Auslegung des Vaterunsers in den Worten der Kirchenväter
Zusammengestellt von Bischof Theophan - Moskau 1908
Ausgabe der Australisch-Neuseeländischen Diözese der Russischen Orthodoxen Kirche im Ausland



 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in: Bote 1995, 1

Vorwort
Bischof Theophan der Klausner, mit weltlichem Namen Georgij Vasiljevi¡c Govorov, wurde am 10. Januar 1815 geboren. Govorov studierte zuerst am Seminar von Orlov und dann an der Kiewer Geistlichen Akademie (1837-1841) unter der Leitung von Innokentij, dem später berühmt gewordenen Erzbischof von Cherson. Nach Beendigung des Studienkurses wurde er zum Mönch geweiht und begleitete dann der Reihe nach Positionen als Rektor der Kiewer Sofia-Lehranstalt für Geistliche, als Rektor des Geistlichen Seminars von Novgorod und als Professor der Sankt Petersburger Geistlichen Akademie. Sieben Jahre verbrachte der Priestermönch Theophan im Heiligen Land als Mitglieder dortigen Russischen Gesandtschaft. Zum Archimandriten befördert, wurde er zuerst Rektor des Seminars von Olonez und dann der Sankt Petersburger Geistlichen Akademie. 1859 wurde er Bischof von Tambov, und im Sommer 1863 nach Vladimir versetzt. Aber eine ganze Eparchie zu verwalten, oder auch nur ein Kloster und inmitten von weltlicher Geschäftigkeit und verantwortungsreicher Tätigkeit zu leben war nicht nach seinem Geschmack: er fühlte die Berufung zum Asketenleben und zur Klausur. Nachdem er sich mit Zustimmung des Heiligen Synods die Vy¡senskaja Einsiedelei ausgesucht hatte, zog er sich dorthin zurück und lebte von 1872 bis zu seinem Tod, am 6. Januar 1895 als tatsächlicher Klausner. In der Klausur schwieg Bischof Theophan zwar mit dem Munde, doch unermüdlich sprach er durch seine Feder, besonders durch die Beantwortung der Briefe, die er täglich in einer Anzahl von 20-40 erhielt.
Die Auslegung zu dem Vaterunser stellt eine Reihe von patristischen Reflexionen dar, eine Erläuterung der Bitten, Aufforderungen und Aussagen des Gebetes, das uns unser Herr Jesus Christus selbst gegeben hat. Diese Auslegungen wurden von dem unermüdlichen Bischof Theophan gesammelt; er vervollständigte sie noch durch Zitate aus den Werken des heiligen Bischofs Tichon von Zadonsk und durch eigene Gedanken zu diesen Themen. Alle wissen, wie wichtig für das geistliche Leben das richtige, traditionsgerechte Verständnis der Worte des Gebetes “Vater Unser”, dieses wichtigsten christlichen Gebetes ist.
So wie sehr viele Asketen der Ostkirche setzt Theophan der Klausner “in dem Komplex des menschlichen Wesen drei Bestandteile voraus: Geist, Seele und Körper”. Aber er fügt sogleich hinzu: “Dieses Thema ist umstritten, obwohl es nur um Worte geht. Jenen, die Geist und Seele nicht trennten möchten, kann man vorschlagen, daß sie unter dem Wort Geist den höheren Aspekt unseres nichtleiblichen Wesens verstehen und unter dem Wort Seele seine niedrigeren Aktivitäten und Tendenzen.”

Auslegung des Gebetes des Herrn
in den Worten der Kirchenväter

Das Gebet des Herrn kommentierten Tertullian (vor seinem Fall), der Hl. Kyprian, der Hl. Gregor von Nyssa, der Hl. Kyrill von Jerusalem, der Hl. Johannes Chrysostomos (in den Homilien zum Evangelium des Matthäus und in der Predigt über die “enge Pforte” u.ä.), der Hl. Cassian (in den 9 Diskursen), der Selige Augustinus (in dem Traktat über die Bergpredigt des Herrn, in den Worten 56, 57, 58 und im Brief 130), der Hl. Maxim der Confessor, der Selige Theophilakt (in dem Kommentar zum Evangelium des Matthäus und Lukas), Simeon von Saloniki und unser zeitgenössischer Wundertäter, der heilige Bischof Tichon von Vorone¡z. Ihre Aussagen werden hier, passend zu jedem Gebetsabschnitt, angeführt.

Über das Gebet des Herrn im Allgemeinen

Tertullian. Unser Herr Jesus Christus manifestierte Sich durch den Geist als Gott, durch das Wort als Gott, durch die Weisheit als Gott, durch den Geist, durch den er so allmächtig wirkte; durch das Wort, durch das er lehrte; durch die Weisheit, welche er durch seine Herabkunft zugänglich machte. Und das von dem Herrn Christus verfügte Gebet setzt sich aus diesen drei zusammen: aus dem Wort, mit dem es gesprochen wird, aus dem Geist, das ihm solche Kraft verleiht, aus der Weisheit, welche es ausströmt und vermittelt. Auch Johannes lehrte seine Schüler beten; aber alles was von Johannes kam, geschah im Hinblick auf Christus, damit, wenn Dieser erwachsen sein würde, das ganze Werk dieses Wegbereiters mit dem Geist selber auf den Herrn übergehe, wie Johannes selbst angekündigt hat, als er sagte: Er muß wachsen, und ich abnehmen (Jh. 3,30). Daher ist auch nicht überliefert, mit welchen Worten Johannes beten lehrte, weil das Irdische dem Himmlischen den Platz räumen mußte: Wer von der Erde ist, ist irdisch und redet irdisch. Wer vom Himmel kommt, steht über allen, und er bezeugt, was er gesehen und gehört hat (Jh. 3,31). Und was ist nicht himmlisch von dem, was aus Christus, dem Herrn hervorging - wie auch dieses Gebet oder die Kunst zu beten? Dringen wir, die wir gesegnet sind, also in seine himmlische Weisheit ein, zuerst in das Gebot über das Gebet im geheimen, wodurch Er von den Menschen den Glauben forderte, daß er glaube, daß das Auge und Ohr des Allmächtigen Gottes auch an den verborgensten und geheimsten Orten gegenwärtig ist, und die Bescheidenheit des Glaubens, daß er vor Jenem Einen, an Dessen Allsicht und Allgehör er glaubte, seine ehrfürchtigen und gebetsreichen Gefühle ausschütte; und dann auch in das folgende Gebot, das ebenfalls Glauben und Bescheidenheit fordert, nämlich das Gebot beim Beten nicht viele Worte zu machen, damit wir nicht mit einer Meute von Gebetsworten auf den Herrn stürzen, von Dessen äußerster Sorgewaltung für die seinen wir überzeugt sind. Derart ist auch das von ihm verfügte Gebet. Es ist kurz; aber eben diese Kürze gibt reiche und würzige Nahrung zur Auslegung. In dem Maße, wie es in seinen Worten komprimiert ist, ist es extensiv in seinem Sinn. Denn es enthält nicht nur das, was im Gebet zum Ausdruck gebracht werden muß, nämlich Ehrfurcht vor Gott, die Vorbringung der Bitten, sondern es umfaßt alles, was der Herr lehrt und ruft all seine Lektionen und Unterweisungen ins Gedächtnis, so daß es in Wahrheit eine Zusammenfassung des ganzen Evangeliums ist.

