Lasar Milin

Über die Sekten



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

 

Bote 1993, 5

Sie (die Kirche) hat aus ihrer Mitte niemanden sofort ausgeschlossen, sobald er sündigte. Indem sie unter ihrem Dach auch Sünder duldete, hielt sie sich genau an die Hl. Schrift und an die Gesetze der menschlichen Natur. Aus diesen Gründen konnte sie nicht die Lehre der Protestanten und Sektierer von der unsichtbaren Kirche annehmen, die nur aus sündlosen Menschen besteht:
1) Der Heiland ermahnte alle, nicht zu sündigen (Jo. 5,14; 8,11; Mt. 5,29-30). Aber, obwohl Er die Sünden jedes Menschen kannte, ist in der Hl. Schrift kein einziger Fall niedergeschrieben, in welchem Christus jemanden von Sich gewiesen hätte. Geduldig erwartete er die Buße eines jeden. Wahrhaftig gab es da Menschen, die Ihn nicht einmal hören wollten. Tatsächlich gab es auch Menschen, die Ihn hörten und sofort von Ihm abfielen (Jo. 6,66). Doch kein einziges Beispiel ist bekannt, in dem Christus jemanden von sich gestoßen hätte, nur weil dieser ein Sünder war. Im Gegenteil, als Ihm die pharisäischen Reinlichkeitsfanatiker vorwerfen, daß Er mit Zöllnern und Sündern speist und trinkt, antwortet Er: “nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken”. “Ich bin nicht gekommen, die Gerechten zu rufen, sondern die Sünder” (Mt. 9,11-13). Selbst den Judas hat Er formal nicht abgewiesen oder aus dem Apostelamt ausgeschlossen, oder von Sich verjagt, sondern Judas fiel selbst von Christus ab, und Christus stellte dies lediglich als eine vollendete Tatsache fest (Jo. 6,70-71; 13,2-5; 21-30; Lk. 22, 3-6; 21).
2) Der Heiland verglich Seine Kirche , oder das Himmelreich, mit einem Feld, auf dem Weizen und Unkraut wächst vor der Ernte (Mt. 13,24-30), oder mit einem Netz, das ins Meer geworfen wird und Fische aller Art fängt (Mt. 13,47), oder mit einer Herde, in welcher bis zum endgültigen Gericht Schafe und Böcke vermischt sind (Mt. 25,33), oder mit einem Hochzeitsmahl, bei dem sowohl Gute als auch Böse zu Tische sitzen (Mt. 22,2-13).
3) Die Hl. Schrift kehrt, daß alle Menschen sündig sind. Der Heiland zeigt uns als Beispiel des Gebetes, wie wir zum Himmlischen Vater beten sollen, und zwischen anderen Gebeten sagt Er, daß wir den Vater bitten sollen, daß er uns “unsere Schulden vergeben möge, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben”. Unsere Schulden vor Gott, das sind unsere Sünden. Und wenn der Heiland all Seinen Nachfolgern dieses Gebet als Beispiel gibt, so bedeutet dies, daß jeder Mensch seine Sünden hat.
4) Daß alle Menschen sündig sind, erfuhr von Ihm auch Sein Lieblingsschüler Johannes, der daher schreibt: “Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, daß er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir aber sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir Ihn zum Lügner, und Sein Wort ist nicht in uns (1.Jo. 1,8-10). “Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt” - fährt derselbe Apostel fort. “Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher beim Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der Welt”(1. Jo. 2,1-2).
5) Der Apostel Jakobus, um die Sündhaftigkeit aller Menschen – also auch der einzelnen Glieder der Kirche wissend, lenkt die Christen auf den Pfad des Kampfes gegen die Sünde durch die Buße. “Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist” (Jak. 5, 16).
6) Der Apostel Paulus beichtet öffentlich vor der gesamten Menschheit, wen er schreibt: “Denn wir wissen, daß das Gesetz geistlich ist; ich aber bin fleischlich, unter die Sünde verkauft. Denn ich weiß nicht, was ich tue. Denn ich tue nicht, was ich will; sondern was ich hasse, das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, so gebe ich zu, daß das Gesetz gut ist. So tue nun nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. Denn ich weiß, daß in mir, das heißt in meinem Fleisch, nichts Gutes wohnt. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, daß mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist” (Röm. 7, 14-23).
Wie zu sehen, schreibt der Apostel Paulus diese Worte hier nicht aus irgendwelcher Bescheidenheit oder Demut – besonders nicht aus falscher Bescheidenheit! – sondern er legt seine psychisch-ethische Situation und seinen konkreten Zustand dar. Ja sogar noch mehr, er spricht von dem “Gesetz der Sünde”, welches in ihm liegt, und es ist offenbar, daß es auch in allen anderen Menschen liegt, denn sonst wäre es kein “Gesetz”.
Wenn wir also jeden Sünder aus der Kirche vertreiben würden, wer würde dann außer Christus und der Gottesmutter in der Kirche bleiben? Nicht einmal die Apostel würden bleiben, denn sie bezeugen offen, daß es keinen Menschen ohne Sünde gibt. Im übrigen ist aus den Sendschreiben der Apostel zu erkennen, daß es auch unter den ersten Christen Sünder und und sündige Handlungen gab (Apg. 6, 1; Kor. 1, 10-12; 6, 6; 5, 1; Gal. 3, 1-3; 5, 1-8; 6, 1-1).
Wenn das also alles so ist, so kann überhaupt keine Rede sein von einer unsichtbaren Kirche, an die einige Protestanten und Sektanten glauben, denn wenn alle Menschen sündig sind – und die Heilige Schrift, sowie die tägliche Erfahrung lehren uns, daß sie es sind – dann gibt es nicht nur niemanden, der die sichtbare Kirche bilden könnte, sondern es gibt auch für die unsichtbare keine Kandidaten.

Apostasia (Abfall von Gott)

Aus dem Dargelegten sahen wir, daß alle Menschen sündig sind, aber obwohl sie sündig sind, können sie dennoch Glieder der Kirche Christi sein. Christus ist der Arzt der Seelen und Leiber. Die Kirche ist bildlich gesprochen wie ein Krankenhaus. Ein vernünftiger und menschenliebender Arzt wird niemals Kranke aus dem Krankenhaus verweisen, selbst wenn sie schwerkrank sind. Erst wenn sie sterben, wird ihnen keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. So ist es auch in der Kirche. Wenn ein Glied der Kirche sündigt, so erwartet Gott und die Kirche seine Rückkehr und Buße.
Wenn indessen ein Mitglied der Kirche Christus verwirft, aufhört an Ihn als den Sohn Gottes zu glauben, als den Erlöser und Retter des Menschengeschlechtes, wenn er den Glauben an Seine Gottheit und an die Heilige Dreifaltigkeit ablehnt und in irgendeine andere Religion oder zum Atheismus überwechselt, ein solcher Mensch hat sich selbst von Christus und Seiner Kirche getrennt. Er ist ein Abtrünniger von Christus, ein Apostat. Er kann nicht mehr mit einem Kranken verglichen werden, der noch im Krankenhaus bleibt, sondern mit einem Toten, der aus dem Krankenhaus herausgetragen wird. Da Christus “der Weg, die Wahrheit und das Leben” ist (Joh. 14, 6) und da Er “der Weinstock ist und wir die Reben”, geschieht mit dem Menschen, der von Christus abfällt, dasselbe wie mit der Rebe, die vom Weinstock getrennt wird – er “trocknet aus, wird gesammelt und ins Feuer geworfen” (Joh. 15, 5-6). Ein vom Glauben Abgefallener hört in dreifacher Weise auf, Mitglied der Kirche zu sein. Erstens schließt er sich eigenwillig selbst aus der Kirche aus. Zweitens, wenn er so verfährt, dann weist ihn auch das unsichtbare Gericht Gottes ab. Drittens, der sichtbare Akt der kirchlichen Hierarchie, durch den ihn die Kirche aus ihrer Gemeinschaft ausschließt, bedeutet nur die Feststellung der Tatsache, daß er aufgehört hat Mitglied der Kirche zu sein.
Wie schwer diese Sünde wiegt, erklärt uns der Apostel Paulus in dem Hebräerbrief, in dem er jemanden, der vom Gesetz Moses abfällt, mit einem von Christus Abtrünnigen vergleicht. “Wenn jemand das Gesetz des Mose bricht, – schreibt der Apostel, – muß er sterben ohne Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Eine wieviel härtere Strafe, meint ihr, wird der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Bundes für unrein hält, durch das er doch geheiligt wurde, und den Geist der Gnade schmäht?” (Hebr. 10, 28-29).

Häresie

Abtrünnigkeit ist die schwerste Sünde gegen den Glauben. Doch es gibt noch eine andere Art von Sünde gegen Glauben und Kirche, das ist die Häresie. Die Häresie ist die Verzerrung und Leugnung grundlegender Wahrheiten der Lehre Christi, angeblich im Namen der Hl. Schrift und aufgrund der Hl. Schrift. Ein Häretiker tritt nicht in irgendeine andere Religion über, etwa den Islam, das Judentum oder den Buddhismus. Er meint und behauptet von sich, daß er bei Christus geblieben ist und daß er auch weiterhin an die Hl. Schrift glaubt, aber er behauptet, daß die Kirche die grundlegenden Wahrheiten der Hl. Schrift falsch ausgelegt hat, und er will dies berichtigen und auf den rechten Weg führen. Daher lehnt er die kirchliche Lehre als “falsch” oder gar der “Hl. Schrift zuwiderlaufend” ab und trennt sich von der Kirche. Die gesetzmäßige kirchliche Autorität stellt fest, daß eine bestimmte Lehre eine Häresie darstellt und verwirft eine solche Lehre, den Häretiker aber ruft sie zur Buße und zur Absage an die Häresie auf. Sofern er dies nicht tut, wird er durch die kirchliche Autorität aus der Kirche ausgeschlossen.
Man muß wohl unterscheiden zwischen der Verirrung im Glauben und der Häresie. Die Verirrung ist unbewußt und unabsichtlich. Es kann geschehen, daß jemand die Glaubenswahrheiten einfach aus Unwissen, aus mangelnder Kenntnis, falsch versteht. Wenn man ihn jedoch auf die Fehlerhaftigkeit seines Denkens aufmerksam macht, so sagt er sich davon los und wendet er sich davon ab.Wenn er jedoch dennoch stur bei seiner Auffassung bleibt und noch andere dazu verführt, dann liegt hier schon eine Häresie vor, und nicht nur eine unabsichtliche und unbewußte Glaubensverirrung.
Der Häretiker sündigt nicht nur dadurch, daß er sich der kirchlichen Lehre und der gesetzmäßigen kirchlichen Autorität widersetzt, sondern auch dadurch, daß er durch seine häretische Lehre stillschweigend Christus als Unwissenden oder Schwindler erklärt. Führen wir einige Beispiele zur Illustration an.
Aus der Hl. Schrift sehen wir, daß der Heiland Seine Apostel aussandte, damit sie die Menschen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen. Das bedeutet, daß Er uns lehrt, daß Gott Einer in drei Personen ist. Er sagt von Sich, daß Er der Sohn Gottes ist, also die zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit, einer im Wesen mit dem Vater. Wenn danach jemand sagt, daß er an die Hl. Schrift glaubt, dabei aber die Heilige Dreifaltigkeit leugnet - wie es etwa die Unitarier tun, darunter auch die Zeugen Jehovas - , so stellt er damit grundlegende Wahrheiten der Hl. Schrift in Abrede, und auf Umwegen, stillschweigend, stellt er Christus entweder als Lügner dar oder als jemanden, der nicht weiß, was er sagt. Ist das etwa eine geringe Sünde?
Dasselbe gilt auch für jene Häretiker, die in Christus lediglich die Gottheit anerkennen, dabei aber die Realität Seiner Menschwerdung und damit die Realität Seiner menschlichen Natur leugnen. Wenn sie nämlich die Relität der Menschwerdung Gottes leugnen und diese menschliche Natur Christi lediglich als einen Schein darstellen, dann ist auch Christi Kreuzigung und die Leiden, Seine Qualen und Seine Auferstehung und Sein gesamtes irdisches Leben unter den Menschen nur scheinbar. Dann ist damit auch unsere Rettung und Erlösung lediglich ein Schein, ein Trug. War Christus denn etwa ein Gaukler?
Wenn jemand mit dem Mund bekennt, daß Christus die fleischgewordene zweite Person der Heiligen Dreifaltigkeit ist, oder der Sohn Gottes, aber leugnet oder verschweigt, daß dadurch Seine Mutter Gottesmutter ist, dann bezweifelt er damit nicht nur die Worte der Hl. Schrift, nach der der Hl. Geist Selbst durch den Mund der Gerechten Elisabeth die Mutter Christi als “Mutter des Herrn” (Lk. 1,43) bezeichnete, sondern indirekt leugnet er damit auch seine Behauptung, daß er angeblich an die Gottheit Christi glaubt, und er begeht dieselbe Sünde gegenüber Christus wie derjenige, der Seine Göttliche Natur offen leugnet. Vielleicht sogar eine noch größere Sünde, denn diese indirekte Leugnung kann eine listige Verstellung sein.

 

Bote 1993, 6

Behauptet jemand, daß er an die Hl. Schrift glaubt, und sie sogar eifrig liest und erforscht, wie das der Gründer des Adventismus, William Miller, und seine Mitarbeiter taten, und wenn er in der Hl.Schrift die Worte Christi gelesen hat, daß niemand weiß, wann der Tag und die Stunde Seiner zweiten Wiederkehr auf die Erde bevorsteht (Mt. 24,36), und wenn er sogar die Ermahnung gelesen hat, die Christus Seinen neugierigen Jüngern gab, indem Er sagte, daß es ihnen nicht gegeben ist, die Zeiten und Jahre zu wissen, die der Vater in seiner Macht gelassen hat (Apg. 1,7) - wenn er also das alles weiß, und dennoch behauptet, das Datum der zweiten Wiederkehr Christi errechnet zu haben, was ist dies anderes als unmittelbarer Ungehorsam und direkte Leugnung Seiner Worte? Man erhält den Eindruck, als habe er, nachdem er die Worte Christi gelesen hatte, zu Christus gesagt: “Erzähl das einem anderen! Vielleicht wissen es andere auch nicht. Vielleicht weißt selbst Du nicht, wann Du zum zweiten Mal kommst. Aber ich! Ich würde die Menschheit belügen, wenn ich sagte, ich wüßte es nicht und wenn ich nicht die Wahrheit offenbarte, daß Du im Mai 1844 kommen wirst!” Ein solcher Mensch konnte jedenfalls nicht vom Heiligen Geist inspiriert sein, sondern von jenem listigen Dämon der Lüge.
Als der Heiland zwischen zwei Räubern am Kreuze hing, und als sich der reuige Schächer an Ihn wandte mit dem Gebet: “Gedenke meiner, Herr, wenn Du in Deinem Reiche kommst!”, antwortete ihm Christus: “Wahrlich sage Ich dir: heute wirst du mit Mir im Paradies sein!” (Lk. 23,42-43). Wenn jemand diese Worte Christi kennt, und bei all dem die Existenz des Paradieses und das Leben der Seele nach dem Tode leugnet, wie dies viele Häretiker tun, was tun sie damit anderes, als daß sie Christus in die Lüge zerren und Ihn als großen Betrüger darstellen, der imstande ist sogar den Reumütigen zu täuschen, der Ihn so aufrecht um Erbarmen bittet!
Die Einstellung der Kirche zu Häretikern gründet auf der Hl. Schrift. Als einige der alten Häretiker versuchten, die Christen in Galatien durch List zu verwirren, indem sie sie aufforderten, zu den alttestamentlichen Gesetztesvorschriften zurückzukehren, schreibt ihnen der Apostel Paulus: “Aber auch wenn wir oder ein Engel vom Himmel euch ein Evangelium predigen würden, das anders ist, als wir es euch gepredigt haben, der sei verflucht. Wie wir eben gesagt haben, so sage ich abermals: Wenn jemand euch ein Evangelium predigt, anders als ihr es empfangen habt, der sei verflucht” (Gal. 1,8-9).
Wie zu sehen, erachtet der Apostel Paulus die Reinheit der Lehre des Evangeliums, die Unveränderlichkeit und Unverletzlichkeit des Evangeliums als so wichtig, daß er zweimal das Anathema gegen jene wiederholt, die die Lehre Christi durch falsche Dogmen entstellen, oder durch falsche Übersetzungen und fehlerhafte Auslegungen der Hl. Schrift. Da eine solche Tat der bewußten und absichtlichen Verzerrung der Wahrheiten des Evangeliums ausschließlich von einem Menschen ausgehen kann, der nicht guten Willens ist, ermahnt der Apostel seinen Schüler Titus: “Einen ketzerischen Menschen meide, wenn er einmal und abermals ermahnt ist, und wisse, daß ein solcher ganz verkehrt ist, sündigt und spricht sich selbst damit das Urteil” (Tit. 3,10-11). Der Heilige Evangelist Johannes aber sagt über Häretiker: “Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns. Denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie ja bei uns geblieben; aber es sollte offenbar werden, daß sie nicht alle von uns sind” (1. Jo. 2,19).
Demnach sind Häretiker, wie auch Abtrünnige, obgleich sie zunächst Glieder der Kirche waren, eigenwillig von ihr abgefallen, sei es aus Unwissen, wie es bei denen der Fall ist, die von häretischen Predigern durch ihre listigen Täuschungen von der “Wahrhaftigkeit” ihrer Ansichten und der “Falschheit” und “Fehlerhaftigkeit” der kirchlichen Lehre überzeugt werden, sei es aus ungenügender Kenntnis und Verständnis der Hl. Schrift, sei es aus hartnäckigem Festhalten an Fehlern, sei es aus absichtlich ausgedachten bösen Plänen. Etwas von all diesem liegt immer jeder Häresie und jedem Begründer einer Häresie zugrunde.

Schisma

Schließlich kann es geschehen, daß jemand nicht die dogmatische und moralische Lehre der Kirche entstellt, aber trotzdem abfällt, indem er sich ihrer rechtmäßigen Hierarchie widersetzt, gegen die Interessen der Kirche und ihrer Hierarchie wirkt, und somit die kirchliche Einheit verletzt. Solche Menschen sind keine Häretiker, denn sie leugnen nicht die Wahrhaftigkeit der kirchlichen Dogmen, sondern sie sind Schismatiker.
Schismen treten am häufigsten aufgrund verschiedener disziplinarer und kanonischer Fragen auf, häufig aber auch aufgrund rein politischer Fragen.In der Geschichte der Kirche gab es viele derartiger schwerer Situationen, aus denen wegen disziplinarer, kanonischer und politischer Streitigkeiten Schismen entstanden. Wenn persönliche Ambitionen einzelne Persönlichkeiten bestimmen, die in der Kirche eine hohe Stellung einnehmen, oder wenn politische Leidenschaften Massen von Gläubigen ergreifen, dann ist es äußerst schwer, eine solche Krise zu überbrücken und ein Schisma zu verhindern. Wie bei der Häresie, so auch hier, kann jemand aus aufrichtigem Eifer in das Schisma verfallen, in der Meinung, daß er mit seiner Handlungsweise der Kirche Nutzen bringt, mancher wiederum aus persönlichen Berechnungen, und es geschieht auch, daß sich antikirchliche Kräfte verstecken, sich den Deckmantel der Frömmigkeit und der “Sorge um die Kirche” überziehen und angeblich für das “Wohl der Kirche” kämpfen, für “ihre Freiheit”, für “ihre Ehre”, tatsächlich aber verdeckt und geschickt an ihrer Teilung und Schwächung arbeiten.
Gläubige Christen haben zweifellos das Recht auf ihre persönliche Meinung zu einzelnen Problemen und praktischen Nöten der Kirche. Ebenso haben sie das Recht auf ihre eigenen politischen Anschauungen und Zugehörigkeiten.Wenn sie jedoch diese ihre Auffassungen und Überzeugungen in Handlungen anwenden, die der Kirche direkt zuwiderlaufen, so trennen sie sich von der Kirche durch ihre praktische Tätigkeit, wenn auch ihre dogmatischen Auffassungen ungetrübt bleiben. Sofern sie den Aufruf und die Ermahnung der rechtmäßigen kirchlichen Hierarchie zur Aufgabe ihrer antikirchlichen Tätigkeit nicht erhören, wendet die kirchliche Hierarchie auf sie die Worte des Heilands an: “Hört er auch auf die Kirche nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner” (Mt. 18,17). Ein solcher Mensch, ein Schismatiker, bleibt ohne alle kirchlichen Rechte, selbst ohne Kommunion, solange er nicht Buße tut.

Die kirchliche Hierarchie -
Organisation der Kirche
Wir sahen, daß der Heiland den Wunsch und Willen äußerte, Seine Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen zu gründen. Indessen kann keine Ge-meinschaft, also auch die Kirche nicht, ohne eine gewisse Organisation, ohne bestimmte Hierarchie bestehen. Das ist eine derart unumgängliche Tatsache, daß selbst revolutionäre und reformerische Bewegungen aller Arten, ja selbst Anarchisten, doch bestimmte Gesetze haben, die sie einhalten und gewisse Regeln und sogar bestimmte Persönlichkeiten, die sie führen und denen sie sich unterwerfen. Diese allgemeine Regel gilt auch für alle Glaubensgemeinschaften, ja auch für die Kirche. Daher gab der Heiland bei der Gründung der Kirche die grundlegenden Gesetze ihrer Organisation.
Aus dem Evangelium sehen wir, daß den Heiland viele Menschen begleiteten, die wünschten, Seine Lehre zu bewahren oder eines Seiner Wunder zu schauen, oder Seine wunderbare Hilfe in Not zu suchen (Mt 4,25; Lk 6,17-19; Lk 7,1-17; 8,40-56; Mt 15,22; Mk 9,14-29; Mt 14;13-14; Mt 15,29-31). Dieser ganzen Menschenmasse erklärte der Heiland Seine Lehre, indem Er Wahrheiten, Belehrungen, Weisungen und Ratschläge gab, die sich auf alle Anwesenden bezogen und sogar auf alle Menschen überhaupt, die Ihm folgen wollten; ja noch mehr, sogar auch auf jene, die Seine Lehre ablehnten. Er sagt allen: “Wer Ohren hat zu hören, der höre” (Mt 11,15).
Indessen sehen wir aus dem Evangelium auch, daß der Heiland zwölf Seiner Schüler ausgewählt hatte, denen Er eine besondere Stellung einräumte, eine besondere Aufgabe, besondere Rechte und besondere Macht, welche Er nicht all denen gab, die Ihn hörten, als Er Seine Lehre predigte. So z.B. schickt der Heiland nicht alle seine Zuhörer in die Welt mit der Verpflichtung, die Frohe Botschaft vom Reich Gottes zu verkünden, sondern nur Seine auserwählten Jünger, unter denen Er eine Gruppe von 70 Schülern besaß (Lk 10,1-12); und einen noch kleineren Kreis von Schülern, und zwar zwölf an Zahl (Mt 10,1-10). Der Heiland sagte nicht allen Seinen Zuhörern: “Gehet und machet alle Völker zu meinen Jüngern, indem ihr sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes tauft” (Mt 28,19). Er sagte dies nicht einmal der ganzen Versammlung von 500 Christen, denen Er nach der Auferstehung erschien (1. Kor 15,6). Also, nicht allen, sondern nur den elf Jüngern (denn Judas war schon abgefallen).
Ebenso gab der Herr das Gebot zum Vollzug des Sakramentes der Heiligen Eucharistie ausschließlich Seinen Jüngern, und nicht jeglichem Christen persönlich (Lk 22,19).
Als der Herr Seine Jünger zur Verbreitung des Evangeliums aussandte, stattete Er sie mit der Kraft aus, Wunder zu wirken (Mt 10,1; Lk 9,1-12, Mk 6,7). In der Heiligen Schrift gibt es unmittelbare Bestätigungen darüber, daß sie dies auch taten, indem sie den Namen Christi anriefen und beteten. Petrus heilt vor dem Tempel in Jerusalem einen Gichtbrüchigen, indem er den Namen Christi erwähnt: “Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher! Und er ergriff ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott. Und es sah ihn alles Volk umhergehen und Gott loben. Sie erkannten ihn auch, daß er es war, der vor der Schönen Tür des Tempels gesessen und um Almosen gebettelt hatte; und Verwunderung und Entsetzen erfüllte sie über das, was ihm widerfahren war....” (Apg 3,4-10).
Der Apostel Jakobus rät den Gläubigen: “Ist jemand unter euch krank, so lasse er die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen, und sie sollen über ihm beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken retten, und der Herr wird ihn aufstehen lassen, und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden.” (Jk 5,14-15).
Die Evangelisten verschweigen nicht einmal solche Fälle, in denen ihre Anstrengungen zur Heilung von Kranken erfolglos waren (Mt 17,14-16; Mk 9,17-18) – was von der aufrichtigen Erzählweise der Evangelisten zeugt und davon, daß die Jünger gemäß der Machtvollkommenheit und der Anweisung vorgingen, die sie von Christus erhalten hatten. Selbst diese Gabe hat Christus nicht all seinen Nachfolgern geschenkt, sonderrn nur den Jüngern, anderen dagegen nur in Ausnahmefällen.
Schließlich verspricht und gibt der Herr Seinen Jüngern die größtmögliche Macht. “Wahrlich, ich sage euch” – sagt der Heiland zu Seinen Jüngern, und nicht zu allen Christen – “was ihr auf Erden binden werdet, das wird im Himmel gebunden sein und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird im Himmel gelöst sein” (Mt 18,18). Dieses Versprechen, das allen Jüngern gegeben ist (aber nicht allen Gläubigen), verwirklichte der Heiland nach Seiner Auferstehung. An jenem Tag, als Er ihnen erschien, die in einem Raum versammelt waren, sprach Er zu ihnen: “Friede sei mit euch!” (Jh 20,21-23).
Das ist die größtmögliche Macht, die irgendeinem Menschen versprochen und geschenkt wurde.Und eben deshalb weil sie die größte ist, konnte sie nicht irgendeinem Jünger in größerem und einem anderen in geringerem Maße gegeben werden, sondern allen gleichmäßig. Davon zeugt auch die Tatsache selbst, daß Sich der Heiland mit diesen Seinen Worten an alle Jünger wendet, und nicht nur an einen oder einige.

Christus ist das Haupt der Kirche -
die Kirche der Leib Christi
Aus dem obengesagten wird völlig klar und unmißverständlich, daß der Retter nicht wünscht, daß Seine Kirche zu irgendeiner anarchistischen Gesellschaft wird, irgendeiner amorphen, gestaltlosen Masse,wo jeder Nachfolger sich selbst überlassen ist. Im Gegenteil! Die Kirche ist eine sichtbare organisierte Gesellschaft, in welcher verschiedene Rechte und Pflichte Ihrer Mitglieder bestehen. Und nicht nur das. Nicht nur, daß die Kirche eine sichtbare Organisation ist, – das ist sie nur wenn man sie von der juristischen Seite betrachtet – sondern die Kirche ist wirklich ein mystischer Organismus, der durch geheimnisvolle aber reale Bande untrennbar mit Christus verbunden ist. Erinnern wir uns noch einmal an die Worte, mit denen Sich Christus an die Apostel wandte. “Siehe Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt” (Mt. 28, 20). Und nicht nur mit den Aposteln, sondern Er wird eins sein mit allen, die Seinen Aposteln Glauben schenken. In Seinem Gebet zum Vater sagt der Retter: “Vater,... Ich bitte aber nicht allein für sie (d. h. nur für die Jünger), sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, damit sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die Welt glaube, daß du mich gesandt hast.” (Jo. 17, 20–21).
Seine Einheit mit Seinen Gläubigen, also mit Seiner Kirche, brachte der Heiland auch zum Ausdruck, als Er über die Notwendigkeit der Hl. Kommunion für die Rettung sprach. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: “Wenn ihr nicht das Fleisch des Menschensohnes eßt und Sein Blut trinkt, - spricht der Heiland zu den Jüngern, – so habt ihr kein Leben in euch. Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und Ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken. Denn Mein Fleisch ist die wahre Speise, und Mein Blut ist der wahre Trank. Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm” (Jo. 6, 53-56). Also ist die Kommunion in einem geheimnisvollen Sinne, der unsere Gefühle und unser verstandesmäßiges Begreifen weit übersteigt der wahre Leib und das wahre Blut Christi (Mt. 26, 26-28; Mk. 14, 22-24; Lk. 22, 17-20; 1 Kor. 11, 23-25). Und da der Herr das Recht zum Vollzug der Hl. Eucharistie Seinen Aposteln und deren gesetzmäßigen Nachfolgern verlieh, daher gibt es dort keine wahre Kommunion, wo keine wahre rechtmäßige Hierarchie vorhanden ist. Wo es jedoch keine wahre Kommunion gibt, dort gibt es nicht den Leib und das Blut Christi, gibt es nicht Christus oder Seine Kirche, welche in einem geheimnisvollen Sinne des Wortes, aber vollkommen real, die Fortsetzung der Anwesenheit Christi in dieser Welt ist.
Als Christus vor Damaskus dem jungen Saulus aus Tarsus erscheint, wendet Er Sich so an ihn: “ Saulus, Saulus, warum verfolgst du Mich?” – Nach unserem oberflächlichen und äußerlichen Verständnis der Dinge zu schließen, verfolgte Paulus (d. h. Saulus) nicht Christus sondern die Christen. Christus hatte Er bis zu diesem Moment niemals gesehen. Aber der Heiland Selbst identifiziert Sich mit Seiner Kirche, und sagt deshalb nicht: “ Saulus, warum verfolgst du Meine Kirche, sondern warum verfolgst du Mich?” (Apg. 9, 4).
Diese mystische und wesenhafte Einheit Christi und der Kirche verstand auch der Apostel Paulus und vergleicht daher, von Christus belehrt (Gal. 1, 11-12), die Kirche mit dem Leib Christi, und Christus nennt er das Haupt der Kirche. ”Christus hat einige als Apostel eingesetzt, einige als Propheten, einige als Evangelisten, einige als Hirten und Lehrer, damit die Heiligen zugerüstet werden zum Werk des Dienstes. Dadurch soll der Leib Christi erbaut werden, bis wir alle hingelangen zur Einheit des Glaubens und der Erkenntnis des Sohnes Gottes, zum vollendeten Mann, zum vollen Maß der Fülle Christi, damit wir nicht mehr unmündig seien und uns von jedem Wind einer Lehre bewegen und umhertreiben lassen durch trügerisches Spiel der Menschen, mit dem sie uns arglistig verführen. Laßt uns aber wahrhaftig sein in der Liebe und wachsen in allen Stücken zu dem hin, der das Haupt ist, Christus, von dem aus der ganze Leib zusammengefügt ist und ein Glied am andern hängt durch alle Gelenke, wodurch jedes Glied das unterstützt nach dem Maß seiner Kraft und macht, daß der Leib wächst und sich selbst aufbaut in der Liebe” (Eph. 4, 11-16; 1 Kor. 12, 6-30). Kurz gesagt – wieder mit den Worten der Hl. Schrift – “Jesus ist das Haupt der Kirche”, “Sie ist Sein Leib” (Kol. 1, 18; Eph. 1, 22).

