Metropolit Antonij

Die Lehre der Kirche über den Heiligen Geist

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1997, 2

(Auszüge aus einem gleichnamigen Aufsatz aus dem Buch “Moralische Ideen der wichtigsten christlichen Dogmen” von Metropolit Antonij, Montreal 1963)


Das Wirken des Heiligen Geistes durch die Herzen der Menschen offenbart sich in recht vielfältigen Erscheinungen, obwohl natürlich die Hauptgabe Gottes an die Seele des Ihm zustrebenden Menschen immer ein und dieselbe ist, nämlich die Erleuchtung der Seele jedes einzelnen, und durch ihn der gesamten christlichen Gesellschaft, ja sogar der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen. Das Wesen unserer Gebete ist ja gerade die Anrufung der Hilfe Gottes für unseren moralischen Kampf gegen die Sünde oder die Herbeirufung des Heiligen Geistes, was der Himmlische Vater uns nicht verweigern wird. Dessen vergewissern uns die folgenden Worte Christi: “So denn ihr, die ihr arg seid, könnt euren Kindern gute Gaben geben, wieviel mehr wird der Vater im Himmel den heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!” (Lk. 11, 13).
Wir wiesen bereits auf den zentralen und wichtigsten Punkt unserer Beziehungen zu Gott und unserer Seele hin; wollen wir uns nun den Einzelaspekten zuwenden: einer davon ist ist die Manifestation der Gnadengaben des Heiligen Geistes im Leben der Allgemeinheit, andere betreffen die sich allmählich heranbildende gnadenerfüllte Ausrichtung der menschlichen Seele in ihrem geistigen Wachstum. “Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist. In einem jeglichen offenbaren sich die Gaben des Geistes zu gemeinem Nutzen. Einem wird gegeben durch den Geist zu reden von der Weisheit, dem anderen wird gegeben, zu reden von der Erkenntnis nach demselben Geist; einem anderen der Glauben, in demselben Geist, einem anderen die Gabe, gesund zu machen in dem einen Geist, einem anderen die Kraft, Wunder zu tun, einem anderen Weissagung, einem anderen, Geister zu unterscheiden, einem anderen mancherlei Zungenrede; einem anderen, die Zungen auszulegen. Dies alles aber wirkt derselbe eine Geist und teilt einem jeglichen das Seine zu, wie er will” (1. Kor. 12, 4-11).
Hier sollte nochmals erinnert werden, daß die Lehre Christi und der Kirche nicht eine Seite des Lebens von der anderen sondert, vielmehr ihre Untrennbarkeit betont: Je mehr der Nachfolger Christi in der Stille und Tiefe seines Herzens vom Heiligen Geist erfüllt wird, umso kühner tritt er unter den Menschen auf, umso unbesiegbarer wird sein Wort. In diesem Sinne überzeugte der Herr Seine Apostel, daß die zukünftige Nähe des Heiligen Geistes für sie wesentlicher ist als sogar das physische Verweilen Christi des Erlösers unter ihnen. “Es ist euch gut, daß ich hingehe. Denn wenn ich nicht hingehe, so kommt der Tröster nicht zu euch. Wenn ich aber gehe, will ich ihn zu euch senden” (Joh. 16, 7). Noch zuvor erklärte der Herr dem Evangelisten Johannes, wie eng Seine erlösende Passion mit der Ankunft des Heiligen Geistes zusammenhängt. “Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von des Leibe werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, welchen empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da, denn Jesus war noch nicht verherrlicht” (Joh. 7, 37-39). Natürlich darf man sich die kausale Verbindung zwischen dem Hingang Christi zu seinen Leiden, dem Aufstieg in den Himmel und der Herabsendung des Heiligen Geistes nicht in naiver Form vorstellen, wie es in einigen dogmatischen Lehrbüchern der Fall ist, die hier nicht den Leidensweg Jesu Christi im Auge haben, sondern nur Seine Auffahrt in den Himmel und von dort die Niedersendung des Heiligen Geistes, als ob dies etwas physisch Greifbares wäre. Es geht hier vielmehr um die Durchleuchtung und Erleuchtung der Menschheit und insbesondere der Gläubigen durch die Leiden Christi und um Besiegelung dieser Erleuchtung durch die Herabkunft des Heiligen Geistes.