Hl. Kyprian. Die Evangeliumsgebote, geliebte Brüder, sind nichts anderes als göttliche Lehren, Grundmauern der Hoffnung, Festungen zur Stärkung des Glaubens, Speise zur Erquickung des Herzens, Steuerruder zur Ausrichtung des Weges, tatsächliche Mittel zur Gewinnung des Heils: indem sie auf Erden die Gemüter der Gläubigen wohl gestalten, geleiten sie zum himmlischen Königreich. Viel geruhte Gott auch, durch seine Knechte, die Propheten zu verkünden und zu offenbaren; aber um wieviel höher ist das, was der Sohn spricht, was das Wort Gottes, das bereits in den Propheten wirkte, durch seine eigene Stimme bezeugt - das nicht nur den Weg dem Kommenden zu bereiten heißt, sondern das schon Selber einherschreitet, uns den Pfad auftut und weist, damit wir, die wir zuvor als Blinde in tödlicher Finsternis umherirrten, jetzt vom Licht der Gnade erleuchtet, unter der Führung und Leitung des Herrn wahrhaft den Pfad des Lebens einhalten mögen. Er Selbst gab unter anderen heilsamen Unterweisungen und göttlichen Geboten, welchen den Menschen zur Rettung gereichen, das Vorbild des Gebetes und er Selbst bestimmte, worum zu beten ist. Indem er das Leben gab, lehrte er auch zu beten - durch dieselbe Gnade, durch die er uns auch die übrigen Gaben zuteilte, damit wir, wenn wir uns mit diesen uns vom Sohn gelehrten Gebetsbitten an den Vater wenden, wir schnell erhört werden. Vor diesem (dem Lehren des Gebetes) sagte Er, daß die Stunde kommt, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten werden (Jh. 4,23) und jetzt (dieses Gebet vermittelnd) erfüllte er das, was er versprochen hatte - so daß wir, die wir den Geist von Seiner Heiligung empfangen haben, mit dem von Ihm gelehrten Gebet tatsächlich den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten. Denn welches Gebet könnte geistlicher sein als jenes, welches uns von Christus gegeben wurde, von Welchem uns der Heilige Geist herabgesandt wurde? Welches Gebet könnte wahrhafter vom Vater sein, als jenes, das mit den Lippen des Sohnes ausgesprochen wurde, Welcher die Wahrheit ist? So daß anderes zu beten, als Er uns lehrte, nicht nur Unwissenheit, sondern sogar ein Frevel ist, nachdem Er Selber niederlegte und sagte: ihr entkräftigt das Gesetz eurer Überlieferung zuliebe (Mt. 15,6). Wollen wir also, geliebte Brüder, so beten, wie uns der göttliche Lehrer lehrte. Dieses liebliche und wohlgefällige Gebet bittet Gott mit Seinem Wort und dringt an Sein Ohr durch das Gebet Christi. Möge der Vater die Worte Seines Sohnes erkennen, wenn wir zu Ihm beten. Jener, der dem Herzen innewohnt, Derselbe möge auch im Wort sein. Denn wir haben Ihn allein als Fürsprecher bei dem Vater für unsere Sünden (1. Jh. 2,1): wenn wir Sündige also wegen unserer Sünden beten, wollen wir die Worte unseres Fürsprechers hervorbringen, denn wenn Er spricht, wird uns alles gegeben, worum wir auch immer den Vater in Seinem Namen bitten mögen (Jh. 16,23). Erflehen wir das Gewünschte nicht wirkungsvoller im Namen Christi, wenn wir mit Seinem Gebet bitten?

Hl. Gregor von Nyssa. Das Wort Gottes gibt uns eine Lehre über das Gebet, in welcher es Seinen würdigen Jüngern, die eifrig Aufklärung über das Gebet suchen, darlegt, mit welchen Gebetswendungen man sich das Ohr Gottes geneigt machen kann. Als der große Moses das Volk Israel an den Berg führte, damit es dort in die heiligen Lehren eingeweiht werde, hielt er es der Erscheinung Gottes nicht eher für würdig, bevor er nicht für das Volk eine Reinigung durch Enthaltsamkeit und Waschung angeordnet hatte. Aber auch so waren die Israeliten nicht ohne Furcht vor dem Erscheinen der göttlichen Majestät, sondern bei jedem Zeichen derselben erschraken sie: beim Feuer, bei der Finsternis, beim Rauche und bei den Posaunen. Und als sie sich von diesen Schrecknissen wieder etwas erholt hatten, baten sie Moses, für sie der Vermittler des göttlichen Willens zu werden, da sie fühlten, daß ihre Kraft nicht ausreiche, Gott zu nahen und seine Erscheinung zu empfangen. Unser Gesetzgeber, unser Herr Jesus Christus, der uns der göttlichen Gnade zuführen will, zeigt uns in seiner Verkündigung keinen Berg Sinai, in Finsternis gehüllt und von Feuer rauchend, keine Posaunenstöße, die geheimnisvoll und schrecklich widerhallen. Auch reinigt er die Seelen nicht etwa durch dreitägige Enthaltsamkeit und mit Wasser, das den Schmutz wegwäscht; ebensowenig läßt er die ganze Gemeinde am Fuße des Berges zurück, um nur einem Einzigen den Aufstieg zum Gipfel des Berges zu gestatten, den der Rauch einhüllt, um die Herrlichkeit Gottes zu verbergen. Nein, statt nur auf den Berg führt er zum Himmel empor, indem er ihn für alle, welche der Tugend nachstreben, zugänglich macht. Auch macht er die Menschen nicht bloß zu Zuschauern der göttlichen Herrlichkeit, sondern sogar zu Teilhabern an derselben und führt jene, welche sich ihr nahen, gewissermaßen zur Verwandtschaft mit der göttlichen Wesenheit. Desgleichen verbirgt er nicht die alles überragende Majestät in Dunkel, so daß sie für die, welche sie suchen, schwer zu schauen wäre, sondern mit dem weithin strahlenden Licht seiner Lehre hat er das Dunkel erhellt und in leuchtender Klarheit allen, die reinen Herzens sind, die unaussprechliche Herrlichkeit sichtbar gemacht. Und Wasser zum Besprengen gewährt er nicht aus Bächen, die nicht unser sind, sondern solches, das in uns selbst emporquillt, mag man darunter den Quell der Augen oder das reine Gewissen des Herzens verstehen. Ferner nicht dadurch, daß er den erlaubten ehelichen Verkehr, untersagt, will uns der Herr heiligen, sondern dadurch, daß er jede auf das Sinnliche und Irdische gerichtete leidenschaftliche Seelenverfassung verbietet. Solche Reinigung verlangend, führt er uns durch das Gebet zu Gott. Das ist die Absicht seiner Gebetsunterweisung, durch die wir befähigt werden sollen, nicht zur Hervorbringung bestimmter Töne durch das Aussprechen vorgeschriebener Worte, sondern zu höherem Streben und damit zum Aufstieg der Seele zu Gott.

Hl. Chrysostomos. Als der Herr seinen Jüngern das Musterbild des Gebetes gab, machte er ihnen klar, was man im Gebet sagen muß, und lehrte auf diese Weise in wenigen Worten die ganze Tugend, denn diese Worte stellen nicht nur eine Anweisung im Gebet dar, sondern auch eine Belehrung im vollkommenen Leben. Wollen wir mit aller Sorgfalt ihren Sinn erforschen und sie fest als Gebote Gottes bewahren.

Der Hl. Maxim Confessor sieht in diesem Gebet die göttliche Weisheit, die Sohnschaft nach der Gnade, die Ebenbürtigkeit den Engeln, das ewige Leben der Teilhabe, die Wiedererrichtung der dem Wesen ursprünglich eigenen apathia (Freiheit von sündigen Neigungen, d.h. „Leidenschaften“ - Red.), die Abstreifung des Gesetzes der Sünde und die Vernichtung der Tyrannei des uns durch Schmeichelei beherrschenden Bösen.

Unterteilung

Nach dem ausführlichen christlichen Katechismus. Zur bequemeren Analyse des Gebetes des Herrn kann man es in die Anrufung, die sieben Bitten und die Lobpreisung unterteilen.

Anrufung

Vater unser, der du bist im Himmel
Vater!

