S.E. Amfilohije, Metropolit von Montenegro

Die Große Fastenzeit – Vorbereitung auf die Auferstehung
Aus einer Predigt am Vorabend der Großen Fasten im Kloster Cetinje



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 1

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Heute, liebe Brüder und Schwestern, endet ein Abschnitt unseres Lebens und mit dem Beginn der Großen österlichen Fastenzeit beginnt ein neuer Abschnitt. Die Kirche setzte die Fastenzeiten von alters her ein. Sie stellen einen Teil unseres christlichen Lebens dar. Die größten Menschen Gottes, die heiligen Propheten vor Christus, ja der Herr Selbst, Seine heiligen Jünger und ihre heiligen Nachfolger, die Schüler der Apostel wie auch alle heiligen Gottesmenschen aller Zeiten, wurden gemeinsam mit anderen Tugenden auch mit dieser wunderbaren und großartigen Tugend des heiligen Fastens geziert.
Das Fasten ist also nicht etwas Zweitrangiges im kirchlichen Leben, das Fasten ist nicht irgendeine kirchliche Disziplin, irgendein Gesetz, welches für den Menschen unnatürlich, ihm aufgezwungen wäre. Auch stellt das Fasten nicht etwa lediglich die Enthaltsamkeit von körperlicher Speise dar, die Enthaltsamkeit von Fleisch, Eiern und Käse. Das Fasten ist etwas, das zur Natur des Menschen selbst gehört.
Damit uns dies deutlicher wird, müssen wir uns in die Geschichte der ersten Menschen auf der Erde vertiefen, Adams und Evas, denen Gott das Fasten auftrug, als Er ihnen dieses erste Gebot im Paradies gab: von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse nicht zu essen. Dies ist eine große Wahrheit und eine tiefschürfende Weisheit, über die man länger und ausführlicher sprechen müßte. Doch wir sagen nur in Kürze, daß dieses Gebot nach der Auslegung und der Erfahrung der heiligen Väter in Wirklichkeit zur Prüfung der menschlichen Treue gegenüber dem gerechten und wahren Gott gegeben war.Dieses Gebot war ein Aufruf an den Menschen, seine Stellung gegenüber den von Gott empfangenen Gaben in einer freien Willensentscheidung festzulegen, gegenüber Gaben, die nicht verdient waren, sondern als Geschenke empfangen. Durch diese Gaben sollte sich der Mensch auch in Hinsicht auf den Herrn Selbst festlegen. Durch diese Gebote eröffnete der Herr dem Menschen die Art seines Verhältnisses gegenüber Gott als seinem Schöpfer, und gegenüber dem Nächsten, den Brüdern, den anderen Menschen ebenso wie die Art des Verhältnisses zu den ihn umgebenden Geschöpfen Gottes, denn von der Art des Verhältnisses des Menschen zu Gott, zum Nächsten und zur Schöpfung hängt es ab, ob er den wahren Sinn seines Lebens verwirklicht, ob er ein rechter und wahrer Mensch sein wird, ob er wahrhaftig das erreicht, was Gott für ihn vorherbestimmte und in seine Natur legte. Daß er nicht nur das darstellt, was er als jemand ist, der nach Gottes Abbild geschaffen wurde, sondern damit er zu dem wird, was ihm zu erreichen vorgegeben ist, damit er nach Gottes Ebenbild werde, daß er noch tiefer und wahrhaftiger Gott ähnlich werde, daß er Gott Selbst in sich aufnehme, und nicht nur die Gaben Gottes.