Die Unteilbarkeit der Kirche

So ist also die Kirche – von innen betrachtet, vom Wesen her, der mystische Körper Christi, und Christus ist ihr Haupt. Diese Tatsache ist durch die Hl. Schrift bezeugt. Hieraqus folgt, daß es nur eine Kirche geben kann, sowie auch Christus nur einer ist. Daraus folgt noch die Unteilbarkeit der Kirche. Die Kirche kann nicht geteilt werden, wie auch Christus nicht geteilt werden kann. Wer von der Kirche abfallen will, kann von ihr abfallen; von der Kirche kann ausgesondert werden, wer das durch sein Verhalten verdient. Aber weder die Abtrünnigung, noch die Häretiker oder die Ausgestoßenen beeinträchtigen die Einheit der Kirche; auch könnte die Gesellschaft jener, die von der Kirche abfallen, irgendeine neue Kirche bilden. Sie können eine neue Glaubensgemeinschaft schaffen, können diese Gemeinschaft als Kirche bezeichnen, sie können sogar in allen Dingen die Kirche imitieren, aber bei all dem ist das nur eine Imitation der Kirche, mitnichten aber die Kirche.
Wenn man von der Kirche in diesem wahren, wesenhaften Sinne des Wortes spricht, so kann das Wort “Kirche” lediglich eine grammatische Mehrzahl besitzen, in keiner Weise jedoch eine dingliche. Außerdem kann das Wort Kirche eine Mehrzahl haben – und zwar nicht nur grammatisch, sondern auch dinglich – ausschließlich im geographischen und administrativen Sinn dieses Wottes, d. h. wenn von einzelnen Ortskirchen (der Russischen, Serbischen, Rumänischen etc.) die Rede ist, oder von einzelnen Kirchengemeinden. In diesem Sinn benutzt auch die Hl. Schrift das Wort Kirche in der Mehrzahl, oder sie erwähnt einzelne Ortskirchen, die gemeinsam die Kirche ausmachen. So schreibt z. B der Apostel Paulus an die “Kirche in Korinth” (1 Kor. 1, 2). Die Schwester Phoebe war “im Dienst der Kirche zu Kenchreä” (Röm. 16, 1). Die Kirche von Rom grüßt nicht nur der Apostel Paulus persönlich, sondern auch “alle Kirche Christi” (Röm. 16, 16) “und alle Heidenkirchen” (16, 4); “Die Kirchen in Asien grüßen” die Korinther (1 Kor. 16, 19). Und noch an vielen anderen Stellen benutzt die Hl. Schrift das Wort “Kirche” in der Mehrzahl, aber denkt dabei immer an einzelne Kirchengemeinden oder Ortskirchen, niemals aber an Kirche im Sinne verschiedenen Glaubens oder an verschiedene Glaubensgemeinschaften, die geistlich und organisatorisch vollkommen voneinander getrennt sind. Die Hl. Schrift kennt kein einziges Beispiel einer Vereinigung verschiedener Kirchen im Sinne eines “Ökumenischen Rates der Kirchen”.
Wenn wir in den Ektenien bei orthodoxen Gottesdiensten “um den Wohlbestand der Heiligen Kirchen Gottes, und um die Einigung aller” beten, so denken wir hier nicht an verschiedene christliche Glaubensbekenntnisse, sondern an die Erhaltung der Einheit aller Ortskirchen; damit nicht irgendein Mitglied der Kirche, oder gar irgendeine Ortskirche vom gemeinsamen Leib der Kirche abfalle. Das ist der Sinn jenes Gebetes, in dem die “Heiligen Kirchen Gottes” erwähnt werden. Schismatische und häretische Glaubensgemeinschaften jedoch hat niemals jemand in der Kirche als “Heilige Kirchen Gottes” bezeichnet...

Apostolische Nachfolger

Am Anfang der Kirchengeschichte hatten die Apostel die geistliche Macht in der Kirche, d. h. die Macht des Predigens, des Vollzugs der Hl. Sakramente und der Verwaltung der Kirche; die Apostel hatten diese Macht vom Heiland Selbst erhalten, wie wir das zuvor erwähnten (Mt. 18, 18; 28, 19-20; Jo. 20, 21-23). Diese Macht gab Christus all Seinen Jüngern – Aposteln in gleichem Maße, nicht aber den einen weniger, den anderen mehr. Christus bestimmte nicht einen einzelnen besonderen Apostel zu Seinem Stellvertreter, denn ein Mensch kann den Gottmenschen nicht vertreten. Außerdem stellt Er ausdrücklich fest, daß er mit all Seinen Aposteln und ihren Nachfolgern “bis zum Ende der Zeit” sein wird (Mt. 28, 20), was selbst den Gedanken daran ausschließt, daß Ihn jemand vetreten kann und muß. Unter den ersten Gläubigen konnten einzelne Apostel geringere oder größere Beliebtheit erlangen, persönliches Ansehen und Würde. Spuren davon finden wir auch in der Hl. Schrift. Jakobus, Petrus und Johannes wurden als “Säulen der Kirche” (Gal. 2, 9) angesehen. Was jedoch die Macht der Apostel selbst anbetraf, so war sie allen gleichmäßig gegeben worden, und kein einziger Apostel hatte die Macht über die ganze Kirche. Diese höchste Macht besaß und besitzt nur Christus, und in sichtbarer Weise wird sie durch das Apostelkonzil ausgeführt, bei dem der Hl. Geist mitwirkt, wie wir aus der Hl. Schrift sehen (Apg. 15, 1-29).
Als sich die Kirche so sehr ausbreitete, daß die Apostel nicht überall hin gelangen konnten, weihten sie Bischöfe als ihre Vertreter, auf die sie die Gnade des Hl. Geistes herabriefen und denen sie die Fülle ihrer apostolischen Macht übergaben. Außer den Bischöfen setzten die Aposteln auch Priester und Diakone ein. Überall dies finden wir Zeugnisse in der Hl. Schrift.
Der Hl. Apostel Paulus schreibt an Timotheos, seinen Schüler und Mitarbeiter bei der Ausbreitung der Kirche, den er zum Bischof der Kirche von Ephesus weihte und einsetzte: “ Aus diesem Grund erinnere ich dich daran, daß du erweckest die Gabe Gottes, die in dir ist durch die Auflegung meiner Hände” (2 Tim. 1, 6). Die Apostel Paulus und Barnabas “ predigten dieser Stadt (Derva) das Evangelium und machten viele zu Jüngern. Dann kehrten sie zurück nach Lystra und Ikonion und Antiochia, stärkten die Seelen der Jünger und ermahnten sie, im Glauben zu bleiben, und sagten: Wir müssen durch viele Bedrängnisse in das Reich Gottes eingehen. Und sie setzten in jeder Gemeinde Älteste (= Priester) ein, beteten und fasteten und befahlen sie dem Herrn, an den sie gläubig geworden waren” (Apg. 14, 21-23).
Über die Diakonsweihe berichtet uns der Apostel Lukas in der Apostelgeschichte in einer ausführlichen Beschreibung dieses Ereignisses (Apg. 6, 1-6), woraus zu ersehen ist, daß die anwesenden Gläubigen auf den Vorschlag der Apostel aus ihrer Mitte sieben Diakone auswählten. “Sie stellten sie vor die Apostel, welche zu Gott beteten und ihnen die Hände auflegten”.
Beim Abschied von Ephesus sagt der Apostel Paulus zu deren Hirten: “ So habt nun acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat.” (Apg. 20, 28).
Dies also ist die Grundlinie der kirchlichen Organsation. Christus ist die Grundlage von allem. Die Kirche ist auf dem Grund der Propheten und Apostel aufgebaut, aller Apostel, und nicht nur eines oder dreier. Der Eckstein jedoch ist Christus Selbst, und niemand anderes (Eph. 2, 20-21), denn “ einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus” (1 Kor. 3, 11)...
Aus der Geschichte wissen wir ja, daß die Apostel ebenso ihre Rolle in der Kirche verstanden, daß keiner von ihnen auch nur daran dachte, Christus zu vertreten, daß sie wichtige Fragen, von denen die Geschicke der Kirche abhingen, auf dem Konzil unter Eingebung des Hl. Geistes beschlossen (Apg. Kap. 15) und daß die ganze Kirche diese Praxis übernahm und sich durch ihre gesamte Geschichte daran hielt, indem sie wenn nötig Ökumenische Konzile einberief, derer es bis heute sieben gab.

 

Bote 1994, 1

Eigenschaften der Kirche

Die Kirche ist eine
Aus allem bisher Gesagten kann man deutlich schließen, welche die Eigenschaften der Kirche sind. Diese Eigenschaften erspringen aus ihrer Natur selbst.
Da die Kirche der Leib Christi ist, und Christus ihr Haupt, so ist auch die Kirche eine. Außerdem sagte der Heiland, daß Er die Kirche gründen wird, also eine Kirche, nicht aber mehrere verschiedene Kirchen.

Die Kirche ist heilig
Da die Kirche der Leib Christi ist, und Christus ihr Haupt, und da sie der der Hl. Geist lenkt und gnadenvoll heiligt, so ist die Kirche selbst dann auch heilig.
Daß es in der Kirche auch Sünder als ihre Glieder gibt, beeinträchtigt die Heiligkeit der Kirche keineswegs, denn sie erhält ihre Heiligkeit vom Hl. Geist, genauer gesagt von der Hl. Dreifaltigkeit, nicht aber von ihren Gliedern. Ihre Heiligkeit ist nicht das Resultat oder die Summe der Heiligkeit ihrer Glieder, denn nicht sie heiligen die Kirche, sondern die Kirche heiligt sie... Sie ist heilig durch ihre eigenen Natur, und durch die Heiligkeit der Hl. Dreifaltigkeit welche sie als ein Geschenk besitzt, heiligt sie ihre Glieder. Deshalb gibt es außerhalb der Kirche keine Heiligkeit.

Die Kirche ist universal (katholisch)
Wir sahen weiter, daß die Kirche nicht eine Organisation ist, die nur auf eine gesellschaftliche Klasse ausgerichtet ist, oder auf eine menschliche Rasse, oder nur auf eine Nation – wie das bei berschiedenen politischen Parteien der Fall ist – oder nur auf eine Altersstufe, wie das bei verschiedenen gesellschaftlichen oder sportlichen Jugendorganisationen der Fall ist. Eine unabdingbare Eigenschaft der Kirche besteht darin, daß sie auf alle Menschen aller Zeiten, jeden Alters, jeder Rasse, Klasse und Nation ausgerichtet ist, auf alle menschen der ganzen Welt. Sie will und soll in sich alle Menschen vereinen.
Ihre dogmatische und moralische Lehre, ihr Gottesdienst und ihr Aufbau und ihre Organisation sind universal, d. h. sie sind nicht an einen Ort oder Zeit an Genetrationen oder Klassen oder Volkszugehörigkeit gebunden, sondern sie sind solcher Art, daß jeder Mensch sie sich aneignen kann.
Daher wird die Kirche schon von ältester Zeit her als allgemein oder universal bezeichnet, oder mit dem griechischen Wort kaqolikª– katholisch.

Die Kirche ist apostolisch
Schließlich, so wie die Apostel, jeder einzeln und alle zusammen Zeugen Christi vor der Menschheit waren, so ist auch die Kirche kollektiver Zeuge Christi vor der Geschichte. Sie zeugt als konkrete Tatsache und als konkrete kollektive Persönlichkeit von Christus: daß es Ihn gab, daß Er auferstand, und daß Er in die himmlische Welt auffuhr, und daß Er den Hl. Geist sandte. Sie ist es, die der Menschheit die Hl. Schirift des Neuen Testamentes bewahrte unf überlieferte. Denn woher wissen wir, daß das Buch welches wir vor uns halten und lesen, tatsächlich die gleiche Hl. Schrift ist, welche die Apostel schrieben, und nicht irgendein Buch, das ein findiger Autor herausgab und als “Heilige Schrift” bezeichnete? Wer bezeugt uns, daß wir tatsächlich die Hl. Schrift als apostolische Schriften besitzen? Die Kirche, und nur sie. Dem entsprechend hat die Kirche die selbe Mission in der Welt wie die Apostel, weshalb sie apostolisch ist. Sie ist Zeuge Christi. Sie ist kollektiver Apostel.
Außerdem ist die Kirche auch apostolisch, weil die Apostel sie verbreiteten und weil die apostolische Macht in ihr den Nachfolgern der Apostel, den Bischöfen, übergeben wurde. Wie schon früher gesagt: Christus gab die Macht den Aposteln, sie aber den Bischöfen, welche sie weihten, und welche der Hl. Geist durch ihre Handauflegung zu Hirte der Kirche aufsetzte. Deshalb ist die Kirche apostolisch.
Diese vier wichtigen Eigenschaften der Kirche werden auch im Glaubensbekenntnis von Nicäa uns Konstantinopel betont, dessen 9. § lautet: “ich glaube an Eine Heilige, Katholische und Apostolische Kirche”.

Was ist eine Sekte? –
Wesen und Begriff der Sekte

Da wir jetzt wissen was die Kirche ist, fällt es uns nun Leicht zu bestimmen, was eine Sekte ist. Keine einzige Glaubensgemeinschaft, mag sie sich auch als christlich bezeichnen, die nicht von Christus und den Aposteln herrührt, die nicht die apostolische Sukzession und den universalen Glauben besitzt, kann wahre Kirche sein. Sie kann lediglich eine Sekte sein, gleich wieviele Mitglieder sie zählt oder welchem Reichtum an humanitäre und karitative Tätigkeit sie ihr eigen nennt, gleich welche Zahl von Zeitschriften sie herausgibt, wieviel Schulen und Krankenhäuser sie unterhält.
All diese mildtätige und kulturelle Aktivität kann sehr fruchtbar sein. Sie mag auch im Namen Christi vollbracht werden. In jedem Fall verdient sie große Anerkennung. Natürlich können wir hoffen, daß der Heiland sie bei Seinem Gericht sehr positiv bewerten wird. Wenn bei all dem jedoch eine Gemeinschaft keine historische Verbindung zu Christus und den Aposteln besitzt, keine wahre Hl. Eucharistie hat, d. h. den wahre Leib und das wahre Blut Christi, wenn sie die Grundwahrheiten der Lehre Christi in Frage stellt, – gleich ob sie das listig und gewunden tut oder naiv – wenn sie all dies nicht besitzt, so ist sie keine Kirche, sondern eine Sekte. Mögen die Sektanten diese ihre Gemeinschaft als Kirche bezeichnen; doch dies wird nur ein hohler Name sein, ja eine usurpierte Bezeichnung, wenn diese Gemeinschaft aus der heutigen Zeit stammt und nicht von christus und den Aposteln. Nichts hilft, selbst wenn diese Sekte von den Behörden als “Kirche” registriert wird und eine solche offizielle Bezeihnung erhält. Dies bedeutet nichts für die Frage der Wahrhaftigkeit der wahren Kirche. Woher soll ein Staatsbeamte, der vielleicht gar nicht einmal getauft ist, wissen, was die Kirche ist, und woher nimmt er das Recht, souverän über dogmatische Fragen zu entscheiden! Er kann das Wort “Kirche” lediglich als gemeinsames Substantiv zur Bezeichnung einer Glaubensgemeinschaft benutzen, nicht aber zur Bezeichnung der wahren Kirche Christi.
Das Wesen einer Sekte beruht eben in ihrer Opposition gegenüber der Kirche, in der Leugnung der Wahrheit der Kirche, der kirchlichen Organisation und Hierarchie. Sekten tun dies gewöhnlich im Namen der “Spiritualität”, im Namen des “wahren” Christus, im Namen der “richtigen” Auslegung und des “richtigen” Verständnisses der Hl. Schrift. Tatsächlich erweist jede Sekte dem Atheismus einen rieseigen Dienst, sei es bewußt oder unbewußt. Atheisten und Nicht-Christen können äußere Gegner der Kirche sein. Sektanten aber sind ihre inneren Gegner. Die materialistische Philosophie leugnet die Wahrheit angeblich im Namen wisenschtlicher Tatsachen, die Sektanten aber leugnen die Wahrheit der Kirche angeblich im Namen der Hl.Schrift. Die Methoden unterscheiden sich, aber das Ergebnis ist das gleiche: die Leugnung und die Ablehnung der Kirche...

Und wo ist die wahre Kirche?

Da es heute in der Welt viele Glaubensgemeinschaften gibt, die sich als Kirche betrachten und bezeichnen, stellt sich die Frage, welche von ihnen wirklich Kirche ist und ob irgendeine von ihnen die wahre Kirche ist, oder ob wir erwarten müssen, daß eine solche erst in Zukunft erscheint.
In der Zukunft haben wir nichts zu erwarten. Christus kam nicht in die Welt, um Seine Kirche eine hundert oder gar einige tausend Jahre nach Seinem Leben zu gründen. Im Gegenteil. Er sagt offen, daß Er die Kirche noch hier gründen wird, während die Erinnerung an Sein irdisches Leben ganz frisch ist. Er verspricht Seinen Jüngern, daß sie bald, “in wenigen Tagen” (Apg. 1, 5) vom Hl. Geist getauft werden. Im übrigen spricht die gesamte Hl. Schrift des Neuen Testamentes davon, daß Christus Seine Kirche bereits gegründet hat. Dennoch ist ist die Kirche hier. Wir brauchen ihr Erscheinen nicht erst zu erwarten. Sie besteht seit der Zeit des Lebens Christi auf Erden, von dem Tag, an dem Christus Seinen Aposteln die Macht übertrug und insbesondere von dem Tag, als der Hl. Geist auf die Apostel herniederkam.
Da wir wissen, welche Eigenschaften die Kirche besitzt, und da wir wissen, daß sie von Christus und den Aposteln herrühren muß, mit einer Hierarchie, die in ununterbrochenen apostolischen Sukzession steht, da wir wissen, daß sie die wahre heilige Eucharistie besitzen muß, und da wir ebenfalls wissen, daß all diese Eigenschaften jene christliche Gemeinschaft besitzt, die die Orthodoxe Kirche heißt, da sie sie unwiderleglich und zweifellos besitzt, daher ist sie eben die wahre Kirche. Deswegen denken wir eben an sie, wenn wir von der Kirche sprechen.
Was die übrigen christlichen Glaubensgemeinschaften betrifft, so ist die Situation bei jeder eine andere.
Die Römische Kirche, das weiß man zweifellos, steht in historischer Verbindung mit Christus und den Aposteln. Zweifellos rührt sie aus der Zeit der Apostel her. Das bezeugt bereits der Brief des Apostels Paulus an die Römer; weiterhim bezeugt dies der Evangelist Lukas, wenn er anführt, daß bei der Herabkunft des Hl. Geists auf die Apostel unter den anwesenden Menschen, die an diesem Tag die Taufe empfingen, einige aus Rom waren (Apg. 2, 10). Ebenso ist es eine Tatsache, daß die Priester der Römischen Kirche die apostolische Sukzession besitzen... Ebenso stimmt es, daß die Römische Kirche seit je her an die Heilige Dreifaltigkeit, an die Menschwerdung Gottes und die Gottmenschliche Person Christi glaubte, wie auch an die Verwandlung von Brot und Wein in der Hl. Liturgie (Messe) in den wahren Leib und das wahre Blut Christi. Demnach ist die alte Römische Kirche zweifellos ein Teil der allgemeinen Kirche Christi. Nach den Entscheidungen der Ökumenische Konzile – 6. Kanon des 1. und 28. Kanon des 4. Ökumenischen Konzils – gebührt ihr der Ehrenvorsitz unter den Ortskirchen.
Indessen nißteten sich im Laufe der Zeit gewisse Lehren in ihr ein, die weder eine Grundlage in der Hl. Schrift und der Hl. Überlieferung, noch im gewissen Unbewußtsein und Glauben der alten universalen Kirche haben. Dies ist in erster Linie die Theorie vom Papstum als einer Göttlichen Einrichtung. In der Römischen Kirche verbreitete sich allmählich die Behauptung und der Glaube, Christus habe die höchste Macht über die ganze Kirche dem Apostel Petrus übergeben, und vom Apostel Petrus, sei diese Macht auf die römischen Bischöfe übergegangen, die sich seit dem 3. Jahrhundert als Päpste bezeichnen. Auf diese Weise wurde der Papst zum Nachfolger des Apostels Petrus und Vertreter des Sohnes Gottes (Vicarius Filii Dei). Später wurde auf dem Vatikanischen Konzil 1870 der Papst auch noch als unfehlbarer Lehrer ausgerufen, wenn er “ex cathedra” über Dinge des Glaubens und der Moral spricht.
Da keine einzige dieser Behauptungen nicht nur jeglicher Grundlage in der Hl. Schrift entbehrt, sondern sogar dem Geist und Sinn der Hl. Schrift widerspricht, was hier schon früher betont wurde, und da inzwischen diese Theorie vom Papst das wahre Wesen des römischen Katholizismus ausmacht, können wir diese Theorien, die so stark von der Hl. Schrift abweichen, daß sie ganz ernsthaft das Bild der heutigen Römisch-Katholischen Kirche als einer wahren Kirche verfinstern, wenn sie auch ohne Zweifel die zahlreichste und aktivste ist, nicht schweigend übergehen. Die große Mitgliederzahl oder Aktivität sind wohl keine unbedeutenden Tatsachen, aber sie sind dennoch nicht entscheidend für die Bekräftigung der wahren Kirche. Wenn die Identität der wahren Kirche an der Zahl ihrer Mitglieder bemessen würde, so müssten wir die Kirchlichkeit selbst jener ersten apostolischen Kirche in Frage stellen, welche in Vergleich zur Zahl der heutigen Christen tatsächlich sehr unbedeutend und klein an Zahl war. Hiermit würden wir im Widerspruch sowohl zur Hl. Schrift als auch zu offensichtlichen Tatsachen stehen. Indessen, neben jenen grundlegenden Qualitäten, welche die alte Römische Kirche besaß, Qualitäten, die man auch der heutigen Römisch-Katholischen Kirche nicht streitig machen kann, so entbehrt sie doch eine der Qualitäten jener alten Römischen Kirche: die Orthodoxie, der rechte Glaube, oder die Rechtgläubigkeit, welche in den Neureungen des römischen Katholizismus verdunkelt wurde und zum Teil auch verloren ging.
Die Hauptzweige des Protestantismus: Anglikaner, Evangelische und Reformatorische besitzen keine apostolische Sukzession, glauben nicht, daß man in der Kommunion den wahren Leib und das wahre Blut Christi empfängt, haben in ihren Glauben und ihrer Theologie häufig große Abweichungen vom Glauben der alten universalen Kirche; deshalb besitzen sie in noch geringerem Maße als die Römisch Katholische Kirche jene Charakteristika, die für die wahre Kirche unabdingbar sind, wenn sie auch nicht in die Verirrung über den Stellvertreter des Gottessohnes verfallen.
Die übrigen Glaubensgemeinschaften, die aus der Reformation und nach der Reformation entstanden, haben noch weniger Chancen, als wahre Kirche angesehen zu werden. Sie sind Sekten.

 

Bote 1994, 2

In der in Nr. 1/94 abgedruckten Folge des Aufsatzes von Lazar Milin standen einige Sätze über den Protestantismus, die eine oberflächliche Darstellung enthielten und damit irreführend wirken konnten. Wir drucken hier Teile eines Schreibens eines evangelischen Theologen ab, der diese Fragen richtigzustellen sucht:
”Der Artikel von Lazar Milin über die Sekten enthält auch Ausführungen über die römisch-katholische Kirche und die reformatorischen Kirchen. Als “Hauptzweige des Protestantismus” werden dort “Anglikaner, Evangelische und Reformatorische” genannt. Diese Beschreibung ist objektiv unzutreffend und unverständlich. Theologiegeschichtlich kann man von Anglikanismus, Luthertum und Calvinismus als den drei Säulen des Protestantismus sprechen, konkret müßte man von der anglikanischen Kirche, den lutherischen Kirchen und den reformierten Kirchen (zu denen auch die evangelischen Freikirchen gehören) reden.
Von diesen Kirchen wird nun behauptet, sie besäßen keine apostolische Sukzession. Dies ist objektiv falsch. Es wird doch von niemandem bestritten, daß die weltweite Anglican Communion und Teile des skandinavischen Luthertums sowie die aus ihm hervorgegangenen zahlreichen Missionskirchen in Afrika und Asien in der apostolischen Sukzession stehen. Diese Behauptung trifft also nur auf einen Teil der Protestantismus (die reformierten Kirchen, die ev. Freikirchen und das deutsche Luthertum) zu.
Am meisten betrübt mich nun aber, wenn behauptet wird, die genannten Kirchen glauben nicht, “daß man in der Kommunion den wahren Leib und das wahre Blut Christi empfängt”. Diese Information ist doch ganz und gar falsch. So trifft noch nicht einmal die reformierten Kirchen, die sich ja in der Abendmahlslehre mehr an Calvin als an Zwingli orientiert haben. Die anglikanischen und lutherischen Kirchen haben immer und mit Nachdruck an der Realpräsenz festgehalten. Dies hat auch in Praxis und Frömmigkeit unserer Kirche seinen Niederschlag gefunden.
Ob in den reformatorischen Kirchen “häufig große Abweichungen vom Glauben der alten universalen Kirche” festzustellen sind, ist eine Frage, die sicher von uns unterschiedlich beurteilt wird. Immerhin werden die Beschlüsse der ersten sieben Konzilien offiziell von der lutherischen Kirche rezipiert. Die trinitätstheologischen und christologischen Lehrentscheidungen dieser Konzilien sind Bestandteil des Bekenntnisses aller reformatorischen Kirchen. Bei diesen Dogmen handelt es sich aber eben doch um die zentralen Lehraussagen der alten, ungeteilten Kirche.”
Unsererseits ist hierzu nur zu bemerken, daß die apostolische Sukzession von der Orthodoxen Kirche nicht “mechanistisch” aufgefaßt wird. Es handelt sich eben nicht nur um den Akt der Handauflegung, sondern um die Weitergabe des unverfälschten Glaubens und der Tradition als einer unzerstörbaren Einheit. Red.

Die Bezeichnungen
der verschiedenen Konfessionen

Insofern es viele verschiedene christliche Konfessionen gibt, so wählte sich jede von ihnen einen Namen, durch den sie sofort auf den ersten Blick jedem mitteilen möchte, worin das Wesen ihrer Lehre besteht...
Die Orthodoxe Kirche ist, wie wir bereits sagten, in der Tat, der Heiligen Schrift wie auch der Heiligen Überlieferung zufolge, und nach den historischen Gegebenheiten die wahre, historische Kirche. Deshalb benötigt sie kein besonderes Etikett, denn sie ist einfach die Kirche. Um jedoch den Unterschied zwischen ihr und den übrigen christlichen Glaubensbekenntnissen zu unterstreichen, wurde das Epitheton “orthodox” angenommen. Dieses Wort stellt die Übersetzung des griechischen Wortes orqodoxia dar. Der Begriff “Orthodoxia” bedeutet Rechtgläubigkeit. Folglich ist unsere Kirche die rechtgläubige Kirche, d.h. jene, welche den wahren Glauben ohne Änderungen bewahrt, ohne Zusätze oder Abstriche und ohne Änderungen in der Glaubenslehre... Alle übrigen, nicht orthodoxen Glaubensbekenntnisse, bezeichnen wir summarisch als andersgläubig oder als heterodox (von der herrschenden Kirchenlehre abweichend).
Früher anerkannte die römisch-katholische Propaganda die Rechtgläubigkeit der Orthodoxen Kirche nicht an und bezeichnete sie als “griechisch-orientalisch” oder unverblümt als “schismatischen” Glauben, bestenfalls noch “orientalisch-orthodox”. Diese letztere Bezeichnung machten sich die Theologen selber zu eigen und verwendeten sie, ohne ihre Sinnlosigkeit zu bemerken, denn es gibt weder eine westliche, noch nördliche, noch südliche Orthodoxie.
Man darf ebensowenig von einem “serbisch-orthodoxen” oder “russisch-orthodoxen” oder “rumänisch-orthodoxen” Glauben sprechen, denn es handelt sich um einen und denselben orthodoxen Glauben. Man darf nur sagen: Serbisch-Orthodoxe Kirche oder Russisch-Orthdoxe Kirche etc, wobei man dabei die einzelnen lokalen orthodoxen Kirchen als Teile einer einzigen, universalen Kirche meint.
Im 16. und 17. Jh. wurde durch die Bemühungen der Jesuiten und besonders mit Unterstützung der römisch-katholischen Regierungen Polens, Österreichs und Frankreichs ein Teil der orthodoxen Christen in allen orthodoxen Völkern in die Union mit Rom überführt. Man ließ ihnen den orthodoxen Gottesdienst, aber zwang ihnen die römisch-katholische Dogmatik auf. Die römisch-katholische Kirche bezeichnet sie als Griechisch-Katholische, während die Orthodoxen sie als Uniierte bezeichnen, denn sie akzeptierten die “Union” (Vereinigung) mit der römisch-katholischen Kirche, anerkannten den Papst als Stellvertreter Christi und nahmen alle übrigen typisch katholischen Dogmen an.
Was die Protestanten betrifft, so geht dieser Name nicht von ihnen aus, sondern so wurden sie von den Römisch-Katholischen bezeichnet. Während der Reformation, im Kampf zwischen den Römisch-Katholischen und den Anhängern der Reformation Luthers wurde 1529 der Reichstag in Speyer in Deutschland einberufen. Diese Versammlung faßte die bekannten Beschlüsse, welche die Anhänger der Reformation nicht annehmen wollten und wogegen sie protestierten. Daher wurden sie sowie alle ihre Nachfolger als Protestanten bezeichnet. Auf diese Weise stellt der Begriff “Protestantismus” kein bestimmtes Glaubensbekenntnis dar, sondern bezeichnet nur eine konkrete Revolte gegen die Entscheidungen des Reichstags von Speyer und nur in einem umfassenderen Sinne meint es den Protest gegen alles Päpstliche. Insofern im Verlauf der Reformation mehrere Reformatoren auftauchten und eine größere Zahl von Reformationsbewegungen, die sich untereinander in vielem, auch in Glaubensfragen, unterschieden, stellt das Wort “Protestantismus” nur einen Überbegriff für alle Reformbewegungen dar. Ansonsten lieben die Protestanten diese Bezeichnung nicht gerade; jeder Zweig des Protestantismus ist vielmehr stolz auf seinen besonderen Namen – manchmal nach dem Gründer der jeweiligen Bewegung, zuweilen nach irgendeinem Ort oder irgendeiner charakteristischen Lehre.
Die Anhänger der Lehre Luthers bezeichnet die römisch-katholische Kirche als Lutheraner, während diese selber sich evangelisch und ihren Glauben die “Evangelische Kirche” nennen. Oft werden sie offiziell auch als das “Augsburger Konfession” bezeichnet, da auf dem Reichstag von Augsburg 1530 die Anhänger Luthers ihren Glauben schriftlich niederlegten.
Die Anhänger Calvins und Zwinglis nennen sich Kalvinisten oder Zwinglianer. In der Folge vereinigten sich diese zwei Bewegungen zu einer unter dem Namen “Reformierte Kirche”. In England und Schottland nannte man sie “Puristen”, denn sie wollten einen reinen Glauben haben, der von allem Papismus frei ist (nach dem lateinischen Wort purus). Abgesehen davon werden sie in Schottland auch “Presbyterianer” genannt, da sie den Bischofsrang in der Kirche nicht anerkennen, sondern nur den des Presbyters (Gemeindeältester). Damit unterscheiden sie sich von der anglikanischen Staatskirche, die eine episkopale Struktur aufweist, d.h. in ihr gibt es Bischöfe, weshalb sie eben die “Episkopalkirche” heißt. ´
Die Baptisten, welche die Gültigkeit der Taufe anderer Christen, die im Kindesalter getauft wurden, streitig machten, gaben sich selber den Namen “Baptisten”, was “Täufer” bedeutet (als ob andere nicht getauft wären). Als sie in der Zeit der Reformation auftauchten, rühmten andere sie als “Anabaptisten”, d.h. als “Wiedertäufer”, denn sie tauften neu, weil sie die Taufe in der Kindheit als ungültig betrachteten. Manchenorts werden sie offiziell “Baptisten-Christen-KIrche” genannt, was eine Tautologie ist, denn die Kirche kann keine Kirche sein, wenn sie nicht christlich ist und aus Ungetauften besteht.
“Christliche Adventistenkirche” ist der offizielle Name einer Konfession, welche durch diese Bezeichnung in erster Linie ihren Glauben an die Zweite Wiederkunft Christi hervorheben will. Diese Bezeichnung stellt jedoch nichts dar, was nur für sie spezifisch und charakteristisch wäre. Der Glaube an die Zweite Wiederkunft Christi ist die Überzeugung aller Christen und nicht nur der Adventisten. Ein Mensch, der nicht an die Zweite Wiederkunft Christi zum Gericht über die Welt glaubt, ist kein Christ. Aus diesem Grunde ist die Bezeichnung der Kirche als “adventistisch” kein besonderes Merkmal. Was sie viel mehr von den übrigen Christen unterscheidet und was ihre Besonderheit darstellt, das ist die Feier des Sabbats.
Andere konfessionelle Vereinigungen tragen ihren Namen nach irgendeiner Charakteristik. “Geistkirche Christi der Kleingetauften” oder “Geistkirche Christi der Großgetauften”. Abgesehen von der in dem Begriff “Geistkirche Christi” enthaltenen Tautologie, besagt ihr Name, daß ihre Mitglieder entweder im Kindesalter- oder im Erwachsenenalter getauft wurden. Die “Nazarener” heißen so nach Nazareth, dem Ort, an dem Christus aufwuchs. Die “Fußwascher” tragen ihren Namen von dem Ritual des Füßewaschens nach dem Vorbild Christi, welcher beim Letzten Abendmahl seinen Jüngern die Füße wusch. Die Bezeichnungen “Brüder Christi”, die “Apostolische Kirche” etc. erklären sich von selbst.

