Sergej V. Bulgakov

Triodion



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:

Bote 1994, 1

Das Minaion beinhaltet das ehrwürdige Gedenken und die Sinngebung für alle Tage des Jahres, die stets dasselbe Datum aufweisen, während sie abwechselnd auf je einen anderen Wochentag fallen. Hingegen gibt es auch Gedenktage und zu begehende Feste, die sich zwar im Datum ändern, aber in jedem Jahr denselben Wochentag beibehalten. Diese Gedenkfeste, welche nicht immer auf dasselbe Datum fallen, machen den sogenannten Zyklus der beweglichen Kirchentage aus. Dieser Zyklus der beweglichen Tage steht in Abhängigkeit vom Osterfest, welches bekanntlicherweise in jedem Jahr verschiedene Daten aufweist. Einige der Tage des beweglichen Zyklus dienen als Vorbereitung auf das Osterfest und andere wiederum zu seiner Nachfeier. Im Typikon heißt dieser Zyklus der beweglichen Tage Triodion, weil in dieser Zeit des Jahres das Fasten- und das Blumentriodion Anwendung findet. Die Bezeichnung “Triodion” (Drei-Oden) kommt daher, daß es u.a. auch Kanones enthält, die aus drei Oden bestehen und an gewissen feststehenden Tagen gesungen werden. An besonders wichtigen Tagen des Triodion ist nach der sechsten Ode des Kanons die Lesung des sogenannten Synaxarions vorgeschrieben. Diese Synaxaria stehen im Triodion nach den Oden des Kanons. In ihnen wird gewöhnlicherweise kurz der Inhalt und der Zweck des Gottesdienstes für den jeweiligen Tag dargelegt. Im ersten und letzten Synaxarion wird außerdem kurz der Inhalt der beiden Triodien kommentiert: Es wird aufgezeigt, daß sie alle Heilswerke der Vorsehung Gottes sowie das gesamte Schicksal der Menschheit umfassen von der Erschaffung der Welt an bis zu jenem Zeitpunkt, wenn der Kampf der heiligen Kirche auf Erden ein Ende nehmen und sie, welche nunmehr den Chor aller Heiligen darstellt, ihren Triumph im Himmel feiern wird (Synaxarion für die Sonntage des Zöllners und Pharisäers und Aller Heiligen). Die Synaxaria wurden im 14. Jh. von Nikephoros Xanthepulos zusammengestellt, einem griechischen Historiker und Kenner der christliche Antike, der vom Triodion bezeugt, daß “viele unserer heiligen und gottragenden, tugendreichen Väter in guter und würdiger Weise und vom Heiligen Geiste bewegt seine Hymnen schufen” (s. Synaxarion für den Sonntag des Zöllners und Pharisäers).

A. Fastentriodion
Dieses Triodiion enthält die beweglichen Gebetstexte für die Tage der Vorbereitung auf die Große Fastenzeit und für die Große Fastenzeit selbst (d.h. die Fastenwochen und die Passionswoche). Daher trägt es den Namen “Fastentriodion”. Die allgemeine Stimmung und der Charakter des Fastentriodions sind von Gebet und Reue geprägt. Alle Hymnen und Lesungen des Fastentriodions sind von tiefer Eindringlichkeit: Sie bewegen die Hörer zu aufrichtigem Gebet, rufen ein Gefühl der Reue über begangene Sünden in ihnen hervor, sowie das Verlangen nach Fasten, Buße und Besserung, außerdem erwecken sie Glauben und Hoffnung auf den Erlöser der gefallenen Menschheit. Die Auswahl und Anordnung der Themen in den Gottesdiensten des Fastentriodions, ihre Zusammenstellung, ihre Ausrichtung nach den Ereignissen und dem Wesentlichen, ihre ergreifende, von Traurigkeit und zugleich heiliger Hoffnung geprägte Ausdrucksweise: all dies soll den Sünder bewegen, in sich zu gehen und sich seiner Unwürdigkeit bewußt zu werden; alles mahnt ihn, daß er den hochfahrenden pharisäischen Stolz fahren lasse, demütig bete wie der Zöllner, Reue übe wie der verlorene Sohn, vor dem jüngsten Gericht Gottes zittere und schluchze wie der gefallene Urvater; daß er die heilbringende Mühsal des Fastens während dieser 40 Tage auf sich nehme und seinen Erlöser nachachme, der 40 Tage lang in der Jordan-Wüste fastete; daß er schluchze und nochmals schluchze, Tränen vergieße und auf die großen Werke des Herrn blicke, die Er in den letzten Tagen Seines irdischen Lebens vollbrachte, und so innerlich mit seinem Erlöser leide und gekreuzigt werde.
Angefangen mit dem Sonntag des Zöllners und Pharisäers umfaßt das Fastentriodion die Wochen und Sonntage der Vorbereitung sowie die Große Fastenzeit und endet mit der Passionswoche. Seinem Aufbau nach ähnelt es dem Oktoechos, aber unterscheidet sich von ihm einmal durch den Sinn seiner Hymnen, welche jahreszeitgemäß ein Gefühl echter Reue vermitteln, und zum anderen dadurch, daß es für die Wochentage statt der vollständigen Kanones, wie sie im Oktoechos stehen, keine vollständigen aufweist. In dem Gefüge des Fastentriodions stehen Hymnen verschiedener Hymnographen (etwa 20 an Zahl), von denen die wichtigsten dem 8. und 9. Jh. angehören, wie Andreas von Kreta, Kosmas von Majuma, Johannes Damaskenus, Joseph, Theodor und Simeon Studites, der Kaiser Leon der Weise, Theophanos der Gezeichnete und andere. Diese Gesänge wurden von den hll. Theodor und Joseph Studites in ein Buch zusammengefaßt, wie das erste Synaxarion des Fastentriodions bezeugt. Dennoch wurde in der Folge noch das Fastentriodion in seinem Umfang bis zum 16. Jh. vielfach erweitert. So wurden später Synaxarien sowie Riten für den Sonntag der Orthodoxie, für den zweiten, vierten und fünften Sonntag der vierzigtätigen Fastenzeit hinzugefügt.

I. Vorbereitung zur Großen Fastenzeit

Die Vorbereitung zum Großen Fasten beginnt ziemlich bald nach dem Fest der Theophanie des Herrn, gemäß der historischen Erinnerung daran, daß auch Jesus Christus sich sogleich nach Seiner Taufe zum Fasten in die Wüste begeben hatte, zum Gedenken dessen die Vierzigtagefastenzeit eingerichtet wurde. Beginnend mit dem Sonntag vom Zöllner und Pharisäer endet die Vorbereitung zur Großen Fastenzeit mit dem Sonntag der Butterentsagung (Tyrophagie). Die heilige Kirche bereitet die Gläubigen lange im voraus auf das Große Fasten als auf eine heilbringende Zeit allgemeiner geistiger Läuterung und Weihung vor. Dies ist nur möglich bei gänzlicher Abkehr von der Sünde, der vollständigen Änderung des Lebenswandels – der Gedanken, Gefühle und Handlungen – einer allgemeinen geistlichen Erneuerung und Wiedergeburt. Dies aber erfordert anhaltende, ernste, schmerzliche und beharrliche Mühe in der Askese, zu der man sich schrittweise aufraffen, nötigen und disponieren muß. Obwohl die Entschlossenheit zu solch einer Askeseleistung und die Beharrlichkeit in ihr auch von uns abhängt, so beruht sie doch mehr auf dem Erbarmen Gottes; sie steigt im Herzen auf und verwirklicht sich durch Seine allwirkende Gnade. Deshalb muß man viel und eifrig beten, daß der Herr uns die Türen der Reue öffne, unser versteinertes Herz erweiche und Betrübnis über die Sünden in uns erwecke, ohne welche es keine wahre Reue geben kann; daß Er unser Herz in Liebe zu Sich entflammen möge, ohne welche auch die aufrichtigste Buße nicht dauerhaft sein kann; daß Er unser Gemüt beleben und mit heiliger Hoffnung beflügeln möge, ohne welche das Herz des Reumütigen von Kummer niedergedrückt würde. Indem die heilige Kirche die Gläubigen auf die heilige Fastenzeit vorbereitet, tritt sie in ihren Gottesdiensten als Führer auf, der durch zeitige und weise Worte seine Krieger zum Kampf mit dem Feind ermutigt. Um uns zu Gott hinzuwenden, geht sie in ihren heiligen Rückblicken bis auf die ersten Tage der Welt und der Menschheit zurück, zu dem seligen Zustand der Ureltern und ihrem Fall, um durch den Hinweis auf den Urbeginn der Sünde Reumütigkeit zu erwecken; und sie geht zurück auf die Zeit der Herabkunft des Sohnes Gottes auf die Erde zur Erlösung der Menschheit. Nach dem Fleischgenuß während der ganzen auf den Sonntag des Zöllner und Pharisäers folgenden Woche verfügt die Kirche erneut das Fasten für Mittwoch und Freitag und führt danach zu einer weiteren Stufe der vorläufigen Enthaltsamkeit durch das Verbot des Fleischgenusses bei der Gestattung von Butter und Käse. Diese besondere Weise der Vorbereitung auf das vierzigtägige Fasten ist zweifellos eine uralte Festlegung der heiligen Kirche. So hinterließen bereits berühmte Prediger aus dem 4. Jh., wie die hll. Basilios der Große, Johannes Chrysostomos, Kyrillos von Alexandria und andere Homilien und Worte, die sie noch vor der eigentlichen Fastenzeit vorgetragen hatten.

Sonntag des Zöllner und Pharisäers
Seine Bezeichnung erhielt dieser erste Vorbereitungsonntag von der für ihn vorgeschriebenen Lesung des Evangeliumgleichnisses über den Zöllner und Pharisäer, von denen der erste gerechtfertigter als der zweite vom Tempel nach Hause zurückkehrte. Durch das Beispiel des einen und des anderen unterstreicht die heilige Kirche den wahren Anfang und die Grundlage der Reue – die Demut nämlich, und andererseits was die Hauptursache der Sünde und das Haupthindernis für die Reue ist – der Hochmut. Nach den Worten der heiligen Kirche “geht durch die Überheblichkeit alles Gute verloren und durch die Demut wird alles Böse vertilgt”. Ohne das demütige Eingeständnis der Sündenverstrickung bleibt auch die größte äußerliche Rechtschaffenheit im wesentlichen bedeutungslos. Die Kirche preist die Demut des Zöllerns und ruft jeden von uns auf, zurückzuweisen “den hochfahrenden Stolz, den grimmigen Übermut, die abscheuliche Aufgeblasenheit und die boshafte pharisäische, vor Gott unsinnige Raserei”, abzulegen den Eigendünkel über unsere angebliche Würde und Musterhaftigkeit, die Selbstzufriedenheit über unsere eingebildete Rechtschaffenheit, uns zu demütigen im Bewußtsein unserer Unwürdigkeit und Schuldhaftigkeit vor Gott, uns selber für schuldig zu befinden als Sünder, welche der Verurteilung und der Strafe obliegen, uns an die Brust zu schlagen und zu flehen: “Gott, sei mir Sünder gnädig”. Wenn jeder von uns nach dem Vorbild des Zöllners mit zerknirschtem Herzen und in demutsvoller Gesinnung betet, dann wird er ohne Zweifel des großen Erbarmens des Herzenskundigen würdig: Der Herr öffnet auch ihm die Türen der Reue, führt ihn in die heiligen und heilbringenden Tage der heiligen Fastenzeit ein, hilft ihm durch Seine Gnade wahre Reue darzubringen und schenkt ihm vollkommene Vergebung und Begnadigung.

Kondakion, Ton 4. “Lasset uns fliehen die hochmütige Prahlerei des Pharisäers und lernen die Höhe der Demut des Zöllerns, indem wir in Reue zum Herrn rufen: Retter der Welt, läutere deine Knechte.”
Ton 8. “Der Buße Türen öffne mir, o Lebensspender; denn es erwacht mein Geist zu deinem heiligen Tempel, da er den Tempel des Leibes ganz verunreinigt trägt; du jedoch als der Erbarmer, reinige ihn mit deiner barmherzigen Gnade.”
Ton 8. “Auf des Heiles Pfade leite mich, o Gottesgebärerin: denn ich habe mit schändlichen Sünden meine Seele besudelt, indem ich mein ganzes Leben in Trägheit vertan habe. Durch deine Fürbitten befreie mich von aller Unreinheit.” Ton 6. “Eingedenk der Menge der durch mich begangenen Bosheiten, zittere ich Unseliger vor dem furchtbaren Gerichtstage; doch auf die Gnade deines Erbarmens hoffend, rufe ich wie David zu dir: Erbarme dich meiner, o Gott, nach deiner großen Barmherzigkeit.” Lesungen: 2 Tim 3,10-15; Lk 18,10-14.

Der Sonntag des Zöllern und Pharisäers fällt in die Zeit vom 11. Januar bis 15. Februar (alter Stil).
Diese Woche heißt die Fastenfreie, weil in dieser ganzen Woche, auch am Mittwoch und Freitag kein Fasten geboten ist. Die Orthodoxe Kirche stellt dadurch, daß sie das Fastengebot zu Beginn der Vorbereitungszeit auf das Große Fasten aufhebt den stolzen Pharisaer bloß, der eitel mit seinem zweimaligen Fasten in der Woche prahlte, und im Sinne dieser Entlarvung handelt sie seiner hochmütigen und stolzen Fastengepflogenheit zuwider.

Sonntag des Verlorenen Sohnes
An diesem Sonntag stellt die heilige Kirche durch das Evangeliumsgleichnis, von welchem dieser Sonntag seine Bezeichnung erhielt, den kläglichen Zustand eines Menschen vor, der sich von Gott entfernt hat, um jene zur Reue zu bewegen, die sich in den Fesseln sündiger Gewohnheiten befinden und sich nicht von ihnen befreien können und wollen. Zum Trost und zur Aufmunterung jener, welche niedergedrückt vom Bewußtsein der Schwere ihrer Sünden in Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gefallen sind, stellt sie das Bild der Reue des auf Abwege geratenen Sohnes, sowie die unerschöpflche Barmherzigkeit des Himmlischen Vaters, welcher jeden reuigen Sünder aufnimmt, vor Augen. Die Gnade Gottes hört nicht auf, den Sünder entweder mit der Stimme der Liebe und Barmherzigkeit oder mit der Furcht vor Vergeltung und durch die Drohungen aus dem Mund der heiligen Propheten und Apostel zu rufen: bald indem sie sein Herz durch vielfältige Wohltaten bewegt und erweicht, bald indem sie es durch Kummer und Elend schlägt, bald indem sie sein Gewissen durch besonders bedeutsame Ereignisse und Begegnungen erweckt, bald indem sie sein ganzes Wesen durch besondere Vorfälle erschüttert, welche unwillkürlich sein Gewissen aufwecken, seine Vernunft schärfen, sein Herz in Ehrfurcht vor Gott, dem Gericht und der Pein ergriffen machen müssen. Der Herr Jesus Christus steht nach Seiner eigenen Verheißung Selbst an der Tür seines Herzens und klopft an, daß er Ihm die Türen öffne und Ihn im Tempel seiner Seele empfange.
Der von der Sünde geknechtete Geist des Menschen ruft mit dem Munde der heiligen Kirche zum Herrn: “Außer mir war ich vor Unbedachtsamkeit”, “von verderblichen Gedanken wurde ich umfangen”, “körperlichen Genüssen neigte ich mich Elender zu und wurde Knecht leidenschaftlicher Grillen”, “von deinen Geboten entfernte ich mich”, “dem bösen Dämon wurde ich hörig”, “den Reichtum, den du mir aus Gnade gegeben hast, habe ich Verfluchter, mich entfernend, unnütz und böse verschwendet”, “jetzt aber umgekehrend, rufe ich in Zerknirschung: ich habe gesündigt vor dir, nimm mich an, Allherrscher”, “mein darbendes Herz verachte nicht”, “verstoße mich nicht von deinem Angesicht”, “durch den Wind deiner liebenden Güte verwehe die Spreu meiner Taten”, “aus den Leidenschaften ziehe mich empor”, “öffne mir nunmehr deine väterliche Güte, der ich vom Bösen mich abgekehrt habe”, “habe Erbarmen mit mir, Heiland, über den Himmeln thronender Vater, der ich zu vielen deiner Wohltaten Zuflucht nehme”, “erbarme dich meiner” und “rette mich”; “siehe, Christus, den Gram meines Herzens, siehe meine Umkehr, siehe meine Tränen, Retter, und mißachte mich nicht, sondern umarme mich wieder um deiner Güte willen, mich der großen Zahl der Erretteten zugesellend, damit ich dankbar dein Erbarmen besinge”.
Indem die heilige Kirche auf diese Weise am Sonntag des Zöllner und Pharisäers den wahren Anfang der Reue setzt, bezeugt sie nun in dem Evangeliumsgleichnis ihre ganze Wirkkraft: unter der Bedingung aufrichtiger Demut und wahrer Reue ist für die Göttliche Barmherzigkeit die Vergebung der allerschwersten Sünden durch Gott möglich. Und daher darf der Sünder, wenn sich die Zeit der Reue naht, nicht an der gnadenreichen Hilfe und daran, daß ihm Erbarmung geschieht verzagen.

Kondak, Ton 3. “Deiner väterlichen Herrlichkeit unbesonnen entfliehend, habe ich in Schlechtigkeiten den Reichtum, welchen du mir gegeben hast, verschwendet; deshalb rufe ich dir zu den Schrei des Verlorenen: Ich habe gesündigt vor dir, barmherziger Vater, nimm mich, den Büßenden an und mache mich zu einem deiner Lohnarbeiter.”
Lesungen: 1 Kor 6, 12-20; Lk 15,11-32.
Der Sonntag des Verlorenen Sohnes fällt in die Zeit vom 18. Januar bis 22. Februar (alter Stil). Bei der Utrenja am Sonntag des Verlorenen Sohnes und dann am Sonntag der Fleischentsagung und an dem der Butterentsagung wird nach den Psalmen des Polyeleon “Lobet den Namen des Herrn” und “Bekennet den Herrn” noch der Psalm 136 “An den Strömen Babylons” gesungen.

Woche der Fleischentsagung
Am Samstag der Fleischentsagung, vor der Erinnerung an das Schreckliche Weltgericht (am Sonntag) , betet die heilige Kirche für die Entschlafenen, daß zusammen mit ihnen auch sie, die Gläubigen, zur Rechten des Richters stehen mögen; besonders betet sie für jene Verstorbenen, die, wie es im Synaxarion heißt, durch einen plötzlichen Tod hinweggerafft wurden, in der Fremde, im Meer, in unzugänglichen Bergen, auf Felsen, in Abgründen, an Seuchen und Hunger, im Krieg, in Feuersbrünsten, an Erfrierung, oder auf irgendeine andere Weise zugrundegingen; besonders auch betet sie für die Armen und Hilflosen, und für all jene, welchen “die gebotenen Psalmenlesungen und Gedenkstichiren nicht zuteil wurden”. Eben am Samstag, und nicht an einem anderen Tag, vor dem Sonntag der Fleischentsagung ist das Gebet für die Ruhe der Seelen vorgeschrieben, weil der Samstag seiner Zweckbedeutung als Tag der Ruhe nach der geeignetste Tag für das Gebet, daß die Entschlafenen mit den Heiligen in Frieden ruhen mögen, ist. Außerdem erinnert uns die heilige Kirche durch das heutige Gebet für die Ruhe der Entschlafenen daran, daß auch für uns das unentrinnbare Ende kommen wird und wir vor dem unparteilichen Richter stehen und geprüft werden, um uns so Furcht einzuflößen und uns für die Mühsale der nun eintretenden, der Seele heilvollen Fastenzeit geneigter zu machen.
Lesungen: 1 Kor 10,23-28; für das Totengedenken: 1 Thes. 4, 13-17, Lk 21,8-9, 25-27, 33-36 oder Jh 5,24-30.

