Die Göttliche Liturgie

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Die Nestor-Chronik des alten Russland berichtet, wie der Fürst Wladimir von Kiew Gesandte ausschickte, die für sein Volk die beste Religion aussuchen sollten. Die Berichte über ihre Erfahrungen bei den Bulgaren, Germanen und anderen Völkern fielen nicht günstig aus. Auf dem Heimweg kamen sie zu den Griechen nach Konstantinopel, wo sie dem Gottesdienst in der Hagia Sophia beiwohnten. Davon berichteten sie ihrem Fürsten wie folgt: „Und dann kamen wir zu den Griechen, und sie führten uns dorthin, wo sie ihrem Gott dienen, und wir wussten nicht, waren wir im Himmel oder auf der Erde: Denn es gibt auf der Erde nicht solchen Anblick noch solche Schönheit… Wir wissen nur das eine: Gott wohnt dort bei den Menschen.”

Diese Männer haben ohne jede Kenntnis und Ahnung vom christlichen Glauben intuitiv auf Anhieb das Entscheidende der Liturgie erkannt. Die Annäherung an die Inhalte des christlichen Glaubens über den liturgischen Vollzug entspricht ganz der orthodoxen Grundhaltung. Das Wort „Orthodoxie“ bedeutet ja: die rechte Verherrlichung. Der russische Theologe Georgij Florovski sagt: „Das Christentum ist eine liturgische Religion. Die Kirche ist zuerst eine anbetende Gemeinschaft“. Die Orthodoxe Kirche sieht den Menschen vor allem als liturgisches Wesen, das sich am meisten selbst verwirklicht, wenn es Gott verherrlicht. In den dunklen Tagen der Geschichte der orthodoxen Völker unter den Mongolen, den Türken und den Kommunisten war es die Göttliche Liturgie, die diese Völker stets mit neuer Hoffnung erfüllte. Die andere wichtige Erfahrung der Gesandten war die der Ekstase, die sich in den Worten ausdrückte, „wir wussten nicht, waren wir im Himmel oder auf der Erde“. Die Liturgie der Orthodoxen Kirche umfasst zwei Welten: Sie geschieht im Himmel und auf der Erde zugleich. Der Altar wird in ihr zum Grenzstein zwischen Zeit und Ewigkeit. Wir nehmen teil am himmlischen Hochzeitsmahl, bei dem wir mit Christus und den Engeln an einer Festtafel vereint sind. Ekstase begegnet uns hier in einer ganz anderen nüchternen Art: Im „Herausstehen“ aus Raum und Zeit, in der Begegnung mit der himmlischen Welt durch die getragene Feier der irdischen Liturgie.

Um diese Art der Ekstase besser zu verstehen, kann uns die Architektur des byzantinischen Kirchengebäudes weiterhelfen. Dieses ist im Grunde nur eine Kuppel über einem würfelförmigen Raum mit einer Apsis im Osten. In der Wölbung der Kuppel, dem höchsten Punkt des Gebäudes, befindet sich ein Brustbild mit dem segnenden Christus. In seiner Umgebung, zwischen den Fenstern, sind die Erzengel abgebildet. An den Wänden des Kirchenraumes sind die Heilstaten des Gottessohnes von der Verkündigung Mariens, seiner Geburt, seinem Leidensweg, seiner Auferstehung, Himmelfahrt, ja bis zu seiner Wiederkunft in Herrlichkeit dargestellt. Darunter, fast auf gleicher Höhe mit den Besuchern der Kirche, sind die Heiligen der Kirche gemalt.

Was will dieses Programm der Ausmalung des Innenraumes unsrer Kirchen verkünden? Ganz einfach das, was in der Liturgie passiert: Christus mit seinem himmlischen Hofstaat, den Engeln und Heiligen, segnet vom Himmel herab die versammelte Gemeinde. In der Feier der Eucharistie ist nicht nur Er in den gesegneten Gaben von Brot und Wein gegenwärtig, sondern auch sein ganzes in der Geschichte geschehenes Heilswerk, sein Tod und seine Auferstehung bis zu seiner Wiederkehr zum Gericht. In seiner göttlichen Gegenwart steht die Zeit still, Anfang und Ende fallen in einem Punkt zusammen, und die Grenzen des Raumes öffnen sich für die himmlische Welt.

