Christi Himmelfahrt

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Nach dem Evangelisten Lukas ist das Fest von Christi Himmelfahrt der vierzigste Tag nach den Erscheinungen des Auferstandenen. Es ist das Fest seiner feierlichen Aufnahme in den Himmel und der Vollendung des Heilswerkes seiner Auferstehung. Denn mit der Himmelfahrt ist die menschliche Natur, die Christus angenommen hatte, die den Tod erlitt und in seiner Auferstehung verklärt wurde, wieder in die Gegenwart Gottes zurückgekehrt. Die neue menschliche Natur thront zur Rechten Gottes: „Die Engel staunen, da sie einen Menschen über sich erblicken; der Vater empfängt ihn, den er gleichewig an seinem Herzen birgt“ (aus dem Idiomelon der Vesper des Festes).

Die Verkündigung der Aufnahme des Gottessohnes in den Himmel ist in der Apostelgeschichte des Evangelisten Lukas gleichsam das Vorwort für die folgende Geschichte vom Wirken des Heiligen Geistes in der Kirche. Die Ikone von der Himmelfahrt zeigt den Jüngerkreis, der Christus umstand. An Seiner Stelle steht die Theotokos in der Mitte, die ihn in ihrem Leib getragen hatte. An ihre Stelle tritt auf der Pfingstikone eine Königsgestalt in einem dunklen Feld inmitten der 12 Apostel. Hier soll eine Neuinterpretation dieser Festikone gewagt werden. Diese Gestalt im Dunkeln ist der himmlische König, der Geist der Wahrheit, der jetzt mit den Aposteln die Kirche bildet. Es ist der Hl. Geist, der jetzt der Stellvertreter Christi auf Erden ist. Das Dunkel bezeichnet seine Unsichtbarkeit, seine Unvorstellbarkeit.

Er bildet mit den Aposteln die höchste Autorität der Kirche. An ihre Stelle tritt nach dem Tod der Apostel in der Kirchengeschichte die Gemeinschaft der im Konzil versammelten Bischöfe.

Himmelfahrt ist also der Abschluss der österlichen Erscheinungen des Auferstandenen im Kreis seiner Jünger und zugleich die Vorbereitung auf das Eintreten der dritten Person des dreieinen Gottes in die Geschichte der Menschheit. Während der Westen vielfach über den Heimgang des Herrn trauernde Apostel darstellt, zeigen die Ikonen der Orthodoxen Kirche einen sonderbaren Jubel, wie ihn auch das Lukasevangelium berichtet: „Nachdem sie ihn (bei der Auffahrt zum Himmel auf dem Ölberg) angebetet hatten, kehrten sie voll Freude nach Jerusalem zurück und waren dort allezeit im Tempel und priesen Gott“ (Lk 24,52f.).

Es gibt einen zweifachen Grund zur Freude: Sie sehen die Himmelfahrt des Herrn an als das einzige Unterpfand ihrer und aller Menschen Seligkeit und Unsterblichkeit. Denn der auferstandene Sohn Gottes trägt die Gestalt des menschlichen Leibes, die er durch Maria empfangen hatte, endgültig heim zum Vater. Die ursprüngliche paradiesische Gemeinschaft des Menschen mit Gott hat durch die leibhafte Gegenwart des Sohnes zur Rechten des Vaters ihren Anfang gefunden.

Der andere Grund zur Freude ist die Verheißung des Heiligen Geistes. „Und ich will den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit“ (Joh 14,16). „Tröster“ ist eine Bezeichnung des Heiligen Geistes im Johannesevangelium.

Wenn hier aber vom „anderen Tröster“ die Rede ist, dann ergibt sich daraus, dass ER „der eine Tröster“ ist. Beide sind somit wesensgleich und von gleicher göttlicher Kraft. Auch mit dieser Bezeichnung wird deutlich, dass der Heilige Geist an Seine Stelle tritt.

Und weiter sagt Jesus im Johannesevangelium: „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, wird er euch in alle Wahrheit leiten“ (Joh 16,13). Die Apostel können mit Freude und Zuversicht in die Zukunft gehen. Der in den Himmel Aufgefahrene hat ihnen einen Beistand zugesagt, der seiner Gegenwart vor seinem Leiden in ihrer Mitte in nichts nachsteht.

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So können wir als orthodoxe Christen mit den Aposteln das Fest der Auffahrt Christi in die Himmel in der gleichen doppelten Freude begehen. ER hat unser von Gott abgefallenes Menschsein wieder in die Gemeinschaft mit Gott zurückgeführt. Unsere Leibhaftigkeit thront in Christus zur Rechten des Vaters. Wir brauchen nur noch auf den Jüngsten Tag zu warten, wenn auch unsere Leiber dem Tode entrissen werden, und wir so bei Gott sein können wie der erhöhte Herr.

Auch auf die Sendung des Geistes dürfen wir in gleicher Zuversicht wie die Apostel nach dem Erlebnis von Christi Himmelfahrt hoffen. Uns dürfte diese Hoffnung viel leichter fallen als den Aposteln. Wir können doch auf seine Führung der Kirche „in alle Wahrheit“ in unzähligen Fällen in der Kirchengeschichte zurückblicken. Bedenken wir nur, dass unsere Orthodoxe Kirche die Gestalt der eucharistischen Liturgie ungebrochen bewahrt hat, wie sie im 2. Jahrhundert in Rom gefeiert wurde. Die Inhalte des Evangeliums sind durch die sieben Ökumenischen Konzilien gegen die mächtigen Irrlehren, die auch heute noch aktuell sind, bewahrt worden. In der Ausprägung der christlichen Kunst hat die Orthodoxe Kirche in den Ikonen ein zeitlos gültiges Christusbekenntnis geschaffen. Nur an diesen drei Beispielen können wir erkennen, dass wir in gleich froher Erwartung wie die Apostel auf die Verheißung des Geistes auch in der Zukunft hoffen dürfen.