M. Nazarow

Die Russische Auslandskirche
in den Jahren des “Zweiten Bürgerkrieges”



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1994, 5

Die Position der Russischen Auslandskirche in den Jahren des Zweiten Weltkrieges kann man nicht ohne Analyse der Gesinnung und Hoffnungen der gesamten russischen Emigration in jener Epoche verstehen1. Ebensowenig kann man diese Analyse vornehmen, ohne die politischen Veränderungen in Europa in den Krisenjahren 1930 in Betracht zu ziehen.
Damals, nach der Niederlage der Monarchien im Ersten Weltkrieg, gerieten die westlichen Demokratien ganz unerwartet in eine in Europa noch nie dagewesene ökonomische und spirituelle Krise.
Die Reaktion darauf kam nicht nur von links in Form von prokommunistischen Bewegungen und “Volksfronten”, sondern auch von rechts: Autoritäre nationalistische Regimes, die man oft (aber ungenau) unter dem allgemeinen Namen Faschismus zusammenfaßt. Ihre erfolgreichen sozialen und politischen Reformen, die von der katholischen Kirche unterstützt wurden, zogen die Aufmerksamkeit der Wirtschaftsfachleute der ganzen Welt auf sich. Im politischen Bereich äußerte sich dies im Zustandekommen des “Antikominternpaktes” (Berlin-Rom-Tokio, 1936-37), welcher – erstmals auf Regierungsebene! – offiziell den Kampf gegen den Kommunismus ankündigte.
Die Demokratien aber – erinnern wir uns daran – unterstützten die Bolschewiken in der Revolution, später verrieten sie die Weißen Armeen im Bürgerkrieg nach dem Prinzip: “Handel treiben kann man auch mit Menschenfressern” (berühmter Ausspruch von Lloyd-George). Beim Auftreten des Faschismus schlossen die Demokraten sogar eine offene politische Union mit den Kommunisten (antifaschistische “Volksfronten”, spanische “Interbrigaden” etc).
Nur auf diesem Hintergrund sind die Sympathien der russischen Emigration für den Faschismus zu verstehen (in erster Linie für den italienischen, der noch nicht in Rassismus entartet war) und ihre Hoffnungen auf die Hilfe des Antikomintern bei der Befreiung Rußlands – von wo sich die Berichte über die Bestialitäten der Kommunisten mehrten.
Nur unter Berücksichtigung dieses historischen Hintergrunds kann man die Position der Russischen Auslandskirche einschätzen. Dies zu tun, scheint angebracht, insofern ihre Gegner ständig – auch in der russischen Presse – dem Synod der Auslandskirche die “Kooperation mit Hitler” vorwerfen. Diese Vorwürfe sind um so seltsamer, da die Ankläger sogar den tragischen militärischen Versuch von General Vlasov und der ganzen Russischen Befreiungsbewegung zu akzeptieren bereit sind, aber der Kirche gegenüber, die schließlich diese viele Millionen zählende Herde geistlich nährte, wird irgendwie eine besondere Rechnung gestellt...
Vor allem muß man feststellen, daß die russische Emigration bereits in Vorahnung der herannahenden Kriegsereignisse einen Zusammenschluß anstrebte, was auch in den militärischen und politischen Organisationen spürbar war, und sogar in allen kirchlichen Jurisdiktionen. So schloßen sich der “Pariser” Metropolit Evlogij (der sich 1926 von der Auslandskirche lostrennte und zuerst zur Moskauer Kirchenverwaltung von Metropolit Sergij, dann zum Ökumenischen Patriarchat bekannte) kurzzeitig (1934-35) und die Amerikanische Metropolie über die ganze Kriegszeit hinweg (1935-46) mit der Auslandskirche zusammen. Damit war die Auslandskirche in dieser Periode praktisch einheitlich (die Gemeinden des Metropoliten Evlogij stellten nur etwa 6 % dar) und sie reflektierte die Gesinnung der überwältigenden Mehrheit der russischen politischen Emigration.
1938 auf dem 2. Gesamtkonzil der Auslandskirche in Sremski Karlovzy wurde (unter Teilnahme von Geistlichen und Laien) der Versuch unternommen, diesen Einigungsprozess durch die Schaffung eines besonderen Kirchlichen Volks-Zentrums der russischen Emigration unter der geistlichen Führung des Ersthierarchen zu fördern, aber ein Teil der Konzilteilnehmer konnte dennoch die Vorurteile gegen die “Politik” nicht überwinden. Als Ergebnis wurde nur die Resolution “Über die Erwünschtheit der Schaffung eines solchen Zentrums angenommen, ohne aber seine Kompetenz und seine äußeren Formen zu definieren”. Dennoch wurde die Entscheidung gefaßt, daß die Kirche “ihre fürsorgende Aufmerksamkeit auf die russischen nationalen Emigranten-Organisationen erstrecken und ihnen helfen möge, sich auf den Weg des wahren orthodoxen und echt russischen Weltverständnisses und gesellschaftlich-staatlichen Ideals zu begeben”2.
Diese Fürsorge betraf in erster Linie die Tatsache, daß praktisch alle der damals existierenden politischen Emigrantenorganisationen Sympathie für den Faschismus zeigten, wie für einen politischen Verbündeten - der aber nicht dem russisch orthodoxen Weltverständnis entsprach. Und eben dank dieser klaren Position der Russischen Auslandskirche bewahrten diese Emigrantenorganisationen (mit seltenen Ausnahmen) echte Kriterien zur Wertung des Faschismus: Beispiele hierfür lassen sich viele anführen3. Aber kommen wir nun zu den konkreten Anschuldigungen.
Als “kompromittierendste” Tatsache (mangels anderer) pflegen die Gegner der Auslandskirche den Brief (1938) des damaligen Oberhauptes der Auslandskirche, Metropolit Anastasij (Gribanovskij), an Hitler als Haupt der deutschen Regierung anzuführen, worin der Metropolit seine Dankbarkeit für den großzügigen Beitrag zum Bau der orthodoxen Kathedrale in Berlin ausdrückte. Aber man darf nicht vergessen, daß dies noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs war, daß die Regierung Hitlers gesetzlich gewählt worden war und von allen Staaten der Erde anerkannt wurde und daß es in solchen Fällen üblich war, offiziellen Dank zum Ausdruck zu bringen. Die lobenden Anreden in dem Brief (Hitler wurde als Führer “im weltweiten Kampf für Frieden und Gerechtigkeit” bezeichnet, für den “das russische Volk beständig Gebete zu Gott emporsendet”) muß man in dem oben beschriebenen historischen Kontext sehen. Darüber hinaus wurde “der Text dieses Briefes zuvor vom Gemeinderat der genannten Kirche verfaßt. Als der hochgeweihte Metropolit Anastasij den Brief sah, billigte er die ihm vorgelegte Fassung nicht und wollte sie ändern, aus der Anrede alles streichen, was keine direkte Beziehung zu dem Hauptanliegen hatte, nämlich Dankbarkeit dem Spender, der deutschen Regierung und ihrem Haupt, zu bekunden... Doch dies erwies sich als praktisch nicht durchführbar, weil das Schreiben in dieser Form bereits die offizielle Zensur passiert hatte”4.
Dazu müssen wir hinzufügen, daß kein einziger Bischof anderer Länder dieses Schreiben, das sich von selbst verstand, damals verurteilte. Noch mehr: Man kann ein Beispiel anführen, wie das Oberhaupt der liberalen “Pariser” Jurisdiktion, Metropolit Evlogij, in nicht weniger warmen Worten seine Loyalität dem Hitlerregime gegenüber zum Ausdruck brachte. Als die Deutschen seinen Gemeinden in Deutschland vorschlugen, sich mit der Russischen Auslandskirche zu vereinigen, schrieb Metropolit Evlogij in seinem Brief vom 4. Oktober 1937, der durch den deutschen Gesandten in Paris übergeben wurde, an den deutschen Reichsminister für kirchliche Angelegenheiten (die Orthographie des Originals bleibt unberührt):
“Die deutsche Regierung hält es nicht für gelegen, zwei Jurisdiktionen der russischen orthodoxen Kirche in Deutschland beizubehalten, da, wie es die Erfahrung in Sache der Lutherischen Kirche zeigt, eine von den kämpfenden Kirchenbewegungen immer gegen die Regierung schreitet.
