Die Kommunion der Gläubigen

Erzpriester Sergius Heitz

 



 

 

 

 

 

Zur Kommunion von Kleinkindern und Täuflingen

Die Taufe ist erst vollständig vollzogen, wenn dem Täufling nicht nur die Myronsalbung, sondern auch Anteil am allreinen Leib und am kostbaren Blut unseres Herrn und Erlösers Jesus Christus gegeben worden ist. Wo eine Taufe vor einer Liturgie­feier stattfindet, kommuniziert der Täufling in der nachfolgen­den Liturgiefeier. Findet eine Taufe im Anschluß an eine Liturgiefeier oder gesondert davon statt, so wird dem Täufling die Kommunion meist am nachfolgenden Sonn- oder Festtag gespendet. Dabei wird während der Erstkommunion des Neophyten (d. h. des Neu-Erleuchteten) von einem Paten oder An­gehörigen die brennende Taufkerze gehalten. Neugetauften wird bei der Austeilung der Kommunion von den übrigen Gläubigen der Vortritt gelassen.

Während die Taufe selbst ein unwiederholbarer, einmaliger Akt ist und die Myronsalbung nur im Falle eines Wiederein­tritts in die Kirche nach einem Abfall wiederholt werden kann, ist die Kommunion immer neu von Nöten. Orthodox getauften Kleinkindern (Nipia, bis ca. 7 Jahren) wird sie vor­aussetzungslos in jeder Liturgiefeier dargereicht; die Eltern sind eingeladen, ihre Kinder möglichst häufig zur Kommunion zu bringen.

 

Zur Kommunion von Erwachsenen

Bei Erwachsenen setzt die Teilnahme an Leib und Blut Christi eine Vorbereitung durch Buße und Fasten voraus. Häufig, aber nicht immer und überall, gehört dazu auch das Bußsakrament. Aber auch dort, wo die Beichte nicht zur Voraussetzung des Kommunionsempfanges gemacht wird, kommunizieren Erwachsene nicht unvorbereitet.

Es ist ein alter, überall in der orthodoxen Oikumene verbreite­ter Brauch, daß vor der Teilnahme an der heiligen Kommunion von den Kommunikanten die [… Kommunion-] Gebete gelesen werden. Mancherorts werden sie auch, wenigstens in gekürzter Fassung, vom Lektor oder Priester vor der Austeilung der Kommunion vorgetragen, seltener werden sie in der hier gegebenen Ordnung in einem eigenen Gottesdienst ge­meinsam gebetet; meist aber werden sie von den kommunizie­renden Gläubigen zu Hause für sich vor und nach der Liturgie gelesen. […] Wir sind überzeugt, daß gerade diese Gebete, da sie regelmäßig gebraucht werden, von kaum zu überschätzendem Einfluß auf Denken und Spiritualität der Gläubigen sind. Durch sie geschieht bewußt oder unbewußt eine Erziehung zu einer geistigen Haltung, die das innerste Menschsein betrifft und verwandelt.

Da ist zunächst das Verständnis von Sünde und Gnade, das von diesen Gebeten her eine besondere Prägung erhält. Die Sünde ist hier nicht in erster Linie gesehen als eine Tat der Verfeh­lung, sondern als ein Ausdruck einer grundlegenden Haltung der Gottesferne, der Selbstsucht, der mangelnden Hingabe an Gott und an den Nächsten und des Hochmutes, woraus die einzelnen Tatsünden erst hervorgehen. Darum kann man sich von den Sünden nicht abwenden durch einen Willensakt, wie man dies im Westen gemäß scotistisch-ockamistischer Tradition weithin geneigt ist, zu meinen. Nur Gott, der Heilige Geist, Selbst kann von der Sünde befreien. Er tut dies durch das Mysterium der Buße, aber auch überall dort, wo Er in Demut und im festen Glauben an Seine Verheißung darum gebeten wird. Nicht zufällig beziehen sich unsere Gebete immerwieder auf diese Verheißung; Gott gleichsam da­bei zu behaften als immer neu zu vollziehender Akt des Glau­bens, das ist ein wesentliches Moment orthodoxer Frömmigkeit, wie sie hier zum Ausdruck gelangt. Denn diese Haltung von Demut und gehorsamer Offenheit ist nach orthodoxem Verständnis unabdingbar für den heilsamen Genuß von Leib und Blut Christi.