Den Jüngern Christi waren auch bis dahin die Anfangsgründe des Heiligen Geistes nicht fremd (Joh. 20,22 und Röm. 8,23) und daher konnten sie jenes unaussprechliche Gut, jene durch nichts zu ersetzende Seligkeit vorausahnen, die ihnen am Pfingsttag verliehen würde, wenn sie die Fülle der Gaben empfangen würden. Deshalb betrübten sie sich nicht über die äußerliche Trennung vom Meister am Tage Seiner Himmelfahrt, sondern sein Aufsteigen in den Himmel mit entzücktem Blick betrachtend, “kehrten sie wieder nach Jerusalem mit großer Freude” (Lk. 24,52), in Erwartung der verheißenen zweiten Taufe durch den Heiligen Geist “nicht lange nach diesen Tagen” (Apg. 1,5) oder “angetan mit Kraft aus der Höhe” (Lk. 24,49).
Bis zu jenem fünfzigsten Tag blieb Christus mit ihnen und vor ihnen, aber jetzt wird Er in ihnen sein durch den Heiligen Geist, der sie erleuchtet und erhellt. Deshalb sprach auch der Apostel Paulus: “Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir” (Gal. 2, 20). Nun sagten wir aber vorher, daß wir auch das Wirken des Heiligen Geistes im Leben der Gesellschaft, im allgemein kirchlichen Leben behandeln wollen, die Teilnahme Seiner Kraft, Seiner Göttlichen Hypostasis in jenem Kampf des Guten mit dem Bösen, des Glaubens mit dem Unglauben und der Widersetzung gegen Gott, in dem das Leben der Welt vor sich geht und bis zum letzten Ende weitergehen wird. Der Herr selbst geht in Seinen Voraussagen über die Herabsendung des Heiligen Geistes, wo Er kurz erwähnte, daß der Tröster mit Seinen Nachfolgern in Ewigkeit sein wird und sie an all das erinnern wird, worüber Christus zu ihnen sprach (Joh. 14,17; 26), bald zur Erläuterung Seiner Wirkungen in der Welt, in der Christus und Seinen Jüngern feindlich gesonnenen Welt, über. “Und wenn derselbe kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht; über die Sünde: daß sie nicht glauben an mich; über die Gerechtigkeit: daß ich zum Vater gehen und ihr mich hinfort nicht sehet; über das Gericht: daß der Fürst dieser Welt gerichtet ist” (Joh. 16, 8-11). Worte, die den Lesern ebenso wie seinen allerersten Zuhörern nicht augenblicklich verständlich sind (Joh. 12,13).
Bei diesen Worten muß man unbedingt verweilen. Obwohl Christus der Erlöser auch Selber eine gewisse Erläuterung dazu gibt, reicht sie dennoch für unser unzulängliches Verständnis nicht aus und bedarf einer Ergänzung. Auf welche Weise tut der Heilige Geist der Welt die Augen auf? Wer ist diese Welt? Klar ist, daß die Welt Christus und der Gemeinschaft Seiner Prediger und überhaupt Seiner Nachfolger feindlich gesonnen ist. Auf welche Weise überführt der Geist sie der Sünde des Unglaubens an Christus? Darin natürlich, daß der Unglaube beschämt wurde, unfähig zu antworten war, und der Verkündigung der Jünger Christi nur durch rohe Gewalt erwidern, aber nichts Wirkliches entgegenhalten konnte. Das kommt mit besonderer Kraft in der Berichterstattung über das Martyrium des Hl. Stephanus zum Ausdruck. “Und sie vermochten nicht zu widerstehen der Weisheit und dem Geiste, aus welchem er redete” (Apg. 6, 10). Sie verleumdeten ihn sodann, zogen ihn zum Gericht vor das Synhedrion, wo gemäß dem Gesetz Zeugen gefordert waren; aber diesmal traten falsche Zeugen auf, und als Stephanus eine ausführliche Rede zu seiner Rechtfertigung hielt, worin er sich als einen echten Juden und Ehrer des Gesetzes bekannte, da “sahen alle auf ihn, die im Rat saßen und sahen sein Angesicht wie eines Engels Angesicht” (V. 15); aber als er sie am Ende seiner Rede anzuklagen begann, daß sie stets so wie ihre Väter dem Heiligen Geist widerstreben (V. 51), “da ging’s ihnen durchs Herz und sie knirschten mit den Zähnen über ihn” (V. 54 – ein Verhalten, das immer ohnmächtige Bosheit anzeigt), und indem sie sich über das Gesetz vom Gericht (Deut. 13,14) und den Zeugen (Deut. 19,15-19) einfach hinwegsetzten, stürmten sie auf ihn ein, warfen Steine auf ihn und machten sich so des rechtlichen Vergehens der eigenwilligen Abrechnung schuldig (Joh. 18,31); in einem Ansturm von Bosheit hinterließen sie sogar noch materielle Zeugnisse ihres Verbrechens zu den Füßen des jungen Saulus (V. 58).