Ich gestatte mir ergebenst gegen den in dieser Weise formulierten Vorsatz, der der Wirklichkeit keineswegs entspricht, mit voller Entschiedenheit zu protestieren. Weder ich persönlich, noch meine Geistlichen, wie auch die Mitglieder der mir anvertrauten Gemeinden, haben jemals sich einer Unloyalität der Reichs-Regierung gegenüber verdächtig gemacht. Im Gegenteil, unsere Geistlichkeit hatte immer volle Verehrung und Ergebenheit der Regierung dieses Landes erwiesen, das uns, russischen Flüchtlingen, seine Gastfreundschaft geboten hat; in diesem Sinne der Achtung und Ergebenheit erzieht unsere Geistlichkeit auch ihre Gemeinden... Ich, wie auch meine gesamte Geistlichkeit, ... bewahren unsere Christliche Herde von allerlei falschen Lehren, der Freimaurerei, der Theosophie, dem Kommunismus und allen anderen Lehren, die der Lehre unserer Kirche widerig sind... Was unsere in Deutschland befindlichen Gemeinden anbetrifft, so werden hier in allen unseren Kirchen Gebete über die Regierung dieses Landes und über das Deutsche Volk abgehalten. Im Jahre 1936 auf der Eparchalen Versammlung der Vertreter der Geistlichkeit und Laien von 14 Ländern wurde der Deutschen Reichs-Regierung der Dank für die unseren Gemeinden erzeugte wohlwollende Gönnerschaft und Schutz ausgesagt...
Sollte schließlich die Deutsche Reichs-Regierung es wünschen, die russische orthodoxen Kirche zur Mitarbeit im Kampfe gegen die kommunistische gottesleugnerische Bewegung, wie auch andere Bewegungen, die gegen das Christentum arbeiten, heranzuziehen, ... so wird die Reichs-Regierung unsererseits vollen Einklang und Mitwirkung finden”5.
Diesen Brief schrieb Metropolit Evlogij im Zusammenhang mit der damals von der deutschen Justiz getroffenen Entscheidung über die Anerkennung der Deutschen Diözese der Russischen Auslandskirche als der einzigen juristischen Person und Besitzerin des gesamten vorrevolutionären Vermögens der Russischen Kirche auf dem Territorium Deutschlands. Aber wie man dem Brieftext des Metr. Evlogij entnehmen kann, war diese Entscheidung der Deutschen kein Ausdruck von Begünstigung der Gemeinden der Auslandskirche. Die deutsche Regierung war lediglich bestrebt, die Verwaltung aller Religionen zu “zentralisieren” und ging von folgendem aus: Die UdSSR hatte auf das im Ausland befindliche kirchliche Vermögen verzichtet (1935) und der “Pariser” Metropolit Evlogij, der sich von der Russischen Auslandskirche abgespalten hatte, wurde zu einer nicht-russischen Jurisdiktion und verlor das Recht auf diesen Besitz (nach dem Krieg wurde diese Entscheidung von den Gerichten der BRD überprüft, als gültig anerkannt und in Kraft belassen)6.
Daher ist es nicht gerecht, die Auslandskirche für den von der Gestapo auf die “Evlogischen” Gemeinden ausgeübten Druck verantwortlich zu machen. Die Auslandskirche verzichtete nicht nur darauf, die deutsche Staatsmacht zu benützen, um sich diese Gemeinden untertan zu machen, sondern sie tat alles in dieser Situation nur Möglichliche, um die Folgen des Hitlerischen Diktats zu mildern, und kam dabei Metropolit Evlogij beträchtlich entgegen. Zwischen dem Berliner Erzbischof Serafim und dem Prager Bischof Sergij (Vikar der Metropolie von Evlogij) wurde eine schriftliche Vereinbarung (21. Oktober/3. November 1939) darüber getroffen, daß den “Pariser” Gemeinden “ihre Selbständigkeit und ihr innerkirchliches Leben erhalten bleibt”, sowie “ihre Unterstellung unter den Bischof Sergius” und “jurisdiktionelle Beziehung... zu Metropolit Evlogij”; sie fallen nur rein juristisch gesehen und dem deutschen Gesetz entsprechend in den Bereich der deutschen Diözese des Erzbischofs Serafim, welcher daher Zugang zu ihrer Dokumentation und das Recht besitzen muß, im Notfalle die einen oder anderen Disziplinarmaßnahmen vorzuschlagen, insofern er vor dem deutschen Ministerium für kirchliche Angelegenheiten Verantwortung für diese Gemeinden trägt7.
In jenen Jahren waren die Beziehungen zwischen der Auslandskirche und der hitlerischen Staatsmacht ziemlich gespannt. Nach dem Zeugnis von K. Kromiadi, “taufte der Erzbischof von Berlin und Deutschland Tichon die an ihn herantretenden russischen Juden und stellte ihnen Taufscheine aus”, um sie zu schützen. “Leider half ihnen das nicht, und die Gestapo forderte vom Synod, daß Tichon aus Deutschland entfernt werde. Als Ergebnis wurde Erzbischof Tichon nach Sremski Karlovzy abberufen, während seine engsten Mitarbeiter Repressionen unterworfen wurden... V. Leva¡sov wurde ins Gefängnis gesperrt, Graf A. Voronzov-Da¡skov gewarnt, daß er des Landes verwiesen werde, falls er sich nicht beruhigt, und K.K., dem Vertreter der deutschen Diözese auf dem Auslandskonzil in Sremski Karlovzy, nahm die Gestapo die Dokumente ab mit dem Verbot das Land zu verlassen und der Drohung von Verhaftung”8, schreibt K. Kromiadi (wobei er sich selber mit Initialen nennt; anderen Zeugnissen zufolge hatten die Deutschen jedoch keine solche Forderung an den Synod gestellt, und Erzbischof Tichon wurde aus anderen Gründen aus Deutschland abberufen).
Der Nachfolger von Erzbischof Tichon als Bischof von Berlin und Deutschland (später Metropolit) wurde Serafim (Lade), ein gebürtiger Deutscher, der sich jedoch weigerte, aus der Subordination unter Metropolit Anastasij auszuscheiden (wie dies die Anhänger Hitlers wollten). Er hatte es auch nicht leicht im Umgang mit dem Ostministerium Rosenbergs, besonders während des Krieges, als die Hitlerleute versuchten, die Beziehungen der alten Emigration mit den “Ostarbeitern” und Gefangenen zu unterbinden, um das Entstehen eines national-politischen, von den Deutschen unabhängigen russischen Machfaktors zu vermeiden, welchen die Emigranten und ehemaligen sowjetischen Militärs herzustellen bestrebt waren.
Nur mit größter Mühe gelang es dem Metropoliten Serafim, für 15 Reisepriester die Erlaubnis zur Betreuung der Lager zu erhalten. Wie Metropolit Serafim bemerkte, wurde dies durch den Umstand begünstigt, daß man in “Regierungskreisen die Orthodoxie als ein ausländisches Glaubensbekenntnis betrachtete und, um die bulgarischen und rumänischen Verbündeten nicht zu beleidigen, ging man mit uns vorsichtiger um. Der Vertreter des Kirchenministeriums sagte uns oft: Euer Glück ist es, daß man eure Kirche für ein ausländisches Glaubensbekenntnis ansieht”9. Das ist auch ein Grund dafür, daß die Russische Auslandskirche damals nicht verboten wurde.
Aber nun kommen wir bereits zur Kriegszeit, für deren Verständnis man erneut eine kurze Beschreibung des historischen Hintergrundes vornehmen muß: Warum ein nicht geringer Teil der Emigration trotz der Reibungen mit dem Hitlerregime seine Hoffnungen um die Befreiung Rußlands auf Deutschland setzte.