Hl. Gregor von Nyssa. Ach hätte ich doch Taubenschwingen (Ps. 54,7), sagt irgendwo in den Psalmen der große David. Ich möchte ebenfalls so rufen, wenn ich es wagen soll, das gleiche Wort wie Jesus zu sprechen. Wer wird mir jene Flügel geben, damit ich die Kraft erhalte, mich im Geiste, wie es der Großartigkeit des Ausdruckes entspricht, soweit aufzuschwingen, daß ich, die ganze Erde unter mir lassend und das darüber liegende Luftmeer durchdringend, die Schönheit des Äthers erreiche und zu den Gestirnen aufsteige, mit Entzücken ihre volle Pracht und Ordnung schauend? Daß ich aber selbst hier noch nicht Halt mache, sondern weiter eilend dem Bereich alles dessen entfliehe, das sich bewegt und verändert, und endlich zu jener Natur komme, die keine Veränderung kennt, zu jener Macht, die ihre Stütze in sich selbst hat, die alles trägt und leitet, was Dasein hat, alles, was von dem unaussprechlichen Willen der göttlichen Weisheit abhängt. Daß ich allem was der Veränderung und dem Wechsel unterworfen ist, vollständig entronnen in unbewegter, ruhiger Seelenverfassung den Unwandelbaren und Unveränderlichen zuvor durch meine Gesinnung mir geneigt mache und dann mit dem vertrautesten Namen anrufe, indem ich spreche Vater!

Hl. Kyprian. O welche Herablassung zu uns, welches reiche Wohlwollen und welche Gnade des Herrn, daß Er uns gestattete, beim Gebet vor dem Angesicht Gottes, Ihn Vater und sich selber Kinder Gottes zu nennen, genauso wie Christus der Sohn Gottes ist! Niemand von uns könnte wagen, Ihn mit diesem Namen im Gebet anzurufen, wenn Er nicht Selbst uns gestattet hätte, so zu beten.
Fortsetzung folgt
Hl. Kyrill von Jerusalem. In dem Gebet, das der Heiland Seinen Schülern gab, sprechen wir, indem wir mit reinem Gewissen Gott als Vater bezeichnen: Vater unser! Welch ungeheuer große Menschenliebe Gottes! Den von Ihm Abgefallenen und bis zum äußersten dem Bösen Verfallenen wird solch eine Amnesie alles Üblen gewährt und solch eine Teilhabe an der Gnade, daß sie Ihn Vater nennen dürfen: Vater unser!

Hl. Chryosostomos. Vater unser! O, welch außerordentliche Menschenliebe! O, welche vortreffliche Ehre! Welches Wort wäre ausreichend, um dem Spender solchen Segens Dank zu sagen? Schaut, meine Geliebten auf die Niederträchtigkeit eurer und meiner Natur, analysiert sie: nichts als Erde, Staub, Schmutz, Lehm, Asche; denn wir sind aus Erde geschaffen und werden schließlich wieder zu Erde zerfallen. Wenn du dir dies vor Augen hältst, wirst du dich wundern über die unerforschliche Fülle der göttlichen Gnade, der zufolge es dir aufgetragen ist, Ihn Vater zu nennen: dir dem irdischen Geschöpf - den Himmlischen, dir dem sterblichen - den Unsterblichen, dir dem vergänglichen - den Unvergänglichen, dir dem zeitlichen - den Ewigen, dir, der du gestern noch Schmutz warst - den urewigen Gott.

Seliger Augustinus. Bei jeder Bitte sucht man zuerst den Segen dessen, an den man sich wendet, und dann wird die Bitte selber vorgetragen. Segen gewinnt man im allgemeinen, indem man denjenigen preist, von dem man etwas haben will, und daher wird der Lobpreis immer an den Anfang einer Bitte gesetzt. Eben in diesem Sinn gebot uns der Herr, zu Anfang des Gebetes auszurufen: Vater unser!
In der Schrift gibt es viele Stellen, an denen Gott Lobpreis dargebracht wird; aber man findet nicht, daß Israel geheißen wird, Vater unser! auszurufen. Die Propheten nannten Gott zwar den Vater der Israeliten, sogar Gott selber sprach: Ich ziehe Kinder groß und bringe sie empor; doch schlimm betragen sie sich gegen mich (Is 1,2) und: Nun bin Ich wirklich Vater, wo bleibt dann meine Ehrung? (Mal 1,6). Aber die Propheten bezeichneten ihn wohl deshalb als Vater, um die Israeliten zu überführen, daß sie keine Söhne Gottes sein wollten und den Sünden fröhnten. Sich selber an Gott als an einen Vater zu wenden, wagten sie jedoch nicht: denn sie befanden sich noch im Zustand der Knechtschaft, obwohl sie zur Sohnschaft bestimmt waren, wie der Apostel spricht: Solange der Erbe noch nicht mündig ist, unterscheidet er sich in nichts von einem Sklaven (Gal 4,1). Dieser Vorrang kommt dem neuen Israel, den Christen, zu. Doch allen, die Ihn aufnahmen, verlieh Er Kraft, KInder Gottes zu werden (Jh. 1,12) und: Ihr habt den Geist der Annahme als Kind empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater! (Röm 8,15).

Tertullian. Wenn wir sprechen Vater unser, dann beten wir zu Gott und bekunden gleichzeitig den Glauben, dessen Frucht diese Anrede ist. Denn es steht geschrieben: Allen, die Ihn aufnahmen, verlieh Er Kraft, Kinder Gottes zu werden, denen die an Seinen Namen glauben (Jh. 1,12). Der Herr selbst nannte Gott oftmals unseren Vater; er befahl sogar, niemanden auf Erden Vater zu nennen außer Jenen, welchen wir im Himmel haben (Mt 23,9). Wenn wir Ihn also derart im Gebet anrufen, dann erfüllen wir seine Weisung. Selig jene, die in Gott den Vater erkennen. Der Name Gott Vaters war niemals jemandem zuvor offenbart worden; und sogar der danach fragende Moses hörte irgendeinen anderen Namen; uns wurde er im Sohn verkündet. Denn “Sohn” deutet bereits auf einen neuen Namen Gottes hin, nämlich den des Vaters. Er spricht geradeheraus: Ich bin im Namen Meines Vaters gekommen (Jn 5,43), und wiederum: Vater, verherrliche Deinen Namen (Jn 12,28), und noch deutlicher: Ich habe Deinen Namen den Menschen kundgetan (Jn 17,6).

Hl. Kyprian. Der neue Mensch, der wiedergeborene und mit seinem Gott durch Seine Gnade vereinigt, spricht zuvorderst: Vater! Denn er ist bereits ein Sohn geworden. Er kam in Sein Eigentum, die Seinen aber nahmen Ihn nicht auf: doch allen, die Ihn aufnahmen, verlieh Er Kraft Kinder Gottes zu werden, denen, die an Seinen Namen glaubten (Jh. 1,11-12). So muß der gläubig und ein Kind Gottes Gewordene damit anfangen, daß er sich dankbar als Kind Gottes bekennt und Gott, Welcher im Himmel ist, Vater nennt. Er muß nach seiner Neugeburt mit den ersten Worten bezeugen, daß er sich von dem irdischen und fleischlichen Vater losgesagt und nun einen neuen Vater kennengelernt hat, Welcher im Himmel ist. Und der Herr befahl in seinem Evangelium, keinen auf Erden sich Vater zu nennen, denn wir haben einen Vater, Welcher im Himmel ist (Mt. 23,9).

Seliger Augustinus. Wenn wir zu Beginn des Gebetes Vater unser! ausrufen, so bezeugen wir durch diese Anrede auch unsere Liebe: denn was ist für Kinder süßer als der Name Vater? Und die Gewißheit, daß wir das Erbetene erhalten, haben wir dadurch, daß wir, bevor wir überhaupt um etwas bitten, uns schon im Besitz jener großen Gnade, daß wir Gott unseren Vater nennen dürfen, fühlen. Denn welches Ansuchen würde Gott seinen Söhnen verweigern, denen er bereits das Recht verliehen hat, Seine Kinder zu sein?
Sprecht Vater unser! nachdem ihr Gott bereits als euren Vater habt. Man bekommt Gott zu seinem Vater, wenn man aus Ihm wiedergeboren wird. Ihr seid geboren aus Ihm im Schoß der Kirche. Denkt daran, daß ihr einen Vater im Himmel habt. Bedenkt, daß ihr in Adam zum Tod, aus Gott dem Vater jedoch zum Leben geboren seid. Und was ihr sprecht, daß empfindet auch in euren Herzen. Gemäß dem, was der Betende in seinem Herzen trägt, empfängt ihn auch derjenige, der sein Gebet hört.