Sonntag der Fleischentsagung oder des Jüngsten Gerichtes
Die erste Bezeichnung dieses Sonntags erklärt sich dadurch, daß mit ihm der Fleischgenuß eingestellt wird, und die zweite kommt von dem durch die Evangeliumslesung in Erinnung gebrachten allgemeinen Schrecklichen Weltgericht über Lebende und Tote, welches in dem kirchlichen Gottesdienst dieses Sonntags dargestellt wird. Indem die heilige Kirche an das Weltgericht erinnert, bewegt sie eindringlich die Sünder zur Buße und zeigt, was der eigentliche Sinn der Hoffnung auf das Erbarmen Gottes ist. Gott ist barmherzig, aber damit einhergehend ist Er auch ein gerechter Richter, der jedem nach seinen Taten vergelten wird; daher dürfen die Sünder sich nicht versehen, daß sie für ihren moralischen Wandel verantwortlich sind und die Langmut Gottes mißbrauchen. Indem uns die heilige Kirche an das Weltgericht erinnert und unsere geistigen Augen richtet auf “ewiges Feuer, höllische Finsternis und Tartarus, grimmigen Wurm, unaufhörliches Zähneknirschen, den Sünder ereilendes Leid ohne Grenzen”, “unaussprechliches Zittern und Furcht”, “die unbestechliche Folter”, “die seelenverderbende Hölle”, flößt sie uns den Gedanken über die unbedingte Notwendigkeit zur Reue und Besserung ein, über das rechtzeitige tränenvolle Gebet zu Gott, solange es noch an der Zeit und möglich ist, und in unser aller Namen ruft sie aus: “Heute der Speise entsagend, eilen wir tätlich und der Sünde gemäß, Buße zu tun”. Insbesondere ruft uns die heilige Kirche zur Menschenliebe, weil gerade diese Art von Aufopferung am ehesten für jeden möglich ist und der Zeit des Fastens und der Buße am angemessensten ist: “Die wir die Gebote des Herrn kennen, müssen so handeln: die Hungernden speisen, die Dürstenden tränken, die Nackten kleiden, die Fremden beherbergen und die Kranken und Gefangenen besuchen, auf daß der, welcher die ganze Welt richten wird, auch zu uns sagen möge: kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, erbet das Reich, welches euch bereitet ist von Anfang an”.
Kondak Ton 1. “Wann du kommst, o Gott, auf die Erde mit Herrlichkeit und das Weltall erzittert, ein Feuerstrom aber vor deinem Richterstuhle dahinzieht und die Bücher geöffnet und die Taten offenbar werden: dann errette mich aus dem nie erlöschenden Feuer und würdige mich, zu deiner Rechten zu stehen, gerechtester Richter.”
Lesungen: 1 Kor 8,8-13; 9,1-2; Mt 25,31-46.
Der Sonntag der Fleischentsagung fällt in die Zeit vom 25. Januar bis 29. Februar (alter Stil). Dieser ist der letzte Tag des Fleischgenusses.

Butterwoche
Ihre Bezeichnung erhielt diese Woche daher, daß die heilige Kirche, indem sie nach und nach die Gläubigen in die Askese des heiligen Fastens einführt, sie mit der Butterentsagung auf die letzte Stufe der vorbereitenden Enthaltsamkeit führt, nämlich durch das Verbot, Fleisch zu essen und die Erlaubnis, MIlchprodukte und Eier zu sich zu nehmen, um sie so daran zu gewöhnen, angenehmen Speisen zu entsagen und ohne Bitternis zum Fasten überzugehen. In der Volksprache wird sie Butterwoche genannt. Die heilige Kirche nennt sie “helle Wegbereitung der Enthaltsamkeit” und Anfang von “Zerknirschung und Buße”. Diese Sinngebung der Butterwoche kommt auch deutlich durch ihren Gottesdienst zum Ausdruck. Besonders in den Kanones und Stichiren wird das Fasten und seine heilbringende Wirkunge gerühmt. Im Verlauf der Woche gleicht sich dieser Gottesdienst immer mehr demjenigen der heiligen Fastenzeit an, je mehr diese näherrückt. In den heiligen Gesängen dieser Woche ruft die heilige Kirche mütterlich allen zu: “Herangenaht ist diese, vorbereitend läuternde Woche der ehrwürdigen heiligen Fasten, welche Leib und Seele klärt”, “daher eilen wir, dem bösen Werke abzusagen”, “alle mit beflissenem Herzen in den Vorhof der heiligen Fasten leuchtend eintretend, laßt uns Christus Dankeshymnen darbringen”, “es hat sich aufgetan die Tür der Reue, o Gottgeliebte: kommt herbei, tretet eilig ein, ehe Christus sie uns nicht als Unwürdigen verschließt”, “der Vorhof der göttlichen Reue hat sich aufgetan: treten wir mit Eifer herbei, den Leib gereinigt, Speise und Genüssen entsagt habend, als Knechte Christi, welcher die Welt zum himmlischen Königreich ruft”, “so wie wir uns von Fleisch und übrigen genüßlichenSpeisen abgekehrt haben, so fliehen wir auch jegliche Mißgunst dem Nächsten gegenüber, Unzucht und Lüge und alles Böse”, “mögen wir nicht den Eintritt und die Vorhöfe der Fasten durch böse Ausschweifung und Trunkenheit entweihen; sondern beflissen die Reinheit des Gemütes bewahrend, empfangen wir die Kronen der Unverweslichkeit und Früchte würdig der Mühe”.
Gebet des hl. Ephraim des Syrers: “Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist des Müßigganges, des Kleinmutes, der Herrschsucht und Schwatzhaftigkeit gib mir nicht. Gib hingegen mir, deinem Knecht, den Geist der Keuschheit, Demut, Geduld und Liebe. Ja Herr, mein König, laß mich sehen meine Fehltritte und nicht richten meinen Bruder, weil du hochgelobt bist in die Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen.”
Am Samstag der Tyrophagie wird gedacht der “ehrwürdigen Väter und Priester des Herrn, mit den heiligen Märtyrern und heiligen Frauen, die namentlich bekannt sind oder nicht”, “die hell im Werk des Fastens leuchteten und ehrwürdig wandelten”. In den Hymnen dieses Tages ruft die Heilige Kirche ihren Kindern zu: “Kommt herbei, alle Gläubigen, singend preisen wir die Chöre der ehrwürdigen Väter”, “sie schienen unseren Seelen als eine Sonne: selber glänzten sie durch die Morgenröte ihrer Wunder und Zeichen ihrer Werke in allen Weltenden” und “zum Herrn beten sie für die ganze Welt, daß wir den uralten Fluch abschütteln und der Pein entgehen mögen”. Die heilige Kirche lobsingt diesen heiligen Gottgefälligen und im Namen ihrer Kinder ruft sie ihnen zu: “Wer von den Erdgeborenen könnte euer wundersames Leben ausdrücken, Väter des Erdkreises? Wessen Sprache könnte eure im Geist geheiligten Opferleistungen und eure schweißvollen Mühen aussprechen? Die Leiden der Tugenden, die Auszehrung des Fleisches, der Kampf mit den Leidenschaften, in Nachtwachen, in Gebeten und in Tränen? Ihr erschient wahrhaft wie Engel in der Welt, warft selbst die dämonischen Kräfte vollkommen nieder und vollbrachtet wunderbare und herrliche Zeichen; deshalb betet mit uns, ihr Allseligen, geleitet uns zur immerwährenden Freude”. Gleichzeitig ruft die heilige Kirche in Anbetracht der auf diesen Sonntag fallenden Erinnerung an das Schreckliche Weltgericht uns zu: “Wollen wir uns läutern, Brüder, von allem Schmutz des Fleisches und des Geistes, die Kerzen unserer Seelen laßt uns entzünden mit der Armenliebe; verzehren wir uns nicht gegenseitig in Verleumdungen: so naht die Zeit heran, wenn der Bräutigam kommt, um allen nach ihren Werken zu vergelten; gehen wir ein zu Christus mit den klugen Jungfrauen, während jene Stimme des Schächers zu Ihm ausrufen wird: erbarme dich unser, o Herrn, wenn du in dein Königreich kommst”.
Kondak, Ton 8: “Als Prediger der Frömmigkeit, und Niederringer der Verkommenheit hast du die Versammlung der gottragenden Väter erfunden: durch ihre Gebete im Frieden vollkommen, bewahre uns, die wir dich rühmen und preisen und dir, o Herr, Halleluja lobsingen”.
Lesungen: (für den Tag) Röm 14,19-26; (für die Väter) Gal 5,22-26; 6,1; (für den Tag) Mt 6,1-13; (für die Väter) Mt 11,27-30.

Sonntag der Butterentsagung
In dieser Woche ruft uns die heilige Kirche die Vertreibung der Ureltern aus dem Paradies wegen ihres Ungehorsams und ihrer Unenthaltsamkeit ins Gedächtnis, um uns durch dieses Mißgeschick anschaulich die ganze Wichtigkeit der bevorstehenden Askesezeit und den Verlust der paradiesischen Seligkeit als ein der Reue und der Tränen wertes Ereignis vor Augen zu führen. Das Beispiel der Ureltern zeigt uns die ganze Schwere der Sünde und ihre verderblichen Folgen und lehrt uns die Unenthaltsamkeit zu fliehen als den Anfang und die Quelle aller Sünden und uns der Reue zuzuwenden als dem einzigen Mittel, dem Zorn und Gericht Gottes zu entgehen: “Hinausgestoßen ward Adam aus des Paradieses Wonne wegen der bitteren Speise, indem er in Unenthaltsamkeit das Gebot des Herrn nicht hielt, und ward verurteilt zu bearbeiten die Erde, aus der er selbst genommen war, mit vielem Schweiße aber sein Brot zu essen. Deshalb wollen wir die Enthaltsamkeit lieben, auf daß wir nicht, wie jener, weinen müssen außerhalb des Paradieses, sondern in dasselbe eingehen mögen”; “fastend wollen wir Tränen, Zerknirschung und Almosen darbringen”; “ die Begehrlichkeit der Seele wollen wir stillen, die Leidenschaften des Fleisches vertreiben”; “gürten wir uns mit dem edlen Opfermut des Fastens” und “die allmächtige Waffe des Kreuzes erhebend, treten wir dem Feind entgegen, den Glauben haben wir als unzerstörbare Mauer und als Schild das Gebet, als Helm die Mildtätigkeit, als Schwert das Fasten, welches alles Böse aus dem Herzen vertilgt”; “die Fastenzeit beginnen wir lichte und schicken uns an zu den geistlichen Mühen”; “siehe da, die angenehme Zeit, siehe da, die Zeit der Buße: lasset uns ablegen die Werke der Finsternis und uns bekleiden mit den Waffen des Lichtes, auf daß wir, durchschiffend den großen Strudel des Fastens, gelangen mögen zu der nach drei Tagen erfolgten Auferstehung unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, der da erlöset unsere Seelen.” Mit dieser ihrer ergreifenden und rührenden Stimme ruft uns die heilige Kirche als ihren Kindern zu, von dem heutigen Tag an alles zu vergessen, was bisher unsere Gedanken und Gefühle beschäftigte und sie von dem “einzigen was nottut” abhielt”; sie ruft uns zu, alles von uns zu weisen, was als Verlockung und Anlaß zur Sünde diente, was unreine Gedanken und Gefühle in uns wachrief, was sündige Begierden und Absichten in uns zeitigte; sie ruft uns auf, für eine gewisse Zeit sogar die üblichen Werke und Beschäftigungen abzulegen, soweit sie unsere Gedanken von der andächtigen Versenkung in uns selbst abziehen, unser Herz in Gefühlen von Zorn und Neid aufwiegeln und uns von Ehrgeiz und Gewinnsucht phantasieren lassen; sie ruft uns auf, wir mögen in uns den Wunsch nach ausgedehnten Gebetsnachtwachen entstehen lassen, vermehrten Gebeten und dem Beugen der Knie; wir mögen willig und beflissen einen unbeugsamen Wunsch entfachen, und indem wir dem Herrn danken und Ihn preisen mögen wir durch die sich nun auftuenden Tore des rettenden Fastens, der Reue und der geistlichen Enthaltsamkeit zu schreiten; wir mögen in uns die feste Entschlossenheit entzünden, daß wir in die heiligen Tage des Fastens mit Eifer, Ehrfurcht und frohem Mut eintreten.
In den Evangeliums- und Apostellesungen legt die heilige Kirche ihre endgültigen Lehren hinsichtlich des eigentlichen Fastens dar. Die Fastenzeit muß damit beginnen, den Menschen ihre Sünden zu vergeben und sich von den Werken der Finsternis abzuwenden, sie verlangt eine ungeheuchelte Erfüllung der Fastenregeln und eine tadellose Haltung dem Nächsten gegenüber. Die Versöhnung mit allen, die Vergebung und der Nachlaß ihrer Verfehlungen uns gegenüber ist die erste, hauptsächliche und und unerläßliche Bedingung unserer Versöhnung mit Gott, unserer Reinigung und Rechtfertigung von den Sünden. Ohne diese Versöhnung mit allen, ohne diese Tilgung der gegenseitigen Beleidigungen und der Feindschaft untereinander darf man nicht zum Hernn herantreten, darf man nicht den heiligen Kampfplatz des Fastens und der Reue betreten. Daher kommt der Brauch der orthodoxen Christen, sich gegenseitig um Verzeihung zu bitten, ebenso wie der Brauch, sich mit eben demselbem Ziel zum Grab der Verstorbenen zu gebeben, weshalb dieser Tag in der Volksprache die Bezeichnung Vergebungs- und Versöhnungstag trägt.
Es versteht sich von selbst, daß nicht nur unsere Lippen, sondern vornehmlich unser Herz die gänzliche, vollkommene Vergebung aussprechen muß, und nicht nur jenen, die uns durch irgend etwas gekärnkt haben, sondern auch allen, die uns hassen und uns beleidgen, allen die uns verurteilen und verleumden, allen, die uns Böses zufügen; man muß versuchen, in wahrhaft christlicher Demut auch jene zur Versöhnung zu bewegen, die uns wegen ihrer Bosheit und der Einwirkung des Teufels unglücklicherweise durch Wort und Tat kränkten.

Kondak, Ton 6: “Wegführer der Weisheit, Urheber des Verstandes, Erzieher der Unverständigen und Beschützer der Armen, unterweise mein Herz, Gebieter! Gib du mir das Wort, du Wort des Vaters, denn siehe, meine Lippen lassen nicht ab, zu dir zu schreien: Barmherziger, erbarme dich meiner, der ich falle.”
Lesungen: Röm 13,11; 14,4; Mt 6,14-21.
Mit diesem Tag (nämlich mit dem Sonntag der Butterentsagung, dem Vorabend des Montags) endet der Genuß von Milchprodukten, Eiern und Fisch, weshalb dieser Sonntag auch derjenige der Butterentsagung genannt wird, d.h. der Verzicht auf Käse und Butter und Milch.

 