In den Jahren des zweiten Weltkrieges waren die Beziehungen der Russischen Auslandskirche zu dem Hitlerregime ebenso gespannt, wie bei dem größten Teil der russischen nationalen Emigration. Das war nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, daß die Hitler-Ideologie Slawen als “Untermenschen” betrachtete. Daher gab es in den Jahren jenes Krieges in der russischen Emigration keine echten “Defätisten” (zu vergleichen etwa mit der Position des Defätisten und Internationalisten Lenin im Ersten Weltkrieg). Die entstandene neue Form von “Defätismus” war nur die Wahl des geringeren Übels in der damaligen Situation und nährte sich am Patriotismus; nur war er aktiver darin, sich die nun entstandene Situation zur Befreiung der Heimat von dem antinationalen kommunistischen Regime zunutze zu machen. Das Hitlerregime zeigte zu Beginn des Krieges noch nicht sein wahres Gesicht, die deutsche Gesellschaft war heterogen, die Deutschen führten interessante soziale Reformen durch, verteilten antikommunistische Versprechungen – all das nährte die Hoffnung auf eben jenen “Kreuzzug” Europas gegen den Kommunismus, zu dem I. Bunin 1924 in der berühmten Rede über die russische Emigration aufgerufen hatte und zu dem sich die Russische Allgemeine Militär-Union (ROVS) vorbereitete.
Solche Hoffnungen fand man auch in allen kirchlichen Jurisdiktionen, was sich im Augenblick des Überfalls Deutschlands auf die Sowjetunion zeigte. Die Gegner der Auslandskirche verweisen in diesem Zusammenhang gewöhnlich nur auf die Erklärung des sich in Paris aufhaltenden Metropoliten Serafim (Lukjanov, der nach dem Kriege Bischof des Moskauer Patriarchats wurde): “Es möge der Allmächtige den großen Führer des Deutschen Volkes, der das Schwert gegen die Feinde Gottes erhob, segnen.... Es mögen vom Antlitz der Erde der Freimaurerstern, Sichel und Hammer verschwinden”10. Auch der damals zur “eulogianischen” Jurisdiktion gehörende Archimandrit Ioann @Sachovskoj (der spätere Erzbischof von San Francisco der Amerikanischen Kirche) hieß den Kriegsbegnn gegen die UdSSR willkommen: “Die blutige Operation des Sturzes der Dritten Internationationale wird einem geschickten, in seiner Kunst erfahrenen deutschen Chirurgen anvertraut”11. Metropolit Evlogij selber bot dem Hitler-Deutschland seine Dienste im antikommunistischen Kampf an, wie aus seinem oben zitierten Brief an den Reichsminister ersichtlich ist...
Die antirussischen Stellen in “Mein Kampf”, vor denen General Denikin (der Gegner der Union mit Deutschland) gewarnt hatte, wurden von den meisten nicht ernst genommen: Dieses Buch wurde 1924/25 von dem damals noch wenig bekannten “Abenteurer” geschrieben, und man hoffte, daß der Autor im Amt des Regierungschefs klüger würde. Andererseits gab es genug dieser Russophobie in den 1939-1940 Jahren (nach dem Abschluß des Molotov-Ribbentrop-Paktes) auch von seiten der Demokratien. Derselbe Denikin schrieb: “Ein Teil der französischen Presse, die zu recht die Bolschewiken schmäht, wirft in beleidigender Weise das alte Rußland und das russische Volk mit ihnen in einen Topf”12. Darüber schrieb auch das Nachrichtenorgan der Exil-Armee “@Casovoi”: “In Bezug auf den deutsch-russischen Militärpakt bringt es ein Teil der Presse fertig, Rußland zu kränken..., indem sie es mit den Bolschewiken gleichsetzt”. “Dieselben, die sich zur Zeit der berüchtigten Verhandlungen mit den Bolschewiken vor Lob fast überstürzten, die über die ‘Demokratisierung’ und ‘hohe Kultur’ der sowjetischen Regierung jubelten, reden heute von russischen ‘asiatischen Horden’”13. Darüber hinaus vergaß die Emigration nie den Verrat der Entente an ihrem Bündnispartner Rußland und seinen Weißen Armeen; in den Kriegsjahren kam dazu das Bündnis der Demokratien mit Stalin...
Die Hauptsache aber: Nach dem Überfall der Deutschen auf die UdSSR ging es bereits nicht mehr darum, wer “besser” ist, die Nazis oder die Demokraten, sondern darum, ob man sich in die Ereignissen auf russischem Boden einmischen und versuchen solle, sie sich zunutze zu machen, um seinem Volk zu helfen, oder ob man sich aus diesen Ereignisse heraushalten solle. Daher hielten viele “rechte” Emigranten Deutschland für das geringere Übel, nicht so sehr, weil sie an den von Hitler erklärten “Kreuzzug” glaubten, sondern weil sie hofften, selber den Krieg mit Hilfe der Unterstüztung des russischen Volkes in solch einen Kreuzzug zu verwandeln. Daher war auch die Teilnahme der Russen am antihitlerischen “Widerstand” auf dem Territorium Deutschlands - vom moralischen Standpunkt aus heldenhaft und gerechtfertigt - vom politischen Standpunkt aus eher eine Ausnahme (für die Beteiligung an der antihitlerischen Gruppe “Weiße Rose” wurde ein Mitglied der Münchener Gemeinde der Auslandskirche A. Schmorell hingerichtet14).
Gründe, daß man auf solch einen Ausgang der Ereignisse in Rußland hoffte, gab es viele: In den ersten Kriegsmonaten waren die sowjetischen Soldaten nicht sehr erpicht darauf, für das Stalin-Regime zu sterben (fast 4 Millionen ergaben sich in Gefangenschaft), während das Volk, das die Deutschen aus dem letzten Krieg in Erinnerung hatte, die “Befreier” mit Salz und Brot (d.h. mit offenen Armen) begrüßte. Nach zwei Jahrzehnten des Terrors war die Stimmung in der Sowjetunion derart, daß, wenn auf den von Deutschen besetzten Gebieten eine unabhängige Russische Regierung gegründet und eine Befreiungsarmee aufgestellt worden wären, es keiner Kämpfe mit den sowjetischen Truppen bedurft hätte – allein die moralische Wirkung hätte genügt.
Daher entwickelte sich nicht nur in der Emigration, sondern auch bei vielen sowjetischen Heerführern die Idee eines bewaffneten Kampfes um die Befreiung Rußlands von dem Stalin-Regime, und viele waren überzeugt, daß sie vom Volk unterstützt werden. Der wissenschaftliche Direktor des jetzigen deutschen Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, I. Hoffmann, beweist auf Grundlage von Dokumenten, daß bereits 1941 die in Gefangenschaft geratenen sowjetischen Divisions-, Korps- und Armee-Kommandeure eine solche Meinung zum Ausdruck brachten: die Generäle F.A. Er¡sakov, S. Ogurcov, Snegov, P. Abranidze, Bessonov, Kirpi¡cnikov, L.E. Zakutny, F.I. Truchin, I.A. Blagove¡s¡censkij, Jegorov, Kulikov, Tka¡cenko, Zybin, Ch.H. Alaverdov, M.I. Potapov, M.F. Lukin.1942-43 drückten neben A.A. Vlasov, G.N. @Zilenkov, V.F. Maly¡skin, eine derartige Bereitschaft auch die Generäle M.M. @Sapovalov, I.P. Krupennikov, Ju. A. Muzy¡cenko, P.G. Ponedelin, die Obersten V.I. Bojarskij, K.L. Sorokin u.a. aus15.
Sie alle hielten den Kampf als eine revolutionäre Befreiungskampagne für möglich und stellten die Gründung einer unabhängigen russischen Regierung mit dem Status eines Verbündeten Deutschlands zur Bedingung. Diese Idee fand in deutschen Militärkreisen ein positives Echo. Man darf nicht vergessen, daß die deutsche Gesellschaft im Unterschied zu der sowjetischen noch nicht völlig totalitär geworden war; zwischen den Militärinstanzen und der Nazi-Partei gab es zu jener Zeit ernste Meinungsverschiedenheiten. Die antislawische Rassenpolitik Hitlers hielten viele Vertreter der obersten Militärschicht für unheilvoll für Deutschland – W. von Brauchitsch, F. von Bock, Wagner, Dersdorf, R. Gehlen, W. Canaris, G. Lindemann, Graf von Schenkendorf, G. von Küchler, von Tresko, von Renne, W. von Freitag-Loringhofen, C. Graf von Stauffenberg, u.a. – weswegen viele von ihnen von Hitler von ihren Stellen entlassen wurden. In aristokratischen Kreisen erhielt sich die Sympathie für Rußland im Geiste der alten bismarckschen Politik; dazu trug auch das 1938 in der Schweiz erschienene Buch des deutschen, mit einer russischen Emigrantin verheirateten Philosophen W. Schubart “Europa und die Seele des Ostens” bei. Für die traditionell konservativen deutschen Christen war Hitler beinahe ein Heide... Die oppositionelleren Kreise, denen sich auch Diplomaten anschlossen (der ehemalige Gesandte in Moskau W. Graf von der Schulenburg), Bankiere und Unternehmer (in Deutschland war die Privatinitiative nicht verboten), welche die Hoffnung verloren hatten, auf den Führer Einfluß zu nehmen, verübten am 20. Juli 1944 ein Attentat auf ihn (das scheiterte; Hunderte von Menschen wurden hingerichtet). Sie wollten den Krieg an der Westfront abbrechen und hofften zusammen mit den Anglo-Amerikanern alle Kräfte gegen Stalin zu vereinigen...