 

Bote 1994, 3

Im Evangelium gibt es eine Voraussage des Erlösers, die die sich vor aller Augen in den Tagen vor Seiner Zweiten Wiederkunft erfüllen wird, die sich aber teilweise bereits im Verlauf der ganzen Kirchengeschichte verwirklicht hat, von der apostolischen bis zu unserer Zeit. Sie betritt nämlich die Erscheinung der Sekten. Und was das Interessanteste daran ist, ist daß gerade die Sektierer sie ständig zitieren, wobei die ihnen Hörigen nicht bemerken, daß dieses Wort sich ja gerade auf sie, auf die Sekten-Lehrer bezieht.
Seine Jünger und Nachfolger zur Vorsicht mahnend, spricht der Heiland: „Wenn alsdann jemand zu euch sagen wird: Siehe, hier ist Christus, oder da, so sollt ihr’s nicht glauben. Denn mancher falsche Christus und falsche Propheten werden aufstehen und große Zeichen und Wunder tun, so daß, wenn es möglich wäre, auch die Auserwählten verführt würden“ (Mt 24,23-24).
Und tatsächlich gab es bereits in apostolischen Zeiten solche Erscheinungen. Davon zeugt uns der Apostel Petrus in seiner Epistel: „Es waren aber auch falsche Propheten unter dem Volk, wie auch unter euch sein werden falsche Lehrer, die auf Schleichwegen verderbliche Spaltungen einführen wollen und verleugnen den Herrn, der sie erkauft hat, und werden über sich selbst herbeiführen eine schnelle Verdammnis. Und viele werden nachfolgen ihrem zuchtlosen Wandel; und um ihretwillen wird der Weg der Wahrheit verlästert werden. Und aus Habsucht werden sie mit erdichteten Worten an euch ihren Vorteil suchen. Ihnen ist das Urteil seit lamgem berreitet, und ihre Verdammnis schläft nicht. (2 Petr 2,1-3).
Der Evangelist Johannes zeugt auch davon, daß es in seiner Zeit Sektierer gab: „Ihr Lieben, glaubet nicht einem jeglichen Geist, sondern prüfet die Geister, ob sie von Gott sind; denn es sind viele falsche Propheten ausgegangen in die Welt“ (1 Jh 4,1).
Der Apostel Paulus, der von den Christen in Milet Abschied nimmt, sieht voraus, daß auch unter ihnen Falschlehrer auftauchen werden: „Auch aus euch selbst werden aufstehen Männer, die da verkehrte Lehren reden, die Jünger an sich zu ziehen“ (Apg 20,30).
Über das Auftreten von Sekten in der Zeit der Apostel wird nicht nur so allgemein gesprochen als Warnung für die Gläubigen. Es wird auch eine ernste antikirchliche Bewegung erwähnt, die große Streitigkeiten zwischen den ersten Christen hervorrief, so daß in Jerusalem das Apostelkonzil einberufen werden mußte, das belehrt vom Heiligen Geist, zu einem Entschluß führte, der die entstandenen Streitigkeiten besänftigte (Apg15). „Da kamen etliche aus Judäa herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Gesbrauche des Mose beschneiden lasset, könnt ihr nicht gerettet werden. Als aber Paulus und Barnabas in nicht geringen Zwist und Streit mit ihnen gerieten, ordnete man an, Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen sollten wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufziehen.“ (Apg 15,1-2).
Aus dem Sendschreiben des heiligen Apostels Paulus sehen wir, daß es Streitigkeiten in Fragen des Glaubens zwischen den Christen von Korinth gab, die sich in Gruppen getrennt hatten und sprachen: „Ich gehöre Paulus an, ich aber Apollos, ich aber Kephas, ich aber Christus.“ (1 Kor 1,12).
Auch die Christen von Galatien wurden von den damaligen Sektieren in Unruhe versetzt und getäuscht, da diese ihnen einredeten, den jüdischen Bräuchen und Vorschriften Folge zu leisten und zwar mit solchem Erfolg, daß ihnen der Apostel Paulus schrieb: „Ich wundere mich, daß ihr euch so bald von dem hinweg, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, abwendig machen lasst zu einem anderen Evangelium“ (Gal 1,6). „O ihr unverständigen Galater, wer hat euch bezaubert, denen Jesus Christus als Gekreuzigter vor Augen gemalt worden ist?“ (Gal. 3,1).
Auch die Kolosser waren derartigen Angriffen der judaisierenden Sektierer ausgesetzt, die die Gottheit Christi negierten und sie dazu überredeten, den Samstag zu heiligen und die übrigen alttestamentlichen Feiertage.
Daher schreibt der Apostel Paulus ein Sendschreiben, in welchem er sie davon überzeugt, daß Christus „das Abbild des unischtbaren Gottes“ ist (Kol 1,15), das „in ihm leibhaftig die gesamte Fülle der Gottheit einwohnt“ (Kol 2,9), und daß alle alttestamentlichen Vorschriften über die Speise, wie auch die Feiertage, eingeschlossen auch den Samstag, nur Schatten dessen sind, was kommen wird, die Wahrheit aber Christus ist (Kol 2,16-17).
Auch die Christen von Thessaloniki wurden durch falsche Lehrer beunruhigt, die behaupteten, daß die zweite Ankunft Christi ganz nahe sei, und deshalb schreibt ihnen der Apostel Paulus: „Wir bitten euch aber, ihr Brüder, in bezug auf die Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus und unsere Vereinigung mit ihm, daß ihr euch nicht so schnell von der Besonnenheit abbringen und in Aufregung oder Schrecken versetzen laßt, weder durch einen Geist noch durch ein angeblich von uns kommendes Wort oder einen Brief, als ob der Tag des Herrn unmittelbar bevorstände.“ (2 Thes 2,1-2).
Im Sendschreiben an Timotheus teilt uns der Apostel Paulus mit, daß es zu seiner Zeit Sektierer gab, die behaupteten, daß Christus bereits zum zeiten Mal gekommen sei – wie das auch heute die Zeugen Jehovas behaupten – und er führt sogar die Namen zweier solcher Sektierer an. Das sind Hymenäus und Philetos (2 Tim 2,16-18).
Der Evangelist Johannes erwähnt, daß in der Zeit, als er die Apokalypsis schrieb, in Pergamon die Sekte der Nikolaiten bestand (Off 2,15). Die Nikolaiten waren Häretiker gnostischer Richtung, die ein unzüchtiges Leben praktizierten, da sie behaupteten, daß der Körper das Geschöpf des bösen Geistes sei und daß man ihn deswegen durch sexuelles Ausleben abnutzen müsse.
Aus der Zeit der Apostel sind auch noch andere Häretiker bekannt, Simon der Zauberer, welcher dem Apostel Petrus Geld anbot, damit dieser ihm die Kraft verliehe, durch die Handauflegung den Heiligen Geist zu empfangen, so wie er gesehen hatte, daß die Apostel diese Gabe besaßen. Petrus machte ihm wegen dieses Gedankens schwere Vorwürfe und drohte ihm mit Fluch. Von jener Zeit an nennt man in der Kirche die Sünde des Verkaufs kirchlicher Ämter nach dem Namen des Simon des Zauberers Simonie. Dieser Simon fiel später vom Christentum ab und kehrte zu seiner alten Zauberei zurück. Er täuschte die Menschen, indem er sich selbst nicht nur als Messias, sondern sogar als Gott selbst ausgab, der angeblich den Samaritern als Vater erschien, den Juden als Sohn, den Heiden aber als Heiliger Geist. Seine Konkubine Helena aus Tyrus stellte er als göttliche Weisheit vor1. Etwas ähnliches geschah wärend der französischen Revolution. Der Konvent verbot 1792 die christliche Kirche und verbot jeglichen Glauben an Gott und anstelle Gottes wurde der Verstand als Gottheit erklärt und gemeine Huren wurden als Vertreterinnen und Priesterinnen dieser Gottheit angesehen! 2.
Aus der Zeit der heiligen Apostel sind uns noch die Häretiker Menander, ein Schüler des Simon des Zauberers bekannt, und Kerinth, dessen gnostische Lehre über Christus der hl. Johannes mit seinem Evangelium entgegnete; weiterhin die Doketen, welche lehrten, daß Christus nur einen scheinbaren Körper besaß und daß deshalb auch Sein Tod nur scheinbar war 3.
Weiterhin sind noch judaisierende Sekten zu erwähnen wie die Nazaräer und Ebioniten, welche die Gottheit Christi negierten und verlangten, daß sich die Christen an die alttestamentlichen jüdischen Vorschriften und Feiertage halten, selbstverständlich auch das Feiern des Sabbats4.
Aus der Geschichte der Kirche sind noch viele weitere gnostische Sekten bekannt, aber auch die wenigen genannten Sekten und Häresien zeugen ausreichend davon, daß die Kirche von Anfang an den Kampf mit Sekten und Häresien bestehen mußte.
Verschiedene Sekten und Häresien gab es auch in der nachapostolischen Zeit.
Besonders groß an Zahl waren die gnostischen Häresien, von denen einige sogar ins Mittelalter hinüberreichten, wie z.B. die Manichäer, denen die Paulizianer folgten und diesen wiederum die Bogomilen und Katharer oder Albigenzer.
Außer diesen Sekten, die entweder unter jüdischem Einfluß entstanden, wie jene judaistischen Häresien, oder unter heidnischem Einfluß wie diese gnostischen Häresien, gab es auch große Häresien, schon auf der Grundlage der christlichen Dogmatik. Insbesondere hatte die christliche Religion zwei grundlegende Dogmen, welche das menschliche Fassungsvermögen bei weiten übersteigen. Dies ist das Dogma von der Heiligen Dreifaltigkeit und das Dogma von der Person unseres Herrn Jesus Christus.
So entwickelten sich die antitrinitarischen Häresien, welche negierten, daß Ein Gott in drei Personen ist, oder die behaupteten, daß drei Personen Gottes dasselbe sei wie drei getrennte Gottheiten. Über Christus lehrten einige Sekten, daß er nur ein gewöhnlicher Mensch ist, andere wiederum, daß Er nur Gott ist und nur scheinbar ein Mensch, dritte wiederum wie z.B. Arius lehrte, daß Christus ein besonderes Geschöpf Gottes ist, das zu Beginn der Schöpfung geschaffen wurde. So gab es die Häretiker die dem Arius folgten, es gab die Makedoniarer, welche lehrten, daß der Heilige Geist nicht Gott sei, darauf die Nestorianer und die Monophysiten und die Monoteleten. All diese Häresien wurden auf den ersten sechs Ökumenischen Konzilien verurteilt. Danach erschienen noch die Ikonoklasten, welche behaupteten, daß die Ikonen dasselbe seien wie Idole und daß die Verehrung der Ikonen dasselbe sei wie Götzenverehrung und Vielgötterei und daß sie deshalb der Heiligen Schrift widerspreche.
Von all diesen Häresien spricht die Kirchengeschichte im Detail; und hier sind sie nur zum Beweis dessen angeführt, daß das Sektierertum eine Erscheinung ist, welche die Kirche stets begleitete, und zwar auch deshalb, weil viele der gegenwärtigen Sekten tatsächlich eine Wiederholung jener alten schon längst verurteilten Häresien darstellen. Jede neue Häresie umfaßt etwas, was sie von den alten Häretikern entleiht, und einige sind auch Mischungen jener Häresie. Das gleiche kann man auch über verschiedene zeitgenössische philosophische Systeme sagen. Viele dieser Systeme wiederholen nur irgendeine alte Häresie über die Heilige Dreifaltigkeit oder über Christus.
Die Reformation als ideelle Quelle
des zeitgenössischen Sektierertums

Wie wir aus dem früher Dargelegten sehen konnten, gab es Sekten solange es die Kirche gibt. Das Wesen der Sekten liegt in der Negierung der kirchlichen Lehre, der kirchlichen Praxis, ja selbst der Kirche als historischer Erscheinung. Die Negierung der konkreten historischen Kirche, daß sie wirklich Kirche ist, die Gemeinschaft, welche Christus gründete und welche Sein mystischer Leib ist – das ist das Wesen der Sekten.
Die alten Sekten nährten sich aus dreierlei Quellen: der jüdischen, der heidnischen und der christlichen. Wie wir aus der Geschichte und aus der Heiligen Schrift wissen, nahm die Mehrzahl der Juden das Christentum oder Jesus von Nazareth als Messias und Christus nicht an. Doch auch diejenigen, welche Ihn als den verheißenen Messias, Christus, anerkannten, sagten sich nur sehr schwer und langsam von ihren alten jüdischen alttestamentlichen Gebräuchen und Vorstellungen los. Viele der getauften Juden konnten nicht verstehen, daß Gott auch die Heiden in Sein Reich aufnahm (Apg 11,1-2) oder daß den Menschen nicht die alttestamentlichen Opfer und Riten und die jüdischen Gebräuche und Vorschriften retten, und sogar nicht einmal die Beschneidung oder das alttestamentliche Gesetz, sondern der lebendige Glaube, der in guten Werken demonstriert wird, oder durch die Erfüllung des sittlichen Gesetzes Christi (Apg 15,1; Gal 3,4 und 5. Kapitel; Hebräer: das ganze Sendschreiben; Eph 2,8; Röm 3,28; Jak 2,14-19).
Die Heiden, die von der Philosophie ihrer Philosophen begeistert waren, besonders vom Gnostizismus und neoplatonistischen Okkultismus, versuchten, die reine Wissenschaft des Evangeliums mit philosophischen Verwirrungen und sittlicher Zügellosigkeit zu vermischen und daher entstanden viele Sekten und Häresien.
Schließlich riefen auch die Christen selbst als gewöhnliche Menschen mit beschränktem Verstand zum Begreifen der großen göttlichen Geheimnisse, die durch Christus offenbart wurden, und außerdem belastet durch ihre persönlichen Sünden (Jak 1,14-15; Gal 3,3; 1 Kor 1,11) manchmal Häresien hervor.
Obwohl all diese Ursachen für das Sektierertum ständig anwesend sind, gibt es dennoch gewisse Perioden in der Kirchengeschichte, welche sich besonders durch den Ansturm von Häresien und Sekten auszeichnen. Eine solche Periode stellt auch die Zeit der Reformation dar, wie auch die Erscheinung der Reformation selbst. Aus der Zeit und aus dieser Quelle strömten viele Sekten und Häresien hervor, von denen einige verschwunden sind, andere aber bis heute andauern, sei es in der gleichen Gestalt, oder sei es in veränderter und erneuerter Gestalt.
Die Ursachen der Reformation

Das Papsttum erreichte im Mittelalter seine höchste politische und geistliche Macht. Leider kann man das nicht über die sittliche Verfassung vieler Päpste sagen... Nach römisch-katholischer Lehre vollbrachten die Heiligen mehr gute Werke, als sie für ihre persönliche Rettung brauchten. Diese „überflüssigen“ guten Werke der Heiligen stellen eine geistliche Schatzkammer dar, über die der Papst verfügt, und er kann aus ihr den gläubigen römischen Katholiken Vergebung ihrer Sünden gewähren, wenn diese eine Spende für einen solchen Ablaß geben. Man verzieh gegenwärtige Sünden, sowie vergangene, ja sogar künftige. Dies mußte nicht immer für Geld geschehen. Es konnte auch ohne Geld vollbracht werden, nur unter der Bedingung, daß bestimmte Frömmigkeitsverpflichtungen ausgeführt wurden. In manchen römisch-katholischen Gebetsbüchern existieren sogenannte „Stoßgebete“ oder „fromme Seufzer“, welche mit Indulgentien des Papstes versehen sind, mit einer Bemerkung, welcher Papst und wieviele Tage Verzeihung für dieses ausgesprochene Gebet gewährt wird, ohne irgendwelche Verpflichtung, daß der Gläubige eine Geldspende gibt.
Indessen brauchte Papst Leo X. Geld für die Vollendung der Kathedrale des hl. Petrus in Rom. Zu diesem Zweck schrieb er im Jahr 1517 Indulgentien aus. Im Fürstentum Sachsen führte der Dominikanermönch Johannes Tetzel den Handel mit Indulgentien so unverschämt durch, daß er öffentlich Unmut hervorrief und den damaligen Professor der Theologie an der Universität Wittenberg Dr. Martin Luther dazu herausforderte, daß er nicht nur gegen den Handel Tetzels mit Indulgentien Stellung bezog, sondern gegen Indulgentien überhaupt und später auch gegen viele andere römisch-katholische Lehren bis hin zur Verneinung der päpstlichen Autorität. Dies war der Beginn einer großen religiösen Revolution, die in erster Linie gegen die römisch-katholische Kirche gerichtet war und die als Reformation bezeichnet wurde. In Deutschland begann Luther die Reformation, in der Schweiz Zwingli und Calvin, in England König Heinrich VIII. aus rein persönlichen Gründen, denn der Papst erlaubte ihm nicht die Ehescheidung. Aus diesen drei Bewegungen entstanden drei Typen reformatorischer Glaubensgemeinschaften, nämlich die Anglikanische Kirche, welche die römisch-katholische Liturgik beibehielt und protestantische Dogmatik annahm und daher von allen protestantischen Gruppen dem römischen Katholizismus am nächsten steht. Weiterhin die lutheranische oder evangelische Kirche, welche sich wesentlich weiter vom römischen Katholizismus entfernte, als das bei der anglikanischen Kirche der Fall ist. Die Anhänger Calvins und Zwinglis vereinigten sich zur sogen. Reformatorischen Kirche, welche in ihrer Reform den römischen Katholizismus noch weiter negierte...

 

Bote 1994, 4

Die Protestanten
und die Orthodoxe Kirche

Die Hauptideologen der Reformation und ihre Nachfolger wandten sich in erster Linie gegen das Papsttum und den römischen Katholizismus überhaupt, da diese Bewegungen selbst im Schoße des römischen Katholizismus entstanden und auf dessen geographischem Gebiet. Die Orthodoxe Kirche war nicht Zielscheibe ihrer unmittelbaren Angriffe, zumindest nicht derart heftiger wie sie gegen die römisch-katholische Kirche vorgebracht wurden. Der Hauptgrund solcher Duldsamkeit liegt wohl im Fehlen des Papsttums in der Orthodoxen Kirche. Außerdem hatten die Protestanten zu Beginn ihrer Tätigkeit keine geographischen Berührungspunkte mit den Orthodoxen. (...)
Die Protestanten versuchten sogar die Kontaktaufnahme mit der Orthodoxen Kirche über die Patriarchen von Konstantinopel Ioasaph II. und Jeremias II., wobei es jedoch zu keinerlei Vereinigung kommen konnte, da beide Seiten bei ihren Ansichten blieben.

Entwicklung der Sekten:

Die größte Blüte des Sektierertums ist in den USA zu verzeichnen. Zu den alten protestantischen Sekten, die im 16. und bis zur Mitte des 19. Jh. entstanden, gehören:
1 Amerikanische Episkopale Kirche
mit 2 500 000 Mitgliedern;
20 Lutheranische Kirchen
mit 6 500 000 Mitgliedern;
4 Reformatorische Kirchen;
5 Kirchen der Adventisten;
16 Evangelische Kirchen;
9 Quäker-Kirchen;
27 Baptisten-Kirchen;
7 Kirchen Gottes;
6 Kirchen der Mormonen;
14 Mennoniten-Kirchen;
22 Methodistische Kirchen;
7 Kirchen der Pfingstler (Pentikostarier);
11 Presbyterianische Kirchen.

Zu den neuen protestantischen Sekten, die in den letzten 100 Jahren entstanden gehören:
1.) Die Kirche Zion;
2.) Geheiligste Heilige Kirche Christi;
3.) Kirche Gottes oder Glaub Abrahams;
4.) Gemeinschaft des Lebens oder der Ankunft;
5.) Apostolische militante Hl. Kirche Gottes;
6.) Vereinigte christliche Kirche der Heiligkeit;
7.) Kirche des ewigen Lebens;
8.) Gottes Kirche der Heiligen Christi;
9.) Kirche des Evangeliums;
10.) Nazoräer- Kirche;
11.) Offenbarungs- Kirche;
12.) Kirche des Lebendigen Gottes;
13.) Neue Jerusalems- Kirche;
14.) Evangelische Kirche der Vereinten Brüder;
15.) Feuersäule;
16.) Heilige Kirche der Feuertaufe;
17.) Freie Zions- Kirche Christi;
18.) Haus Davids;
19.) Christliche Wissenschaft;
20.) Zeugen Jehovas;
21.) Jünger Christi;
22.) Kirche des Emmanuel Kodesh;
23.) Kirche des Zeichens der offenen Bibel; u.s.w.

Es bietet sich ein erbärmliches Bild einer unseriösen Einstellung dieser Menschen zum Heiligtum, als sei die Religion ein Geschäft oder ein Sport! Jeder, dem es nur in den Sinn kommt, meint, daß er eine Kirche gründen kann, als sei die Kirche nicht der mystische Leib Christi.
Quellen des Protestantismus

Die geistige Grundlage dieser ganzen erdrückenden Sektenbuntheit liegt in der protestantischen Idee der Reformation beschlossen. Man darf nicht behaupten, daß die Reformatoren Luther, Calvin und Zwingli wünschten, daß ihr Werk dazu führte; oder daß sie unmittelbar dieses Wirrwarr hervorriefen. Allerdings legten sie zweifellos seine geistige und psychologische Grundlage. Diese Grundlage liegt in der protestantischen Einstellung zur Heiligen Schrift und in der protestantischen Lehre von der Rettung. Luther behauptete - und das übernahmen die übrigen Protestanten - , daß der Mensch vor Gott allein durch den Glauben an Christus und die Erlösung gerechtfertigt wird, die Christus durch Sein Leiden der Menschheit brachte. Dies ist das sog. materielle Prinzip der Reformation. Gute Werke sind für die Rettung nicht nötig. Der Luther-Anhänger Nikolaus Amsdorf meinte sogar, gute Werke seien dem Heil geradezu abträglich. Die Bibel behauptet solches nirgends. Im Gegenteil, sie unterstreicht vielfach, daß es kein Heil ohne Erfüllung des sittlichen Gesetzes gibt, denn der Mensch wird nicht nur nach seinem Glauben, sondern ebenso nach senen Werken gerichtet werden (Mt. 25,31-46; Petr. 1,17; Jak. 2,14.27; Röm, 2,6; 2. Kor. 5,10).
Von Interesse ist das Vorgehen Luthers bei der Übersetzung der Hl. Schrift ins Deutsche. Im Römerbrief Kap. 3, Vers 28 steht: “Wir erkennen an, daß der Mensch durch den Glauben unabhängig von Werken des Gesetzes gerettet wird.” Er fügte zu diesem Satz in seiner Übersetzung lediglich ein Wort hinzu: “nur”. So kam es, daß die Hl. Schrift eben genau das behauptet, was Luther als das materielle Prinzip der Reformation verkündete: der Mensch wird allein durch den Glauben gerettet. Eine solche Behauptung belegten böswillige Kritiker Luthers mit der giftigen Bemerkung: “Sündige kräftig, glaube kräftiger und du wirst gerettet”.
(...) Noch mehr trägt zum Entstehen und der Verbreitung des Sektierertums das sog. formale Prinzip der Reformation bei. Gemäß diesem Prinzip halten alle Protestanten die Heilige Schrift für die einzige Quelle des Glaubens und den einzigen Maßstab der Wahrheit. Jedermann kann sie lesen und auslegen, ungeachtet der Autorität der Kirche, denn der Heilige Geist Selbst legt ihren Sinn aus und erklärt ihn. Die Folge eines solchen Prinzips liegt auf der Hand: der Zerfall des Protestantismus in eine Vielzahl von Sekten, von denen eine jede sich für die einzig richtige hält, obwohl auch sie ihrerseits wieder “schwärmt” - sich in neue Sekten aufteilt.
Schließlich gibt es noch einen ungewollten Beitrag des Protestantismus zum Entstehen und zur Entwicklung des Sektierertums. Das ist der protestantische Rationalismus. Der Protestantismus begann mit der ausschließlichen Verehrung der Bibel, ja beinahe mit ihrer Vergottung. Diese Verehrung schlug jedoch bald in eine derart radikale Kritik um, die die protestantischen Theologen zur Leugnung der Bibel als göttlichem Buche führte, zu ihrer Herabnivellierung zu einem Text der religiösen Literatur anderer Religionen. Indem sie nicht nur ihre Autorität als dem “Worte Gottes” leugneten, sondern sogar ihren Wert als einem gewöhnlichen historischen Dokument, mindern protestantische Theologen den Inhalt der Bibel zu Mythos und Legende herab. Weiterhin führte das Auftreten neuer Theorien und Hypothesen im Bereiche der Naturwissenschaften und die Entdeckung neuer Tatsachen, die dem buchstäblichen Verständnis der Bibel widersprechen (oder zumindest scheinbar widersprechen), in erster Linie in der protestantischen, dann aber auch in der römisch-katholischen und orthodoxen Gesellschaft zu einem wesentlichen Abrücken von der Bibel. In diesem Moment treten Sekten auf, die sich zur “Verteidigung” der Bibel gegen diesen Verrat stark machen, um der “Erneuerung des Glaubens” willen, um der “Wiederherstellung” der Sittlichkeit, “zur Vorbereitung des Menschen auf die nahende zweite Wiederkehr Christi”.
Die Zeugen Jehovas zum Beispiel zitieren gerne zeitgenössische protestantische und römisch-katholische Theologen, die behaupten, daß die Bibel ein gewöhnliches Buch ist, und polemisieren mit ihnen.
So ist all dies ein willentlicher oder unwillentlicher Beitrag des Protestantismus zum Entstehen und zur Verbreitung der Sekten. Diese verbreiten sich eben unter den römischen Katholiken und den Orthodoxen, aber nicht als “Eigenproduktion”, sondern als Importware, die aus dem geographischen und geistigen Ausland eingeführt wird, d.h. vom Territorium des Protestantismus. (....)

Andere Quellen des Sektierertums

Der Protestantismus ist jedoch keineswegs die einzige Quelle des Sektierertums und bei weitem nicht der einzige Urheber seiner Entstehung und Existenz. Davon zeugt die Existenz an Sekten lange vor dem Auftreten des Protestantismus. Eben davon zeugt auch der Reichtum an Sekten in der Römisch-Katholischen Kirche im Mittelalter, und genauso das Vorhandensein von Sekten in der Vergangenheit und Gegenwart unter orthodoxen Christen. Einen besonders deutlichen Beweis dafür liefert die Geschichte der Russischen Orthodoxen Kirche, die im Auftreten der verschiedensten Sekten außerordentlich reich ist.
Es ist bekannt, daß die Russische Kirche nach dem Patriarchen Nikon, der die Fehler der Abschreiber, die sich im Laufe der Zeit in die liturgischen Bücher eingeschlichen hatten, nach griechischen gottesdienstlichen Texten berichtigte, das Auftreten des “altrituellen” (oder “altgläubigen”) Schismas erlebte. Infolge dieses Schismas (doch auch unabhängig davon) trat eine Vielzahl von Sekten in Erscheinung. Wir erwähnen sie in Kürze, um zu zeigen, wohin der Abfall von der Kirche die Menschen führen kann.
Diese Schismatiker, die Altgläubigen, teilen sich in zwei grundlegende Zweige: die Priesterlichen und die Priesterlosen. Die ersteren erkennen die Priester an, während die zweiten - unter deutlichem oder verstecktem Einfluß des Protestantismus - sie ablehnen, da sie sich selbst für Priester halten
Die Priesterlichen haben sich in acht Gruppierungen geteilt, häufig aus unbedeutenden, ja lächerlichen Anlässen. Die von Au¡skov waren gegen Kirchenstandsregister! Die von @Cernobyl gegen das Rasieren der Bärte sowie gegen die Einführung von Reisepässen und Straßensteuern.
Die Priesterlosen teilten sich in eine noch größere Zahl verschiedener, noch phantastischerer Sekten. Die Fedosejever waren gegen das Eheleben. Die Wanderer oder Spelevcer irrten von Wald zu Wald oder Wüste, indem sie vor den Behörden flohen, da sie jegliche Regierung für eine Sache des Antichrist hielten. Die Pastuchover (Hirtlichen) flohen Steinbrücken, Geld und Straßensteuern, die Selbsttäufer tauften sich selbst. Die Akuliner praktizierten Unzucht. Die Stefaniden waren einmalig abscheulich. Sie lehnten die Ehe ab und warfen Neugeborene den Tieren als Versöhnungopfer vor. Die Mittwöchler meinten auf Grund irgendeiner Ausrechnung, daß der Sonntag auf den Mittwoch falle. Die Donnerstägler dagegen behaupteten, der Donnerstag sei der Tag des Herrn und die Sünde sei der erste Schritt zur Rettung.
Die Chlysten, oder wie sie sich selbst bezeichneten “Gottesmenschen”, glaubten, daß Gott Vater im Jahre 1645 vom Himmel herabgekommen sei und in Gestalt des Bauern Daniil Fillipovi¡c Mensch geworden sei, im Jahre 1649 habe dasselbe der Gottessohn getan und sei in der Person des Ivan Suslov erschienen. Zum letzten Mal sei “Er” in der Person des Zaren Peter III. erschienen, der 1762 entthront und erwürgt wurde, ihrer Meinung nach jedoch sich irgendwo versteckt habe und kommen müsse, um über die Sünder Gericht zu halten. Die “Skopzen” lehrten, Christus habe von Seinen Nachfolgern gefordert, daß sie sich kastrieren, während sich die Frauen die Brüste abschneiden sollten, um das Himmelreich zu erben, und daß ihr Prediger Andrej Selivanov der “fleischgewordene Christus” sei und die Bäuerin Akulina die leibhaftige Gottesgebärerin. Die Napoleoniten meinten, Gott sei in Gestalt Napoleons Mensch geworden, der gekommen sei, um die Welt zu richten, insbesondere Rußland. Unter den Molokanern entwickelten sich zwei Sekten: die Samstägler und die Kommunisten (christliche). Die Johanniter erklärten den durch sein heiliges Leben hervorragenden Erzpriester (inzwischen heiliggesprochenen, Anm d. Übers.) Johannes Sergiev von Kronstadt für den Herrn Jesus Christus, der zum zweiten Mal in die Welt gekommen sei. Selbst der energischste Protest des Hl. Johannes von Kronstadt selbst half nicht gegen eine solche Verirrung.Die Johanniter blieben bei ihrer Meinung - du bist Christus, und Schluß!
Neben den obengenannten Sekten gab es auch solche, die unter unmittelbarem protestantischem Einfluß standen. Dazu gehören die Stundisten, Pa¡skovcer, Springer (ähnlich den Quäkern), Mennoniten, Baptisten etc.
Wie zweifellos deutlich ersichtlich, war nicht nur der Protestantismus reich an Sekten. Diese gab es auch in der Orthodoxie und im römischen Katholizismus, ebenso wie in der Urkirche. Diese russischen Sekten jedoch, wie aus ihrer Phantastik zu sehen, entstanden keineswegs als Folge der Orthodoxie, sondern als Frucht der russischen Psyche, die zu Phantasie und Mystik neigt. Weiterhin tragen einige russische Sekten zweifellos das Siegel sozialer Umstände: einige hielten, wie wir sahen, den Zaren für Christus, andere lehnten jegliche Regierungsform ab, die des Zaren einbegriffen, die sie für ein Werk des Antichrist hielten, und vor der sie flohen. Schließlich stellen jene russischen Sekten einen besonderen Typus dar, die unter dem Einfluß des Protestantismus oder westlichen Rationalismus entstanden sowie unter dem Einfluß des Judaismus (wie z.B. im 15 Jh. die Sekte der Judaisierenden oder die im 19. Jh. entstandene Sekte der Daventisten des siebenten Tages); oder schließlich die Sekte der “Tolstojaner”, die unter dem der Philosophie Leo Tolstojs entstand. Doch all diese untereinander so unähnlichen Sekten verbindet eines - jede von ihnen entstand als Negierung der Orthodoxie und der Orthodoxen Kirche. Die protestantischen Sekten hingegen treten als Bestätigung oder Bekräftigung der Reformation auf. Jede von ihnen trat als Kritik an den großen Reformatoren Luther, Calvin und Zwingli auf. Objekt ihrer Kritik waren jedoch nicht ihre reformatorischen Ideen als solche, sonden im Gegenteil die nach Ansicht der neuen Sekten nicht genügend tiefgreifende und vollkommene Reformation. Daher tritt die protestantische Sekte gerade dafür auf, um eine möglichst radikale Reformation durchzuführen. Auf diese Weise kann man mit vollem Recht sagen,daß die Reformation die geistige Quelle der Sekten ist, denn sie gehen von ihr aus und gründen auf ihr. Indessen kann man von “orthodoxen” Sekten nicht sagen, daß sie aus der Orthodoxie hervorgehen und daß die Orthodoxie ihnen als geistige Quelle dient. Im Gegenteil - sie stellen die Negierung der Orthodoxie und der Kirche überhaupt dar.

