Die Kirche über die Heilige Schrift und die Überlieferung



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1999, 3

Es ist schwer, sich vorzustellen, daß die Verbreitung der Bibel – dieses seinem Wesen nach heilige Werk – ein schreckliches Werkzeug im Kampf gegen die Kirche Christi werden kann. Die Aktivität der Bibelgesellschaften ruft zwar kaum bei irgend jemand Befürchtungen hervor, ja die meisten halten sie für völlig harmlos und gar noch nutzbringend. Auch Wasser ist an sich etwas Harmloses und Nützliches, aber es ist durchaus nicht egal, ob man es aus einem reinen oder schmutzigen Brunnen trinkt. Die Bibelgesellschaften (die Amerikanische, Britische etc.) entstanden in protestantischen Kreisen, wo die Heilige Schrift als die einzige Autorität in Glaubensfragen angesehen wird; übertriebene Aufmerksamkeit auf die Bibelkunde zieht stets eine Ableugnung der Heiligen Überlieferung mit sich. Die Orthodoxe Kirche lehrt, daß die Göttliche Offenbarung uns sowohl in der Heiligen Schrift als auch in der Heiligen Überlieferung gegeben wurde, die in allem mit der Schrift übereinstimmt und gleichbedeutend mit ihr ist. Dabei steht die Heilige Überlieferung primär in Bezug auf die Heilige Schrift und schließt sie sogar ein. Darüber heißt es im Orthodoxen Katechismus: „Von Adam bis Moses gab es keine heiligen Bücher. Unser Herr Jesus Christus gab Seine Lehre und Seine Weisungen Seinen Jüngern durch Wort und Vorbild, und nicht durch ein Buch. Durch dasselbe Mittel verbreiteten anfangs auch die Apostel den Glauben und festigten die Kirche Christi“. Deshalb schrieb der Apostel Paulus an Timotheus: O Timotheus, bewahre, was dir anvertraut ist, und meide die ungeistlichen, losen Geschwätze und das Gezänke der fälschlich so genannten Erkenntnis (1. Tim. 6, 20).
Die Beteuerungen der Bibelgesellschaften, daß sie mit Hilfe der Bibel hoffen, die Völker zu Christus zu bekehren, kann man im besten Falle in die Kategorie schwärmerischer Ideen und im schlimmsten in die vorsätzlicher Böswilligkeit einordnen. Ein bekannter Hierarch der Orthodoxen Kirche zu Beginn des 20. Jahrhunderts, der Hochgeweihte Nikon (Ro¡zdestvenskij), widmete den Bibelgesellschaften seiner Zeit einen Artikel unter dem Titel „Ein zweischneidiges Schwert“. Darin schreibt er: „Es geht darum, daß die Gesellschaft sich ausschließlich die Verbreitung des Wortes Gottes, der Heiligen Schrift, zur Aufgabe gemacht hat, und dabei gänzlich die Verbreitung jedweder, auch von der Kirche gutgeheißener patristischer Auslegungen des Wortes Gottes durch ihre Wanderbuchhändler ablehnt. Solch eine einseitige Handhabung entspricht überhaupt nicht unserem orthodoxen Verständnis dieses in seinem Wesen heiligen Werkes. Bereits der Apostel Petrus stellte übrigens fest, daß in den Episteln des Apostels Paulus etliche Dinge schwer zu verstehen sind, welche die Ungelehrigen und Ungefestigten verdrehen, wie sie es auch bei anderen Schriften tun, zu ihrer eigenen Verdammnis (2. Petr. 3, 16). Derselbe Apostel, der die Gläubigen dafür lobt, daß sie sich dem Wort Gottes zuwenden, als einem Licht, das da scheint an einem dunkeln Ort, warnt gleichzeitig, daß keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist und daß man das vor allem beherzigen müsse (2. Petr. 1, 20). Das Wort Gottes ist nach dem Zeugnis des Apostels Paulus ein geistiges Schwert, und daher schärfer als jedes zweischneidige Schwert (Hebr. 4, 12). Wer mit diesem Schwert umgehen kann, der schlägt die Feinde seiner Rettung nieder, und wer es nicht gebührend zu handhaben weiß, kann sich leicht damit Schaden an seiner Seele zuziehen. Immer muß man daran denken, daß diese Waffe auch offen von euren Feinden, dem Teufel und seinen treuen Gehilfen, den verschiedenen falschen Lehrern, verwendet wird ...