Genau mit solchen Deutschen suchten sowohl die Emigranten als auch General A.A. Vlasov die Zusammenarbeit, in der Meinung, es sei besser einen gewissen Kompromis zu schließen, und ein von den Kommunisten befreites Rußland werde sich gewiß nicht von Fremden versklaven lassen. Aber Hitler, ebenso wie seine nächste Parteiumgebung (Rosenberg), wiesen den Vorschlag über das Bündnis mit den Russen zurück. Zwar wurden in den deutschen Truppen kleine freiwillige russische Einheiten von insgesamt einer Million Soldaten zugelassen, doch nannte man sie nur rein propagandistisch “Russische Befreiungsarme (ROA), denn sie unterstand dem deutschen Kommando. Das Ziel Hitlers war ja, die slawischen “Untermenschen” zu Sklaven zu machen, und Rußland in eine Kolonie zu verwandeln. Die Willkür, mit der man die Bevölkerung der besetzten Gebiete behandelte, und der unmenschliche Umgang mit den Kriegsgefangenen konnten nicht verborgen werden. Eben dadurch gab Hitler dem Krieg – aus der Sicht der sowjetischen Seite – den Charakter eines Vaterländischen Krieges, und auf Seiten der Verteidiger des Stalinschen Regimes zeigte sich auch eine wichtige Wahrheit heraus: Sie verteidigten ihr Heimatland. Ihr Heldentum und ihre Opfer werden für immer in der russischen (und nicht nur der sowjetischen) Geschichte verzeichnet bleiben.
Eben darauf setzte Stalin, der zur ideologischen Verteidigung der Heimat die am Leben gebliebenen Bischöfe heranzog und 1943 sogar das Patriarchat wiederherstellte. Kann man aber die Emigranten-Bischöfe deshalb der “Hitler-Dienste” beschuldigen, weil sie solch eine Prozedur der Ernennung des Patriarchen nicht als kanonisch anerkannten?... Deshalb, weil sie nicht an den Patriotismus der kommunistischen Macht, die noch vor kurzem in satanischer Weise die Russische Kirche verfolgt hatte, glaubten?
Die Auslandskirche hatte keinen Zugang zu den Landsleuten in der Heimat. Dennoch konnte sie die Millionen von Russen, die sich auf der anderen Seite der Frontlinie befanden, nicht der Willkür des Schicksals überlassen. Sie konnte ihren Hoffnungen und Anstrengungen, ihrer Wahl des geringeren Übels gegenüber nicht gleichgültig bleiben.
Vor allem versuchte sie, die sowjetischen Gefangenen zu retten, von denen sich Stalin als von “Verrätern der Heimat” logesagt hatte. Die UdSSR weigerte sich, die internationale Konvention über die humane Behandlung der Kriegsgefangenen zu unterschreiben und überließ es Hitler, sie auf einer legalen Basis verhungern zu lassen. Zu der Zeit, als die Gefangenen der westlichen Armeen sich in erträglichen Bedingungen, unter der Obhut des Internationalen Roten Kreuzes befanden, starben die russischen Kriegsgefangenen den Hungertod. Gegen Sommer 1942 waren ihrer etwa zwei Millionen umgekommen; erst danach, dank der Proteste von Admiral Canaris, Feldmarschall von Bock und anderer Heerführer begann man, die russischen Gefangenen besser zu ernähren und sie als Arbeiter einzusetzen.
Zur Hilfe für die Gefangenen ließen sich Emigranten von Kriegsbeginn an in den entsprechenden deutschen Institutionen einstellen. K. Kromiadi, der in einer der Verteilungskommissionen arbeitete, beschreibt, wie diese Angelegenheit “die ganze russische Emigration auf die Beine brachte. Das Problem der Hilfe für die Kriegsgefangenen wurde in Emigrantenkreisen die allerbrennendste Frage; Priester riefen von der Kanzel aus ihre Herde zur Hilfe für die Brüder, die in der Versklavung zugrunde gehen, auf, und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens schufen Komitees zur Sammlung von Spenden; dieses Werk wurde bis zum Kriegsende fortgesetzt... Um die Lager der Kriegsgefangenen befanden sich Männer und Frauen tagelang, um einen Moment abzupassen, in dem sie den Gefangenen das Mitgebrachte zustecken konnten”16.
Auf die besetzten sowjetischen Gebieten war den Emigranten der Zugang verboten, denn “sie machen mit der Bevölkerung gemeinsame Sache im antideutschen Interesse” (so hieß es in dem entsprechenden Zirkular). Doch dem Wiederaufleben des religiösen Lebens dort widersetzten sich die Deutschen nicht. Rosenberg war der Ansicht, daß das Christentum die Slawen unterwürfiger mache, aber dabei stachelte er antirussische separatistische Gefühle auf und setzte auf die künstliche Schaffung von unabhängigen Belorussischen und Ukrainischen Kirchen (übrigens mit geringem Erfolg; die meisten dieser belorussischen und ukrainischen autonomen Bischöfe schlossen sich, nachdem sie emigriert waren, der Russischen Auslandskirche an). Und obwohl die Deutschen der Russischen Auslandskirche verboten, ihrem Volk auf den besetzten Territorien zu helfen, versuchte sie, soweit möglich, dies illegal zu tun – vor allem durch religiöse Literatur und Antimensien für Tausende von eröffneten Kirchen und zahlreichen Klöstern. Das in der Slowakei ansässige Kloster des hl. Hiob von Po¡caev druckte Evangelien in beträchtlichen Auflagen (100.000 Stück), Gebetsbücher (60.000) und andere Literatur für die illegale Verschickung nach Rußland (u.a. auch durch slovakische Soldaten)17.
In dieser Hinsicht hatte der orthodoxe Emigrantenklerus aus Polen und den Baltischen Staaten, der bis zum Krieg der Auslandskirche nicht angehörte, weit bessere Chancen für eine “Zusammenarbeit mit Hitler”, d.h. für die Hilfe seinem Volke. Um das religiöse Leben auf den Okkupationsterritorien wiederherzustellen, machte sich als einer der ersten Archimandrit Filofej (Narko) aus Warschau dorthin auf, der Bischof von Mogilev wurde; gegen Ende der Besatzung stand er der Kirche von Belorußland vor (später in der Emigration wurde er Erzbischof von Berlin und Deutschland). Und auf Initiative des Metropoliten von Wilna und Litauen Sergij (Voskresenskij) kam in die Gegend von Pskov eine ganze Mission von 15 Priestern – dieses Gebiet unterschied sich günstig von den anderen, denn den ganzen Krieg über stand es nicht unter der Nachtruppverwaltung, sondern unter dem Frontkommando, das sich nicht mit der Durchführung der Rosenbergschen Richtlinien in Bevölkerungssachen abgab. (Möglicherweise wurde Metropolit Sergij gerade wegen dieser Aktivitäten im April 1944 ermordet – man weiß nicht, ob von Hitlerleuten oder sowjetischen Agenten in deutscher Uniform).

1 Siehe: Nazarov M. Missija russkoj Emigracii. Moskva. 1994. Bd. I, Kap. 10.
2 Dejanija Vtorogo Vsezarube¡znogo Sobora Russkoj Pravoslavnoj Cerkvi. Belgrad. 1939, S. 18-19, 160-169, 252-253.
3 Siehe: Nazarov M. Kru¡senie kumirov: Demokratija i Faschism // “Moskva”. 1994. No. 1.
4 Ot kanceljarii Archierejskogo Sinoda // Pravoslavnaja Rus'. Jordanville. 1947. No. 12, S. 1-3.
5 Eulogios, Metropolit. Seiner Exzellenz dem Reichs- und Preussischen Minister für kirchliche Angelegenheiten. Paris, den 4. Oktober 1937 (Brief No. 1266, in deutscher Sprache, 7 maschinengeschriebene Seiten, befindet sich im Archiv des Deutschen Außenministeriums. Eine Kopie davon wurde von V.N. Vischnevskij erhalten, der deutsche Text wird in der Orthographie des Originals wiedergegeben).
