außerordentlichen seelischen Kräften, zeichnete er sich auch durch hohen Wuchs und körperliche Stärke aus. Während alle Mönche in der Wildnis nur je ein Bündel Ruten zum Korbflechten schnitten und ins Kloster trugen, schnitt und schleppte Sabbas drei Bündel. Darüberhinaus trug er auch manchmal für andere Wasser und Brennholz und bemühte sich auf diese Weise, allen zu Diensten zu sein. Wegen seiner ungewöhnlichen asketischen Mühen liebte der große Euthymios den Hl. Sabbas von ganzer Seele und bezeichnete ihn als den “jungen Starzen”. Nach dem Ableben des Euthymios begab sich Sabbas, der die völlige Einsamkeit wünschte, in die Wildnis von Ruva. Dort lebte er vier Jahre lang vollkommen allein, ernährte sich von wilden Kräutern, Wurzeln und vom Mark von Schilfrohr.
Auf Weisung von oben ließ er sich in einer Höhle oberhalb des Flusses Kedron nieder, sieben Stunden Fußwegs von Jerusalem entfernt. Die Höhle befand sich auf einem hohen Berg und hing sozusagen über einem Abgrund, so daß der Asket an einem Seil, das er an dem Eingang der Höhle befestigt hatte, auf den Berg hinaufkletterte. Hier lebte er fünf Jahre in völliger Abgeschiedenheit. Er war bereits 45 Jahre alt. Weit war die Kunde von dem großen Asketen gedrungen, und es sammelten sich allmählich Brüder um ihn an, an die 70, unter ihnen auch Ioannes, Jakob, Firminus, Severianus, Julian und andere. Der Biograph nennt sie “Reigen der Engel, Gefolgschaft der Krieger Christi, Bürger der Stadt Gottes”. Die Zahl der Brüder vermehrte sich schnell. So entstand die Große Lavra. Außer der Großen Lavra verdanken auch noch andere, später berühmte Klöster ihre Gründung dem Hl. Sabbas: Das vom Kastellischen Hügel, das von Nikepolis, die Neue Lavra, das Höhlenkloster, das von den Scholaren, die Lavra Heptastoma... Kann man überhaupt die Opferwerke des Hl. Sabbas zur Rettung seiner Brüder, zur Verteidigung der christlichen Wahrheit inmitten der Stürme, die damals durch Häresien und Schismen ausgelöst über die christliche Welt hinwegfegten, darstellen? Gott krönte den großen Asketen durch die reiche Gabe der Wundertätigkeit.
Einmal befiel ihn in Jerusalem, wohin er sich begeben hatte, um von den heiligen Stätten Abschied zu nehmen, weil er sein Ende nahen fühlte, ein schweres Leiden. Kaum hatte der Patriarch davon erfahren, als er selber zu ihm eilte, und als er den großen Starzen auf seinem Lager leiden sah, ließ er ihn in seine Gemächer bringen und pflegte ihn selber wie ein liebender Sohn. Auf die inständige Bitte des Starzen ließ er ihn ins Kloster zurückkehren. Nach vier Tagen völliger Einsamkeit und Schweigens, wobei er überhaupt keine Nahrung zu sich nahm, emping er am Samstag die heiligen Mysterien und ging darauf still in den Herrn ein mit den Worten: “Vater, in Deine Hände lege ich meinen Geist”. Dies war am 5. Dezember 531. Derart war der Hl. Sabbas, dieser irdische Engel und himmlische Mensch!

Mantia – mhlwtarion, Obergewand aus Wolle. Über die Kleidung der Mönche siehe Anm. zu Kap. 51.z

 

 

Bote 1994, 5

Kapitel 4

Die Vita des Kononos, des Presbyters des Klosters von Pentakleia.