Damit hängt nun zusammen, daß auch die Frage nach der Würdigkeit des zur Kommunion Herantretenden anders gese­hen wird als in manchen westlichen Konfessionen, die in der Praxis diese Würdigkeit zur Vorbedingung werden ließen für eine Teilnahme am Sakrament. Aus unseren Gebeten geht her­vor, daß wir niemals würdig sind, daß der Herr in uns Woh­nung nimmt. Gerade diese Unwürdigkeit aber gilt es, in Demut zu bekennen und so in Demut um Reinigung durch den Geist zu bitten.
Das Herzstück dieser Gebete aber ist die Bitte um das „Bleiben in Christus“ mit Berufung auf die Worte des Herrn in Joh 6,56: „Wer Mein Fleisch ißt und Mein Blut trinkt, der bleibt in Mir und Ich in ihm“. Darum haben wir auch als Gebet un­mittelbar nach der Kommunion nochmals ein Tropar aus der Achten Ode aufgegriffen:

„Zu Deinem Erbarmen nehme ich Zuflucht, Allguter,
und rufe voll Ehrfurcht:
Bleibe in mir, Erlöser,
und laß mich, wie Du verheißen, in Dir sein.
Denn siehe im Vertrauen auf Deine Barmherzigkeit
esse ich Deinen Leib und trinke Dein Blut.“

Hier wird in knappster Form die Haltung vermittelt, die nach orthodoxem Verständnis dem Mysterium der Teilnahme am allreinen Leib und am kostbaren Blut des Herrn entspricht. Es scheint uns gut und hilfreich, nach der Kommunion dieses Tropar mehrmals (mindestens dreimal) hintereinander zu sprechen.
Im übrigen wird nach der Kommunion bei vielen Gläubigen auch das Herzensgebet reaktiviert und intensiviert. Denn die Kommunion ist ja nur ein Anfang des neuen Lebens im Herrn; dieser Anfang aber muß seine Fortsetzung finden und ständig neu aktualisiert werden im Gebet. Darum auch die Dankgebe­te nach der Kommunion. Man sollte nicht kommunizieren, wenn man sich nicht die Zeit nehmen will, danach - und sei es am Abend zu Hause - wenigstens die Dankgebete in Ruhe zu halten. Manche Gläubige wiederholen hier auch noch ein­mal einen Teil der Vorbereitungsgebete, weil sie erfahren ha­ben, daß man über die Sünde oft erst weinen und oft erst sich bekehren kann, wenn die Herzenshärte durch die Erneuerung in Beichte und Kommunion gebrochen ist.
Wie auch immer im einzelnen die Vor- und Nachbereitung der Kommunion  geschieht, jedem  orthodoxen  Christen  sollte zweierlei angelegen sein: Einerseits, daß er darüber in regelmäßigen Abständen mit seinem Beichtvater oder geistlichen Vater spricht, andererseits, daß er sich durch die Teilnahme an der Kommunion auf einen Weg geistlicher Verwandlung begibt, der Kontinuität erfordert. Deshalb kommuniziert man als or­thodoxer Gläubiger nicht oder nur im Ausnahmefall in einer fremden Gemeinde und schon gar nicht in einer nicht-orthodoxen. Die Kommunion ist nach orthodoxem Verständnis kein Mittel ökumenischer Vereinigung, sondern setzt die volle Ein­heit, gerade auch in bezug auf den Glaubensweg voraus. Dies hat nichts mit einer Geringschätzung oder Verachtung anderer Konfessionen zu tun, sondern allein mit der Tatsache, daß man selbst dort, wo es viele Wege zum einen Ziel gibt, immer nur auf einem Weg gehen kann, wenn man nicht auf der Strecke bleiben will. Wer in der Orthodoxen Kirche zur Kommunion geht, der hat sich damit auf einen Weg eingelassen und in eine Führung begeben, die andere Wege ausschließt. Denn das Geschehen der Kommunion ist kein Geschehen allein zwischen Gott und Seele, wie dies manche protestantische Denominatio­nen zu sehen geneigt sind, sondern dieses Geschehen bindet den einzelnen neu ein in den Leib der Kirche und ihre konkrete Tradition, damit im besonderen auch in die Gemeinschaft ihrer Heiligen. Gerade diese Bindung aber ist die wesentliche Voraussetzung dafür, auf dem Weg des Glaubens voranzukommen auch dort, wo sich Hindernisse in den Weg stellen, die man allein nicht überwinden kann.

(Auszug aus: Sergius Heitz: Mysterium der Anbetung III)

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