Fortsetzung aus Bote 1995, 1

II. Die heilige vierzigtägige oder Große Fastenzeit
Die alten christlichen Schriftsteller bezeugen einstimmig, daß das Fasten der heiligen Vierzigtage von den Aposteln eingesetzt wurde zur Erinnerung an das vierzigtätige Fasten des Moses (Ex. 34), des Elias (3. Kön. 19) und vor allem nach dem Vorbild Christi selbst, der vierzig Tage lang fastete (Mt. 4,2). Die heilige große Fastenzeit ordneten die frühen Christen der Gedenkzeit an die Passion des Erlösers zu, indem sie nämlich diesen Passionstagen vorgriffen, um nach Kräften Seine Selbstentsagung und Selbstverleugnung nachzuahmen und durch diese ihre Opfer der Entsagung ihre lebendigste Anteilnahme und Liebe zum Heiland, welcher für die Welt gelitten hat, auszudrücken, und um sich beizeiten sittlich zu läutern für die Zeit des feierlichen Gedenkens der Leiden Christi und Seiner glorreichen Auferstehung. Eben die Bezeichnung “heilige Vierzigtage” trifft man sehr häufig in alten schriftlichen Zeugnissen mit der Angabe des Zweckes ihrer Einrichtung. “Die Vierzig-Tage-Zeit vernachlässigt nicht”, schrieb der Hl. Ignatios der Gottesträger in der Botschaft an die Philipper: “sie stellt eine Nachahmung des Wandels Christi dar”. Der Hl. Ambrosius von Mailand spricht noch deutlicher: “Der Herr heiligte uns durch Sein vierzigtägiges Fasten; dies vollbrachte Er zu unserer Errettung, um uns das Fasten nicht nur durch Worte, sondern auch durch Vorbild zu lehren”. Die hll. Basilios der Große und Gregorios von Nyssa bestätigen, daß das Fasten der heiligen Vierzigtage zu ihrer Zeit überall geläufig war. In den Aposteldekreten (im Jahre 69) gilt die heilige Fastenzeit als Pflicht und ihre Nichteinhaltung unterliegt strenger Bestrafung. Als unbestreitbares Zeugnis für die Antizität dieses Fastens dient auch der Osterfestkreis des Hl. Hyppolitos (3. Jh.), der auf seiner Kathedra eingraviert ist und einen Hinweis auf den uralten Brauch, daß das Fasten der Vierzigtage an Sonntagen ausgesetzt wird, enthält. Gemäß all dieser Traditionen der heiligen Apostel hat unsere heilige Kirche im Namen ihrer Repräsentanten, Väter und Lehrer stets das Fasten der heiligen Vierzigtage als eine Einrichtung aus apostolischen Zeiten betrachtet. Noch der Hl. Hieronymos sprach im Namen aller Christen seiner Zeit: “fasten wir vierzig Tage lang nach der apostolischen Überlieferung”. Der Hl. Kyrillos von Alexandria erinnert öfters in seinen Schriften daran, daß das Vierzigtagefasten übereinstimmend mit der apostolischen und evangelischen Überlieferung als heilig betrachtet werden sollte. Das Fasten der heiligen Vierzigtage wurde dennoch in der alten Kirche nicht immer zu genau demselben Zeitpunkt beachtet, sondern hing von der nicht einheitlichen Zählung der Fastentage und der Nichtfastentage ab. Angefangen vom 3., ja sogar bis zum 11. Jh., gibt es klare Zeugnisse der hll. Väter, daß die heilige “Tesserakoste” 40 Tage lang vorgeschrieben war. Der Hl. Irinaios schrieb über die Christen, daß diese 40 Tage lang fasten. Im 3. Jh. wird dasselbe von Origenes bestätigt. Im 4. Jh. kam in den Kirchen des Orients die noch jetzt gültige Ordnung auf, das Fasten der heiligen Vierzigtage vom Montag nach dem Sonntag der Tyrophagie bis zum heiligen und großen Samstag einzuhalten, worin auch das Fasten der Passionswoche inbegriffen ist. Die hll. Väter Kyrill von Jerusalem, Gregor der Theologe, Johannes Chrysostomos, Ambrosius von Mailand, der selige Augustinus und andere, sie alle reden einstimmig von der heiligen “Tesserakoste” als von einer vierzigtagelangen Fastenzeit, worin sie eine allgemeine Einrichtung der heiligen Kirche sehen. Das Fasten der heiligen Vierzigtage wird das Große genannt, sowohl wegen der Anzahl der Tage, als auch ob seiner besonderen Wichtigkeit und Bedeutung für die orthodoxen Christen. “Je mehr – so lehrt der selige Augustinus – dieTage des Fastens, um so größer die Heilwirkung; je ausgedehnter der Kampf der Enthaltsamkeit, desto reicher der Heilgewinn. Gott, der Arzt unserer Seelen setzte eine günstige Zeit fest: für die Gottesfürchtigen zum Lobpreis, für die Sünder zum Gebet, für die einen Ruhe zu suchen, für andere um Vergebung zu flehen. Günstig ist die Zeit der Vierzigtage, nicht zu kurz zum Lobpreis, noch zu lang, um Gott zur Barmherzigkeit zu bewegen. Heilig und heilsam ist der Kampfplatz der Vierzigtage, wodurch der Sünder durch Reue zum Erbarmen bewegt wird und der Fromme zu Frieden gelangt. In diesen Tagen wird die Gottheit besonders zum Erbarmen geneigt, alle Mängel aufgehoben und die Frömmigkeit belohnt”. Nach der Lehre des Hl. Asterios von Amasiya ist die heilige Vierzigtagezeit eine “Lehrerin der Mäßigung, eine Mutter der Tugend, eine Erzieherin der Kinder Gottes, eine Wegweiserin der Liederlichen, die Stille der Seelen, die Stütze des Lebens, der feste und unerschütterliche Frieden; ihre Strenge und Gewichtigkeit läßt die Leidenschaften ersterben, löscht Zorn und Wut, kühlt und besänftigt jede durch Unmäßigkeit entstandene Erregung des Blutes”. “Die heiligen Väter – so lehrt der Hl. Johannes Chrysostomos – setzten das vierzigtätige Fasten an, damit in diesen Tagen die Menschen sich sorgfältig durch Gebet, Fasten und Bekennen ihrer Sünden läutern und mit reinem Gewissen zur heiligen Kommunion schreiten mögen”. Nach der Lehre des ehrwürdigen Dorotheos “gab Gott diese heiligen Tage darum: wenn jemand mit Andacht und demütiger Gesinnung auf sich hält und seine Sünden bereut, wird er von den Verfehlungen gereinigt, die er im Verlauf des ganzen Jahres begangen hat; dann wird seine Seele von der Last befreit, und auf diese Weise tritt er in geläutertem Zustand dem heiligen Tag der Auferstehung entgegen und ungerichtet empfängt er die heiligen Geheimnisse, denn durch die Reue ist er in diesem heiligen Fasten zu einem neuen Menschen geworden”.
Die Gottesdienste der heiligen Vierzigtage bieten uns einerseits einen ständigen Ansporn zum Fasten und zur Reue und andererseits schildern sie die Verfassung der reumütigen und über ihre Sünden weinenden Seele. Dieser allgemeinen Sinngebung der Fastengottesdienste entspricht auch ihre äußere Form. Die heilige Kirche verzichtet in ihren Gottesdiensten auf alle Feierlichkeit. Und vor allem vollzieht sie den eigentlich festlichsten aller christlichen Gottesdienste – nämlich die volle Liturgie nicht an den Tagen des Großen Fastens, ausgenommen Samstag und Sonntag; statt dessen ist für Mittwoch und Freitag (Laodizea 19, Trullanum 52) die Liturgie der vorgeweihten Gaben (s. unten) vorgeschrieben. Die Struktur anderer kirchlicher Gottesdienste wird von der heiligen Kirche dieser besonderen Zeit angemessen ebenfalls geändert. Sie stellt den Gesang als Ausdruck einer frohen Gemütsverfassung fast gänzlich ein und gibt den Lesungen vorrangige Bedeutung. Die Auswahl der Lesungen selber paßt sie auch dieser Zeit an. So versagt die heilige Kirche den Gläubigen die freudige Verkündigung des Evangeliums Christi und schreibt dafür Lesungen aus dem alttestamentlichen Wort Gottes vor. Besonders ausgedehnt macht sie von dem Psalter Gebrauch, welcher vornehmlich einen gebetsvollen und reumütigen Geist erweckt; der ganze Psalter wird zweimal jede Woche rezitiert. Es werden auch die Drohreden des Propheten Jesajas gelesen, welche die Frevler bloßstellen und die Hoffnung der Reumütigen stärken; es werden Stellen aus dem Buch Genesis gelesen, in denen die Erschaffung und der Sündenfall des Menschen beschrieben und einerseits die schreckliche Manifestation des Zornes Gottes über die Ruchlosen, andererseits Sein Erbarmen über die Gerechten geschildert wird; es werden schließlich ziemlich häufig Lektionen aus dem Buch der Sprüche Salomons gelesen, wo die Weisheit Gottes uns zu echter Erleuchtung ruft und uns himmlische Weisheit vermittelt. In allen kirchlichen Gottesdiensten betet die heilige Kirche das Gebet des Hl. Ephraim des Syrers, dessen Sinn ist, daß der Herr den Geist des Müßigganges, des Kleinmutes, der Herrschsucht und der Schwatzhaftigkeit von uns nehme, und uns den Geist der Keuschheit, der Demut, der Geduld und der Liebe schenke. Ebenso oft wird das Gebet des reumütigen Davids “erbarme Dich meiner, o Gott, erbarme Dich” und der Ausruf des einsichtsvollen Schächers “erbarme Dich meiner, o Herr, wenn Du in Dein Königreich kommst” wiederholt. Alle Gottesdienste des Großen Fastens erfolgen sachte, langsam und mit größter Ehrfurcht. Die Leuchter werden nur in begrenzter Anzahl entzündet, die königlichen Tore öffnen sich selten, die Glocken werden nur wenig und selten geläutet, die in der Kirche Anwesenden werden zu häufigen und vollen Verbeugungen aufgerufen, zum Niederknien und Niederfallen. Durch die äußere Gestaltung, durch die Atmosphäre und den besonderen Charakter dieser Gottesdienste lehrt uns die heilige Kirche, daß es auch in dem inneren Tempel unserer reuigen Seele keinen Anlaß zu Freude und Frohlocken geben darf, sondern nur zu Demut und Kummer, zu Wehklagen über die Sünden. Endlich verbindet die heilige Kirche die täglichen kirchlichen Gottesdienste, nämlich die dritte, sechste und neunte Stunde mit dem Abendgottesdienst, um die Zeit anzuzeigen, bis zu der das tägliche Fasten dauern muß. Überhaupt richtet die heilige Kirche mit mütterlicher Fürsorge alles weise daraufhin aus, daß wir, während wir strenge Enthaltsamkeit in der Speise üben, die ganze Zeit dieser “seelenfrommenden Vierzigtage” Gott und der Sorge um unser Seelenheil weihen, uns nach Möglichkeit von den üblichen irdischen Angelegenheiten und Aktivitäten, von der Geschäftigkeit und den Vergnügungen des Lebens freimachen, und einen vergleichsweise größeren Teil unserer Zeit als sonst der Gewissenserforschung, der sittlichen Besserung, der Gottesbetrachtung und dem kirchlichen Gottesdienst zukommen lassen; damit wir diese Zeit nutzen als eine günstigste zur Läuterung im Mysterium der Buße von allen Sünden, die wie eine schwere Last auf unserer Seele liegen und das Bild Gottes in uns verdunkeln, um uns dann, mit bereits gereinigtem Gewissen, im Mysterium der Kommunion mit dem Herrn Selber, der Quelle aller Freude, allen Glückes und der ewigen Erlösung zu vereinigen; damit wir schließlich würdig “die der Seele frommende Vierzigtagezeit vollendet habend” im Frieden mit Gott, mit dem Nächsten und mit unserem Gewissen, licht und froh, mit lauterer Seele und mit offenem Herzen der “großen und heiligen Woche” der Passion Christi und “Seiner lichten Auferstehung” entgegengehen mögen.
Die Weise der Einhaltung des Fastens der heiligen Vierzigtage ist von alters her festgesetzt. Die frühen Christen beachteten dieses Fasten mit besonderer Strenge und enthielten sich sogar bis zur neunten Stundes des Tages (3 Uhr nachmittags) des Trinkens von Wasser. Speise nahmen sie erst nach der neunten Stunde zu sich, wobei sie Brot und Gemüse verwendeten, auf Fleisch und auf Wein verzichteten, auch auf Käse und Eier, sogar samstags und sonntags. Eine Ausnahme von dieser Ordnung wurde nur im äußersten Notfall zugelassen. Die strenge Einhaltung des Fastens wurde samstags und sonntags gelockert, sowie am Fest der Verkündigung (falls es in die heilige Fastenzeit fiel), also anTagen, an denen die volle Liturgie zu zelebrieren war, aber es wurde nicht gemildert, wenn Feste zu Ehren von Heiligen auf Werktage fielen und deren Begehung wurde dann auf den Samstag oder Sonntag verschoben.

Die erste Woche
Die erste Woche der heiligen Vierzigtage stellen “die Eingangstage des heiligen Fastens” dar. Die heilige Kirche fordert in dieser Woche ihre Kinder auf, die “allehrwürdige Enthaltsamkeit” anzutreten, “dem Herrn mit Ehrfurcht” zu dienen, “zu fasten auf eine Weise, welche angenehm und wohlgefällig ist dem Herrn”, nicht nur “körperlich”, sondern auch “geistlich” zu fasten, den Zweck und die Bedeutung des “allehrwürdigen Fastens” zum Vorschein zu bringen. “Es kam herbei – singt die heilige Kirche in ihren Gesängen – die Fastenzeit, die Mutter der Keuschheit, die Anklägerin der Sünde und Mahnerin zur Buße, die Lebensweise der Engel und die Erlösung der Menschen”; “Moses ward durch dasselbe verherrlicht und empfing die Gebote in Schrift auf Tafeln”, “Elias verschloß fastend die Himmel”, “Fasten befreite die Jünglinge aus dem Feuerofen”, und “den Propheten Daniel aus der Löwengrube”. Wir, die wir “die feste Waffe des Fastens als Schild haben, wenden alle feindlichen Ränke der Verführung ab, versengen uns nicht durch den Genuß der Leidenschaften, noch fürchten wir das Feuer der Versuchung”, “rein erscheinen wir vor dem reinen und einzig von allen Reinheit fordernden Retter unserer Seelen”; “licht geworden durch die göttlichen Tugenden, erblicken wir im Glauben die hellstrahlenden Leiden des Erlösers”; “laßt uns empfangen von Christus, unserem Gott, große Barmherzigkeit”. Gleichzeitig damit erläutert die heilige Kirche auch eingehend das Wesen echten Fastens als ein wirksames Mittel zur Befreiung von Sünden, als die Grundlage der Reue, als den Beginn der Umkehr des Menschen zu Gott. Nach der Lehre der heiligen Kirche ist “wahres Fasten die Entfremdung von bösen Taten, die Beherrschung der Zunge, die Enthaltung von Zorn, die Abkehr von Begierden, Verleumdung, Lüge und Meineid: das Minderwerden dieser Dinge ist wahres und edles Fasten”. Daher lädt die heilige Kirche ihre Kinder zur echten Buß- und Fastenaskese ein und singt: “In das lichte Gewand des Fastens kleiden wir uns, die dunklen und vom Übel lastenden Kleider der Trunkenheit legen wir ab”, “die Reinheit wollen wir lieben, die Unzucht fliehen, in Keuschheit gürten wir uns die Lenden”, “waschen wir unser Gesicht mit dem Wasser der Gelassenheit”, “lasset uns daher lösen eine jede Verstrickung der Lüge, zerreißen jeden ungerechten Schuldschein, den Hungernden Brot geben, und den obdachlosen Armen eine Zufluchtstätte bieten”; “die allehrwürdige Enthaltsamkeit wollen wir eifrig beginnen, leuchtend durch die Strahlen der heiligen Gebote Christi, unseres Gottes, das Licht der Liebe, den Glanz des Gebetes, die Reinheit der Unschuld, die Kraft der Standhaftigkeit”. In den ersten vier Tagen der ersten Woche des Großen Fastens wird im Spätabendgottesdienst der große Bußkanon des Hl. Andreas von Kreta gelesen, zu dem am Mittwoch und Donnerstag Tropare zu Ehren der ehrwürdigen Maria von Ägypten hinzugefügt werden. Der Kanon des Hl. Andreas, wie im Synaxarion angezeigt, “lehrt jede Seele, all dem dort verkündeten Edlen nachzueifern und es nach Kräften nachzuahmen, allem Bösen jedoch zu entfliehen und immer zu Gott zu eilen in Reue, Tränen, Sündenbekenntnis und allem was Ihm wohlgefällt.” Die Tropare zu Ehren der Hl. Maria von Ägypten lehren uns, nicht zu verzweifeln, “selbst wenn wir einst in Versündigungen verstrickt waren”. Der Kanon des Hl. Andreas wird der Große genannt wegen der Vielzahl der Ideen und Gedanken, welche der fruchtbare Dichter in ihn einbrachte, und ebenso weil er mehr Tropare beinhaltet als jeder andere Kanon; denn andere Kanones haben um die 30 Tropare, dieser aber an die 250. Auf die ersten vier Tage der ersten Fastenwoche wird der Kanon des Hl. Andresas in 4 Teile geteilt, wobei jeden Tag ein Teil gelesen wird.
Kondak (nach dem 6. Irmos des Großen Kanon). “Meine Seele, meine Seele, stehe auf, was schläfst du? Das Ende nahet, und du wirst betrübt werden; wache daher auf, auf daß deiner schone Christus, der Gott, der Allgegenwärtige und Alles Erfüllende.”
Samstag der ersten Fastenwoche. An diesem Tag gedenkt die heilige Kirche des Hl. Theodor von Tyron “des großen Märtyrers, des hellen Leidensdulders, des Berühmten und durch Wunder Verherrlichten, des in allen Enden der Welt Gefeierten”. Dadurch gibt die heilige Kirche den Gläubigen zu verstehen, daß das Fasten Gott wohlgefällig ist und daß die Fastenden unter dem besonderen Schutze Gottes stehen. Zum Tisch am Sabbath der ersten Fastenwoche “essen wir gekochte Bohnen, mit grünen und schwarzen Oliven und mit Öl gekochte Speisen; Wein genießen wir einen Becher um des Heiligen willen. Diese Regel empfingen wir aus der Lavra des Hl. Sabbas und von unserem gottragenden Vater Euthymios”. An allen Samstagen des Großen Fastens, ausgenommen den heiligen und großen Sonnabend, findet die Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos statt; sonntags jedoch, außer am Palmsonntag, wird die Liturgie des Hl. Basilios des Großen zelebriert.

Erster Sonntag der Großen Fastenzeit
An diesem Tag gedenkt die heilige Kirche des Sieges der Orthodoxie über die Häretiker, deshalb wird dieser Sonntag auch der “Sonntag der Orthodoxie” genannt. Nach der Erläuterung des Synaxarions wird an diesem Tag “die Wiedererrichtung der heiligen und ehrwürdigen Ikonen” gefeiert, welche in der Mitte des 9. Jh. (842) “durch den Hl. Michael (den byzantinischen Kaiser), der Hl. Theodora, die selige Kaiserin und den Hl. Methodios, den Patriarchen von Konstantinopel” erfolgte. Dieses Fest wurde aus Anlaß des endgültiges Sieges der heiligen Kirche über die Häresie des Ikonoklasmus eingerichtet. In den Gesängen dieses Tages verherrlicht die heilige Kirche die heiligen Ikonen sowie die Eiferer der Ikonenverehrung, und indem sie uns die Verpflichtung zur Ikonenverehrung bekräftigt, singt sie: “Ein freudiger Tag, von Frohlocken erfüllt erschien uns heute: hell leuchtet das wahrste Dogma, und die Kirche Christi erstrahlt geschmückt durch die wiedererrichteten heiligen Ikonen und den Glanz der heiligen Darstellungen, und Gott gefällige Einmütigkeit herrschet unter den Gläubigen”; “heute scheint der helle Glanz der Frömmigkeit allen, sie verjagt den Trug des Frevels wie Wolken, und erleuchtet die Herzen der Andächtigen: kommt herbei, fallt nieder, verneigt euch in weiser Ehrfurcht vor den ehrwürdigen Christus-Ikonen der Orthodoxie”, “wollen wir uns ehrerbietig verneigen vor den heiligen Bildern Christi und der Allreinsten Gottesmuter und aller Heiligen, dargestellt an Wänden, auf Holztafeln und Weihegefäßen, und den ruchlosen Glauben der Verrufenen von uns weisen”. Aber da das Dogma der Ikonenverehrung eng verbunden ist mit dem ganzen System christlicher Dogmatik und der Sieg über den Ikonoklasmus nicht nur ein Sieg der heiligen Kirche zugunsten des frommen Brauches der Ikonenverehrung war, sondern geradezu ein Sieg der Orthodoxie (d.h. jener religiösen Wahrheit, welche in der Achtung der geheiligten Darstellungen einen lebendigen und anschaulichen Ausdruck findet), und da die heilige Kirche zum Zeitpunkt des Sieges über den Ikonoklasmus endgültig im Kampf mit den verschiedenen Häresien in den Kanones der sieben Ökumenischen Konzilien die orthodoxe christliche Lehre geklärt und definiert hatte, wird das heute gefeierte Ereignis nicht Sieg der Ikonenverehrung, sondern Triumph der Orthodoxie genannt. Das soll nicht etwa heißen, daß ab dem 9. Jh. keine Häresien mehr auftauchten oder auftauchen würden; sondern es bedeutet, daß alle folgenden Häresien, wie zahlreich und vielgestaltig sie auch sein mochten, in den Definitionen der sieben Ökumenischen Konzilien bereits ihre Entlarvung und Widerlegung finden.
Der Sieg der Orthodoxie wurde in der Byzantinischen Kirche anfänglich am 1. Sonntag des Großen Fastens gefeiert, also ist die Begründung des heutzutage begangenen Triumphes der Orthodoxie historisch. Gleichzeitig beabsichtigt die heilige Kirche durch die feierliche Begehung dieses Tages denjenigen, welche gemäß den Maximen des Glaubens und der Frömmigkeit die Fastenmühe auf sich nehmen, eine große Tröstung zu gewähren: sie bestätigt deren lebendige Gemeinschaft des Glaubens und des Lebens mit ihr, der Kirche, und sieht darin die Grundlage, um für sie vor Gott Fürbitte zu leisten. Nach Beendigung der Liturgie ist vorgeschrieben, an diesem Tag einen besonderen Ritus der Orthodoxie zu feiern, der auf den Hl. Methodios zurückgeht. Bereits diejenigen, welche die Verehrung und Anbetung der heiligen und ehrwürdigen Ikonen wiederherstellten, setzten fest, daß “dieser heilige Triumph alljährlich gefeiert werden muß, damit wir niemals wieder in diesen Frevel (den Bildersturm) verfallen mögen” (Synaxiarion). Aus dem byzantinischen Raum gelangte dieser Ritus der Orthodoxie zusammen mit dem Christentum auch in die Russische Kirche.
Tropar, s.16. Aug. Kondakion Ton 8: “Das unbegrenzte Wort des Vaters ward, indem es aus dir, Gottesgebärerin, Fleisch wurde, umgrenzt, und vermischte das befleckte Bild, indem es sich in den ursprünglichen Zustand zurückbildete, mit göttlicher Schönheit: indem wir die Erlösung bekennen, lasset uns durch dieselbe Tat und Wort verwirklichen.”
Liturgie dies Hl. Basilios des Großen.
Lesungen: Hebr. 11,24-26; 12,2; Jh. 1,43-51.
Gemäß der Festlegung des Heiligen Synods vom 2/4. April 1902 muß in den Kloster-, Stadt- und Dorfkirchen am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit “das Moleben für die Umkehr der Verirrten, zu singen am Sonntag der Orthodoxie und zu anderen Anlässen” zelebriert werden. An diesem Sonntag wird für die Ausbreitung des Christentums im Russischen Imperium gesammelt.
Am ersten Sonntag der Großen Fastenzeit wird in den Kathedralkirchen von dem jeweiligen Hierarchen (Erlaß des Heiligen Synods von 1767) nach der Lesung der Stunden und vor dem Ende der Liturgie in der Mitte der Kirche vor den Ikonen des Heilands und der Muttergottes der Ritus der Orthodoxie zelebriert.
“Zum Tisch essen wir mit Öl Gekochtes, aber keinen Fisch; gegebenenfalls trinken wir auch Wein,angeordnet zur Ehre Gottes, je zwei Becher; ebenso am Abend zwei.”

