Abt Varsonofij und die Geheimkirche



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1992, 6

Abt Varsonofij (Jur¡cenko) wurde in der Kievo-Pecerskaja Lavra (Kiewer Höhlenkloster) zum Mönch geschoren. Zu Beginn der Revolution war er Lehrer im Bizjukov Kloster der Diözese Cherson. Dort wurde er einmal beinahe von einer Bolschewiken-Bande erschossen, die eine große Geldsumme von dem Kloster erpressen wollte. Die Brüder des Klosters hatte man schon zur Hinrichtung an die Wand gestellt, als die geforderte Geldsumme doch noch aufgetrieben wurde; so entrannen sie mit knapper Not der Erschießung. Interessant ist der Bericht Vater Varsonofijs über jene außerordentliche Seligkeit, die er in jenem Augenblick empfand, als der Vorgeschmack des ewigen Lebens sich mit solcher Kraft seiner bemächtigte, daß der Tod ihm wünschenswert erschien und er ihn geradezu herbeisehnte: wenn es doch nur recht bald soweit wäre! Und wie groß war seine Enttäuschung, als der Erschießungsbefehl aufgehoben wurde und seine Sehnsucht nicht erfüllt wurde!
Einige Zeit lang war das Kloster dem allgemeinen Schicksal der Plünderungen und Repressalien ausgesetzt.
Vater Varsonofij wollte im Schutz der Nacht das Kloster verlassen, aber er wurde festgenommen und mußte unter fürchterlichen Verhältnissen in einem schwülen feuchten Keller sitzen, wo nach seiner eigenen Erzählung seine Rjassa (Mönchsgewand) wegen der übermäßigen Feuchtigkeit vermoderte. Zu den anderen Gefängnisqualen jener entsetzlichen Zeit kam noch hinzu, daß die Gefangenen von einer solch riesigen Masse von Insekten geplagt wurden, daß man diese wie Müll zusammenscharren mußte. Nach einiger Zeit wurde Vater Varsonofij befreit und als Gemeindepriester in der Gegend von Elisavetgrad eingesetzt, wo er sich durch seine Aufrichtigkeit und Einsatzbereitschaft bald die allgemeine Achtung, sowohl der Gläubigen als auch des Klerus erwarb. Konfrontiert mit dem Erneuerertum, stellte er sich als ein beharrlicher Kämpfer für die Wahrheit der Kirche und als unermüdlicher Entlarver dieser Bewegung (der “Lebendigen Kirche”) heraus. Daher wurde er vom Oberhirten der Diözese, Bischof Onufrij, als Missionar im Kampf gegen das Erneuerertum im Bezirk von Alexandrija eingesetzt. Nach dieser Ernennung begab er sich in die zur Diözese von Elisavetgrad gehörende Stadt Alexandrija, in der es zu jener Zeit keine einzige orthodoxe Kirche mehr gab und in der überhaupt niemand von den Gläubigen bekannt war. Vater Varsonofij trat während der Liturgie in die sich in den Händen der Erneuerer befindende Kathedrale ein und hielt sich unbemerkt im Hintergrund auf. Der hohe Wuchs, der volle Bart, das Mönchsgewand mit Hirtenstab und Gebetsschnur, verlieh ihm ein anziehendes Äußeres, das genau seiner inneren Schönheit entsprach. So konnte er einfach nicht unbemerkt bleiben und am Ende des Gottesdienstes war er von Gläubigen umringt, die sich damals schon über die in der Kirche eingeführten Neuerungen, welche von einigen Eiferern der Frömmigkeit bereits entlarvt worden waren, Sorgen machten. Einer von ihnen besaß ein Buch mit den Kanones der Ökumenischen Konzilien, aus dem klar hervorging, daß die Aktivitäten der Erneuerer nicht mit den Kanones übereinstimmten. Aber es fehlte ihnen die maßgebliche Stimme der Kirche. Daher waren die ersten Fragen, die sie an Vater Varsonofij richteten, wer er sei, woher er käme und ob er orthodox sei. Und wie groß war ihre Freude, als sie eine positive Antwort auf diese brennenden Fragen erhielten. Sogleich wurde der ihnen bisher noch unbekannte Vater Varsonofij von einem der erwähnten getreuen Anhänger der Orthodoxie in sein Haus eingeladen, wo schon andere Gläubige versammelt waren. Hier machte ihnen Vater Varsonofij die Situation, in der sich die Kirche gegenwärtig befand, klar; er berichtete von seiner Ernennung zum Dekan von Alexandrija und las die Botschaft von Bischof Onufrij gegen die Erneuererbewegung vor. Es wurde besprochen, wie man vorgehen sollte, um den Erneuerern wenigstens eine Kirche wegzunehmen. Aber diese unerwartete Freude dauerte nicht lange. Nachdem Vater Varsonofij die Lage in der Stadt Alexandrija zur Kenntnis genommen hatte, kehrte er an seinen früheren Wirkungsort zurück, und dort verhaftete man ihn; nach Alexandrija zurückgeführt, sperrte man ihn im dortigen Gefängnis ein, wo er von Herbst bis zum Anfang der Großen Fastenzeit des Jahres 1923 verweilte. Die Gläubigen hatten nur insofern Kontakt mit ihm, daß einige von den erwähnten Eiferern der Orthodoxie ihm Lebensmittelpakete brachten, wobei sie sich täglich abwechselten. Während der Fastenzeit wurde er dann aus dem Gefängnis entlassen. Zu jener Zeit wuchs die erwähnte kleine Gruppe von Leuten, die ihre Arbeit mit der Organisation einer orthodoxen Gemeinde begonnen hatte, zu einer großen Gemeinschaft an, der es nach einigen Anstrengungen gelang, von den staatlichen Machthabern die Herausgabe einer der vier Kirchen der Erneuerer, die ohnehin schon ziemlich ausgestorben waren, zu erlangen. Vater Varsonofij wurde zum Vorsteher dieser dem Schutz der Mutter Gottes geweihten Kirche ernannt und ebenso zum Dekan des gesamten Kreises von Alexandrija.