 

Bote 1994, 5

Die am weitesten verbreiteten Sekten

Die Baptisten
(...) Das Auftreten der Baptisten kann man nicht mit einer historischen Persönlichkeit in Verbindung bringen, wie das z.B. beim Luthertum oder Calvinismus der Fall ist. Sogar die baptistischen Historiker selbst vertreten verschiedene Standpunkte in der Frage nach dem Ursprung des Baptismus, insbesondere über die Anabaptisten als Vorläufer des Baptismus. Die einen betrachten den heutigen Baptismus als historische Fortsetzung des Anabaptismus, die anderen dagegen leugnen jegliche organisatorische Verbindung mit den ehemaligen Anabaptisten. Betrachten wir die historischen Tatsachen.

Die Anabaptisten
Im Laufe der Reformation blieb es nicht bei den Gedanken und Tendenzen Luthers. Bald traten verschiedene Fraktionen auf, von denen sich die einen duldsamer gegenüber dem römischen Katholizismus verhielten, die anderen dagegen unversöhnliche und radikale Positionen einnahmen. In der heutigen politischen Sprache würde man sagen, daß diese äußerst radikalen Tendenzen den “linken Flügel” der Reformation bildeten. Auf der “äußerst linken Flanke” befanden sich die Anabaptisten. Sie forderten nicht nur theologisch-dogmatische Reformen, sondern genauso sozial-politische, die sie auf gewaltsamem Wege verwirklichen wollten. Sie stellten sich damals eine wirkliche Revolution vor, die sich nicht auf theologische Streitereien begrenzen, sondern zur tatsächlichen vollkommenen Zerstörung der damaligen Ordnung führen sollte. Auf dem Gebiet der Theologie überholten später die Adventisten des 7. Tages die Anabaptisten. Noch weiter gingen verschiedene Unitaristen und die Zeugen Jehovas, und auf sozial-politischem Gebiet folgten ihnen und überholten sie die französischen und russischen Revolutionäre und überhaupt alle laizistischen Bewegungen der Geschichte.

Thomas Münzer
und Johannes Bockelson

Während Luther noch auf der Wartburg lebte, erschien 1521 in Zwickau eine Sekte äußerst “linker” Ausrichtung unter der Leitung des ehemaligen lutheranischen Pastors Thomas Münzer. Seine Anhänger erklärten die Kindertaufe für ungültig und tauften von Neuem, weshalb die Zeitgenossen sie auch als Anabaptisten (d.h. Wiedertäufer) bezeichneten, während sie sich selbst Baptisten (oder Täufer) nannten. Aus Zwickau vertrieben, gingen sie nach Wittenberg und riefen hier Unruhen hervor. Als Luther davon erfuhr, verließ er seinen Zufluchtsort auf der Wartburg, um nach Wittenberg zu kommen und sie von hier durch seinen Einfluß zu vertreiben. Natürlich darf man sich diese Vertreibung bei den damaligen zugespitzten und blutigen Verhältnissen keinewegs als irgendwie friedlich oder akademisch vorstellen. Sie wurden in alle Winde zerstreut. Die Anabaptisten, insbesondere Thomas Münzer, nahmen lebendigen Anteil an dem in dieser Zeit aufgeflammten Bauernkrieg, wodurch sie die Zahl ihrer Anhänger vergrößerten. In den Jahren 1533-1534 nahmen die Anabaptisten in Münster sehr zu. Dazu verhalf ihnen durch seine feurigen Predigten ein gewisser römisch-katholischer Priester Rottmann, und besonders Melchior Hofmann, der über die baldige Ankunft Christi zwecks der Gründung des tausendjährigen irdischen Reiches mit der Hauptstadt in Straßburg predigte. Er “errechnete” sogar die Zeit der zweiten Wiederkehr Christi. Sein Schüler Jan Metis, ein Bäcker aus der holländischen Stadt Harlem, rief sich zum Propheten Enoch aus, der vor der Zweiten Wiederkehr erscheinen sollte. Er erklärte, daß das 1000-jährige Reich Christi bereits begonnen habe, doch mit der Hauptstadt nicht in Straßburg, wie dies Hoffmann meinte, sondern in Münster. Zu ihm gesellten sich Rottmann und der Schneidergeselle Johannes Bockelson, der den Beinamen Jan von Leyden erhielt, und sich zum König des Reiches Gottes ausrief. Er verkündete, daß er die ganze Welt erobern würde, und drohte, alle seine Gegner der Todesstrafe zu überantworten. Er führte den Kommunismus und die Vielweiberei ein. Er hatte 17 Frauen, während sich der ehemalige katholische Priester Rottmann mit vieren begnügte.
Im weiteren kam es zu Todschlag, Raub und Vandalismus, was eine äußerst negative Einstellung der Staatsmacht gegenüber den Anabaptisten zur Folge hatte. (...)

Eigentliche Baptisten

Unabhängig von Thomas Münzer und Johann Bockelson traten die Baptisten in der Schweiz, in Holland und England auf. Die ersten Prediger des Baptismus (damals noch unter der Bezeichnung Anabaptisten) in der Schweiz war Eberli Bolt aus Schwyz, sowie Konrad Gröbel, Felix Manz und Georg Blaurock. Sie wurden verjagt, in Gefängnisse geworfen und schließlich von den Behörden der schweizer Städte - sowohl den römisch-katholischen als auch den protestantischen - hingerichtet.
In Holland nahm sich der römisch-katholische Geistliche Simons Meno der Umwandlung und Reformation der groben Anabaptisten mit ihrem allzu schlechten Ruf zu friedlichen und frommen Bürgern an - den Baptisten. Nach seinem Namen wurden sie Mennoniten genannt. Sie fanden in Holland, Nordamerika, England und sogar in Rußland (Galizien) Verbreitung.
Im England des 17. Jh. entstanden zwei Zweige der Baptisten. Den ersten gründete Thomas Helvis 1612. Sie nannte man allgemeine Baptisten. Diese Gruppe schloß sich den holländischen Mennoniten an. Um das Jahr 1638 entstand in Londen unabhängig von der ersten Gruppe der allgemeinen Baptisten die sog. Partikularbaptisten. Der theologische Unterschied zwischen diesen beiden Sekten bestand darin, daß die Partikularbaptisten die Lehre Calvins annahmen, nach der Gott die Rettung nicht für alle Menschen vorsah, sondern nur für jene, die Er nach Seiner besonderen Vorbestimmung (Praedestination) dafür vorgesehen hatte.(...) Die Rettung ist also nicht etwas Allgemeines, sondern nur Partikulares, d.h. Teilweises, das für einige Auserwählte vorausbestimmt ist. Die allgemeinen Baptisten dagegen meinen, daß Gott die Rettung allen Menschen bestimmt hat und sie deshalb “allgemein” sei.
Im 16. und 17. Jh. befanden sich die Baptisten in England unter ständigem Druck, weshalb einige von ihnen nach Holland übersiedelten, in der Folge aber in großen Gruppen nach Amerika. [...] In Amerika stießen im 18. Jh. viele neue Anhänger zu den Baptisten. Auch im 19. Jh. hielt der Zustrom an. Nach der nicht in Erfüllung gegangenen Prophezeiung des William Miller, daß Christus 1844 komme, um die Welt zu richten, wurden viele enttäuscht, und der Zulauf von Gläubigen, oder wie sich die Baptisten selbst ausdrücken, die “Erweckung”, hielt für einige Zeit an. Heute stellen die Baptisten in den U.S.A. eine zahlenmäßig bedeutende Religionsgemeinschaft dar.
Obwohl der Baptismus in Europa entstand, konnte er hier keine beständigen Wurzeln schlagen und kam erst im 19. Jh. aus Amerika hierher zurück. Er verbreitete sich zunächst in Hamburg und Deutschland, wo er verfolgt wurde; dank der Unterstützung aus Amerika und England konnte er sich jedoch halten und verbreitete sich in der Folge in den skandinavischen Ländern, in Österreich und sogar in Rußland. [...]

Die Lehre der Baptisten

Einer der offenkundigsten und wesentlichsten Unterschiede zwischen Protestantismus und Orthodoxie besteht darin, daß die Orthodoxe Kirche ihre fest umrissene und unveränderliche Dogmatik besitzt, was man vom Protestantismus nicht sagen kann. Seine Dogmatik (sofern man von einer solchen überhaupt sprechen kann) kann sich stark verändern. Daher ist es schwer, eine einheitliche protestantische Glaubenslehre zu erstellen. In der protestantischen Theologie wird die Dogmatik eher in Gestalt der “Dogmengeschichte” gelehrt, als in der Form eines einheitlichen Systems wirklich lebendigen Glaubens.
Noch bestimmter kann man dies vom Baptismus sagen. Auch er hatte und hat keine fest umrissene einheitliche Dogmatik. Dies konnten wir bereits am Beispiel der Existenz der allgemeinen und partikularen Baptisten feststellen, deren Lehrgebäude sich in einem wichtigen theologischen Punkt stark voneinander unterscheiden, nämlich in der Frage der Praedestination.
Dennoch gab es Versuche zur Erstellung eines einheitlichen “Glaubensbekenntnisses”, oder - wie sich die Baptisten selbst ausdrücken - einer “Grundlage des Glaubens”. Bereits 1524 legte Balthasar Hübmaier sein “Glaubensbekenntnis” in 18 Punkten dar. Die “Schweizer Brüder” verfaßten am 24. Februar 1527 in dem Städtchen Schleitheim das sog. “Schleitheimer Glaubensbekenntnis”. Im gleichen Jahre 1524 entstand ein Dokument mit der Bezeichnung “Disciplina”, in welchem die Grundlagen des Glaubens der Baptisten in 13 Punkten erläutert wird. Der Missionar und Leiter der mährischen Anabaptisten, Peter Redemann, schrieb in 7 Punkten den “Grund unserer Religion, unsere Lehre und unser Glauben”. John Smite verfaßte die “Grundlage des Glaubens” in 20 Punkten.
All diese Bekenntnisse, wenn man sie so nennen kann, unterscheiden sich voneinander. Sie stellen kein verbindliches Ganzes für die gesamte Glaubensgemeinschaft dar.
Neben den allgemein-christlichen Dogmen von der Hl. Dreieinigkeit (Dreifaltigkeit), der Menschwerdung des Gottessohnes vom Hl. Geist und der Jungfrau Maria, der Kreuzigung, Auferstehung und Himmelfahrt Christi und dem Allgemeinen Gericht Gottes, woran doch auch die Mehrheit der Baptisten glaubt, müssen wir jene Punkte unterstreichen, in denen sich die Glaubenslehre der Baptisten von der orthodoxen unterscheidet:
1. Die Baptisten halten sich an das Prinzip der Reformation sola scriptura, d.h. sie halten die Hl. Schrift für das einzige unfehlbare Maß für Glauben und Praxis. In gewissem Sinne erkennen sie auch die Überlieferung an, jedoch die ihre - baptistische.
2. Es gibt keine Erbsünde, sondern jede Sünde ist tatsächlich und freiwillig, insbesondere Wort, Werk und Gedanke gegen das Gesetz Gottes; daher sind neugeborene Kinder sündlos.
3. Die Kirche besteht aus neugeborenen und getauften Nachfolgern Christi. Sünder können ihr nicht angehören, solange sie nicht ihre Sünden bereuen.
4. Nach der baptistischen Lehre muß die Kirche eine kongregationale Organisationsform besitzen, im Gegensatz zur hierarchischen. Das bedeutet, daß das Prinzip der Selbstverwaltung der örtlichen Gemeinden Anwendung findet.
5. Die Baptisten (wie alle Protestanten) glauben an das allgemeine Priestertum aller Gläubigen und lehnen die kirchliche Lehre vom Hl. Mysterium des Priestertums ab, nach dem in der Kirche drei Stufen der priesterlichen Weihe bestehen: Bischof, Presbyter und Diakon.
6. Sie lehnen die Hinwendung an die Heiligen und die Gottesmutter genauso wie die Verehrung von Ikonen und dem Ehrbaren Kreuz ab.
7. Nach baptistischer Überzeugung gibt es keine Hl. Mysterien (Sakramente); es gibt jedoch Riten, unter denen die wichtigsten die Taufe und das Herrenmahl sind. Ihre Glaubensunterlagen erwähnen auch noch die Ehe. Die Taufe wird nicht um der Sündenvergebung willen vollzogen, sondern lediglich als äußeres Zeichen der Vernichtung der Sünde. Das Herrenmahl ist ein Zeichen der Gemeinschaft mit Christus und der Gläubigen untereinander in Glauben und Liebe.
8. Nach baptistischer Auffassung kann eine biblisch richtige Taufe nur an Erwachsenen vollzogen werden, die an Christus als den Erlöser glauben. Die Kindertaufe wird nicht anerkannt. Die richtige Taufe muß auch durch das Eintauchen des Täuflings in Wasser erfolgen, nicht aber durch Übergießen oder Beträufeln.
9. Nach baptistischer Lehre ist der Glaube an ein Leben der Seele nach dem Tod eine neuplatonische Doktrin, die als baptistisches Dogma nicht angenommen werden kann.
10. Obwohl gewisse anabaptistische und frühe baptistische Prediger das genaue Datum der Zweiten Wiederkehr Christi angaben und Chiliasmus predigten (den Glauben an das tausendjährige Reich Christi), lehnen die heutigen Baptisten dies als “apokalyptische Spekulationen” ab. Sie glauben einfach an die Zweite Wiederkehr Christi, die Auferstehung der Leiber und das ewige Gericht.
11. Von den Feiertagen haben die Baptisten den Sonntag als wöchentlichen Feiertag bewahrt. Sie erkennen ebenso die Feiertage des Herrn an: Christi Geburt, Theophanie, Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten.
12. Das baptistische Ideal sieht die Trennung von Kirche und Staat vor. Sie unterstreichen mit Stolz, daß die Verfassung der USA, wo zum ersten Mal die Trennung von Kirche und Staat verkündet wurde, wesentlich ihr Verdienst ist. [...]

Das Orthodoxe
und das baptistische Verständnis
der Taufe

Der Herr sagte “Wenn jemand nicht mit Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht ins Reich Gottes eingehen” (Joh. 3,5). Da die Kirche als Reich Gottes gezeichnet wird, die “Geburt durch Wasser und Geist” aber die Taufe ist, bedeutet das, daß die Taufe der grundlegende Akt der Rettung des Menschen ist. Sie stellt die Türe dar, durch welche der Mensch in die Kirche Christi eintritt, in das Reich der Gnade, in die Gemeinschaft der Heiligen Dreieinigkeit. Die Taufe hat unser Herr Jesus Christus Selbst eingesetzt, als Er den Apostel gebot: “Gehet hin und lehrt alle Völker, indem ihr sie taufet auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes”(Mt. 28,19). Im Evangelium nach Markus ist dasselbe noch vollständiger gesagt: “Gehet in alle Welt und prediget das Evangelium allem Geschöpf. Wer glauben wird und die Taufe empfängt, wird gerettet werden; wer aber nicht glauben wird, der wird verurteilt werden”(Mk.16, 15-16).
Das Vorbild oder die Art der Taufe zeigte uns der Heiland Selbst durch Seine eigene Taufe… Um überhaupt die Taufe zu vollziehen braucht man also: einen Menschen, der zu taufen ist, einen Menschen, der die Taufe im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes vollzieht, und Wasser als Materie, mit der die Taufe vollzogen wird.
Als richtig kann man nur die Art der Taufe ansehen, bei welcher sie durch dreimaliges Eintauchen in Wasser mit den Worten vollzogen wird: “Getauft wird der Knecht Gottes (Name) im Namen des Vaters – Amen, und des Sohnes – Amen, und des Heiligen Geistes – Amen”. Dies stellt tatsächlich den Kern der äußeren Seite dieses heiligen Mysteriums dar. Alles andere, was dabei gelesen wird, sind nützliche und notwendige Gebete. Dies war die Art der Taufe bereits zu Zeit der Apostel, und die Kirche bewahrt sie bis zum heutigen Tag. Ausnahmen wurden nur in zwei Fällen zugelassen: wenn jemand krank ist und nicht ins Wasser steigen kann, und daher die T aufe im Bette empfängt – in diesem Fall kann sie durch Übergießen oder Besprengen durchgeführt werden. Die zweite Ausnahme stellt die sogenannte Bluttaufe dar, wenn jemand, der die Taufe wünscht, der Verfolgung ausgesetzt wird und so für Christus sein Leben läßt, bevor er die Taufe durch Wasser und Geist empfangen kann, dann wird sein Martyrium als richtige Taufe angesehen, denn er hat gezeigt, daß er “den Kelch, den Christus trank, trinken konnte”(Mt. 20, 22). Außerdem ist die Gültigkeit der “Bluttaufe” in den Worten des Heilands betont: “Wer sein Leben um Meinetwillen und des Evangeliums willen verliert, der gewinnt es”(Mk. 8, 35; Mt. 16, 25)… Wer viel liebt, dem werden viele Sünden vergeben wie jener Sünderin (Lk. 7, 47) und “es gibt keine größere Liebe als die, daß man sein Leben für seine Freunde hingibt. Ihr seid Meine Freunde, wenn ihr das erfüllt, was Ich euch gebiete” (Joh. 15, 13-14). Dies sind die richtigen und wahren Formen der Taufe: durch Eintauchen in Wasser oder durch Blut. Die Kirche praktiziert die Taufe in Wasser seit alters her, was u.a. durch die tiefen Taufbecken in alten Kirchen bezeugt wird…

 

Bote 1994, 6

Die unsichtbare Wirkung
des Heiligen Mysteriums der Taufe

Im Moment des Eintauchens des Täuflings in das Wasser und des Sprechens der Taufformel “im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes” wirkt die Gnade Gottes unsichtbar auf das gesamte Wesen des Täuflings. Sie gebirt ihn von neuem und erneuert ihn nach dem Vorbild des Versprechens und der Lehre, die dem Nikodemus vom Heiland Selbst vorgetragen wurde: “Wenn jemand nicht mit Wasser und Geist geboren wird, kann er nicht ins Reich Gottes eingehen. Was von Fleisch geboren ist, ist Fleisch; was aber vom Geist geboren ist, ist Geist” (Joh. 3,5-6).
Die bei der Taufe empfangene Gnade reinigt uns von allen Sünden, sowohl persönlichen als auch der Erbsünde, denn wenn wir vom Geist geboren werden, hören wir auf Körpermenschen im ethischen Sinne zu sein und werden Geistmenschen, d.h. werden von der Sünde gereinigt. Das ist auch im Gespräach des Hl. Apostels Petrus am Tag der Herabsendung des Hl. Geistes auf die Apostel gesagt: “Tut Buße und jeder von euch lasse sich im Namen Jesu Christi taufen zur Vergebeung der Sünden; und ihr werdet die Gabe des Hl. Geistes erhalten” (Apg. 2, 38). Davon zeugt auch der Vergleich, den der Hl. Apostel Petrus anführt. Wie im Wasser Noah und seine Familie und die mit ihnen in der Arche waren, gerettet wurden, so “werden auch wir heute gerettet“ (1. Petr. 3,21). Der Mensch wird durch die Taufe von der Sünde gereinigt, davon zeugt auch der Apostel Paulus, wenn er sagt, daß Christus Sich für die Kirche hingab “um Sie zuheiligen, nachdem Er sie durch das Bad des Wassers, vermittels des Wortes reinigte”(Eph. 5, 26). Unter “dem Bad des Wassers und vermittels des Wortes” ist die Wassertaufe unter Aussprechen der bestimmten Worte, der Taufformel, zu verstehen, und ebenso der Worte der Predigt des Evangeliums als eines Gegenstandes des Glaubens. Daß die Worte des Apostels eben das bedeuten, das ist aus seinem Sendschreiben an die Konrinther ersichtlich, denen er sagt, daß bis zu dem Moment, als sie Christen wurden, einige von ihnen schwere Sünder waren, “aber sie wurden reingewaschen, doch sie wurden geheiligt, doch sie wurden gerechtfertigt durch den Namen unseres Herrn Jesus Christus und den Geist unseres Gottes”(1. Kor. 6,9-11).
Wegen einer derart außergewöhnlichen fruchtbaren und gnadebringenden Wirkung des heiligen Mysteriums der Taufe trägt dieses Mysterium in der Hl. Schrift und unter den Chris-ten verschiedene Bezeichnungen. Der Hl. Apostel Paulus nennt die Taufe “Bad der Wiedergeburt” (Tit. 3,5), Justin, Clemens von Alexandrien und Johannes Chrysostomos nennen die Taufe “Bad”. Tertullian “Taufbecken”, Augustinus – “heilige Quelle”, Cyprian nennt die Taufe einfach “Wasser”. Mit diesen Namen wird die äußere Seite der Taufe bezeichnet. Zur Bezeichnung der inneren oder unsichtbaren Seite und Wirkung der Taufe aber benutzte man ebenfalls verschiedene Namen. Justin und Clemens von Alexandrien nennen sie “Erleuchtung”, “Gnadengabe”, “Wiedergeburt”, Tertullian – “zweite Geburt”; Gregor von Nyssa und Theodoret – Heiligung; Epiphanios – Siegel in Christus; Ephrem der Syrer – Siegel des Christentums; Eulogios von Alexandrien – Siegel des Glaubens etc.

Allgemeine Notwendigkeit der Taufe

Ausgehend vom Gebot Christi, welches Er den heiligen Aposteln über die Predigt “allem Geschöpf” (Mk. 16, 15-16) gab, und von der Tatsache, daß alle Menschen der Rettung bedürfen, und daß die Taufe die Bedingung ist, ohne die man nicht ins Reich Gottes eingehen kann, lehrt die Kirche, daß jeder Mensch der Taufe bedarf ohne Rücksicht auf sein Alter. Deshalb tauft sie nicht nur heute, sondern seit der Zeit der Apostel jeden, der den Wunsch äußert, die Taufe zu empfangen. Für kleine Kinder, die noch keine persönlichen Wünsche äußern können, äußern diesen Wunsch die Eltern, den Glauben aber bekennen die Taufpaten, und die Kirche tauft auch Kinder. So tut sie es von jeher und bis heute. Der Ritus der Taufe selbst ist so verfaaßt, daß Erwachsene selbst die Antworten geben und das Glaubensbekenntnis sprechen, während bei Kindern dies die Taufpaten tun, die auch für die Erziehung der Kinder im orthodoxen Glauben verantwortlich sind. Deshalb kann ein Nicht-Orthodoxer nicht Taufpate sein.

Das baptistische Taufverständnis

Über der Lehre von den Mysterien zerbrach die Einheit zwischen den Römischen Katholiken und den Protestanten. Die römischen Katholiken wie in gewisser Weise auch die Orthodoxen, behaupteten, daß es sieben heilige Mysterien (Sakramente) gibt, die protestantischen Reformatoren dagegen erkennen nur zwei an – die Taufe und die Kommunion, und selbst hier unterscheiden sie sich voneinander im Verständnis der Mysterien selbst. Die Baptisten indessen verletzten in Hinsicht auf das Mysterium der Taufe die Einheit nicht nur mit den römischen Katholiken, sondern sogar mit den Protestanten, den Reformatoren, von denen sie sich absonderten. Es gibt keine heiligen Mysterien – sagen sie. Die Taufe ist überhaupt kein Mysterium, weder ein heiliges noch ein unheiliges. “Weder die Taufe noch das Herrenmahl tragen sakramentale Bedeutung. Das sind Zeichen, die auf Christus hinweisen, auf das Ereignis am Kreuz und auf die Auferstehung”.
Weiterhin meinen sie, daß die Taufe nicht Bedingung für die Rettung sei, sondern gerade im Gegenteil, die Rettung sei Bedingung für die Taufe. Wir lassen uns nicht dafür taufen, um die Rettung durch die Taufe zu erlangen, sondern umgekehrt: da wir gerettet sind, lassen wir uns taufen, um damit den uns rettenden Glauben zu beweisen. Nach den Worten eines der hervorragendsten Polemisten der Anabaptisten im 16. Jh. ist die Taufe “das öffentliche Bekenntnis und Zeugnis des Glaubens, der in uns ist”. Zu behaupten, daß die Taufe Bedingung der Rettung sei, das bedeutet, eines der grundlegenden Prinzipien der Protestanten zu leugnen, nach welchem der Mensch allein durch den Glauben gerettet wird, nicht aber durch Werke. Nach Meinung der Baptisten muß man eine solche Behauptung als geistliches Verbrechen bezeichnen, denn in der baptistischen Auffassung bedeutet das, den Ruhm und die Größe Gottes herabzumindern… Der Mensch wird nach der baptistischen Auffassung allein durch den Glauben an die erlösenden Werke Christi gerettet… Nach ihrer Lehre ist die Reihenfolge der Rettung des Menschen folgende – zunächst die Predigt, dann der Glaube, die Buße, dann Taufe und schließlich die Werke… Doch wenn die Taufe auch nichts zur Sache unserer Rettung beiträgt und sie nicht ergänzt, ist sie nach der Lehre der Baptisten dennoch notwendig, denn der Heiland gebot sie eindeutig, und Er ist der Herr, und dem Herrn muß man gehorchen. Der Herr Jesus Christus empfing Selbst die Taufe, um uns ein Beispiel zu geben, was Gott-Vater vom Himmel auch bestätigte. Jesus gebot drei Dinge: die Predigt, d.h. die Rettung, darauf die Taufe und das Erlernen aller anderen Gebote – sagen die Baptisten.
Aufgrund alles oben gesagten wird der dritte Punkt der baptistischen Lehre offenbar: die Kindertaufe ist sinnlos. Die Baptisten wie auch alle anderen Sekten, die aus ihnen oder parallel zu ihnen entstanden, meinen, daß die Kindertaufe in vollem Widerspruch zum neutestamentlichen Charakter der Taufe steht. Deshalb verneinen die Baptisten jeglichen Sinn der Taufe all jener christlichen Gemeinschaften, die kleine Kinder taufen. In der Tat sind diese Gemeinschaften für die Baptisten nicht christlich, denn sie besitzen keine “biblische” Taufe. Die ersten Baptisten tauften sich deshalb selbst und nannten sich Baptisten oder “Täufer”, andere aber nannten sie Anabaptisten oder “Wiedertäufer”.
Die Baptisten führen vier Hauptgründe gegen die Kindertaufe an: 1.) selbst wenn der Mensch durch die Taufe irgendeine Sündenvergebung erhielte, so bedürfen Kinder derselben nicht, da sie keine Sünden haben. 2.) Christus sagt deutlich, daß die Apostel das Evangelium verkünden sollen, und aus der Zahl jener, die das Evangelium hören, werden die, die daran glauben und getauft werden, gerettet, die aber, die nicht glauben, werden verurteilt. Dies kann sich auf keinen Fall auf Kinder beziehen, weil diese nichts wissen. 3.) Die Apostel, die die Worte Christi richtig verstanden hatten, tauften niemals Kinder. Die Kindertaufe wurde erst von Origenes im Jahr 245 eingeführt. 4.) Durch die Taufe wird dem Kind Gewalt angetan. Sie ist eine Ungerechtigkeit für das Neugeborene, sie verleiht ein falsches Sicherheitsgefühl und hindert zweifellos das Kind daran, den Glauben anzunehmen, wenn es eine gewisse Reife erlangt.
Diese baptistischen Gründe gegen die Kindertaufe eigneten sich auch die Adventisten, Mormonen, Nazarener, Zeugen Jehovas und viele andere Sekten an.