Alle Häresien, alle Pseudolehren und Schismen entstanden deshalb, weil die Leute den wahren Sinn der Heiligen Schrift nicht verstanden. Liest der Mensch irgendeine Stelle in der Schrift und beginnt, sie nach seiner eigenen Weise auszulegen, wie es ihm gerade einfällt, dann sündigt er in seiner Auslegung und scheidet sich damit von der Einheit der Kirche Gottes und wird zu einem „Häresiarchen“... Was soll man also tun, um nicht im Verständnis der Heiligen Schrift zu sündigen? Wie kann man lernen, das zweischneidige Schwert zu handhaben? Bedenke zuvorderst, daß du dich nicht selbst rettest, nicht als ein einzelner Mensch, der angeblich unmittelbaren Zugang zu seinem Heiland hat, sondern nur als ein Glied Seines Leibes, der Kirche; du wirst in der Kirche und durch die Kirche gerettet... Die Kirche, und nur sie ist ein Pfeiler und eine Grundfeste der Wahrheit (1. Tim. 3, 15), in ihr ist das von Gott gelegte heilige Prinzip, in ihr alle von Gott begründeten Sakramente, sie ist die Hüterin der Heiligen Überlieferung und die unfehlbare auslegende Autorität des Wortes Gottes. „Möchtest du gerettet werden?“, belehrt uns der Hl. Johannes Chrysostomos, „so bleibe in der Kirche, und sie wird dich nicht verraten. Die Kirche ist wie eine Einfriedung; wenn du innerhalb dieser Mauer bist, dann faßt dich der Wolf nicht, und wenn du hinausgehst, dann wirst du von der Bestie verschlungen werden“. Erinnere dich: „Wer die Kirche nicht zur Mutter hat, der hat Gott nicht zum Vater“ (Hl. Kyprian von Karthago).
In dieser allgemeinen leitenden Richtlinie oder dem Dogma der Errettung liegt bereits die Antwort auf die Frage „Was tun, um nicht im Verstehen der Heiligen Schrift zu sündigen“ beschlossen. Halte dich ganz fest an die Lehre und Führung der Mutter Kirche; wenn du im Wort Gottes auf irgend etwas dir Unverständliches stößt, dann suche eine Erklärung nicht in deiner eigenen Schlauheit, nicht in der Klugheit der eigenmächtigen Ausleger der Schrift, die sich jetzt so breit machen, sondern dort, wo sie ihre Heilige Mutter, deine Orthodoxe Kirche, zu suchen gebietet... Die Heilige Kirche legte auf dem 6. Ökumenischen Konzil entschieden nieder: „Wenn es gilt, das Wort der Schrift zu erforschen, dann ist es nicht anders auszulegen, als die Leuchten und Lehrer der Kirche, die Gott-tragenden Väter es erläutert haben“ (Regel 19).
Was im lebendigen Menschen die Erinnerung ist, das ist im Leib der Kirche die Überlieferung: die lebendige Stimme der Himmlischen Kirche, zu der immerdar in ehrfürchtiger Beziehung die irdische Kirche steht. Sich in der Auslegung des Wortes Gottes alleine an seinem Denken zu orientieren und die Überlieferung zu verwerfen, wäre dasselbe, wie die Erinnerung an sein eigenes Leben zu verlieren, seine persönliche Erfahrung, alle Lektionen der Vergangenheit zu vergessen...“
Das von Erzbischof Nikon über die Bibelgesellschaften Gesagte erklärt, worin ihre Verführung besteht: ihrem Namen und ihrer sichtbaren Aktivität nach sind sie angelegt, viele in Versuchung zu führen, weil sowohl das eine wie das andere mit der von orthodoxen Christen über alles geschätzten Quelle der christlichen Lehre, dem Worte Gottes, zu tun hat. Dennoch verkehren alle außerkirchlichen Auslegungen und Übersetzungen der Heiligen Schrift das heilige Werk in etwas Schändliches, Widerchristliches.