Von diesem Augenblick an entfaltete Vater Varsonofij eine besonders lebendige Tätigkeit. Dieser Diener Gottes verstand es dank seiner ungewöhnlichen, mit aufrichtiger Liebe gepaarten Freundlichkeit, der Aufmerksamkeit, mit der er den Menschen begegnete, seinem liebevollen, sanften und demütigen Auftreten, seiner tadellosen persönlichen Lebensführung im Fasten und unaufhörlichen Gebet und seiner allgemeinen Enthaltsamkeit (mittwochs und freitags das ganze Jahr hindurch und während der Großen Fasten aß er nichts bis zum Abend, und in der ersten Woche des Großen Fastens und der Heiligen Woche aß er drei Tage lang nichts) alle an sich zu ziehen. Beim Gottesdienst war er andächtig, konzentriert und ganz dem Gebet hingegeben. In der Gemeindekirche wurden die Gottesdienste nach der Klosterregel abgehalten, aber sie kamen einem nicht ermüdend vor. Es kann sein, daß man seinen Gottesdienst an Werktagen besuchte: dann hörte man seine gleichmäßige, sanfte Stimme vor dem Altar erklingen, und die Seele erfüllte sich mit Frieden und innerer Rührung. Die ziemlich große Kirche war bald voll von Gläubigen aus allen Teilen der Stadt; die Nachricht über die Geschehnisse in der Maria-Schutz-Kirche und den ungewöhnlichen “Batjuschka” (Priester) verbreitete sich weit, sogar über die Kreisgrenzen hinaus, und zu fast allen Gottesdiensten kamen auch Gläubige aus der Umgebung. Viele suchten nach dem Gottesdienst Vater Varsonofij in seiner Wohnung auf und fragten ihn, was sie unternehmen sollten, um eine ordnungsgemäße Kirche zu bekommen, und er gab ihnen die notwendigen Hinweise. Seine Gottesdienste wurden gewöhnlicherweise von einer einfachen, erbaulichen Predigt begleitet: in diesen Predigten wetterte er gegen das Böse, die alltäglichen Laster, er rief die Menschen zur Reue auf, deckte die Wahrheit auf und entlarvte die Lüge des Erneuerertums. Die Gläubigen wurden dazu aufgerufen, ihre verirrten und ins Netz geratenen Brüder nicht zu verurteilen, sondern für sie zu beten. Und überhaupt ergriff “Batjuschka” jede Gelegenheit zur erbaulichen Unterweisung: bei kirchlichen Amtshandlungen, oder bei feiertäglichen Hausbesuchen mit Gebet, oder bei einer Tasse Tee - stets kehrten die Gespräche entweder zu den laufenden kirchlichen Ereignissen oder zu Themen zurück, die für die Seele heilsam waren. Viele luden “Batjuschka” zu sich nach Hause “zu einer Tasse Tee” ein. Bei solchen Anlässen hielt er eine Ansprache oder er las aus dem Evangelium vor - besonders für die jungen Leute, deren Verlangen nach einem wahrhaft christlichen Leben er stärken wollte. Häufig las er auch aus den Werken von Ignatij Brjan¡caninov vor.
Nach relativ kurzer Zeit leerten sich die Kirchen der Erneuerer, und ein großer Teil des Klerus der Stadt brachte Reue dar: in diesem Landkreis blieben von 80 Erneuerer-Gemeinden keine zehn übrig.
In der Stadt fand nun eine ungewöhnliche Belebung des kirchlichen Lebens statt. In kirchlichen Angelegenheiten begab sich Vater Varsonofij zu Patriarch Tichon. Anläßlich dieser Reise wurde er von dem Allerheiligsten Patriarchen zum Igumen (Abt, zuvor war er Priestermönch) erhoben. Bei seiner Rückkehr beglückte er seine Gemeinde mit dem Segen des Patriarchen und stärkte sie durch die Verlesung seines Sendschreibens über die Verurteilung der Obersten Kirchenverwaltung der Erneuerer.
All dies erzürnte die restlichen Erneuerer und besonders die GPU überaus. Während allerortens eine große Neubelebung des kirchlichen Lebens und eine fast totale Rückkehr in die Orthodoxie, d.h. in die sogenannte Tichon-Kirche, stattfand, konnte sich die Hauptgruppe der Erneuerer, die von einem gewissen Bischof Ioann (Slavgorodskij) und einem Priester namens @Cernij angeführt wurde, in der Stadt Alexandrija behaupten (der Priester war, wenn nicht ein offener Protegé der GPU, so doch auf jeden Fall einer ihrer Mitarbeiter, der oft diesen Geheimdienst besuchte). Von dieser Gruppe wurden in Abstimmung mit der Staatsgewalt auch entsprechende Maßnahmen unternommen, um sowohl Vater Varsonofij als auch der von ihm geführten Gemeinschaft einen Schlag zu versetzen. Die religiöse Begeisterung nahm solche Ausmaße an, daß die Staatsmacht keine offenen Maßnahmen zur Liquidierung dieser Bewegung ergreifen wollte. Vater Varsonofij wurde einige Male verhaftet, und es gab sogar einen öffentlichen Strafprozeß unter großem Zustrom von Menschen, bei dem Vater Varsonofij so weise auf all die spitzfindigen Fragen des Gerichtspersonals antwortete, daß diese Affaire keine ernsten Folgen hatte, sondern sogar noch zu seinem größeren Ruhm beitrug und mit einer Geldstrafe abgetan wurde. Der Anlaß des Prozesses war die Taufe eines Kleinkindes, die angeblich ohne vorherige Eintragung durch die Zivilbehörde vorgenommen worden war, worauf eine harte Strafe stand.
