Das Fasten

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Zum Herrn kommt der Vater eines mondsüchtigen Sohnes und fleht Ihn um Heilung an. Er berichtet Ihm, dass er ihn schon von Seinen Jüngern heilen lassen wollte, aber sie konnten nicht helfen. Der Herr beklagt deren Unglauben, bedroht den Knaben, und dann heißt es: „und der Teufel fuhr von ihm aus, und der Knabe ward geheilt zu der selben Stunde“ (Mt 17,18). Die Jünger sind beunruhigt und fragen den Herrn: „Warum konnten wir ihn nicht austreiben?“ Der Herr antwortet ihnen: „Wegen eures Unglaubens; denn wahrlich ich sage euch … diese Art (von Geistern) fährt nur aus durch Beten und Fasten“ (Mt 17,21). Eine solch große Macht schreibt der Herr diesen beiden geistlichen Waffen zu. Damit können wir Berge versetzen. Bevor Jesus in aller Öffentlichkeit seine Verkündigung aufnimmt, zieht er sich in die Wüste zurück und fastet dort vierzig Tage und Nächte (Mt 4). Dann „hungerte ihn“. In dieser Verfassung begegnet Ihm der Versucher und trägt die drei Versuchungen an Ihn heran. Er hoffte den körperlich Geschwächten in solcher Verfassung besser überwinden zu können. Doch der Andrang des Versuchers misslang. „Da verließ Ihn der Teufel; und siehe, da traten die Engel zu Ihm und dienten Ihm“ (Mt 4, 11). Beten und Fasten führt den Menschen aus den Versuchungen des Feindes Gottes und der Menschen heraus und erhebt ihn in die Nähe der Engel, d. h. durch sie in die Verbindung mit Gott.

Das Aussteigen des Menschen aus dieser geistlichen Rüstung von Gebet und Fasten wird uns in der Erzählung vom Sündenfall vor Augen gestellt. Da steht am Anfang die Gemeinschaft des Menschen mit Gott. ER schenkt ihnen das sorglose Leben in der Schönheit des Paradiesgartens und gibt ihnen Sein Gebot: Du sollst essen von allerlei Bäumen im Garten, aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen sollst du nicht essen; denn welches Tages du davon issest, wirst du des Todes sterben“ (1. Mose 2,16f.). In dieser heilen Welt des Paradieses ist Gott der „Hausherr“ und Gebieter. Mit dem Auftreten der Schlange als Versucherin steht dem Menschen eine Gegenautorität aus der Tierwelt gegenüber. Die Versuchung von dieser besteht darin, den Menschen die Materie (hier den Apfel) so verlockend darzustellen, dass sie das Gebot Gottes vernachlässigen und sich der Verlockung des Materiellen unterwerfen. Damit wird die von Gott geschaffene Rangordnung (von oben nach unten: Gott - der Mensch - die Tiere - die Materie) verkehrt. Jetzt ist die Materie (der Apfel) an die oberste Stelle gerückt, weil das Tier sie den Menschen als so wichtig vorgaukelte. Der Mitmensch (hier Eva) verführt auf dieser absteigenden Line weiter zu Adam, und Gott steht mit seinem Leben erhaltenden Gebot an letzter Stelle. Der Mensch hat die heilsame Ordnung Gottes pervertiert - das ist der Sündenfall - und das paradiesische Leben in der Gemeinschaft mit Gott zerstört. Die Versuchung besteht also darin, die Schöpfung Gottes in ihrer Ordnung auf den Kopf zu stellen. Um dem zu widerstehen, ist Gebet, und dieses durch das Fasten verstärkt, die beste Gegenwehr. Zum rechten Verständnis des Fastens sind das „Brechen des Fastens“ im Paradies und das vierzigtägige Fasten des Herrn in der Wüste miteinander in Beziehung zu setzen.

Durch das Essen von der verbotenen Frucht kommt zum Ausdruck, wie sich die Menschen von Gott abwandten, und der Tod damit in die Geschichte eindringen konnte. Durch das Fasten des Herrn in der Wüste und seine Abwehr des Versuchers ist der Anfang gemacht zur Überwindung des Todes. Der Versucher konnte den Gottessohn nicht von seinem Plan der Rückführung der Menschheit ins Paradies abbringen. Die Versuchung des Herrn in der Wüste ist ein verzweifelter, letzter Anlauf des Todes, den Herrn des Lebens vor dem Eindringen in das Totenreich abzuwehren. Doch ER errang schon in der Versuchung in der Wüste den Sieg durch Gebet und Fasten. Er zeigt uns mit seinem Beispiel, wie das Fasten uns losbrechen kann aus der Abhängigkeit von den materiellen Dingen, um frei zu sein für Gott und seine Heilsordnung. Das Fasten ist also nicht nur Sitte und ein moralisches Handeln, sondern vereint mit dem Gebet eine wirksame Waffe in unserem geistlichen Kampf gegen die Sünde.

Nach orthodoxer Auffassung ist Sünde nicht das Übertreten einer Regel, die Bestrafung zur Folge hat, sondern sie ist immer eine Veränderung des Lebens, das Gott uns gegeben hat. Deshalb wird uns der Sündenfall als ein Essensakt aufgezeigt. Essen bedeutet Leben. Essen ist es, das uns am Leben erhält. Hier ist die entscheidende Frage zu stellen: Was bedeutet „Leben“, was bedeutet „lebendig sein“? Für den Menschen heute hat der Begriff „Leben“ lediglich eine biologische Bedeutung. Aber für die Heilige Schrift und die christliche Tradition ist das Leben „vom Brot allein“ gleichbedeutend mit Tod. Denn das materielle, irdische Brot kann den Tod des Menschen nicht verhindern. Nicht das Brot, sondern Gott ist der „Spender des Lebens“. Wenn ER aber die Materie in Seinen Dienst stellt, wie in der Segnung der eucharistischen Gaben und des Wassers in der Taufe, dann bleibt selbst die Materie nicht einmal mehr in der Macht des Todes und wird zum Träger der Leben spendenden Kraft Gottes.

Die Fastenpraxis nach der Tradition der Orthodoxen Kirche bezieht sich auf alle Fleischspeisen, Milchprodukte und Fisch mit Ausnahme des Tintenfisches. Natürlich gilt das Fasten auch für den Aufwand und schränkt die Quantität ein. Die Fastenzeiten sind sieben Wochen vor Ostern (das Große Fasten), sieben Wochen vor dem Fest der Geburt Christi, vierzehn Tage vor dem Fest der Apostelkoryphäen Petrus und Paulus (29. Juni) und die gleiche Zeit vor dem Fest des Entschlafens der Gottesgebärerin (15. August). Im normalen Wochenzyklus sind der Mittwoch und Freitag Fastentage außer in den Wochen nach Weihnachten, Ostern, Pfingsten und in der Zöllner- und Butterwoche.

Es versteht sich von selbst, dass das Einhalten der Fastenregeln nicht vom Individuum bestimmt wird, sondern stets in Absprache mit dem geistlichen Vater geschieht, wenn besondere Umstände gegeben sind. Auch soll das Fasten kein Selbstzweck sein und mit der Intensivierung des Gebetes einhergehen.