Interorthodoxes Treffen
über Fragen des Verhaltens zur ökumenischen Bewegung

(Konferenz in Saloniki, 29.04. - 02.05.1998)



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1998, 3

 

Vom 29. April bis 2. Mai fand in Saloniki (Griechenland) eine Konferenz statt, die den Fragen der Beziehung zu der ökumenischen Bewegung gewidmet war, ein Thema, das heute viele Gläubige nicht nur in Rußland, sondern auch in anderen orthodoxen Landeskirchen bewegt. Auf Einladung des Konstantinopler Patriarchen Bartholomäos kamen die Delegierten der orthodoxen Landeskirchen nach Saloniki, welche diese Initiative der Russischen und Serbischen Orthodoxen Kirchen im Zusammenhang mit dem Austritt der Georgischen Orthodoxen Kirche aus dem Weltkirchenrat (s. Bote No. 4/97 ) unterstützten. Einen einführenden Vortrag zu dem Thema der Konferenz hielt der Metropolit von Ephesus Chrisostomos.
Von jeder Orthodoxen Landeskirche nahm ein Vertreter und ein Berater teil; von der ROK waren dies der Metropolit von Smolensk und Kaliningrad Kirill, Vorsitzender der Abteilung für Auswärtige Kirchliche Beziehungen des Moskauer Patriarchats, und Priestermönch Ilarion (Alfeev), Sekretär dieser Abteilung für Interchristliche Belange.
Während der Konferenz trug die Delegation der ROK einen Antrag vor, zur VIII. Versammlung des WKR, die im Dezember 1998 in Harare (Zimbabwe) zusammentreten wird, nicht offizielle Delegierte, sondern nur Beobachter zu entsenden. Nach langer Diskussion zu diesem Antrag wurde eine Kompromiss-Lösung angenommen: Jede Orthodoxe Landeskirche entsendet Delegierte zur Versammlung nach Harare, aber “nicht zur Teilnahme an der grundlegenden Arbeit der Versammlung, sondern, um dort vor den Heterodoxen ihre Besorgnis über die im WKR stattfindenden Prozesse zu bezeugen und seine strukturelle Umgestaltung zu fordern”. Die Teilnehmer verabschiedeten ein Kommuniqué, dessen Text wir (unter Auslassung nur der üblichen Höflichkeitsfloskeln für die Organisatoren der Begegnung) nun abdrucken:
“Die Delegierten verurteilten einmütig jene schismatischen Gruppen, sowie gewisse extremistische Gruppen innerhalb der Orthodoxen Landeskirchen, welche das Thema Ökumenismus zur Kritik an der kirchlichen Führung benützen und durch Untergrabung ihrer Autorität versuchen, Unstimmigkeit und Spaltung in der Kirche hervorzurufen. Zur Bekräftigung ihrer ungerechten Kritik ziehen sie unwahres Material und falsche Informationen heran.
Die Delegierten unterstrichen auch, daß die orthodoxe Beteiligung an der ökumenischen Bewegung sich bisher immer auf die orthodoxe Überlieferung, die Entscheidungen der Heiligsten Synode der Orthodoxen Landeskirchen und panorthodoxe Begegnungen gründete, wie etwa die Dritte Vorkonziliare Konferenz 1986 und die Zusammenkunft der Vorsitzenden der Orthodoxen Landeskirchen 1992.