Ungeachtet dessen, daß ihr drei leere Kirchen zur Verfügung stand, darunter auch die Kathedrale, erhielt die oben genannte Erneuerergruppe von der Staatsmacht die Erlaubnis zur Benützung der einzigen orthodoxen Kirche (Maria-Schutz-Kirche) zu angeblich gleichen Rechten. Zur Durchführung dieses Vorhabens kamen die Erneuerer mit ihrem Bischof an der Spitze am Palmsonntag, kurz vor Beginn des Gottesdienstes zur Maria-Schutz-Kirche und forderten aufgrund der Verfügung der Zentralbehörde die Übergabe der Schlüssel. Die Kirche war geschlossen, da das Gerücht über das bevorstehende Eindringen der Erneuerer schon die Gemeisnde erreicht hatte, und die Schlüssel versteckt worden waren. Eine ungewöhnliche Menschenmenge hatte sich versammelt. Einige waren etwas früher gekommen, um zu beichten (wegen der großen Anzahl der Beichtenden, wurde die Beichte schon vor dem Gottesdienst angesetzt), und andere waren wegen des sich schnell ausbreitenden Gerüchtes über die Vorgänge in der Maria-Schutz-Kirche herbeigeeilt. Diese ungeheuere Menschenmenge, die nicht einmal innerhalb der geräumigen Kircheneinfriedung Platz fand, stürzte sich nun auf die Kirche, um sie zu verteidigen, und ließ die Erneuerer nicht einmal bis zu den Türen vor. Die örtliche Sowjetmacht, die auf jede erdenkliche Weise gegen die Orthodoxen arbeitete, wollte dieser Erneuerergruppe zu Hilfe kommen: es erschienen alle möglichen Lokalvertreter der Parteizellen, des Komsomol (Kommunistischer Jugendverband), des “Komnezam”, des Kombed (Komitee der Dorfarmut) und schließlich die berittene Miliz. Aber sie alle waren nicht in der Lage, das zusammengeströmte Volk einzuschüchtern und zu vertreiben, das hauptsächlich aus unerschrockenen Frauen bestand, die sich gleich einer unbezwingbaren Festung an den Hauptkirchentoren drängten und die Erneuerer, besonders ihren Bischof verjagten, wobei sie ihn mit den ihm gebührenden Worten “Wolf im Schafspelz” u.dgl. beschimpften. All dies konnte weder den Bischof, noch sein wertes Gefolge beschämen. Die Feuerwehr wurde zu Hilfe gerufen. Ein mächtiger Strahl kalten Wassers (es war ein windiger und frostiger Tag) wurde auf die Menge gerichtet, die sich um die Kirchentüren drängte. Dieser Maßnahme konnte keiner standhalten, und das Volk rannte auseinander. Dann machte sich die ganze feindliche Horde zusammen mit der Erneuerergruppe an die Kirchentüren heran und zersägte mit Hilfe herbeigerufener Schlosser die Türschlösser, die Türen wurden aufgebrochen und der Erneuererbischof zog “feierlich” in die Kirche ein, wobei er von den Seinen mit den Zurufen “eiV polla eth despota” begrüßt, von den Orthodoxen jedoch mit Ausrufen wie “Wolf im Schafspelz” u.dgl. empfangen wurde.
Von diesem Zeitpunkt an war die Kirche in den Händen der Erneuerer - und sie leerte sich immer mehr. An den wichtigsten Tagen der Kar- und Osterwoche hatten die Orthodoxen keine Kirche zur Verfügung. Die Gemeinde war zu jener Zeit noch stark, und sofort wurden Maßnahmen ergriffen, um die Rückgabe dieser Kirche zu erwirken. Es wurde eine riesige Menge von Unterschriften gesammelt und Bevollmächtigte aus der Gemeinde ausgewählt, die nun zunächst in dem ukrainischen Zentrum von Charkov tätig wurden. Aber da den Erneuerern gerade von dort aus die Erlaubnis zur Besitzergreifung der Kirche gegeben wurde, konnten keine positiven Ergebnisse erzielt werden. Man wandte sich nun nach Moskau. Nach mehreren Fahrten dorthin gelang es unter großen Anstrengungen und dank der Bekanntschaft mit einigen einflußreichen Leuten der kommunistischen Welt, eine Verfügung auf Rückgabe der Kirche zu erringen; diese fand dann auch 1924 zum Fest der Verklärung des Herrn statt.
Zu gleicher Zeit wollten die örtlichen Machthaber für jeglichen Widerstand von seiten des Volkes unbedingt Vater Varsonofij verantwortlich machen, als ob er der Organisator eines Volksaufstandes sei. Um einen Prozeß zu inszenieren, werden nun einige Angehörige des Gemeinderates und etwa 50 Frauen inhaftiert. Vater Varsonofij selber wird auch auf folgende Weise verhaftet. In seiner Wohnung erscheinen nach Mitternacht Bevollmächtigte der berüchtigten Organe der Staatsmacht, sie brechen mit Getöse bei ihm ein und führen eine Haussuchung durch. Dabei kommt angeblich ein gewisses Paket mit Belastungsmaterial zum Vorschein, das Vater Varsonofij als den Anstifter des Volksaufruhrs überführt. Dieses Paket soll unter seinen Sachen in seinem Zimmer, genauer im Bett gefunden worden sein, in dem in dieser Nacht der Verfasser dieser Zeilen schlief, der zufällig dageblieben war und ebenfalls verhaftet wurde. Es war klar, daß es sich um eine Fälschung handelte. Vater Varsonofij erklärte sofort zu dem Paket, das ihm von dem Bevollmächtigten voller Schadenfreude entgegengestreckt wurde: “Es ist eine Fälschung, Sie selber haben es gebracht”. Der Untersuchungskommissar gab irgendeine grobe und spöttische Antwort und befahl ihm, sich schnell anzuziehen. Vater Varsonofij wurde sogleich verhaftet, und einige Tage später wurden auch alle anderen, die sich in der Wohnung befanden, im Ortsgefängnis eingesperrt. Das Gerichtsverfahren zog sich mit vielen Verhören und Drohungen über drei Monate lang hin, aber der etwas zu grob angelegte Prozeß war derartig verlogen, daß er, nachdem er an die nächste Instanz weitergegeben worden war, abgebrochen wurde; alle Angeklagten wurden nach dreimonatiger Haft freigelassen.
Am zweiten Tag nach der Entlassung zelebrierte Vater Varsonofij anläßlich des Verklärungsfestes; es gab einen doppelten Anlaß zur Freude: die Kirche war den Erneuerern weggenommen worden, und “Batjuschka” war wieder frei. Seine Tätigkeit setzte er wieder mit großer Kraft und im selben Geist fort, aber leider nicht für lange.
Am Vorabend der Geburt Christi desselben Jahres wurde Vater Varsonofij nachts von der GPU verhaftet und sofort ins Zentralgefängnis nach Charkov gebracht, wobei die örtliche GPU sich weigerte, den Bevollmächtigten der Gemeinde irgend etwas über seinen Verbleib bekanntzugeben. Aber es war zu erraten: Die Vertreter der Gemeinde fuhren nach Charkov, und es gelang ihnen, seine Befreiung zu erlangen. Es scheint, daß er zu Neujahr aus Charkov zurückkehrte, aber wiederum nicht auf Dauer.
