Herrentag der Palmen

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Der Palmsonntag ist nach orthodoxem Verständnis schon ein österliches Freudenfest, das eng verbunden ist mit der Feier der Auferweckung des Lazarus am Vortag. Das Tropar des Festtags lautet:

Schon vor Deinem Leiden die gemeinsame Auferstehung bezeugend,
hast Du Lazarus von den Toten auferweckt, Christus Gott.
Darum tragen auch wir ,wie damals die Kinder, das Zeichen des Sieges
und rufen Dir, dem Besieger des Todes zu:
„Hosanna in den Höhen! Gesegnet, der da kommt im Namen des Herrn.“

Die Kunde von der Auferweckung des Lazarus, die sich wie ein Lauffeuer in Jerusalem verbreitet hatte, ist der Grund für den festlichen Empfang des Herrn bei seinem Einzug in die Stadt. Wenn wir mit den gesegneten Zweigen am Palmsonntag durch eine Prozession in unsre Kirche jenen Einzug damals nachvollziehen, dann ist das ein Bekenntnis zu seinem Sieg über die Macht des Todes, der sich in der Auferweckung des Lazarus aus seinem Grab ankündigt.

Dieses Zurückrufen des schon vier Tage im Grabe ruhenden Lazarus unter die Lebenden gehört zu den Ereignissen, die die überwältigende Mehrzahl der Kirchgänger heute als eine „poetische Redeform“, als ein schönes Bild für die Überwindung des Todes, versteht: „Unsre moderne Teilnahme an der liturgischen Feier ist entweder rational oder gefühlsbestimmt… Der rationale Zugang besteht aus einer Verkürzung der Liturgie zu Ideen… Liturgie ist höchstens eine Art Rohmaterial für klare Definitionen und Vorstellungen, was nicht auf eine intellektuelle Wahrheit reduziert werden kann, wird als „dichterische Form“ bezeichnet, d.h. als ein schönes Bild, nicht als Geschehenes… Was die gefühlsmäßige Teilnahme angeht, so ist sie das Ergebnis einer persönlichen und auf sich bezogenen Frömmigkeit, die das Gegenstück ist zur intellektuellen Theologie. Für diese Art der Frömmigkeit ist die Liturgie ein hilfreicher Rahmen für das persönliche Gebet. Er bewirkt die Inspiration, die unser Herz „aufwärmt“ und auf Gott ausrichtet. Der Inhalt und die Bedeutung von Gottesdiensten, liturgischen Texten, Riten und Handlungen ist hier zweitrangig; sie sind so lange hilfreich und angemessen, als sie mich zum Gebet hinführen… Wegen der schon lange vollzogenen Aufspaltung unsrer kirchlichen Mentalität ist es heute sehr schwierig, zu zeigen, dass die wahre Liturgie der Kirche weder auf „Ideen“, noch auf „Gebet“ reduziert werden kann. Man feiert nicht „Ideen“! Was das persönliche Gebet angeht, sagt nicht das Evangelium, dass wenn wir beten wollen, sollen wir uns in unser Zimmer einschließen und dort in persönliche Gemeinschaft mit Gott eintreten ( Mt 6,6, ) Die rechte Art der liturgischen Feier umfasst beides, das Geschehen und die Reaktion auf dieses als soziale Körperschaft. Eine Zelebration ist nur möglich, wenn Leute zusammenkommen und im Überschreiten ihrer natürlichen Trennung und Isolation von einander wie ein Körper, ja wie eine Person auf ein Geschehen reagieren.“
(Alexander Schmemann, The Great Lent, 80)

Das Ereignis, das am Sonntag der Palmen gefeiert wird, ist der Einzug Jesu in Jerusalem. Wenn wir dies liturgisch nachvollziehen mit unserem Einzug in Kirche und Altarraum, dann ist dies keine Imitation dessen, was damals geschah, sondern Raum und Zeit sprengend ein Mitvollzug und Anschluss an das Ereignis von damals. Denn mit jedem Beginn der Liturgie zieht Christus in unsre Mitte ein. Wo Er zugegen ist, da ist Stillstand der Zeit. Tausend Jahre sind wie ein Tag und eine Stunde. Wenn die Liturgie das ist, was die Offenbarung des Evangelisten Johannes meint, nämlich das Herabfahren des himmlischen Jerusalems in die feiernde irdische Gemeinde, dann ist Gottes Heilshandeln gegenwärtig und mit ihm das Geschehen von damals. Wir reihen uns dann mit unseren Palmzweigen ein in den Empfang von damals und bekennen mit unserem Hosannagesang Ihn als den Messias, der den Lazarus ins Leben zurückgerufen hat und auf dem Weg ist, die Macht des Todes gänzlich zu brechen. Liturgie und Fest so verstanden, bewegt sich weit jenseits von Ideen und Gefühlen, die Menschen zu ihrer Selbsterbauung erzeugen. Hier geschieht die Begegnung von Zeit und Ewigkeit, an der Menschen leibhaft teilnehmen und miteinbezogen sind.