Von dem Moment an, als der erste Mensch diese Gebote Gottes verwarf, erschütterte er sein Verhältnis zu Gott, da er die vergängliche Welt mehr achtete und mehr liebte als Gott Selbst, die vergängliche Speise mehr als Gott und Sein Gebot und Sein Wort als ewige Speise. Der Mensch übertrat das Gebot und trennte sich dadurch von Gott und tauchte in das Vergängliche ein, wodurch er die rechte Einstellung zur Schöpfung um sich herum verlor, und schließlich auch die rechte Einstellung zu seinem Nächsten. Und es ist nicht erstaunlich, daß unter den ersten Brüdern auf der Erde ein Mörder erschien. Kain brachte seinen Bruder Abel um, weil das Böse, das den menschlichen Geist mit dem Fall des Menschen befallen hatte, wie ein böser Same zu wachsen und im Menschen zu wirken und seine Seele zu verfinstern begann. Seine Werke verwandelten sich nun in solche Werke, die seiner unwürdig waren und seiner Berufung hier auf der Erde. Deshalb sind alle Menschen Gottes, die zu Gott zurückkehren und sein Gebot halten wollten, welches dem Menschen als Wegweiser in diesem Leben dient und welches seinen Weg erleuchtet; all diese Menschen, die ihren Nächsten in rechter Weise lieben wollten, die verstehen wollten, wer ihr Nächster ist, und was es in diesem Nächsten zu lieben gilt, und all die Menschen, denen daran gelegen war, die rechte Einstellung zu Gottes Schöpfung um sich herum wiederherzustellen, sie in einer Weise zu nutzen, die von Gott gesegnet ist, und nicht in einer Art, die nicht gesegnet sondern verflucht ist, all sie kehrten zu Gottes Gebot zurück, zum Gebot des Fastens, der Enthaltsamkeit.
Auf diese Weise erleuchtete der Herr die Wimpern ihrer Seelen. Führte sie wieder zu Sich zurück und zum rechten Weg. Zu Sich als dem rechten Weg. Gott beschenkte sie von Neuem mit wahrer und rechter Erkenntnis. Wie Er zum Beispiel Moses den Gottesschauer auf dem Berg Sinai beschenkte, als jener 40 Tage fastete und 40 Nächte. Wie auch andere große Propheten: den Propheten Elias, den Propheten und Patriarchen Abraham, als er sich vom Land seiner Väter lossagte (die Entsagung aber ist das Wesen des Fastens) und in das Land zog, welches Gott ihm zuwies. Dadurch nahm er sein Kreuz auf sich. Denn das Geheimnis des göttlichen Gebotes ist das Geheimnis des Kreuzes und das Geheimnis unseres Weges zum Herrn durch das Kreuz, d.h. die Kreuzigung unseres Willens und die Kreuzigung unserer Leidenschaften und Lüste, damit wir den göttlichen Weg beschreiten können, den wahren Weg. So trugen ihr Kreuz auch die Apostel.
Auch der Herr Selbst gab uns das Beispiel Seines eigenen vierzigtägigen Fastens. Obwohl Er sündlos war, obwohl Er Gott Selbst war, obwohl Er den Willen Seines Himmlischen Vaters erfüllte, obwohl Er kein einziges Gebot übertrat, nahm Er um unseretwillen, unserer Rettung willen, das Fasten auf Sich und zeigte dadurch, wie bedeutend es ist, wie wesentlich, wie wichtig für das menschliche Leben, für die menschliche Wiedergeburt, für die Reinigung des Menschen, die Erleuchtung des Menschen, die Erhellung des Menschen. Deshalb auch lehrt die Kirche durch Jahrhunderte ihre Kinder das Fasten, und zwar leibliches und geistliches Fasten, wie wir an diesen Tagen singen werden: laßt uns, Brüder, leiblich fasten, laßt uns auch geistlich fasten.

Das Gebet des heiligen Ephräm des Syrers
Diese heilige Fastenzeit wird als wunderbares und gesegnetes Fasten bezeichnet, als lichtes Fasten, und noch als Fasten der gegenseitigen Versöhnung unter den Menschen und als Fasten unserer Versöhnung mit Gott. Fasten, das die Seele auferweckt, das von der Sklaverei der Sünde befreit, Fasten, das verklärt, Fasten, das erweckt. Fasten, welches immer von Neuem im Laufe des Jahres wiederholt wird, im Laufe aller Jahre unseres Lebens und mit dessen Hilfe sich diejenigen, die sich wahrhaftig darin üben, sich Gott und einander annähern und das große Heiligtum des Lebens entdecken, mit dem uns Gott beschenkt hat. Wunderbar sind alle Gebete dieses heiligen Fastens. Dies ist der reichste Abschnitt des gottesdienstlichen Lebens im Laufe des Jahres. All diese Gebete, indessen, könnten zusammengefaßt werden in den Worten, die wir am Ende des Abendgottesdienstes sprachen, im Gebet des heiligen Ephrems des Syrers, des großen und wunderbaren Kirchenvaters, in diesen Worten, die da lauten: “Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Trägheit, des Kleinmuts, der Herrschsucht und der Schwatzhaftigkeit gib mir nicht.”