Doch jetzt trat etwas ganz Unerwartetes auf. Die Aktivität von Vater Varsonofij rief Unzufriedenheit bei der Geistlichkeit hervor, die neidisch auf ihn war, umso mehr als in der Gemeinde der Wunsch, Abt Varsonofij als Bischof zu sehen, immer stärker wurde. Davon erfuhr auch der Hierarch der Diözese, Bischof Onufrij. Aus diesem Grunde oder vielleicht auch aus einem anderen wichtigeren und ernsteren wird Vater Varsonofij plötzlich und ganz unerwartet zum Gemeindevorsteher in dem wenig bekannten Städtchen Pervomajsk (Ol’viopol’), Diözese Odessa, ernannt, in dem es keine einzige der Orthodoxie treu gebliebene Kirche gab. Als die Gemeinde gerade im Gedeihen begriffen war, was sogar das Moskauer Allrussisches Zentralexekutivkomittee nicht übersehen konnte, wurde Vater Varsonofij ihr entrissen und in eine abgelegene Stadt mit absoluter Übermacht der Erneuererbewegung geschickt. An seiner Stelle wurde ein Erzpriester aus der Umgebung ernannt, der sich dann später Metropolit Sergij unterstellte. Unter ihm verlor die Gemeinde dermaßen an Kraft, daß die örtlichen Machthaber diese wunderbare Steinkirche sprengten und allem ein Ende gesetzt wurde. Dann wurden auch alle übrigen Kirchen von diesem Schicksal ereilt. In der Stadt blieb keine einzige Kirche übrig.
Keinerlei Delegationen, Unterschriftensammlungen oder flehentliche Gesuche an den Diözesanbischof konnten diesen Ernennungsbefehl abändern. Die Gemeinde verwaiste und mußte sich verbittert in ihr Schicksal fügen.
Vater Varsonofij bekundete auch hier einen selbstverleugnenden Geist des Gehorsams. Unverzüglich und mit herzzerreißendem Schmerz verabschiedet er sich unter Tränen von seiner Herde und bricht in die Ungewißheit auf, neuen Drangsalen entgegen. Am neuen Wirkungsort angekommen, dringt er mit Mühe bis zur Kathedralkirche vor; obwohl es dort einen mit der Erneuererkirche liebäugelnden Kirchenvorsteher gab, informiert er die Gemeindemitglieder über seine Ernennung zum Vorsteher und Dekan des gesamten Kreises. Zunächst wurde er von dem Vorsteher dieser Kirche, Erzpriester S., unfreundlich empfangen, bald jedoch liebevoll von den Gemeindegliedern betreut und untergebracht.
Schon nach dem ersten Gottesdienst verbreitete sich die Kunde über ihn im ganzen Umkreis. Die Kathedralkirche erfuhr nicht nur von Tag zu Tag, sondern von Stunde zu Stunde eine Neubelebung. Priester und Laien, die von der Erneuererkirche wieder zur Orthodoxie überwechseln wollten, suchten Rat bei ihm. Viele von den Laien wußten nicht einmal, daß sie der Erneuererkirche angehörende Priester hatten.
Aber diese Belebung der Kirche war nur von kurzer Dauer. Der örtliche Erneuererbischof und die GPU regten sich. Vater Varsonofij, der am Ende der Großen Fastenzeit eintraf, wurde schon am 2. Pfingstfeiertag verhaftet und unverzüglich nach Charkov gesandt. Die Kirche wurde auf der Stelle geschlossen, und zwar für immer. Alle Bemühungen und Bittgesuche der Gemeinde blieben ohne Erfolg. Vater Varsonofij wurde im Gefängnis von Charkov eingesperrt, dann nach Verlauf einiger Monate wieder befreit, aber ohne die Erlaubnis, Charkov zu verlassen. In einer fremden, übervölkerten Stadt auf freien Fuß gesetzt, fand er nur mit Schwierigkeit einen Unterschlupf, und außerdem mußte er regelmäßig zur Registrierung zur GPU kommen.
Auch in dieser Stadt gewann er schnell allgemeine Liebe und Achtung. Er besuchte die fast einzige orthodoxe Kirche, zuweilen durfte er dort auch zelebrierten. Der Gottesdienst in dieser Kirche, in der viele Geistliche, Bischöfe und Priester zusammenkamen, die sich durch ihre Unterschrift verpflichtet hatten, die Stadt nicht zu verlassen, konnte nicht lange fortgesetzt werden. Im Jahre 1927 erfolgte die bekannte Deklaration Metropolit Sergijs, des vorübergehenden Stellvertreters des Patriarchatsverwesers, die einen neuen Aufruhr in der Kirche hervorrief und der gottlosen Macht Anlaß zu verstärkter Verfolgung gab. Ein Teil der Geistlichkeit nahm die Deklaration an, diejenigen, die die Annahme verweigerten, wurden verhaftet und in die Verbannung geschickt, und die Verbleibenden, welche die Deklaration ebenfalls nicht angenommen hatten, stellten ihre Gebetsgemeinschaft mit dieser Kirche ein und begannen ihre Gottesdienste zu Hause zu feiern. Die Kirche aber wurde letzten Endes trotz der Anerkennung der Legalisierung niedergerissen. Die Legalisierung führte eine neue Spaltung herbei. Ein Teil des Klerus war begeistert von ihr, einige nahmen eine mittlere Position ein, und ein gewisser Teil, der im Kampf mit dem Erneuererschisma der Orthodoxen Kirche treu geblieben war, protestierte dagegen. Die Gläubigen wandten sich von ihr wie von einem gotteslästerlichen Greuel ab, denn sie betrachteten einen derartigen Kompromiß als eine Zusammenarbeit mit der antichristlichen Macht. Vater Varsonofij und eine ganze Reihe weiterer Geistlicher, nämlich der Vorsteher des Kiewer Höhlenklosters Archimandrit Kliment, die Abt Evstratij, Makarij, Agapit, Erzpriester Grigorij S. und noch andere setzten sich ab und begannen den Gläubigen auf illegale Weise, so weit es ihnen möglich war, zu dienen: entweder bei sich zu Hause oder bei sonst irgend jemand. Da sie einen tragbaren, zusammenlegbaren Altar und die übrige zum Gottesdienst notwendige Ausrüstung bei sich hatten, vollzogen sie, wo es eben möglich war, zumeist nachts den Gottesdienst. Vater Varsonofij war einer der resoluten Kämpfer gegen die Deklaration von Metropolit Sergij.
Dem NKVD (Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten) war es natürlich nicht gleichgültig, wie sich die Leute, sogar die Laien, zu der Deklaration Metropolit Sergijs stellten.