Hl. Chrysostomos. Also betet, spricht der Heiland Vater unser, der Du bist im Himnmel. Schau, auf welche Weise Er sogleich dem Hörer Mut macht, indem er ihn gleich zu Anfang an alle Segnungen Gottes erinnert. Denn jener, der Gott Vater ruft, bekennt allein schon durch diese Anrufung: die Vergebung der Sünden, den Erlaß der Strafe, die Wahrheit, die Heiligung, den Freikauf, die Sohnschaft, das Erbe, die Bruderschaft mit dem Eingeborenen und die Gabe des Heiligen Geistes - insofern, als jemand, der all diese Güter nicht bekommen hat, Gott nicht Vater nennen kann. Und so begeistert der Herr Jesus Christus auf doppelte Weise seine Hörer, nämlich durch die Würde des Angerufenen und durch die Größe der Segensgüter, die ihnen zuteil wurden.

Hl. Kassian. Das Gebet des Herrn setzt im Betenden einen erhabeneren und vollkommeneren Zustand voraus, welcher in der Betrachtung des einen Gottes und in der flammenden Liebe zu Ihm besteht, und in dem unser Geist, ergriffen und durchdrungen von dieser Liebe, mit Gott auf die engste Weise und mit besonderer Aufrichtigkeit wie mit seinem Vater spricht. Daß wir geflissentlich streben sollen, diesen Zustand zu erreichen, das schärfen uns die Worte dieses Gebetes ein. Wir sprechen: Vater unser! Wenn wir auf diese Weise Gott, den Herrn des Universums mit unserer Zunge als Vater bekennen, dann beteuern wir damit auch, daß wir aus dem Zustand der Knechtschaft vollkommen in den Zustand der Kinder Gottes übergegangen sind.

Hl. Maxim Confessor. (Das erste Wort des Gebetes führt uns zum Bekenntnis der Allheiligen Dreiheit empor.) Daß der Vater diesen Namen trägt, ist nicht, weil er ihn erworben hätte. So wie es keinen Anfang Seiner Existenz gibt, so auch keinen Anfang Seiner Vaterschaft. Wenn Er, der von Ewigkeit her Seiende, schon immer der Vater war, dann koexistierte der Sohn, jenseits aller Vernunft, immer schon mit Ihm, aus Ihm und in Ihm - er kam nicht nach Ihm ins Dasein, im Sinne einer Emanation aus Ihm. Wenn wir also dieses Gebet beginnen, werden wir veranlaßt, die einwesentliche und von Ewigkeit her seiende Dreiheit zu preisen als die schöpferische Ursache unseres eigenen Seins. Lernen wir auch, die uns von Gott Sohn verliehene Kraft zu bekennen, seien wir würdig, denjenigen Vater zu nennen, der dem Wesen nach unser Schöpfer ist: damit wir, ehrfürchtig den Namen unseres Vaters aus Gnade preisend, in unserem Leben uns befleißigen mögen, die Züge unseres Erzeugers zu manifestieren, und indem wir Seinen Namen auf Erden heiligen, durch unsere Werke zeigen, daß Er unser Vater ist und wir Seine Kinder, und durch unser Denken und unser Tun den einwesentlichen Sohn des Vaters, den Urheber unserer Sohnschaft lobpreisen.

Seliger Theophylakt. Die Jünger Christi eifern den Schülern des Johannes nach und wollen lernen, wie man beten soll. Der Heiland schlägt die Bitte der Jünger nicht ab und lehrt sie beten. Vater unser, spricht er, der du bist im Himmel. Fühle die Kraft dieses Gebetes. Es führt dich augenblicklich in die Höhe, und insofern du Gott Vater nennst, soll dich dies ermahnen, ja nicht die Ebenbildlichkeit des Vaters zu verlieren, sondern danach zu streben, ihm gleich zu werden. Das Wort Vater! zeigt dir, welcher Güter du würdig wurdest, indem du zu einem Kind Gottes wurdest.

Simeon von Saloniki. Vater unser:Deshalb, weil Er unser Schöpfer ist, der uns vom Nichtsein ins Sein gerufen hat - und deshalb, weil Er aus Gnade unser Vater ist und durch den Sohn, der uns gleich geworden ist, dem Wesen nach.

Hl. Tichon von Zadonsk. Aus den Worten Vater unser! lernen wir, daß Gott der wahre Vater der Christen ist, und sie alle Kinder Gottes sind durch den Glauben an Christus Jesus (Gal 3,26). Folglich müssen sie Ihn wie einen Vater und voller Hoffnung anrufen, wie die leiblichen Kinder ihre Eltern rufen und ihre Hände in allen Nöten nach ihnen ausstrecken.

Unser.

Hl. Kyprian. Der Verkünder des Friedens und Lehrer der Einheit wollte gerade nicht, daß das Gebet gesondert und privat gesprochen würde, so daß der Betende nur für sich alleine bete. In der Tat sagen wir nicht: Mein Vater, der du bist im Himmel, gib mir mein tägliches Brot. Jeder von uns bittet nicht nur um den Erlaß seiner eigenen Schuld und betet nicht nur für sich alleine, daß er nicht in Versuchung geführt werde und vor dem Bösen bewahrt werde. Unser Gebet ist gemeinsam und allgemein, und wenn wir beten, dann bitten wir für das ganze Volk, weil wir alle eine Einheit bilden. Gott, der Präzeptor des Friedens und der Einmütigkeit, der die Einheit lehrte, gebot, daß jeder von uns einzeln für alle bete, wie Er allein alle trägt. Dieser Anweisung für das Gebet folgten auch die drei Jünglinge, die in den Feuerofen geworfen wurden: einstimmig waren sie in ihrem Flehen und einmütig in den Gefühlen des Herzens. Da lobten diese drei wie aus einem Munde Gott, verherrlichten und priesen Ihn (Dan 3,51). Sie riefen zu Gott wie aus einem Munde, und ihr friedliches, einfaches und geistvolles Gebet war dem Herrn lieb. Bei der Himmelfahrt des Herrn sehen wir auch die Apostel mit ihren Schülern auf ähnliche Weise beten: Sie alle verharrten einmütig im Gebete mit den Frauen, mit Maria, der Mutter Jesu, und mit Seinen Brüdern (Apg 1,14). Sie weilten also eines Herzens zusammen im Gebet, und bewiesen Festigkeit im Gebet und Eintracht untereinander, weil Gott, der die Einmütigen im Hause wohnen läßt (Ps. 67,7) in sein göttliches und ewiges Haus nur jene aufnimmt, bei denen das Gebet einmütig ist. O wie groß sind doch, geliebte Brüder, die Geheimnisse des Gebetes des Herrn! Wie viel Erhabenes ist in diesen wenigen Worten eingeschlossen, die in ihrer Kürze doch so reich an geistiger Gebetskraft sind!
“Sprechen wir zusammen: Vater unser, d.h. Vater der Gläubigen, welche, durch die gnadenreiche geistliche Geburt geheiligt und wiederhergestellt, Kinder Gottes geworden sind”.

Hl. Chrysostomos. Der Herr lehrt uns, allgemein für die Brüder zu beten. Denn er sagt nicht: Mein Vater, sondern unser Vater,und gebietet eben dadurch, das Gebet für das ganze Menschengeschlecht darzubringen, und niemals die eigenen Vorteile vor Augen zu haben, sondern sich stets um den Nutzen des Nächsten zu bemühen. Auf diese Weise vernichtet er die Feindschaft und stürzt den Hochmut, rottet den Neid aus und führt die Liebe, die Mutter alles Guten ein; er macht die Unterschiede der menschlichen Werke zunichte und zeigt daß der König und der Arme gleichermaßen respektabel sind, da wir an den höchsten und unerläßlichsten Werken alle gleichermaßen beteiligt sind. Welcher Nachteil sollte schon aus der niedrigen Gebut entstehen, wenn wir nach der himmlischen Verwandtschaft alle vereint sind, und keiner mehr hat als der andere, nicht der Reiche mehr als der Arme, noch der Herr mehr als der Knecht, noch der Vorgesetzte mehr als der Untergeordnete, noch der König mehr als der Soldat, noch der Philosoph mehr als der Barbar, noch der Weise mehr als der Ignorant? Denn Gott würdigte alle gleichermaßen, Ihn Vater zu nennen, wodurch er ihnen allen Vornehmheit verlieh.