Es sind für die Palmzweig tragenden Menschen von damals wie für uns vier Kennzeichen, dass der Einziehende der Messias ist:

1. das Tragen der Palmzweige, das nach Lev 23,40 sich auf ein „Fröhlichsein vor dem Herrn eurem Gott“ bezieht,

2. der Gesang „Gelobt sei der da kommt im Namen des Herrn“ (Ps 118,26 ff.), der eine Messiasdefinition enthält : „der da kommt im Namen des Herrn“,

3. das Eselsfüllen, auf dem der Herr einzieht, ist nach der Prophetie Sach 9,9 das Kennzeichen des neuen Königs: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel und auf einem jungen Füllen der Eselin.“

4. der Einzug nach Jerusalem durch das Osttor von Bethanien her geschieht nach der Prophezeiung des Propheten Ezechiel (Ezch 43,27-44,4). Da ist vom Osttor des Tempels die Rede, durch das nur der Herr einzieht. Wenn man die Stadt Jerusalem als das Heiligtum Gottes ansieht, wäre die Himmelsrichtung des Einzugs auch ein Hinweis auf den Messias.

Mit unsrer Teilnahme an der Prozession vor der Liturgie dieses Sonntags empfangen auch wir Ihn als den neuen König, der das neue Königreich in seiner Kirche auf Erden eingerichtet hat. Er kam auf dem Rücken eines Eselsfüllens in aller Unscheinbarkeit. Doch in dieser Niedrigkeit lag der höchste Machtanspruch. Dieses Reittier ist das Zeichen des endzeitlichen Friedensfürsten. Sein Reich sprengt die Grenzen Israels, „denn er wird Frieden lehren unter den Heiden, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis ans andere und vom Strom bis ans Ende der Welt“ (Sach 9,10). - Da ist unser Zu-Hause, da sind wir unter seinem Schutz, da finden wir unsere Bestimmung und unsere Identität.

Dieser König ist jedoch nicht ein Herrscher fern in einer Hauptstadt oder in einem fernen Himmel hinter den Sternen, jenseits der Geschichte. Seine Macht ist so groß, dass er in jeder Stadt, ja in jeder Gemeinde seinen Einzug halten kann in den sakramentalen Gaben des gesegneten Brotes und Weins auf dem Altar. Der zeitliche Abstand von fast 2000 Jahren und die räumliche Entfernung von hier nach Jerusalem von sind für Ihn keine Hindernisse, auch bei uns seinen Einzug zu halten.

Auch hier erscheint Er in aller Niedrigkeit in den natürlichen Gaben von Brot und Wein verborgen. Wir würden Ihn ebenfalls nicht erkennen wie die Schriftgelehrten damals, wenn wir nicht wüssten, dass Er an jenem Abend im Zwölferkreis seiner Jünger das eucharistische Mahl eingesetzt hatte.

Er kommt jedoch nicht nur in die sonntägliche Liturgie unsrer Gemeinde, sondern möchte auch bei uns persönlich seinen Einzug halten. Die Begegnung mit Ihm in der Teilnahme an der Kommunion ist eine leibhaft persönliche. Er kommt uns so nahe, weil Er in unserem Herzen sein Königtum aufrichten möchte. Er möchte auch unser König im persönlichen Sinne sein, d.h., dass wir unser Leben nach seinen Geboten ausrichten.

Dieses Leben unter seiner Herrschaft, in seinem Reich ist jedoch etwas ganz anderes als das unter den irdischen Königen. Er unterscheidet sich von den irdischen Machthabem nicht nur dadurch, dass sein Reich alle Völker umfasst. Er unterscheidet sich von ihnen auch dadurch, dass seine Herrschaft nun schon fast zweitausend Jahre sichtbar in seiner Kirche besteht. Er sprengt auch diese Grenzen. Seine Macht reicht hinein bis in das Reich des Todes. Das Evangelium dieses Festes zeigt uns dies handfest leibhaft: Er hat die Macht den seit vier Tagen im Grab ruhenden Lazarus, dessen Leib schon in Verwesung übergegangen war und stank, aus dem Tod ins Leben zurückzurufen.