Die Teilnehmer sind einmütig der Ansicht, daß es nötig ist, ihre Beteiligung in den verschiedenen Formen der interchristlichen Aktivität fortzusetzen. Dennoch gibt es gleichzeitig bestimmte Tendenzen bei einigen protestantischen Mitgliedern des Rates, welche sich in den Debatten des WKR widerspiegelten, aber für die Orthodoxen nicht annehmbar sind. Auf vielen Sitzungen des WKR waren die Orthodoxen gezwungen an der Diskussion über Fragen, die ihrer Tradition völlig fremd sind, teilzunehmen. Auf der 7. Versammlung in Canberra 1991 und auf den Sitzungen des Zentralkomitees nach 1992 nahmen die orthodoxen Delegierten eine entschiedene Position gegen die Interkommunion mit Nicht-Orthodoxen, gegen die inklusive Sprache, gegen die Priesterweihe von Frauen, die Rechte der geschlechtlichen Minderheit und gewisse Tendenzen zum kirchlichen Synkretismus ein. Ihre Erklärungen zu diesen Fragen wurden als Ausführungen einer Minderheit betrachtet, und als solche hatten sie keine Wirkung auf die Prozedur und den moralischen Charakter des WKR.”
Im abschließenden Teil des Kommuniqué wird die Bitte an alle Orthodoxe Kirchen geäußert, offizielle Delegierte zu der Achten Versammlung des WKR zu entsenden “mit dem Ziel, ihrer Besorgnis auf folgende Weise Ausdruck zu verleihen”:
a) Die an der Versammlung in Harare teilnehmenden orthodoxen Delegierten geben gemeinsam eine Erklärung über die Interorthodoxe Begegnung in Saloniki ab.
b) Die orthodoxen Delegierten werden nicht an den ökumenischen Gottesdiensten, allgemeinen Gebeten, Gottesdiensten und anderen religiösen Zeremonien bei der Versammlung teilnehmen.
c) Die orthodoxen Delegierten werden nicht an der Abstimmung teilnehmen, ausgenommen in bestimmten Fällen, welche die Orthodoxen berühren, und dies mit gegenseitigem Einverständnis. Wenn nötig, werden sie bei den Diskussionen der Vollversammlungen und in einzelnen Gruppen die orthodoxen Beurteilungen und Positionen darlegen.
d) Diese Vollmachten gelten solange, bis die grundlegende Umgestaltung des WKR beendet sein wird, welche eine entsprechende orthodoxe Teilnahme möglich machen wird.
Die Delegierten beantragten ganz entschieden die Schaffung einer Gemischten Theologischen Kommission, die auch orthodoxe Mitglieder, welche von ihren jeweiligen Kirchen ernannt werden, enthalten muß, sowie vom WKR bestimmte Personen. Die Gemischte Kommission wird ihre Arbeit nach der Versammlung in Harare beginnen und die vertretbaren Formen der Beteiligung von Orthodoxen an der ökumenischen Bewegung sowie die grundlegende Umgestaltung des WKR erörtern. Saloniki, 1. Mai 1998”.
Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen..., sondern hat Lust zum Gesetz des Herrn und redet von seinem Gesetz Tag und Nacht! (Ps. 1,1-2).
Es ist nicht nötig, sich besonders gut in der Kirchenpolitik auszukennen, um zu verstehen, daß dieses Dokument das Ergebnis eines recht inkonsequenten Denkens ist, um nicht zu sagen – eines bösen. Es fällt einem sofort auf, daß der abschließende Teil des Kommuniqués, in welchem die Teilnehmer an dem Treffen vorschlagen eine Delegation zur Versammlung in Harare unter der Bedingung, daß “Orthodoxe Delegierte nicht an den ökumenischen Gottesdiensten, gemeinsamen Gebeten, Gottesdiensten und anderen religiösen Zeremonien” teilnehmen, ebensowenig wie an den Abstimmungen (und gerade das taten sie früher, und diese Art der Beteiligung, die von den kirchlichen Kanones verboten wird, rief eine Empörung unter den Verteidigern der Reinheit der Orthodoxie in allen Landeskirchen hervor und führte sogar zum Austritt einer von ihnen, der georgischen nämlich, aus dem WKR) durchaus nicht aus seinem Hauptteil hervorgeht. Im Hauptteil des Kommuniqu´es verurteilen die Delegierten “einstimmig jene Gruppen von Spaltern, und sogar bestimmte extremistische Gruppen innerhalb der Orthodoxen Landeskirchen, welche das Thema Ökumenismus zur Kritik an der kirchlichen Führung und Untergrabung ihrer Autorität benützen”, um “Unstimmigkeit und Schismen in der Kirche hervorzurufen”. Das Kommuniqué versichert, daß die Extremisten und Schismatiker, die mit der ökumenischen Aktivität der orthodoxen Hierarchen unzufrieden sind, “zur Bekräftigung ihrer ungerechten Kritik unwahres Material und falsche Informationen” heranziehen. Dieser Absatz beschreibt die reale Situation “aufs Haar genau umgekehrt”. Extremisten und Schismatiker, das sind hier Leute, welche die Reinheit der Orthodoxie bewahren, aber Unstimmigkeiten und Spaltungen in der Kirche verursachen gerade jene, welche, um die eigene “Autorität” zu bewahren, sich nicht scheuen, zu Lüge und Desinformation zu greifen.
