Die Vesper

Priester Johannes R. Nothhaas



 

 

 

 

Die Erfahrung des göttlichen Heilshandelns spiegelt sich wieder in der Wahrnehmung von Tag und Nacht. Im Alten Bund ist es die Erschaffung der Welt aus dem Dunkel und Nichts ins Dasein im Licht. Im Neuen Bund ist es der Anbruch des achten und abendlosen Tages, als der Gekreuzigte sich aus dem Grabe erhob und mit seinem Licht in die Finsternis der Unterwelt einbrach und die Macht des Todes zerstörte. Dieser konnte ihn nicht mehr festhalten und musste machtlos zusehen, wie Er unter die Lebenden zurückkehrte. Beide Bünde haben das gleiche Ziel: Gott will die gefallene Menschheit aus dem Dunkel der gefallenen Welt zurückholen in das Licht der paradiesischen Gemeinschaft mit Ihm. Von dieser Orientierung am göttlichen Heilshandeln im Alten Bund wird es verständlich, warum das Christentum den Tag mit dem Abend beginnen lässt: „Da ward aus Abend und Morgen ein erster Tag". Gott führt die Menschen aus der Finsternis ins Licht.

1.

Als Gott den Menschen geschaffen hatte, sah er sein Werk an „und siehe es war sehr gut" und übergab es in die Hand des Menschen. Der tat seine Augen auf und sah all die Schönheit, die Gott ihm in Liebe zugedacht hatte. Staunend nahm er die Pracht des „Tempels" wahr, in dem er stand, und dankte. Lobe den Herrn meine Seele! ... O Herr, mein Gott, wie bist Du so
groß… O Herr, wie sind deine Werke so groß! Du hast sie alle in Weisheit geschaffen, die Erde ist voll Deiner Gebilde… Ich will dem Herrn singen mein Leben lang, will meinem Gott spielen, solange ich bin.

Mit diesem Schöpfungspsalm im Beginn der Vesper nimmt uns die Kirche an die Hand und fuhrt uns hin zur „Wiederentdeckung der Welt, als Gottes Schöpfung". Jemand muss in dieser gefallenen Welt, die Gott zurückwies, und durch diese Blasphemie ins Chaos stürzte, Gott danken. Dieser Jemand ist Christus, der neue Adam. Mit Ihm und in Ihm vollziehen wir diesen Akt der Danksagung und richten uns und die uns anvertrauten Güter wieder auf Gott hinaus.

2.

Das andere Thema der Vesper steht jedoch in krassem Gegensatz zur Schönheit und zum Wunder der Welt, wie sie Gott geschaffen hat. Wir entdecken angesichts der Schönheit der göttlichen Schöpfung die Dunkelheit der gefallenen Welt und das Versagen in uns und in der Welt. Darum werden die Lichter gelöscht und der Priester betet vor der geschlossenen königlichen Tür. Er hat seine liturgischen Gewänder abgelegt und steht als der nackte Mensch vor der verschlossenen Pforte zum Paradies und weint:

Herr, ich rufe zu Dir, erhöre mich.
Vernimm die Stimme meines Flehens…
Führe aus dem Gefängnis meine Seele…
Aus der Tiefe ruf ich, o Herr, zu dir…

Der gefallene Mensch erkennt seinen Verrat an Gott und, wie schrecklich er dieses Geschenk, die Schöpfung, missbraucht und damit zerstört hat, und bereut: "Wenn Du Sünden anrechnest, Herr, wer kann bestehen?"

3.

Auf diese Klage des gefallenen Menschen hin folgt der Einzug mit dem Licht. War es im Alten Bund die Feuersäule, die Israel in der höchsten Not durch die Wüstenacht führte, so ist es im Neuen Bund das Licht des auferstandenen Herrn, das uns durch die Nacht der gefallenen Welt hinfuhrt zur Gemeinschaft mit Gott. Die Kerze stellt Christus dar, Ihm gilt das Rauchopfer, das der Priester darbringt mit dem Ausruf: „Weisheit aufrecht!". Die Gemeinde antwortet mit dem ältesten in der Christenheit überlieferten Hymnus:

Heiteres Licht,
heiliger Herrlichkeit
des unsterblichen Vaters,
des himmlischen, des heiligen, des seligen Jesus Christus.
Gekommen zum Sinken der Sonne
schauen wir das Abendlicht
und singen in Hymnen Gott,
dem Vater, dem Sohn und dem HI. Geist.
Würdig bist Du zu allen Zeiten
mit geziemenden Rufen gefeiert zu werden:
Gottes Sohn, Lebensspender; Dich verherrlicht das All.

Die Vesper beim Untergang der Sonne stellt mit dem Kleinen Einzug durch die königliche Tür in den Altarraum und mit dem Hymnus „Heiteres Licht" den Eintritt des Mensch gewordenen Gottessohnes in die Dunkelheit der gefallenen Welt dar. Er enthüllt mit seinem Kommen die wahre Bestimmung des Menschen und die wahre Natur aller Dinge. Die entscheidende Wende, die Rückführung des Menschen und des Kosmos in die Gemeinschaft mit Gott, hat mit seinem Kommen in die Welt ihren Anfang genommen. Nur weil Christus erschienen ist, konnte die abendliche Gemeinde am Anfang der Vesper den Lobpreis der Schöpfung singen.

4.

Die Vesper als Abschluss des vorherigen Tages, mit der folgenden Nacht, nach der der neue Tag anbricht, stellt auch den Übergang des Alten Bundes zum Neuen Bund dar. Dies ist das vierte Thema, das in dem Gesang des hl. Simeon zum Ausdruck kommt. Dieser Greis vertritt die Prophetie des Alten Bundes, die den Messias über Jahrhunderte angekündigte und erwartet hat. Durch den Geist Gottes war ihm kundgetan, er werde noch zu seinen Lebzeiten dem Verheißenen begegnen. Diese Voraussage erfüllt sich, als Maria und Josef das Kind zur Darstellung in den Tempel bringen, und er das Kind auf seine Arme nehmen und den Lobpreis anstimmen kann:

Nun entlässest Du, Herr, nach Deinem Worte deinen Knecht in Frieden,
denn meine Augen haben geschaut Dein Heil,
das Du bereitet hast vor aller Völker Angesicht,
das Licht zur Offenbarung der Heiden,
das Licht zur Verherrlichung Deines Volkes Israel.

Aus den Worten des Simeon erkennen wir, dass ihm die Schau des Heilandes zu seinen Lebzeiten eine Erfüllung gebracht hat, die über seinen Tod hinaus wirkt. Sein Lebensende ist ihm keine Katastrophe, sondern es ist für ihn ein Durchgang zu einer vertieften inneren Schau jenes ewigen, göttlichen Lichtes. Auf gleiche Weise ist die Vesper die Erkenntnis, dass der Abend dieser Welt hereingebrochen ist, jedoch einer, der jenen Tag ankündigt, an dem es keinen Abend mehr geben wird. Die Kirche will mit ihrer Vesper hinweisen auf einen neuen Tag, der alle Zeitvorstellungen sprengt, der in der sonntäglichen Liturgie schon in unsrer Zeit und Welt angebrochen ist. Die Danksagung des greisen Simeon ist so auch zur unserer geworden, die wir in den gesegneten eucharistischen Gaben den Heiland des Volkes Israel und der Völkerwelt in die Arme nehmen können.