Neben dieser vertikalen Deutung steht die horizontale des Raumes. Dieser ist in drei Teile geteilt: in Narthex (der Vorhalle, dem Platz für die Katechumenen), Schiff (dem Versammlungsort der Gläubigen) und in das Altarheiligtum, zu dem nur die Zelebranten Zutritt haben. Der Altarraum ist vom Kirchenschiff durch die Ikonostase getrennt. Diese Abgrenzung und „Verhüllung“ des sakramentalen Geschehens durch die Ikonenwand will hinweisen auf das Mysterium in der Menschwerdung des Gottessohnes und auf das Mysterium seines Eingehens in die irdische Materie von Brot und Wein. Das griechische Wort „mysterion“ kommt vom Verb „myoo“, die Augen verbinden. Es stammt aus dem kultischen Bereich und bezeichnet das Augenverbinden als Zeichen der Ehrfurcht vor der Gegenwart der Gottheit im heidnischen Tempel. Es wäre ein tiefes Missverständnis, wenn man die Ikonostase als Trennwand zwischen Klerus und Volk verstehen würde. Die Ikonen haben im Gegenteil eine verbindende Funktion. Sie sind der ideale Ausdruck für die Gegenwart der himmlischen Welt unter uns. Die Fläche des Bildes macht deutlich, dass das dargestellte Geschehen oder die Person uns nicht verfügbar ist. Dass das Ereignis und die Personen aber dennoch gemalt werden können, zeigt uns, dass es sich um Tatsachen handelt, die in der Geschichte geschehen sind. Dass der Gottessohn in einer Ikone gemalt werden kann, ist nur möglich, weil er als Mensch sichtbar unter Menschen gelebt hat. Seine Ikone ist somit ein Bekenntnis zu seiner Menschwerdung. Durch dieses Bild hindurch verehren wir ihn. Die Ikone ist somit für den orthodoxen Christen viel mehr als ein schönes Bild. Sie ist für ihn ein Fenster zum Himmel. Sie ist die ideale Darstellung der Nähe und Ferne Gottes zu den Menschen zugleich. In der gemalten Person des Erlösers bezeichnen sie Seine Nähe in der Geschichte. In ihrer Flächenhaftigkeit wird klar, dass sie kein Idol ist, das die dargestellte Person eingefangen hat.

Die beiden Einzüge in der Göttlichen Liturgie, einmal mit dem Evangelium und dann mit den vorbereiteten Gaben aus dem Heiligtum, wollen uns zeigen, wie Gott aus seiner Verborgenheit im Himmel zu uns Menschen herabkommt. Mit ihm zieht der himmlische Hofstaat der Engel ein in unsere irdische Liturgie. Besonders deutlich wird dies in dem Gebet, das der Priester beim Kleinen Einzug mit dem Evangelienbuch in der Mitte des Kirchenschiffs spricht: „Gebieter, Herr unser Gott, der Du im Himmel die Ordnungen und Heere der Engel und Erzengel eingesetzt hast zum Dienste Deiner Herrlichkeit, lass auch mit unserem Einzug heilige Engel einziehen, die mit uns die Liturgie vollziehen und Deine Güte lobpreisen.“ Es wird hier ganz deutlich, wie irdische und himmlische Liturgie sich miteinander vereinigen und Gott eingeht in Raum und Zeit.

Ein unerlässliches Kennzeichen der Göttlichen Liturgie ist auch die Rolle, die der Heilige Geist bei der Segnung der eucharistischen Gaben spielt. Es sind nicht nur die Einsetzungsworte Jesu, die seine Gegenwart in Brot und Wein bewirken, sondern auch das Gebet danach um die Wandlung der irdischen Gaben durch den Geist. Beide sind von gleicher Bedeutung. So lässt sich auch kein Höhepunkt in der Liturgie festlegen, wie er in der lateinischen Messe akustisch mit den Schellen und optisch durch die Elevation (Erhebung von Kelch und Hostie) erkennbar gemacht wird.

Der Sohn hat das Abendmahl eingesetzt. Der Geist ist es, der nach dessen Auffahrt in die Himmel seine Gegenwart in den Gaben bewirkt. Das Hochgebet ist an den göttlichen Vater gerichtet. Somit geschieht das sakramentale Wunder durch das gemeinsame Handeln des dreieinen Gottes. Diese innere Struktur der Feier des wichtigsten Teiles der Eucharistie entspricht genau der Liturgie, die im 2. Jahrhundert unter Bischof Hippolyt in Rom gefeiert wurde. Die Orthodoxe Kirche hat diese Tradition ungebrochen durch die Kirchengeschichte bis heute bewahrt und entfaltet. Durch diese Einbeziehung der drei Personen zur Segnung der eucharistischen Gaben wird die altkirchliche Auffassung vom dreieinen Gott deutlich. Der Sohn und der Geist sind die beiden Hände, mit denen der göttliche Vater das Heil der Menschen wirkt, wie dies der Bischof Irenaus von Lyon ausgedrückt hat.