Angaben des kirchlichen Typikons

über die Verbeugungen

 

 

 

 

Mit freundlicher Genehmigung des Klosters des hl. Hiob von Počaev veröffentlicht.
Im Original erschienen in:
Bote 1989, 1

 

Das kirchliche Typikon setzt die Ordnung der Gottesdienste fest, umfaßt dabei jedoch nicht nur seine innere Seite, sondern berührt auch die äus-sere, d.h. es macht Angaben nicht nur zur Abfolge der Gesänge und Lesungen bei den bekannten Gottesdiensten, sondern ebenso auch zu den äußeren Handlungen, von denen diese Gesänge und Lesungen begleitet werden. Die im Typikon hinsichtlich der äußerern Handlugnen beim Ablauf des Gottesdienstes befindlichen Angaben kann man in zweierlei Arten trennen: die einen sind ausschließlich zur Durchführung durch die Personen bestimmt, die den Gottesdienst durchführen, so etwa: Einzüge, Beweihräucherung u.ä.; die anderen sind in gleicher Weise für die Zelebranten und die Gläubigen bestimmt: hier handelt es sich um äußere Gebetshandlungen der einen wie der anderen während bestimmter Gesänge und Lesungen.
Während der Großen Fastenzeit sind orthodoxe Christen dazu aufgerufen, ihr Gebetsleben zu intensivieren, was durch die Enthalsamkeit von Nahrung, aber auch durch die Zügelung des Körpers durch Verbeugungen erleichtert wird.
In der Folge führen wir Hinweise auf die Verbeugungen in der Großen Fastenzeit an, wobei wir uns auf die gängigen Werke der Erzpriester K. Ni-kol'skij, S. Bulgakov und R. Gan zur Benutzung des Typikons stützen.