Der orthodoxe Standpunkt
zu der sektiererischen Lehre

a) Rettung durch den Glauben allein
… Zweifellos wird der Mensch nicht ohne den Glauben an Gott gerettet und ohne den Glauben an die Erlösungstat Christi. Das sagt auch die Heilige Schrift: “Ohne Glauben kann niemand gottgefällig sein” (Hebr. 11,6). Und das ist selbst für den gesunden Menschenverstand offensichtlich. Doch ebenso nach dem gesunden Menschenverstand und nach der Hl. Schrift stimmt es, daß nur “der Glaube ohne Werke tot ist, so wie ein Körper ohne Seele”(Jak. 2,26).
Auch ist wahr, daß der Mensch selbst nichts für seine Erlösung tun kann, denn das Werk der Erlösung konnte nur der Gekreuzigte und Auferstandene Gottessohn vollbringen, und die Erlösung kann für uns einen praktischen Wert nur dann haben, wenn wir sie durch Glauben annehmen. Ohne dies, wenn wir die Erlösung nicht anerkennen, die Christus für uns vollbrachte, bleiben wir nach dem Gesetz der Gerechtigkeit außerhalb ihrer rettungbringenden Wirkung, wie ein Schuldner, der die Löschung der Schuld nicht anerkennen will, die durch einen Freund oder Verwandten getätigt wurde. Deshalb sagt der Apostel Paulus auch zu dem Gefängniswärter in Philippi: “Glaube an den Herrn Jesus Christus und du wirst gerettet werden und dein ganzes Haus”(Apg. 16,31). Allerdings ist dies nur eine kurze Antwort des Hl. Apostels Paulus auf die ihm gestellte Frage. Die geamte Wissenschaft des Apostels Paulus dagegen ist dieselbe wie die Christi, nämlich daß Gott jedem nach seinen Werken zuteil werden läßt (Röm. 2,6; Mt. 25, 31-46). Folglich reicht der Glaube allein nicht aus!
Auch ist es wahr, daß der Apostel Paulus in seinen Briefen häufig den Glauben unterstreicht und dabei jegliche Bedeutung der “Werke des Gesetzes” in Zweifel stellt. Vertiefen wir uns jedoch in die Bedeutung seiner Worte, so erkennen wir, daß hier die Rede von alttestamentlichen Werken ist, die vom Gesetz vorgeschrieben sind, nicht aber von der Erfüllung des moralischen Gesetzes. Durch diese “Gesetzeswerke” wird wirklich “nicht ein Leib vor Gott gerechtfertigt”(Gal. 2,16).
Folglich denken all jene unrecht, die meinen, daß der Mensch nichts zu seiner Rettung beitragen kann und muß. “Wir sind Mitarbeiter Gottes”(1. Kor. 6,1). Gott wünscht, daß wir eine positive Antwort geben, wenn die Gnade an unsere Herzen klopft (Apg. 3, 20). Und diese unsere Antwort ist unsere Teilnahme an der Rettung, unsere Einwilligung in die Rettung. Wenn deis so ist, dann ist es keine solches “geistliches Verbrechen”, wie die Baptisten meinen, zu glauben, daß die Werke des Menschen an seiner Rettung teilhaben. Wenn dies aber so ist, dann ist die Taufe, die nicht ohne persönliche Teilnahme des Menschen möglich ist, doch Voraussetzung für die Rettung. Sie könnte nur in dem Fall nicht Voraussetzung für seine Rettung sein, wenn unsere Rettung ausschließlich Sache Gottes wäre, wie das die Protestanten lehren. Doch wenn der Mensch, sei es auch nur nach dem Willen Gottes, doch an seiner Rettung teilnimmt, da Gott den Menschen nicht gezwungenermaßen rettet, dann entfällt auch die Behauptung, daß die Taufe nicht Voraussetzung für die Rettung ist.
Allein die Buße ohne Taufe bringt nicht die Frucht – die Vergebung der Sünden. Man muß also außer der Buße auch die Taufe empfangen zur Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes. Das heißt weiterhin, daß es keine Rettung ohne Taufe gibt. Deshalb sagt die Hl. Schrift auch, daß Christus uns “durch das Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Hl. Geist” (Tit. 3,5) gerettet hat. Und dies vollzieht Er durch das Mysterium der Taufe nicht aufgrund irgendwelcher Verdienste unsererseits, um derentwillen Er uns die uns erneuernde Gabe des Hl. Geistes geben müßte, sondern einfach aufgrund Seiner Barmherzigkeit und Liebe uns gegenüber. … Die Kirche als Ganzes, d.h. jedes ihrer Glieder hat Christus durch “das Bad im Wasser und das Wort” (Eph. 5,26) geheiligt und gereinigt.
Also nicht nur das gepredigt und im Glauben angenommene Wort, sondern dieses im Glauben aufgenommene Wort zusammen mit der Taufe bringt uns die Rettung. Die Taufe ist demnach doch die Bedingung zur Rettung: wir werden gerettet, weil wir würdig, wie es richtig ist, getauft wurden; wir werden aber nicht getauft, weil wir bereits davor gerettet wurden, wie das die Baptisten behaupten. Christus Selbst sagt: “Wer glaubt und sich taufen läßt, wird gerettet werden” – (Mk. 16, 16), nicht aber umgekehrt: “Wer durch den Glauben gerettet wird, wird getauft werden” – wie dies die Baptisten sagen.

Der reumütige Schächer

Wie aber gelangte der reumütige Schächer ins Paradies, ohne zuvor getauft zu werden? Heißt das, daß die Taufe doch nicht unabdingbare Bedingung für die Rettung ist?
Dies ist ein besonderer Fall, den Christus uns nicht zum Beispiel für jeden Christen machte. Es ist gut, Buße zu tun, aber nicht ist es gut, damit bis zum letzten Moment, also dem Moment am Kreuze zu warten. Gott schuf die Gesetze der Natur, um der Welt und der Natur eine Ordnung zu geben, nicht aber um Seine Macht einzugrenzen. Also kann Er auch entgegen den Gesetze der Natur Ausnahmen davon machen. Gott hat das Mysterium der Taufe nicht eingesetzt, um damit die Wirkung Seiner Macht zu beschränken; also ist Seine Barmherzigkeit und Seine Gnade nicht auf die Mysterien beschränkt. Wenn Er dies für nötig und nützlich erachtet, kann Er Seine Barmherzigkeit und Gnade in vielfältiger Weise auch außerhalb der von Ihm eingesetzten Mysterien zur Wirkung kommen lassen. So hat Er dies auch im Falle des reumütigen Schächers getan. Diese plötzliche Reue des Schächers stellt auf dem Gebiet der psychisch-moralischen Gesetze ebenso ein Wunder dar, wie die Auferweckung der Toten auf dem Gebiet der physisch-biologischen Gesetze.
Daß wir aber durch die Taufe gerettet werden, darüber besitzen wir ein ausgesprochenes Zeugnis der Heiligen Schrift. “Uns rettet die Taufe” – sagt der Apostel Petrus (1. Petr. 3-21), denn “uns hat Christus durch Seine Barmherzigkeit im Bad der Wiedergeburt und durch die Erneuerung des Heiligen Geistes gerettet”– wiederholen wir noch einmal die Worte des Apostels Paulus (Tit. 3,4-5).

 

Bote 1995, 1

Die Kindertaufe

In ihrer Taufpraxis stellt die Kirche nicht die Frage nach dem Alter derer, die zur Taufe kommen, seien es nun alte Menschen, Menschen reifen Alters, Heranwachsende oder Kinder, denn jeder bedarf der Taufe für seine Rettung. Der Ritus der Taufe jedoch und die dabei verwendeten Texte sind auf Erwachsene abgestimmt.
Die Taufe von Erwachsenen hat ihre bestimmten guten Seiten und Vorzüge gegenüber der Kindertaufe. In erster Linie ist ein Erwachsener imstande, bewußt diesen Ritus zu verfolgen. Jene Ordnung, die die Anabaptisten im 16. Jh. erstellten, gab es in der Kirche lange vor ihnen. Die Kirche predigte das Evangelium und bereitete die Katechumenen auf die Taufe vor. Zunächst also die Predigt oder Unterweisung, dann die Buße und der Glaube und der ausdrückliche Wunsch und schließlich die Taufe als Krönung des ganzen. Ohne vollbrachte Taufe, sei es durch Wasser und Geist, sei es durch das Blut, wäre die ganze vorausgehende Vorbereitung wie ein Zweig ohne Frucht.
Aus all dem folgt jedoch keineswegs, daß man Kinder nicht taufen soll. Wenn die Sektierer behaupten, daß es in der Hl. Schrift kein Gebot zur Kindertaufe gebe, so müssen wir sie fragen, wo in der Hl. Schrift ein Verbot der Kindertaufe steht. Denn solches besteht wahrlich nicht. Sondern es ist die Aufforderung gegeben, das Evangelium und die Taufe allen Menschen, also auch Kindern, entsprechend ihren Möglichkeiten und Fähigkeiten, zu verkünden.

Kinder sind zur Taufe fähig
Tatsächlich sind Kinder nicht fähig, das Evangelium zu hören und zu verstehen. Doch bedeutet das nicht, daß sie nicht fähig sind, Empfänger der Gnade Gottes zu sein. Die Gnade Gottes wirkt auf die Seele des Kindes in ihrer geheimnisvollen, uns unbekannten Weise und hinterläßt in der Seele des Kindes zweifellos Spuren und trägt Früchte. Kinder haben ihr eigenes religiöses Leben, das ihrem Entwicklungsstand entspricht. Und daß sie vom Heiligen Geist erfüllt sein können und daß sie zum Reich Gottes fähig sein können, davon haben wir unmittelbare Zeugnisse in der Hl. Schrift.
Der Heiland Selbst sagte: “Laßt Kinder zu Mir und hindert sie nicht, denn solchen gehört das Himmelreich”(Mt. 19, 14). Hier ist tatsächlich nichts über die Kindertaufe gesagt, wenigstens nicht unmittelbar. Christus sagte wirklich nicht: laßt sie zu mir kommen, damit ich sie taufe, oder tauft ihr sie. Aber Er sagte etwas, was für die Kindertaufe von großer Bedeutung ist. Nämlich Er sagte, daß diese Kinder fähig sind, Glieder des Himmelreichs, also Glieder der Kirche zu werden. Da Christus aber alle Menschen in Sein Reich ruft (Mt. 21, 9-10), ohne irgenwelche Begrenzungen hinsichtlich des Alters zu setzen, Kinder aber auch menschliche Wesen sind, so steht also die Kindertaufe nicht nur im Widerspruch zu irgendeinem Gebot des Evangeliums, sondern entspricht genau dem Geist des Evangeliums.
Kinder sind auch fähig, die Gnade des Heiligen Geistes zu empfangen. Die Bibel führt uns zwei Beispiele an, in denen Kinder noch vor der Geburt im Mutterleib vom Heiligen Geist erfüllt waren. Gott sagt vom Propheten Jeremias: “Bevor ich dich im Mutterleib schuf, kannte Ich dich, und bevor du aus dem Mutterleib hervorgingst, heiligte Ich dich; zum Propheten für die Völker setzte Ich dich ein”(Jer. 1, 5). Vom Hl. Johannes dem Vorläufer ist dies noch bestimmter gesagt: “Denn er wird groß vorm Herrn sein, er wird nicht Wein trinken und starkes Getränk, und noch im Leib seiner Mutter wird er vom Heiligen Geist erfüllt werden” (Lk. 1, 15). Es gibt also kein Verbot der Kindertaufe und genauso keinen Grund, den Kindern das Reich Gottes durch die Verwehrung der Taufe vorzuenthalten.

Kinder bedürfen der Taufe
Die Sektierer behaupten, Kinder bedürften der Taufe nicht, da sie von jeglicher Sünde frei seien. Dies ist in zweifacher Hinsicht falsch, sowohl vom Standpunkt der Sektierer als auch von dem der Orthodoxen. Die Sektierer lehren, daß der Mensch die Taufe annimmt, nachdem er durch die Gnade Gottes und die Buße schon von der Sünde gereinigt ist. Wenn aber ein Erwachsener als bereits Gereinigter die Taufe empfängt, warum soll man dies dann einem Kinde verwehren, welches ebenso rein und gerechtfertigt ist? Wenn die Taufe nur denen zugedacht ist, die die Gnade Gottes bereits durch die Buße und den Glauben an die Wahrhaftigkeit des Evangeliums gereinigt hat, warum soll man diese Ehre denen verwehren, die schon ohne besondere Wirkung der Gnade Gottes und der Buße rein sind? Ein solches Vorgehen befindet sich nicht in Übereinstimmung mit der Lehre der Sektierer über die Sündlosigkeit der kindlichen Seele. Warum verwehrt man einer reinen (Kinder-) Seele die Taufe, verlangt sie aber von der anderen reinen Seele (des reumütigen und geretteten Sünders)?
Von diesem Standpunkt aus betrachtet ist also die Argumentation der Baptisten nicht stichhaltig. Bleibt zu überprüfen, ob Kinder wirklich – wie die Baptisten behaupten – ohne jede Sünde sind. Zweifellos haben sie keine eigenen persönlichen Sünden. Aber sie sind der Erbsünde unterworfen. Die Baptisten wie auch andere Sektanten bezweifeln die Existenz der Erbsünde. Was sagt dazu die Bibel?
“Da durch einen Menschen die Sünde in die Welt kam und durch die Sünde der Tod, so ist der Tod auf alle Menschen übergegangen, denn sie alle haben gesündigt”(Röm. 5, 12). “Durch den Ungehorsam von einem sind viele zu Sündern geworden”(Röm. 5, 19). Die Hl. Schrift bezeugt, daß wir “der Natur nach dem Zorn Gottes unterlagen”, oder wie es in anderen Übersetzungen heißt: wir waren “der Natur nach Kinder des Zorns” (Eph. 2, 3).
Des Psalmist David war, wie wir ganz sicher wissen, Sohn des Jesej, in einer normalen gesegneten Ehe geboren, nicht in irgendeiner Straßenunzucht. Indessen sagt er über sich: “Siehe in Gesetzlosigkeit bin ich geboren, und in Sünden hat mich meine Mutter empfangen”(Ps. 50, 5). Weder nach dem Gesetz Gottes, noch in einem eventuellen volkstümlichen Verständnis der Juden stellen eheliche Beziehungen eine Sünde dar. Wie also wurde David in Gesetzlosigkeit geboren, und wie hat ihn seine Mutter in Sünde empfangen? Einzig und allein ist hier an die Sündhaftigkeit der menschlichen Natur gedacht, nach der wir “Kinder des Zorns” sind, und so werden wir mit jener urelterlichen Sündenlast geboren.
Die Sünde, die Adam beging, war seine persönliche Sünde, und niemand macht uns dafür verantwortlich. Da er jedoch die Quelle der gesamten Menschheit ist, und aus einer vergifteten Quelle ein vergifteter Fluß entspringt, sind wir alle von der Liebe zur Sünde angesteckt und vor dem Gesetz der göttlichen Gerechtigkeit “Kinder des Zorns” , und zwar “der Natur gemäß”, d.h. wir werden als solche geboren und erreichen diesen Status nicht irgendwann später, wenn wir bereits erwachsen sind und wir uns mit persönlichen Sünden belasten, die aus dieser zur Sünde neigenden und von der Sünde angesteckten Natur hervorquellen.
Schließlich wäre ohne das Vorhandensein der Erbsünde in unserer Natur als Quelle aller Sünden die Notwendigkeit unserer Erlösung nicht gegeben. Der Heiland hätte keinen ernsten Grund, um in diese Welt zu kommen und die menschliche Natur auf Sich zu nehmen.
Gerade die Protestanten betonen den Glauben an die Hl. Schrift. Also glauben wir ihr! Sie sagt, daß auch Kinder ungeachtet ihrer persönlichen Unschuld dennoch unter dem Gesetz der Sünde stehen. Demnach bedürfen auch sie der Taufe, um der Rettung willen.

Die Rolle der Taufpaten und Eltern
Die Rettung wird als Geschenk Gottes für den persönlichen Glauben gegeben – sagen die Baptisten. Die Hl. Schrift sagt: “Mittels des Glaubens seid ihr durch die Gnade gerettet, und das ist nicht von euch, – es ist Gottes Gabe”(Eph. 2, 8). Da man bei der Taufe den persönlichen Glauben bekennen muß, um die Rettung als Gabe Gottes zu empfangen, Kinder aber diesen persönlichen Glauben nicht besitzen, oder ihn, selbst wenn sie ihn besäßen, bekennen könnten, so kann die Taufe nach Meinung der Baptisten auf Kinder nicht angewendet werden.
Natürlich kann weder ein Kind noch ein Taubstummer den Glauben aussprechen, dennoch darf man ihnen deswegen nicht die Taufe verwehren. Den Wunsch nach der Taufe können die Eltern aussprechen. Das Bekenntnis des Glaubens können die Taufpaten abgeben, wobei sie sich gleichzeitig verpflichten, das Kind in der Wissenschaft des Evangeliums zu erziehen. Sicher ist es wichtig, daß der Mensch einen persönlichen Glauben besitzt. Doch Gott begrenzt Seine Möglichkeiten in keiner Weise. …Aus dem Evangelium wissen wir, daß Christus wegen des Glaubens anderer, hauptsächlich Angehöriger und Bekannter, Kranke heilte und sogar Tote auferweckte. Der Diener des Hauptmanns von Kapernaum wurde wegen des Glaubens seines Vorgesetzten geheilt (Mt. 8, 5-13). Die Tochter der Kananäerin aufgrund des Glaubens ihrer Mutter (Mt. 15, 22-28), die Tochter des Jairus wurde auf Bitten und wegen des Glaubens ihrer Eltern auferweckt (Mt. 9, 15-25), einem unglücklichen Vater heilte der Heiland den besessenen Sohn, obwohl jener keinen besonderen Glauben besaß, zumindest am Anfang (Mk. 9, 17-27).
Wenn Gott zuläßt, daß die Folgen der Sünde Adams selbst bis auf die millionste Generation seiner Nachfahren übergeht, wird Er dann etwa die Bitten eines Vaters oder einer Mutter unbeantwortet lassen, die darum bitten, daß ihrem Kind durch das Mysterium der Taufe die Befreiung von der Erbsünde und die Erneuerung durch den Heiligen Geist gewährt wird? Wir sahen bereits, daß der Hl. Geist auch auf einem kleinen Kind ruhen kann, wie es der Fall bei Jeremias oder Johannes dem Täufer war. Fügen wir noch den Fall des Samuel hinzu, der noch als kleines Kind im Tempel war (1. Sam. 3, 1-14). Erinnern wir uns auch daran, daß Gott die Erfüllung Seiner Anweisungen selbst von kleinen Kindern im Alter von acht Tagen erwartete, als Er befahl, daß jedes Kleinkind männlichen Geschlechts am achten Tag nach der Geburt beschnitten und am vierzigsten Tag dem Herrn im Tempel dargestellt werde.
Angesichts all dieser Tatsachen kann man keinen einzigen Grund gegen die Taufe von Kleinkindern nennen. Dieser Brauch ist nicht nur nicht unbiblisch, wofür ihn die Baptisten erklären, sondern er ist vollkommen im Sinne der Bibel, wenn es auch nirgends eine direkte Anweisung zur Taufe von Kindern gibt. Da es der Geist der Bibel verlangt, ist eine wörtliche Anweisung überhaupt nicht vonnöten: “Das Wort tötet, der Geist aber belebt” (2. Kor. 3, 6).
Wenn all dem so ist, so können auch die Eltern um die Taufe ihres Kindes bitten, und der Taufpate den Glauben für das Kind bekennen.

Haben die Apostel Kinder getauft?
Diese Frage beantworten die Baptisten entschieden und selbstsicher: Nein, sie tauften sie nicht. In der Heiligen Schrift ist nicht ein einziger solcher Fall verzeichnet.
Doch langsam! Es ist wirklich kein Fall beschrieben, in dem die Apostel Kinder tauften. Aber das muß noch nicht heißen, daß sie niemals und nirgends ein einziges Kind tauften. Vielleicht taten sie es, doch wurde es nicht beschrieben. Viele ihrer Handlungen wurden nicht niedergeschrieben oder beschrieben. Es wäre unsinnig zu behaupten, daß sich die gesamte missionarische Tätigkeit der Apostel darauf beschränkte, was der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte aufzeichnete.
Daß sie Erwachsene tauften, das ist natürlich und steht außer Zweifel. Kinder aber konnten sie gar nicht in größerem Ausmaß taufen, denn woher konnte ein Apostel das Recht nehmen, ohne Wissen und Einverständnis der Eltern fremde Kinder zu taufen! Wenn jedoch Eltern das Christentum annahmen und sich taufen ließen und darauf bestanden, daß die Apostel auch ihre Kinder tauften, konnten sich die Apostel etwa einem solchen Verlangen entziehen?
Nur wenn wir wenigstens ein solches Beispiel in der Bibel fänden, könnten wir mit Sicherheit behaupten, daß die Apostel keine Kinder tauften. Die Bibel jedoch gibt uns kein solches Beispiel.
Indessen sagt uns die Bibel etwas ganz anderes. Der Apostel Paulus taufte eine Frau aus Thyatyra namens Lydia “und ihr Haus”(Apg. 16, 14-16) und das “Haus Stephans” (1. Kor. 1, 16) und das Haus des Gefängniswärters in Philippi (Apg. 16, 30-39).
Aus der Hl. Schrift sehen wir nur, daß in diesen drei Fällen “das ganze Haus” getauft wurde, d.h. alle, die in dem Haus lebten. Waren hier nicht auch Kinder? Die Baptisten behaupten kategorisch, daß es in keinem dieser Häuser Kinder gab. Sie stützen sich dabei darauf, daß in der Hl. Schrift steht, daß der Hl. Apostel Paulus den Anwesenden zunächst das Wort Gottes erläuterte, und daß sie Glauben faßten und erst dann die Taufe empfingen.
Es ist unwahrscheinlich, daß in keinem der drei Häuser Kinder waren. Die Argumentation der Sektanten entbehrt der Schlüssigkeit. Die entgegengesetzte Annahme ist auf der Grundlage der Hl. Schrift wahrscheinlicher.

Seit wann verbreitete sich
der Brauch der Kindertaufe?
Tertullian aus Karthago (160-220) polemisierte gegen die Kindertaufe, Origenes dagegen setzte sich für sie ein. Das zeigt, daß die Kindertaufe zu ihrer Zeit bereits praktiziert wurde, und die Behauptung der Baptisten falsch ist, Origenes habe sie im Jahre 254 eingeführt.
Die Baptisten und andere Sektanten bestehen häufig auf dem Begriff der “biblischen Taufe”. Hierzu ist zu sagen, daß die Hl. Schrift an keiner Stelle genaue Angaben über den Vorgang der Taufe im Detail liefert. Vielmehr sind diese Angaben, die wir heute im Rituale, d.h. dem kirchlichen Buch, das die Praxis der kirchlichen Mysterien und Riten darlegt, finden, an vielen Stellen verstreut, und nur die Praxis der Apostel und der frühen Kirche geben uns darüber Auskunft, wie diese Hinweise von Anbeginn in der Kirche verstanden, angewandt und überliefert wurden.
Wenn wir von biblischer Taufe sprechen wollen, so dürfen wir sie in keiner Weise von der Hl. Überlieferung trennen, welche die Kirche als Erbe der Apostel bewahrt. Das Wesentliche an dieser Taufe sind folgenden Punkte: 1.) Sündenbekenntnis, und zwar nicht nur der Erbsünde, sondern ebenso der persönlichen Sünden, 2.) Absage an den Teufel und seine Werke, 3.) Positives und aufrichtiges Bekenntnis zum christlichen Glauben, sei es persönlich oder durch die Taufpaten, 4.) Dreimaliges Eintauchen in Wasser mit Aussprechen der im Evangelium überlieferten Taufformel: “Getauft wird der Knecht Gottes N.N. im Namen des Vaters – Amen, und im Namen des Sohnes – Amen, und im Namen des Heiligen Geistes – Amen”. Das sind die tragenden Elemente der biblischen Taufe, die die Orthodoxe Kirche vollständig besitzt, weshalb sie auch keinerlei Belehrungen seitens irgendwelcher Sektanten bedarf.

Das heilige Mysterium der Myronsalbung

Durch das heilige Mysterium der Myronsalbung erhält der Christ besondere Gaben des Heiligen Geistes, welche er für das Hineinwachsen in ein sittlichen Leben, in die Heiligkeit braucht. Dieses heilige Mysterium setzte Jesus Christus ein, und die Apostel wandten es über den Gläubigen nach deren Taufe an. Auch heute wird es in der Orthodoxen Kirche unmittelbar nach der Taufe vollzogen, und zwar als eigenes heiliges Mysterium, nicht als Bestandteil der Taufe. Sie wird durch einen Priester vollzogen, der dazu bestimmte Körperteile (Stirn, Augen, Nase, Ohren, Brust, Hände, Füße) mit Myron salbt und eine bestimmte Formel ausspricht: “Siegel des Heiligen Geistes”. Das heilige Myron kann nur von Bischöfen geweiht werden. Das geschieht bei der Hl. Liturgie am Großen Donnerstag. Es wird aus Öl, Wein und verschiedenen wohlriechenden Materialien hergestellt. Der jeweilige Bischof verteilt das Myron an die Gemeindepriester für die Darreichung des Mysteriums der Myronsalbung in ihrer Gemeinde.

Biblische Grundlage dieses heiligen Mysteriums
“Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu Mir und trinke! Wer an Mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht”. (Joh. 7, 37-39).
Wie wir sehen, kommentierte uns der Hl. Evangelist Johannes diese Verheißung des Heilands so, daß diejenigen, die dürsten werden, zu Christus kommen, um von Seiner Quelle zu trinken – d.h. die die Taufe empfangen und zu Gliedern Seiner Kirche werden – um den Heiligen Geist zu gegebener Zeit zu empfangen, wenn der Geist nach der Verherrlichung Christi herabkommt.
Kurz gesagt: neben und nach der Taufe besteht noch ein heiliger Ritus, durch welchen den Gläubigen die Gaben des Hl. Geistes vermittelt werden. So haben das die Apostel verstanden und so haben sie es auch angewandt. Hier sind die biblischen Zeugnisse:
“Als aber die Apostel in Jerusalem hörten, daß Samarien das Wort angenommen hatte, sandten sie zu ihnen Petrus und Johannes.
Die kamen hinab und beteten für sie, daß sie den heiligen Geist empfingen. Denn er war noch auf keinen von ihnen gefallen, sondern sie waren allein getauft auf den Namen des Herrn Jesus. Da legten sie die Hände auf sie, und sie empfingen den heiligen Geist”. (Apg. 8, 14-17).
Wie aus dem Text deutlich erkennbar ist, wurden die Samariter zuerst getauft. Allerdings erachteten die Apostel dies noch nicht als ausreichend für das wirkliche Hineinwachsen in den Glauben. Sie hielten es für notwendig, daß neben der Taufe “die Hände aufgelegt” wurden, damit sie den Heiligen Geist empfingen. Zweifellos stammte diese Handlungsweise nicht aus ihrer persönlichen Initiative. Sie mußten darin vom Heiland Selbst unterwiesen worden sein, wenn uns diese unmittelbare Belehrung auch nirgends in der Hl. Schrift überliefert wird. Daß diese Belehrung bestehen mußte, das geht allein aus der Tatsache hervor, daß die Apostel so verfuhren. Hier noch ein biblisches Beispiel, welches das Gleiche belegt.
“Es geschah aber, als Apollos in Korinth war, daß Paulus durch das Hochland zog und nach Ephesus kam und einige Jünger fand. Zu denen sprach er: Habt ihr den heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie sprachen zu ihm: Wir haben noch nie gehört, daß es einen heiligen Geist gibt. Und er fragte sie: Worauf seid ihr denn getauft? Sie antworteten: Auf die Taufe des Johannes. Paulus aber sprach: Johannes hat getauft mit der Taufe der Buße und dem Volk gesagt, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, nämlich an Jesus. Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus. Und als Paulus die Hände auf sie legte, kam der heilige Geist auf sie, und sie redeten in Zungen und weissagten”. (Apg. 19, 1-6).

Die Apostel erwähnen die Salbung
Zum Schutz der Gläubigen vor denen, die sie verführen wollten, also vor den damaligen Sektanten und Häretikern, schrieb der Apostel Johannes: “Doch ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und habt alle das Wissen”. “Und die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, bleibt in euch, und ihr habt nicht nötig, daß euch jemand lehrt; sondern, wie euch Seine Salbung alles lehrt, so ist’s wahr und ist keine Lüge, und wie sie euch gelehrt hat, so bleibt in ihm”. (1. Joh. 2, 20; 27).
Auch der Apostel Paulus erwähnt die Salbung in Verbindung mit dem Empfang der Gabe des Heiligen Geistes, wenn er an die Korinther schreibt: “Gott ist’s aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt und versiegelt und in unsere Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat” (2. Kor. 1, 21-22).
Es ist völlig einleuchtend, daß die Apostel das Wort “Salbung” hier im Sinne der inneren unsichtbaren Wirkung des Heiligen Geistes auf die Seele des Gesalbten benutzen. Doch ist es natürlich, die Frage zu stellen, warum sie diese geistliche Wirkung als Salbung bezeichnen. Beinhaltet dieser Ausdruck vielleicht auch eine äußere Handlung, die als sichtbares Zeichen der Salbung durch den Geist dient, wie man die Taufe als “Bad” bezeichnete wegen des äußeren Zeichens dieses Mysteriums, d.h. wegen des Untertauchens im Wasser? Dieser Gedanke ist völlig logisch und wahrscheinlich, und daraus kann man schließen, daß die Apostel auf die Neugetauften nicht nur “die Hände auflegten”, sondern daß sie sie salbten oder daß sie diese Art des Vollzugs des Mysteriums den Bischöfen und Priestern überließen, vorausgesetzt, natürlich, daß zuvor bestimmte Gebete gelesen wurden, wie das die Apostel auch selbst taten (Apg. 8, 15).
All diese Elemente gibt es in der Orthodoxen Kirche von der Zeit der Apostel her, wofür man nicht nur Stellen aus der Heiligen Schrift, sondern ebenso aus der frühchristlichen Literatur und aus den Werken der Heiligen Väter anführen kann.