Die Heiligen Bücher des Alten Testaments, welche die alten Juden das Gesetz und die Propheten oder die Schriften nannten, faßte der ehrwürdige und gelehrte Priester der Alttestamentlichen Kirche Ezra im 5. Jh. vor Chr. zu einem Kodex zusammen. Die erste Übersetzung von der althebräischen in die griechische Sprache wurde in Ägypten unter König Ptolemäos im Jahre 274 vor Chr. ausgeführt, und zwar von siebzig „Kommentatoren“ d.h. Übersetzern , die von dem Großen Synhedrion aus allen zwölf Stämmen Israels zusammengerufen wurden. Unter ihnen war auch der heilige Simeon, der Gottesempfänger. Diese Übersetzung, die Frucht der gemeinsamen Anstrengung der ganzen Alttestamentlichen Kirche, erhielt bei den Griechen den Namen Septuaginta, oder „Text der Siebzig Ausleger“, und sie wurde für orthodoxe Christen die autoritative Version der Heiligen Schrift des Alten Testaments, sowohl der Zusammenstellung der Bücher (Kanon) als auch dem Text nach. Diese Übersetzung bewahrte für die zukünftigen Christen die Heilige Schrift in all ihrer Reinheit, denn sie wurde in jener Zeit angefertigt, als nach Aussage des Metropoliten Filaret von Moskau „das jüdische Volk noch ein Volk Gottes war und als die Juden noch keinen Anlaß hatten, den wahren Sinn der heiligen Bücher durch unrichtige Übersetzungen zu entstellen“. Anlaß zu entstellten Übersetzungen gab es erst dann, als die Juden Jesus Christus nicht als Gottessohn anerkannten. Über sie sagte unser Herr Jesus Christus: Mein Wort findet bei euch keinen Raum. Ich rede, was ich von Meinem Vater gesehen habe; und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt (Jh. 8, 37-38). Ihr habt den Teufel zum Vater. Aber der Teufel, wenn er die Lüge redet, so redet er von seinem Eignen; denn er ist ein Lügner und der Vater der Lüge (Jh. 8, 44).
So entstand also das „Bibelwerk“ in dieser zweifelhaften und schadenbringenden Ausrichtung, welches es annimmt, wenn sich Leute damit befassen, die da haben den Schein eines gottesfürchtigen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie (2. Tim. 3, 5), schon lange vor den Protestanten und nicht einmal in christlichem Milieu, sondern in einem antichristlichen: Die Juden gaben dem Wort Gottes keinen Raum mehr. Die Pharisäer und Schriftgelehrten kreuzigten den Messias, den Sohn Gottes, und sahen sich genötigt, zu ihrer Rechtfertigung den Sinn der Weissagung über Christus falsch auszulegen: Sie begannen „das Eigene“ zu sagen, das Alte Testament falsch zu interpretieren. Aus diesen Kommentaren stellten die Rabbiner den Talmud zusammen, sodann folgten Auslegungen zum Talmud usw., nach und nach ersetzten sie den Pentateuch durch den Talmud.
An der Schwelle vom 1. zum 2. Jh. nach Chr. stellte die Versammlung der jüdischen Rabbiner in der Stadt Jamnia in Palästina eine Liste der kanonischen, d.h. der nach ihrer Meinung tatsächlich heiligen Bücher zusammen, während sie die darin nicht aufgenommenen als unkanonisch bezeichnete. So entstand die Diskrepanz zwischen dem hebräischen Kanon und der Septuaginta, welche Bücher beinhaltete, die bereits lange vor Christus von den Juden selbst als heilig anerkannt wurden, sowie Bücher, die nach der Übersetzung der „Siebzig Gelehrten“ auf Aramäisch und Griechisch erschienen (Buch der Weisheit Jesus Sirach, das 2. und 3. Buch Makkabäer). Man sollte wissen, daß die Bibelgesellschaften den hebräischen Kanon und nicht den Kanon der Siebzig Gelehrten vorziehen. Aber im Neuen Testament führen Christus der Erlöser und die Apostel selbst Worte und Bilder, wenn auch ohne Zitierung der Quelle, aus den von den Juden und Protestanten verworfenen Büchern an (aus dem Buch Tobias, Jesus Sirach, Weisheit Salomos, Bücher des Propheten Baruch). „Das zweite Kapitel des Buches Weisheit Salomos prophezeit so klar über die Leiden Christi“, schreibt in seinem Artikel „Über die Heilige Bibel“ Bischof Nafanail, „daß man den Verdacht haben kann, daß gerade dieser Umstand die Ursache dafür war, warum die Rabbiner in Jamnia dieses Buch verwarfen“.