Die Vision des Abba Leontios
Abba Leontios, der Vorsteher der Koinobia unseres hl. Vaters Theodosios, erzählte uns: “Nachdem die Mönche aus der Neuen Lavra vertrieben worden waren, kam ich in diese Lavra und blieb hier. Einst am Sonntag begab ich mich in die Kirche zum Empfang der heiligen Mysterien. Als ich die Kirche betrat, sah ich einen Engel, der zur Rechten des Altars stand. Von Schrecken ergriffen rannte ich in meine Zelle zurück. Und es erging eine Stimme an mich: “Seit dem Augenblick, als dieser Altar geweiht wurde, ist mir geboten, ständig neben ihm zu stehen”.
Der ehrwürdige Theodosios der Große wurde etwa 425 n.Chr. in Kappadokien, im Dorf Mogarion geboren. Von jungen Jahren an spürte er den Ruf zum asketischen Leben. Die gottesfürchtigen Eltern standen seiner Neigung nicht im Wege und ließen ihn mit ihrem Segen ins heilige Land ziehen. Sein Weg führte durch Antiochia. Dort stand noch der hl. Simeon der Stylit auf seiner Säule und erstaunte die Welt durch die Größe seiner Entäußerung. Kaum hatte sich Theodosios der Säule des hl. Simeon genähert, als der große Asket ausrief: “Ein guter Weg ist dir beschieden, Mann Gottes Theodosios!” und ihn zu sich auf die Säule einlud. Zutiefst erschüttert fiel Theodosios zu Füßen des großen Simeon nieder. Den jungen Mann aufhebend, umarmte und küßte ihn der Säulenheilige und, indem er ihn segnete, sagte er ihm voraus, daß er ein geistlicher Hirte der gläubigen Schafe sein würde.
Mit welcher Freude und innerer Rührung besuchte und verehrte Theodosios die heiligen Stätten in Jerusalem! Auf dem Golgotha am Fuß des Kreuzes Christi, beschloß er endgültig, den Weg des Askeselebens einzuschlagen. Unweit von Jerusalem, bei der Davidsäule übte sich ein großer Starez namens Longinus in Askese, der durch sein heiliges Leben berühmt geworden war. Theodosios begab sich unter die Führung eben dieses Starez. Lange Zeit lebte er bei ihm, bis er schließlich seinem Willen willfahrend den Presbyter-Rang annahm und sich an einen Ort namens “Alte Kathedra” begab. Aber seine Seele dürstete nach Einsamkeit und in der bergigen Thekoia Wüste fand er einen Berg, der es ihm sehr antat, denn von seinem Gipfel aus öffnete sich eine weite Aussicht in die Ferne: auf Bethlehem, Jerusalem, den Jordan, das Tote Meer... Eben dort ließ er sich in einer geräumigen Höhle nieder, in der die Magier gerastet hatten, als sie zur Anbetung des menschgewordenen Gottes herbeigereist waren. Er begann seinen außerordentlichen asketischen Lebenswandel: unaufhörliches Gebet, stehende Nachtwachen, erschöpfendes Fasten, Tränen, die wie aus einer Quelle den Augen entströmten...
Dreißig Jahre lang lebte der große Asket in der Höhle; allmählich sammelte sich eine Bruderschaft um ihn an. Erst nach langem Zögern entschloß er sich, zum geistlichen Führer anderer zu werden. “Der Mensch soll nicht für sich alleine leben, sondern auch für die Mitmenschen und sogar noch mehr für sie... Das Mönchsleben besteht nicht in physischer Einsamkeit und Schweigen, sondern in der Wohlgestalt der Seele und der Konzentration des Geistes, in Gemütsruhe und Stille des Herzens”. Dabei erinnerte er sich auch an die Voraussage des großen Simeon. Auf Weisung von oben baute er sein Kloster in der Nähe seiner Höhle. Er machte das Prinzip des Gemeinschaftslebens (koinonia) zur Grundlage seines Klosters, weshalb er auch der Koinoniarch genannt wird. Wunderbar gestaltete er seine Koinobia, die zum Vorbild für andere Klöster wurde. “O was für ein Mensch! – ruft sein Biograph Kyrillos aus – Alles gehört den anderen und gleichzeitig doch ihm selber: Gelassen inmitten der auf ihm lastenden Sorgen und stets von einsamer Gemütsverfassung, aufmerksam anderen gegenüber, mit zärtlicher Liebe für sie, gegen sich selber jedoch ungewöhnlich streng, kümmerte er sich physisch und psychisch um das Heil des Nächsten, aber vergaß dabei auch nicht seine eigene Seele”.