Kurze Worte, ein kurzes Gebet, aber darin ist unser gesamtes menschliches Schicksal enthalten. Dem Menschen, dem es gelingt, in seinem Leben die Worte dieses Gebets zu erfüllen, reicht das für sein ganzes Leben und dafür, daß er durch diese Worte und ihre Verwirklichung Friede und Freude im Heiligen Geist erreicht, jene Freude, die nur Gott reinen und gesegneten Seelen schenken kann. “Herr und Gebieter meines Lebens”: zunächst bekennen wir Ihn als unseren Herrn und bitten Ihn, daß Er nicht zulasse, daß der Geist der Eitelkeit, des Müßiggangs, uns besiege, der Geist, der unser Leben zerstört, denn Gott hat uns nicht für den Müßiggang geschaffen, sondern für die Arbeit, das Wirken, das Schaffen, die Askese, das Tun von Gutem. Also, diesen Geist der Eitelkeit und des Müßiggangs, oder wie man übersetzt den Geist des Kleinmuts oder der Verzweiflung, der, wie wir sagen würden, geistlichen Zersetzung, laß nicht Gewalt über mich gewinnen. Und noch ein Geist wird hinzugefügt: den Geist der Herrschsucht und der Schwatzhaftigkeit”. Die schlimmste Krankheit, an der die menschliche Gesellschaft leidet, an der die Menschheit leidet, ist eine Krankheit, die so deutlich in der gegenwärtigen Welt zutage tritt, die von Kriegen auf allen Meridianen blutig bestätigt wird, ja auch hier unter uns, das ist die Krankheit der Machtgier. Um der Macht willen verlieren die Menschen das Gesicht, ein Bruder vernichtet den anderen, um der Macht willen mißachten die Menschen einander, drängen sich wie Würmer, um der Macht willen hat der Mensch die Moral verloren und die Achtung für alles, was den wahren und wirklichen Menschen ziert. Um der Macht willen verlieren Menschen selbst ihr Leben, und vernichten fremdes Leben. Ist der Familienvater machtgierig, so zerstört er die Familie; ist die Frau in der Familie machtgierig, will sie herrschen und befehlen, so zerreißt sie die Zukunft ihrer Kinder; sind die Kinder machthungrig, verachten sie das Heiligtum des Familiennestes, Mutterschaft und Vaterschaft, als deren Folge sie in diese Welt kamen; sind die Bürger einer Stadt machthungrig und die Bewohner eines Dorfes, so ist dies Quelle großer Schrecken und großen Unglücks. Deshalb bitten wir auch in diesem Gebet zu Gott, daß Er uns von Machtgier befreien möge, von dieser bösen Krankheit, und gleichzeitig, daß Gott uns von Schwatzhaftigkeit befreien möge. Wieviele leere Worte sprechen wir von morgens bis abends. Leer sind in uns all jene Worte, die wir vor anderen Menschen verbergen, und all das, was in uns und außerhalb unser nicht vom Guten spricht, von Gott, vom Heiligtum. All das ist eitel und nichtig, fruchtlos, und diese Schwatzsucht zersetzt uns; jedes böse Wort, jeder Fluch, all das ist eitel. Das Wort, das denjenigen zersetzt, der es ausspricht, und diejenigen zersetzt, die ihn umgeben. Die Schwatzhaftigkeit ist so gefährlich, daß das Evangelium sagt, daß wir beim Jüngsten Gericht für jedes leere Wort Rechenschaft ablegen müssen! Was wird also aus uns, aus denen, die unaufhörlich fallen, wieviele unser auch seien, die in dieser Sünde der Schwatzhaftigkeit verstrickt sind, eitler, leerer Worte, umso mehr wenn dies böse Worte sind, grobe Worte, wenn dies Worte des Fluchens sind, schmutzige Worte, wenn es Worte sind, die den anderen Menschen neben uns töten! Nichts kann ja so töten, wie ein grobes und böses Wort, das aus dem menschlichen Mund entspringt. Dafür also haben wir das Gebet des heiligen Ephräm – daß Gott uns im Laufe der Fasten von dieser Schwatzhaftigkeit befreien möge.