 

Fortsetzung aus Bote 1995, 2

Das Blumentriodion enthält Gebete, welche die Auferstehung Jesu Christi und Ereignisse, die nach der Auferstehung Christi stattfanden, verherrlichen. Darin befinden sich vor allem die Gottesdienstfolgen für die Ostertage, in denen die Auferstehung Jesu Christi gefeiert wird. Aber da der Herr nach Seiner Auferstehung vierzig Tage hindurch seinen Jüngern erschien und mit ihnen vom Reiche Gottes redete (Apg 1,3), wird die Auferstehung Christi in den kirchlichen Gottesdiensten (wenn auch etwas weniger feierlich) noch nach der Lichten Woche bis zum Ablauf von 40 Tagen, d.h. bis zur Himmelfahrt des Herrn, besungen. Damit ist die Zeit der Verwendung des Blumentriodions jedoch noch nicht zu Ende. Während die Kirche vierzig Tage die Auferstehung des Herrn feiert, bereitet sie gleichzeitig die Gläubigen zur Feier der Herabkunft des Heiligen Geistes auf die Apostel vor und setzt für dieses Fest besondere Tage fest. Daher kann man der Besonderheit der Gottesdienste entsprechend die ganze Periode der Verwendung des Blumentriodions in drei Teile einteilen: 1) Osterwoche, 2) die Wochen nach Ostern, vom Thomas-Sonntag bis zur Abgabe von Ostern und 3) die Wochen von der Abgabe von Ostern bis zum Sonntag Allerheiligen. Aus dieser Bedeutung erklärt sich auch die weitere Bezeichnung des Blumentriodions als “Pentekostarion” (50 Tage Zeitraum). Blumentriodion heißt es entweder, weil es einstmals die Gottesdienstfolge der Hohen und Heiligen Woche und des Palmsonntags, welcher auch der “blumentragende” genannt wird, miteinbegriff, oder, weil der Beginn seiner Verwendung mit dem Beginn des Frühlings, der Zeit der Blüten, die als ein herrliches Symbol der geistigen Schönheit und künstlerischen Gestaltung der Gesänge des Blumentriodions benutzt werden können, zusammenfällt. Die Gesänge des Blumentriodions sind ebenso wie das Fastentriodion das Werk vieler Dichter, von denen einige namentlich nicht erwähnt sind, während die bekannten dem 5. - 7.Jh. angehören. Die berühmtesten der Hymnen des Blumentriodions gehen auf den Hl. Johannes von Damaskus zurück. Die Zusammenstellung der Gesänge in einem Buch wird denselben Dichtern zugeschrieben, welche das Fastentriodion verfaßten. Die Vervielfältigung und Gestaltung des Buches kann dem 9. Jh. zugeschrieben werden.

A. Pascha

Lichte Auferstehung Christi. Weder der große Stein, welcher durch die Mühe des ehrbaren Joseph von Arimathea vor die Tür des Grabes Christi gerollt wurde, noch das Siegel, das die Feinde Christi in ihrer Bosheit dem Stein aufgedrückt hatten, noch die Kriegerwache, die sie beim Grabe des Lebenspenders aufgestellt hatten, nichts konnte den allreinen Leib des Herrn im Grabe halten. Der genaue Augenblick der wunderbaren Auferstehung des Herrn wird im heiligen Evangelium nicht bekanntgegeben. Die erste Kunde über die Auferstehung hörten die heiligen Myronträgerinnen von dem Engel, der am Grabe des Herrn saß. Die Erscheinung des Engels, welcher den Stein von der Tür des Grabes wegrollte, ging mit einem Erdbeben einher, welches die wachhabenden Krieger in solchen Schrecken versetzte, daß sie vom Grabe flohen und unfreiwillige Zeugen der Auferstehung Jesu vor seinen Feinden wurden. So wie die Nachricht über die glorreiche Auferstehung Christi zuerst den heiligen Myronträgerinnen von dem Engel verkündet wurde, so war es eine Myronträgerin, nämlich Maria Magdalena, welche als erste die Erscheinung des auferstandenen Herrn hatte und dann erst die übrigen Myronträgerinnen. “Die Frau, – so lehrt der Hl. Gregor der Theologe, – empfing zuerst die Lüge aus dem Munde der Schlange, und wiederum war es die Frau, welche als erste von den Lippen des auferstandenen Herrn Selbst die erste freudvolle Kunde hörte: Sie, deren Hand das tödliche Gift anrührte, reichte nun den Kelch des Lebens”. Nachdem der auferstandene Herr den Myronträgerinnen erschienen war, erschien Er am selben Tag dem Apostel Petrus, dann den zwei nach Emmaus ziehenden Aposteln, und am selben Abend noch elf Aposteln, die in einem Raume, dessen Türen aus Furcht vor den Juden verschlossen waren, zu Tische saßen. Das Fest der Auferstehung Christi wird Pascha genannt (von dem hebräischen Wort pesach, was bedeutet: geht vorüber) nach der Bezeichnung des alttestamentlichen Festes, das zum Gedenken an die Errettung der Hebräer aus der ägyptischen Knechtschaft eingerichtet worden war. In Übereinstimmung mit dem an diesem Fest gedachten Ereignis, nämlich der Auferstehung Christi, erhielt der Name Pascha in der christlichen Kirche einen besonderen Sinn und bezeichnet das Hinübergehen vom Tod zum Leben, von der Erde zum Himmel. “Das Wort Pascha, – sagt der Hl. Ambrosius von Mailand, – bedeutet Hinübergehen. So genannt wurde dieses Fest, das feierlichste von allen, in der alttestamentlichen Kirche zur Erinnerung an den Exodus der Söhne Israels aus Ägypten und damit ihrer Befreiung aus der Knechtschaft, und in der neutestamentlichen Kirche zum Zeichen dessen, daß der Sohn Gottes Selber durch die Auferstehung von den Toten von dieser Welt zum Himmlischen Vater, von der Erde zum Himmel hinüberging, und auch uns von dem ewigen Tod und der Knechtsarbeit befreite und uns Macht gab, Kinder Gottes zu werden (Jh. 1,12). In der kirchlichen Hymnologie “stürzte Jesus Christus die ganze Macht des Todes durch Seine Auferstehung, denn Gott ist mächtig, und auch uns erhob Er und vergöttlichte uns”, “vom Tod zum Leben und von der Erde zum Himmel führte Er uns; indem wir Ostern begehen, “feiern wir die Niederringung des Todes, die Zerstörung der Hölle, den Beginn eines neuen ewigen Lebens”.
Das Osterfest wurde in der Kirche bereits zur Zeit der Apostel eingerichtet und gefeiert. Es wurde seit der Auferstehung Christi von den glorreichen Aposteln begangen, die allen Gläubigen geboten, es zu feiern (1. Kor. 5,8). Aber in den ersten Jahrhunderten des Christentums wurde das Pascha nicht überall zu gleicher Zeit abgehalten. Im Osten, in den kleinasiatischen Kirchen, wurde es am 14. Tag des Frühlingsmonats gefeiert, egal auf welchen Wochentag dieses Datum fiel, während die westlichen Christen es für nicht schicklich hielten, das Pascha zusammen mit den Juden zu feiern und es am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond begingen. So existierten zwei verschiedene Bräuche bis zum 1. Ökumenischen Konzil (325), auf dem der Beschluß gefaßt wurde, Ostern allerorten am ersten Sonntag nach dem Frühlingsvollmond zu feiern, so daß von da an das christliche Pascha stets nach dem jüdischen begangen wurde.
Die eigentliche Feier des heiligen Pascha wurde in den ersten Jahrhunderten des Christentums nicht in allen Kirchen gleichzeitig begonnen. Einige der Christen, besonders die römischen, brachen genau zu Mitternacht des anbrechenden Ostern das Fasten und begannen die Feier, während einige der orientalischen Christen das Fest in den mittleren Nachtstunden, jedoch nicht vor der ersten Stunde nach Mitternacht, begannen, und andere wiederum erst um die vierte Nachtwache, d.h. um 4 Uhr morgens nach unserer Zählung, also etwa um Morgendämmerung. Die Differenzen zu dieser Frage setzten sich bis zum 6. Ökumenischen Konzil fort, auf dem beschlossen wurde, das Fasten in den mittleren Nachtstunden nach dem Großen und Hohen Samstag (89. Regel) zu brechen und die Paschafeier zu beginnen. Von dieser Zeit an behauptete sich überall der identische Gebrauch, den Jubel des Osterfestes gleich nach Mitternacht zu beginnen. “Um Mitternacht”, – so sagt in einer seiner Ansprachen der Moskauer Ersthierarch Filaret, – “eilte die Kirche, uns zum Beginn der Feierlichkeit zu versammeln. Warum so? Weil es wünschenswert war, den Anfangszeitpunkt der Feier soweit wie möglich, dem zu begehenden Ereignis, nämlich der Auferstehung Christi, anzunähern. Der genaue Zeitpunkt ist uns nicht offenbart. Als die Myronträgerinnen sich beim Aufgang der Sonne zum Grabe des Herrn begaben, war es bereits offen, und die Engel verkündeten die bereits stattgefundene Auferstehung Christi. Zu einem viel früheren Zeitpunkt bebte um das Grab des Herrn die Erde, der Engel wälzte den Stein vom Grab und durch das Licht seiner Erscheinung versetzte er die Wache in Schrecken, die sich entfernte, um so den Myronträgerinnen und Aposteln den freien Zugang zum Grabe zu gewähren. Und noch davor muß die Auferstehung stattgefunden haben, denn sie erfolgte bei versiegeltem Grabe, wie die Hüterin der Mysterien Christi, die heilige Kirche, bezeugt. Aber bestimmt nicht vor Mitternacht, da sie nach der Vorhersage der Herrn nach drei Tagen erfolgen und daher wenigstens in die ersten nachmitternächtlichen Stunden des Tages nach dem Sabbath hineinreichen mußte. In eben diesen Stunden wollen wir den verborgenen, unvergleichlich erhabenen und wunderbaren Augenblick der Auferstehung durch unseren Jubel einfangen, damit das Fest nach Möglichkeit mit dem gefeierten Ereignis eine Einheit bilde, ebenso wie die Feiernden aufgerufen werden, eins mit dem Schöpfer des Festes zu sein”.
In der Reihe der Herrenfeste nimmt das Osterfest eine zentrale Stelle ein, und in der Reihe aller christlichen Feste ist es das Fest par excellence, “es überrragt alle Feste, sogar jene zu Ehren Christi, in dem Maße, wie die Sonne die Sterne überstrahlt...”
Im Gottesdienst des Osterfestes wird der gottlichte Sieg unseres Herrn Jesu Christi über alle Feinde unseres Heils und das ewige Leben, das uns geschenkt wurde, besungen. Die ganze kirchliche Gottesdienstabfolge dieses Festes ist besonders feierlich und von dem einen Gefühl der Freude über die Auferstehung getragen, so daß die Kirche Christi sich uns in diesen Tagen eher als die in den Himmeln siegreiche als die noch auf Erden kämpfende darstellt...
Troparion, Ton 5. Christus ist auferstanden von den Toten und hat den Tod durch den Tod überwunden und den im Grabe Befindlichen das Leben gebracht. Kondakion, Ton 8. Obgleich du ins Grab hinabgestiegen bist, Unsterblicher, hast du doch der Unterwelt Kraft gebrochen und bist auferstanden als Sieger Christus, unser Gott, der du zu den Myronträgerinnen gesagt hast “Freuet euch!” und deinen Aposteln Frieden gegeben hast, schenke den Gefallenen Auferstehung. Exapostilarion. Dem Fleische nach entschlafen wie ein Toter, erstandest du o König und Herr, nach drei Tagen auf, nachdem du erweckt hattest den Adam aus der Verwesung und vertilgt den Tod, o Pascha der Unverweslichkeit, der Welt Erlösung.
Die freudige österliche Begrüßung erinnert uns an den Zustand der Apostel (Lk. 24,14;34), wo sie, als plötzlich die Kunde von der Auferstehung Christi erschall, mit Erstaunen und freudigem Jubel zueinander sprachen “Christus ist auferstanden!” und dann antworteten: “Wahrhaftig Er ist auferstanden!”. Das gegenseitige Küssen ist der Ausdruck von Liebe und gegenseitiger Versöhnung in Erinnerung an die allgemeine Vergebung und unsere Versöhnung mit Gott durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Beim Osterkuß und Gruß beschenken sich die Gläubigen einander von alters her mit rotfarbigen Eiern. Das Ei ist im allgemeinen ein Symbol des Lebens. In diesem Fall dient uns das Ei als Symbol der Auferstehung Jesu Christi. Ähnlich wie sich bei dem Ei unter seiner toten Schale Leben, das vollkommen verborgen war, regt, so erstand auch Christus, der als Toter im Grabe lag, aus dieser Stätte des Todes und der Vergänglichkeit. Gleichzeitig damit ist das Ei ein herrliches Symbol unserer Wiedergeburt zum künftigen Leben. Wie aus dem Ei ein lebendiges Wesen geboren wird und, wenn es durch die Schale, die den Lebenskeim in sich birgt, bricht, ein volles Leben zu leben beginnt, so werden auch wir bei der zweiten Wiederkunft Jesu Christi auf die Erde, wenn wir alles Verwesliche von hier, wo wir bereits den Keim und Beginn des ewigen Daseins in uns tragen, abwerfen, neu geboren und erstehen zu einem anderen Leben. Weiter symbolisiert das Ei unsere zwei Existenzen: die jetzige und die künftige. Wie sich im Ei, das den Keim der künftigen Daseinsweise enthält, bereits Leben, aber noch kein vollkommenes, regt, so erlangen auch wir im hiesigen irdischen Zustand nicht vollständig die Zufriedenstellung des unserer Seele eigenen höheren Strebens nach Wahrheit, Güte und Glückseligkeit; wie das aus dem Ei herauskriechende Wesen, ein volles Leben zu Leben beginnt, indem es seine verschiedenen Bedürfnisse befriedigt, so treten auch wir nach der Auferstehung in ein vollkommenes Leben ein, wo unser Geist die Wahrheit von Angesicht zu Angesicht erfahren wird, unser Wille die höchste ethische Entfaltung erlangt und unser Gefühl sich nie endender Seligkeit ergötzen wird. Das mit roter Farbe gefärbte Ei erinnert uns daran, daß unser neues Leben durch das allreine Blut Jesu Christi erworben wurde; eben diese zu den hellen Farben gehörende Farbe wird dann zum Zeichen unserer Freude über den Sieg Jesu Christi über den Tod, über Seine Auferstehung von den Toten und Sein Heilswerk unserer Erlösung. Der Brauch des gegenseitigen Schenkens von Eiern geht nach der in der Orthodoxen Kirche gehegten Überlieferung auf die Hl. Maria Magdalena (22. Juli) zurück, die, als sie vor den Kaiser Tiberius geführt wurde, ihm ein rotes Ei mit dem Gruß “Christus ist auferstanden!” überreicht haben soll.
Zu den besonderen österlichen Riten gehört die Segnung des Artos “zu Ehren, zum Ruhm und zum Gedenken an die glorreiche Auferstehung” unseres Herrn Jesu Christi. Unter dem Namen Artos versteht man eine Prosphora mit Darstellung des von Dornen gekrönten Kreuzes als Symbol des Sieges Christi über den Tod, oder mit der Darstellung der Auferstehung Christi. Das Wort “Artos” ist griechisch; in Übersetzung bedeutet es “Brot”. Die historische Herkunft des Artos ist folgende. Die Apostel, die mit dem auferstandenen Herrn zusammen (Apg. 10,41) zu essen und zu trinken pflegten, hielten sich nach der Himmelfahrt des Herrn an Seine Verheißung “Ich werde mit euch sein alle Tage” (Mt. 28,20) ; so fühlten sie im lebendigen Glauben die unsichtbare Gegenwart des Herrn bei allen ihren Zusammenkünften, aber sie konnten Ihn mit physischen Augen nicht sehen. Dieser flammende Glaube der Jünger an ihren Meister und der Wunsch, die ständige Erinnerung an Seine Anwesenheit bei ihnen zu bewahren, fanden darin ihren Ausdruck, daß sie, wenn sie zu Tische schritten, jenen Platz, an dem Jesus Christus mit ihnen zu Tisch zu liegen pflegte, frei hielten und auf den Tisch vor diesem Platz sozusagen für Ihn ein Stück Brot legten, und jedes Mal nach Beendigung des Mahles, wenn sie Gott Dank darbrachten, hoben sie dieses Brot in die Höhe und sprachen: “Christus ist auferstanden”. Als dann die Jünger Jesu Christi in verschiedene Länder zur Verkündigung des Evangeliums gingen, bemühten sie sich, soweit sie vermochten, diesen Brauch aufrechtzuerhalten: Ein jeder der heiligen Apostel, in welchem Land er sich auch befand, reservierte, wenn er sich in der neuen Gemeinschaft der Christusgläubigen zum Mahle begab, einen Platz und ein Stück Brot zur Ehre des Heilandes, und nach Beendigung des Mahles verherrlichte er zusammen mit den Gläubigen den auferstandenen Herrn, indem er das Stück Brot, das zur Erinnerung an Ihn dort lag, in die Höhe hob. Was von den ersten Jüngern des Evangeliums aus dem Munde der Apostel empfangen und von ihnen täglich praktiziert wurde, das vollzogen die Kirchenväter in den folgenden Jahrhunderten am Fest der Auferstehung des Herrn, um für immer den apostolischen Brauch in der Kirche zu bewahren. So blieb tatsächlich dieser Brauch in der Kirche erhalten und durch die Jahrhunderte gelangte er bis in unsere Zeit. Wie die Apostel bei ihren Versammlungen durch das auf den Platz, der dem Heiland zukam, gelegte Brotstück an den auferstandenen Christus erinnert wurden, so soll auch in heutiger Zeit der Artos, der zur Osterzeit vor den Blicken der Gläubigen ausgelegt wid, nach Festsetzung der heiligen Kirche, ihnen zu solcher Erinnerung an die unsichtbare Gegenwart des auferstandenen Herrn dienen. Auf diese Weise ahmt die heilige Kirche, indem sie den Artos auslegt, die Apostel nach und gedenkt mittels dieses geheiligten Brotes der Erscheinung des auferstandenen Herrn vor den Aposteln. Gleichzeitig damit erinnert der Artos daran, daß Jesus Christus durch Tod und Auferstehung das wahre Brot des Lebens für uns wurde. Solch eine Sinngebung des Artos wird auch im Gebet zu seiner Weihung angedeutet. Außerdem bittet in diesem Gebet der Priester, der den Segen Gottes auf den zu weihenden Artos herabruft, den Herrn, alles Leid und alle Krankheit zu heilen und allen, die vom Artos kosten, Gesundheit zu schenken.
Nach der Liturgie wird “Fleischspeise” geweiht, wodurch den Laien Erlaubnis gegeben wird, diese Gerichte zu sich zu nehmen. “Indem mit Ehrfurcht, – so heißt es in der “Neuen Gesetzestafel” – das Gedenken Christi, des Lammes Gottes, das unter Pein für die Reinigung der ganzen Welt von den Sünden geopfert wurde, begangen wird, bereiten die Christen zum Zeichen ihres geistigen Jubels am Ostertag Speise aus dem Fleisch des stummen Lammes, das durch den kirchlichen Segen geheiligt wurde. Und die Kirche Christi gestattet von alters her den Christen diesen Brauch – nicht zur Erhaltung der alten jüdischen Gesetzesvorschrift, sondern zum Zeichen der christlichen Frömmigkeit. Nach Beendigung der Fastentage und zum Eintritt des heiligen Pascha des Herrn bringt sie nun, nachdem sie die Seelen der Gläubigen durch Lobpreis und Brot von der Trapeza der Gnade Gottes als geistliche Nahrung gespeist hat, als eine gewisse physische Tröstung und Stärkung auch dieses zu unserem Nutzen gegebene Geschöpf, nämlich das Lamm, dar und bittet Gott, es für uns zu segnen und nützlich und angenehm zu machen, damit wir, indem wir es in Dankbarkeit verspeisen, immer mehr mit geistigem Hunger und Durst Gott Selber, der die Nahrung unserer Seelen und Leiber ist, suchen und uns ununterbrochen an Ihm ergötzen mögen.... Die Fleischspeisen werden außerhalb der Kirche geweiht. So heißt es in der Kirchenregel: “Fleisch tragen die orthodoxen Christen nicht in die Kriche, sondern in das Haus zu dem Priester”. Im Trebnik (Kirchenritual) und in im Blumentriodion gibt es noch ein “Gebet zum Segnen von Käse und Eiern”. Nach der “Neuen Gesetzestafel” obliegt dieser Ritus eher Mönchen, welche nach Beendigung der Liturgie zum Fest des Heiligen Pascha Käse und Eier segnen, und dann diese vor allem anderen Eßbaren als gesegnete Speisen zum Trapeza auftischen. Nach der Regel “werden die von den Gläubigen mitgebrachten Eier und Käse im Vorraum aufgestellt, in die Kirche dürfen sie auf keinen Fall gebracht werden”.