Seliger Augustinus. Durch dieses unser wird eingeschärft, daß die Reichen und
Edlen in dieser Welt, nachdem sie Christen geworden sind, sich nicht vor den Armen und Nichtadligen brüsten sollen, da auch sie Gott mit demselben Wort wie jene anrufen, nämlich: Vater unser! Was sie aufrichtig und von Herzen nicht auszusprechen vermögen, wenn sie sich nicht als ihre Brüder fühlen.

Seliger Theophylakt. Du sprichst nicht: Mein Vater, sondern unser Vater, weil man auf alle Leute wie auf seine Brüder, wie auf die Kinder eines Vaters, blicken muß.
Er sagte nicht (der Herr in dem Gebet) Vater mein, sondern Vater unser, wodurch er dich zur Bruderliebe ermahnte und dazu, allgemein alle als Brüder zu lieben.

Der du bist im Himmel

Hl. Chrysostomos. Wenn der Herr im Gebet spricht: der du bist im Himmel, so schließt er mit diesem Ausdruck nicht Gott in den Himmel ein, sondern lenkt den Betenden von der Erde ab und versetzt ihn in allerhöchste Gefilde und in die himmlischen Wohnstätten.
Da er uns lehren wollte, daß wir die Erde und das Irdische hinter uns lassen und nicht nach unten blicken sollen, sondern die Flügel des Glaubens anlegen und uns über die Lüfte hinaus und den Äther aufschwingen sollen zu dem genannten Vater, gebot er zu sprechen: Vater unser, der du bist im Himmel, aber damit wollte er nicht sagen, daß Gott etwa nur im Himmel ist, sondern er wollte uns, die wir auf der Erde kriechen, zum Streben nach dem Himmel veranlassen, und indem er uns die Schönheit der himmlischen Güter andeutete, all unsere Sehnsucht dorthin wenden.

Seliger Theophilakt. Wenn der Herr im Himmel sagt, begrenzt er damit nicht etwa Gott, sondern führt seine Zuhörer zu den Himmeln empor und weg von der Erde.
Durch das Wort im Himmel verwies der Herr auf dein Vaterland und deine Heimat: denn wenn du Gott als Vater haben möchtest, blicke auf zum Himmel, und nicht auf die Erde, wie die stumme Kreatur.

Hl. Tichon von Zadonsk. Es heißt im Himmel, nicht als ob Gott im Himmel eingeschlossen wäre, sondern der Betende wird damit von der Erde weggeführt zu den himmlischen Gemächern, wie der hl. Chrysostomos es auslegt; auch (und deshalb wurde dieses Wort gesagt), insofern dort das Vaterland der Erwählten ist, und Gott sich dort in Seiner Glorie zeigt und die Seelen seiner Heiligen erquickt. Abgesehen davon ist Gott an jedem Ort zugegen, im Himmel wie auf der Erde, so wie der Psalmist singt: Unser Gott aber ist im Himmel und auf Erden (Ps 113,11).

Hl. Kassian. Wir fügen dem Gebet bei der du bist im Himmel, um in jeder Hinsicht Gedanken der Sorge über das gegenwärtige irdische Leben, das wie ein Leben in der Fremde ist und uns weit von unserem Vater entfernt, zu vermeiden und mit äußerstem Verlangen in jene Gefilde zu streben, in denen, wie wir bekennen, unser Vater wohnt: nichts wollen wir zulassen, was uns dieser unserer Stellung und des Adels solcher Adoption unwürdig machen, und uns als Mißgeburten des väterlichen Erbes berauben und der ganzen Strenge des gerechtes Gerichtes Gottes unterwerfen könnte.

Hl. Gregor von Nyssa. Jene Worte erinnern uns nämlich auch an das Vaterland, aus dem wir vertrieben, und an den Adel, dessen wir verlustig gegangen sind. Denn in der Parabel von dem Jüngling (Lk. 15,12 ff), der den Herd des Vaters verließ und zu einem Leben, wie es die Schweine führen, herabsank, zeigt uns das göttliche Wort das menschliche Elend, indem es uns in der Erzählung seine Entfernung und seine Verkommenheit vor Augen stellt; und nicht eher führt es ihn zu seinem früheren Glücke zurück, als bis er sein nunmehriges Unglück fühlt, in sich geht und auf Worte der Reue sinnt. Letztere stimmen so ziemlich mit den Worten des Gebetes überein. Er sprach dort nämlich: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor dir (Lk. 15,21). In seinem Bekenntnis hätte er sicher nicht von einer Sünde wider den Himmel gesprochen, wenn er nicht überzeugt gewesen wäre, daß der Himmel sein Vaterland sei und daß er dasselbe verlassen habe, als er zu sündigen begann. Deshalb machte ihm auch die Ablegung eines solchen Bekenntnisses den Vater so zugänglich, daß dieser sogar auf ihn zueilt und ihm unter Küssen um den Hals fällt. Wie also dort die Rückkehr ins Vaterhaus den Vater so gütig gegen den verirrten Jüngling stimmte - das Vaterhaus versinnbildet den Himmel, gegen den gesündigt zu haben er dem Vater bekennt, - so scheint mir auch hier der Herr durch seine Weisung, den Vater, der im Himmel ist, anzurufen, dich an jenes herrliche Vaterland erinnern zu wollen, um dir ein heißes Verlangen nach dessen Schönheit einzuflößen und dich dann auf den rechten Weg zu geleiten, der wieder zum Vaterland zurückführt. Der Weg aber, der die Menschen zum Himmel emporführt, ist kein anderer als die völlige Abkehr von den Sünden der Welt, und das Mittel, um die Sünden zu meiden, scheint mir kein anderes zu sein als unsere Verähnlichung mit Gott. Gott ähnlich werden ist aber gleichbedeutend mit: gerecht, fromm, gut dergleichen werden. Hat nun jemand das Gepräge dieser Tugenden seiner Seele möglichst deutlich eingedrückt, so wird er mühelos, wie von selbst, aus dem irdischen Leben in das himmlische Land übersiedeln. Denn nicht ein räumlicher Abstand trennt Gott und die Menschen, so daß wir irgendeine Vorrichtung oder Erfindung nötig hätten, um unser schwerfälliges irdisches Fleisch in die Wohnung des Geistes und des Körperlosen zu versetzen, sondern da die Scheidung der Tugend vom Bösen in unserem Innern vollzogen wird, bewirkt unser Willensentscheid allein schon, daß wir geistig dort sind, wohin wir uns mit unserer Gesinnung stellen. Weil demnach keine körperliche Anstrengung mit der Entscheidung für das Gute verbunden ist - der Entscheidung aber folgt auch schon der geistige Besitz dessen, wofür man sich entscheidet - so kannst du schon dadurch sogleich im Himmel sein, daß du Gott in deinen Geist aufnimmst. Wenn nämlich, wie der Prediger (Ekkl 5,1) sagt Gott im Himmel wohnt, der Gerechte aber nach dem Propheten (Ps 72,28) eng mit Gott verbunden ist, so wirst du, falls du so mit Gott verbunden bist, mit zwingender Notwendigkeit dort sein, wo Gott ist, das ist im Himmel.

Hl. Kyrill von Jerusalem. Die Himmel können auch diejenigen sein, welche das Bild des Himmlischen (1 Kor 15,49) in sich tragen, denen Gott verhieß: Ich will in ihnen wohnen und wandeln (2 Kor 6,16).

Simeon von Thessaloniki. Der du bist im Himmel. Denn unser Gott - wie geschrieben steht - ist heilig und wohnt in den Heiligen. Die Engel, die ihm Himmel wohnen, sind heiliger als wir, so wie auch der Himmel reiner als die Erde ist. Daraus kann man schließen, daß Gott vornehmlich im Himmel ist.