Bei den Gottesdiensten der Großen Fastenzeit (Stunden, Typika, Abendgottesdienst, Großes Apodipnon, Liturgie der Vorgeweihten Gaben) sind folgende Verbeugungen vorgesehen:
1. Beim Lesen des Gebetes des Hl. Ephrem des Syrers "Herr und Gebieter meines Lebens" sind 16 Verbeugungen (4 große, d.h. mit dem Kopf bis zur Erde, und 12 kleine, d.h. mit der Hand bis zur Erde zu machen). Wenn der Priester zum ersten Mal dieses Gebet spricht, machen die Gläubigen zusammen mit ihm drei große Verbeugungen. Danach spricht jeder für sich das kurze Gebet: "Gott, reinige mich Sünder" und mach 12 kleine Verbeugungen. Darauf spricht der Priester gewöhnlich das Gebet des Hl. Ephrem d. Syrers zum zweiten Mal, wobei er es nicht teilt, und danach wird eine große Verbeugung gemacht. Manchmal wird das Gebet "Herr und Gebieter meines Le-bens" nur ein Mal gesprochen, und dann sind nur drei große Verbeugungen zu machen.
Dieses Gebet wird schon beim Abendgottesdienst des Versöhnungssonntags (Sonntag der Butterentsagung) zum ersten Mal gelesen und wird am Mittwoch der Großen (Kar-) Woche beendet.
2.Bei den Stunden in der Großen Fastenzeit sind folgende Verbeugungen vorgesehen:
a) Je drei große Verbeugungen nach den Troparien mit ihren Versen:
In der ersten Stunde - "am Morgen erhöre mei-ne Stimme, mein König und mein Gott"
In der dritten Stunde - "Herr, der Du in der dritten Stunde Deinen Allheiligen Geist auf Deine Apostel herabsandtes"
In der sechsten Stunde - "der Du am sechsten Tag und in der sechsten Stunde ans Kreuz genagelt wurdest"
In der neunten Stunde - "der Du in der neunten Stunde unseretwillen im Fleische den Tod kos-tetest"
b) Eine große Verbeugung in der sechsten Stunde bei dem Tropar "Deinem Allreinen Bild verbeugen wir uns"
c) Je drei kleine Verbeugungen bei allen Stunden nach Beendigung der Theotokien:
In der ersten Stunde - "wie nennen wir Dich, Gebenedeite"
In der dritten Stunde - "Gottesgebärerin, Du bist der wahre Weinstock"
In der sechsten Stunde - "Da wir keine Kühnheit haben"
In der neunten Stunde - "der Du um unseretwillen geboren wurdest"
Am Ende jeder Stunde folgt das Gebet des Hl. Ephrem des Syrers mit den obenbeschriebenen Verbeugungen.
3. Typika:
Nach dem Gesang der Verse der Seligpreisungen ("In Deinem Reiche gedenke unser, o Herr") mit kleinen Verbeugungen folgt das Gebet an die Allerheiligste Dreifaltigkeit:
"Gedenke unser, o Herr, wenn Du kommst in Dein Reich"
"Gedenke unser, o Gebieter, wenn Du kommst in Dein Reich"
"Gedenke unser, o Heiliger, wenn Du kommst in Dein Reich"
Und nach jedem "Gedenke unser" wird eine große Verbeugung gemacht, und nach dem Gebet "erlasse, vergib, verzeih, Gott, unsere Versündigungen" ist (nach altem Brauch) eine kleine oder eine große Verbeugung angezeigt.
4. Beim Abendgottesdienst
Je eine große Verbeugung folgt nach den Gebeten:
"Gottesgebärerin Jungfrau, freue Dich"
"Täufer Christi, gedenke unser aller"
"Betet für uns, Heilige Apostel".
Wenn nach dem Abendgottesdiesnt eine Litia für die Verstorbenen gehslten wird, sind drei gros-se Verbeugungen bei dem dreimaligen Ausruf zu machen "ewiges Gedenken, ehrbare Väter und Brüder, deren wir stets gedenken".
5. Großes Apodipnon
Beim Lesen des Großen Kanons des Hl. Andreas von Kreta und der Hl. Maria von Ägypten ist je-des Mal nach dem Refrain "erbarme Dich meiner, Gott, erbarme Dich meiner" eine kleine Verbeugung vorgesehen.
Bei den Anrufungen nach dem Glaubensbekenntnis:
"Allerheiligste Gebieterin Gottesgebärerin, bete für uns Sünder"
"Alle himmlischen Kräfte, Heilige Engel und Erzengel, betet für uns Sünder"
"Heiliger Johannes, Prophet..." u s.w. wird jeweils eine große Verbeugung gemacht.
Wenn der Priester die große Entlassung spricht: "vielbarmherziger Gebieter, Herr, Jesus Christus..." verneigen sich alle bis zur Erde.
6. Bei der Liturgie der Vorgeweihten Gaben mit dem Abendgottesdienst
Beim Heraustreten des Priesters mit der brennenden Kerze und dem Ausruf: "das Licht Christi erleuchtet alle" machen alle Gläubigen eine große Verbeugung.
Beim Gesang "mein Gebet steige wie Weihrauch empor" stehen alle Gläubigen (wenn sie nicht selbst singen) die ganze Zeit bis zur letzten Wiederholung: "das Erheben meiner Hände sei wie das Abendopfer" auf den Knien.
Anstelle des Cherubimhymnus wird bei der Liturgie der Vorgeweihten Gaben gesungen: "nun dienen die himmlischen Kräfte unsichtbat mit uns..." und der Große Einzug wird vollzogen, während dessen sich alle Betenden zum Zeichen der Ehrfurcht vor den Heiligen Gaben vollkommen bis zur Erde verneigen.
...Nach dem Betreten der Kirche zu Beginn eines jeden Gottesdienstes und vor dem Verlassen der Kirche nach dem Ende des Gottesdiens-tes schreibt das Typikon drei Verbeugungen vor, wo-zu es besondere Anweisungen gibt. "Wir versammeln uns in der Kirche und machen vor Beginn des Gesangs gegenüber der Heiligen Pforte drei Verbeugungen, wobei wir sprechen: Gott reinige mich Sünder; ebenso verhalten wir uns beim Verlassen der Kirche an allen Tagen. Am Sonnabend aber und am Sonntag machen wir gewöhnliche Verbeugungen". Über die Verbeugungen vor dem Verlassen der Kirche macht das Typikon nur eine Angabe: "und wir singen (nach der Entlassung) 'auf viele Jahre', und verehren die heiligen Ikonen, und das ehrbare Kreuz auf der Brust, und jeder macht drei Verbeugungen".
Nach allen hier dargelegten Überlegungen und Untersuchungen zu den Verbeugungen entsteht natürlich die Frage, was all diese Anweisungen des Typikons hinsichtlich der Verbeugungen bedeuten. Schließen sie etwa das Recht jedes Teilnehmers am Gottesdienst aus, seine eigenen religiösen Gefühle durch irgendwelche äußere Gebetshandlungen außer den im Typikon erwähnten auszudrücken? Wenn man die Verbeugungen nur gemäß dem Typikon durchführt, so muß man während des größten Teils des Gottesdiesntes, besinders an Festtagen, unbeweglich stehen, obwohl man doch auch äußerlich seine inneren Gefühle zum Ausdruck bringen möchte? - Den Schlüssel zur Antwort auf die gestellten Fragen gibt das 9. Kapitel des Typikons: "Und wir machen (zu 'kommt laßt uns anbeten' vor dem Eingangspsalm im Abendgottesdienst) drei Verbeugungen, wobei wir auf unserem Platz nebeneinander stehen, und die Verbeugungen alle gemeinsam mit Vorsicht aufeinander abstimmen". Hier sehen wir das Hauptanliegen aller Anweisungen des Typikons über die Verbeugungen - nicht selten wird daran erinnert, daß die vorgeschriebenen Verbeugungen von allen gleichzeitig verrichtet werden... Um nicht Verwirrung zu stiften... Mit anderen Worten: um der Ordnung in der Kirche willen schreibt das Typikon an bestimmten Stellen des Gottesdienstes für alle verbindliche Verbeugungen vor. Und diese Verbeugungen müssen unabänderlich von allen in der angezeigten Form verrichtet werden. Das Typikon, das diese Vorschriften macht, hält es für überflüssig nach der Neigung jedes Gottesdienstbesuchers zum Verrichten der notwendigen Verbeugungen zu fragen. Es richtet sein Augenmerk ausschließlig auf die äußere Ordnung in der Kirche - darüber hinaus ersteckt es seine Forderungen nicht, als ob es jedem in die Kirche Kommenden sagen wollte: da du zur kirchlichen Versammlung gekommen bist, mußt du unbedingt auf alles merken, was hier getan wird, deinen Geist und Körper allen Forderungen des hier waltenden Willens (des Typikons) unterwerfen, und, wenn du den entsprechenden Eifer und das Bedürfnis verspürst, deine seelischen Gefühle über die Forderungen dieses Willens hinaus nach außen zu zei-gen, so bringe sie ungehindert in der dem Tag und Ort angemessenen Form zum Ausdruck. Verspürst du aber diesen Wunsch und dieses Bedürfnis nicht, so brauchst du es auch nicht auszudrükken. Gleichzeitig aber verrichte ungeachtet deiner Wünsche und Gefühle in jedem Fall unbedingt die-se Gebetsäußerungen - andernfalls fügt dein Ungehorsam der kirchlichen Ordnung Schaden zu.