 

Fortsetzung aus Bote 1996, 1

Die zweite Woche

In dieser Woche fährt die heilige Kirche fort, uns zu Fasten, Gebet, Reue, Mildtätigkeit und den übrigen Werken der Frömmigkeit zu ermutigen, wobei sie uns den eigentlichen Sinn dieser Opferwerke klarmacht. In den Gesängen dieser Woche preist die heilige Kirche: “Eine wunderbare Waffe, das Gebet und Fasten! Jenes erwies den Moses als Gesetzgeber und den Elias als Eiferer in der Darbringung von Opfern”, “Die Nineviten rettete es vor dem drohenden Zorn”, “Samuel brachte gute Früchte”, “es formte den tapferen Samuel”, “fastend erweckte Elisa den toten Knaben zum Leben”, es “vollendet Priester und Propheten”. Da “Christus in der heiligen Schrift uns lauteres Fasten, Abkehr von der Sünde, Entfremdung der Leidenschaften, Liebe zu Gott, Emsigkeit im Gebet, Tränen der Zerknirschung und Obhut der Armen auftrug”, ruft uns auch die heilige Kirche zu: “In echtem Fasten fasten wir für den Herrn, so wie wir uns der Speise enthalten, wenden wir uns nun auch von Geschwätzigkeit, Zorn, Lüge und jeder anderen Bosheit ab”, “lasset uns fasten in geistigem Fasten, zerreißen alle Verstrickung, fliehen auch die Äergernisse der Sünde: lasset uns auch vergeben den Brüdern die Schulden, auf daß uns unsere Übertretungen vergeben werden”, “kommet, reinigen wir uns selbst, in Almosen und Mildtätigkeit für die Armen, nicht hinaustrompetend, nicht öffentlich verkündigend unsere Wohltat, nicht wisse die Linke das Werk der Rechten, nicht möge Prahlerei ausstreuen die Frucht der Barmherzigkeit”, “zu einer Zeit der Reue und zu einem Fürsprecher des ewigen Lebens wird uns das Fastenopfer, wenn wir die Hände in Wohltätigkeit ausstrecken: denn nichts ist so heilbringend der Seele als das Almosengeben; Mildtätigkeit mit Fasten verbunden rettet den Menschen vor dem Tod: diese preisen wir, der nichts ebenbürtig ist und die zur Erlösung unserer Seelen gereicht”.
Am Samstag der zweiten, dritten und vierten Woche der Großen Fastenzeit bittet die heilige Kirche alle Heiligen, sie mögen besonders in dieser Zeit vor Gott Fürsprache für uns leisten; ebenso betet sie zum Herrn für die Entschlafenen.

Zweiter Sonntag

Diesen Sonntag bezeichnet die heilige Kirche als Sonntag der lichtspendenden Fasten. In ihren Gottesdiensten wird parallel zu dem Wehklagen über den sündigen Zustand des Menschen, der lebendig und ergreifend in den Gesängen zu dem Evangeliumsgleichnis über den verlorenen Sohn geschildert wird, das Fasten als Mittel zur gnadenreichen inneren Erleuchtung gepriesen – und durch diesen Lobpreis wird eine weiterer Ansporn zur Fastenaskese gegeben. Die orthodoxe Lehre vom Fasten als einem Mittel zur gnadenvollen Erhellung manifestiert sich besonders kraftvoll in dem auf diesen Sonntag fallenden Gedächtnis des hl. Gregorios Palama, des Erzbischofs von Thessaloniki und des Wundertäters. Der hl. Gregorios ist berühmt als Entlarver der Häresie des Varlaam, des calabrischen Mönches, welcher die orthodoxe Lehre über das gnadenreiche Licht verwarf, das den inneren Menschen erleuchtet und sich zuweilen sogar sichtbar offenbart (beispielsweise auf dem Thabor und dem Sinai). Er stritt ab, daß es möglich sei, diese Erleuchtung durch Gebet und Fasten und andere Leistungen der Selbstentsagung zu erlangen. Auf dem dieser Häresie wegen in Knostantinopel einberufenen Konzil (1341) wurden Varlaam, sein Schüler Akindin und die übrigen Gesinnungsgenossen wegen ihrer falschen Lehre verurteilt. Auch im weiteren Verlauf seines Lebens kämpfte der hl. Gregorios mit Eifer für die Orthodoxie, wobei er “nicht nur einmal”, sondern “oftmals und durch viele” seiner inspirierten Reden und Schriften die Lehren und Werke der tückischen Anhänger von Akindin und Varlaam widerlegte. Wegen dieser seiner aufopfernden Mühe zugunsten der heiligen Kirche sowie wegen seines Bekennertums und der von ihm erlittenen Pein um des Glaubens und der Herde Christi willen, wegen der Heiligkeit seines streng asketischen Lebenswandels und wegen des tiefen Lehrgehalts seiner Werke für alle geistlichen Aspiranten verherrlicht die heilige Kirche am heutigen Tag den hl. Gregorios in ihrem Gottesdienst. So wie die heilige Kirche am vorhergehenden Sonntag den Sieg der Orthodoxie über alle anderen Häresien feierte, so begeht sie an diesem Sonntag den Triumph der orthodoxen asketischen Lehre über alle ihr widerstrebenden Falschlehren. Der erste Triumph ist allen orthodoxen Christen gemeinsam, der zweite ist vorrangig für die geistliche Streiter, den monastischen Stand von Bedeutung. Der kirchliche Gottesdienst zu Ehren des Urhebers dieses zweiten Sieges, des hl. Gregorios, wurde von Philotheos, dem Patriarchen von Konstantinopel verfaßt. In ihm wird der hl. Gregorios verherrlicht als “Tromphete der Theologie, feuersprühender Mund der Gnade, ehrwürdiges Gefäß des Geistes, unerschütterlicher Pfeiler der Kirche, die große Freude der ganzen Welt”, als “Schwert und Pfeile, welche die Verruchten” niederschmettern, und “den Übermut des Varlaam und jede ketzerische Kraft”, “wie eine Spinnwebe zerreißen”, als “Prediger des göttlichen Lichtes, himmlischer Günstling der Dreieinigkeit”, als “Heiler menschlicher Gebrechen”, als “heiligster Vater, guter Hirte”, “der seine Seele hingab für die Schafe”, als “standhafter Leidensdulder und Faster”, als “Streiter für die Gottesfurcht und Gegner allen Frevels, Protektor des feurigen Glaubens, großer Meister und Lehrer”, als “erhabener Schmuck der Monastischen, leuchtend im Tun wie im Schauen”.

Tropar, Ton 8. “Glanzstern der Rechtgläubigkeit, Stütze und Lehrer der Kirche, Zierde der Mönche, unüberwindlicher Verteidiger der Theologen, Gregorios du Wundertäter, Glorie von Thessaloniki, Herold der Gnade, flehe unablässig, auf daß errettet werden unsere Seelen!”

Kondakion, Ton 4. “Jetzt ist die Zeit des Werkes erschienen, vor den Türen ist das Gericht, mögen wir fastend aufstehen, Tränen der Reue darbringen mit Almosen, rufend: Unsere Missetaten sind mehr als der Sand des Meeres, doch lasse sie uns nach, Mitwirker aller, damit wir erlangen die unvergänglichen Kronen.”
Liturgie des hl. Basilios des Großen: Hebr 1,10-2,3; Mk 2, 1-12,
Hl. Gregorios: Hebr 7,26-8,2; Jh 10,9-16.

Dritte Woche

In dieser Woche schärft uns die heilige Kirche wie in den vorhergehenden Wochen ein, “Christus, unserem Gott”, “als wohlgefällige Gabe”, “lauteres Fasten, die Abkehr vom Bösen”, die Enthaltung von “Zorn und allem Grimm der Sünde”, “Tränen, Gebet, Almosen, eine barmherzige Gesinnung, rechtes Denken und einen reinen Lebnswandel” darzubringen. Insbesondere ruft uns die heilige Kirche auf, die Speise zu hassen als “Gebärerin der Leidenschaften” und das Fasten zu lieben als “Mutter der Tugenden”; sie legt uns ausführlich dar, “wie gut, wie groß, wie gnadenspendend” das Fasten ist. “Das Fasten wollen wir lieben”, singt die heilige Kirche, “welches die grimmen Leidenschaften der Seele verdorren läßt und das Wirken göttlicher Taten stärkt, den Geist zum Himmel emporträgt und als Fürsprecher der Vergebung wirkt”; “es fastete Elisa, den Knaben der Sunamitin erweckte er zum Leben”, “Daniel bezähmte in der Löwengrube die Bestien, gezäumt durch Enthaltsamkeit” und “fastend werfen wir die Leidenschaften nieder”, “denn dieses stärkt den Körper und erleuchtet Geist und Herz”. Gleichzeitig betet die heilige Kirche an allen Tagen dieser Woche zum Herrn, Er möge uns befähigen, Sein Kreuz zu schauen. “Gewähre unseren Seelen, die ihr Fleisch durch Enthaltsamkeit geläutert haben und im Gebet erleuchtet wurden, Dein ehrbares und heiliges Kreuz ungerichtet in Freude und in Ehrfurcht zu schauen und in Liebe vor ihm niederzufallen”, ruft die heilige Kirche aus, “es mit reinen Lippen zu küssen”, “es in Psalmen und Liedern zu preisen”, “zu unserer Erleuchtung”. Auf diese Weise sind die Wortfolgen der dritten Woche eine Art Vorfeier auf das Kreuz des Herrn.
Am Samstag wird nach dem Abendgottesdienst das Kreuz herausgetragen und nach demselben Ritus wie am 1. August auf den Altar gestellt.

Dritter Sonntag

Im Gottesdienst dieses Sonntags verherrlicht die heilige Kirche das heilige Kreuz und die Früchte des Kreuzestodes des Erlösers. Sie trägt das heilige Kreuz in die Mitte der Kirche, damit alle es verehren können, weshalb dieser Sonntag den Namen “Verehrung des heiligen Kreuzes” trägt. In den Gesängen dieses Tages lädt uns die heilige Kirche ein, das heilige Kreuz zu ehren, und hold ruft sie uns zu: “Jetzt trägt das Heer der Engel das ehrwürdige Holz, es ehrfürchtig mit Lanzen geleitend und ruft alle Gläubigen zur Anbetung: lasset uns herbeitreten, erleuchtet durch das Fasten und mit Freude und Ehrfurcht vor ihm niederfallen”; “lasset uns herbeitreten, durch Enthaltsamkeit gereinigt, feurig zum Lobpreis küssend das allheilige Holz, auf dem Christus, der Retter der Welt gekreuzigt wurde”; “kommet, ihr Gläubigen, das lebenspendende Holz wollen wir anbeten, auf welchem Christus, der König der Herrlichkeit, freiwillig die Hände ausspannte und zu der anfänglichen Seligkeit erhob uns, die da vordem der Feind, durch Lust beraubend, zu Verbannten aus der Nähe Gottes gemacht hatte; kommet, ihr Gläubigen, wir wollen anbeten das Holz, durch welches wir gewürdigt wurden, der unsichtbaren Feinde Häupter zu zerschmettern; kommet, all ihr Stämme der Völker, das Kreuz des Herrn wollen wir in Lobeshymnen ehren.” Das Kreuz selber verherrlichend singt die heilige Kirche: “Sei gegrüßt, lebenspendendes Kreuz, wunderbares Paradies der Kirche, der Baum der Unverweslichkeit, der uns das Labsal ewiger Herrlichkeit sprießeb läßt”, “unzerstörbare Feste, Sieg der Könige, Ruhm der Priester”, “sei gegrüßt, o lebenstragendes Kreuz, unbesiegbarer Sieg der Gottesfurcht, Paradiesestor, Bestärkung der Gläubigen, Umfriedung der Kirche, durch welches der Moder vernichtet, die Macht des Todes niedergeschmettert worden ist und wir vom Irdischen zum Himmlischen aufstiegen, unüberwindbare Waffe, der Dämonen Widerstreit, der Märtyrer Verherrlichung, der Ehrwürdigen Zierde in Wahrhaftigkeit, Hafen des Heils”; “sei gegrüßt, o Kreuz, des gefallenen Adam vollkommene Befreiung! In dir rühmen sich unsere gläubigsten Könige, sie, welche durch deine Kraft die Ismaeliten machtvoll unterwerfen, dich küssen jetzt wir Christen mit Furcht, und den an dich genagelten Gott verherrlichen wir, indem wir sagen: Herr, der du an das Kreuz genagelt wurdest, erbarme dich unser als der Gute und Menschenliebende”. Das Ziel des Gottesdienstes für das heilige Kreuz in der dritten Woche erschließt sich aus den wunderbaren, von der heiligen Kirche gebrauchten Vergleichen mit dem Lebensbaum des Paradieses, mit dem Baum, welcher die bitteren Wasser von Merra versüßte, mit dem schattenspendenden Baum, unter dessen Schatten die ermüdeten Wanderer, welche zum verheißenen Land des ewigen Erbes streben, Erholung und Erquickung suchen. Auf diese Weise bietet die heilige Kirche das heilige Kreuz zur geistlichen Stärkung jener dar, welche die Fastenmühsal auf sich nahmen, ähnlich wie Speise, Trank und Erholung zur körperlichen Ertüchtigung dienen. Diese geistliche Stärkung wird durch die Bekundung der Liebe Gottes zum Menschen, kraft welcher der Gottessohn sich zum Kreuzestod hingab, gewährt. Sie ist besonders in der Mitte dieser Askesezeit vonnöten, weil die fastenden Frommen nun bereits schon viel ihrer Kräfte verbraucht haben, aber sich noch nicht der Hoffnung auf ein baldiges und erfolgreiches Ende dieser Askese hingeben können.
Nach der Konzentration auf die Gottesdienste der vorhergehenden Sonntage, besonders des ersten, präsentiert die heilige Kirche nun das Strengste und Wehmütigste, was den Sünder auzufrütteln und wohl das versteinertste Menschenherz zu rühren vermag und was für die Aufrichtung der gefallenen Kräfte der Fastenden eine so notwendige große Tröstung und Erquickung darstellt, in der Mitte des nicht geringen und nicht leichten Kampfes der heiligen Vierzigtage – das heilige Kreuz nämlich. Denn nichts kann in solchem Maße trösten und ermutigen und den Ermüdeten, gar den im Geiste erlahmten Christen, erquicken wie der Verweis auf die unendliche Göttliche Liebe des Erlösers, der Sich um unseres Heiles willen zum Kreuzesopfer hingab. Mit diesem Ziel vor Augen präsentiert die heilige Kirche schon von alters her am dritten Sonntag der Großen Fastenzeit das Kreuz.
Viele Lobeshymnen wurden für diesen Sonntag von den hll. Josephos und Theodoros Studites geschrieben. Alles im Gottesdienst dieses Tages – das heilige Kreuz selbst, das feierlich vom Altar in die Mitte der Kirche getragen wird, der Gesang der Stichiren zur Kreueszanbetung, die Apostellesung, welche auf das Leiden des Erlösers am Kreuz als Mittel zu unserer Versöhnung mit Gott hinweist, das Evangelium, welches den Christen an die Pflicht, daß jeder im Leben sein Kreuz tragen und so dem am Kreuze Gekreuzigten nachfolgen muß, erinnert – alles trägt, wie es nicht besser sein könnte, dazu bei, daß sich das Kreuz Christi in das Herz des Gläubigen als Zeichen der Erlösung einpräge, als unsere mächtigtste, von Gott geschenkte Kraft, welche uns auf Erden bewahrt und uns das Vaterland in der Höhe auftut, und sich als die höchste und kräftigste Stärkung der Gläubigen inmitten der Mühsale dieser Vierzigtage erweist.
Wenn der Herr um unseretwillen am Kreuz litt, dann müssen auch wir uns um Seinetwillen unermüdlich in Fasten, Gebet und anderen Werken der Frömmigkeit befleißigen und all das von uns fernhalten und abtöten, was diesen Mühen im Wege steht. Mit dem Ziel, uns zum Ausharren in den asketischen Mühen zu anzuspornen, erinnert uns die heilige Kirche an diesem Tag tröstend an das herannahende “lichte, der Welt Freude schenkende Osterfest”, indem sie in den Oden des Kanons das heilige Kreuz und die Leiden des Erlösers zugleich mit seiner freudigen Auferstehung preist und indem sie die Gläubigen auffordert, mit “reinen Lippen” “das Jubellied”, “die siegreiche Vernichtung des Hades” zu singen.
Troparion, s. 14. September. Kondakion, Ton 7. “Nicht mehr bewacht das flammende Schwert die Tore Edens, denn es nahte demselben eine Löschung, das wunderbare Holz des Kreuzes, der Stachel des Todes und der Sieg der Hölle wurden hinausgestoßen, denn du, mein Erretter tratest vor, rufend zu denen im Hades: gehet wieder ein ins Paradies.”
Liturgie des hl. Basilios des Großen. Statt “Heiliger Gott” das Troparion: “Deinem Kreuz neigen wir uns, Gebieter, und deine heilige Auferstehung preisen wir”.
Lesungen: Hebr 4,14-5,6. Mk 8,34-9,1.