Standpunkt der Sektanten

Bereits die ersten Reformatoren verwarfen das Mysterium der Myronsalbung mit der Behauptung, dieses entbehre der Grundlage in der Heiligen Schrift und sei neben der Taufe überhaupt nicht notwendig. Diese Meinung der ersten Reformatoren hat sich bei allen protestantischen Sekten durchgesetzt.
Vom orthodoxen Standpunkt ist dazu zu sagen: a) Es ist nicht richtig, daß das Mysterium der Myronsalbung der biblischen Grundlage entbehrt. Aus den oben angeführten Zitaten ist deutlich zu ersehen, daß sie auf der Heiligen Schrift beruht. b) Es stimmt nicht, daß dieses heilige Mysterium neben der Taufe nicht notwendig sei. Wenn die Apostel sie vollzogen, und aus der Hl. Schrift ist unzweifelhaft erkenntlich, daß sie dies taten, so bedeutet das, daß die Apostel sie für notwendig erachteten. Und das heißt weiterhin, daß die Sektierer eine Meinung vertreten, die der Hl. Schrift widerspricht. c) Die Gaben des Hl. Geistes sind nicht materieller Natur, wie irgendwelche Geschenke, die wir sehen können. Die Wirkung des Hl. Geistes ist genauso unsichtbar wie Er Selbst. Aber die Früchte dieser Gaben sind vielfach in der Seele frommer Christen und an deren Leben zu sehen und zu verspüren und im Falle von Heiligen sind sie geradezu anzufassen. Wenn es aber Christen gibt, die auch nach Empfang dieses heiligen Mysteriums in verschiedene Sünden verfallen, so zeugt das nur davon, daß die Gnade niemals den Menschen zwingt, sondern uns nur hilft, in Christus hineinzuwachsen. Stimmte im übrigen der Vorwurf der Baptisten, so würde er sich auch auf ihre Taufe beziehen. Wie zeigen sich denn die Gaben des Heiligen Geistes auf ihren Gläubigen nach der Taufe? Fortsetzung folgt

Das Heilige Mysterium der Kommunion (Eucharistie)

Schon die ersten Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin reduzierten die Zahl der Sakramente auf zwei: die Taufe und die Kommunion, oder wie sie es nennen “Das Abendmahl oder Herrenmahl”, was tatsächlich ihrer Lehre von diesem Sakrament mehr entspricht. Sie haben deisem heiligen Mysterium eben eine solche Auslegung verliehen, die man eigentlich gar nicht auf die Kommunion anwenden kann, noch kann man das im Protestantismus als Kommunion bezeichnen. Der Unterschied zwischen der lutherisch-zwinglischen-calvnistischen Auffassung einerseits und er orthodoxen (und sogar römisch-katholischen) andererseits ist ein wesenshafter.
Nach der Lehre der alten apostolischen Kirche, welche sowohl in der Orthodoxen als auch in der römisch-kathollischen Kirche bewahrt wurde, verwandelt sich Brot und Wein, die beid er hl. Liturgie geweieht werden, in den wahren Leib und das wahre Blut Christi. Tatsächlich bestehen auch zwischen der orthodoxen und der römisch-katholischen Auffassung über die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi gewisse Unterschiede, die jedoch eher liturgischen als dogmatischen Charakters sind. Die römischen Katholiken glauben nämlich, daß sich Brot und Wein in jenem Moment der Messe in Leib und Blut Christi verwandeln, wenn der Priester die Worte Christi zitiert: “nehmet, esset, dies ist Mein Leib”. Die Orthodoxen indessen glauben, daß sich die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi vollzieht, während der Priester, nachdem er die Worte Christi: “nehmet, esset…” gesprochen hat, sich im Gebet (nach dem Text der Liturgie des Hl. Basilios d. Gr und des Hl. Johannes Chrysostomos) an Gott Vater wendet mit der Bitte, daß Er den Hl. Geist sende, damit dieser die Verwandlung vollziehe. Diese liturgischen Worte lauten: “Eingedenk also dieses erlösenden Gebotes (d.h. daß wir die Hl. Liturgie als Erinnerung Christi vollziehen, Lk.. 22, 19) und all dessen, was für uns geschehen ist, des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Auffahrt in die Himmel, des Sitzens zur Rechten, der zweiten und neuen Wiederkehr in Herrlichkeit - bringen wir Dir das Deine vom Deineigen dar gemäß allem und für alles”.
“Auch bringen wir Dir diesen geistigen und nublutigen Gottesdienst dar und rufen und bitten und flehen zu Dir: Sende Deinen Heiligen Geist herab auf uns und auf diese Heiligen Gaben”. – Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib Deines Christus. – Und was in diesem Kelche ist, zum kostbaren Blut Deines Christus. – Sie verwandelnd durch Deinen Heiligen Geist”.
Milin S. 319 unten.

 

Bote 1995, 3

Das heilige Sakrament
der Kommunion (Eucharistie)

Schon die ersten Reformatoren Luther, Zwingli, Calvin reduzierten die Zahl der Sakramente auf zwei, nämlich die Taufe und die Kommunion, oder wie sie sie nannten “das Herrenmahl”, was auch ihrer Lehre von diesem Sakrament mehr entspricht. Sie verliehen nämlich diesem heiligen Sakrament eine solche Erklärung, die gerade auf die Kommunion überhaupt nicht zutrifft; ja man kann das im Protestantismus nicht als Kommunion bezeichnen. (s. hierzu Anmerkung in “Bote” 2/94, die Red.). Der Unterschied zwischen dem lutehrisch-zwinglisch-calvinistischen Verständnin einerseits und dem orthodoxen (und römisch-katholischem) andererseits ist wesenhaft.
Nach der Lehre der alten apostolischen Kirche, welche sowohl bei den Orthodoxen als auch den Katholiken bewahrt wurde, verwandet sich Brot und Wein, welche bei der Liturgie geweiht werden, in den wahren Leib und das wahre Blut Christi. Allerdings besteht ein Unterschied im Glauben der Orthodoxen und der Katholiken hinsichtlich der Wandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi aber diese Unterschiede sind nicht so sehr dogmatischer als vielmehr liturgischer Art. Die Katholiken glauben nämlich, daß Brot und Wein genau in dem Moment der Messe in Leib und Blut Christi verwandelt werden, wenn der Priester die Worte Christi zitiert: “nehmet, esset, dies ist Mein Leib”. Die Orthodoxen dagegen glauben, daß sich die Wandlung des Brotes und Weins in Leib und Blut dann ereignet, wenn der Priester, nachdem er die Worte Christi “nehmet, esset…” ausgesprochen hat, sich (nach dem Text der Liturgie des Hl. Basilius d. Gr. und des Hl. Johanens Chrysostomos) mit dem Gebet an Gott Vater wendet, daß Er den Heiligen Geist schickt, damit Dieser die Wandlung vollziehe. Diese liturgischen Worte lauten:
“Eingedenk also dieses erlösenden Gebotes (d.h. daß wir die hl Liturgie im Angedenken Christi feiern, Lk. 22, 19) und all dessen, was für uns geschehen ist, des Kreuzes, des Grabes, der Auferstehung am dritten Tage, der Auffahrt in die Himmel, des Sitzens zur Rechten, der zweiten und neuen Wiederkehr in Herrlichkeit. – Das Deine (Deine Gaben) vom Deinigen bringen wir Dir dar gemäß allem und für alles”.
“Auch bringen wir Dir diesen geistigen und unblutigen Gottesdienst dar und rufen und bitten und flehen zu Dir: Sende Deinen Heiligen Geist herab auf uns und auf diese Heiligen Gaben. – Und mache dieses Brot zum kostbaren Leib Deines Christus.– Und was in diesem Kelche ist, zum kostbaren Blut Deines Christus.– Sie verwandelnd durch Deinen Heiligen Geist”.
Ein anderer Unterschied zwischen Orthodoxen und den römischen Katholiken besteht darin, daß die römisch-katholischen Priester ihren Gläubigen nur unter einer Gestalt die Kommunion reichen, während die orthodoxen Gläubigen die Kommunion unter beiden Gestalten erhalten, d.h. sowohl Leib als auch Blut Christi. Ihren Glauben an die Wirklichkeit von Leib und Blut Christi in der Kommunion bringen die orthodoxen Gläubigen durch ein Gebet vor der Hl. Kommunion zum Ausdruck, in welchem auch die folgenden Worte stehen: “Ich glaube auch, daß dies selbst Dein allreiner Leib und dies selbst Dein allreines Blut ist”.
Viele Protestanten, von den ersten Reformatoren bis hin zu den letzten Sektanten lehnen diesen Glauben ab. Sie glauben nicht an die Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi, weshalb auch keine Rede von Kommunion sein kann, sondern lediglich vom “Herrenmahl”, d.h. von der Erinnerung an das letzte Mahl Christi mit Seinen Jüngern vor Seiner Kreuzigung.
Aber auch unter den Protestanten , d.h. bereits am Anfang unter den Reformatoren, bestand ein gewisser Unterschied in der Auffassung vom “Herrenmahl”. Luther steht dem orthodoxen Verständnis am nächsten. Nach ihm gibt es zwar keine Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut Christi, aber er glaubte und lehrte, daß Christus in Brot und Wein real leiblich anwesend ist. Die Gläubigen empfangen Leib und Blut Christi im Brot, mit dem Brot und unter Brot und Wein. Demnach gibt es keine “Transsubstantiation” (Wandlung), sondern man kann von einer “Konsubstantiation” (Vereinigung der Substanzen) sprechen.
Nach Zwinglis Lehre gibt es auch keine Konsubstantiation, von der Luther spricht, sondern die Eucharistie ist lediglich ein Zeichen der Erinnerung an Leib und Blut Christi. Brot und Wein sind nur Symbole für Leib und Blut Christi, und der gesamte Ritus ist einfach eine Erinnerung an das letzte Abendmahl Christi. Das ist alles. In dieser Frage entzweiten sich Luther und Zwingli endgültig, obwohl die beiden im Herbst 1529 in Marburg eine Begegnung hatten, mit dem Ziel die reformatorischen Kräfte gegen den römischen Katholizismus zu vereinigen.
Calvin nahm in der Frage der Kommunion eine mittlere Position zwischen Luther und Zwingli ein. Er zweifelte die Lehre Luthers an, derzufolge Christus real im Brot, unter Brot und mit dem Brot anwesend ist, da der menschliche Leib Christi im Himmel beim Vater ist. Ebenso zweifelte er jedoch auch die Lehre Zwinglis an, die besagt, daß Brot und Wein lediglich Zeichen der Erinnerung und Symbol des Leibes und Blutes Christi seien, denn in diesem Brot und Wein befindet sich Christus doch, nur nicht real wie Luther lehrte, sondern lediglich virtuell. D.h. aus dem Leib Christi, der sich im Himmel befindet, ergießt sich eine gewisse Kraft in die Seele des Gläubigen, wenn er die Eucharistie empfängt.
Die protestantischen Sektanten übernehmen gewöhnlich eine dieser drei reformatorischen Theorien; häufiger die von Zwingli, oder noch die Calvinsche, eher als die Luthers. Von der orthodoxen Auffassung, daß es der wahre Leib und das wahre Blut Christi ist, kann bei den Sektanten gar keine Rede sein. Dies verwerfen sie als Aberglauben.
An der Frage der Kommunion legen die Sektanten und überhaupt die Protestanten ihre Prüfung ab. Es ist ja bekannt, daß das protestantische Prinzip lautet: “sola scriptura”. D.h. allein die Hl. Schrift ist die einzige Quelle des Glaubens. Zu glauben ist nur das, was die Hl. Schrift sagt. Das wenden sie leicht an, wenn die Alternative gestellt wird: Hl. Schrift oder Hl. Überlieferung. Das zweite lehnen sie, wie bekannt, sofort ab.
Wird jedoch die Alternative anders gestellt, nämlich: Hl. Schrift oder menschlicher Verstand, was ist dann anzunehmen? In der Frage der Kommunion wird gerade diese Frage in ihrer ganzen Schärfe gestellt. Denn die Hl. Schrift eröffnet uns viele himmlische Geheimnisse, die die Kraft unseres menschlichen Verstandes übersteigen. Da ist z.B. das Geheimnis der Hl. Dreieinigkeit, das Geheimnis der Vereinigung der Göttlichen und menschlichen Natur in der einen und einzigartigen Person unseres Herrn Jesus Christus, das Geheimnis der Himmelfahrt und viele andere. Den Höhepunkt aller biblischen Geheimnisse jedoch, der – brutal gesagt – unserem menschlichen Verstand und Gefühl widerspricht, stellt das Geheimnis der Eucharistie dar. Kein Mensch kann sich rühmen, daß er mit seinem Verstand etwas derartiges versteht und begreift. Schauen wir nur im Evangelium, wie die Menschen reagierten, als sie zum ersten Mal die Verheißung Christi hörten, daß Er dieses Sakrament einsetzen würde.
Jesus sprach zu den Juden: “ Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon ißt, nicht sterbe. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Und dieses Brot ist Mein Fleisch, das Ich geben werde für das Leben der Welt.… Dies ist das Brot, das vom Himmel gekommen ist. Es ist nicht wie bei den Vätern, die gegessen haben und gestorben sind. Wer dies Brot ißt, der wird leben in Ewigkeit. Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte. Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?… Von da an wandten sich viele seiner Jünger ab und gingen hinfort nicht mehr mit ihm. Da fragte Jesus die Zwölf: Wollt ihr auch weggehen? Da antwortete ihm Simon Petrus: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens” (Joh. 6,48-68).

Erfüllung der Verheißung

Die zwölf Apostel haben doch lange darüber nachgedacht, was diese wunderbarenm Worte ihres Lehrers bedeuten, um derentwillen Ihn viele verurteilten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß auch sie bei sich dachten: wie können wir Seinen Leib essen und Sein Blut trinken?
Beim Letzten Abendmahl Christi, bevor Er gefangen genommen wurde, antwortete der Heiland ihnen auf diese geheime Frage. “Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach’s und gab’s den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden” (Mt. 26, 26-28). “Das tut zu meinem Gedächtnis. (Lk. 22,19).
Diese selben Worte Christi führt auch der Apostel Paulus an, der ja gerade bei dem Letzten Abendmahl Christi nicht anwesend war, der aber behauptet, daß er diese Worte vom Herrn erhielt, und fügt hinzu:”Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis Er kommt” (1.Kor. 11,23-26).

Die Bedeutung der Worte Christi

Diese Worte Christi verstanden die Juden, die sie hörten, wörtlich, was an ihrer Verwunderung zu erkennen ist: wie kann dieser uns seinen Leib zu essen geben? Christus macht ihnen keinen Vorwurf wegen ihres Irrtums, weil sie Ihn falsch verstanden hätten. Im Gegenteil, Er wiederholt Seine Worte mit dem Ausruf: “wahrlich, wahrlich, ich sage euch”. Folglich sprach Christus diese Worte nicht in irgendeinem übertragenen Sinne aus, sondern Er überzeugt seine Hörer, daß sie Ihn richtig verstanden haben, mag dies auch seltsam und unverständlich klingen.
Genauso wußte Christus, daß Seine Jünger ob einer solchen Rede ungehalten sind, und doch versucht Er nicht, sich auf irgendwelche rationalistische Positionen zurückzuziehen, indem Er all dies in übertragenem Sinn erklären würde. Er läßt sogar eher zu, daß Ihn viele Seiner Jünger wegen einer so “harten Rede” verlassen, als daß Er sie mit einem nachträglichen Sinn erleichtern würde. Die einzige Erklärung und gewissermaßen Erleichterung des Sinnes dieser Worte über das Essen Seines Leibes und das Trinken Seines Blutes gibt Er Seinen Jüngern beim Letzten Abendmahl, indem Er ihnen zeigt, in welcher Form sie Seinen Leib essen und Sein Blut trinken werden: in Gestalt von Brot und Wein. Aber auch dabei spricht Er hierüber derart klar und genau, daß Er auch nicht einen Schatten von Zweifel am wörtlichen Sinn Seiner Worte läßt. Er sagte nicht: “Dies ist das Symbol Meines Leibes und Meines Blutes”, wie Zwingli und viele andere Sektierer denken. Auch sagte Er nicht: “In diesem Brot und in diesem Wein bin Ich virtuell zugegen”, wie Calvin lehrt. Er sagte selbst nicht einmal diese Worte Luthers: “In diesem Brot und Wein, unter diesem Brot und Wein, mit diesem Brot und Wein bin Ich real anwesend”. Nein, selbst das nicht. Sondern Er sagt einfach: “Dies ist Mein Leib” und “Dies ist Mein Blut”.
Und weiter erklärt Er nichts: wie und auf welche Weise dieser Wein und dieses Brot Sein Blut und Sein Leib ist. Er erklärt es nicht, und keiner Seiner Jünger und kein anderer Mensch könnte mit seinem Verstand ein solches Geheimnis begreifen. An dieser Frage stellt Er Seine Jünger und Seine Gläubigen vor das Dilemma: entweder glaubt ihr eurem Verstand und euren Gefühlen, oder aber Mir, eurem Gott und Herrn. Einen dritten Weg gibt es nicht!
Dies ist ein großes und tiefes Geheimnis. Tiefer als jeglicher Abgrund. Tiefer sogar als der Weltraum, vor dem unser Verstand auch betroffen und verstört steht. Das Geheimnis ist zwiefach: wie das Brot zum Leib und der Wein zum Blut wird, und zweitens: wie Christus dadurch nicht geteilt und nicht vermehrt wird, sondern jedes auch geringstes Teilchen der ganze Christus ist und jeder Kommunikant denselben Christus empfängt, Der sowohl im Himmel zur Rechten des Vaters sitzt,und in jedem Teilchen der Eucharistie und in allen die die Kommunion empfangen, und dabei wird Er nicht geteilt und nicht vermehrt, sondern Er ist ganz in jedem Seiner gläubigen Kommunikanten.
Das Geheimnis ist wirklich ein zwiefaches, und in jedem Fall derart tiefes, daß es keinerlei Erklärung gibt. Es ist klar, d.h. stellt kein Geheimnis dar, nur für Gott und nur für Ihn allein. Für jeglichen anderen Geist bleibt es ein Geheimnis, wenn dieser Geist nur gläubig ist, oder es ist ein Absurdum und Widersinn, wenn dieser Geist ungläubig ist.
So also breitet sich vor unserem Verstand ein tiefes Geheimnis aus, das an ein Absurdum grenzt. Andererseits aber steht vor unserem Verstand und unseren Gefühlen der Auferstandene Christus, der Gott und Herrm Der mit Seiner Göttlichen Autorität von der Wahrhaftigkeit dieses Geheimnisses zeugt. Und welcher menschliche Verstand und welches menschliche Gefühl kann sich so deutlichen Worten und einem so klaren Zeugnis Gottes widersetzen?

Orthodoxe Unvernunft

Im Dilemma, das derart scharf gestellt wird: Widersinn oder wirklicher Leib und Blut Christi, stellt sich der orthodoxe Verstand auf die Seite der letzteren Behauptung. Die Kommunion ist kein Wahnsinn, sondern der wahre Leib und das wahre Blut Christi. Was sind aber die Ursachen für eine derart gewagte Entscheidung?
Die Gründe sind zwiefach: natürlicher und übernatürlicher Art. Der natürliche Grund für eine solche Definition liegt in der Tatsache, daß der menschliche Verstand beschränkt ist und schon in seiner Natur auf ähnliche Geheimnisse stößt, die er nicht erklären kann, die er aber dennoch animmt, obwohl sie unerklärlich sind.
Der Verstand eines reifen Menschen ist doch größer und mächtiger als der eines Kindes. Es gibt viele Annahmen und Behauptungen, die dem kindlichen Verstand überhaupt unklar sind und von ihm als wahrer Wahnsinn empfunden werden, während sie für den erwachsenen Menschen völlig klar sind… Die höhere Mathematik ist einem Mathematker völlig klar. Anderen Menschen dagegen erscheint sie als undurchdringliches Geheimnis…
Ein Physikprofessor kann uns erklären, daß wir Sonnenenergie essen, die in Weizen und Wein verwandelt ist. Mit der gleichen Energie, die in Kohle und Öl verwandelt ist, heizen und reisen wird. Ebenso trinken wir sie in verschiedenen Traubensäften…
Wenn Gott die Sonnenenergie in Weizen und Weintrauben verwandeln konnte, damit ich mich von ihnen nähren und auf der Erde leben kann, warum sollte Er dann nicht Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln können, damit die Menschen, die sich davon nähren, das ewige Leben erhalten?
Ähnlicher Beispiele könnten wir viele anführen… Doch für uns Orthodoxe hat der übernatürliche Grund für den Glauben an das heilige Mysterium der Kommunion eine weitaus größere Kraft. Das ist, wie wir bereits sagten, das zweifellose und deutliche Zeugnis Christi. Er verwandelte Wasser in Wein (Joh. 2, 1–11). Wenn Er folglich als Gott sagt, daß das geweihte Brot Sein Leib ist und der geweihte Wein Sein Blut, dann ist dies auch so. Für denjenigen, der sich für einen Christen hält und für jemanden, der an Christus glaubt, gibt es hier keinerlei Zweifel oder Flucht vor Seiner Behauptung. Darin liegt eben gerade die Sünde der Sektanten, daß sie die so deutlich und entschieden ausgesprochene Erklärung Christi hinsichtlich des ewigen Lebens und der Rettung zu umgehen versuchen, und sie besudeln, indem sie sie auf eine einfache Erinnerung herabwürdigen.
… Eine solche Auffassung widerspricht nicht der menschlichen Freiheit und Würde… Christus zwang niemals irgendjemanden, Sein Nachfolger zu werden. Das betrifft insbesondere den vorliegenden Fall, als Er von Seinem Leib und Seinem Blut als himmlischem Brot sprach, welches für das ewige Leben unerläßlich ist. Als Er sah, daß Ihn viele deshalb verließen, wandte Er Sich auch an die Zwölf Apostel mit der Frage: “wollt ihr nicht auch gehen?” Wie er jene nicht aufhielt, die gingen, so hindert Er auch diese nicht, wenn sie Ihn verlassen wollen…Er lenkt lediglich die Menschen und ruft sie auf, damit sie sehen, was Er vollbringt, und hören, was Er lehrt. Und das ist alles. “Wer Ohren hat zu hören, der höre” (Mt. 11, 15) – dies war eine Aufforderung, die Er häufig wiederholte.

Die Eucharistie als Opfer

Nun gibt es noch ein Geheimnis in Verbindung mit der Eucharistie und Kommunion. Als der Heiland beim Letzten Abendmahl Brot und Wein segnete und es Seinen Schülern als Seinen Leib und Sein Blut gab, fügte Er auch die Worte hinzu: “tut dies zu Meinem Gedenken” (Lk. 22, 19). Zweifellos ist dies ein deutliches und unmittelbares Gebot zur Wiederholung dieses heiligen Mysteriums. Da dieses Gebot nicht allen Nachfolgern Christi gegeben wurde, sondern nur den Aposteln und ihren rechtmäßigen Erben, folgt daraus, daß dieses heilige Mysterium nicht jeder beliebige Mensch vollziehen kann, sondern nur diejenigen, die rechtmäßig geweiht sind und von den Aposteln diese Macht erhalten haben, die ihnen Christus verlieh. Da die Sektanten kein wahres Priestertum apostolischen Ursprungs besitzen, können sie auch keine wahre Kommunion besitzen, selbst wenn sie daran glauben würden, daß sich Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Da sie dies aber nicht glauben, kann bei ihnen wahrlich keine Rede von Kommunion sein, sondern lediglich von einem Brauch, der sie an das Letzte Abendmahl Christi erinnert, und diesen Brauch nennen sie daher auch nicht Kommunion, sondern “Herrenmahl”. Da jedoch Christus den Aposteln sagte: tut dies zu Meinem Gedenken, bedeutet dieser ganze Brauch eben auch nichts anderes, als das Gedenken an das Letzte Abendmahl.
Die Orthodoxe Kirche glaubt seit der Zeit der Apostel, daß das heilige Sakrament der Eucharistie nicht nur ein gewöhnliches Gedenken an das Letzte Abendmahl Christi ist, sondern da hier Brot und Wein zu wahrem Leib und Blut Christi verwandelt werden, ist die Eucharistie nicht nur ein Gedenken, sondern das wahre Opfer, das Gott für die Menschen dargebracht wird. Es ist tatsächlich das gleiche Opfer, wie jenes, welches am Kreuz dargebracht wurde, denn dabei wird dasselbe “Lamm” auf dem Opfertisch in der Kirche dargebracht wie auch in Golgatha, denn das Brot und der Wein werden nach den Worten Christi in den wahren Leib und das wahre Blut Christi verwandelt, wie wir früher sagten. Es ist derselbe Leib und dasselbe Blut in der Eucharistie wie auf Golgatha. Derselbe Hohepriester–Christus, Der Sich als Opfer in Golgatha darbrachte, vollzieht dasselbe Geheimnis auch in der Eucharistie. Der Unterschied liegt nur in der Art. Auf Golgatha brachte der Herr das Opfer für Gott sichtbar dar, während er es in der Eucharistie unter der Gestalt von Brot und Wein tut. Dort brachte Er das Opfer Selbst unmittelbar dar, hier aber mittelbar durch Seine kirchlichen Hirten. Beim Opfer auf Golgatha wurde Blut vergossen, dieses Opfer dagegen ist unblutig. Das Opfer von Golgatha wurde um des Gesetzes der Göttlichen Gerechtigkeit willen dargebracht, die Eucharistie dagegen um der Barmherzigkeit Gottes willen gegenüber den menschlichen Sünden, für die sie dargebracht wird. Auf Golgatha wurde das Opfer nur einmal dargebracht, in der Eucharistie dagegen wird es immer bis zur Zweiten Wiederkehr Christi dargebracht, wie die Schrift sagt: “Wenn ihr dieses Brot eßt und diesen Kelch trinkt, verkündet den Tod der Herrn – bis Er wiederkehrt” (1. Kor. 11, 26).
Diese Worte aus der Hl. Schrift dienen gerade als biblische Bestätigung des kirchlichen Glaubens daran, daß die Eucharistie nicht nur ein Gedächtnis an das Letzte Abendmahl Christi ist, sondern “die Verkündigung des Todes des Herrn”, und zwar bis zur Zweiten Wiederkehr Christi. Und diese Worte schrieb der Hl. Apostel Paulus nieder, der bezeugt, daß er sie vom Herrn Selbst empfing und sie so der Kirche weitergab (1. Kor. 11, 23).
Außerdem vergleicht er das Sakrament der Eucharistie mit der alttestamentlichen Opferhandlung (Hebr. 13, 10) und sogar mit den heidnischen Opfern (1. Kor. 10, 18), wobei er natürlich den Unterschied zwischen dem christlichen und dem heidnischen Opfer hervorhebt. Indem er jedoch das christliche Opfer dem heidnischen und jüdischen gegenüberstellt, hält er dadurch eben auch die Eucharistie für ein Opfer, und zwar für das einzige wahre und gottgefällige und rettungbringende. Schließlich prophezeit sogar der Prophet Malachias im Alten Testament das reine Opfer, welches Gott an jedem Platz vom Osten bis zum Westen der Sonne dargebracht wird (Mal. 1, 11).

Christentum ohne Eucharistie

Der Heiland verhieß Seinen Jüngern, daß Er bis zum Ende der Welt mit ihnen sein wird, wie wir im Evangelium lesen (Mt. 28, 20). Außerdem versprach Er, daß Er ihnen Seinen Leib und Sein Blut als notwendige Nahrung zum ewigen Leben geben wird (Joh. 6, 51-55).
Auf welche geheimnisvolle Weise Christus bis zum Ende der Zeiten mit Seinen Jüngern und deren rechtmäßigen Nachfolgern sein wird, das ist ein Geheimnis Seiner Göttlichen Vorsehung. Seine Anwesenheit in Seiner Kirche ist doch nicht nur etwas symbolisches, sondern wirklich reales, buchstäbliches. Und die Kommunion, die Er Seinen Gläubigen versprach, ist eine der Formen der Anwesenheit Christi in Seiner Kirche und in jedem einzelnen Gläubigen, wie Er auch sagte: “Wer Meinen Leib ißt und Mein Blut trinkt, bleibt in Mir und Ich in ihm” (Joh. 6, 55).
Deshalb ist das Christentum ohne wahre Eucharistie dasselbe wie Christentum ohne Christus – eine schöne Fassade, dem Wesen nach aber eine leere Hülle. An dieser Frage zeigt das Sektierertum sein wahres Gesicht. Erinnern wir uns nochmals daran, wie sich die Menschen gegenüber Christus verhielten, als sie Seine Verheißung hörten, daß Er ihnen Seinen Leib und Sein Blut als himmlische Speise gibt. Die einen verließen ihn, da sie nicht imstande waren, dieses Geheimnis zu verstehen. Es war für sie “harte Speise” (Joh. 6, 60-65). Sie folgten ihrem Verstand und lehnten die so geheimnisvolle Verheißung Christi ab, die ihnen als Widersinn erschien. Die zwölf Apostel Christi jedoch, die sich wohl nikcht vorstellen konnten, wie dieses Essen Seines Leibes und trinken Seines Blutes aussehen wird, blieben dennoch bei Ihm, da sie glaubten, daß Er Worte des Lebens besaß (Joh. 6, 67-68).
… Die Sektanten wollen nicht offen zugeben, daß sie sich von Christus lossagen, aber sie meinen, daß Christus die Worte von Seinem Leib und Seinem Blut nicht ernsthaft sprach, sondern nur als einem Symbol jenes Letzten Abendmahls, das Er mit Seinen Jüngern einnahm. Dies ist die Meinung vieler Sektanten. Also ein Christentum ohne Christus!

 

Bote 1995, 4

Der Stoff für die Kommunion

In Zusammenhang mit dem heiligen Sakrament der Kommunion steht auch die Frage nach der Materie, die dafür benutzt wird. Die Kirche benutzte für die Kommunion von altersher mit Sauerteig vermischtes Weizenbrot, also richtiges Brot, und Traubenwein, d.h. wirklichen Wein, der gegoren hat, alkoholischen. Dieser Brauch nimmt seinen Ursprung bereits von Christus, Der das Sakrament der Eucharistie mit gesäuertem Brot und richtigem Wein einsetzte. Alle Evangelisten sagen bei der Beschreibung des Momentes der Einsetzung des Sakraments der Eucharistie, daß der Herr Brot, auf Griechisch “artos”, segnete. Dieses Wort umschreibt ausschließlich gesäuertes Brot (Brot aus Sauerteig), nicht aber ungesäuertes, welches im Griechischen als “azyma” bezeichnet wird. Dieser alte apostolische Brauch wurde im 9. Jh. im Westen verloren, als man gesäuertes Brot für die Eucharistie durch ungesäuertes ersetzte. Im Laufe der Zeit nahm die römische Kirche diesen Brauch an und benutzte, wie sie dies bis zum heutigen Tage tut, ungesäuertes Brot, die Hostie. Nach dem Vorbild der römischen Katholiken verfahren auch einige Protestanten, d.h. einige der protestantischen Sekten, wie z.B. die Adventisten, die für das “Herrenmahl” ungesäuertes Brot verwenden. Dazu fügten die Adventisten noch eine Besonderheit hinzu: Sie verwenden keinen Wein, sondern Most, süßen Traubensaft.
Die Kirche hat weder in der Heiligen Schrift noch in der heiligen Überlieferung irgendwelche Gründe dafür gefunden, diesen von Christus und den Aposteln ererbten Brauch der Verwendung von Weizenbrot und gegärtem Wein aus Weintrauben für die Eucharistie zu verändern. Die Kirche gründet ihre Praxis auf folgende Tatsachen.
1.) Wo auch immer in der Heiligen Schrift die Rede von der Eucharistie ist, überall wird der Begriff “artos” verwendet, was gesäuertes Brot bedeutet (Mt. 26, 26; Mk. 14, 22; Lk. 24, 30; Apg. 2, 42; 7, 20; 1. Kor. 10, 16; 11, 23-26).
2.) Die Juden aßen ungesäuertes Brot nur zum Passah-Fest, Christus wurde aber am Freitag vor Passah gekreuzigt, die in jenem Jahr auf den Sonnabend fiel. Folglich fand Sein Abendmahl nicht mit ungesäuertem Brot statt, sondern mit gesäuertem, also mit “artos”, wie dies die Evangelisten deutlich behaupten (Mt. 27, 62; Mk. 15, 42; Lk. 23, 54; Jo. 15, 14 u. 31). Daß jener Freitag, an dem Christus gekreuzigt wurde, vor Passah war, wird dadurch bezeugt, daß die Juden eine solche Sache nicht am Passah-Tag selbst getan hätten; weiterhin dadurch, daß Simon von Kyrene von der Arbeit zurückkehrte (Lk. 23, 26), und davon zeugen deutlich auch die Evangelisten (Mt. 26, 2; Jo. 18, 28).
Was aber die Verwendung von Wein oder Most für die Kommunion betrifft, so muß man sagen, daß weder die eine noch die andere Praxis eine klare Begründung in der Heiligen Schrift besitzt. Wo immer in der Heiligen Schrift von der Eucharistie gesprochen wird, (Mt. 26, 27; Mk. 14, 23; Lk. 22, 17-20; 1. Kor. 10, 16; 11, 25-26), wird immer das Wort “Kelch” angewendet. Daß aber in dem Kelch ein Getränk war, und zwar eben aus der “Art des Weines” oder aus “Traubenart”, das sehen wir aus dem weiteren Text des Evangeliums (Lk. 22, 18; Mt. 26, 29; Mk. 14, 25).
Nirgends ist jedoch genau gesagt, ob es gegärter Wein oder Most war. Folglich kann sowohl die orthodoxe als auch die adventistische Praxis lediglich durch die Überlieferung begründet werden. Das aber bedeutet, daß die orthodoxe Praxis in diesem Fall eine weitaus größere Beweiskraft hinter sich hat, als die der Adventisten. Zunächst besitzen die Adventisten gemäß ihrem protestantischen Prinzip “sola scriptura”, d.h. daß sie sich nur an die Heilige Schrift halten ohne die heilige Überlieferung, keinerlei moralisches Recht, sich auf irgendeine Überlieferung zu berufen, denn sie führen ihre Beweise “nur durch die Schrift”. Die Schrift aber besagt nicht, daß es Saft (Most) war. Zweitens, selbst wenn die Adventisten damit einverstanden wären, etwas mit der Überlieferung zu begründen, so kann diese ihre Überlieferung nicht älter sein als ihre Vereinigung, diese aber entstand erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts!
Die orthodoxe kirchliche Praxis geht auf die Zeit der Apostel zurück. Sicherlich wußten die Apostel, ob sie aus dem Kelch, den Jesus segnete, Wein tranken oder Saft. Die Überlieferung besagt schon seit der Zeit der Apostel, daß es richtiger Wein war.
Da schließlich die Sektierer nicht daran glauben, daß die Kommunion Leib und Blut des Herrn ist und da bei ihnen dieses Sakrament nicht von einer dazu bevollmächtigten Person vollzogen wird, denn Christus verlieh dieses Recht und diese Pflicht nur Seinen Aposteln und deren rechtmäßigen Nachfolgern, so ist für die Sektierer völlig gleichgültig, ob für das “Herrenmahl” Wein oder Saft benutzt wird. Da weder das eine noch das andere das Blut Christi ist, kann bei ihnen diese ganze Frage auf eine Sache des Geschmacks zurückgeführt werden.