Wenden wir uns kurz den anderen tiefsinnigen Wahrheiten zu, die in den folgenden Bitten dieses Gebets enthalten sind: “Schenke mir hingegen, den Geist der Weisheit, der Demut, der Geduld und der Liebe.” Die tiefsten, die vollkommensten Tugenden, die der Mensch hier auf der Erde erwerben kann, werden ihm hier eröffnet und angeboten. Der Geist des gesunden Denkens und der Keuschheit, der Geist der Ganzheitlichkeit, der Geist der geistlichen Konzentration, der Geist der psycho-physischen Sammlung, das heißt jener Geist, der alle menschlichen Kräfte sammelt. Wie in der Pupille das Licht gesammelt wird, so sammelt auch diese Tugend alle menschlichen geistlichen und körperlichen Kräfte, und dann bewegt sich der so gesammelte, so keusche, so heile, innerlich geheilte und gesundete Mensch und dreht sich wie die Blüte der Sonnenblume, zu Gott, zur Ewigen Weisheit. Und die Ewige Weisheit siedelt sich in ihm an, und der Mensch wird zu einem rechten und wahren Wesen, und das ist ohne Demut nicht möglich. Der Stolz vertrieb die ersten Menschen aus dem Paradies. Stolz ist das böse Gebrechen, das das Menschengeschlecht zerstört, die menschliche Brüderlichkeit und menschliche Gemeinschaft zerstört, das den Menschen zerstört und von Gott als dem Quell alles Guten entfremdet. Denn wenn der Mensch stolz wird, dann braucht der stolze Mensch weder Gott noch den Nächsten, und er bleibt ganz allein und verlassen, entfremdet von allen und jedem,wie der unfruchtbare Feigenbaum, der in das Feuer geworfen wird, der keinerlei Frucht bringt.
Die Demut ist die erste und grundlegendste christliche Tugend, daher ist sie auch die erste Seligkeit: selig sind die armen im Geiste, d.h. jene, die demütig sind, denn ihrer ist das Himmelreich. Nur Demütige und demütig Gesinnte gehen in das Reich Gottes ein, nur den Demütigen öffnet sich Gott, und keinem anderen, und Demut ist nicht anders zu erreichen als durch wahre Reinheit, Reinheit aber ist nicht ohne geistliche und körperliche Enthaltsamkeit zu erreichen, d.h. ohne Fasten an Seele und Leib. Und deshalb also beten wir, daß Gott uns den Geist der Keuschheit und den Geist der Demut schenke, der Duldsamkeit und Liebe. Geduld ist die schwierigste Tugend hier auf der Erde, aber sie ist die Tugend, ohne welche es keine wahre Reifung gibt. So wie die Erde alle Unbillen erträgt, sowohl das Pflügen und Umgraben, als auch das Säen, sie billigt Unwetter und Regen und Schnee, aber wenn die Erde das alles erduldet hat, dann entspringt aus ihr eine wirkliche, reine Frucht, so auch die menschliche Seele. Auch sie ist Erde, die von Gott gegeben ist, damit wir sie pflügen und bearbeiten und guten Samen aussäen, ewigen Samen damit dann in dieser Seele mit Hilfe der Geduld und Ausdauer und aller anderen Tugenden dieser Same, der von Gott und Gottes Hand gesät ist, wahre und wirkliche Früchte bringen kann. Den Geist der Liebe, wahrer tatsächlicher Liebe, welche in Gottesliebe und Nächstenliebe besteht, kann man nur dann erhalten, wenn man den Geist der Keuschheit besitzt, der Demut und Geduld.