Vierte Woche

“Diese heilige und lichttragende Woche stellt der Welt das allehrwürdige Kreuz vor”. Während dieser ganzen Woche bis zum Samstag ist “die Zeit der Enthaltsamkeit heiligend, befindet sich das göttliche und allehrwürdige Kreuz” inmitten der Kirche, “sichtbar aufgestellt für alle, ausströmend göttliche Vergebung und himmlisches Licht, Leben und wahre Freude”, “es schenkt denen, die es anbeten, der Seele zum Heil gereichende Erleuchtung, Licht, Herrlichkeit und Erbarmen” und “uns erleichtert es das Fasten”. Die Verherrlichung des heiligen Kreuzes ist Thema der kirchlichen Gesänge dieser ganzen Woche, die daher die Kreuzanbetungswoche heißt. Zur Symbolisierung der gnadenreichen Früchte, welche der sündigen Welt von dem lebenspendenden Kreuzesholz zuteil wurden, besingt die heilige Kirche das heilige Kreuz als “Baum des Lebens, Zerstörer der Hölle, Jubel der Welt und Vertilger der Verweslichkeit”, als “heiliges Szepter Christi, der Menschen himmlische Herrlichkeit, der Könige Ruhm, des Glaubens Macht, unbesiegbare Waffe, der Feinde Vertreibung, die Welt rettendes helles Licht, der Märtyrer großer Ruhm, der Gerechten Stärke, der Engel Leuchte”, als “Zeichen der Freude, Lobpreis der Märtyrer, Zierde der Apostel, Befestigung der Kirchenfürsten”, als “Jubel der Orthodoxen, Bewahrer des Weltalls”, als “Feste der Enthaltsamkeit, Beistand der Wachenden, Stärkung der Fastenden, Mitstreiter der Kämpfenden”. Indem sie das heilige Kreuz verherrlicht, ruft die heilige Kirche ihre Kinder auf, zu demütigen “die leiblichen Leidenschaften durch Abkehr von Speise und Genüssen” und “durch Fasten gereinigt”, vor dem heiligen Kreuz “in Ehrfurcht und Glauben” niederzufallen, um “Heiligung für die Seelen zu schöpfen”. Aber da der Fortschritt in der Fastenmühsal, nachdem die Mitte der Vierzigtagezeit erreicht wurde, leicht von Stolz verdunkelt werden könnte, flöst uns die heilige Kirche nach dem Vorbild des Herrn, der sich bis zum Kreuzestod erniedrigt hat, Demut ein, damit wir nicht durch pharisäische Überheblichkeit unserer Rechtfergung vor Gott verlustig gehen, denn Er blickt nicht nur auf unser Tun, sondern auch auf unsere Gesinnung. “Eifern wir gläubig dem Zöllner in der Reue nach und nicht rühmen wollen wir uns auf pharisäische Art, sondern aus der Tiefe des Herzens bringen wir Seufzer dem Wohltäter aller, Gott dar, der da gebot und sprach: Jeder der sich erhöht, wird fallen, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. Daher lasset uns einmütig zu ihm flehen: Gott, läutere uns Sünder und rette uns” und “gewähre uns, die restliche Zeit des Fastens in ergebener Demut zu durcheilen”.
Der Mittwoch der vierten Woche wird “Mitte” der heiligen Vierzigtage genannt (in der Volkssprache “Kreuzmittwoch”) und von nun an wird bei der Liturgie der Vorgeweihten Gaben die besondere Ektenie für die Katechumenen gesprochen, “wie in den Ritualen geschrieben steht”. “An diesem Mitt-Fasten-Mittwoch ist zu Tisch kein Öl und Wein gestattet, da dieser vielmehr ein Tag des Weinens als der Freude ist”.
Vierter Sonntag

Im Gottesdienst des vierten Sonntags stellt uns die heilige Kirche ein erhabenes Vorbild des Fastenlebens in der Person des ehrwürdigen Johannes Klimax vor, welcher durch “Speiseverzicht das Fleisch auszehrte” und “durch den Schweiß des Fastens die glühenden Pfeile des Feindes” zum Erlöschen brachte, “die Stärke der Seele vermehrte” und “die Höhe der Tugenden erklimmend”, “den göttlichen Reichtum des Geistes in der Seele empfing, das makellose Gebet, Reinheit, Redlichkeit, ständiges Wachen”, welcher “sich durch himmlische Herrlichkeit bereicherte”, “den an Sünden Kranken ein Arzt” und der Schöpfer der “Paradiesesleiter” war. So wie das tief erbauliche Askeseleben des ehrwürdigen Johannes “mehr als Honig und Honigseim unsere Gemüter erquickt”, so bringt auch seine “Leiter” “immerneue Früchte der Lehre, welche das Herz der Hörer durch Enthaltsamkeit begeistert: denn dieses ist die Leiter, welche die Seelen von der Erde zu himmlischem, unvergänglichen Ruhme führt”. Indem sie die Fastenden durch das Vorbild des ehrwürdigen Johannes aufmuntert, bietet ihnen die heilige Kirche in der Evangeliums- und Apostellesung dieses Sonntags eine weitere Tröstung: Sie zeigt in ersterer, daß durch Fasten und Gebet der eigentliche Feind des Seelenheils des Menschen besiegt werden kann, und zeichnet diesen Sieg in dem Geschehen der Passion, des Todes und der Auferstehung Christi vor, während sie in letzterer auf die Unverbrüchlichkeit des Willens Gottes zur Rettung des Menschen hinweist, auf daß wir feste Hoffnung schöpfen mögen. Außer den Gesängen, die den hl. Johannes verherrlichen, werden am vierten Sonntag noch andere Texte gesungen, in denen die Seele des Reumütigen mit dem Menschen verglichen wird, der in die Hände der Räuber fiel und an dem der Priester und Levit vorübergehen, ohne ihm Hilfe zu erweisen. Den ihr Gewissen Erforschenden schärft die heilige Kirche ein, daß die Seele sich im Gebet zum Herrn wenden muß, denn Er reinigt die Sündenwunden. Indem sie in den Gesängen des vierten Sonntags vielseitige Aufmunterungen zur weiteren Befleißigung in den Fastenmühen gibt, ruft die heilige Kirche am Ende des Morgengottesdienstes mit ergreifender Stimme ihren Kindern zu: “Kommet, pflanzen wir im Verborgenen einen Weinstock, auf ihm ernten wir Früchte der Reue, nicht um Speise und Trank wollen wir uns mühen, sondern in Gebet und Fasten die Tugenden pflegen: durch diese Werke erfreut, wird der Herr den Dinar geben, durch welchen die Seele der Sündenschuld entrissen wird, o einzig Allerbarmungsreicher”.
Troparion, s. 29. September. Kondakon, Ton 4. “In die Höhe der Enthaltsamkeit hat der Herr dich wahrlich erhoben, wie einen den Enden der Welt voranleuchtenden Stern, Präzeptor Johannes, unser Vater.”
Liturgie des hl. Basilios des Großen. Lesungen: Hebr 6,13-20; Mk 9,17-31; dem hl. Johannes Klimakos: Eph 5,9-19; Mt 4,25-5,12.

 

Fortsetzung aus Bote 1997, 1


Vierte Woche
“Diese heilige und lichttragende Woche stellt der Welt das allehrwürdige Kreuz vor”. Während dieser ganzen Woche bis zum Samstag ist “die Zeit der Enthaltsamkeit heiligend, befindet sich das göttliche und allehrwürdige Kreuz” inmitten der Kirche, “sichtbar aufgestellt für alle, ausströmend göttliche Vergebung und himmlisches Licht, Leben und wahre Freude”, “es schenkt denen, die es anbeten, der Seele zum Heil gereichende Erleuchtung, Licht, Herrlichkeit und Erbarmen” und “uns erleichtert es das Fasten”. Die Verherrlichung des heiligen Kreuzes ist Thema der kirchlichen Gesänge dieser ganzen Woche, die daher die Kreuzanbetungswoche heißt. Zur Symbolisierung der gnadenreichen Früchte, welche der sündigen Welt von dem lebenspendenden Kreuzesholz zuteil wurden, besingt die heilige Kirche das heilige Kreuz als “Baum des Lebens, Zerstörer der Hölle, Jubel der Welt und Vertilger der Verweslichkeit”, als “heiliges Szepter Christi, der Menschen himmlische Herrlichkeit, der Könige Ruhm, des Glaubens Macht, unbesiegbare Waffe, der Feinde Vertreibung, der Welt rettendes helles Licht, der Märtyrer großer Ruhm, der Gerechten Stärke, der Engel Leuchte”, als “Zeichen der Freude, Lobpreis der Märtyrer, Zierde der Apostel, Befestigung der Kirchenfürsten”, als “Jubel der Orthodoxen, Bewahrer des Weltalls”, als “Feste der Enthaltsamkeit, Beistand der Wachenden, Stärkung der Fastenden, Mitstreiter der Kämpfenden”. Indem sie das heilige Kreuz verherrlicht, ruft die heilige Kirche ihre Kinder auf, “die leiblichen Leidenschaften durch Abkehr von Speise und Genüssen” zu demütigen und “durch Fasten gereinigt”, vor dem heiligen Kreuz “in Ehrfurcht und Glauben” niederzufallen, um “Heiligung für die Seelen zu schöpfen”. Aber da der Fortschritt in der Fastenmühsal, nachdem die Mitte der Vierzigtagezeit erreicht wurde, leicht von Stolz verdunkelt werden könnte, flöst uns die heilige Kirche nach dem Vorbild des Herrn, der sich bis zum Kreuzestod erniedrigt hat, Demut ein, damit wir nicht durch pharisäische Überheblichkeit unserer Rechtfertigung vor Gott verlustig gehen, denn Er blickt nicht nur auf unser Tun, sondern auch auf unsere Gesinnung. “Eifern wir gläubig dem Zöllner in der Reue nach und nicht rühmen wollen wir uns auf pharisäische Art, sondern aus der Tiefe des Herzens bringen wir Seufzer dem Wohltäter aller, Gott dar, der da gebot und sprach: Jeder der sich erhöht, wird fallen, und wer sich erniedrigt, wird erhöht werden. Daher lasset uns einmütig zu ihm flehen: Gott, läutere uns Sünder und rette uns” und “gewähre uns, die restliche Zeit des Fastens in ergebener Demut zu durcheilen”.
Der Mittwoch der vierten Woche wird “Mitte” der heiligen Vierzigtage genannt (in der Volkssprache “Kreuzmittwoch”) und von nun an wird bei der Liturgie der Vorgeweihten Gaben die besondere Ektenie für die Katechumenen gesprochen, “wie in den Ritualen geschrieben steht”. “An diesem Mitt-Fasten-Mittwoch ist zu Tisch kein Öl und Wein gestattet, da dieser vielmehr ein Tag des Weinens als der Freude ist”.

Vierter Sonntag
Im Gottesdienst des vierten Sonntags stellt uns die heilige Kirche ein erhabenes Vorbild des Fastenlebens in der Person des ehrwürdigen Johannes Klimax vor, welcher durch “Speiseverzicht das Fleisch auszehrte” und “durch den Schweiß des Fastens die glühenden Pfeile des Feindes” zum Erlöschen brachte, “die Stärke der Seele vermehrte” und “die Höhe der Tugenden erklimmend”, “den göttlichen Reichtum des Geistes in der Seele empfing, das makellose Gebet, Reinheit, Redlichkeit, ständiges Wachen”, welcher “sich durch himmlische Herrlichkeit bereicherte”, “den an Sünden Kranken ein Arzt” und der Schöpfer der “Paradiesesleiter” (ein Buch zur geistlichen Führung) war. So wie das tief erbauliche Askeseleben des ehrwürdigen Johannes “mehr als Honig und Honigseim unsere Gemüter erquickt”, so bringt auch seine “Leiter” “immerneue Früchte der Lehre, welche das Herz der Hörer durch Enthaltsamkeit begeistert: denn dieses ist die Leiter, welche die Seelen von der Erde zu himmlischem, unvergänglichem Ruhme führt”. Indem sie die Fastenden durch das Vorbild des ehrwürdigen Johannes aufmuntert, bietet ihnen die heilige Kirche in der Evangeliums- und Apostellesung dieses Sonntags eine weitere Tröstung: Sie zeigt in ersterer, daß durch Fasten und Gebet der eigentliche Feind des Seelenheils des Menschen besiegt werden kann, und zeichnet diesen Sieg in dem Geschehen der Leiden, des Todes und der Auferstehung Christi vor, während sie in letzterer auf die Unverbrüchlichkeit des Willens Gottes zur Rettung des Menschen hinweist, auf daß wir feste Hoffnung schöpfen mögen. Außer den Gesängen, die den Hl. Johannes verherrlichen, werden am vierten Sonntag noch andere Texte gesungen, in denen die Seele des Reumütigen mit dem Menschen verglichen wird, der in die Hände der Räuber fiel und an dem der Priester und Levit vorübergehen, ohne ihm Hilfe zu erweisen. Den ihr Gewissen Erforschenden schärft die heilige Kirche ein, daß die Seele sich im Gebet zum Herrn wenden muß, denn Er reinigt die Sündenwunden. Indem sie in den Gesängen des vierten Sonntags vielseitige Aufmunterungen zur weiteren Befleißigung in den Fastenmühen gibt, ruft die heilige Kirche am Ende des Morgengottesdienstes mit ergreifender Stimme ihren Kindern zu: “Kommet, pflanzen wir im Verborgenen einen Weinstock, auf ihm ernten wir Früchte der Reue, nicht um Speise und Trank wollen wir uns mühen, sondern in Gebet und Fasten die Tugenden pflegen: durch diese Werke erfreut, wird der Herr den Dinar geben, durch welchen die Seele der Sündenschuld entrissen wird, o einzig Allerbarmungsreicher”.
Troparion, s. 29. September. Kondakion, Ton 4. “In die Höhe der Enthaltsamkeit hat der Herr dich wahrlich erhoben, wie einen den Enden der Welt voranleuchtenden Stern, du Lehrer, Johannes, unser Vater.”
Liturgie des Hl. Basilios des Großen. Lesungen: Hebr. 6,13-20; Mk. 9,17-31; dem Hl. Johannes Klimakos: Eph. 5,9-19; Mt. 4,25-5,12.

Fünfte Woche
Im Gottesdienst der fünften Woche der Großen Fasten fährt die heilige Kirche fort, uns zum eifrigen Ertragen der Fastenmühen aufzurufen: “Eine Feste der Enthaltsamkeit in Gott haben wir, o Gläubige, durcheilen wir den heiligen Kampf weiterhin jugendlich frisch”, “mit der Inbrunst des Glaubens lasset uns durch Enthaltsamkeit die Leidenschaften der Unmäßigkeit verbrennen, den Abgrund der Sünde fliehen und durch Tränenströme auslöschen die ewige Flammenglut”, “lauteres Fasten, Tränen, göttliche Belehrungen und jede andere Tugend hinzufügend, bringen wir sie nun dem Gebieter Christus dar”. Eine allgemeine Tröstung und Aufmunterung zum Ertragen der Fasten bietet uns die heilige Kirche in dem Gedanken, daß die Hälfte der Askeseleistung bereits vollbracht ist, und daß ihr Ende naht – die Auferstehung Christi: “Diesen heiligen Pfad des Fastens zur Hälfte durchlaufen habend, eilen wir nun froh dem Kommenden entgegen, die Seelen mit dem Öl des Wohltuns salbend, damit wir würdig werden, vor Christus, unserem Gott und seinen Göttlichen Leiden niederzufallen und die schreckliche und heilige Auferstehung zu gewinnen.” Gleichzeitig hiermit regt die heilige Kirche ihre Kinder zum weiteren emsigen Ertragen der Fastenmühen an und durch Erinnerung an die “glorreiche Gnade” des “allehrwürdigen Fastens, durch welche der Prophet Elias den Feuerwagen findet, und Moses die Gesetzestafeln empfing, Daniel angestaunt wurde, Elisa einen Toten erweckte, die Jünglinge das Feuer löschten und jeder Gott zugeeignet wird” gibt sie uns ein, daß “das gute Fasten das Herz nährt, gottgefällige Gedanken hervorbringt, den Abgrund der Leidenschaften austrocknet und das Herz durch Wolken der Zerknirschung reinigt durch den Glauben der dem Allherscher Lobsingenden” und daß “die Kämpfer im Fasten den Lohn” von Gott empfangen werden: “Frieden und Erleuchtung, Heilung der seelischen Verletzungen”, “innere Gnade”, “immer neue Wonne”. Durch solche Anregungen bestärkt uns die heilige Kirche in den Fastenmühen und bewegt uns, Gott zu bitten, Er möge uns “die Fastenzeit in Frieden zu Ende führen” lassen. Indem sie zum Ende des Fastenwettlaufs ihre Mahnung, im gottgefälligen Lebenswandel nicht nachzulassen, noch vergrößert, erinnert sie uns in dieser Woche daran, daß wir geich dem unter die Räuber Gefallenen in Sünden fielen und daß wir auf Erbarmen von Gott hoffen mögen. Namentlich der Donnerstag und Samstag dieser Woche sind von besonderer Bedeutung.
“Zu Tisch ist Öl gestattet und Wein trinken wir um der bevorstehenden Mühe des Wachens willen; den um ihr Heil Besorgten obliegt Enthaltsamkeit: ohne Heuchelei mögen sie fasten”.