Die Bloßstellung des Synhedrions durch Stephanus war die erste Bewahrheitung der Voraussage des Erlösers, daß der Heilige Geist der Welt die Augen öffnen wird über die Sünde und den Unglauben. Unter Welt sind hier die eingebürgerten Sitten, die öffentliche Meinung, die Ausrichtung der Verwaltungsgeschäfte zu verstehen. Bis zur Herabkunft des Heiligen Geistes wurde all dies nur durch den Erlöser selber bloßgestellt. Danach ging die öffentliche Meinung bald auf Seite Seiner Nachfolger über, und die Welt wurde als im Unrecht seiend entlarvt, und die Feinde Christi begannen gar zu fürchten, daß das Volk sie steinigen würde (Apg. 2, 47; 4, 21; 5, 26).
Die zweite Bloßstellung ist “über die Wahrheit, daß Ich hingehe zu Meinem Vater und ihr mich nicht mehr seht”. Was bedeutet dies? Und diese Vorhersage über die ständige Verleumdung der Jünger Christi durch die Heiden und Juden, Er sei angeblich hingerichtet worden und gestorben und folglich “ein Verführer” (Mt. 27,63)? Doch die von ihrem Meister beflügelten und begeisterten Apostel werden sich diesen Anschwärzungen mit solcher Kühnheit widersetzen und Seinen Feinden, der Wache am Grab, die Wahrheit über Seine Auferstehung eingeben, und danach über die Himmelfahrt, daß sie ihre Herzen Ihm zuwenden wird. Solange der Heilige Geist noch nicht herabgekommen war, konnten die Apostel ihren Augen und Händen nicht glauben, daß der Herr auferstanden war, aber nach der Herabkunft des Heiliges Geistes begannen sie ihre Verkündigung in der Überzeugung Seiner Auferstehung von den Toten und sogleich bekehrten sie um die 3000 und 5000 Menschen zum Glauben (Apg. 2, 38-41 und 4, 1-4). Man könnte noch eine Menge Stellen aus der Apostelgeschichte und den Episteln anführen, aus denen sichtbar wird, daß einer der Zentralpunkte der apostolischen Predigt, nämlich jene Wahrheit, durch die der Göttliche Geist die Welt bloßstellen und lehren wird, besagt, daß Er nicht deshalb unsichtbar ist, weil Er starb und begraben ward, sondern deshalb, weil Er von den Toten auferstand und zu Seinem Vater in Herrlichkeit in den Himmel ging, der Ihn aufnahm bis zu der Zeit, da alles wiedergebracht wird... (Apg. 3, 21).
Die dritte Bloßstellung der Welt durch den Heiligen Geist betrifft das Gericht, daß der Fürst der Welt verurteilt ist. Ganz klar ist hier der Satan gemeint, den die zeitgenössischen Juden auch als den Obersten der bösen Geister (Mt. 9, 34) bezeichneten, während der Apostel Paulus ihn den “Mächtigen, der in der Luft herrscht und sein Werk hat in den Kindern des Unglaubens hat” nennt. Die Verdammung des Obersten der bösen Geister als des Herrn der gottesfeindlichen Welt und damit der stets der Kraft Christi feindlichen Welt, wird bedingt durch die Entschlossenheit des Herrn, die erlösende Passion auf Sich zu nehmen. Nachdem Er sich endgültig solch einen Ausgang bestimmt hatte nach der Unterhaltung mit den Hellenen, die zu Ihm gekommen waren (welche nach Eusebios von Cäsarea Ihm einen Brief von dem König von Edessa mit der Warnung über den bevorstehenden Beschluß der Feinde Christi, Ihn zu töten, überbrachten), und dem triumphierenden Zeugnis vom Himmel, rief der Herr aus: “Jetzt geht das Gericht über die Welt; nun wird der Fürst dieser Welt ausgestoßen werden. Und ich, wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen” (Joh. 12, 31-32). So beschämt der Heilige Geist, der die Herzen der Apostel mit Mut erfüllte, immerdar die Welt und ihren Fürsten (durch Glorifizierung der Idee der freiwilligen Passion, anstelle jener Erniedrigung, mit der sie von den Leuten dieser Welt, die dem Willen ihres Fürsten folgen, betrachtet wird) und durch die Verkündigung der Passion Christi wird er Seinen Ruhm vermehren und die Welt und ihren Fürsten entlarven.