Seliger Augustinus. Das neue Volk des Neuen Bundes, das zum ewigen Erbe berufen ist, möge ausrufen: Vater unser, der du bist im Himmel, d.h. in den Heiligen und Gerechten. Gott wird durch keinen Raum eingeschränkt. Wie hell uns auch der Himmel erscheinen mag, so ist er doch eine materielle, begrenzte Räumlichkeit. Wenn Gott nur in den oberen Gefilden der Erde wohnen würde, dann wären die Vögel seliger als wir, weil sie näher bei Gott schweben. Aber es steht ja nicht geschrieben: nahe ist Gott jenen, die ganz hoch hinaufsteigen, oder die auf den Bergen hausen, sondern: Der Herr ist nahe den zerknirrschten Herzen (Ps 33,19), d.h. das Kennzeichen der Demütigen und Niedergedrückten. Wie der Sünder auch als “Erde” bezeichnet wird, wenn es heißt: Staub bist du und kehrst zum Staube wieder (Gen 3,19), so kann als Gegensatz dazu der Gerechte “Himmel” genannt werden.
Den Gerechten wurde gesagt: denn heilig ist der Tempel Gottes, und der seid ihr (1 Kor 3,17). Denn, wenn Gott in seinem Tempel wohnt, und die Heiligen der Tempel Gottes sind, dann sind die Worte: der du bist im Himmel, richtig zu verstehen: der du inden Heiligen bist. Solch eine Bemerkung ist um so angebrachter, als in geistlicher Hinsicht die Gerechten von den Sündern so weit entfernt sind, wie der Himmel von der Erde. Daher wenden wir uns beim Gebet auch gen Osten, wo die Sonne aufgeht, nicht weil Gott, unter Ausschluß aller anderen Teile der Welt, allein dort wohnen würde - denn Er ist überall und immerdar und in all seiner Größe - sondern um dadurch unseren Geist zur Rückkehr zu dem höchsten Wesen, d.h. zu Gott geneigt zu machen, während unser Körper - der irdische nämlich - sich zu seinem höchsten Körper, dem himmlischen, wendet. Auch den Stufen des geistigen Wachstums ist dieses (das Wort: im Himmel) angemessener, damit sich im Gebet das Herz aller ihren Kräften gemäß mit gottwürdigen Gefühlen erfüllen möge. Jenen, die sich noch von der sichtbaren Schönheit hinreißen lassen und nicht abstrakt über das Körperlose reflektieren können, und die notwendigerweise den Himmel der Erde vorziehen, liegt die Vorstellung eher, sich Gott mehr im Himmel als auf der Erde zu denken, weil sie Gott eben nur körperlich sehen können. Wenn sie aber begreifen, daß die Seele ihrer Essenz nach sogar jeden himmlischen Körper überragt, dann beginnen sie, ihn eher in der Seele als in irgendeinem - sei es auch ein himmlischer - Körper zu postulieren. Begreifen sie schließlich, wie weit die Seelen der Sünder von den Seelen der Gerechten entfernt sind, dann beginnen sie - anders als früher, als sie noch fleischlich dachten und sich Gott nicht auf der Erde, sondern im Himmel vorstellten - jetzt, wo sie durch Wissen und höheren Glauben besser aufgeklärt sind, ihn in den Seelen der Gerechten (aber nicht der Sünder) anzunehmen und zu suchen. Daher ziemt es, das Wort der du bist im Himmel so zu verstehen, als wäre gesagt: der du in den Herzen der Gerechten, wie in deinem Tempel wohnst. Wer diese Worte in diesem Sinn ausspricht, soll wünschen, daß auch in ihm selber Derjenige Wohnung nehmen möge, den er auf diese Weise herbeiruft: danach verlangend, muß er auch rechtschaffen leben, denn nur so kann man Gott zur Einwohnung in der Seele bewegen.

Was uns diese Anrufung lehrt

Hl. Kyprian. Wenn wir Gott mit Vater bezeichnen, sollen wir bedenken und wissen, daß es uns auch gebührt, wie Kinder Gottes aufzutreten, damit - so wie wir Gott als Vater betrachten - auch Er sich an uns freuen kann. Laßt uns unser Leben zu einem Tempel Gottes machen, damit sichtbar wird, daß Gott in uns wohnt! Mögen unsere Handlungen nicht des Geistes unwürdig sein! Wenn wir himmlisch und geistig zu sein beginnen, werden wir nur an Geistiges und Himmlisches denken und das von Jahwe Gesagte im Sinn behalten: Die mich ehren, ehre ich, die mich mißachten, leiden Schmach (1 Kön 2,30), und ebenso das von dem seligen Apostel in seiner Epistel Geschriebene: Oder wisset ihr nicht, daß euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt, den ihr von Gott empfangen habet, und daß ihr euch nicht mehr selbst angehört? Um einen Preis seid ihr erkauft. Verherrlicht also Gott in eurem Leib und in euren Seelen, die Gottes sind (1 Kor 6,19-20).

Hl. Gregor von Nyssa. Derjenige, der Vater ausspricht, welche Seele muß er haben? Wieviel Kühnheit muß er besitzen? Was für ein Bewußtsein muß er haben, um (soweit dies möglich ist) Gott zu erkennen und zu verstehen, daß das Wesen Gottes Gnade, Heiligkeit, Jubel, Kraft, Ruhm, Reinheit ist und alles, was man sich noch über das Wesen Gottes vorstellen mag. Erst dann kann er wagen, dieses Wort auszusprechen und solch ein Wesen seinen Vater zu nennen. Es ist klar, daß, wenn jemand nur ein wenig Verstand hat und in sich das nicht vorfindet, was in Gott ist, er sich nicht erkühnen wird, ihn so anzureden und zu sprechen: Vater! Denn es ist unnatürlich, daß der Gute dem Wesen nach zum Vater des Bösen den Werken nach wird, der Heilige - zum Vater des durch das Leben Besuldeten, der Vater des Lebens - zum Vater des von Sünden Entstellten, der Reine - zum Vater derjenigen, die sich in den Leidenschaften der Unehre geschändet haben. Wenn jemand, der weiß, daß er noch der Reinigung bedarf und daß sein lasterhaftes Gemüt voller Schmutz ist, ein Verwandtschaftsverhältnis zu Gott herstellt, bevor er sich von solchen schlechten Eigenschaften geläutert hat, und so der Unrechte zum Rechten, der Unreine zum Reinen Vater sagt, dann ist eine derartige Anrede geradezu eine Beleidigung und Lästerung. Denn, wenn der Herr uns im Gebet lehrt, Gott Vater zu nennen, dann tut er damit nichts anderes - wie mir scheint - als die erhabene und sublime Lebensform zur Norm zu machen. Denn es wurde uns gelehrt, nicht zu lügen, nicht von sich etwas zu behaupten, was wir nicht sind, sich nicht als etwas auszugeben, was wir noch nie waren - also nicht den Rechtschaffenen und Guten Vater zu nennen, ohne diese Beziehung durch unser Leben zu rechtfertigen. Siehst du daher, was für ein Leben wir führen müssen, um es wagen zu können, zu Gott Vater zu sagen? Wenn du das Geld liebst, vom Reiz des Lebens dich betören läßt, um den Ruhm vor den Menschen dich kümmerst, auf die leidenschaftlichen Wünsche hörst und dennoch solch ein Gebet in den Mund nimmst - was wird dann Jener sagen, der dein Leben sieht und das Gebet hört? Es ist mir, als spräche Gott selber zu solch einer Person: “Was du, von ausschweifendem Leben, nennst den Unvergänglichen Vater? Warum schändest du mit unreinen Lippen den reinen Namen? Weshalb nimmst du diese Anrede verlogenerweise in den Mund? Wenn du mein Kind bist, dann muß dein Leben Zeichen meiner Qualitäten in sich tragen? Ich finde in dir nicht das Ebenbild meines Wesens, denn deine Züge sprechen dem zuwider. Ein anderer Vater böser Attribute ist in dir. Die aus mir Geborenen schmücken sich mit guten, väterlichen Eigenschaften: der Sohn des Barmherzigen ist barmherzig, des Reinen - rein, des Unvergänglichen - von unbescholtenem Wandel, des Guten - selber gut, des Rechten - rechtschaffen. Aber dich kenne ich nicht, woher du bist”. Wenn es daher im Gebet heißt, daß Gott unser Vater ist, dann bedeutet das nichts anderes, als sich durch ein edles Leben dem himmlischen Vater anzugleichen; wie auch an anderer Stelle dasselbe gefordert wird: Seid vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist (Mt 5,48). So wie die Zeichen der Assimilation an Gott deutlich sichbar sind, so hat auch die böse Wesensart ihre besonderen Kennzeichen: wer sie zur Schau trägt, der kann einfach kein Sohn Gottes sein. Es sind dies Neid, Haß, Verleumdung, Großtuerei, Habgier, leidenschaftliches Verlangen, Ruhmsucht: in derartigen Charakterzügen kommt das Bild des Widersachers zum Vorschein. Wenn jemand, der mit ähnlichem Dreck seine Seele besudelt, Vater ruft, welcher Vater wird ihn dann erhören? Möge solche Unlauterkeit aus dem Bild deiner Seele weichen! Die Gottheit partizipiert nicht an Neid und allem anderen Schmutz: mögen an dir keine Flecken derartiger Leidenschaften haften, weder Neid, noch Aufgeblasenheit, noch irgend sonst etwas, das die gottähnliche Schönheit verunreinigen könnte! Wenn du diesergestalt geworden bist, dann erkühne dich, Gott, den Gebieter von allem, deinen Vater zu nennen. Er blickt auf dich mit väterlichen Augen, und dich in himmlische Kleider kleidend, dich mit Ringen schmückend und deine Füße zum Aufstieg nach oben mit den Schuhen des Evangeliums ausrüstend, wird er dich zum himmlischen Vaterland geleiten.