6 Seide G. Verantwortung in der Diaspora. München. 1989. S. 125.
7 Vereinbarung zwischen Erzbischof Seraphim, Berlin, und Bischof Sergius, Prag, zur Beseitigung des Schismas in der Russisch-Orthodoxen Auslandskirche // Kyrios. Königsberg. 1940/41. Heft 3/4. S. 304-305.
8 Kromiadi K. Za zemlju, za volju... San-Francisco. 1980. S. 23-24.
9 Rasporja¡zenija Vysokopreosvja¡s¡cennej¡sego Serafima mitropolita Berlinskogo i Germanskogo i Sredne-Evropejskogo mitropoli¡cjego okruga. München. 1946. Aug. S. 2,4.
10 Zit. nach: Dalin D., Dvinov B., Mel'gunov S. u.a. Rossija i emigracija. Pari¡z. 1947. S. 50.
11 Ioann (@Sachovskoj), Archim. Blizok ¡cas // Novoe Slovo. Berlin. 1941. 29. Juni.
12 Denikin A. Pis'ma 1939-1946 gg. // Grani. Frankfurt a.M. 1988. No. 149. S. 137.
13 Orechov V. Kommunizm umret! Rossija ve¡cna! // @Casovoj. 1939. No. 244, 5. Okt. S. 1.
14 Siehe: "Bote" der Deutschen Diözese. München. 1993. No. 1.
15 Hoffmann, J. Die Geschichte der Vlasov Armee. Freiburg. 1984. Zit. nach russ. Ausgabe: Hoffmann, J. Istorija Vlasovskoj armii. Pari¡z. 1990. S. 117-119.
16 Kromiadi K. Za zemlju, za volju.... S. 46.
17 Pravoslavnaja Russkaja Zarube¡znaja Cerkov'. Montreal. (1960-er J.). S. 16-17.

 

Bote 1994, 6

Es versteht sich, daß die Kirche neben der Betreuung der Zivilbevölkerung und der “Ostarbeiter” auch der gegen den Willen Hitlers gebildeten Russischen Befreiungsbewegung ihre Fürsorge nicht versagen konnte. Dazu zeigte sich auch bei Leuten, die noch vor kurzem sowjetisch waren, großes Interesse für die Emigranten. Nach den Worten Kromiadis gab Vlasov der ersten Emigration “große Bedeutung. In dem bevorstehenden antikommunistischen Kampf wies er ihr einen Platz als Trägerin der alten Traditionen des russischen Volkes und seiner von den Kommunisten mit Füßen getretenen moralischen Werte, kulturellen und religiösen Ideen zu. In seinen Vorstellungen sollte die alte Emigration als Verbindungsglied zwischen dem vergangenen historischen Rußland und dem jetzigen dienen. Darüber hinaus bedeutete die Einbeziehung der alten Emigration in den Kampf gegen die Bolschewiken zusammen mit der neuen die Ausnutzung all unserer Möglichkeiten, denn praktisch ergänzten sich im großen und ganzen beide Emigrationen wechselseitig”1.
Gewiß entstanden wegen des weltanschaulichen Unterschiedes oftmals Reibungen zwischen der alten und der neuen Emigration. “Der Antibolschewismus der Emigration ist prinzipieller und ideeller”, die Emigranten verstanden sehr gut, wie die ganze Pyramide der kommunistischen Macht funktioniert, während die “unter dem Sowjetregime stehenden Leute, die selber ein Bestandteil dieser Pyramide waren, ihre Struktur nicht so genau sehen konnten, wie dies von der Seite aus sichtbar war.... Sie bestritten selten das System im ganzen”2, – wie dies A. Kazancev beschrieb. Charakteristisch ist auch in dem Prager Manifest von Vlasov die Erwähnung “der Rechte, die ... in der Volksrevolution von 1917 erkämpft wurden” nach “dem Sturze des Zarentums”: konnte dies nicht wie eine tatsächliche Errungenschaft in den Augen der rechten Emigration aussehen? Bezeichnend ist die vorsichtige Haltung der Generäle des ROVS (Militärunion zur Befreiung Rußlands) zu dem Manifest: Biskupskij (“er ist ein Monarchist und kann daher nichts sagen”) und von Lampe (“er ist verpflichtet, zuerst den Chef der Union, General Archangelskij, über den Text zu informieren”)3. Das war eine der Hauptursachen, warum einige alte Emigranten, größtenteils Monarchisten (insbesondere General Krasnov), den “roten General” Vlasov nicht als Führer der ganzen Bewegung anerkannten.
Schließlich drängte das Vorhandensein eines konkreten Feindes derartige Mißverständnisse in Militärkreisen in den Hintergrund. Umso mehr als die Generäle Truchin, Meantrov und Vlasov selbst von Kindheit an gläublig waren; Vlasov besuchte vor der Revolution das Geistliche Seminar und fand daher sofort gemeinsame Sprache mit Metropolit Anastasij, der ihm seinen Segen für sein Vorhaben erteilte. Das Haupthindernis für die Aufstellung der russischen Befreiungsarmee waren nicht interne Meinungsverschiedenheiten, sondern das Verbot Hitlers, der nicht grundlos fürchtete, daß die ROA (Russische Befreiungsarmee) der deutschen Kontrolle entgleiten könne. (Damit hatte er recht: die wichtigste militärische Aktion der ROA war die Befreiung Prags von der Hitler-Herrschaft).
Hitler stimmte der Aufstellung der ROA erst in auswegsloser Situation zu, als der Krieg bereits im wesentlichen verloren war und es kein russisches Territorium mehr gab, auf das die Bewegung sich hätte stützen können. Am 14. November 1944 wurde in Prag das Komittee für die Befreiung der Völker Rußlands (KONR) mit dem Status einer unabhängigen russischen Regierung proklamiert. Vlasov wählte dazu speziell eine slawische Hauptstadt aus, wohin sich alle in einem Tag mit einem Sonderzug begeben konnten. Dieser feierliche Akt fand im Einklang mit der internationalen Etikette statt: es waren die diplomatischen Vertreter der mit Deutschland verbündeten Länder anwesend und ausländische Korrespondenten. Die Gründung des KONR wurde von der Geistlichkeit der Russischen Auslandskirche begrüßt; ihr Ersthierarch Metropolit Anastasij und Metropolit Serafim (Lade) waren bei der zweiten Zeremonie, der Verkündigung des Manifests des KONR (speziell für die russische Emigration) am 18. November in Berlin anwesend, und von den Geistlichen hielt Vater Alexander Kiselev eine Ansprache.
In dem Manifest hieß es, daß das “Komittee zur Befreiung der Völker Rußlands die Hilfe Deutschlands unter Bedingungen, welche die Ehre und die Unabhängigkeit unserer Heimat nicht verletzen, begrüßt. Diese Hilfe biete sich nun als die einzige reale Möglichkeit, einen bewaffneten Kampf gegen die stalinistische Clique zu organisieren”. Im Januar 1945 schloß das KONR mit Unterschrift Vlasovs ein Abkommen mit der deutschen Regierung über die Zuverfügungstellung von Waffen und Ausrüstung in Form von Krediten, welche das KONR sich in Zukunft zurückzuzahlen verpflichtete. Erst danach begann die Aufstellung von zwei Vlasovschen Divisionen. Das deutsche Außenministerium betrachtete das Abkommen mit dem KONR als einen außenpolitischen Akt, und am 28. Januar 1945 wurden die Streitkräfte des KONR (viele nannten es weiterhin ROA) als eine mit dem deutschen Staat verbündetete Armee deklariert. Die deutschen Vertreter in den russischen Teilen hatten nur konsultatorische und kommunikatorische Funktionen. Diese russische Armee war in juristischer und militärischer Hinsicht gesondert von der Wehrmacht, sie trug auf der grauen deutschen Uniform (eine andere zu nähen war unmöglich) russische Dienstgradabzeichen und auf der Mütze die Kokarden der ROA. Das Emblem der ROA (ein weißer Brustschild mit einem blauen Andreaskreuz in roter Einfassung) wurde auf Vorschlag General Maly¡skins noch im Februar 1943 gebilligt (damals strich Rosenberg die ersten neun Entwürfe mit der weiß-rot-blauen Flagge durch, worauf Vlasov meinte: “Ich hätte sie so gelassen: die russische Flagge, von den Deutschen durchgestrichen, weil sie sie fürchten”4). Auf der Standarte des Oberkommandierenden der Russischen Befreiungsarmee war Georg der Siegreiche abgebildet. Die Hymne war “Wie wunderbar ist unser Herr in Zion”.