Das heilige Sakrament der Buße
Die Heilige Schrift sagt, und die Erfahrung bestätigt dies, daß der Mensch ein sündenliebendes Wesen ist. “Wenn wir sagen, wir hätten keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und in uns ist keine Wahrheit” (1. Jo. 1, 8). Der Mensch kann auch nach der Taufe in Sünde verfallen (Gal. 6, 1). Gott, Der “wünscht, daß alle Menschen gerettet werden” (1. Tim. 2, 4), und daß niemand umkommt, sondern daß alle zur Reue gelangen” (2. Petr. 3, 9), setzte eben mit diesem Ziel das Sakrament der Buße ein. Der Heiland kam, um die Sünder zur Buße zu rufen.
Dieses Sakrament besteht darin, daß man seine Sünden erkennt, zugibt, aufrichtige Reue und Zerknirschung darüber empfindet, denn Gott verwirft ein zerknirschtes Herz nicht (Ps. 50, 1), und offen seine Sünden ausspricht, zugibt, vor einem Priester beichtet.
Schon die Seele des Sünders selbst flößt ihm ein, daß er seine Sünde jemandem anvertrauen sollte, und anvertrauen soll man sie demjenigen, der die Macht hat, davon loszusprechen. Diese Macht gehört in jedem Falle Gott. Folglich tut ein reumütiger Mensch vor Gott Buße. Und wenn man beichtet, so beichtet man vor dem allwissenden Gott. Doch Gott gefiel es, daß der Mensch um des vollständigen Eingestehens seiner Sünde willen nicht bei dem inneren Eingestehen verharrt, sondern daß er auch äußerlich zeigt und beweist, daß er wirklich bereut. Wer gebeichtet hat, weiß, daß man wesentlich mehr psychische Anstrengung unternehmen muß, um offen seine Sünden vor dem Priester zu bekennen, als nur in der Seele unmittelbar Gott zu beichten. Und je schwerer dieses Eingeständnis ist, desto größere Erleichterung bringt es dem Menschen im Gegensatz zu einer inneren Buße. Eben deshalb setzte der Heiland das heilige Sakrament der Buße ein, als Er Seinen Aposteln und durch sie auch deren rechtmäßigen Nachfolgern sagte: “Was ihr auf Erden binden werdet, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, das wird auch im Himmel gelöst sein” (Mt. 18, 18). Dieses den Aposteln gegebene Versprechen löste der Herr nach der Auferstehung ein, als Er Seinen Jüngern erschien und sprach: “Friede sei mit euch! Gleichwie der Vater Mich gesandt hat, so sende ich euch.” (Jo. 20, 21-22).
Damit die Apostel natürlich wissen konnten, welche Sünden sie lösen sollten und welche binden, war es nötig, daß der Büßende ihnen seine Sünden mitteilte. Danach spricht der Priester nach vernünftiger Überlegung die Entlassungsformel: “Unser Herr und Gott Jesus Christus möge dir, mein Kind, durch Seine Gnade und Menschenliebe alle deine Versündigungen vergeben. Und ich unwürdiger Priester spreche dich durch die mir verliehene Macht von allen deinen Sünden los, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes”. Sind die Sünden jedoch solcher Art, daß das Lossprechungsgebet nicht sogleich gesprochen werden kann, bestimmt der Priester dem Büßenden eine Epitemie, die keinen bürokratisch-rechtlichen Charakter trägt, sondern vielmehr heilend-pädagogischen, berichtigenden, und wenn jener sie in Demut trägt, so erhält er dann die Lossprechung.
Eine solche Praxis erbte die Kirche noch von den Aposteln. Wie die alttestamentlichen Propheten die Sünder zur Reue aufriefen (Joel 2, 12-13), wie dies auch der Hl. Johannes der Täufer tat (Mt. 3, 2; Mk. 1, 4-5), so predigten auch die Apostel die Buße: “Tut Buße und bekehret euch, daß eure Sünden getilgt werden” (Apg. 3, 19). Diese tröstende Wahrheit lehrte der Heiland durch Sein gesamtes Evangelium, und besonders durch das Gleichnis vom Zöllner und Pharisäer und das Gleichnis vom ungehorsamen Sohn. Und wie im Evangelium vermerkt ist, daß zu Johannes an den Jordan die Bewohner von Jerusalem kamen und “ihre Sünden bekannten” (Mk. 1, 5), so steht auch geschrieben, daß “viele von denen, die gläubig geworden waren, (zum Apostel Paulus) kamen und bekannten und verkündeten, was sie getrieben hatten” (Apg. 19, 18).
Folglich stellt die Negierung des heiligen Mysteriums der Buße durch die Protestanten und Sektierer eine Auflehnung gegen die Heilige Schrift dar, von welcher die Sektierer behaupten, sie sei die einzige Quelle des Glaubens, daß sie all das glauben, was in der Heiligen Schrift geschrieben steht.

Das heilige Mysterium des Priestertums
Die protestantischen Reformatoren und in der Folge auch alle protestantischen Sekten lehnen auch dieses Mysterium ab, ohne welches die Kirche als sichtbare Gemeinschaft der Gläubigen, die durch den einen Glauben an Christus als den Heiland verbunden sind, undenkbar ist. Als wir früher von der Kirche Christi sprachen, führten wir Zitate aus der Heiligen Schrift an, die davon zeugen, daß der Heiland Seine Kirche als sichtbare Gemeinschaft gründete und sie Seinen Aposteln anvertraute, nachdem Er ihnen versprochen hatte, daß Er bis zum Ende der Welt mit ihnen sein wird.
Seinen Aposteln verlieh Er bestimmte Rechte und Pflichten, welche Er den übrigen Gläubigen nicht anvertraute. Sie sendet Er zur Predigt des Evangeliums, und nicht alle Gläubigen. Ihnen verleiht Er die Macht, daß das, was sie auf der Erde lösen, im Himmel gelöst sein wird, und das, was sie auf Erden binden, auch im Himmel gebunden sein wird – ihnen, und nicht jedem Gläubigen (Mt. 16, 13-19; Mt. 18, 15-18; Mt. 28, 18-20; Lk. 22, 19; Lk. 10, 16; Jo. 20, 21-23). Ihnen sagt Er: “Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich; wer aber mich verachtet, der verachtet den, der mich gesandt hat” (Lk. 10, 16). Daraus geht ganz deutlich hervor, daß Christus Seine Jünger im Verhältnis zu den übrigen Gläubigen als etwas besonderes hervorhebt. Als Er nach der Auferstehung Seinen Jüngern am See Genezareth erschien und dabei den Apostel Petrus überzeugte, daß ihm die Sünde der dreimaligen Verleugnung erlassen ist (Mt. 26, 57–75; 14, 53–72; Lk. 22, 54–72; Jo. 18, 17–27) und daß er auch weiterhin Apostel sein kann, spricht Er zu ihm: “Weide Meine Lämmer”…”Weide Meine Schafe” (Jo. 21, 15-17). Petrus werden also der Zweifel und die Frage, ob er nach seiner furchtbaren Verleugnung weiterhin Apostel Christi ist, nicht weiter quälen. Christus verzeiht ihm diese Sünde und führt ihn sogar formal in den Ruf eines Apostels zurück und gibt ihm die Macht, “die Schafe und Lämmer” zu weiden und zu behüten. Folglich bedeutet die Stellung des Apostels nicht das gleiche wie die Stellung eines einfachen Gläubigen. Ein Apostel ist ein Hirte der Herde Christi, der von Christus Selbst zu dieser Aufgabe berufen ist. So sagt die Heilige Schrift.
Weiterhin bezeugt uns die Heilige Schrift, daß die Apostel unter Gebet ihre Hände auf ihre Gehilfen und Stellvertreter legten, auf die Priester, die “der Heilige Geist zu Bischöfen einsetzte, zu weiden die Gemeinde Gottes, welche er duch sein eigen Blut erworben hat” (Apg. 20, 28). Der Apostel Paulus setzte Timotheus und Titus durch Handauflegung mit Gebet als Bischöfe ein. Er trug ihnen auch auf, die Gabe des Priestertums auf die gleiche Weise an andere Personen weiterzugeben, und Timotheus gebot er, die in ihm befindliche Gabe Gottes warm zu halten, die er empfangen hatte, als der Apostel ihm die Hände aufgelegt hatte (1. Tim. 5,22; 2. Tim. 1, 6; Tit. 1,5).
Daraus ist deutlich erkennbar, daß das Priestertum ein heiliges Sakrament ist, welches durch Gebet und Handauflegung weitergegeben wird, und daß es in der Kirche Christi von Anfang an besteht bis zum heutigen Tag und nach dem Vermächtnis des Heilands bis zu Seiner zweiten Wiederkehr bestehen wird. Folglich steht die Ablehnung des Mysteriums des Priestertums durch die Sektierer in unmittelbarem und scharfem Gegensatz zur Heiligen Schrift und führt zur Zerstörung der Kirche als sichtbarer Gemeinschaft, die durch Christus Selbst gegründet wurde.

 

Bote 1995, 6

Die Gründe der Sektierer
Für ihre Ablehnung gegenüber dem heiligen Mysterium der Priesterweihe berufen sich die Sektierer auf die Heilige Schrift. Dies ist ihr Beweis: Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Christus Jesus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung (1.Tim. 2, 5-6).
Wenn nur Christus Mittler zwischen Gott und den Menschen ist, dann ist die Hierarchie nicht nötig, überflüssig – sagen die Sektierer.
Zu diesem Urteil der Sektierer haben wir schon unsere Antwort gegeben, als wir sagten, daß Christus tatsächlich der einige Mittler zwischen Gott und den Menschen ist in dem Sinne, daß Er der Einzige Erlöser des Menschengeschlechts ist, der Einzige, der durch Sein Kreuzesopfer das Menschengeschlecht vor dem unausweichlichen Gericht der ewigen göttlichen Gerechtigkeit erlöste, das einzige Wesen, durch dessen Opfervermittlung die Menschheit die Erlösung erlangte und der einzige Name unter dem Himmel, durch den wir gerettet werden können. Kein anderer, weder Engel noch Mensch, konnte die Rettung erwirken, und deshalb kann wirklich niemand außer Christus ein besserer oder ebensolcher Mittler zwischen Gott und den Menschen sein.
Wenn wir jedoch von den Priestern sprechen, so kann niemand behaupten, daß wir die Priester als Mittler zwischen Gott und den Menschen in diesem Sinne ansehen. Wenn wir schon das Wort “Mittler” für den Priester anwenden wollen, so ist er ein solcher lediglich als eine von Christus über die Apostel bevollmächtigte Person für die Evangelisation, um die “Herde Christi zu weiden” und ein bewußtes Mittel zu sein, durch das die Güte Gottes und die Menschenliebe den Gläubigen die Gnade mitteilt, so wie das der Wille Christi war, der eben so das Mysterium des Priestertums einsetzte, wie dies oben an den Worten der Heiligen Schrift bewiesen wurde.
Eine andere Begründung, die die Protestanten anführen und in ihrer Folge alle Sektierer, die aus der Reformation entstanden, beruht auf den folgenden Worten der Heiligen Schrift:
Der Hl. Johannes der Theologe sagt in der Offenbarung über Christus, daß Er der treue Zeuge und Erstgeborene von den Toten und Herr über die Könige auf Erden ist. Der, der uns liebt und erlöst hat von unseren Sünden mit seinem Blut und hat uns zu Königen und Priestern gemacht vor Gott, seinem Vater (Offb. 1,5–6; 6, 10; 20, 6).
Der Apostel Petrus unterweist in seinem Sendschreiben die Christen, daß sie sich selbst einrichten zum geistlichen Hause und zur heiligen Priesterschaft, zu opfern geistliche Opfer, die Gott angenehm sind durch Jesus Christus (1. Petr. 2, 5).
Folglich besteht kein besonderes Priestertum als Hierarchie, sondern alle stellen das “heilige Priestertum”, das “königliche Priestertum” dar.

Orthodoxe Bewertung
Diese Auslegung der Sektierer ist äußerst oberflächlich und steht im Widerspruch sowohl zu den oben angeführten Zitaten aus der Heiligen Schrift, die klar und unzweideutig erkennen lassen, daß Christus die Hierarchie Seiner Kirche Selbst begründete, als auch zur Praxis der Sekten selbst.
Vor allem stammen diese Worte von den Hll. Aposteln Petrus und Johannes, von denen man nicht annehmen kann, daß sie nicht wußten, welche Macht sie von Christus erhalten hatten, denn es ist bekannt, daß sie diese Macht auch anwandten: Sie predigten, tauften, vollzogen das heilige Sakrament der Eucharistie, legten den Neugetauften die Hände auf, beteten für die anwesenden Gläubigen und leiteten die Kirche. All das stellt also ihre hierarchische Funktion in der Kirche dar, die sie ihren Nachfolgern durch Handauflegung und Gebet weitergaben, und daher kann man nicht annehmen, daß sie durch diese Worte alles, was sie durch Vollmacht und Anleitung Christi Selbst taten, verneinten.
Was aber bedeutet das allgemeine Priestertum, von dem beide Apostel schreiben? Das bedeutet, daß die Christen das Volk Gottes sind. Das Volk ohne Rücksicht auf Nationalität, das durch das hohepriesterliche Opfer der Heilands erlöst wurde, und im Vergleich zu anderen Menschen sind sie erhabener vor Gott, als Könige und Priester Gottes. Hier ist besonders zu beachten, daß der Verfasser der Offenbarung hier vom künftigen Zeitalter nach der Auferstehung spricht, was besonders deutlich im 20. Kapitel, Vers 6 ausgedrückt ist: Selig ist der und heilig, der teilhat an der ersten Auferstehung. Über solche hat der zweite Tod keine Macht; sondern sie werden Priester Gottes und Christi sein und mit ihm regieren tausend Jahre. Es ist klar, daß es nach der Auferstehung Christi und nicht vor der Auferstehung Priester geben wird. Und da sie selig sein werden, unterweist auch der Apostel Petrus die Christen, daß sie so leben sollen, daß sie sich zu einem “geistlichen Haus, zur heiligen Priesterschaft” erbauen, damit sie bei der allgemeinen Auferstehung diese Stufe der Seligkeit erreichen, von welcher der Hl. Johannes in seiner Offenbarung spricht, und bis dahin sollen sie so heilig und getrennt von den anderen Menschen leben, die nicht zur Kirche gehören, daß sie auserwählt und getrennt von den Nichtchristen und überhaupt von den Sündern sind, wie das Volk Israel sich von den anderen Völkern abhob, das “ein Königreich von Priestern und ein heilig Volk” genannt wurde (Ex. 2, 19); oder wie das Priestertum Aarons über die übrigen Stämme Israels hervorgehoben war. Und wie sehr es über die übrigen Söhne Israels erhoben war, zeigt sich an den schweren Strafen Gottes, die Korach, Datan und Abiran ereilten, die sich selbst eigenmächtig zu Priestern auszurufen versuchten und sich die Rechte aneignen wollten, die Gott allein Aaron und den übrigen Priestern verliehen hatte. So sagt die Bibel.
Korach, Datan, Abiran und Avian und mit ihnen 250 Menschen: Sie scharten sich gegen Moses und Aaron zusammen und sprachen zu ihnen: “Genug mit euch! Denn die Gesamtgemeinde, alle miteinander, sind heilig, und in ihrer Mitte ist der Herr! Warum erhebt ihr euch über des Herrn Gemeinde?” Wie wir sehen, ist die Parallele vollständig: Das ganze israelische Volk ist heilig, “königliches Priestertum”, und dennoch wollte Gott den Stamm Levi für Seinen Dienst ausgesondert haben. Der ganze Stamm Levi war Gott zu Seinem Dienst geweiht (die anderen Stämme wagten nicht die Bundeslade mit dem Gesetz zu tragen), aber trotzdem gab es inmitten seiner einen besonderen Priesterrang. Korach, Datan und Abiran waren Aaron nicht gleichwertig (Numeri 16,1-11).
So auch im Neuen Testament. Alle Christen sind Priester dem allgemeinen Priestertum nach, wie wir das früher erklärten, und dennoch gibt es bei all dem eine besondere Hierarchie. Daher ist die Einstellung der Sektierer zum Priestertum tatsächlich die gleiche wie die von Korach, Datan und Abiran in Hinsicht auf das alttestamentliche Priestertum. Und die Bibel besagt, daß diese alttestamentlichen “Reformatoren” des Priestertums eine furchtbare Strafe Gottes erlebten (Num. 16, 19-35).
Folglich stellt die Infragestellung des heiligen Mysteriums des Priestertums und die ungesetzliche Aneignung des Priesteramtes nicht nur ein falsches Verständnis und eine falsche Auslegung der Heiligen Schrift dar, sondern es ist sogar eine Sünde vor Gott, und zwar eine furchtbare Sünde. Aus der Kirchengeschichte ersehen wir eine wunderbare Tatsache: Es gab eine zahllose Menge verschiedener Sekten und Häretiker. Zeitweilig erreichten sie solche Macht und Verbreitung, daß sie sogar die Kirche blutig verfolgten. Diese ihre Kraft dauerte mitunter sehr lange an, wenn wir die Zeit nach menschlichen Maßstäben berechnen, doch danach verschwand diese Sekte und löste sich auf, “sie wurde von der Erde verschlungen”, obwohl ihre Gründer mit der Behauptung auftraten, daß sie von Gott gesandt waren. Wird das auch mit den heutigen Sekten geschehen? – Die Zukunft kennt nur Gott Allein.

Die Praxis der Sekten
Die tägliche Praxis vieler Sekten widerspricht ihrer Ablehnung des Priestertums. Es ist unmöglich, irgendeine Vereinigung, sei es religiöser oder politischer Art, ohne Anführer zu organisieren. Das Märchen von der allgemeinen Gleichheit aller Mitglieder gehört in das Gebiet der Agitationen, an die nur die allernaivsten Träumer glauben, während die dickköpfige Realität fordert, daß derjenige, der leitet, immer höher steht, als der, der geleitet wird. Diese natürliche Regel können selbst die Sektierer nicht umgehen, ungeachtet ihrer Erzählungen – die angeblich auf dem Wort Gottes beruhen – , nach welchem angeblich alle gleich sind, wir alle Priester und Könige sind. Dabei besitzen sie ihre Hierarchie, die sie lediglich nicht so nennen, und unterwerfen sich dieser, und dazu wie gefügig! Sie hat das Recht, sogar ungehorsame Mitglieder auszuschließen, wodurch häufig Spaltungen der Sekten entstehen.
In welchem Maße die Kirche eine Hierarchie benötigt, das zeigt beredt der Fall der Gesellschaft der Mormonen. Da sie keine Hierarchie besaßen, die auf Christus und die Apostel zurückzuführen war, gründeten sie ihre neue Hierarchie, und behaupteten, daß nur ihr das Recht auf die religiöse Führung der Gläubigen zustehe.
Grundsätzlich haben sie recht. Ihr Fehler liegt darin, daß die Behauptung Smiths, nach der es keine richtige kirchliche Hierarchie mehr gebe, die auf Christus zurückgeht, unrichtig ist; diese ihre Hierarchie, “die neue Hierarchie”, geht nicht auf Christus zurückgeht, Smith und sein Freund Cowdry tauften sich gegenseitig zunächst selbst und weihten sich dann – sie verliehen einander das, was keiner von ihnen besaß!
Etwas ähnliches geschah auch mit dem ersten Begründer der baptistischen Sekte in Amerika, Roger Williamson. Er war zunächst anglikanischer Priester, dann verließ er diese Kirche, ging nach Amerika, stieß mit den dortigen Puritanern in Fragen der Kirchenpolitik zusammen, denn er vertrat im Gegensatz zu den Puritanern die scharfe Trennung von Kirche und Staat und predigte bereits in jener Zeit (30-er Jahre des 17. Jh.) “das Prinzip der Koexistenz und der Zusammenarbeit ohne Rücksicht auf religiöse und politische Überzeugung und Ausrichtung”. Wegen solcher seiner Predigten mußte er große Leiden auf sich nehmen. Da er jedoch zu der baptistischen Überzeugung gelangte, daß seine in der Kindheit empfangene Taufe nicht wirksam ist, in der Nähe aber keinen Baptisten fand, der ihn hätte “biblisch” taufen können, entschloß er sich dazu, zunächst seinen Freund Hesekiel Heliman “biblisch” zu taufen, wonach Heliman ihn dann taufte. In der Folge jedoch wuchsen in ihm Zweifel hinsichtlich dieser seiner Taufe, da er die Taufe von einem Ungetauften empfangen hatte. Seine Zweifel waren völlig angebracht. So verhält es sich auch mit den “Priestern” der religiösen Vereinigung der Mormonen, sowie anderer sektiererischer Gruppierungen, welche jemand “weiht”, der selbst kein Priester ist.
Entlohnung der Priester

Schließlich gibt es Sektierer, wie etwa häufig die Nazarener es taten, die die orthodoxen Priester deshalb verurteilen, weil sie von ihrem Priesteramt leben, und nicht von der Arbeit ihrer Hände, wie deren Prediger, die oft Handwerker oder Bauern waren. Sie behaupten, die materielle Unterstützung der Priester widerspreche der Heiligen Schrift. Sie führten sogar das Beispiel des Hl. Apostels Paulus an, der neben der Predigt des Evangeliums in seinem Beruf tätig war (Apg. 18, 3) und der davon bei seinem Abschied von den Christen in Ephesus deutlich spricht:
“Denn ihr wißt selber, daß mir diese Hände zum Unterhalt gedient haben für mich und die, die mit mir gewesen sind (Apg. 20, 34). Ähnlich schreibt er auch an die Thessalonicher: “Ihr erinnert euch doch, liebe Brüder, unserer Arbeit und unserer Mühe; denn Tag und Nacht arbeiteten wir, daß wir niemand unter euch beschwerlich wären, und predigten unter euch das Evangelium Gottes (1. Thes. 2, 9).
So muß jeder Priester arbeiten wie es der Apostel Paulus tat und wie es ihre Prediger tun, sprachen die Nazarener und andere Sektierer zu den Orthodoxen. Darin schlossen sich ihnen auch verschiedene politische Agitatoren im 19. Jh. an, die behaupteten, der Priester tue nichts, sondern nutze nur den arbeitenden Menschen aus.
Ein solches Urteil kann sehr wirksam sein, weil die Menschen am empfindlichsten sind, wenn man von der Tasche und Bezahlung spricht. Wenn man indessen dieses ganze Problem realistisch betrachtet, so erweist sich, daß dieses Urteil mitnichten gerechtfertigt ist und sogar mit der Heiligen Schrift im Widerspruch steht.
Erstens stimmt es nicht, daß der Priester nirgends und nie produktive physische Arbeit leistet. Wenn und wo dies möglich ist, leisten Priester produktive physische Arbeit, und zeitweilig werden sie von den äußeren Umständen sogar dazu gezwungen, sich damit zu beschäftigen. In vielen Dörfern können die Bienenstöcke, Gärten, Weinberge und Felder der Priester den Bauern geradezu als Vorbild dienen. Ebenso die Klosterwirtschaft. Es gibt jedoch viel mehr Fälle, in denen die pastorale Tätigkeit derart anstrengend ist und soviel körperliche Anspannung und Zeitaufwand verlangt, daß der Priester einfach physisch nicht in der Lage ist, neben den pastoralen Verpflichtungen noch irgendwelche körperliche Arbeit auf sich zu nehmen. Bedingt durch die geographische Lage muß der Priester oft riesige Gebiete durchreisen, um die geistlichen und physischen Nöte seiner Gemeindeglieder zu befrieden. Nach der einfachsten menschlichen Logik verdient er seinen Lohn, es sei denn jemand meint, der Priester solle vor Hunger und Kälte bei seiner Arbeit sterben. Ist eine solche Auffassung etwa menschlich? Widerspricht das etwa dem Grundsatz der Arbeit? Kann man etwa als Arbeiter nur denjenigen bezeichnen, der für die wirtschaftliche Produktivität arbeitet? Wenn dem so ist, was sollen wir dann mit der Kunst anfangen, mit der Wissenschaft, Philosophie, Politik, Ideologie, Verwaltung und allen anderen Arten von wirtschaftlich unproduktiver Arbeit? Warum hat das Urteil über diese Art von Belohnung des Priesters neben aller seiner Effektivität keinerlei objektiven Wert? Weil das die allergewöhnlichste Demagogie ist.
Zweitens arbeitete der Apostel Paulus tatsächlich in seinem Beruf und predigte gleichzeitig. Und dies war wirklich bei seiner apostolischen Tätigkeit sehr nützlich. Er forderte von niemandem etwas. Aber es steht nirgends geschrieben, daß er von niemandem etwas annahm, wenn man ihm etwas gab. Außerdem befand er sich in einer solchen Lage, daß er nicht einmal etwas von irgend jemandem fordern konnte. Als Missionar kam er an viele Stellen zum ersten Mal! Wie konnte er sofort bei der ersten Begegnung etwas von den Menschen fordern?
Drittens forderte der Apostel tatsächlich von niemandem etwas, aber nicht weil er meinte, daß der Priester kein Recht habe, einen Lohn zu empfangen, sondern weil er selbst in einer solchen Lage war, daß er sich selbst durch seine Berufstätigkeit ernähren konnte. Aber er war sich völlig dessen bewußt, daß er ein Recht auf eine materielle Unterstützung hatte. Er machte von dieser Macht und diesem Recht lediglich deshalb keinen Gebrauch, “daß wir nicht dem Evangelium Christi ein Hindernis bereiten” (1. Kor. 9, 12).
Als vierten Grund, der in dieser Frage der allerwichtigste ist, hören wir, was dazu die Heilige Schrift selbst sagt, und zwar der Apostel Paulus.
“Wer zieht jemals in den Krieg auf seinen eigenen Sold? Wer pflanzt einen Weinberg und isset nicht seine Frucht? Oder wer weidet eine Herde und nährt sich nicht von der Milch der Herde? Rede ich aber solches nach menschlichem Gutdünken? Sagte nicht solches das Gesetz auch? Denn im Gesetz des Mose steht geschrieben: ‘Du sollst dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden’. Sorgt sich Gott etwa um die Ochsen? Oder redet er nicht allenthalben um unsertwillen? Denn es ist ja um unsertwillen geschrieben, daß, der da pflügt, soll auf Hoffnung pflügen, und der da drischt, soll auf Hoffnung dreschen, daß er sein Teil empfangen werde. Wenn wir euch das Geistliche säen, ist es dann ein grosses Ding, wenn wir euer Leibliches ernten? Wenn andere dieses Rechtes an euch teilhaftig sind, warum nicht viel mehr wir? Aber wir haben solches Recht nicht gebraucht, sondern wir ertragen alles, daß wir nicht dem Evangelium Christi ein Hindernis bereiten. Wisset ihr nicht, daß, die da opfern, vom Opfer essen und, die am Altar dienen, vom Altar genießen? So hat auch der Herr befohlen, daß, die das Evangelium verkündigen, sollen sich vom Evangelium nähren. Ich aber habe der keines gebraucht. Ich schreibe auch nicht darum davon, daß es mit mir nun sollte so gehalten werden. Es wäre mir lieber, ich stürbe, als daß mir jemand meinen Ruhm sollte zunichte machen.” (1. Kor. 9, 7-15).
Der Hl. Apostel Paulus unterstrich wiederholt, daß er von niemandem unter den Menschen das Evangelium erlernt habe, sondern von Christus Selbst (Gal. 1, 11-12; 1. Kor. 11, 23). Es ist offensichtlich, daß er auch das, was er von dem Lohn schreibt, von Christus Selbst angenommen hat, denn im Evangelium sagt der Heiland Seinen Aposteln, die Er zur Predigt des Evangeliums schickt: “Wenn ihr in ein Haus kommt... In demselben Hause aber bleibt, esset und trinket, was man euch gibt; denn der Arbeiter ist seines Lohnes wert” (Lk. 10, 5-7).
Erinnern wir schließlich auch noch daran, daß die Sektierer gar so reich ihre Prediger mit Belohnungen und Honoraren ausstatten. Viele der sektiererischen Vereinigungen, wie z.B. die Adventisten, haben die alttestamentliche Vorschrift über die Abgabe des Zehnten eingeführt, so daß jedes Mitglied dieser Gemeinschaft den zehnten Teil aller Einkünfte an die Gemeinde abführen muß, obwohl sie behaupten, das alttestamentliche Gesetz habe seine Wirksamkeit für die neutestamentlichen Christen verloren. Allerdings meinen sie offensichtlich, daß eine alttestamentliche Vorschrift, die ihnen nützlich scheint, wie diese über den Zehnten, vielleicht doch beachtet werden sollte. Hier sehen wir, was Gott geboten hat, und wir sollen uns dem nicht widersetzen!

“Nennt niemanden auf Erden Vater!”

