Schrift oder Kirche?

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Mit der Reformation tauchte in der Kirchengeschichte ein ganz neues Verständnis der Auslegung der Heiligen Schrift auf. In den anderthalb Jahrtausenden vorher war die Kirche die autoritative Auslegerin der Schrift. Die Reformatoren dagegen gaben diese sozusagen in die Hände der Gläubigen und vertrauten ihnen natürlich mit dem Wunsch der Erleuchtung durch den Hl. Geist die rechte Auslegung des Wortes Gottes an.

Was war der Grund für diesen Umbruch? Alle Umbrüche haben ihren Grund in einem Versagen der Menschen, das nicht länger ertragen werden konnte. Die Ursache für diese tiefgreifende Veränderung war die Enttäuschung über die Praxis und das Leben der offiziellen Vertreter der Kirche. Es war die Enttäuschung über die weltlichen Herrschaftsansprüche der Päpste, die Inquisition, den Ämterkauf in der Kirche, das anstößige Leben vieler ihrer höchsten Würdenträger u.a.m..

Die Volksfrömmigkeit reagierte darauf mit einer Verinnerlichung des geistlichen Lebens, einer individualistischen Mystik, die den Gläubigen von der offiziellen Kirche unabhängig machte. Es war eine Art innere Emigration von Kirche und Theologie .In der Theologie fand eine Abwendung von der Hierarchie statt. Die Kirche sei nicht die Hierarchie, sondern die Gesamtheit der Christen, die nur durch ein Konzil repräsentiert werde (Marsilius von Padua, 1290-1343). Noch grundsätzlicher bestritt der Franziskaner Wilhelm Ockham den Anspruch der abendländischen Kirche auf Unfehlbarkeit. Die eigentliche unfehlbare Kirche sei unsichtbar. – Diese Auffassung von Kirche übernahm Martin Luther. Als er nach der Auseinandersetzung um den seelsorgerlichen Missbrauch des Ablasses zu einem öffentlichen Disput mit dem Vertreter der Kirche, Dr. Eck, 1519 in Leipzig geladen war, äußerte er den für die damalige Theologie revolutionären Satz: „Auch Konzilien können irren“.

Mit diesen wenigen Worten war die Autorität der Kirche als Hüterin der Inhalte des christlichen Glaubens ins Mark getroffen.
Denn wenn die Konzilien (und mit ihnen die sie leitenden Päpste) nicht mehr zuverlässig sagen können, was Wahrheit, was Irrtum sei, wer denn dann? Dieser Satz Martin Luthers führte ihn dann auch zur nächsten Konsequenz, nämlich der Auffassung von der Unsichtbarkeit der wahren Kirche. Damit hatte Luther den Bruch nicht nur mit der abendländischen Tradition, sondern mit der der Christenheit von den Tagen der Apostel an vollzogen:

Wenn aber die Kirche der wahren Gläubigen unsichtbar ist, verschwinden in diesen auch ihre bevollmächtigten Vertreter, die lehren sollen, alles zu halten, was Christus befohlen hat (Mt 28,20).

 

Wenn diese Nachfolger der Apostel, die Bischöfe, in der Gesamtheit aller Gläubigen „verschwinden“, dann wird auch das kirchliche Lehramt unter diesen „unsichtbar“ werden. Wo dieses aber nicht mehr offiziell und erkennbar in Funktion ist, kann das Eindringen von Irrtümern in die Kirche nicht mehr abgewehrt werden, zerfließen die Grenzen zwischen Wahrheit und Irrtum.

Wer kann dann noch über die Glaubensinhalte verbindliche Aussagen machen? Tatsächlich gibt es heute viele Theologen im Protestantismus, die ein dogmenfreies Christentum vertreten. Das konfessionelle Luthertum lehnt diese Auffassung von Kirche ab. Es bekennt das Predigtamt als von Gott eingesetzt (siehe Augsburgisches Bekenntnis, Artikel V: „Solchen Glauben zu erlangen, hat Gott das Predigtamt eingesetzt... - Ut hanc fidem consequamur, institutum est ministerium docendi evangelii). Das Problem des Lehrpluralismus ist damit nur von der Ebene des Konzils und des bischöflichen Amtes auf die des Pfarramts verschoben. Denn der Bischof und die Synode sind nur noch organisatorische Größen, keine Institutionen des Lehramtes mehr kraft göttlichen Rechtes wie in der Alten Kirche.

Es wird deutlich, dass die Unsichtbarkeit der Kirche auch die „Unsichtbarkeit“ der christlichen Glaubenswahrheit bedingt. Wenn diese aus der Verantwortung der Kirche an die Gläubigen übereignet wird, kann der Glaube nicht mehr die eine Wahrheit sein, die Christus der Kirche anvertraute („und lehret sie halten, alles was ich euch befohlen habe“ – Mt 28 ,20), sondern sie wird zwangsweise auf das reduziert, was der einzelne Fromme für das Evangelium hält. Diese Verindividualisierung des Evangeliums ist der verhängnisvollste Traditionsbruch der Kirchengeschichte.

Welche Erkenntnisschritte würden aus orthodoxer Sicht eine Rückkehr in die Einheit der Alten Kirche ermöglichen?

Aufgabe der Auffassung von einem unverbindlichen (d.h. dogmenfreien) Christentum. Dieses widerspricht ja auch ganz der reformatorischen Verwerfung der Werkgerechtigkeit; nur dass hier an die Stelle der Werke die menschlichen Ideen treten. Mit dieser Auffassung hat sich der Protestantismus noch weiter vom altchristlichen Erbe entfernt als die Reformation. Denn noch Luther schrieb in seiner Schrift „Vom unfreien Willen“: „Hebe die verbindlichen Glaubenssätze auf, und du hast das Christentum aufgehoben – Tolle assertiones et tulisti Christianismum“ –WA 18,603.

Aufgabe der Lehre von der Unsichtbarkeit der Kirche.
Wenn auch Zugehörigkeit der Gläubigen zur Kirche nicht sichtlich erkennbar ist, so muss doch die von Christus eingesetzte Ordnung der Ämter und ebenso der Sakramente bewahrt werden. Denn auch Christus hat das apostolische Amt durch Berufung, Bevollmächtigung und Aussendung ausgezeichnet (Mt 10,1 ff.). Nur so hat die Kirche die Möglichkeit, sich öffentlich und verbindlich zu äußern.

Anerkennung der Kirche als die alleinige und berufene Auslegerin der Hl. Schrift. Das Neue Testament wurde in einem Aus-scheidungsverfahren der Kirche geschaffen. Wenn die Kirche den Kanon festgelegt hat, kann die Schrift nicht über die Kirche gestellt werden. Schließlich hat Gott der Kirche seinen Geist gegeben, der sie in alle Wahrheit
(Joh 16,13) führt. Daher ist das geschriebene Wort Gottes Norm – im Prinzip ist es immer so gewesen – aber man darf es nicht von den anderen Elementen, die ebenfalls von Gott stammen, trennen.