Der Name Gottes

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht“ (2. Mose 20,7), so lautete das zweite Gebot auf der ersten Tafel der zehn Gebote. Wie ernst es Gott mit diesem Gebot meint, lässt sich daran erkennen, dass es gleich nach dem ersten Gebot steht, das den Menschen allein die Anbetung Gottes gebietet. Außerdem ist es das einzige Gebot, in dem im Falle seiner Übertretung eine Strafe angedroht wird. Der Gebrauch des Namens Gottes erweckt hier den Eindruck, als wenn es sich bei ihm wie um die Person Gottes selbst handele. Nach antiker Vorstellung war der Name nicht „Schall und Rauch“, sondern es bestand zwischen ihm und seinem Träger ein enger wesensmäßiger Bezug. Im Namen steckt eine eigene Mächtigkeit der Person. Er ist fast so etwas wie ein Doppelgänger. So war der Name Gottes (das hebräische Wort aus vier Buchstaben lautet: „Jahwe“, das aber aus Ehrfurcht nicht ausgesprochen wird) den Vätern nicht von Anfang an offenbar. Erst in der Mosezeit offenbart sich Gott in der Begegnung mit Mose im brennenden Dornbusch.

In dieser Erzählung wird die Verbindung des Väterglaubens hergestellt mit dem Auftrag an Mose, Israel aus Ägypten herauszuführen (2. Mose 3). In diesem Augenblick größter historischer Bedeutung offenbart Gott seinen Namen. Nicht nur der Zeitpunkt, sondern auch der Ort wird herausgehoben, wenn Gott Mose gebietet, seine Schuhe auszuziehen: „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe aus von deinen Füssen, denn der Ort darauf du stehst, ist heiliger Boden“ (2. Mose 3,5). Zwar hat sich Gott schon am Anfang; des Dialogs mit Mose vorgestellt als „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“, aber die Offenbarung seines Namens „Ich werde sein, der ich sein werde“, rüstet Mose mit einer besonderen Macht aus. Er kann sich nicht nur gegenüber den Israeliten in Ägypten ausweisen, sondern vor allem gibt ihm das Wissen um den Namen Gottes die Kraft, jederzeit dessen Hilfe und Eingreifen anzurufen.

Der Anruf des Namens Gottes ist wie die Bitte um Hilfe an eine daneben stehende Person. So war also der Name „Jahwe“ - mit dem sich Gott, möchte man fast sagen, preisgegeben hatte - allein Israel zu treuen Händen anvertraut. Die Heiden kennen ihn nicht (Ps 79,6). Er allein barg die Garantie der Nähe und Hilfsbereitschaft Gottes. Er allein gab Israel die Gewissheit, allezeit das Herz Jahwes erreichen zu können. Kein Wunder, dass Israel den Namen des Herrn zu allen Zeiten als eine heilige Wirklichkeit ganz besonderer Art angesehen hat. Dieser Name hat unmittelbar teil an der Heiligkeit Gottes selbst, denn er war ja gleichsam ein Doppel des Wesens Gottes. War er heilig, so war er zu umgeben mit aller Ehrfurcht in den höchsten und edelsten Formen menschlicher Verehrung im Kultus. Man kann ihn mit Recht als das eigentliche Herz des altisraelitischen Kultus bezeichnen. Er nimmt die Stelle ein, an der sich in anderen Kulten das Kultbild befindet.

Die Anvertrauung einer so heiligen Wirklichkeit hat Israel vor eine ungeheure Aufgabe gestellt, all den Versuchungen zu wehren, in die menschlicher Missbrauch des Namens Gottes führen kann. Sein Name war unter allen Umständen zu schützen vor Entweihung, z.B. durch Kinderopfer (3. Mose 18,6; 20,3), durch Falschschwören (3. Mose 19,12). Jahwes Namen war zu heiligen, d.h. mit seiner Anrufung war Gottes Einzigkeit und Ausschließlichkeit anerkannt und als Bekenntnis zu gebrauchen. Wo Israel sich in irgendeiner Form einem anderen Kult geöffnet hat, da wurde sein Name entweiht.