Im 23. Kapitel des Matthäus Evangeliums ist der Vorwurf und die Ermahnung Christi an die Pharisäer und Schriftgelehrten beschrieben, deren Eifer in Gott und deren Frömmigkeit lediglich äußerlich waren, um der Menschen willen und mit dem Wunsch, von anderen gelobt zu werden, nicht aber wegen der aufrichtigen Liebe zu Gott und dem aufrichtigen Wunsch nach einem gottgefälligen Leben. Deshalb nannte der Herr sie auch “übertünchte Gräber, welche auswendig hübsch scheinen, aber inwendig sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat” (Mt. 23, 27). “Alle ihre Werke aber tun sie, damit sie von den Leuten gesehen werden. Sie machen ihre Gebetsriemen breit und die Quasten an ihren Kleidern groß. Sie sitzen gerne obenan bei Tisch und in den Synagogen und haben’s gerne, daß sie gegrüßt werden auf dem Markt und von den Menschen Rabbi genannt werden” (Mt. 23, 5-7).
Aus diesem Anlaß erinnert der Heiland Seine Jünger daran, daß sie sich an den Pharisäern kein Beispiel nehmen sollen, und gebietet ihnen: “Und ihr sollt niemand euren Vater heißen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. Und ihr sollt euch nicht lassen Lehrer nennen; denn einer ist euer Lehrer, Christus” (Mt. 23, 9-10).
Dies ist der Text, den die Sektierer als Grundlage für ihre voreingenommene Anwendung auf das orthodoxe Priestertum benutzen, als hätte Christus über die Pharisäer und Schriftgelehrten eben den orthodoxen Priestern einen Vorwurf gemacht, die lange Gewänder und Kreuze tragen, lange Prozessionen durch die Straßen vollziehen, an verschiedenen Empfängen teilnehmen und erwarten, daß die Menschen sie auf der Straße begrüßen und als “Väter” anreden. Und all das ist der Verurteilung durch Christus ausgesetzt, und die Bezeichnung “Vater” gar unmitttelbar, klar und unzweideutig verboten! Was können wir dazu sagen?
Zunächst einmal hat die Kirche niemals gelehrt, daß wir Gott pharisäisch anbeten sollen oder uns überhaupt wie Pharisäer verhalten sollen. Wir alle verstehen, daß solche Gebete und solches Verhalten Gott widrig und nicht gefällig sind. Die Kirche vollzieht keine Prozessionen mit dem Ziel, daß wir unsere Frömmigkeit vor den Menschen zur Schau stellen und daß wir irgendein Lob von Menschen erhalten; sie werden um wesentlich erhabener Gründe willen gehalten. Jede Art von Kreuzprozession hat ihren besonderen Grund, und keine davon ist mit einer Demonstration oder dem Lob der Frömmigkeit verbunden. Im Gegenteil gibt es Fälle und Anlässe und Umstände, bei denen die Teilnehmer einer Prozession Kritik und Hohn seitens ihrer Zeitgenossen ausgesetzt sind, nicht aber Lob.
Ähnlich verhält es sich auch mit der priesterlichen Kleidung. Die Gründe, um deretwillen der Priesterrock getragen wird, sind ausschließlich ethischen, pädagogischen und psychologischen Charakters, haben jedoch nichts mit Ruhmsucht zu tun.
Im Gegenteil wissen wir, daß in unserer Zeit ein Priester im Priesterrock eher unbegründeten Angriffen ausgesetzt ist als Lob von seiten des abergläubischen, fanatischen und primitiven Volkes.
Wenn die Gläubigen dem Priester gegenüber Hochachtung beweisen, so bezieht sich diese eher auf sein Amt als seine Person.
Was schließlich die Bezeichnung “Vater” als Anrede für Geistliche betrifft, so steht auch dies nicht im Widerspruch zur Heiligen Schrift, wenn es im Ganzen genommen wird, nicht ausgesondert und abgetrennt aus dem Kontext wie dies die Sektierer so oft zu tun.
Das Wort “Vater” kann in verschiedenen Bedeutungen benutzt werden. Zunächst bezeichnet das Wort “Vater” unseren körperlichen, biologischen Erzeuger. Christus aber hat uns keineswegs verboten, das Wort “Vater” in diesem Sinne zu verwenden. Sonst hätte Er uns irgendein anderes Wort empfohlen, mit dem wir unseren körperlichen Erzeuger bezeichnen könnten.
Wenn Er darüber hinaus gemeint hätte, daß die Verwendung des Wortes “Vater” für unseren körperlichen Elternteil eine Sünde sei, so hätte Er uns verboten, das fünfte Gebot Gottes zu zitieren, welches lautete: “Ehre deinen Vater und deine Mutter”. Eine solche Absicht lag Christus unendlich fern. Schließlich benutzte Er auch Selbst vielfach das Wort “Vater” zur Bezeichnung des körperlichen Elternteils (Mt. 10, 21; 15, 4-5; 23, 32; Lk. 15, 12-29).
Zweitens kann das Wort “Vater” auch einen übertragenen Sinn besitzen. Wenn wir z.B. sagen: Einstein ist der “Vater” der Relativitätstheorie u.ä. … Ist das etwa eine Sünde?
Die dritte Bedeutung des Wortes “Vater” ähnelt der vorhergehenden in ihrem übertragenen Sinne und bedeutet den geistlichen Vater. Wie uns der körperliche Vater körperlich hervorbringt und sich um uns kümmert, so heißt auch die Person, die uns geistlich gebiert und verwandelt und die um unser geistliches Leben und Wachstum Sorge trägt, geistlicher Vater. In diesem Sinn benutzt der Apostel Paulus das Wort “Vater” wiederholt (Röm. 4, 11; 1. Kor. 4, 14-17; Phil. 2, 22; Philim. 10). In diesem Sinne bezeichnen auch wir einen Geistlichen als “Vater”. Also genau nach der Heiligen Schrift!
Was aber bedeutet dann das Verbot Christi, irgend jemanden auf der Erde “Vater” zu nennen? Dieses Verbot bedeutet, daß das Wort “Vater” noch eine Bedeutung besitzt – das ist eine wesenhafte ontologische Bedeutung. In dieser Bedeutung bezeichnet das Wort “Vater” jenes “Wesen”, welches das Leben im Universum zeugt und den erschaffenen Wesen all das verleiht, was sie zum Leben brauchen, wie der irdische Vater für seine physischen Kinder Sorge trägt. Das aber ist Gott, unser Himmlischer Vater mit großem Anfangsbuchstaben. Der irdische Vater ist in gewissem Sinne lediglich ein Abbild des himmlischen Vaters. In diesem Sinne verbietet uns Christus, irgend jemanden auf der Erde als “Vater” zu bezeichnen, da wir dadurch in die Sünde des Heidentums verfallen würden, da unser Einziger Vater im Himmel ist.
Dieses Gebot Christi erfüllen wir Orthodoxen wirklich, indem wir niemanden auf der Erde als Vater in diesem Sinne bezeichnen.
Nach allem oben Gesagten ist das Verhältnis der Sektierer zum heiligen Mysterium des Priestertums nicht folgerichtig und unanwendbar und mehr noch, es steht im Widerspruch zur Heiligen Schrift und den unmittelbaren Worten Christi, die oben angeführt wurden.

 

Bote 1996, 1

Das heilige Sakrament der Ehe
Die Sektierer besitzen das Sakrament der Ehe nicht, kennen jedoch gewisse Amtshandlungen aus Anlaß der Eheschließung. Wichtiger und lobenswerter als dies ist, daß sie die Ehe für eine außerordentlich ernste Einrichtung halten, so daß einige von ihnen überhaupt keine Ehescheidung zulassen. Sie sehen die Ehe als etwas Heiliges an, wenn sie sie offiziell auch nicht als Sakrament bezeichnen, da schon die ersten Reformatoren die Ehe aus der Zahl der heiligen Sakramente strichen.
Luther z.B. meinte, die Ehe sei lediglich eine körperliche Verbindung, nicht aber eine geistliche. Der Grund für eine solche Einstellung ist keineswegs biblisch, sondern rein rationalistisch. “Wie und auf welche Weise kann die Ehe in mir den Glauben an den Erlöser entwickeln? Welche Beziehung hat die Ehe zum Glauben an die Erlösung?”, fragte Luther, als hätte er niemals den Bericht der Bibel über die Schöpfung des Menschen und der Frau gelesen (Gen. 2, 18-24), oder die Worte Christi über die Ehe (Mt. 19, 4-6), oder die Belehrung des Apostels Paulus über die Ehe (Eph. 5, 22-33, und 1. Kor. 7, 12-16).
Liest man indessen die obengenannten Bibelstellen, denkt man daran, wie Gott den ersten Menschen und die Frau schuf und sie segnete, indem Er sagte, daß sie sich vermehren und die Erde füllen sollen, wenn man die Worte des Erlösers über die Ehe liest, wo Er die Worte aus dem Buch Genesis unmittelbar zitiert, nach denen Mann und Frau zu einem Leib werden, und wenn man die Lehre des Apostels Paulus annimmt, der den Bund der Ehe zwischen Mann und Frau für ein so erhabenes und gesegnetes Sakrament hält, wie den Bund zwischen Christus und der Kirche, und wenn man neben all diesem die Anwesenheit Christi bei der Hochzeit in Kana in Galiläa beachtet (Joh. 2, 1–11), dann sieht man deutlich und zweifellos, daß die Ehe ein heiliges Sakrament ist, durch welches den Ehepartnern der Segen Gottes vermittelt wird und durch welches sie die begnadete Hilfe Gottes empfangen, um ihren Ehebund so zu verwirklichen, wie Gott dies von jedem Menschen verlangt.
Daß die Kirche seit der Zeit der Apostel die Ehe stets als Sakrament betrachtete, das sieht man schon an den angeführten Worten des Hl. Apostels Paulus im Epheserbrief.

Das heilige Sakrament der Ölweihe
Auch dieses Sakrament gibt es weder bei den Protestanten noch in den Sekten, die aus der Reformation entstanden. In der Tat ist in der Bibel nirgends beschrieben, daß der Heiland irgend jemanden mit geweihtem Öl gesalbt hätte. Es gab auch keine Notwendigkeit dafür! Er ist Gott, und ein einziges Wort aus Seinem Mund genügte, um den Menschen die Sünden zu vergeben und sie von jeglicher Krankheit zu heilen, die sie vornehmlich als Folge der Sünde ereilte. Im Evangelium sind auch einige Fälle beschrieben, in denen der Heiland Kranke nicht unmittelbar durch Seinen allmächtigen Befehl heilte, sondern dafür einige andere Mittel verwandte. Dies war die Heilung des Blindgeborenen. Christus machte einen Brei aus Seinem Spreichel, strich diesen auf die Augen des Blindgeborenen, schickte ihn zum Waschen an den Teich Siloah, und der Mensch wurde sehend. Dem blinden Bettler aus Bethsaida (Mk. 8, 22-26) spie Er nur auf die Augen und berührte sie. Und dem blinden Barthimeos sagte Er einfach, er sollte schauen, und dieser wurde sehend: Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen (Mk. 10,52). Am Ufer des Sees von Genezareth heilte Er einen Taubstummen, indem Er die Finger in dessen Ohren legte und und berührte mit Speichel seine Zunge (Mk. 7, 31-35).
Nirgends in der Bibel wird uns davon berichtet, warum der Heiland einige Seiner Wunder unmittelbar vollbrachte, aber andere mittelbar. Doch parallel dazu sehen wir eine ähnliche Erscheinung auch im Vorgehen der Apostel. Auch sie vollbrachten wundertätige Heilungen durch Christi Kraft – manchmal direkt (Apg. 3, 6-7) und manchmal indirekt, indem sie mit Öl salbten. Darüber besitzen wir ein deutlich dargelegtes Zeugnis im Brief des Hl. Apostels Jakobus: Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn (Jak. 5, 14-15). Folglich bedeutet das Anzweifeln des heiligen Sakraments der Ölweihe die Mißachtung solch nützlicher und rettungbringender Worte der Heiligen Schrift.
Es ist nicht verwunderlich, wenn dies Ungläubige tun; da sie ungläubig sind, ist das auch in ihrem Sinn. Aber, wenn das Sekterer tun, die ständig betonen, wie sehr sie an das Wort der Heiligen Schrift glauben, so zeigen sie damit eben nur, wie weit diese Behauptung von der Wahrheit entfernt ist.

Im Weiteren schreibt Milin in seinem Werk von den Angriffen der Sektierer gegen das orthodoxe Verständnis der Feiertage, die Verehrung der Heiligen und der hl.Reliquien und Ikonen. Zu diesen Fragen legen wir die positive Darlegung von Vater Archimandrit Justin (Popovic) vor, ohne auf die Irrtümer der Sektierer einzugehen. Diese Darlegung folgt dem Text des III. Bandes der Dogmatik Vater Justins, der in Belgrad 1978 veröffentlicht wurde (Dogmatika Pravoslavne Crkve). – Die Redaktion.

Gottesdienst und Feiertage
Das ganze Leben der Kirche ist eigentlich ein ständiger Dienst an Gott, ein ununterbrochener Gottesdienst, und deshalb ist jeder Tag in der Kirche ein Feiertag. Es ist offenkundig: In der Kirche dient man täglich Gott und feiert einen oder mehrere Heilige. Deshalb ist das Leben in der Kirche ein unablässiger Gottesdienst, ein unaufhörliches Leben “mit den Heiligen” (Eph. 3, 18). Die heutigen Heiligen reichen uns an die morgigen weiter, die morgigen an die von übermorgen und so weiter: Der Kreis des Jahres hat kein Ende. Indem wir die Festtage der Heiligen begehen, erleben wir real ihre Gnade und ihre heiligen Tugenden nach dem Maße unseres Glaubens. Denn die Heiligen sind nichts anderes als die Gestaltwerdung und Verkörperung der heiligen Tugenden des Evangeliums, dieser unsterblichen Dogmen unseres Glaubens, unseres Heils.
Die ewigen Wahrheiten der heiligen Tugenden verwandeln sich in erster Linie und vor allem durch das Gebet, den Gottesdienst, in unser Leben. Das Gebet stellt das beste Klima für den Erfolg in jegiicher Tuged des Evangeliums dar. Meine Worte sind Geist und sind Leben (Joh. 6, 63). Der Gottesdienst führt die Gnade in unsere Freiheit herab. Die Gnade aber und die Freiheit gemeinsam verwandeln die dogmatischen und ethischen Wahrheiten des Evangeliums in Leben. Als “Leib Christi” nimmt die ganze Kirche an Christus teil durch den eucharistischen Leib, welcher das höchste gottmenschliche “Heiligtum über den Heiligtümern” in unserer irdischen Welt und in allen menschlichen Welten ist. Alles im heiligen Leib der Kirche hat immer Anteil an, wirkt immer wechselseitig mit “allen Heiligen”, und wir überantworten uns selbst und einander und unser ganzes Leben durch die Allerheiligste Gottesgebärerin und alle Heiligen an Christus, unseren Gott. Hier ist alles himmlisch-irdisch, gott-menschlich: All dies eint Gott mit dem Menschen, den Himmel umit der Erde, die Ewigkeit mit der Zeit. Alles Irdische lebt durch den Himmel, alles Zeitliche wird durch das Ewige genährt, der ganze Mensch lebt durch Gott. So entwickelt sich der ununterbrochene gnadenerfüllt-tugendhafte gottmenschliche Weg des Heils, der Vergottung (Theosis), der Vergottmenschlichung, der Verdreieinigung. Denn die Kirche ist der Himmel auf Erden, Gott im Menschen und der Mensch in Gott.
Wer legt davon Zeugnis ab? Alle Heiligen der Kirche Christi, vom ersten bis zum letzten. Die heiligen gottesdienstlichen Bücher zeigen uns dies am beredtesten und beweisen unbesiegbar: Jeder Heilige ist aus heiligen Tugenden gewebt; jeder hat sich mit Hilfe der heiligen Tugenden gebaut und aufgerichtet; jeder hat sich durch die heiligen Tugenden verändert und verwandelt. Das kann man sowohl von den Heiligen Aposteln als auch von den Heiligen Märtyrern sagen, von den Heiligen Propheten und den Heiligen Mönchen, den Heiligen Uneigennützigen und allen Heiligen überhaupt. In ihnen allen sind zugegen und allwirken heilige Tugenden mit dem Glauben an der Spitze. In der Tat ist jede heilige Tugend ein freiwilliger Akt der Askese unseres gottebenbildlichen freien Willens. Und unser persönliches Mitwirken mit dem Heiland am Werk unseres Heils besteht in erster Linie aus unseren heiligen Tugenden. Alle Tugenden stellen ein organisches Ganzes dar, einen einheitlichen Organismus. Sie wachsen eine aus der anderen und leben eine in der anderen, und fassen Kräfte eine in der anderen, und sind eine in der anderen unsterblich. In gewissem Sinne ist jede Tugend eine All-Tugend. So ist der Glaube eine allumfassende Tugend, denn wenn er lebendig ist, muß er sich von der Liebe nähren, von der Hoffnung, dem Gebet, dem Fasten, der Barmherzigkeit, der Buße und den übrigen Tugenden. Ebenso auch das Gebet, die Liebe, die Hoffnung, das Fasten, und alle anderen Tugenden – sie alle nähren einander, spenden sich gegenseitig Leben, vervollkommnen sich, werden unsterblich.
Alle Heiligen Gottes – die Heiligen Hierarchen, Göttlichen Propheten, Scharen der Mönchsheiligen, die heiligen Frauen und alle anderen – werden verherrlicht, da sie Gott durch tugendhafte Werke gefielen (Sonnabends zur Liturgie, Seligpreisungen, Ton 4, Oktoechos). Die heiligen Bischöfe Christi und die Schar der Mönchsheiligen und alle Gerechten zusammen erreichten die himmlischen Gemächer, indem sie durch die Schönheit der Tugenden glänzten (Sonnabend Morgen Kanon, 6. Ode, Ton 6, Oktoechos).
In der Orthodoxen Kirche ist der Gottmensch Alpha und Omega, Anfang und Ende, Erster und Letzter (Apk. 1, 8. 17; 21, 6). In ihr wirken gottmenschliche Gesetze. Alles, was den Menschen betrifft, wird in ihr durch Gott festgelegt und bestimmt. In ihr steht der Mensch immer in Gebetshaltung vor Gott. Als gottmenschlicher Organismus ist die Kirche das Haus des Gebets. Und als Gotteshaus ist sie ein Haus des Gebets. Jedes Glied der Kirche ist eine gottförmige Zelle im gottmenschlichen Leib der Kirche. Die Rettung ist tatsächlich das Erleben des ganzen Gebetslebens der Kirche. Es ist die Askese der Verkirchlichung und Kirchwerdung. Jedes Glied der Kirche lebt durch das ganze gottmenschliche Leben der Kirche nach dem Maße seines Glaubens und ihrer heiligen Sakramente und heiligen Tugenden. Jeder Gläubige ist die Kirche im Kleinen.
Das gesamte gottmenschliche Leben der Kirche und alle gottmenschlichen Wahrheiten der Kirche eröffnen sich am vollkommensten und genauesten in den Gottesdiensten. Es vollzieht sich das gebetserfüllte Erleben alles Gottmenschlichen, und auf diese Weise wird die gebetserfüllte Theologie geboren. In ihrer Ganzheit ist das gottesdienstliche Leben der Kirche die allergetreueste Überlieferung der Kirche, die lebendige und unsterbliche Heilige Überlieferung. Und in ihr ist der ganze wunderbare Gottmensch, der Herr Jesus Christus, und mit Ihm und durch Ihn und nach Ihm die heiligen Apostel, die heiligen Väter und alle Heiligen, vom ersten bis zum letzten.
Der orthodoxe Gottesdienst – das ist das lebendige Leben der Kirche, an dem jedes Glied der Kirche teilhat und alles Gottmenschliche, alles Apostolische, alles Väterheilige an sich selbst erfährt. Mit einem Wort: alles Orthodoxe. In diesem Erleben ist alles gottmenschlich Vergangene der KIrche immer wie eine jetzige und heutige Realiät zugegen. In der Kirche ist alles Vergangene Tatsächliches, und alles Tasächliche Vergangenes. In der Tat: In der Kirche existiert die einzig unendliche Gegenwärtigkeit. Alles ist hier unsterblich und heilig, alles apostolisch allgemein und gottmenschlich katholisch, ökumenisch, konziliarisch. Jeder gehört allen, und alle jedem, nach der gnadenreichen Kraft der gottmenschlichen Liebe, die aus dem gottmenschlichen Glauben entströmt und durch die übrigen heiligen gottmenschlichen Tugenden unsterblich wird: In erster Linie durch das Gebet.
Diese gottesdienstliche, Gebetsüberlieferung der Kirche bewahrt uns mit ehrfürchtiger Scheu und mit Zittern die allergrößte Kostbarkeit aller menschlichen Welten: den Gottmenschen Christus, unseren Herrn, und alles, was sich auf Ihn bezieht. Indem so die ganze Fülle Seiner Gottmenschlichen Persönlichkeit bewahrt wird, ist Er auch die ewig-lebendige, allvollkommene Überlieferung der Kirche. Und in Ihm und mit Ihm: Sein ganzes Evangeliums des Heils und der Vergöttlichung, und Seine ganze Wahrheit des Heils und der Vergottmenschlichung. In allen Gottesdiensten vollzieht sich beständig das heilige gottmenschliche Mysterium der gottmenschlichen Heilsökonomie. Besonders in der heiligen Liturgie. In den abschließenden Gebeten der heiligen Liturgie Basilius des Großen heißt es: “Vollbracht und erfüllt ist das Mysterium Deines Heilswerkes”.
Unsere lebendige Gebets-Anteilnahme daran stellt unsere Errettung, unsere Verchristlichung, unsere Vergöttlichung, unsere allseitige Vergottmenschlichung durch die Kirche dar. Mit einem Wort: unsere allseitige Verkirchlichung. Die freiwillige gnadenvoll-tugendhafte Askese der Verchristlichung, der Vergottmenschlichung – sie ist immer nur ein Werk der Verkirchlichung.
In der Tat, die Rettung des Menschen liegt in seinem gottmenschlichen gemeinschaftlichen Zusammenleben mit allen Heiligen (Eph. 3,18) in dem Gottmenschlichen Leib der Kirche beschlossen. Diese Gemeinschaftlichkeit ist ununterbrochen, alle Tage gleich. Denn jeden Tag werden einer oder einige Heilige , die sich um unsere Erlösung bemühen und an ihr mitarbeiten, gefeiert. Unsere Vertrautheit im Gebet mit den Heiligen stellt uns die Erlösung sicher. Daher ist die Begehung aller Feste, vom ersten bis zum letzten, unerläßlich: der Feste des Herrn, der Mutter Gottes, der Erzengel, der Märtyrer und der übrigen Heiligen. Auch alle am Tage und in der Nacht stattfindenden Gottesdienste, vom ersten bis zum letzten, gestalten unsere Erlösung. Und durch all dies und in all diesem: der ganze Gottmensch als die Kirche, als das Haupt der Kirche, und Seinen Leib mit allen Heiligen und den unvergänglichen Wahrheiten und das ganze gottmenschliche Leben in aller Grenzenlosigkeit.
In dem unermeßlich geheimnisvollen Gottmenschlichen Organismus der Kirche wachsen die Menschen am meisten durch das Gebet, und sie leben immer durch das Gebet in ihm. Durch die Gebetsteilhabe an den Gottesdiensten vollbringt jeder von uns sein Werk der Verchristlichung, der Verklärung, der Vergottung, der Verdreieinheitlichung. Und dabei niemals allein, sondern immer mit allen Heiligen. Diese Gemeinschaftlichkeit ist immer allseitig persönlich und allseitig kollektiv. In der Gemeinschaft der Heiligen lebt man vor allem durch das Gebet und verkehrt man durch das Gebet. Daher ist das Gebet die allerunerläßlichste, heilige Tugend für jeden Christen. Das Gebet ist der Dirigent im Chor der Tugenden. Es weist jeder weiteren Tugend ihren Platz an und verleiht ihr seinen Geist und Atem. Durch es wächst jede Tugend und sie gedeiht und nimmt ihren Platz unter den übrigen heiligen Tugenden ein, indem sie auf gottmenschliche Weise die Übung der heiligen Tugenden im unserem Askesewerk der Erlösung abstimmt. Der orthodoxe Gottesdienst – das ist das Heilige Evangelium und die Heilige Überlieferung, übertragen in Gebete, umgesungen in wunderbare und lebenschaffende Stichiren, Troparien, Kontakien, Lieder, Aufseufzer, Ausrufe, Tränen. Die ganze Gottmenschliche Wahrheit, die Gottmenschliche Gerechtigkeit, Liebe, Weisheit, das Leben, die Unsterblichkeit, die Ewigkeit bieten sich uns an als Gebet, als heilige Kommunion, als heilige Gebote, als heilige Sakramente, als heilige Tugenden. Wo man den Gottesdienst berührt, findet man die Heilige Überlieferung: ihren Blutkreislauf, ihre Nerven, ihre Knochen, ihr Herz, ihre Augen, ihre Augen, ihr Gewissen, ihren Verstand, ihre Vernunft. Und wenn die Seele sich gebetsbeflissen in diese gottmenschlichen Wahrheiten und in dieses gottmenschliche Leben ergießt, dann wachsen die Tugenden zu göttlicher Größe (Kol 2,19) heran. Und die ganze Seele wächst zu einem gnadenreichen Gottmenschen – einem wahren Christen. Durch das Erleben des gottesdienstlichen Lebens der Kirche wird die christliche Persönlichkeit aufgebaut: der Gottmensch der Gnade nach, der vollkommene Mensch – zum vollen Maß der Fülle Christi (Eph. 4,13). Das ist der alleredelste Pfad, die erlösungbringendste Heilsbemühung. Es vollzieht sich ein ununterbrochenes Wachsen durch jedes Gebet, durch jede Bitte, durch jede Träne, durch jeden Seufzer, durch jeden Aufschrei, durch jedes Schluchzen, durch jede Beichte. Dabei sind uns alle Heiligen Führer und Lehrer. Sie sind die Augen der Kirche Christi (Fuß Troparion der Hll. Märtyrer Sergius und Bachhus, Minäa 7. Oktober. Den Hl. Märtyrer Eusebius nennt die Kirche “ das Auge der Kirche” (Stichiren zu “Herr, ich rufe”, Minäa 22. Juni), den Evangelisten Johannes den Theologen “das allerkostbarste Auge der Kirche” (zur Utrenja, Stichiren zu der Lobpreisung, Minäa, 8. Mai), den Hl. Propheten Hosea “das gottschauendste Auge der Kirche” (zur Utrenja, Kanon an den Propheten, Ode 4). Der Hl. Gregor der Theologe sagt in der Lobesrede auf den Hl. Athanasios den Großen von ihm, daß er “das heiligste Auge des Erdkreises” sei (Homilie 21,3. gr. t. 35, 1081) Ende), sie leiten und führen uns zum gottmenschlichen Ziel unseres menschlichen Daseins.
Bei dem orthodoxen Christen wird jeder Gedanken zum Gebet und wird durch das Gebet gedacht. Ebenso jedes Gefühl. Es ist in der Tat eine gebetserfüllte Haltung sich selbst und der Umwelt gegenüber, und vor allem und über allem zu unserem Herrn Jesus Christus. Dabei wird alles vergottmenschlicht, alles vollzieht sich durch Gott: Der Gedanke verklärt sich zu einem Gottesgedanken, denn dies ist der göttliche und unsterbliche Sinn des Gedanken; das Gefühl wächst zu einem Gottesgefühl heran, denn das ist der göttliche und unsterbliche Sinn des Gefühls; das Gewissen ergießt sich in das Gottesgewissen, und der Verstand in den Gottesverstand, und der Wille in den Gotteswillen, denn dies ist ihr aller göttlicher und unsterblicher Sinn. Mit einem Wort: Der Mensch wird zum Gottmenschen geformt, denn dies ist der gottmenschliche und unsterbliche Sinn des Menschen.
Immer und immer wieder: Im Gottmenschlichen Leib der Kirche lebt jedes Glied dieses Leibes wie eine lebendige gottförmige Zelle durch das ganze gottmenschliche Leben der Kirche nach dem Maß des Glaubens und der übrigen Bemühungen in den Tugenden. Jeder Tag, jeder Augenblick: Mit allen Heiligen. Vielzählige Mittel und Kräfte der gottmenschlichen Gemeinschaftlichkeit sind gegenwärtig und wirken ununterbrochen durch die verschiedenen Tagesheiligen: die Apostel, die Märtyrer, die Bekenner, die Uneigennützigen, die Ehrwürdigen. Alles in allem Christus – durch die täglichen Heiligen. Er als das Haupt der Kirche regiert und herrscht durch sie in der Gottmenschlichen Welt der Kirche.
Jedes heilige Dogma unseres gottmenschlichen Glaubens hat sein Fest: Die Menschwerdung Gottes – Weihnachten, die Auferstehung – Ostern, der Glaube – die Feier der heiligen Märtyrer, und alle übrigen heiligen Tugenden – die Feste der verschiedenen Heiligen. Die Wahrheit der heiligen Dogmen wird von jedem Gläubigen im “Leib Christi”, der Kirche, erfahren. Jede dogmatische Wahrheit wird als Leben erfahren, als ewiges Leben, als organischer Teil der Ewigen Hypostasis des Gottmenschen: Ich bin die Wahrheit und das Leben (Jh. 14,6). Die heilgen Gottesdienste sind nichts anderes, als die Erfahrung der heiligen ewigen dogmatischen Wahrheiten. Das Dogma über die Gottmenschlichkeit des Herrn Jesu? Ganz intensiv erlebt man es in den heiligen Festen des Herrn: Weihnachten, Erscheinungsfest, Verklärung, Ostern und den übrigen. Diese ewige Wahrheit wird ununterbrochen von oben bis unten auch in den übrigen Festen, den großen wie den kleinen, im Verlauf des ganzen Kalenderjahres erfahren, und so wird sie zu unserem alltäglichen, allsekundlichen Leben. Daraus fließt auch die allfreudige, unsterbliche Frohbotschaft: Unsere Heimat aber ist im Himmel... unser Leben ist verborgen mit Christus in Gott (Phil. 3,20; Kol. 3,3).
Die Gnade der heiligen Feste und heiligen Gottesdienste ist diese unendliche Göttliche Kraft, welche in der Seele des Christen die heiligen Tugenden zu einer nicht zu löschenden Feuersbrunst entfacht. Und die Seele strebt ganz unermeßlich zu Christus, zu Gott, und es gibt keine Grenzen ihrer Verchristlichung und somit ihrer Vergottmenschlichung, und dadurch ihrer Verdreieinheitlichung, ihrer Vergottung. Beflissen, im Geist der Märtyrer, und freudig wird das Werk der gottmenschlichen Alltugend vollbracht: der Verchristlichung, der Verkörperung des Herrn Christus in der Seele, des Lebens im Herrn Christus und durch den Herrn Christus. Und dadurch verwirklicht sich auch die andere gottmenschliche Alltugend: die Verdreieinheitlichung – die Vergöttlichung. In der Seele des Christen ereignet sich alles und geschieht alles: vom Vater durch den Sohn im Heiligen Geist. So und nur so erreicht das gottförmige, trinitätsförmige menschliche Wesen sein höchstes, sein von Gott gestelltes Ziel: die Vereinigung mit Gott in unserem Herrn Christus mit Hilfe der heiligen Mysterien und heiligen Tugenden.
Um die Erreichung dieses Zieles willen wurden uns auch Gottesdienste um Gottesdienste gegeben, Heiligtümer um Heiligtümer: die heilige Liturgie, die heilige Kommunion im lebendigen Gott und Herrn Christus und durch Ihn im Dreisonnigen Gott. In der gott-menschlichen, himmlisch-irdischen Realität ist die Heilige Liturgie der Gipfel über allen Gipfeln, der Reichtum über allen Reichtümern, das Ziel und Allziel aller Feste, aller Gottesdienste, aller heiligen Geheimnisse, aller heiligen Tugenden: die allvollkommene Verchristlichung, die all-lichte Verdreieinheitlichung. Und darin und dadurch: die Einkirchlichung und Verkirchlichung, der ganze wunderbare und wundertätige Herr Christus, und in Ihm und durch Ihn: Seine ganze Gottmenschliche Schöpfung, Sein heiliger Leib – die Orthodoxe Kirche. Ja, ja, ja! Sie ist alles in allem in allen von Gott Logos geschaffenen Welten.