Und schließlich die dritte Bitte des heiligen Ephräm des Syrers: “Ja, Herr und König, laß mich sehen meine Fehler und nicht richten meinen Bruder (den Nächsten), denn Du bist gesegnet in alle Ewigkeit. Amen.”, die uns an die große Wahrheit erinnert, die tragische Wahrheit unseres menschlichen Lebens. Daß wir Menschen meistens dazu bereit sind, einen Stein gegen unseren Nächsten zu werfen; daß wir den Splitter im Auge unseres Bruders sehen, aber den Balken im eigenen Auge nicht erkennen; daß wir fremde Sünden sehen und unaufhörlich von diesen fremden Sünden sprechen, und daß wir ständig einander zu berichtigen suchen, uns selbst aber vergessen und daß wir nicht sehen, daß dies alles mit uns geschieht, weil in unserer Seele das ist, was uns versklavt und vergiftet hat. Deswegen ist dieses Gedenken in unserer Seele im Laufe dieser Fasten ununterbrochen, denn dieses Gebet wird jeden Morgen und jeden Abend während der Großen Fastenzeit wiederholt, und auf diesem Wege erinnert uns das unser ganzes Leben lang daran, daß wir in erster Linie lernen müssen, unsere eigenen Sünden zu sehen, uns selbst anzuschauen und dann auch darüber hinaus anderen helfen zu können. Deswegen sagen wir auch: Ja, Herr, König, gewähre mir meine Sünden zu sehen und nicht meinen Bruder zu verurteilen. Jeder, der seinen Bruder verurteilt, fällt damit ein Urteil über die Ikone Gottes. Denn wer sind wir denn, daß wir diejenigen verurteilen, die ihren Herrn haben! Für jeden Menschen ist der Herr der Herrscher, und nicht wir sind Herren, und dann ist Gott Derjenige, Der als Einziger Richter das Recht besitzt, die Menschen nach ihren guten und bösen Werken zu richten, wir aber müssen auf unsere Versündigungen schauen, um unsere Sünden zu erkennen, und uns von Tugend erfüllen zu lassen, und diese Tugend wird die beste Methode und das beste Mittel sein, um anderen um uns herum zu helfen, die das annehmen wollen, so daß auch sie sich bessern, daß auch sie zum wahren Maß der menschlichen Würde heranwachsen können.
Dieses kurze Gebet des heiligen Ephräm des Syrers, das wir hier kurz erklärten, stellt das Wesen dieser heiligen Fastenzeit dar. Es wird im Laufe der Fastenzeit ununterbrochen wiederholt und erinnert uns ständig an unsere wichtigste Aufgabe, unsere grundlegenden christlichen Pflichten, die wir in unserem ganzen Leben beachten und insbesondere in der großen und heiligen Fastenzeit erlernen müssen. Das Erste und Wichtigste aber, was die Kirche von uns in diesen Tagen des heiligen Fastens verlangt, ist, daß wir einander vergeben, denn nach dem volkstümlichen Sprichwort bittet sogar der Vogel beim Vogel auf dem Berg um Vergebung, auf daß auch Gott uns vergebe. Deshalb wird der heutige Tag auch als Sonntag der Vergebung bezeichnet, denn wenn die Vögel einander um Verzeihung bitten, dann muß dies umso mehr der Mensch beim Menschen tun, Bruder beim Bruder. Bitten wir also an der Schwelle der Großen Fasten einander um Verzeihung, damit auch Gott uns verzeihe.
Wir haben gesündigt, alle haben wir gesündigt, wissentlich und unwissentlich, bewußt oder unbewußt, im einen oder anderen, sei es in Worten oder Gedanken oder Taten, willentlich oder unwillentlich, und deshalb ist es so wichtig, diese herrlichen Fasten mit gegenseitiger Vergebung zu beginnen. Damit wir – soweit dies uns Menschen möglich ist – uns würdig vorbereiten und die Lichte Auferstehung Christi verherrlichen können; damit wir durch die eigene geistliche Reinigung und Vervollkommnung auch am Geheimnis der Großartigen Auferstehung Christi teilhaben dürfen, an der Auferstehung des Himmels und der Erde, der Auferstehung aller Toten aller Generationen und all jener, die auf dieser Erde leben werden. Amen.
(aus der Zeitschrift “Svetigora”, Nr. 26, April 1994)