Donnerstag der fünften Woche
Zum Morgengottesdienst dieses Tages wird außer zwei dreigliedrigen Kanons das einzige Mal im Jahr der gesamte Große Kanon des Hl. Andreas von Kreta gelesen (der in vier Teilen an den ersten vier Tagen der ersten Woche gelesen wird), sowie der Kanon der ehrwürdigen Maria von Ägypten mit den in jede Ode eingefügten Troparien zu Ehren des Hl. Andreas; es werden (vor der 7. Ode des Kanons) die Seligpreisungen mit Stichiren gesungen und das Leben der ehrwürdigen Maria wird “in zwei Abschnitten” gelesen, d.h. Hälften (die erste Hälfte nach dem Kathisma und den Sedalen und die zweite Hälfte zwischen der 3. und der 4. Ode des Kanons). Wegen dieser exzeptionellen Bedeutung wird der Morgengottesdienst am Donnerstag “Stehen des Hl. Andreas und Stehen der Hl. Maria von Ägypten” genannt.
In diesem Kanon sind – wie oben gesagt – alle Motivationen für Fasten und Buße gesammelt und dargelegt, und die heilige Kirche wiederholt ihn jetzt in voller Länge, um in uns neue Kräfte zur erfolgreichen Beendigung des Fastens zu erwecken. “Denn jetzt – so heißt es im Synaxarion – eilt die heilige Vierzigtageszeit ihrem Ende zu: auf daß die Gläubigen sich nicht in Nachlässigkeit vergessen mögen und nicht erlahmen im geistigen Kampf!” wird ihnen dieser große Kanon vorgetragen. Er ist “so groß angelegt und von süßer Stimme, daß er auch die verhärtetste Seele zu erweichen und zu edler Frische zu bewegen vermag, wenn er nur mit zerknirschtem Herzen und mit Andacht gesungen wird”. Die Kirchenordnung verlangt, den großen Kanon langsam und “mit Zerknirschtheit des Herzens und der Stimme” zu lesen und zu singen, “wobei nach jedem Troparion drei Metanien auszuführen sind”. Zu eben diesem Zwecke, nämlich, um die Kräfte und die Konzentration der Reueübenden zu erwecken, dient auch die Lesung des Lebens der ehrwürdigen Maria von Ägypten. Nach der Erläuterung eben dieses Synaxarions erweckt das Leben der ehrwürdigen Maria von Ägypten ebenfalls “grenzenlose Zerknirschung und schenkt den in Sünde Verstrickten großen Trost”, denn es stellt sich uns als ein Vorbild wahrer Reue und als ein Beispiel für die unaussprechliche Barmherzigkeit Gottes dar. Die Lesung des Großen Kanons des Hl. Andreas und des Lebens der ehrwürdigen Maria von Ägypten am Donnertag der fünften Woche wurde von der Zeit des VI. Ökumenischen Konzils an verfügt.
Am Donnerstag wird die Liturgie der Vorgeweihten Gaben zelebriert und das Fasten ein wenig erleichtert: “Wir verwenden Öl und trinken Wein um der kommenden Mühe willen”. Wenn das Fest der Verkündigung auf den Mittwoch oder Donnerstag der fünften Woche fällt, dann wird die Rezitation des Großen Kanons auf den Dienstag eben dieser Woche verlegt (von der Liturgie der Vorgeweihten Gaben in diesem Fall am Dienstag steht im Typikon nichts, aber in der Praxis wird sie zelebriert).
Am Freitag “trinken wir zu Tisch Wein um der bevorstehenden großen Mühe willen”.

Samstag der fünften Woche
Der Gottesdienst an diesem Samstag trägt die Bezeichnung “Lobpreis der Allerheiligsten Gottesgebärerin”, weil wir an diesem Tag der Allerheiligsten Gottesgebärerin “Lobeshymnen emporsenden” im Gedenken an die dreimalige Errettung der Herrscher-Stadt Konstantinopel vor dem Ansturm der Feinde durch ihr allmächtiges Eingreifen (s. 10. März). In der Regierung des Herakleios (626) bedrängten die Perser von Osten her und von Westen die Skythen oder Avaren Konstantinopel. Der Patriarch Sergej trug die Ikone der Allerheiligsten Gottesgebärerin, genannt die Hodigitria, (s. 28. Juli) und ihr Gewand in einer Prozession um die Stadtmauern und als er das Gewand der Gottesmutter in das Wasser der Meerenge tauchte, fing das Meer zu kochen an, die Schiffe sanken und der Feind ging unter. Das Volk verbrachte eine ganze Nacht im Gebet in der Blachernae-Kirche, die sich am Meeresufer befand, und sang der Mutter Gottes Dankeshymnen (Akathistos).
Ein ähnliches Wunder der Errettung Konstantinopels vor den Agarenern geschah unter Konstantinos Pogonatos, Leon dem Isaurer (716-740) – oder nach anderen Überlieferungen unter Michael III (864) vor den Agarenern und Skythen, Askold und Dyr. Die heilige Kirche führte allgemein die Darbringung des Dankeshymnos am Samstag der fünften Woche des Großen Fastens ein, weil die erste Rettung Konstantinopels um diese Zeit stattgefunden hatte. In Dankbarkeit für die wunderbare Rettung vor den Feinden schließt die heilige Kirche die Bitte an die Allheilige Gottesgebärerin auch um unsere Befreiung von allen Übeln ein, den Blick gerichtet auf die Mutter Gottes, die Helferin im Gebet und im Werk der Buße. Indem die heilige Kirche die Gläubigen an die himmlische Fürsprecherin und Anwältin des Menschengeschlechtes erinnert, bestärkt sie die Reueübenden in der Hoffnung auf Hilfe in ihrer spirtuellen Praxis von oben, auf Hilfe eben von Jener, die niemals die Gepeinigten und Trauernden und ihre Hilfe Benötigenden im Stiche ließ, nicht einmal im Kampfe mit äußeren Feinden.
Troparion, Ton 8. “Nachdem er den Auftrag geheimnisvoll in der Erkenntnis empfangen hatte, trat in das Zelt des Joseph mit Eifer der Unkörperliche und sprach zu der mit der Ehe Unbekannten: Der die Himmel durch Seine Herabkunft geneigt hat, wird ohne Änderung gänzlich in dir umfaßt; und schauend, wie er in deinem Mutterschoße Knechtsgestalt annimmt, staune ich, so daß ich rufe: Freue dich, du nie vermählte Braut.” Kondakion, s. 25. März.
“Zu Tische essen wir zwei mit Öl zubereitete Gerichte und trinken Wein, indem wir unserer Allheiligen Gebieterin, der Gottesgebärerin, für die durch sie gewirkten Wunder danken.”

 

Fortsetzung aus Bote 1999, 1

Fünfter Sonntag
Der Gottesdienst dieses Sonntags ist dem Gedenken und der Verherrlichung des askesereichen Lebens der hl. Maria von Ägypten gewidmet, welche „die seelischen Fänge und fleischlichen Leidenschaften mit dem Schwert der Enthaltsamkeit abschnitt, das sündige Ansinnen durch die Praxis des Schweigens verdrängte, durch Ströme von Tränen ihre Wünsteneinsamkeit erfüllte und uns die Früchte der Reue wachsen ließ“ und welche „durch Fastenmühen“ „wie die Sonne leuchtend allen Sündern als Lehrmeisterin erschien“. In ihrem Leben weist die heilige Kirche auf zwei Gegensätze hin: die Tiefe ihres Falles in die Sünde einerseits und die Höhe ihrer gnadenreichen Wiederaufrichtung andererseits, wodurch bewiesen wird, daß wahre Reue sogar die allerschwersten Sünden auslöschen und den reumütigen Sünder auf eine hohe Stufe geistlicher Vollkommenheit führen kann. In den Oden des Kanons wird das Gleichnis vom „Reichen Mann und armen Lazarus“ aufgeschlüsselt. Durch den Sinn dieses Gleichnisses wird den im Fasten Beflissenen die Lehre erteilt, daß sie, wenn sie physisch fasten, auch spirituell fasten mögen, d.h. den notleidenden Brüdern helfen und das Los der Gepeinigten erleichtern mögen. Den Leidtragenden und Unbemittelten aber wird Geduld und Großherzigkeit anbefohlen nach dem Vorbild des Lazarus, der um dieser Tugenden willen „das Paradies der Seligkeit gewann“. Um den Fastenden die unbedingte Notwendigkeit zur Barmherzigkeit einzuschärfen, singt die heilige Kirche: „Nicht ist das Königreich Gottes Speise und Trank, sondern Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit in Heiligung; deshalb gehen nicht die Reichen in es ein, sondern jene, die ihre Schätze in die Hände der Armen geben. Solches lehrte auch der Prophet David: rechtschaffen ist der Mann, der den ganzen Tag Erbarmen übt, der sich im Herrn erfreut und im Lichte wandelnd nicht strauchelt. All dies wurde zu unserer Erbauung geschrieben, damit wir beim Fasten auch Wohltätigkeit üben, und der Herr uns statt der irdischen Güter die himmlischen schenken möge“. Das Sonntagsevangelium berichtet vom Herannahen der Leidenszeit Christi und die Apostellesung kündet von der uns zum Heil gereichenden Wirkung des Kreuzesopfers des Erlösers. Durch diese Bezugnahme auf das Gleichnis vom reichen Mann und armen Lazarus sowie auf die Passion, den Tod und die Auferstehung des Erlösers stellt die heilige Kirche den fünften Sonntag in den Kontext des baldigen Ende der Fastenmühen und der damit im Zusammenhang stehenden, zu begehenden Ereignisse.
Troparion an die ehrwürdige Maria – allgemein. Kondakion, Ton 3. „Von allerlei Unzucht ehedem erfüllt, hast du dich heute durch Buße als eine Braut Christi erwiesen, indem du, die Lebensweise der Engel nachahmend, die Dämonen mit der Waffe des Kreuzes überwandest, deshalb erschienst du als Braut des Reiches, ruhmreiche Maria.“
Liturgie des hl. Basilios des Großen. Lesungen: Hebr 9,11-14; der hl. Maria: Gal 3,23-29; Mk 10,32-45, der hl. Maria: Lk 7,36-50.

Sechste Woche.
Das im Kanon des fünften Sonntags entfaltete Evangeliumsgleichnis über den reichen Mann und armen Lazarus dient auch den Gesängen der sechsten Woche als Thema, in welcher die heilige Kirche uns aufruft, „die Unliebsamkeit und Unmenschlichkeit des Reichen zu fliehen und der Geduld und Großmütigkeit des Lazarus nachzueifern“ und den Herrn zu bitten, daß Er uns, „die an Genüssen des Lebens verarmt sind, reich an Tugenden mache“, „uns vor dem uns drohenden Hades bewahre“ und uns in „den Schoß des Patriarchen Abraham“ versetze. Wie in den vorangehenden so ruft uns die heilige Kirche auch in dieser Woche zu Opfern der Frömmigkeit auf: „Kommet vor dem Ende ihr Brüder alle, mit reinem Herzen lasset uns hintreten zu dem barmherzigen Gott, abwerfend die Sorgen des Lebens, lasset uns um unsere Seelen Sorgen tragen und die Lust an Speisen in Enthaltsamkeit verabscheuend, lasset uns der Wohltätigkeit obliegen“; „die Leidenschaften töten wir durch Enthaltsamkeit ab und das Gemüt beleben wir durch göttliches Tun“; „fasten wir, indem wir Ströme von seelischen Tränen schöpfen, damit uns Erbarmen zuteil werde“. Gleichzeitig damit lädt uns die heilige Kirche ein, „da wir die sechste Woche haben“, „den vorfestlichen Palmengesang dem Christus, der da kommen wird“, darzubringen, „der den Lazarus vom Grabe erwecken“ und „auf dem Füllen des Esels sitzen“ wird. Einhergehend hiermit wird die sechste Woche auch „Wegbereitung der Wiederbelebung des Lazarus“ genannt, meist jedoch einfach „Palmwoche“ oder „Blumenwoche“. In ihren Vorfestgesängen singt die heilige Kirche: „Freue dich, Bethanien, Heimat des Lazarus: in dir vollbrachte Christus Großes als Er Lazarus zum Leben zurückrief“; „Maria und Martha, o Gläubige, nachahmend, bringen wir dem Herrn göttliche Werke als Gebet dar, daß Er kommen und unseren Geist erwecken möge, welcher tot im Grabe der Faulheit liegt, ohne Gefühl, keine Furcht vor Gott empfindend, keine Regung von Leben zeigend und stöhnend: siehe Herr, wie du einst deinen Freund Lazarus durch dein Herbeitreten an sein Grab wiederbelebt hast, so erwecke uns alle und erweise uns großes Erbarmen“; „der Herr zieht ein, wie geschrieben steht, auf einem Füllen sitzend: ihr Leute, bereitet euch mit Furcht, den König aller mit Palmen zu empfangen, den Überwinder des Todes, welcher Lazarus aus der Hölle emporgehoben hat“; „erleuchtet in der Seele, in lauterem Fasten eilen wir, Christus zu empfangen, der mit einem Leib angetan nach Jerusalem kommt“; „mit den Knaben wollen auch wir Christus, den Gott, schauen, indem wir statt Palmen Almosen darbringen und in herzlichem Gebet mit Zweigen in der Hand rufen: segnet und erhebt Ihn empor auf ewig“; „kommet, seid bereit zum Empfang des Herrn und bringet Ihm Zweige von Tugenden dar: so wie in der Stadt Jerusalem werden wir Ihn empfangen in unserer Seele, vor Ihm niederfallen und Ihm lobsingen.“
Am Freitag der sechsten Woche endet die heilige Vierzigtagezeit. An diesem Tage wird gesungen: „Die den Seelen nützlichen vierzig Tage vollendend, bitten wir, auch die heilige Woche deines Leidens schauen zu dürfen, o Menschenliebender, um zu verherrlichen in derselben deine großen Taten und deinen unaussprechlichen Heilsplan über uns.“ Gleichzeitig damit bereitet die heilige Kirche im Gottesdienst dieses Tages ihre Kinder auf eine würdige Begehung der Erweckung des Lazarus und insbesondere auf des Einzug des Herrn in Jerusalem vor, indem sie ausruft: „Nachdem wir die der Seele frommenden vierzig Tage des Fastens vollendet haben, lasset uns jubeln: Freue dich, Stadt Bethania, Heimat des Lazarus, freuet euch, Martha und Maria, seine Schwestern, morgen wird Christus kommen, um den toten Bruder durch das Wort wiederzubeleben“; „die ihr in Wüsten und Bergen und in Höhlen haust, kommt herbei und gesellt euch zu uns Palmträgern, um den König und Herrscher zu begrüßen: kommt Er doch, unsere Seelen zu retten“; „mit Eifer eilen wir Ihn zu empfangen, Ihm Zweige von tugendsamem Werken darbringend“.
Am Samstag der sechsten Woche gedenkt die heilige Kirche des Wunders der Erweckung des Lazarus, das der Heiland sechs Tage vor dem Jüdischen Pascha, während dessen Er die Passion litt, vollbrachte (Jh. 11,45-57). Das Gedenken der Auferweckung des Lazarus begeht die heilige Kirche zum Beweis der göttlichen Kräfte Jesu Christi und zur Gewißheit der Auferstehung Jesus Christi und der allgemeinen Auferstehung aller Toten, was auch im Troparion dieses Festes zum Ausdruck kommt. Indem sie den Gläubigen die große Bedeutung des vom Herrn vollbrachten Wunders darlegt, singt die heilige Kirche: „Herr, deine Stimme zerstörte das Reich des Hades und das Wort deiner Macht ließ aus dem Grabe den, der schon vier Tage tot war, erstehen; so wurde Lazarus das Vorbild des erlösenden neuen Lebens. Alles ist möglich Dir, Gebieter, König aller: Schenke deinen Knechten die Läuterung und die große Gnade“. Gleichzeitig damit gibt die heilige Kirche auch zu bedenken, daß eben dieses Ereignis den Anfang des entscheidenden Vorgehens des Priesterrates und der Pharisäer gegen den Heiland darstellte. Das vor den Augen vieler Zuschauer vollbrachte große Wunder der Auferweckung des Lazarus führte viele zum Glauben an Jesus Christus und rief eben dadurch bei den obersten Priestern und dem jüdischen Ältestenrat den stärksten Unwillen gegen ihn hervor, und das Synhedrion beschloß gerade damals auf Rat des Kaiphas, Jesus zu ergreifen, wo dieses nur möglich ist (Jh. 11,47-50). Auf diese Weise diente die Auferweckung des Lazarus als unmittelbarer Anlaß zur Verurteilung des Heilandes zum Tode. Daher wurde es von den ersten Jahrhunderten des Christentums an Brauch, das Gedenken dieses großen Wunders vor der eigentllichen Passionswoche zu begehen. Bereits im 4. Jh wurde die Auferweckung des Lazarus als ein allgemeinkirchliches und wichtiges Fest begangen, wie man dies aus den vielen Homilien des hl. Johannes Chrysostomus, des seligen Augustinus und anderer zu diesem Tage ersehen kann. Im 7. und 8. Jh verfaßten die heiligen Hymnologen der Kirche, die hll. Andreas von Kreta, Kosmas von Majuma und Johannes von Damaskus besondere Hymnen und Kanones zu diesem Fest, die noch bis heute gesungen werden.
Troparion, Ton 1. „Um die Auferstehung aller noch vor deinem Leiden zu bezeugen, hast du Lazarus von den Toten auferweckt, Christus, Gott. Weshalb auch wir, wie die Kinder, des Sieges Sinnbilder tragen dir, dem Sieger über den Tod, und rufen zu dir: Hosanna in den Höhen, gesegnet sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Kondakion, Ton 2. „Christus ist die Freude aller, die Wahrheit, das Licht, das Leben und die Auferstehung der Welt, Er ist erschienen den Erdbewohnern durch seine Güte; und Er ward das Vorbild der Auferstehung, allen die göttliche Vergebung darbietend.“
Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus. Statt des Trishagion wird gesungen: „Alle, die ihr auf Christus getauft seid“, weil an diesem Tag im Altertum die Katechumenen getauft wurden. Lesungen: Hebr. 12,28-13,8; Jh. 11,1-45.
Zu Tisch ist außer Öl und Wein auch der Genuß von Kaviar erlaubt.

