Ikonen - Fenster zur Ewigkeit

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Die Orthodoxe Kirche kennt keine religiösen Bilder, wie sie in der westlichen Christenheit üblich sind zur Darstellung christlicher Glaubensinhalte. Diese finden nach orthodoxer Tradition ihren Ausdruck in den Ikonen, die mehr sein wollen als die bildhafte Darstellung eines Inhaltes. Das wird deutlich, wenn man eine orthodoxe Kirche betritt, deren Wände einschließlich der Kuppel bedeckt sind mit Ikonenfresken und Mosaiken.
Der Altarraum ist vom Kirchenschiff getrennt durch eine Ikonenwand. Betritt ein orthodoxer Christ seine Kirche, so begrüßt er die Ikonen, mit einer Verbeugung, bekreuzigt sich, opfert ihnen Kerzen und küsst sie. Während der Liturgie werden sie beräuchert und in Prozessionen umhergetragen. Das Beräuchern und Umhertragen bezeugen eine Gegenwart der dargestellten Personen. Diese Zeichen der Verehrung sind für viele abendländische Christen befremdend, und sie sehen in ihnen eine Form der Idololatrie (Anbetung der Materie).

Was sagt die orthodoxe Theologie zu diesem Vorwurf?
Wenn ein orthodoxer Christ sich vor einer Ikone niederwirft und sie küsst, hat dieser Vollzug für ihn nichts mit Verehrung der Materie zu tun. Denn die Ikone ist für ihn kein Idol (Götzenbild) sondern ein Ort für das Zusammenkommen der himmlischen und irdischen Welt. Die Verehrung, die er der Ikone darbringt, ist nicht auf die Materie des Holzes oder der Farben bezogen, sondern auf die in der Ikone dargestellte Person, d.h. letztlich auf Gott, der in jedem menschlichen Antlitz aufleuchtet.
Die Kirchenväter unterscheiden scharf zwischen der Anbetung, die nur Gott zukommt, und der Verehrung, die dem Abglanz Gottes in der irdischen Materie entgegengebracht wird. Die Materie sehen sie als geheiligt an, weil diese in der Ikone transparent für die himmlische Welt ist.

Die Ikone ist das irdische Abbild des himmlischen Urbildes. So wie das verkündete Wort des Evangeliums uns akustisch das Heil zuträgt, genau das Gleiche geschieht optisch durch die Ikonen. Sie sind für den orthodoxen Christen Zugang von dieser Welt hinüber zum Jenseits, zur himmlischen Welt. Sie sind Fenster zum Himmel. - Aufgrund dieser theologischen Begründung der Ikone praktiziert der orthodoxe Christ jene Verehrung nicht nur in der Kirche sondern auch bei sich zu Hause, wo er seine heilige Ecke mit den Ikonen hat, vor denen er betet. In jedem Zimmer hängen Ikonen, und diese begleiten ihn auch auf Reisen oder ins Krankenhaus.

 

Eine andere Schwierigkeit ist der Malstil der Ikonen, der den westlichen Betrachter einerseits fasziniert andrerseits aber auch abstößt. Er ist es gewohnt auch in der kirchlichen Kunst zuerst die schöpferische Leistung des Künstlers zu bewundern. Eine Madonna von Raffael ist eben erst einmal ein Werk Raffaels. Diese Auffassung von kirchlicher Kunst hat man zur selbstverständlichen Norm er- erhoben und auch auf die Ikonen angewendet. Dabei sind meist negative Urteile herausgekommen. Die Ikonenmalerei kennt gerade diese frei waltende Phantasie des Künstlers nicht. Sie hat durch die Jahrhunderte hindurch die Malweise der Ikonen festgelegt, was den Aufbau, die Farben und den Stil betrifft.
Der Name des Malers bleibt oft bewusst anonym. Das traditionell handwerkliche Element ist so stark, dass sich mehrere Malermönche verschiedene Partien einer Ikone beim Malen teilen können. Um diese Form christlicher Kunst zu verstehen, bleibt dem abendländischen Betrachter kein anderer Weg, als sich von seinen westlichen Anschauungen über Kunst frei zu machen und die theologische Eigenbegründung der Ikonenmalerei kennen zu lernen.

Welche Bedeutung theologisch die Ikonen in der Orthodoxen Kirche haben, lässt sich daran ermessen, dass es im ersten Jahrtausend einen Kampf um die Verehrung bzw. um die Abschaffung der Heiligenbilder gab, der mit dem Ringen der abendländischen Christenheit um die Einheit der Kirche in der Reformation verglichen werden kann. Das Resultat, die Wiederherstellung der Ikonenverehrung wurde jedoch im Westen von Karl dem Großen und seinen Theologen als eine Art Idololatrie missverstanden, und so blieb seit der Synode zu Frankfurt im Jahre 794 unter dem Vorsitz des Kaisers die christliche Kunst Westen ein rein innerweltliches, menschliches Ausdrucksmittel zur Darstellung der Glaubensinhalte.

Entscheidend für das Verständnis der Ikonenmalerei ist, dass sie nicht der schöpferischen Phantasie eines frommen Malers überlassen wird. Als gemaltes Evangelium ist die Ikone öffentliche Verkündigung und unterliegt daher der Anerkennung durch die Kirche. Welche Bedeutung man in der orthodoxen Kirche dieser Form der kirchlichen Kunst zulegt, lässt sich daran erkennen, dass man das Verb für das Erstellen der Evangelien, nämlich „schreiben“ auch auf das Malen von Ikonen anwendet. Der Ikonenmaler heißt in Griechischen „Ikonographos“, d.h. « Ikonenschreiber ».
Ihre tiefste Begründung hat die Ikonenmalerei in der Menschwerdung Jesu Christi. Diese Verankerung hat auch zur Überwindung der Bilderstürmer, der Ikonoklasten, beigetragen, die sich auf das alttestamentliche Bilderverbot beriefen. Dieses bezieht sich auf die Nichtdarstellbarkeit des göttlichen Vaters. Mit der Menschwerdung Jesu Christi ist jedoch eine neue Lage gegeben.

Der Kirchenvater Johannes Damascenus lieferte das entscheidende Argument. Er schrieb:

„In alter Zeit wurde Gott, der keinen Körper und keine Gestalt besitzt, bildlich überhaupt nicht dargestellt. Jetzt aber, da Gott im Fleisch sichtbar wurde und mit den Menschen umging, kann ich das an Gott sichtbare Bild darstellen. Ich bete nicht die Materie an, sondern ich bete den Schöpfer der Materie an, der um meinetwillen selbst Materie wurde ... Und ich werde nicht aufhören die Materie zu verehren , durch die meine Rettung bewirkt ist ...“ (PG XCIV,1245 ).

 

Aus dieser Aussage des Kirchenvaters lassen sich für die theologische Begründung der Ikone drei wichtige Wahrheiten ableiten:

1. In der orthodoxen Theologie schafft die kirchliche Kunst eine Br ücke zum Jenseits.

2. Die Verehrung der Ikonen ist ein Bekenntnis zur Menschwerdung Jesu Christi.

3. Deshalb darf die Darstellung alles Heilsgeschehens nicht dem frommen Individuum überlassen werden. Die Ikonen sind das gemalte Evangelium der Kirche.