Wie sonst, wenn nicht als Irreführung, kann man die Behauptung bezeichnen, daß “die orthodoxe Beteiligung an der ökumenischen Bewegung sich immer schon auf die Orthodoxe Überlieferung gründete”? Nicht nur die Orthodoxe Überlieferung (vorausgesetzt, daß man solche Dokumente wie das Kommuniqué von Saloniki nicht als orthodoxe Dokumente ansieht), sondern auch die kirchlichen Kanones verbieten unzweideutig, unter der Androhung der strengsten Kirchenstrafen viel von dem, welchem die orthodoxen Befürworter der Ökumene in ihren Beziehungen zu Heterodoxen zustimmten, was auch von Dokumenten, deren Echtheit nicht zu bestreiten ist, bestätigt wird.
Zumindest naiv erscheint die Erklärung darüber, daß “es unter den protestantischen Mitgliedern des Rates bestimmte Tendenzen gibt”, welche “für die Orthodoxen nicht annehmbar sind”. Es entsteht der Eindruck, als ob diese Tendenzen erst vor kurzem auftauchten und für die Orthodoxen, die irgendwie vergessen hatten, daß die Tendenzen der protestantischen Mitlieder schon immer mit der Orthodoxie unvereinbar waren, von deren Entstehen im Schoß ihrer Mutter, der römisch-katholischen Kirche an, überraschend kamen. Möglich, daß für ein breites Publikum solche “Tendenzen” wie die Priesterweihe von Frauen oder die gleichgeschlechtlichen Ehen schockierender ausschauen als die viel früher erfolgte Entstellung der Dogmen der Orthodoxen Kirche, die Abkehr von der Heiligen Überlieferung, von der Verehrung der Mutter Gottes, den heiligen Ikonen und heiligen Gottgefälligen, und doch sind sie nur eine Folge von dieser anfänglichen Verdorbenheit und Apostasie.
Völlig unverständlich klingen Passagen darüber, daß die Orthodoxen “gezwungen sind, an Diskussion über Fragen teilzunehmen, die ihrer Tradition völlig fremd sind”, und “keine Wirkung auf die Prozedur und den moralischen Charakter des WKR haben” können, weil sie sich in der Minderheit befinden. “Gezwungen”: wodurch denn? Durch Folter? Durch Zerstückelung ihrer Glieder? Durch die Drohung, enthauptet oder in einen Feuerofen geworfen zu werden? Die Überlieferung hat unzählige Beispiele dafür bereit, wie sich Orthodoxe benahmen, die zu etwas, was “ihrer Tradition fremd” war, genötigt wurden. Diese Leute werden Märtyrer genannt, sie sind der Ruhm der Kirche Christi. Saloniki ist übrigens die Heimat und der Ort des glorreichen Leidens und Märtyrerendes des Hl. Großmärtyrers Demetrios. Märtyrer, auf Griechisch martu”, das bedeutet “Zeuge”. Der Herr Jesus Christus selbst bereitete Seine Jünger zum Märtyrertod vor, und sagte, daß alles, was sie erdulden werden müssen, sie zu Zeugen machen wird (Lk. 21,13). So versteht die Heilige Schrift und die Heilige Überlieferung die Zeugnisablegung. Was bedeutet da im vorliegenden Zusammenhang die ständige Beteuerung der Ökumenisten aus den Orthodoxen Landeskirchen, daß sie in den ökumenischen Organsationen zusammen mit den Heterodoxen deshalb sitzen, um “für die Orthodoxie Zeugnis abzulegen”?