Der Einzug des Herrn in Jerusalem oder der Palmsonntag
An diesem Tag gedenkt die heilige Kirche insbesondere der königlichen Verherrlichung Jesu Christi vor Seinem Kreuzestod, um zu zeigen, daß die Leiden des Heilandes freiwillig waren. Dieses Ereignis wird von den Evangelisten beschrieben (Mt. 21,1-11; Mk. 11,1-11; Lk. 19,29-41, Jh. 12,12-19). Der Beginn dieses Festes reicht bis ins tiefe Altertum zurück. Den ältesten Hinweis darauf finden wir in dem Wort des Methodios von Potara (3. Jh) zu diesem Tag. Angefangen vom 7. Jh rühmten viele Hymnologen (Andreas von Kreta, Kosmas von Majuma, Johannes von Damaskus, Theodoros und Josephos Studites, der Kaiser Leon der Philosoph und Nikephoros Xanthopulos) das Fest durch Gesänge, die bis heute in Gebrauch sind. Von dem Brauch der Verwendung von Palmzweigen zu diesem Feste (Zweige der Dattelpalme) wird es auch als Palmsonntag oder „Blüten- oder blütentragender oder blühender Sonntag“ bezeichnet, und in der einfachen Sprache als „Palmweidensonntag“. Palmen werden bei uns durch Weiden ersetzt, da die Weide früher als andere Zweige Knospen treibt. Der Brauch, an diesem Fest Palmen zu verwenden, geht auf den Einzug des Herrn in Jerusalem zurück. Die Betenden treffen sozusagen den unsichtbar kommenden Herrn und begrüßen ihn als Sieger über Hölle und Tod, indem sie das „Siegenszeichen“, Palmweiden mit entzündeten Kerzen, in Händen halten.
Troparion, Ton 4. „Mitbegraben mit Dir durch die Taufe, Christus, unser, Gott, wurden wir durch Deine Auferstehung des unsterblichen Lebens gewürdigt, und singend rufen wir Dir zu: Hosanna in den Höhen, gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn.“
Kondakion, Ton 6. „Auf dem Throne im Himmel, auf dem Füllen auf Erden, hast Du, Christus Gott, den Lobpreis der Engel und den Lobgesang der Kinder angenommen, die Dir zuriefen: Gesegnet bist Du, der da kommt, den Adam wiederaufzurichten.“
Da dieses Fest von Fastentagen eingesäumt ist, hat es weder ein Vorfest noch ein Nachfest; aber es ist das zwölfte Hauptfest und der ganze Gottesdienst ist auf den Festcharakter hin ausgerichtet. Zur Utrenja nach dem Polyeleon wird das Megalynarion gesungen (das Troparion „Die Engelschar“ dagegen nicht); auf das Evangelium folgt unmittelbar der 50. Psalm („Die Auferstehung des Herrn schauten wir“ wird bei dieser Utrenja nicht gesungen). Die Weihe der Palmweiden erfolgt nach der Lesung des Evangeliums. Während der 50. Psalm gelesen wird, beweihräuchert der Priester kreuzförmig, also von allen vier Seiten, die Palmzweige; nach der Lesung des Psalms spricht der Diakon „Lasset uns zum Herrn beten“, die Sänger singen dreimal „Herr erbarme dich“ und der Priester liest das Gebet zur Segnung der Palmzweige. Wenn die Gläubigen zum Evangelium herantreten, um es zu küssen, gibt der Priester jedem einen Weidenzweig mit einer Kerze. Die Kerzen, die man bei der Utrenja in der Hand hält, werden gewöhnlicherweise nach dem Kanon gelöscht.
Liturgie des hl. Johannes Chrysostomus. Als Isodikon wird „Gesegnet sei, der da kommt...“ statt des „Würdig ist es...“ gesungen.
Lesungen: Morgen: Mt. 21,1-11; Liturgie: Phil. 4,4-9; Jh. 12,1-18. „Zu Tisch essen wir zur Tröstung Fisch und trinken Wein, und danken dabei Gott“.

B. Die große und stille Woche
Die letzte Woche vor Ostern ist der Erinnerung an die letzten Tage des irdischen Lebens des Erlösers, Sein Leiden, Seinen Tod und Sein Begräbnis geweiht, weshalb sie die Passionswoche genannt wird. Sie wird auch die Große und Heilige Woche genannt wegen der Wichtigkeit und Großartigkeit des in ihr Geschehenen. „In dieser Woche wurde – wie der hl. Johannes Chrysostomus lehrt – die Tyrannei des Teufels gebrochen, der Tod überwunden, der Mächtige gefesselt und seine Waffen niedergestreckt, die Sünde geglättet, der Fluch gelöscht und das Paradies aufgetan, der Himmel zugänglich gemacht, die Menschen näherten sich den Engeln, die trennende Mauer wurde niedergerissen, die Grenzen aufgehoben; der Gott des Friedens versöhnte das Himmlische mit dem Irdischen“. Den Gottesdienst dieser ihrer Sinngebung und inneren Bedeutung nach so großen Woche umgab die heilige Kirche entsprechend auch mit äußerer Würde, indem sie ihn weise mit den angeordneten Propheten-, Apostel- und Evangelium-Lesungen, mit erhabenen, begeisternden Gesängen und einer ganzen Reihe von tiefbedeutsamen, andächtigen Riten ausschmückte. Alles, was nur im Alten Testament vorbedeutet oder vorausgesagt wurde und im Neuen über die letzten Tagen und Stunden des irdischen Lebens des Gottmenschen geschildert oder ausgesagt wurde, all das vereinigt die heilige Kirche in einem lebendigen und großartigen Bild, das sich nach und nach in den Gottesdiensten der Großen und Stillen Woche vor uns dartut. Schon bei der Ve¡cernja am Palmsonntag lädt die heilige Kirche die Frommen ein, sich zur Göttlichen Begehung der Geheimnisse der Passion des Herrn zu versammeln. Mit dem Beginn der Passionswoche folgt die heilige Kirche, im Gottesdienste der Ereignisse der letzten Tage des irdischen Lebens des Erlösers gedenkend, mit dem aufmerksamen Blick der Liebe und Andacht sozusagen jedem Schritte, vertieft sich in jedes Wort, versetzt sich sogar in den seelischen Zustand des zur freiwilligen Passion schreitenden Erlösers Christus, und führt uns schrittweise den Fußspuren des Herrn über Seinen ganzen Kreuzweg folgend, von Bethania bis zur Schädelstätte, von Seinem königlichen Einzug in Jerusalem bis zum letzten Augenblick Seiner die menschlichen Sünden loskaufenden Passion am Kreuze, und noch weiter – zum lichten Feste der Auferstehung Christi. In den ersten drei Tagen stimmt die heilige Kirche die Gläubigen intensiv auf die Leiden Christi ein. In diesen Tagen sind zur sechsten Stunde die Lesungen über die geheimnisvollen Visionen des Propheten Hesekiel vorgeschrieben, welche die Gründung der Kirche Jesu Christi auf Erden vorauskündigten, der Selbst die Bitterkeit all unserer Nöte austrank, und diese für Seine wahren Nachfolger süß und zum Heil gereichend gestaltete. Die für die Ve¡cernja vorgeschriebene Lesung aus dem Buch Exodus ist der Erinnerung an die elende Lage des jüdischen Volkes in der ägyptischen Gefangenschaft gewidmet, aus welcher dieses Volk gerettet wurde, nachdem es das Lamm – die Veranschaulichung des künftigen Pascha – zu sich nahm. Durch dieses Gedenken gibt die heilige Kirche den Gläubigen zu verstehen, daß eine viel schlimmere als die ägyptische Knechtschaft jene des Teufels ist, von der wir durch das neue Pascha, durch Christus, welcher für uns gelitten hat, errettet wurden. Die zweite Lesung für die Ve¡cernja ist aus dem Buche Job genommen. Daß dieser Gerechte alle schweren Nöte und Versuchungen, die auf Willen des Himmlischen Vaters auf ihn herabgesandt wurden, geduldig ertrug, ist eine Vorbedeutung der Leiden Christi für unsere Sünden und erteilt uns zudem eine Lektion, daß auch wir Kummer und Leid in unserem Leben ohne Murren hinnehmen mögen. In Anlehnung daran, daß Jesus Christus vor Seiner Passion die Tage im Tempel verbrachte und das Volk lehrte, zeichnet die heilige Kirche diese Tage durch besonders ausgedehnte Gottesdienste aus. Um die Aufmerksamkeit und die Gedanken der Gläubigen auf die ganze Evangeliums-Geschichte der Verkörperung des Gottmenschen und Seinen Dienst für das Menschengeschlecht zu konzentrieren, liest die heilige Kirche in den ersten drei Tagen der Passionswoche zu den Stunden alle vier Evangelien vor. Durch diese freudige Verkündigung will die heilige Kirche zeigen, daß Jesus Christus in allen Geschehnissen seines irdischen Lebens sich als wahrer Gott und wahrer Mensch offenbarte, und daß nur deshalb Seine Leiden uns zum Heil gereichen. Da in den ersten drei Tagen der Leidenswoche verschiedene vielbedeutende Ereignisse stattfanden, welche ganz eng mit der Passion Christi zusammenhängen, so gedenkt die heiige Kirche auch ihrer in Ehrfurcht, und zwar an genau den Tagen,an denen sie stattfanden. In den besonders ausgewählten Evangeliumslesungen der für die ersten drei Tage der Passionswoche anberaumten Liturgie der Vorgeweihten Gaben erleuchtet uns die heilige Kirche über die Ereignisses eines jeden Tages und erbaut uns durch die damals durch den Erlöser gesprochenen Worte und durch Seine Gespräche. Auf diese Weise läßt uns die heilige Kirche in jenen Tagen beharrlich dem Göttlichen Lehrer und Seinen Jüngern folgen, entweder in den Tempel oder zum Volk oder zu den Zöllern oder zu den Pharisäern, und überall erleuchtet sie uns mit eben den Worten, die Er Selber in jenen Tagen zu den ihm Lauschenden sprach. Indem die heilige Kirche die Gläubigen zu einer würdigen Betrachtung und herzlichen Anteilnahme an den Kreuzesleiden des Erlösers mahnt, gibt sie dem Gottesdienst der ersten drei Tage der Passionswoche vor allem das Gepräge von Trauer und inniger Zerknirschung über unsere Sündhaftigkeit. Von Mittwoch Abend an ist der Ritus der Großen Fastenzeit beendet und es beginnt eine Reihe von Gottesdiensten besonderen Gepräges und völlig anderer Struktur. In den kirchlichen Gesängen verstummen die Töne des Wehklagens und Stöhnens der sündigen menschlichen Seele und es hebt ein anderes Weinen an, welches das Herz der Gläubigen erfüllt und den ganzen kirchlichen Gottesdienst durchdringt – das Weinen nämlich ob der fürchterlichen Qualen und Kreuzesleiden des Gottessohnes. Gleichzeitig erquicken andere Empfindungen das Herz, etwa die unbeschreibliche Freude über unser Heil, die grenzenlose Dankbarkeit an den Göttlichen Erlöser, von denen die Seele des gläubigen Christen erfüllt wird. Indem wir den unschuldig Gepeinigten, Geschmähten und Gekreuzigten beweinen und bittere Tränen unter dem Kreuze unseres Heilandes vergießen, wird uns unaussprechliche Freude aus dem Bewußtsein, daß das am Kreuz gekreuzigte Heiligste Wort auch uns Verlorene mit sich auferstehen lassen wird, zuteil. Durch die Fülle der geheiligten Erzählungen, die tief kontemplativen Gesänge und schließlich eine ganze Reihe frommer Riten und hehrer Gebräuche überschüttet die heilige Kirche die Seele des Christen mit einem solchen Schwall an bitteren und zugleich freudigen, grenzenlos ergreifenden und belebenden Empfindungen, daß sich der religiöse Enthusiasmus und die freudige Begeisterung der gläubigen Christen-Seele in jenen Tagen jeglicher Beschreibung entziehen, und keine Worte sie auszudrücken fähig wären. Indem die ergreifende und majestätische Schilderung der Leiden des Herrn allmählich entfaltet wird, gestattet uns der Gottesdienst der Passionswoche, daß wir uns gedanklich in jenen Tagen entweder nach Jerusalem versetzen oder auf den Ölberg, oder in das Gemach Zion, wo das letzte Abendmahl stattfand, oder nach Gethsemane, oder auf den Golgotha, oder auf den Weinberg des Joseph von Arimathea, oder gleich den Myronträgerinnen „in aller Morgenfrühe“ zum Grab des Erlösers zu laufen, um seine lebenbringende Auferstehung zu schauen. Indem er uns auf Engste mit den freiwillig auf sich genommenen Leiden unseres Erlösers verbindet, gibt uns der Gottesdienst der Passionswoche die grenzenlose Möglichkeit, uns gedanklich in die Ströme Seines heiligsten Blutes, das für uns vergossen wurde, zu versetzen und sozusagen unmittelbar aus Seinem allreinen Munde Seine vor dem Tode gesprochenen Worte und Seine göttliche Unterweisung zu vernehmen. Indem wir uns in der Passionswoche zu den kirchlichen Gottesdiensten begeben, die so lebendig, als ob sie sich vor unseren Augen ereigneten, alle Geschehnisse aus den letzten Tagen des Erlösers schildern, machen wir gedanklich die ganze, großartig ergreifende und grenzenlos erbauliche, dem Herzen des Christen so nahe Leidensgeschichte Christi durch, mit unserer Vorstellung und unserem Herzen „gesellen wir uns zu Ihm und werden mit Ihm gekreuzigt“. Daher gilt die Passionswoche als die bedeutendste Zeit im Jahre, welche die Seele des Christen unvergleichlich emporhebt und sie zur Aufnahme der höchsten Ideen und Wahrnehmungen empfänglich macht, – als eine Zeit, welche dem religiös gesinnten christlichen Gemüt reichliche Nahrung und dem gläubigen Herz himmlische Ergötzung spendet.
In der ganzen Passionswoche werden außer zur Liturgie am Großen und Heiligen Donnerstag und Samstag liturgische Gewänder schwarzer Farbe getragen. Um dem zu gedenkenden Geschehen volle Aufmerksamkeit zu schenken, werden in dieser Woche weder Panichiden noch Akathiste in der Kirche gesungen.
„Zu Tisch essen wir Trockenspeisen und damit begnügen wir uns, wie in der ersten Woche dieses heiligen Fastens so auch an diesen Tagen. Am großen und heiligen Montag, Dienstag und Mittwoch muß gefastet werden. Das sechste Ökumensiche Konzil gebot, daß die Gläubigen die heilsamen Tage der Passion in Fasten und Gebet und Zerknirschung des Herzens begehen und das Fasten zum Mesonyktikon am großen und heiligen Samstag brechen.“

Heiliger und hoher Montag
Zum Gottesdienst dieses Tages fordert die heilige Kirche die Gläubigen auf, Christus zu begleiten, sich mit Ihm kreuzigen zu lassen, Seinetwillen den Genüssen des Lebens zu sterben, um mit Ihm zu leben. Indem sie uns in geheimnisvoller Betrachtung die Geschehnisse des Alten und Neuen Testamentes näherbringt, kündet sie von der kommenden unschuldigen Passion des Erlösers in der alttestamentlichen Vorgestaltung des keuschen Josephs, der durch den Neid der Brüder unschuldig verkauft und erniedrigt wurde, aber danach wieder von Gott aufgerichtet wurde. „Joseph – so heißt es im Synaxaion – ist die Vorbedeutung Christi, weil auch Christus Objekt des Neides seiner Stammesgenossen, der Juden war und von einem seiner Jünger für 30 Silberlinge verkauft wurde, in die finstere, dunkle Grube, das Grab, gelegt wurde und aus eigener Kraft daraus auferstand, zum Herrscher über Ägypten wird, d.h. über alle Sünde, und sie am Ende besiegt, weil Er über die ganze Welt herrscht, und uns als der Menschenliebende durch die Gabe des geheimnisvollen Weizens loskauft und uns mit himmlischem Brot ernährt – Seinem lebenspendenden Leib.“ Von den Evangeliumsereignissen gedenkt die heilige Kirche auch des Verdorrens des unfruchtbaren Feigenbaumes. Nach dem Verständnis der heiligen Kirche stellt der unfruchtbare Feigenbaum die jüdische Synagoge dar, in der Jesus Christus keine wahre Frucht fand, sondern nur den scheinheiligen Schatten des Gesetzes, welchen Er bloßstellte und verfluchte; nun versinnbildlicht dieser Feigenbaum aber auch eine jegliche Seele, welche nicht die Früchte der Reue darbringt, weshalb uns die heilige Kirche zuruft: „Die Strafe des ob seiner Unfruchtbarkeit verdorrten Feigenbaums fürchtend, o Brüder, lasset uns würdige Früchte der Reue Christus darbringen, der uns große Gnade gewährt“. Außer der Erzählung über den verdorrten Feigenbaum erbaut uns das Morgenevangelium durch das vom Erlöser eben an diesem Tag gesprochene Gleichnis über die bösen Weinbergarbeiter, die zuerst die in den Weinberg gesandten Knechte ihres Herrn töteten und dann noch den Sohn ihres Herrn selber. In diesem Gleichnis, welches unmißverständlich die Verhärtung der Juden, welche zuerst die Propheten töteten und nach der Herabkunft des Sohnes Gottes auf die Erde auch Ihn selbst kreuzigten, meint, darf man jedoch nicht das schreckliche Urteil über Christen übersehen, die verwegen die Gebote der Apostel und heiligen Väter verletzen und somit immer noch den Sohn Gottes durch ihre Versündigungen kreuzigen. In der Evangeliumslesung zur Liturgie erinnert die Kirche an das Schicksal des gottverlassenen jüdischen Volkes und das Ende der Welt, wie sie von Jesus Christus vorausbedeutet wurden. Indem den Gläubigen die großen und vielfältigen Katastrophen und Zeichen der Zerstörung Jerusalems und des Endes der Welt vor Augen gestellt werden, werden sie angesichts des Unheils zu Großmut, Nichtverhaftung, Geduld, Gebet und geistiger Wachsamkeit animiert und trösten sich durch das Versprechen des Erlösers über die Verbreitung des Evangeliums über die ganze Welt und die Verkürzung jener unheilvollen Tage um „der Erwählten willen“ (Mt. 24,14,22).
Troparion, Ton 8. „Siehe, der Bräutgam kommt in der Mitte der Nacht, und selig der Knecht, welchen Er wachend findet, doch unwürdig ist der, den Er schlafend finden wird, siehe also zu, meine Seele, daß du nicht vom Schlafe befallen wirst, damit du nicht dem Tode übergeben und vom Reiche ausgeschlossen wirst, sondern sei nüchtern und rufe: Heilig, heilig, heilig bist du, o Gott, um der Gottesgebärerin willen erbarme dich unser.“
Kondakion, Ton 8. „Jakob beweinte den Verlust Josephs, doch der Edle saß auf einem Wagen wie ein König verehrt, denn er war damals den Lüsten der Ägypter nicht zu Willen, dafür ward er verherrlicht von dem, der die Herzen der Menschen sieht und darreicht den unverwelklichen Kranz“. Exapostilarion: „Dein Brautgemach sehe ich, mein Erlöser, geschmückt, und habe kein Festgewand, daß ich eintreten kann. Mache leuchtend das Gewand meiner Seele, o Lichtspender und erlöse mich.“

Lesungen: Morgen: Mt. 21,18-43; Paroimia: Hes. 1,1-20, Ex. 1,1-20, Hiob. 1,1-12; Evangelium: Mt. 24,3-35.z