Während der vom Monophysitismus verursachten Wirren erwies sich der hl. Theodosios sowie der hl. Sabbas als eifriger Verfechter des wahren Glaubens, weswegen er auch durch den Kaiser Anastasios des Landes verwiesen wurde. Als er nach dem Tode von Anastasios aus der Verbannung zurückkehrte, führte er seine Askesemühen fort. Gott verherrlichte ihn durch die hohe Gabe der Wundertätigkeit.
Gegen Ende seines Lebens fiel der hl. Theodosios einer schweren Krankheit anheim und mit Standhaftigkeit und Dankbarkeit für diese göttliche Heimsuchung ertrug er sein Leiden. In der Stunde seines Endes streckte der selige Starez seine Arme gen Himmel und bewegte die Lippen, als ob er in seliger Freude ein Gespräch mit Gott führe; dann legte er die Arme kreuzförmig auf die Brust und entschlief sanft im Herrn. Dies war in seinem 106. Lebensjahr, am 11. Januar 592. Ungewöhnlich war sein Begräbnis: Der Patriarch Petrus selbst, ein 92-jähriger Greis und ebenfalls ein großer Asket, kam mit seinem gesamten Klerus, sowie der Freund von Theodosios, der hl. Sabbas der Geheiligte und eine Menge Volk. Eine ungewöhnliche und starke Regung erhob sich in der Kirche, als der Augenblick des Abschieds von dem Entschlafenen herbeigekommen war.
Der ehrwürdige Leontios war Abt der Koinobia des hl. Theodosios im 6. Jh. Er besaß ein hohes Maß an moralischer Vollkommenheit.
“Nachdem die Mönche aus der Neuen Lavra verjagt worden waren”: meta to diwcJhtai touV neouV laurhtaV ek thV neaV lauraV. Ab dem Jahre 520 wurden die Klöster Palästinas aufgewühlt von den Streitigkeiten über einige Ansichten des Origenes, des berühmten Alexandrinischen Lehrers des 3. Jh. – besonders über die Präexistenz der Seelen, über ihre Metempsychose nach dem Tode, über die Ewigkeit der Höllenqualen und anderes. Der Origenismus machte sich breit unter den Mönchen der Neuen Lavra. Angeführt wurde die origenistische Gruppe von Nonnos, der von mystischer Veranlagung war und über eine mitreißende Rednergabe verfügte. Bald breitete sich der Origenismus auch auf andere Klöster Palästinas aus. Doch unter den Mönchen gab es auch eifernde Gegner des Origenismus. Es begann ein erbitterter Kampf, begleitet von gegenseitigen Vorwürfen, Schlägereien und Blutvergießen. Die Patriarchen von Jerusalem und Antiochia waren nicht in der Lage, mit dem Aufruhr fertigzuwerden. Damals schrieb der Kaiser Justinian einen Brief an den Patriarchen von Konstantinopel Menas, in dem er die Meinung des Origenes tadelte und dem Patriarchen vorschlug, eine Lokalsynode einzuberufen. Auf den Patriarchenstuhl wurde zu jener Zeit auf Anweisung des Vorstehers der Lavra, des hl. Sabbas Kononos, der ehemalige Ökonom der Alexandrinischen Kirchen Eustochios (544-563) erhoben. Eustochios sandte den Klostervorsteher, den hl. Theodosios und einige Bischöfe als seine Vertreter zur Synode. Auf der Lokalsynode unter dem Vorsitz des Patriarchen Menas wurden die Ansichten des Origenes verdammt, und gegen ihn 15 Anathemata ausgesprochen. Nachdem der Patriarch Eustochios die Konzilsbeschlüsse in der Hand hatte, versuche er acht Monate lang die Origenisten zu überreden, ihre Irrtümer aufzugeben. Die Mönche der Neuen Lavra wollten keinerlei Belehrungen hören. Dann sandte der Patriarch gegen die Neue Lavra den Präfekt Anastasios mit einer Soldatentruppe. Die Lavra wurde im Sturm genommen, ihre Mönche wurden aus Palästina verjagt, und anstelle ihrer wurden orthodoxe Mönche aus den bekannten Klöstern Palästinas dort angesiedelt. Unter ihnen war auch Kyrillos von Skythopolis, welcher in der Folge die Viten der großen Asketen Palästinas verfaßte.