In den Truppeneinheiten erschienen russische Priester, sowohl Militärpriester als auch andere. “Einige von ihnen befanden sich bereits in der Jurisdiktion der Auslandskirche, während andere, die erst kürzlich aus der UdSSR in den Westen gekommen waren, ihre Heimat verlassen hatten, als sie der Jurisdiktion des Moskauer Patriarchats angehörten und daher konnten sie aus einer Reihe von Gründen ihre neue kanonische Lage nicht regeln. Aber auf solche Dinge legte man damals keinen besonderen Wert. Ein Teil der Priester blieb auch in der Jurisdiktion des Ökumenischen Patriarchats”5. So beschreibt es der Militärgeistliche der Streitkräfte des KONR, Erzpriester D. Konstantinov (jetzt ein Kleriker der Amerikanischen Jurisdiktion). Außer ihm standen der geistlichen Betreuung der ROA zeitweise Vater Alexander Kiselev aus Estland und Archimandrit Serafim (Ivanov) vor6. An einem feierlichen Gebetsgottesdienst, der Herr möge den Streitkräften des KONR den Sieg schenken, nahmen außer Metropolit Anastasij und Metropolit Serafim (Lade) Erzpriester Adrian Rymarenko und Vater George Benigsen teil7.
Das heißt, zu jener Etappe des Krieges konstatieren wir bei Vertretern verschiedener orthodoxer Jurisdiktionen eine “Zusammenarbeit mit Hitler”. Unverständlich ist nur, warum eben dieser Erzpriester George Benigsen, der sich nach dem Kriege der Amerikanischen Kirche anschloß, den Synod der Auslandskirche beschuldigt, er hätte “Dankensschreiben an Hitler verfaßt, dessen Soldaten... an der Front die Kinder ‘einfältiger’ orthodoxer Amerikaner töteten”8.
Um so natürlicher war die Anwesenheit der Geistlichkeit in russischen Einheiten, die von den Soldaten der ersten Emigration vor Gründung der ROA gebildet wurden. In dem “Russischen Corps”, das bereits im Sommer 1941 auf dem Balkan aufgestellt wurde, befanden sich unter den dienstältesten Militärgeistlichen so bekannte Autoren wie Igumen Nikon (Rklickij) und Vater Boris Mol¡canov. In der “Russischen Nationalen Volksarmee” (die 1942 unter Führung des Ingenieurs S.N. Ivanov und des Oberst I.G. Kromiadi zusammengestellt wurde) war auch Vater Germogen Kiva¡cuk. Auch in den von General B.A. Cholmston-Smyslovskij aufgestellten Truppenteilen (spätere Bezeichnung: Erste Russische Nationalarmee) gab es russische Geistliche und sogar in den Kosaken-Einheiten der Emigranten-Generäle Krasnov, Turkul und Schkuro.
Dazu sollte man hinzufügen, daß es den Vertretern der Kirche nicht so sehr um die geistliche Führung des militärisch-politischen Kampfes der ROA gegen die gottlosen Versklaver des Vaterlandes ging, als um die Erfüllung ihrer ewigen Mission der Rettung der Seelen, wobei sie den Krieg eben als ein Faktum betrachteten. Wie unlängst Bischof Serafim (Dulgov) erinnerte, war in den Jahren des russisch-japanischen Krieges eben diese auch die Haltung von Erzbischof Nikolaj (Kasatkin) in Japan: er blieb bei seiner japanischen orthodoxen Herde, die gegen Rußland kämpfte, obwohl die Japaner heimtückische Feinde der Russen waren! Nichtsdestoweniger erfüllte Erzbischof Nikolaj seine Hirtenpflicht, wogegen von der russischen kirchlichen Obrigkeit kein Wort des Vorwurfes geäußert wurde. (Inzwischen wurde er sowohl von dem Moskauer Patriarchat als auch von der Auslandskirche in den Kanon der Heiligen aufgenommen).
Ebenso waren auch die Priester der ROA mit ihrer Herde dort, wohin die patriotische Pflicht sie rief, und sie halfen ihr, sich ihres Standes als Christen unter so schweren Bedingungen würdig zu erweisen. Sie nahmen kirchliche Amtshandlungen vor, hörten Beichte, teilten die hl. Kommunion aus, gaben den Verstorbenen ein kirchliches Begräbnis. Man mußte auch den ehemaligen sowjetischen Armeeangehörigen die Grundlagen der Orthodoxie beibringen (wie in der Schule der ROA in Dabendorf). Und erneut halten wir fest, daß die orthodoxe Geistlichkeit in den gegen Deutschland kämpfenden Ländern – eingeschlossen die in den USA gebliebenen Hierarchen der Auslandskirche – ihre Brüder in Deutschland nicht verurteilte, weil sie meinte, daß diese an Ort und Stelle besser wissen müssen, was sie zu tun haben.
Diese politische Bewegung war jedoch viel größer als nur die ROA, sie umfaßte weite Schichten der Zivilbevölkerung. Daher wird sie von vielen als Russische Befreiungsbewegung bezeichnet (ROD) oder Befreiungsbewegung der Völker Rußlands (ODNR). Kromiadi bezeugt: “In jener Zeit betrachtete, mit Ausnahme der Hurra-Patrioten, welche die Kommunisten für die ihrigen hielten, die ganze übrige Emigration die ROA wie ihre eigene nationale Armee und teilte Kummer und Freude mit ihr”9. Diese Feststellung ist wohl nicht übertrieben: als am 24. Juli 1943 in Paris General V.F. Maly¡skin als Vertreter General Vlasovs vor der russischen Emigration in dem Wagram-Saal eine Rede hielt, brachten ihm 6000 Emigranten Ovationen dar; sein Auftritt “rief sogar bei den demokratischen Kreisen der russischen Emigration, die in unversöhnlicher Opposition zu den Deutschen standen, einen sehr starken Eindruck hervor”, schrieb B. Nikolaevskij, wobei er sich auf den begeisterten Brief des bei der Versammlung anwesenden V.A. Maklakov bezog: “Nach den Urteilen sogar jener, die gegen Vlasov geladen waren, schlug dieser Vortrag wie eine Bombe ein”10.
Eben solch ein Bild zeichnet A. Kazancev: “Spontan bildeten sich an allen Enden des kleinen, bereits damals existierenden neuen Europas Kooperationsgruppen und Gesellschaften, wurden Mittel und Spenden gesammelt, die Bauern brachten ihre simplen Kostbarkeiten, silberne Brustkreuze und Verlobungsringe, die Arbeiter ihre bescheidenen Ersparnisse, die sie in mühevollen Jahren zusammengetragen hatten. Bei allen Instanzen des Komittees gingen täglich bis zu 3000 Briefe und Telegramme ein mit der Erklärung der Bereitschaft, nach Kräften an dem Kampf teilzunehmen”11.
Zum Vergleich muß man die Zahl jener Emigranten anführen, die eine andere Wahl trafen: sie nahmen auf der Seite der westlichen Demokratien am Krieg teil. Offensichtlich dienten die meisten Russen damals in der französischen Armee (es wurden etwa 3000 mobilisiert), dazu einige hundert Leute im “Widerstand”12... in der amerikanischen Armee waren es auch nicht mehr.
Zu den Aufgaben des KONR gehörten auch kulturelle, wirtschaftliche, soziale – es war eine Art “Staat im Staat”. Dem KONR gelang es in beachtlichem Maße, die Lage der russischen Gefangenen und “Ostarbeiter” zu bessern, da sie nun den übrigen Fremden gleichgestellt wurden. “Während der kurzen Zeit seiner Existenz wurde der KONR zu einem Partner, dem Deutschland Rechnung tragen mußte. Die Deutschen, daran gewöhnt, mit den Millionen russischer Massen umzugehen, wie es ihnen beliebt, stießen nun auf eine Einrichtung, die ihre Macht einschränkte. Die recht- und schutzlosen Russen hatten nun einen einflußreichen Verteidiger, der für ihre lebenswichtigen Interessen eintrat”13, bemerkt Hoffmann. Außerdem trug der Klerus nicht wenig dazu bei.
