Das Kreuz Christi

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Am Abend vor seinem Leiden versammelt der Herr noch einmal die zwölf Jünger um sich, um mit den ihm vertrautesten Menschen in einem besonderen Mahl den Abschied zu feiern. Schon von der Form und den Umständen her ist es ein Ausdruck tiefer menschlicher Verbundenheit: Er hat nur die Zwölf geladen in einem Obergemach einer Herberge. Seine tiefe Freundschaft zu ihnen kommt in seinen Worten zum Ausdruck: „Mich hat herzlich verlangt dieses Passahmahl mit euch zu essen vor meinem Leiden“.

Es folgt jenes Mahl ohne Passahlamm, bei dem er in den eucharistischen Gaben von Brot und Wein sich selbst als Opferlamm darbringt und ihnen übergibt und mit diesem Mahl den Neuen Bund in Kraft setzt. Die Jünger haben wohl die Tiefendimension, was Er mit ihnen vollzieht erst später erkannt, aber sicher gespürt, dass sie an einem entscheidenden Augenblick ihrer Beziehung zum Herrn teilnehmen. Die Feierlichkeit in ihrer sicherlich schlichten aber dennoch liturgischen Form ließ sie noch einmal „in hoher Gesinnung im Obergemach“ über die Gastfreundschaft hinaus die Gottesnähe spüren, bevor der Abstieg in die tiefe Dunkelheit der Seelen der vertrautesten Menschen , seiner Feinde und des Todes begann.

Schon der Verrat des Judas, eines aus dem Kreis der zwölf Jünger, der noch zu Beginn dieses letzten gemeinsamen Mahles anwesend ist, muss eine tiefe menschliche Enttäuschung bewirkt haben. Er hatte schon mit den Schriftgelehrten verhandelt, für 30 Silberlinge, die er sicher in die Hand genommen und gezählt haben muss, seinen Meister zu verraten. Danach hatte er mit Freundesmiene an dem Mahl teilgenommen, um stets den Aufenthaltsort des Meisters mitteilen zu können. Welcher Schmerz für Ihn den Verräter in der Mitte seiner Vertrautesten zu sehen. Ohne Zorn, in tiefer verborgener Traurigkeit ließ er Judas wissen, dass er dessen Verrat erkannt hatte.

Es folgt im Garten Gethsemane der Schmerz über die Unfähigkeit seiner Jünger mit Ihm in seiner Todesangst zu wachen und zu beten. Wo er ein wenig Anteilnahme gebraucht hätte, schlafen sie und wachen erst auf, als Judas mit den Kriegsknechten der Pharisäer naht und mit einem heuchlerischen Kuss ihn als den Gesuchten verrät. – Es folgen die entwürdigenden Gerichtsverhandlungen vor Kaiphas und Pilatus. Es lässt sich nicht ermessen, was mehr verletzt hat, die Verleugnung seines Jüngers Petrus oder die Geißelung oder die Feigheit des Pilatus, der gegen seine Überzeugung ein Urteil fällt. Zum Schluss dann am nächsten Tag die Kreuzigung eine der qualvollsten und schmachvollsten Todesarten, die sich Menschen ausgedacht haben.

Dies alles ist aber nur die menschliche Seite seines Leidens, das wir uns psychologisch vorstellen und nachempfinden können. Seine Verlassenheit aber in dieser Passion ist aber um die göttliche Dimension größer, aus der heraus Er sich ja doch nicht nur für die Seinen, sondern auch für seine Feinde als Gottes Sohn freiwillig in den Tod begibt.

Diese Dimension des Leidens versuchen die Antiphonen des Morgengottesdienstes vom Hohen Freitag zu vermitteln:
Der sich mit Licht umkleidet wie mit einem Gewand
wird nackt vor Gericht gestellt;
Schläge erhält Er auf die Wangen von Händen, die Er erschuf;
Das frevelhafte Volk heftete ans Kreuz den Herrn der Herrlichkeit.