Bote 1994, 6


Kapitel 5

Die Erzählung des Abba Polychronios über die drei Mönche

“Wohl tust du, Bruder, um deine Seele Sorge zu tragen!”

Der Abba Polychronios, der Presbyter der Neuen Lavra, erzählte uns: in der Jordanischen Lavra “der Türme” bemerkte ich, daß einer der dort sich befindenden Brüder nachlässig in bezug auf sich selbst war und niemals die Sonntagsregel erfüllte. Nach einiger Zeit sah ich plötzlich, daß dieser Bruder, der zuvor so unbesonnen gewesen war, sich mit ganzem Eifer und großer Hingabe im geistigen Leben übte.
– Wohl tust du, Bruder, daß du dich um deine Seele kümmerst, – sprach ich zu ihm.
– Abba, – antwortet er – ich muß bald sterben.
Und tatsächlich schied er nach drei Tagen aus dem Leben.
Eben dieser Abba Polychronios erzählte mir: einst befand ich mich in der Lavra “Pyrgoon” (der Türme). Dort war ein Bruder gestorben. Der Ökonom wandte sich an mich: Bruder, sei so gnädig und hilf mir, die Habseligkeiten des Entschlafenen in einen Abstellraum zu bringen.
Wir begannen damit, da sehe ich: der Ökonom weint.
– Was ist mit dir, Abba? Warum weinst du, – frage ich.
– Heute, – antwortet er, – trage ich die Habseligkeiten des Bruders, und nach zwei Tagen werden andere die meinigen hinaustragen.
So geschah es auch. Am nächsten Tag starb der Ökonom, wie er gesagt hatte.

Abba Polychronios führte sein Askeseleben in der Nähe des Jordans und lebte in verschiedenen Klöstern: dem der Türme, dem des ehrwürdigen Petrus, der Pentaklaia (des Wehklagens) und anderen, ehe er sich in der Neuen Lavra niederließ, wo er Presbyter war. Selbst ein eifriger Asket, studierte er mit Begeisterung das Leben und die Opferwerke der großen Starzen und bemühte sich besonders, die Manifestation von Gnadenkräften, die in den großen Asketen wirkten, sowie ihre Ratschläge und Belehrungen festzuhalten. Daher wußte er dem Johannes Mos’chos und seinen Begleitern viel aus dem Leben der heiligen Väter zu berichten.

Kapitel 6

Über den Stern, der über dem entschlafenen Mönch wandelte.

“Der Stern ging über den Verstorbenen dahin”.

Der Presbyter Abba Polychronios erzählte uns, was er von Abba Konstantinos, dem Abt des neuen Klosters der Heiligen Maria Theotokos gehört hatte: einer der Brüder starb im Krankenhaus von Jericho. Wir nahmen seinen Körper und trugen ihn ins Kloster der Türme zum Begräbnis. Von dem Augenblick an, als wir aus dem Krankenhaus kamen, bis zum Kloster wandelte ein Stern über dem Entschlafenen und blieb so lange sichtbar, bis wir ihn der Erde übergaben.
Der ehrwürdige Konstantinos lebte im 6. Jh. und war annähernd ein Zeitgenosse des Johannes Mos’chos. Er wurde so berühmt durch sein heiliges Leben, daß man die neue Koinobia der Allheiligen Gottesgebärerin, die er leitete, zuweilen auch Kloster des Abba Konstantinos nannte.