Die Rabbiner sanktionierten den Kanon des Alten Testaments, während ihre Nachfolger, die Protestanten, in der Folge sogar den neustamentlichen Kanon zu „verbessern“ suchten. Sie begannen ein im Neuen Testament ihnen nicht passendes Buch, nämlich die Epistel des Apostels Paulus an die Hebräer, anzuzweifeln. Das geschah jedoch viel später, aber damals, in den ersten Jahrhunderten des Christentums machten sich die Rabbiner daran, neue Übersetzungen des Alten Testaments anzufertigen, um sie der Septuaginta entgegenzustellen. Über diese Übersetzungen sind die Urteile der christlichen Theologen jener Zeit erhalten. In den Schriften des Hl. Irenäus von Lyon „Gegen die Häresien“, wo es um die Übersetzung der Septuaginta geht, lesen wir: „Wenn diese Übersetzung der Schrift noch vor der Herabkunft unseres Herrn auf die Erde und vor dem Erscheinen des Christentums vollendet wurde, so sind jene schamlos und frech, die jetzt anders übersetzen wollen, wenn wir sie auf der Grundlage eben dieser Schriften bloßstellen und sie zum Glauben an den Sohn Gottes führen wollen“. Der Hl. Justin der Philosoph entlarvte die Juden wegen ihrer ungebührenden Haltung zur Heiligen Schrift und schrieb in seinem Buch „Gespräche mit dem Juden Triphon“: „Ich bin nicht einverstanden mit euren Lehrern, die nicht anerkennen, daß jene Siebzig Weisen zur Zeit des Ptolemäos richtig übersetzten, und nun selber anfangen, zu übersetzen. Und ich möchte, daß ihr wißt, daß sie aus den von den Gelehrten unter Ptolemäos gemachten Übersetzungen viele Stellen der Schrift gänzlich ausschlossen, die klar davon zeugen, was über die Göttlichkeit, die Menschlichkeit und den Kreuzestod dieses Gekreuzigten vorausgesagt wurde“.
Aber diese Stellen waren dennoch, unabhängig von der subjektiven Auslegung und Übersetzung objektiv vorhanden. Es stimmt, im Verlauf von Jahrhunderten schlichen sich als Resultat vieler Abschriften des Textes unvermeidlich Fehler ein, welche den Sinn entweder verdunkelten oder entstellten. In jenen Zeiten benutzten die Christen praktisch den hebräischen Text des Alten Testaments überhaupt nicht. Im Osten zogen sie die alten Übersetzungen der Heiligen Schrift ins Griechische (Septuaginta) und ins Aramäische (Peschitta) vor und im Westen die Bibel in lateinischer Sprache, die Vulgata, eine im 3. Jh. von dem Seligen Hieronymus gemachte Übersetzung. So daß der hebräische Text nur in der Obhut der Synagoge blieb.
Obwohl die Juden Christus verwarfen, betrachteten sie sich doch wie eh und je als die einzigen Hüter der Göttlichen Offenbarung und machten sich Sorge über die zunehmende Verderbung des Textes. Daher verbannten die jüdischen Schriftgelehrten, die Masoreten, d.h. die Bewahrer der Tradition, im 4. und 5. Jh. aus allen Synagogen in allen Landen die gesamten existierenden Abschriften der heiligen Bücher und ersetzten sie durch eigene, neu angefertigte. In den alten Abschriften wurden die Worte nur in Konsonanten geschrieben. Die Masoreten fügten beim Abschreiben der Texte Vokale hinzu, aber dazu kamen auch beabsichtigte Entstellungen. Darunter jene, die etwas mit den Weissagungen über Christus zu tun haben. Beispielsweise im 14. Vers des 7. Kapitels des Propheten Jesajas, wo es heißt „Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären“, setzten die Masoreten statt dem Wort „Vetula“ (Jungfrau) das Wort „Alma“ (junge Frau) ein, denn sie wußten, daß diese Stelle den Christen sehr viel gilt. Oder im 21. Psalm, Vers 17, heißt es in der alten Übersetzung der Siebzig Gelehrten: „Sie durchstachen mir Hände und Füße“, während im masoretischen Text steht: „Wie der Löwe meine Hände und Füße“. Zu dieser Diskrepanz schreibt Metropolit Filaret von Moskau: „Allein schon durch die Gezwungenheit der Worte und des Sinnes enthüllt diese Lesung eines Verzerrung des Textes, worin man nicht grundlos die unheilvolle Hand der Juden sehen kann, welche stets Mittel suchten, sich der Kraft des prophetischen Zeugnisses über die Kreuzigung des Herrn zu entziehen“.