Hl. Chrysostomos. Nicht umsonst lehrt man dich dieses Wort (Vater unser!) auszusprechen, sondern damit du in Ehrfurcht vor dem Namen des Vaters, welchen du mit eigener Zunge aussprichst, Seine Güte nachahmen mögest, wie er an anderer Stelle spricht: Damit ihr Kinder eures Vaters werdet, der in den Himmeln ist; denn er läßt die Sonne aufgehen über Böse und Gute und läßt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt 5,45). Es kann derjenige den menschenliebenden Gott nicht seinen Vater nennen, der eine tierische und unmenschliche Natur hat: denn er besitzt nicht die Qualität der Güte, welche dem himmlischen Vater eigen ist, er nahm vielmehr ein animalisches Aussehen und ging der göttlichen Würde verlustig. Wer jedoch sanftmütig und liebevoll zu dem Nächsten ist und sich nicht an dem an ihm Sündigenden rächt, sondern Kränkungen mit Wohltaten vergilt, kann getrost Gott seinen Vater nennen. Sieh, wie genau diese Ausdrucksweise ist, wie Er uns gegenseitige Liebe gebietet und alle im Geist der Freundschaft vereinigt. Er gebot uns nicht zu sprechen: Vater mein, der du bist im Himmel, sondern Vater unser, der du bist im Himmel, damit wir, indem wir den gemeinsamen Vater anufen, unter einander brüderliche Gesinnung bekunden mögen.

Hl. Tichon von Zadonsk. Durch diese Anrufung Vater unser! lernen wir: 1) daß alle Christen nur einen Vater haben, nämlich Gott, daher sind sie Brüder untereinander. 2) Müssen die Christen als geistliche Brüder unter sich Liebe bekunden, einer für den anderen zu Gott beten und wie mit einer Stimme aus dem Herzen zu ihrem himmlischen Vater ausrufen: Vater unser! “Er lehrt dadurch - wie der hl. Chrysostomos kommentiert - gemeinsam für die ganze Bruderschaft zu beten. Er gebietet ja auch nicht Vater mein, sondern Vater unserzu sprechen - also für den ganzen Leib der Kirche das Gebet emporzusenden, nicht nur zu eigenem Nutzen, sondern den Nächsten überall zu sehen”. 3) Wenn die Christen Brüder in Gott sind, dann haben sie alle eine Ehre und einen Ruhm - alle, wiederhole ich - Herren und Knechte, Rühmliche und Unrühmliche, Reiche und Arme, Würdenträger und Gemeine, sind wie Brüder; deshalb dürfen sie einander nicht verachten, denn alle sind eins in Christus Jesus (Gal 3,28). “So merzt Er an dieser Stelle - sagt der hl. Chrysostomos - die Ungleichheit unter uns aus und zeigt, daß der König und der Bettler derselben Ehre wert sind”. 4) Wenn Gott der Vater der Christen ist, wie gewissenhaft müssen sie sich da vor Sünden hüten, sich durch Wohlgesittung Gott anzugleichen versuchen - wie die Söhne ihres Vater - falls sie Ihn ohne Gewissensbisse Vater rufen wollen. 5) Geht daraus hervor, daß der nachlässige Christ, solange er sich nicht bessert und durch echte Reue reinigt, Gott nicht zu seinem Nutzen anrufen kann, noch viel weniger ihn Vater nennen und dieses Gebet sprechen kann. Gleichermaßen ist es unerläßlich, unverzüglich den Sünden und fleischlichen Lüsten den Rücken zu kehren, Reue zu üben und nach der Weisung des Apostels vom Unrecht abzulassen: Jeder lasse von dem Unrecht, der den Namen des Herrn nennt (2 Tim 2,19). Wie kann er nur sprechen Vater unser, und selber durch sein Verhalten dem Vieh oder dem Teufel nacheifern? Denn jene, die Gott als ihren Vater bezeichnen und also beten Vater unser, müssen Söhne Gottes sein, und in einem Sohn sollen Eigenschaften gleich denen des Vaters sein. Man muß also unverzüglich nach dem Muster des verlorenen Sohnes zu sich kommen, umkehren, zum Vater zurückkehren, vor Ihm in Demut seine Sünden eingestehen: Vater, ich habe gesündigt wider den Himmel und vor Dir, und ich bin nicht wert, dein Sohn zu heißen (Lk. 15,17) , um sich fortan nicht mehr von dem himmlischen Vater loszureißen, sondern Ihm mit reinem Herzen zu dienen, mit Seinen Hausgenossen, d.h. mit den wahren Christen Gemeinschaft zu pflegen und zusammen mit ihnen den Ruf Vater unser! erschallen zu lassen.