Der Verfasser dieser Zeilen war kein Priester, aber trotzdem wurde er zweimal verhaftet und zum KZ verurteilt. Während der Voruntersuchungen legte man ihm in beiden Fällen, 1931 und 1935, jedoch an verschiedenen Orten, die heimtückischsten Fragen vor: “Sind Sie mit der sowjetischen Weltanschauung einig?”, “Stimmen Sie den Maßnahmen der Sowjetmacht in bezug auf die Kollektivierung zu?” - und eine ganze Reihe ähnlicher Fragen. Aber es gab auch Fragen wie: “Erkennen Sie die Deklaration Metropolit Sergijs an, und wenn nicht, warum nicht? Warum akzeptieren Sie nicht die kanonische Kirchengewalt Metropolit Sergijs? Das bedeutet, daß Sie die Kirche gar nicht brauchen, Ihnen geht es nur um jene, die sich politisch engagieren (dabei zeigte man ihm die Namen der Hierarchen, die sich Metropolit Sergij nicht unterworfen hatten), Sie sind eine konterrevolutionäre Organisation, Sie sind Feinde der Sowjetmacht!”

Fortsetzung aus Bote: 1993, 1

Zur vollständigen Vergewisserung der Wahrheit und um jegliche eigenmächtige Handlungsweise zu vermeiden, wurde Kontakt mit maßgeblichen kirchlichen Hierarchen in Moskau und Petrograd aufgenommen. Durch Besuche, Briefe oder eigens ent-sandte Personen konnten mündliche oder schriftliche Berichte hervorragender Persönlichkeiten, wie z.B. Metropolit Iosif von Petrograd, Metropolit Agafangel, Metropolit Kyrill von Kazan, Erzbischof Serafim von Ugli¡c, Erzbischof Dimitrij von Gdovsk, Bischof Damaskin von ¡Cernigov, Bischof Vasilij von Poltava, Bischof Viktor von Votkinsk, Bischof Aleksij von Vorone¡z, Bischof Ierofej von Veliko-Ustjug, sowie anderer Bischöfe und Priester beschafft werden. Man erhielt sogar Briefkopien vom Patriarchatsverweser, Metropolit Pjotr von Krutica, selbst in denen jener klar und deutlich die Ungesetzlichkeit des Vorgehens Metropolit Sergijs aufdeckt, und in einigen von denen er mit christlicher Liebe Metropolit Sergij anfleht, von dem von ihm eingeschlagenen Weg abzustehen. Der Verfasser dieser Zeilen hatte selber die Gelegenheit, den Inhalt dieser Briefe, deren Glaubwürdigkeit völlig außer Zweifel steht, zu hören und zu lesen.
All dies bestätigte vollkommen den eingeschlagenen Weg, und Vater Varsonofij stand mit Hilfe seiner Getreuen den Gläubigen in Charkov, wie auch in den Gegenden seiner ehemaligen Gemeinden und an anderen Orten auf verschiedentliche Weise bei: brieflich oder durch persönliche Besuche. Je mehr sich die Verfolgung in Zusammenhang mit der Deklaration und fast völligen Liquidierung der den Metropoliten Sergij nicht anerkennenden Kirche verstärkte, bildete sich um Vater Varsonofij eine Gemeinde, die ihm mit allen Mitteln insgeheim half. Sie bestand nicht nur aus Ortsansässigen, sondern auch aus Leuten, die regelmäßig von fernen Gegenden herbeigereist kamen: vom Donbecken, vom Kubangebiet, aus der Region von Poltava, Cherson, Odessa und sogar aus Weißrußland. Außerdem gelang es ihm, auch zuweilen selbst Genehmigung zu einer Besuchsreise zu seinen Verwandten zu bekommen.
Die Aktivität Vater Varsonofijs weiterte sich in dieser Zeit entschieden aus. Er war sozusagen der Mittelpunkt eines hervorragenden Kreises kirchlicher Leute: ihn besuchten sowohl aus den Klöstern verjagte Geistliche, Priester und Mönche und Nonnen als auch Laien jeglichen Alters und Standes. Sie gingen alle zu ihm, um Trost in ihrem Kummer zu finden, um Kirchenangelegenheiten zu besprechen oder zur persönlichen geistlichen Erbauung.
Wie die Leute, die ihn an den Orten seines früheren Wirkens gekannt hatten, so gingen auch die Gläubigen allerorten zu ihm. Zu ihm strebten ebenfalls die Seelen junger Männer und Mädchen, die er durch das Wort und die Schönheit seines geistlichen Lebens gewann, und die Bereitschaft bekundeten, unter seiner Führung den Weg eines gottgefälligen Lebens einschlagen zu wollen. Solche Leute lebten mit seinem Segen zuweilen in Gruppen, wobei sie ihr Leben nach seinen Ratschlägen ausrichteten. Trotzdem preßte er keinen in den Rahmen besonders vorgeschriebener Regeln. Allen, die gottgefällig leben wollten, wurden die üblichen kirchlichen Regeln anheimgestellt - morgens: die Morgengebete und das Mesonyktikon; mittags: die Horen; abends: das Apodeipnon und die Abendgebete. Den besonders Eifrigen gab er den Segen, das Typikon des gesamten Gottesdienstzyklus einzuhalten. Ungeachtet des sich damals ausbreitenden geheimen Mönchstums, und obwohl viele mit der Bitte um die Mönchsweihe an ihn herantraten, weihte Vater Varsonofij keinen, denn er billigte diese Art des Mönchtums nicht. Nur ein Fall der Tonsur einer Novizin des Choro¡sevskij Klosters ist bekannt, die unter der Obhut einer alten Nonne lebte. Dem Verfasser dieser Zeilen sagte er: um der Kirche zu dienen, sollte man unbedingt wenigstens einige Jahre im Kloster verbracht haben. Dennoch empfahl er all seinen geistlichen Kindern, die eine Neigung zum monastischen Leben hatten, sich um eine derartige Lebensweise zu bemühen, d.h. zu beten, gemäß der Regel zu fasten, sich von einer nicht angemessenen Gesellschaft zu entfernen, kein Fleisch zu essen, aber bei Fremden so zu tun, als ob man esse. Im allgemeinen gab er seinen geistlichen Kindern, besonders dort, wo es in der Nähe keine orthodoxe Kirche gab, was fast überall der Fall war, den Segen, an Feiertagen die Gottesdienste nach dem Typikon zu lesen: Abend- und Morgengottesdienst, Stunden, Typika, geistliche Lesung - eben alles was für Laien ohne die priesterlichen Gebete zulässig ist. Auch die vorgeschriebenen Abschnitte aus den Apostelbriefen und dem Evangelium wurden gelesen. Solche Gebetsversammlungen mit Gesang und Lesungen fanden oft unter Teilnahme einer großen Anzahl von Betenden besonders nachts in der Wohnung irgendeines der Gläubigen statt. Es wurde auch der Toten gedacht, und einmal wurde sogar eine Beerdigung durchgeführt. Die Gläubigen sangen selber das Trisagion und andere Hymnen. Vater Varsonofij billigte dieses Vorgehen und zelebrierte aus der Ferne das Totenamt.