Das Volk Israel hat daher den Namen Gottes mit solcher Ehrfurcht behandelt, dass es nicht wagte, diesen so auszusprechen wie er geschrieben wurde. Für die vier Buchstaben seines Namens, das Tetragramm, verwendeten sie daher ein anderes Wort: ,,Herr“. Israel hielt seinen Namen so heilig, dass:

Nur einmal im Jahr,
am höchsten Fest
durfte nur der Hohepriester
im Allerheiligsten des Tempel
seinen Namen, so wie er geschrieben wird,
aussprechen.

Welche Ernstnahme steht hinter diesem Gebrauch des Namens Gottes, welches Vertrauen auf seine Gegenwart in der Nennung seines Namens! Mit dieser Haltung Israels wird Gott bis zum heutigen Tag wie eine reale, nur unsichtbare Person geachtet, die uns allzeit begleitet, mit der man lebt, mit der man spricht. Das Gebet ist der ganz normale Dialog wie mit unseren Mitmenschen.

„Hilf mir, Gott, durch deinen Namen und schaffe mir Recht durch deine Gewalt“ (Ps. 54,3) betet der Psalmist. Er zeigt uns das Wissen Israels um die besondere Heilsbedeutung des Jahwe-Namens. Die Macht seines Namens bleibt jedoch nicht auf das Volk Gottes beschränkt. Ja, zuletzt wird sich Gott derart vor aller Welt erheben, dass sein Name aller Welt offenbar wird:

„Und der Herr wird König sein über alle Lande. Zu der Zeit wird der Herr nur einer sein und sein Name nur einer“ (Sach 14,9).

Dieses Prophetenwort hat sich erfüllt in dem Gebet des Herrn, mit dem aller Völker Zungen beten:
„Geheiligt werde dein Name!“
„Dein Königtum komme!“.

Die erste Bitte des Vaterunsers ist ja doch nur die positive Formulierung des zweiten unter den 10 Geboten. Es ist klar, dass wir den Namen Gottes, den wir im Neuen Bund ganz persönlich mit „Vater“ anreden dürfen, nicht missbrauchen. Es kommt sicher selten vor, dass Menschen im Namen Gottes falsche Eide schwören. Öfters schon wird mit dem Namen Gottes geflucht, wenn irgendetwas nicht so funktioniert, wie wir es erwarten. Am häufigsten jedoch wird der Name des Herrn missbraucht in purer Sinnlosigkeit, wenn z.B. die Brille verlegt wurde. Ohne, dass wir Gott um etwas bitten wollen, benutzen wir seinen Namen und rufen ihn damit an. Und er wendet sich uns dann auch zu - aber zum Gericht. Das ist genauso, als wenn wir eine hoch gestellte Persönlichkeit nur mal so telefonisch anrufen, ohne etwas von ihr zu wollen. Das ist dann nur eine Belästigung des Menschen, der unseren sinnlosen Anruf annahm. Bei Gott, dem Allherrscher, ist's jedoch eine Majestätsbeleidigung. Wir gebrauchen Gottes Namen und damit ihn selbst wie eine Nebensache.

Wie heiligen wir in rechter Weise seinen Namen? Der rechte Gebrauch des Gottesnamens geschieht in der Anrede (in der 2. Person Einzahl mit „du“) indem wir:

1. Ihm danken,
2. Ihn loben,
3. Ihn um etwas bitten, bzw. für Andere um etwas bitten und
4. von ihm Zeugnis ablegen (in der 3. Person Einzahl).

Das große Vorbild in der Heiligung des Gottesnamens sind die Engel, von denen der Prophet Jesaja in der Begegnung mit Gott im Tempel berichtet (Jes. 6). In dieser Atmosphäre reinster Anbetung lässt der Gesang der Seraphim die Schwellen des Tempels erbeben „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!“