Aus “Lesungen über die Entschlafung der Allerheiligsten Gottesgebärerin”. Heiligenleben. Monat August

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 4

Wie Gott Selbst es einrichtete, konnte einer der Apostel, der heilige Thomas, nicht bei dem erhabenen Begräbnis des Leibes der Allerheiligsten Gottesgebärerin anwesend sein. Er erschien erst am dritten Tag in Gethsemane. Die heiligen Apostel, die ihn bedauerten, beschlossen, das Grab zu öffnen, damit der heilige Thomas zumindest den toten Leib der gebenedeiten Gottesgebärerin sehen, ihn verehren und ihn küssen könnte, wodurch ihm ein wenig Milderung in seinem Kummer und Trost in seiner Betrübnis zuteil würde. Aber als die heiligen Apostel den Stein wegwälztten und die Gruft öffneten, da gerieten sie in Entsetzen: in der Gruft war kein Leib der Gottesmutter zu sehen, sie fanden nur die Grabschleier vor, die einen wunderbaren Wohlgeruch verbreiteten; die heiligen Apostel standen verwundert da, einfach ratlos, was das bedeuten sollte. Unter Tränen und in Ehrfurcht küßten sie die in der Gruft verbliebenen Schleier und beteten zum Herrn, Er möge ihnen eröffnen, wohin der Leib der Allerheiligsten Gottesgebärerin entschwunden war. Gegen Abend saßen sie zu Tisch, um sich ein wenig zu stärken. Die heiligen Apostel pflegten bei Tisch den Brauch, daß sie einen Platz unbesetzt ließen, auf den sie zu Ehren Christi – als Seinen Anteil – ein Stück Brot legten. Nach Ende der Mahlzeit, als sie ihre Danksagung emporbrachten, ergriffen sie das genannte Brotstück, welches der Teil des Herrn genannt wurde, und es in die Höhe hebend, verzehrten sie unter Lobpreis des großen Namens der Allerheiligsten Dreiheit nach den Worten “Herr Jesus Christus hilf uns!” dieses Stück als von Gott gesegnet. So verfuhren die heiligen Apostel nicht nur, wenn sie alle zusammen waren, sondern auch wenn sie sich weit voneinander entfernt waren. Auch jetzt in Gethsemane dachten sie zur Zeit des gemeinsamen Tisches an nichts anderes und sprachen nur darüber, warum der allreine Leib der Gottesmutter nicht mehr in dem Grab zu finden war. Und siehe da, als die heiligen Apostel nach Ende der Mahlzeit begannen, das zu Ehren des Herrn beiseite gelegte Stückchen Brot in die Höhe zu heben und die Allerheiligste Dreiheit priesen, hörten sie plötzlich Engelsstimmen: Sie erhoben die Augen und sahen die allerreinste Gottesmutter in der Luft stehen, umgeben von einer großen Schar von Engeln. Sie war von einem unaussprechlichen Licht verklärt und sprach zu ihnen:
“Frohlockt, denn Ich bin mit euch alle Tage!”
Die heiligen Apostel riefen von Freude erfüllt statt des üblichen “Herr Jesus Christus, hilf uns!” aus: “Allerheiligste Gottesgebärererin, hilf uns!”.
Von dieser Zeit an lehrte die heilige Kirche, so wie sie selbst es glaubten, daß die Allerreinste Mutter Gottes am dritten Tag nach ihrem Begräbnis von Ihrem Sohn auferweckt und leiblich in den Himmel getragen wurde.
Es gebührte der “Bundeslade des Lebens” nicht, in der Gewalt des Todes zu bleiben und der Gebärerin des Schöpfers der Geschöpfe nicht, das Los der Verwesung mit den irdischen Geschöpfen zu teilen. Der Gesetzgeber erwies sich hier als der Ausführer des von Ihm gegebenen Gesetzes – Die Söhne sollen ihre Eltern ehren: Er achtete Seine unbefleckte Mutter wie Sich Selbst – so wie Er Selbst in Herrlichkeit am dritten Tag auferstand und dann mit dem Leib in den Himmel aufstieg, so ließ Er auch Seine Mutter in Herrlichkeit am dritten Tag auferstehen und nahm Sie mit Sich in die himmlischen Gefilde. Darüber sagte schon der heilige David weise, als er sprach: Steh auf, o Herr, zu Deiner Ruhe, Du und die Lade Deiner Heiligkeit!Seine prophetischen Worte verwirklichten sich bei der Auferstehung des Herrn und bei der Auferweckung Seiner Mutter.