Die GPU schlief jedoch nicht. Die Gottesdienste wurden entdeckt, Aufrufe und Briefe wurden gefunden, aus denen hervorging, wie all diese Personen zur Deklaration von Metropolit Sergij standen. Am 1. Januar 1931 erfolgte in einer Nacht allerorts eine Massenverhaftung der wenigen noch in Freiheit verbliebenen Bischöfe, des übrigen Klerus und sogar der Laien, die irgendwie in dieser Richtung aktiv gewesen waren. Auch Vater Varsonofij wurde verhaftet. Nur Vereinzelte blieben in Freiheit, und die Mehrheit von ihnen ging völlig in den Untergrund. In Charkov wurden die schon genannten Erzpriester Grigorij S. und Gefolge, Bischof Pavel (Kratirov) von Neu-Moskau (im Charkover Gefängnis gestorben) und andere verhaftet.
Die Verhafteten wurden diesmal vielen und vielerlei Qualen unterworfen. Vor allem wurde nächtelanger Schlafentzug praktiziert: die Gefangenen mußten in diesem Zustande 5, 10 und sogar 20 Tage und Nächte nacheinander verharren, im Stehen oder im Sitzen unter der Aufsicht sich ablösender Wachposten, die sie Tag und Nacht durch Fußtritte quälten oder sie sogar mit dem Bajonett stachen, so daß sie nicht einschlafen konnten. Einigen nahmen sie die Lebensmittelpakete weg, die man ihnen gebracht hatte, andere verprügelten sie, wieder andere sperrten sie in qualvolle Einzelzellen ein oder in unglaublicher Enge in Kammern, die zum Bersten voll waren und zur Sommerzeit fast hermetisch geschlossen oder im Winter eiskalt waren. Oder sie ließen die Gefangenen hungern und dann wieder erlaubten sie ihnen, sich satt zu essen, aber gaben ihnen kein Wasser, sie täuschten Erschießungen vor und vieles andere mehr (der Schreiber dieser Zeilen kennt, abgesehen von dem, was er zu sehen und zu hören bekam, auch aus eigener Erfahrung einige von diesen Torturen).
Das Ziel all dieser Folterungen war, von den Verhafteten die gewünschten und für das NKVD vorteilhaften Antworten zu erhalten, die alle auf ein bestimmtes Ziel hinausliefen: nämlich die Schaffung einer fiktiven konterrevolutionären, politischen Organisation, in die möglichst viele Personen hineingezogen werden sollten. Dafür benötigten sie allerhand Zeugenaussagen, auch über Dinge, die vielleicht gar nicht existierten, um derentwillen sie ihre Opfer mit Fragen quälten: “Waren Sie dort und dort? Wer war noch dort? War der und der bei Ihnen? Was wurde geredet, was wurde vorgelesen?” Oder: “Sie, der Sie schon dem Untergang geweiht sind, machen Sie ein aufrichtiges Geständnis, entlarven Sie die konterrevolutionäre Organisation und Sie werden gerettet sein” usw. In dem psychischen Zustand, der durch die genannten Foltermaßnahmen geschaffen wurde, riefen sie die Leute zu jeder beliebigen Tag- und Nachtzeit und überschütteten sie mit derartigen Fragen. Wenn das zu nichts führte, dann setzten sie die Folterung bis zur Unzurechnungsfähigkeit fort, und in diesem Zustand zwangen sie unter Drohungen die Inhaftierten, bei den Verhören selber nach Diktat niederzuschreiben oder einfach ein vorbereitetes Protokoll zu unterschreiben. Wenn sie auch dann die gewünschte Aussage nicht erzielten, dann gab es erneut Schelte, Fußtritte, Revolvergefuchtel direkt vor der Nase und Vortäuschung von Erschießungen; darauf wurden die Drohungen noch verstärkt: “Du wirst hier bis zur Wiederkunft Christi stehen”, “Wir hängen dich mit dem Kopf nach unten auf, und das ist noch nicht einmal genug für dich”, usw. “Dein Verbrechen ist so groß, daß du ohnehin erschossen wirst, aber du kannst dich noch retten - wir verlangen nur deine aufrichtige Reue”. Und dann wird auch das Mittel der Rettung vorgeschlagen: entlarve die konterrevolutionäre Organisation oder werde einfach unser Mann, “Ihr könnt trotzdem beten, wir unterdrücken die Kirche ja nicht”, usw.
Das Ende dieser Torturen war, daß alle auf verschieden lange Zeit, die nach den damaligen Gesetzen 10 Jahre noch nicht überschritt, in ein Konzentrationslager an verschiedene, weit entfernte Verbannungsorte geschickt wurden. Gewöhnlicherweise wurden diese Strafdauern im Falle von etwas wichtigeren Personen direkt vor der Freilassung verlängert oder es folgte eine Verbannung mit relativer Bewegungsfreiheit an unwegsamen und fernen Orten. An den früheren Wohnort kehrte kaum einer zurück. Nicht wenige starben unter den unwahrscheinlich schweren Lebensbedingungen. Die Äbte Evstratij und Makarij starben nach dem Bericht eines Augenzeugen, der mit ihnen in der Gefangenschaft war und später nach Charkov zurückkehrte, unter den äußerst schweren Verhältnissen des Svir-KZ; sie hatten bis zum Tode einen wahrhaft christlichen Heldengeist ohne die geringsten Zugeständnisse an die Gottlosen bewiesen. Vater Grigorij S. wurde zu 10 Jahren KZ-Haft im Lager von Temnikova verurteilt, und danach wurde er ins Weißmeerlager überführt. Vater Varsonofij bekam 5 Jahre im Temnikova-Lager, dann wurde er ins Sarover Konzentrationslager gebracht, wo er in der Hauptkirche untergebracht wurde.