Die alten, aus den Synagogen geholten Manuskripte wurden von den Masoreten vernichtet, und in alle Gegenden verschickten sie die ihrigen, in denen sogar die Buchstaben zusammengezählt waren, um den Text vor Veränderungen zu schützen. Im Laufe der folgenden Jahrhunderte konnte kein einziges neues Exemplar in eine Synagoge gebracht werden – unter Androhung von Verdammung – ohne daß es nicht von zwölf Schriftgelehrten Buchstabe um Buchstabe mit dem masoretischen Text verglichen worden wäre. Aber die Nichtveränderlichkeit, Starrheit des Textes, den die Rabbiner zu besonderer Würde erhoben, zeugt noch lange nicht von seiner Echtheit. Beabsichtigte und Unbeabsichtigte Fehler wurden sozusagen auf dem Stand des 4./5. Jh. nach Chr. konserviert. Von jener Zeit an waren die Christen nicht nur den neuen Übersetzungen der Heiligen Schrift gegenüber skeptisch, sondern auch dem hebräischen Orginal, in dessen Rolle nun die masoretische Version der Heiligen Schrift trat, die zu allem übrigen noch eine Reihe von Büchern des Alten Bundes eingebüßt hatte.
Die Heilige Schrift, welche die Christen nach den Worten des Apostel Paulus als von Gott eingegeben, nütze zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit (2. Tim. 3, 16) betrachten, in welcher die Kirche die Grundlage ihrer Dogmen findet, fordert besondere Aufmerksamkeit. Einem Orthodoxen darf es nicht gleichgültig sein, aus wessen Hand er die Bibel erhielt, wer sie übersetzte, wer sie erläuterte und sogar wer sie verbreitete. Die Bibelgesellschaften anerkennen den jüdischen Kanon, d.h. den jüdischen masoretischen Synagogen-Text, sie benutzen bei der Zusammenstellung der Anmerkungen die Kommentare der mittelalterlichen und heutigen Talmud-Experten und vertrauen die Übersetzungsarbeit nicht orthodoxen Hirten und Gelehrten, sondern Häretikern, Katholiken und Protestanten aller Schattierungen an, die nur des Hebräischen kundig zu sein brauchen.
Die „Kirche des Erdkreises“ behinderte niemals Übersetzungen der Heiligen Schrift in die Sprachen jener Völker, welche sich Christus zuwandten, nachdem sie zuerst das Wort Gottes aus dem Mund der Apostel und der apostelgleichen Heiligen gehört hatten. So übersetzten die apostelgleichen Heiligen Kyrill und Method die Heilige Schrift ins Slawische für die Tschechen und Moraven, welche bereits ein orthodoxes Volk waren. Die Übersetzung von den Heiligen Kyrill und Method beruhte auf der Septuaginta und von ihr erhielt sie jene dogmatische Erhabenheit, welche bis zum heutigen Tag die kirchenslawische Bibel kennzeichnet, die bei den Gottesdiensten in den orthodoxen Kirchen der slawischen Völker verwendet wird.
Obwohl die Orthodoxe Kirche weder die Septuaginta, noch ihre kirchenslawische Übersetzung jemals als unfehlbar verkündete, präzisierte sie den Text an jenen Stellen, wo der Sinn dunkel, unverständlich war, aber hierbei war sie der Ansicht und ist es immer noch, daß die Göttliche Offenbarung gerade in ihnen am besten erhalten und unentstellt bleibt. Dank einer Reihe von historischen Umständen erwarb der kirchenslawische Text der Heiligen Schrift für die Slawen, die sich wie die Serben in der Umgebung von der Orthodoxie feindlich gesinnten Völkern fanden, oder für die Russen, die über zwei Jahrhunderte lang der Orthodoxie zuwiderlaufenden strömungen ausgesetzt waren, über seine dogmatiche Würde hinaus eine außerordentliche Bedeutung für den Widerstand gegen anti-orthodoxe und gottwidrige Einflüsse.
Der Vorschlag die Bibel in die russische Sprache zu übersetzen ging zu Beginn des 19. Jahrhunderts von der Britischen Bibelgesellschaft aus und wurde dann in den Jahren 1812-1826 von der Russischen Bibelgesellschaft übernommen. Die damalige russische Geistlichkeit spaltete sich in Befürworter der Übersetzung und ihre Gegner. Unter den ersteren war der bekannteste Metropolit Filaret von Moskau, der 1858-1866 auf einer Übersetzung der Bibel ins Russische bestand. Er argumentierte, daß diese Übersetzung der Rückkehr jenes Teiles der russischen Gesellschaft in den Schoß der Kirche behilflich sei, der der Kirche gegenüber erkaltet war, die Gottesdienste nicht mehr besuchte und somit den Sinn für das Kirchenslawische verloren hatte (1876 wurde diese Übersetzung mit Segen des Heiligsten Synods herausgegeben, aber sie brachte nicht die erwarteten Resultate: Jene, die den Schoß der Kirche verlassen hatten, befanden sich, auch nachdem sie die Bibel auf Russisch bekommen hatten, außerhalb der Kirche und zogen immer mehr orthodoxe Menschen nach sich). Unter den Gegnern einer Bibelübersetzung ins Russische waren der Hl. Feofan der Klausner, der Kiewer Metropolit Filaret (Amfiteatrov) und andere.