Durch das Kreuz Christi wird (sogar unabhängig von der mystischen Auslegung Seines Opfers) der Fürst dieser Welt, der stolz und Seiner Verkündigung, insbesondere dem ersten Gebot Seiner Seligpreisungen feindlich gesonnen ist, verdammt, ausgestoßen und alle menschlichen Begriffe radikal umgestülpt: das, was den Kindern der Verirrung schmählich und erbärmlich vorkam, wurde in den Augen der Gläubigen heilig und erhaben, und umgekehrt. Derart ist der Sinn der Worte der Apostel: “Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit” (1. Kor. 1, 23). Diese Lehre ist bereits in den Seligpreisungen und in den übrigen Reden des Erlösers angelegt, aber deutlich und mächtig wurde sie durch Seine freiwillige Erniedrigung, Passion und Seinen Tod, und allen zugänglich durch die kühne Predigt der heiligen Apostel darüber. In diesem Sinne also wurde der Fürst dieser Welt durch das Kommen des Heiligen Geistes besiegt, welcher den Verstand und den Mund der Apostel öffnete zur Verkündigung dieser neuen Wahrheiten und dem Opfer ihrer Nacheiferung durch die Märtyrerscharen.
Deine Märtyrer, o Herr, erhielten von Dir, unserem Gott, für ihren Kampf die unverwelkliche Krone. Durch Deine Kraft warfen sie die Tyrannen zu Boden und zerschmetterten sogar die ohnmächtige Kühnheit der Dämonen. Auf ihre Fürbitte, Herr, errette unsere Seelen. (Tropar Heilige Märtyrer). So machte sie der Heilige Geist zu Siegern über den Fürst dieser Welt und seine Diener ...
Damit könnten wir enden, oder besser gesagt die Erläuterung der Werke des Heiligen Geistes im Leben der Gesellschaft oder dem allgemeinkirchlichen Leben für beendet erklären; zum klaren Verständnis sollte man jedoch darauf hinweisen, daß nach dem in der Apostelgeschichte Gesagten sich die reale Anteilnahme des Heiligen Geistes im Leben der Kirche (und nicht nur in ihrem die bloßstellenden Aspekt, über den wir bereits sprachen) als etwas Vorsätzliches und Unmittelbares darstellt und sogar der Trost des Heiligen Geistes genannt wird. “So hatte nun die Gemeinde Frieden durch ganz Judäa und Galiläa und Samaria und baute sich und wandelte in der Furcht des Herrn und mehrte sich durch den Beistand des Heiligen Geistes” (Apg. 9, 31). “Der Herr aber tat hinzu täglich, die gerettet wurden, zu der Gemeinde” (2, 47). Die letzteren Worte sollten sich besonders jene zu Herzen nehmen, die wie unsere Sektierer, sich mit den vermeintlichen Gaben des Heiligen Geistes aufblähen, und besessen davon sie besitzen zu wollen, den Dienst an der Kirche vernachlässigen und sich nicht ihrer Führung unterwerfen wollen.
Diese so enge Beziehung zwischen der Verkündigung und der Göttlichen Person des Heiligen Geistes und Seiner Gnade wird auch sehr oft von dem Apostel Paulus hervorgehoben: “Ich habe viel mehr gearbeitet als sie alle, nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist” (1. Kor. 15, 10) oder: “Mein Wort und meine Predigt geschah nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft” (1. Kor. 2, 4), was auch in der Rede des Hl. Stephanus zum Ausdruck kam (Apg. 6, 10).