Der Verfasser selbst war Zeuge seines bemerkenswerten Verhaltens in den Gefängnissen und Konzentrationslagern. Vollkommen aufrichtig meinte er, daß das Gefängnis für ihn eine Art geistlicher Schule sei, und ohne Furcht und in Dankbarkeit gegenüber dem Herrn betrachtete er das Eingesperrtsein als eine Gelegenheit zu spiritueller Vervollkommnung.
Die überall sich breitmachende Erbitterung gegen die Geistlichkeit hatte zur Folge, daß man Vater Varsonofij in eine Zelle mit berüchtigten Rückfälligen sperrte, d.h. mit Gewohnheitsverbrechern, die jegliches menschliche Gefühl verloren haben, mit Banditen, Mördern, Dieben und ähnlichen Leuten. Und auch hier gelang es ihm oftmals, durch seine echt christliche Verhaltensweise, die ihres Namens würdig war, diese Bestien in Menschengestalt zu zähmen. Einige von ihnen faßten eine solche Zuneigung zu “Batjuschka”, daß sie sogar nach der Trennung von ihm versuchten, durch Briefwechsel oder irgendein anderes Mittel mit ihm in Verbindung zu bleiben. In der Gefängniszelle selbst verhielt er sich wie ein Priester und ein Mönch. Ungeachtet des Lärms, des Geschreis, des unglaublichen Gezänks und des schweren Tabakrauches stand er oft stundenlang im Gebet da, mit der Gebetsschnur in der Hand, als ob er seine Umgebung gar nicht wahrnehme. Wenn er gelegentlich Lebensmittelpakete erhielt, dann teilte er sie sogleich mit den anderen. Weder erniedrigte er sich zu dem Milieu, in dem er leben mußte, noch verachtete er es, sondern er brachte alle dazu, ihn als einen wahrhaften Diener Gottes zu achten. Im Lager verweigerte er grundsätzlich, ungeachtet aller Drohungen jegliche Arbeit, er ließ es auch nicht zu, daß sein Aussehen verändert wird. Nur unter Gewaltanwendung und Schlägen wurden ihm die Haare und der Bart abgeschnitten.
Obwohl er beständig unter derartig schwierigen Bedingungen leben mußte, verzagte er niemals, denn er widmete seine ganze Zeit dem Gebet; er gewann auch einige Freunde und konnte vielen Trost spenden. Der Verfasser hat dies selbst erfahren. Unter den harten Bedingungen der Gefangenschaft ist die erste Zeit besonders schwierig; die Gefangenen wurden von solcher Schwermut erfaßt, daß einige begannen, den Kopf gegen die Wand zu schlagen, nur um durch den physischen Schmerz die Nacht der Verzweiflung zu betäuben, besonders wenn sie nicht an Gott glaubten. “Und in solch einem Augenblick hatte ich das Glück, Batjuschka sowohl im Gefängnis als auch im KZ zu begegnen: schon wenn er mich aus der Ferne segnete, ganz zu schweigen von einer persönlichen Begegnung, stürzte der Berg der Schwermut zusammen und ein freudiges Gefühl bemächtigte sich meiner.” Sein begeisterter Gesichtsausdruck, seine lichtvolle Erscheinung und sein freundliches Wesen zogen immer die gläubigen Menschen an, und so bildete sich ein Kreis seiner Anhänger, in dem sich alle gegenseitig halfen, die Mühsalen des Lagerlebens zu erdulden.
In der ersten Zeit seines Lagerlebens, als er von KZ zu KZ getrieben wurde und unter unvorstellbaren Bedingungen sein Dasein fristen mußte, wäre er beinahe an Typhus gestorben. In Sarov wurde er einmal ertappt und halb zu Tode geschlagen. Als er dieses Lager verließ, war er ein gekrümmter Invalid geworden, der sich ohne die Hilfe von Krücken nicht vorwärtsbewegen konnte. Es war schwer, den verhältnismäßig noch jungen, wohlgestalteten und großwüchsigen Vater Varsonofij so wiederzusehen.
Als Folge seiner Invalidität und durch die Bekanntschaft seiner Verwandten mit den Machthabern in Charkov gelang es ihm, nach Ende der Haftzeit nach Charkov zurückzukehren. Äußerlich hatte er sich verändert, aber innerlich war er derselbe geblieben. Und ohne eine Minute zu verlieren, machte er sich an das Werk, das seiner Berufung entsprach: die Rettung der Menschenseelen. Und wiederum vollzog er nachts die Gottesdienste bei sich zu Hause oder bei anderen, er spendete die hl. Kommunion, tröstete die Menschen durch sein Wort und stärkte die übriggebliebenen Gläubigen, die zu jener Zeit sehr unter dem Druck der dreisten Gottlosigkeit litten. Die Verfolgung ging so weit, daß sogar das Aufhängen von Ikonen in Häusern, welche der Genossenschaft gehörten, unmöglich, und in privaten riskant war. Für die Angestellten der sowjetischen Einrichtungen war es gefährlich, auch nur einen Blick in eine Kirche zu werfen, sich irgendwo in der Öffentlichkeit zu bekreuzigen, ganz zu schweigen von den besonderen kirchlichen Amtshandlungen, denn sogar Beerdigungen und dgl. fanden nach einem besonderen sowjetischen Ritual mit Musik und roten Flaggen statt. In den Familien verfolgten nicht selten in den Schulen eigens darauf abgerichtete Kinder ihre Eltern wegen der Durchführung religiöser Zeremonien.
Vater Varsonofij, der früher niemals und unter keinerlei Umständen seine äußere priesterliche Erscheinung verändert hätte, nimmt jetzt, ab 1935, wegen der verschärften Verfolgung der Geistlichen, bei der es einem Priester kaum mehr möglich war, in der seinem Stand angemessenen Kleidung unbemerkt irgendwo durchzugehen oder durchzufahren, um des eigentlichen Zieles, nämlich der Festigung der Gläubigen willen, sein Priestergewand ab und kleidet sich wie ein alter Mann mit dem üblichen russischen langen Hemd mit Gürtel. In einem solchen Aufzug konnte er bis zu einem gewissen Zeitpunkt unbemerkt eine ganze Reihe seiner geistlichen Kinder besuchen, sowohl in seinen früheren Gemeinden wie auch an anderen Orten: in der Kubanregion, im Donbecken, in Weißrußland, in einigen Städten der Ukraine und schließlich in Odessa. Der Hauptzweck seines Besuches war der Vollzug der Sakramente der göttlichen Liturgie, Beichte und Kommunion. Bei solchen Gottesdiensten kamen nur seine getreuen Anhänger zusammen, die einander kannten und Gleichgesinnten die Nachricht weitergaben.