So schrieb der Hl. Feofan in einem seiner Briefe 1875: „Bitte setzen Sie sich für eine Übersetzung der Bibel nach der Septuaginta gegen die Masoretische Bibel ein. Gar alle sind nun vermasoretet und protestantisiert... Erbarme dich, Herr! Die Orthodoxie geht zugrunde! Dort bei euch sind die Stundisten [eine protestantisierende Sekte – Anm. d. Übers.], so drückt der deutsche Geist vom Norden her... Noch ein wenig und der Glaube verflüchtigt sich ganz und gar... Ja der Anfang ist schon gelegt .“
Aber auch der Befürworter der Übersetzung der Bibel ins Russische, Metropolit Filaret schrieb über die Protestanten: „Indem sie sich ausschließlich an den hebräischen Text halten und nicht die in den Schriften der heiligen Väter gegebene Führung anerkennen, übergeben sie den altestamentlichen Bibeltext einer ungezügelten Eigenwilligkeit in der Kritik, wobei die verdorbenen Stellen des hebräischen Textes leicht für die echten angesehen werden, andere werden anders ausgelegt, insbesondere der prophetische Sinn wird verdunkelt... und der Nesprache, die zum Rationalismus führt öffnen sich die Tore weit“. Ebendiese Worte stellen auch die heutigen Erneuerer bloß.
Die Mitglieder der heutigen Russischen Bibelgesellschaft, welche um „der Erneuerung der Kirche“ willen wieder ins Leben gerufen wurde, kämpfen neben den neuen Übersetzungen der Bibel ins Russische auch für die Übersetzung der gottesdienstlichen Texte in die russische Umgangsprache. Sie machen Reklame für eine vulgäre Übersetzung (eher eine Art Umerzählung) der Vier Evangelien einer gewissen V. Kuznecova und sind dabei, die russischsprachige Übersetzung des Johannesvangeliums nach dem Erneuerer-Abt Innokentij (Pavlov), einem Mitglied der russischen Bibelgesellschaft, herauszugeben. Auch die äußerst zweifelhafte und von der orthodoxen Tradition abweichende Übersetzung des Neuen Testaments in der Bearbeitung des Bischofs Kassian (Bezobrazov) wurde jetzt verlegt.
Die Notwendigkeit, alles in die russische Umgangssprache zu übertragen, wird dadurch begründet, daß das Slawische veraltet, unverständlich und überdies dem russischen Volk fremd geworden sei. Aber dieses Argument kann man auch auf die weltliche Literatur des XVIII-XIX. Jahrhunderts anwenden. Für manche ist vielleicht gar die literarische Sprache Pu¡skins fremd geworden – nur deshalb, weil sie für die Zeitgenossen in vielem unverständlich ist; und einhergehend mit den Übersetzungen der gottesdienstlichen Bücher müßte man auch die Werke von Lomonosov, Der¡zavin, Pu¡skin und eigentlich sogar Dostojevskij in die heutige russische Sprache übertragen.
Zum Abschluß sollte noch erwähnt werden, daß seit der Zeit des Erscheinens der russischen Bibel 1876 die russischen Theologen und Bibelforscher auch auf die Notwendigkeit einer neuen, verbesserten Übersetzung der Heiligen Schrift, diesmal nicht in die russische, sondern in die slawische Sprache hinweisen, und zwar nicht von dem hebräischen masoretischen Texte, sondern von dem griechischen der Septuaginta ausgehend. Leider gelang es im Verlauf von einhundert Jahren aus wohl verständlichen historischen Gründen nicht, diese Aufgabe zu erfüllen. Diesen Umstand machen sich die Erneuerer zunutze. Aber vom orthodoxen Gesichtspunkt aus kann die einzig wahre eben nur solch eine Übersetzung sein, und sie darf nicht von der Bibelgesellschaft, sondern muß von der Kirche selbst angefertigt werden.