Man sollte sich daran erinnern, daß die Leitung der Auslandskirche während des Krieges in Serbien blieb, wie später der serbische Patriarch Gabriel sagte: “Metropolit Anastasij verhielt sich während der deutschen Besatzung mit großer Weisheit und viel Taktgefühl, er war stets den Serben loyal, weshalb er sich das Vertrauen der Deutschen nicht zunutzte machte und einige Male kränkenden Durchsuchungen unterworfen wurde”14.
Wie bekannt, lehnten gegen Kriegsende die westlichen Demokratien alle Versuche der ROD ab, Erklärungen für ihr Bündnis mit den Deutschen zu geben. Vlasov, Meandrov und auch die alten Emigranten Generäle S.K. Borodin (Regimentskommandeur bei Turkul) und P.N. Krasnov verfaßten Memoranden. Sie erklärten, daß die stalinsche Regierung nicht vom Volk bemächtigt ist, welches fortwährend die Bolschewiken bekämpfte (Bürgerkrieg, Aufstände), und daß die ROA diesen Kampf nun fortführt. Daher dürfe nicht Stalin der Bündnispartner der Demokratien sein, sondern die ROD. Es gab gemeinschaftliche Briefe an den König Georg VI, an die Vereinten Nationen, an das Internationale Rote Kreuz, an den Erzbischof von Canterbury, an Frau Roosevelt (darin wurde erwähnt, daß in dem Stalin Regime Millionen von Menschen umgebracht wurden)... Einer der Versuche, Kontakt mit den Westmächten aufzunehmen, wurde (mit Hilfe von Metropolit Anastasij und dem Philosophen B.P. Vy¡seslavcev) über die Schweiz unternommen.
Keiner von ihnen wußte, daß das Los der ehemaligen sowjetischen Bürger schon längst von den verbündeten demokratischen Regierungen beschlossen war. Die ersten Gruppen der ubiquitären Russen in deutscher Uniform wurden bereits 1943 von den Engländern und Amerikanern in Nordafrika ergriffen und still und leise einer mündlichen Vereinbarung zufolge durch Ägypten und den Iran an die UdSSR ausgeliefert. 1944 verfuhr man ebenso mit den in Europa gefaßten Gefangenen. Am 11. Februar 1945 wurde diese Absprache in Jalta durch ein geheimes Abkommen zwischen den demokratischen Staaten und Stalin über die Auslieferung aller sowjetischen Bürger an die UdSSR nach dem Stand der Grenzen vom 1. Sept 1939, unabhängig von deren Zustimmung, ratifiziert (General de Gaulle schloß mit Stalin seine “Jalta-Vereinbarung” am 29. Juni 1945 ab15).
Die Auslieferungen wurden zu verschiedenen Zeiten vorgenommen, aber immer auf betrügerischem Wege und mit großer Härte. Die Befreier von Prag (Erste Division), Vlasov und sein Stab wurden von den Amerikanern bereits am 12. Mai ausgeliefert: auf die Stellungen der entwaffneten Vlasov-Soldaten wurden sowjetische Panzer losgelassen, die die fliehenden Menschen erschossen. Die Kosaken mit ihren Familien wurden im Mai-Juni von den Engländern unter Hunderten von Opfern ausgeliefert. Die zweite Division der ROA (bereits ohne Truchin, Bojarskij, @Sapovalov, Zverev) unter dem Kommando von Meandrov wurde interniert und ihr stand die Deportation in die UdSSR in Etappen bevor (nur ein Zehntel von ihr wurde gerettet). Die Auslieferungen fanden in allen Ländern statt, darunter auch in Skandinavien und Amerika, wobei in Frankreich die Tschekisten volle Handlungsfreiheit hatten und die mit Autobussen entweichenden Flüchtlinge einfingen. Nur das kleine Fürstentum Liechtenstein weigerte sich, bei diesem allgemeinen Verrat an der Demokratie mitzumachen.
Die alte Emigration legte gewaltige Anstrengungen zur Rettung ihrer dem Tode ausgelieferten Landsleute an den Tag (man half ihnen, aus den Lagern zu fliehen, versteckte sie, versorgte sie mit falschen Dokumenten). Dabei ist der Verdienst der Auslandskirche kaum zu überschätzen. Auf offizieller Ebene konnte nicht so viel getan werden.
In seinem Buch bemerkt J. Hoffmann ebenfalls: im August 1945 “erhob Metropolit Anastasij Protest gegen General Eisenhower, was zweifellos einen Einfluß auf die Entscheidung ausübte, die Auslieferung zu stoppen”, aber nur zeitweise. Am Vorabend der Auslieferung “protestierte Papst Pius XII. im Februar 1946 in Plattling als Antwort auf die Bitte der Orthodoxen Kirche im Ausland um Hilfe gegen die Repatriierung von Menschen gegen ihren Willen und Verweigerung des Flüchtlingsrechtes”. Der Sekretär des Synods “Erzpriester Graf Grabbe und Oberst Kromiadi besuchten im Auftrag des Synods das Stabsquartier in Frankfurt und versuchten vergebens, eine Aufhebung des Befehls zu erreichen. Man sandte sie zur Regierung nach Washington, aber diese antwortete auf das Schreiben des Synods erst am 25. Mai 1946, als bereits alles abgeschlossen war”16.
Derartige Versuche von seiten des Synods, der Auslieferung Einhalt zu gebieten, gab es zahlreiche. Es gab Priester, die sich mit Kreuzen in der Hand den englischen und amerikanischen Soldaten entgegenstellten, um sie zur Vernunft zu bringen und sie aufzuhalten, aber nicht selten schaffte man sie mit Gewehrkolben und Gummiknüppeln beiseite.
Metropolit Anastasij beschreibt in einem Brief an den amerikanischen Oberkommandierenden Eisenhower eine solche Auslieferung in Kempten: Die Amerikaner fanden “alle Emigranten in der Kirche, wie sie glühend zu Gott beteten, Er möge sie vor der Deportation retten... sie wurden gewaltsam aus der Kirche getrieben. Frauen und Kinder wurden von den Soldaten an den Haaren gezogen und geschlagen ... die Priester versuchten auf jede Weise, ihre Herde zu schützen, aber ohne Erfolg. Einen von ihnen, einen alten und geachteten Priester, zogen sie am Bart heraus. Einem anderen Priester sickerte Blut aus dem Mund, nachdem ihm einer der Soldaten, der ihm das Kreuz aus der Hand entreißen wollte, ins Gesicht schlug. Die Soldaten, die die Menschen jagten, brachen in den Altarraum ein. Die Ikonostase, welche den Altarraum von der Kirche abtrennt, wurde an zwei Stellen zerbrochen, der Altar wurde umgestürzt, einige Ikonen auf den Boden geworfen. Einige Leute wurden verletzt, zwei versuchten, sich zu vergiften; eine Frau, die ihr Kind retten wollte, warf es aus dem Fenster, und ein Mann, der es auf der Straße auffangen wollte, wurde von einer Kugel im Bauch verwundet...”17.
Die Engländer gingen besonders hinterlistig vor, indem sie versicherten, daß “die Auslieferung unvereinbar mit der Ehre Großbritanniens sei”. So geschah es in Österreich, im Lager Peggetz bei Linz (dort war der Kosaken Feldstützpunkt des Generals Domanov, eine halbmilitärische Siedlung). Zuerst wurden alle entwaffnet (unter dem Vorwand des “Waffenwechsels”). Dann wurden die Offiziere am 28. Mai 1945 (angeblich zu einem Vortrag) abgeholt und dem SMERSCH übergeben. Am 1. Juni wurde das Lager (mehr als die Hälfte davon waren Frauen und Kinder) während des Gottesdienstes unter offenem Himmel, unter dem Gesang des Vaterunsers aus tausend Kehlen, im Sturm genommen; man schoß auf die Betenden, schlug mit Bajonetten auf sie ein, die Priester wurden geschlagen, der Altar umgestoßen... Dutzende von Leichen, blutbespritzte Ikonen und Fahnen blieben auf dem Schauplatz zurück. An den folgenden Tagen veranstalteten die Engländer zusammen mit dem SMERSCH eine gemeinsame Jagd auf die Flüchtlinge in den Bergen – die Zahl der Opfer war über 150.