Dem Verfasser dieser Zeilen war es gegeben, Zeuge einer solchen Reise von Vater Varsonofij zu werden, die einige Jahre zuvor stattgefunden hatte. Irgendwo am Stadtrand, in einem unzugänglich gelegenen und von einem hohen Zaun umgebenen Haus (aber so etwas konnte auch mitten in der Stadt stattfinden) nahm Vater Varsonofij zwei Tage und Nächte lang den herbeigereisten Leuten, die einander über die Örtlichkeit informiert hatten, die Beichte ab. Er hatte nicht einmal Zeit zum Essen. Einen ähnlichen Dienst an den Gläubigen leisteten auch andere Priester in verschiedenen Städten und auf verschiedene Weise. Einige lebten an einem bestimmten Orte, außerhalb jeglicher Registrierung, und nur die Familie, in der sie lebten, wußte über ihren Verbleib; ebenso jene Getreuen, die zu den Gottesdiensten kamen, die zuweilen in tief unter der Erde angelegten Kirchen abgehalten wurden. Solch ein Priester lebte auch in der Region von Charkov, und ein weiterer im Donbecken. Bekannt war ein Priester, der mit einer Schleifmachine umherzog und auf diese Weise mit gläubigen Menschen Bekanntschaft schloß. Man weiß auch von einem Archimandrit, der, nachdem er aus dem KZ entlassen worden war, Ofensetzer wurde (in den Häusern installierte er Öfen, Herde und dgl.) und durch dieses Hilfsmittel mit den Gläubigen Kontakt aufnehmen konnte. Es gab noch ähnliche Dienste dieser Art.
Bei einer solchen Reise im Jahre 1936 nach Odessa wurde Vater Varsonofij aufgelauert, verhaftet und ebendort in Odessa ins Gefängnis geworfen, wobei ihm alle Möglichkeiten der Verbindung zur Außenwelt abgeschnitten wurden. Nach Beendigung des Ermittlungsverfahren wurde er, der nun schon ein Vollinvalide war (damals schon unter dem NKVD) zu einer neuen KZ-Inhaftierung verurteilt, und zwar nach Kolyma, dem kältesten Teil von Nord-Ost-Sibirien, am Ufer des Nördlichen Eismeeres. Auf wie lange er verurteilt wurde, ist nicht bekannt, aber bei solchen Aburteilungen wurde die Möglichkeit einer Rückkehr von vorneherein ausgeschlossen.
Vater Varsonofij brauchte jedoch nicht mehr dorthin zu fahren. Über seine lange und beschwerliche Reise in den Sträflingswaggons ist nichts bekannt. Aber es gelang aus der Erzählung eines zufälligen Augenzeugen, der alle seine Eindrücke ganz genau beschrieben hatte, zu erfahren, daß er Kolyma gar nicht mehr erreichte, sondern auf Kamtschatka sein Ende fand. Man hat jedoch keinerlei Einzelheiten über seinen Tod.
Im Verlauf seines priesterlichen Wirkens zur Zeit der Sowjetherrschaft wurde er 25 mal verhaftet. Bei allen Verhören trat er vollkommen furchtlos und mit der Würde eines Dieners Gottes auf. Wie er selbst erzählte, schwieg er in schwierigen Augenblicken und betete einfach solange, bis er innerlich eine Antwort erhielt, und ohne dem wütenden Untersuchungskommissar irgendwelche Aufmerksamkeit zu schenken, gab er die entsprechenden Antworten und machte alle giftigen Umgarnungsversuche der raffinierten, in Hinterlist und Tücke geübten Untersuchungsführer zunichte, die dann manchmal ihren Ton änderten und solch einer Art von geradem und heldenhaftem Bekennertum Lob zollten.
Der Verfasser stand in engster Beziehung zu Vater Varsonofij, nicht nur als dieser noch in Freiheit war, sondern teilweise auch im Gefängnis und KZ. Vieles ist natürlich vergessen, und kommt einem nie mehr in den Kopf, wenn man bedenkt, daß man damals in einer Umgebung lebte, in der man über irgendetwas nicht Sowjetisches weder schreiben, noch unter vier Augen ohne Furcht sprechen konnte, denn wie es hieß, gaben sogar die Wände der GPU weiter, was manchmal über ähnliche Dinge frei gesprochen oder geschrieben wurde.
Nachdem nun so lange Zeit verstrichen ist, fällt es schwer, die zahlreichen Aspekte des echten Märtyrer- und Bekennertums Vater Varsonofijs in aller Kraft und Schönheit zu beschreiben. Die Hauptsache für ihn war, daß die Gebote Gottes und die heiligen Kanones der Kirche die unverbrüchliche Wahrheit darstellen, die keinerlei Zugeständnisse zulassen darf. Nicht nur in bezug auf die Wahrheit der Kirche, in der höchsten Bedeutung dieses Wortes, sondern auch bei priesterlichen Amtshandlungen oder im Gemeindeleben konnten ihn keinerlei Bitten veranlassen, die von der Kirche aufgestellten Gesetze über Hochzeiten oder Begräbnisse zu verletzen, z.B. im Fall von Selbstmördern oder Heterodoxen usw.
Er hatte auch beachtenswerte persönliche, geistige Erlebnisse. Im KZ von Sarov gewährte ihm der Herr nach der Auspeitschung die große Gnade einer inneren geistlichen Erleuchtung. Auch während einer schweren Krankheit sah er sich gleichsam in eine andere Welt versetzt und hatte eine ganze Reihe von Visionen, die ihm die nicht anzuzweifelnde Gewißheit des ewigen Lebens vermittelten. Während des Vollzugs der Liturgie wurden ihm noch weitere Visionen zuteil. Leider konnte der Verfasser, der damals noch ein junger Mann war, nur schwer in diesen Bereich seiner persönlichen geistlichen Erfahrungen vordringen.
Die Erinnerung an Vater Varsonofij darf nicht verwischt werden. In Rußland hätten wir wahrscheinlich die Möglichkeit, viel mehr Angaben über ihn zu sammeln.z
Möge der Herr seiner Seele Ruhe in den himmlischen Gefilden schenken!