Kompilator. Vater unser! Welch süßer Ruf! Der Name des Vaters ist warm und ernüchternd zugleich. Wer einen Vater hat, der fühlt sich unter mächtigen Flügeln geborgen, völlig gesichert und beschützt: er fühlt auch, daß er sich um nichts beunruhigen und sorgen braucht, alles wird da sein: Speise, Kleidung, ein Dach über dem Kopf; er weiß, daß er sich nur an den Vater wenden muß, wenn er etwas möchte und alles erhält.
Solche Gefühle hat auch der, welcher Gott als seinen Vater zu erkennen und zu erfühlen vermag. Sobald in jemand die Zuversicht erwacht, daß Gott sein Vater ist, stellen sich im Herzen auch sogleich jene Gefühle ein, welche Kinder gewöhnlicherweise dem Vater gegenüber haben: wie im sicheren Hort wird er sich fühlen, in der sorglosen Genügsamkeit und in der festen Hoffnung, daß er alles bekommen wird, was er an Würdigem erfleht.
Daher kommt also die ganze Kraft: zu dem Gefühl vordringen, daß Gott unser Vater ist. Wie denn das? Durch das Sichklarwerden über die Beziehung, welche Gott geruhte, zu uns zu herzustellen. Überlege dir, was Gott für uns ist - und du hast es.
Erstens. Gott ist unser Vater, auch der natürlichen Ordnung nach. Denn als er den Menschen schuf, blies er ihm den Hauch seines Lebens ins Angesicht. Dieser Hauch ist nicht fleischlich, sondern geistlich, er hört nicht auf, alle Menschen zu beleben, und die Spuren des Göttlichen in ihm sind unauslöschlich. Auf diese Weise sind wir Gott dem Wesen nach verwandt. Obwohl dieser Gedanke abstrakt ist, so gehört er dennoch zum allgemeinen Gut der Menschheit. Der hl. Paulus hegte keine Bedenken, ihn zur Belehrung der Athener zu verwenden, wobei er ihnen nicht nur die Worte eines ihrer Dichter ins Gedächtnis rief: Sind wir doch Seines Geschlechtes, sondern auch daraus eine sehr eindrucksvolle Schlußfolgerung zog: Da wir also göttlichen Geschlechtes sind... (Apg 17,28-29). Zu solch einer Überzeugung kann jeder gelangen, oder vielmehr kann er sie in sich herstellen und dann in seinem Herzen sagen: Wenn du also göttlichen Geschlechtes bist, kannst du und mußt du dich als Verwandter Gottes fühlen und wirst Ihn als Urahn und als allen gemeinsamen Vater haben.
Zweitens. Gott ist unser Vater, wegen seiner Fürsorge um uns. Denn nachdem er uns geschaffen hat, bewahrt er uns, hält er uns in Seiner Rechten, führt uns zum Ziel und umgibt uns mit jeder Obhut, noch mehr als ein natürlicher Vater. Gelange also zur Einsicht und zum Erfühlen der göttlichen Fürsorge, nicht nur im allgemeinen für alle Menschen, sondern besonders um dich selbst: dann wirst du unwillkürlich ausrufen: Vater unser!
Wie kann man dahin gelangen? Durch Nachdenken. Bitte überlege und verfolge alles, was Gott für das Menschengeschlecht getan hat; wie er uns ins Paradies zum Genuß der Seligkeit stellte, wie er uns nicht im gefallenen Zustand ließ, sondern einen Weg fand, uns das Verlorene wiederzugeben, wie er dann die Menschen zur Annahme unseres Wiederherstellers bewegte, zuerst alle gleich, dann einzeln - gesondert die Juden, und gesondert andere Völker - wie schließlich dieser Wiederhersteller kam und das Werk der Wiederherstellung vollendete, wie dann diese Wiederherstellung von unserem Geschlecht empfangen wurde, wie dabei Gott ganze Völker bekehrte und eine unzählbare Menge von Einzelpersonen anzog, wie er unser Volk bekehrte und in ihm die restaurative Kräfte aufrecht erhält. Wenn du noch mehr Beispiele der Fürsorge Gottes haben willst, dann verfolge die Geschichte Abrahams, Josephs, Hiobs, Davids, Esekiels und anderer Altväter; blicke auf die Geschichte unseres Vaterslandes und seiner ruhmreichen Männer. In all dem kannst du einfach nicht übersehen, wie sehr Gott über uns waltet und sich um uns sorgt. Ist er nicht tatsächlich der Vater unseres Geschlechtes?
Dann denke über dich selber nach und verfolge alles, was mit dir geschah. Du wirst sehen, wie Gott oft dich aus Unglück errettet und vor dem Fall bewahrt hat, und wie dir in deinem ganzen Leben die gnadenreiche Führung durch die Hand Gottes zuteil wurde. Der verborgenen Wohltaten Gottes sind viel mehr als der offenen. Verborgen sind sie deshalb, weil man sie nicht bemerkt zu dem Zeitpunkt, wenn sie uns zufallen, und erst später erkannt werden: dann werden sie ganz offensichtlich. Solch eine Einsicht in die göttliche Fürsorgewaltung, die zuerst verborgen ist und erst später erkenntlich wird, gibt uns die Gewißheit, daß auch heute Gott sich um unsere Existenz und unser Wohl kümmert, obwohl wir dies nicht genau sehen können. Von daher kann man nicht umhin, zur Überzeugung zu gelangen, daß das Auge Gottes obhutsvoll auf uns gerichtet ist und Seine Hand uns hält, überschattet und führt, und den Lauf unseres Lebens auf einem edlen Pfade lenkt. Empfindet man in dieser Weise, dann kann sich das Herz nicht enthalten auszurufen: Vater unser!
Drittens. Gott ist unser Vater kraft der geistlichen Wiedergeburt. Diesbezüglich kann man sich nur wundern, wie bei uns Christen wenig oder fast gar kein Gefühl dafür vorhanden ist, daß Gott unser Vater ist. Bei den Christen müßte dieses Gefühl doch von alleine im Herzen vorhanden sein und ohne besondere Anstrengung. Denn sie sind aus Gott geboren. Der hl. Evangelist Johannes schreibt: Allen die Ihn aufnahmen, - Gott den Logos, der durch die Menschwerdung in das seine gekommen ist - verlieh Er Kraft Kinder Gottes zu werden, denen, die an Seinen Namen glaubten, die nicht aus dem Blute - aus Fleischeslust nicht, noch aus Manneswollen, vielmehr aus Gott geboren sind (Jh. 1,12-13). Wann wurden sie geboren? Als sie, gläubig geworden, getauft wurden. Denn in der Taufe werden sie aus Wasser und Geist geboren. Und wer nicht auf diese Weise geboren wird, der kann nicht in das Reich der Kinder Gottes eintreten, das durch den menschgewordenen Sohn Gottes aufgetan wurde. Da wir auf diese Weise nun etwas aus Gott im Geiste Geborenes sind, müssen wir dies auch im Geiste fühlen, und im Geiste Gott als unseren Vater haben, - nicht indem wir durch Überlegung dahin gelangen, sondern durch unmittelbare Empfindung.
Wie kommt es nun, daß dieses Gefühl so schwach oder vollkommen abwesend ist? Man könnte meinen, daß der Zustand, in den uns die Geburt aus Gott versetzte, entweder ganz verflüchtet und vergangen ist oder sich abgeschwächt hat. Mangelt dieser Zustand, dann ist auch kein Gefühl für die Kindschaft Gottes und die Vaterschaft Gottes vorhanden.
Was ist also zu tun? Man muß diesen Zustand der Wiedergeburt wiederherstellen; dann kehrt auch das Gefühl der Vaterschaft Gottes zurück. Wie macht man das?
Da genügt Nachdenken alleine nicht. Die Reflexion darüber, was wir nach der Geburt aus Gott hätten sein sollen, und wie all dies sich vollzog, ist vielleicht nur ein Herantasten daran. Beginne dir klar zu werden, was du nach der geistlichen Wiedergeburt hättest sein müssen und vergleiche damit, was du tatsächlich bist. Dann wirst du eine große Diskrepanz zwischen beiden Zuständen sehen, was als schwerer Schandfleck vor deinem christlichen Gewissen, vor Gott und vor Seinen Engeln auf dir lasten wird. Der Frevel zieht Verurteilung nach sich, auf die Verurteilung folgt die Strafe. Vertiefe diese Gedanken, die den Tatbestand aufzeigen, wie er wirklich ist, und du wirst aufwachen. Wenn du aufgewacht bist, dann sorge dich darum, wie du der zu erwartenden Maßregelung entgehen kannst. So stellt sich Reue ein und der Entschluß, sich fortan der Geburt aus Gott würdig zu erweisen. Im Sakrament der Reue wird die Gnade der Wiedergeburt zurückgegeben oder es reinigt sich das Herz durch ihr Wirken. Zugleich muß dann auch das Gefühl der Vaterschaft Gottes entstehen. Es ist tatsächlich auch bei allen wahrhaft Reue Übenden vorhanden. Nachdem sie Erbarmen empfangen haben oder sich dessen bewußt geworden sind, können sie einfach nicht umhin, die väterliche Umarmung zu fühlen wie in dem Gleichnis von dem verlorenen Sohn. Aber dann verfliegt dieses Gefühl wieder. Es steht die mühevolle Arbeit im Hause des Vaters bevor, bald als Knecht, bald als Tagelöhner. Wer durch Stetigkeit in der Mühe diese Stufen durchschreitet, der erlangt schließlich die Stellung eines Sohnes. Dann siedelt sich auch das Gefühl der Vaterschaft Gottes in der Tiefe des Herzens an, und bleibt in ihm, ohne es je wieder zu verlassen.