Hinsichtlich der Frage, wie sich die Orthodoxen, die in der Minderheit sind, sich benehmen sollen, könnten sich die Teilnehmer an dem Treffen von Saloniki nicht nur am Vorbild des Hl. Demetrios erbauen, sondern auch an dem eines anderen Bürgers von Saloniki, dessen Reliquien, ebenso wie die Reliquien des Hl. Großmärtyrers, sich bis heute in Saloniki befinden. Der Heilige Gregor Palamas, der 23 Jahre lang die Häresie von Barlaam und Akindynos bloßstellte, fürchtete sich nicht, gegen die Autorität des damaligen Ersthierarchen, des Patriarchen von Konstantinopel Ioannes XIV Aprenos, der die Häretiker unterstützte und den Hl. Gregor als den Verursacher aller kirchlichen Unruhen und Disharmonien bezeichnete, aufzustehen. Vier Jahre lang litt der Gottgefällige, der noch zu Lebzeiten durch göttliche Wunder verherrlicht wurde, im finsteren Kerker und sicherlich nahm er Einfluß auf den “moralischen Charakter” nicht nur der damaligen Gesellschaft, sondern auch der folgenden Generationen von Christen in allen Ländern, wo die heilige Orthodoxie blühte, während der Patriarch Ioannes von Konstantinopel trotz all seiner “Autorität” den Zorn Gottes über sich erfuhr: Er fiel nämlich selbst in die Häresie, und als Häretiker wurde er seiner Kathedra und der kirchlichen Gemeinschaft enthoben.
Es ist offensichtlich, daß der in dem Kommuniqué erklärte Verzicht auf die gemeinsamen Gottesdienste mit den Heterodoxen einen Schritt rückwärts auf jenem gefährlichen Weg bedeutet, auf dem bisher die “orthodoxen Ökumenisten” so furchtlos schritten: solange nämlich, als ihre Bestrebungen nicht auf Widerstand von seiten jener stießen, die sie als Extremisten und Schismatiker bezeichnen. Offensichlich ist auch etwas anderes: Dieser Schritt wurde nicht von einer Abwendung von den in der Vergangenheit begangenen Fehlern diktiert, sondern nur aus Besorgnis und Befürchtung um die ins Wanken geratene Autorität. Die Mentalität blieb dennoch dieselbe, und diese Mentalität gebiert weiterhin Urteile und Projekte, die auf keinerlei Weise die Leute zufrieden stellen können, welche die Orthodoxie vor der Vermischung mit dem Geist dieser Zeit bewahren wollen. Was ist beispielsweise unter “grundlegender Umgestaltung des WKR” zu verstehen und der “entsprechenden orthodoxen Teilnahme” daran? Ganz klar ist, daß sich die Gegner des Ökumenismus überhaupt nicht an den außer Kraft gesetzten Strukturen oder demokratischen Prozeduren, die jetzt im WKR stattfinden, stören, sondern an viel 6 6wesentlicheren Gründen, wegen derer die Beteiligung von Orthodoxen an dieser Institution nicht zulässig ist. Und letztendlich: Warum sollen die “vertretbaren Formen der Beteiligung der Orthodoxen an der ökumenischen Bewegung” nicht von kirchlichen Kanones und der orthodoxen Überlieferung bestimmt werden, sondern von einer “Gemischten Theologischen Kommission” – einer mit Nicht-Orthodoxen gemischten?