Dabei gingen die Engländer sogar über das Soll der Verpflichtung von Jalta hinaus: “Tausende von Flüchtlingen, die niemals in der Sowjetunion gelebt und ihr Land 1919 als Verbündete der Engländer und Amerikaner verlassen hatten, und die daher überhaupt nicht von dem Abkommen von Jalta betroffen wurden, wurden in Österreich nur auf eine mündliche Übereinkunft hin an den SMERSCH ausgeliefert, so daß man bis heute die ungewöhnlichsten Maßnahmen ergreift, um die Spuren dieser Operation zu vertuschen”18, schreibt N. Tolstoj.
So “waren nach den Verzeichnissen des Kosaken Feldstützpunktes nicht weniger als 68% der Offiziere von Domanov, also etwa 1430 Personen, alte Emigranten” – viele von ihnen waren gewöhnliche Leute und Familienglieder. Unter den der Auslieferung nicht unterliegenden Personen waren die den Engländern aus dem Ersten Weltkrieg und dem Bürgerkrieg gut bekannten Bundesgenossen, die Generäle Krasnov, Schkuro (ausgezeichnet mit dem Englischen Bun-Orden), Sultan-Girej Klytsch (Anführer der Kaukasier). “Man muß schon sagen, daß die alten Emigranten nichts unversucht ließen, um auf ihren Status aufmerksam zu machen. Sultan Girej kam in der vollen Uniform eines Zaren-Offiziers in das Lager von Spittal, General Ku¡cuk Ulagaj schwenkte... seinen albanischen Paß. In Peggetz präsentierten viele Major Davis ihre Nansen-Pässe und Pässe verschiedener europäischer Länder”. Überhaupt konnten die Engländer “den Eindruck gewinnen, daß bei den Kosaken ausschließlich die alten Emigranten den Ton angeben”19.
Dennoch schloß der von dem englischen Brigadegeneral Messon erhaltene “mündliche Befehl vollkommen jede Möglichkeit aus, Kosaken, obwohl sie keine sowjetischen Bürger waren, nicht auszuliefern”. Ein anderer englischer Offizier bezeugt: “Mir war befohlen, den weißen Emigranten in unserem Lager mitzuteilen, daß ihnen die Überführung in ein anderes russisches Kriegsgefangenenlager bevorstehe. Dann mußte ich sie alle, darunter auch Frauen und Kinder, auf Lastwagen verladen, in die sowjetische Zone bringen und den sowjetischen Behörden übergeben”20.
Viele, die wußten, daß ihnen Marter und Hinrichtung bevorsteht, setzten ihrem Leben gleich nach der Auslieferung ein Ende, um der erzwungenen Lossagung von ihren Idealen zu entgehen. Metropolit Anastasij gestattete die Aussegnung solcher Selbstmörder, denn “ihre Tat kommt dem Heldentum der Hl. Pelagia von Antiochia (8. Okt.), die sich von einem hohen Turm herabstürzte, um Schimpf und Schande zu entgehen, näher als dem Verbrechen des Judas”21. An den Orten besonders blutiger Auslieferungen zelebriert die Russische Auslandskirche alljährlich Panichiden, zu denen Russen aus verschiedenen Ländern zusammenkommen.
Dieser Krieg war die schwerste Prüfung für unser gesamtes Volk. Getrennt durch die sowjetische Grenze und Frontlinie hatten die einzelnen Volksteile verschiedene Möglichkeiten, für die Verteidigung Rußlands vor seinen diversen Feinden zu wirken. Daher wurde auch die Wahl des geringeren Übels auf unterschiedliche Weise von ihnen getroffen. Diese komplizierte moralische Frage hing nicht nur von dem geographischen Aufenthaltsort, sondern auch von der persönlichen Einschätzung einer ganzen Reihe von Faktoren ab: der Ziele Hitlers, des Terrors Stalins, der Möglichkeit, daß sich die kommunistische Macht in Richtung Patriotismus entwickelt, des antikommunistischen Potentials im Volke, der Möglichkeit der Formung einer unabhängigen russischen Kraft gegen Stalin und Hitler.
Sogar in der sowjetischen Armee wurde diese Frage nicht von allen einheitlich entschieden: dort gab es auf 16 Gefangene einen Überläufer, während in den westlichen Armeen zu jener Zeit ein Überläufer auf 4692 Gefangene kam. Gegen Sommer 1943, noch vor der Schaffung der ROA, kämpfte bereits freiwillig in Form von kleinen Einheiten etwa eine Million ehemalischer sowjetischer Armeeangehöriger auf deutscher Seite (während in den Jahren des ersten Weltkrieges von den 2,5 Millionen russischen Gefangenen nur 2000 ukrainische Unabhängigkeitskämpfer den Versprechungen glaubten und zur deutschen Armee überliefen)22. Solche Ziffern sind schwer mit einfachem Verrat zu erklären. Eigentlich war es eher eine Fortsetzung des Bürgerkrieges im Rahmen des zweiten Weltkrieges. Man kann sich seinen Ausgang nur vorstellen, wenn die Deutschen sich zur Aufstellung einer russischen Nationalregierung entschlossen hätten.
Es ist leicht, über die Vergangenheit zu urteilen, wenn man weiß, womit alles endete. Schwerer war es, eine Entscheidung zu fällen, als noch alles ungewiß war, aber man nicht umhin konnte, eine Wahl zu treffen. Daher haben jene Ankläger, die nicht selbst vor der schwierigen Frage standen, kaum das Recht, jenen Teil der Emigration zu bezichtigen, die sich nicht davor drückte, seinem Volk zu HIlfe zu kommen – in der Form, in der es den Umständen entsprechend möglich war.
Umso weniger hat jemand das Recht, die auslandsrussische Geistlichkeit zu beschuldigen, die ihre russischen Brüder, die diese Wahl trafen, nicht ohne geistliche Fürsorge ließ. Als Besiegte zahlten sie alle einen viel zu hohen Preis – wie übrigens auch die Sieger. Unser ganzes schwer geprüftes Volk zahlt bis jetzt für die Taten jener, die 1917 die Macht ergriffen und deren heutigen Nachfolger.z

1 Kromiadi K. Für die Heimat, für die Freiheit... S. 172.
2 Kazancev, A. Die dritte Macht. Frankfurt a.M. 1974. S. 166-167.
3 Kromiadi K. Für die Heimat, für die Freiheit... S. 172.
4 Steenberg S. Vlasov. Melbourne 1974. S. 99.
5 Konstantinov D., Erzpr. Notizen eines Militärpriesters. Canada 1980. S. 26.
6 Vgl. Kiselev A., Erzpr. Die Gestalt des Generals Vlasov, New York. S. 134.
7 Konstantinov D. Erzpr. idem S. 20.
8 Benigsen G., Erzpr. Auf dem Wege zur Autokephalen Amerikanischen Metropolie (Vestnik RSChD) 1970. No. 95-96. S. 59-61.
9 Kromiadi K. Über das Buch von Erzpr. Alexander Kiselev (Zarubesch’e) München 1978. No. 3-4. S. 38
10 Nikolaevskij B. Defätismus 1941-1945 und General A.A. Vlasov (Novyj Journal) 1948. No. 19. S. 139-140.
11 Kazancev A. idem. S. 289-290.
12 Kovalevsky P. La Dispersion Russe. Chauny (Aisne). 1951. P. 41.
13 Hoffmann J. idem. S. 334-335.
14 Russisch Orthodoxe Kirche im Ausland. S. 17. S. auch: Russisch-Amerikanischer Orthodoxer Bote. 1946. No. 1. Calendar of the Serbian Orthodox Church in the USA and Canada, 1991, p. 105.
15 Tolstoj N. Opfer von Jalta. Paris. 1988. S. 415, 438.
16 Hoffmann J. idem. S. 252-254.
17 Zit. nach Kiselev A., Erzpr. idem. S. 194.
18 Tolstoj N. idem. S. 4.
19 Ebenda S. 177, 274.
20 Ebenda S. 277, 283.
21 Orthodoxe Russische Auslandskirche. S. 23.
22 Hoffmann, J. idem. S. 7-8, 1265, 272. Tolstoj N. idem S. 22