Einführung zu dem Mysterium der Krönung

Erzpriester Sergius Heitz

 



Während seit dem Mittelalter im Westen die kirchliche Eheschließung ein Rechtsakt ist, in welchem sich die Brautleute gegenseitig vor Zeugen und mit dem Segen der Kirche das Ja-Wort geben, ist im Raum der Orthodoxen Kirche dieser Rechtsakt wie ehedem dem Mysterium der Ehekrönung vorge­zogen. Er geschieht hier mittels des Ringtausches in der Ver­lobung, die in einem eigenen Ritus mit Ektenien und epikletischen Priestergebeten im Narthex der Kirche gefeiert wird, meist unmittelbar vor der Ehekrönung, manchmal auch als eigene kirchliche Feier.
Wo bei Slawen die Brautleute zu Beginn der Krönung den Willen zur Heirat und die eigene Ungebundenheit ausdrücklich bestätigen, geben sie sich damit nicht das Ehesakrament, son­dern bezeugen nur, daß keine Ehehindernisse vorliegen. Denn das Sakrament der Ehe ist in orthodoxer Sicht die Ehekrönung, wie sie vormals auch im Westen vollzogen wurde, wovon in Volksbräuchen heute noch Reste sichtbar sind. Nach der Friedens-Ektenie mit Einschüben für die Brautleute und die Ihren wird nach drei epikletischen Priestergebeten vom Prie­ster der Akt der Krönung vollzogen, indem er spricht: „Gekrönt wird der Knecht Gottes N. N. durch die Magd Gottes N. N. im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Gekrönt wird die Magd Gottes N. N. durch den Knecht Gottes N. N. im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Herr, unser Gott, mit Herr­lichkeit und Ehre kröne sie.“ Die Krönung ist gleichsam die Vorwegnahme eines eschatologischen Aktes: Denn wie die Märtyrer und Asketen im Jüngsten Gericht mit dem Siegeskranz gekrönt werden, so wird dieser Kranz auch den Ehepartnern für ihren gemeinsamen Lebenskampf verheißen, wobei einer des anderen Schmuck darstellt. Diese Verheißung wird am Schluß des ganzen Ritus verdeutlicht. Dort heißt es bei der Abnahme der Kränze im Priestergebet: „Hebe ihre Kronen in Deinem Reiche auf und bewahre sie frisch und tadellos und sicher vor Nachstellungen in die Äonen der Äonen“.
Nach der Zeremonie der Krönung folgt eine Synaxis, d.h. ein Wortgottesdienst für die Gekrönten und die Ihrigen. Als Apostellesung gelangt die Stelle aus dem Epheserbrief zum Vortrag, in der das Verhältnis von Mann und Frau verstanden wird als Abbild des Verhältnisses von Christus und Seiner Kirche und daher die Ehepartner zum gegenseitigen Liebesdienst aufgeru­fen werden. Hiermit wird zwar die Unterordnung der Frau unter den Mann als freiwillige Hingabe in Liebe angemahnt, nicht aber die Unterdrückung der Frau durch den Mann legiti­miert, da auch dieser ermahnt wird, seine Frau zu lieben, wie Christus die Kirche liebt, und das schließt Unterdrückung aus. Das Evangelium der Synaxis ist die Perikope der Hochzeit zu Kana. Es bezeugt gemäß dem nachfolgenden Priestergebet die Kostbarkeit des Ehestandes, der anderen Ständen nicht nachsteht. Denn, was der Mönch durch seine Askese und der Mär­tyrer durch seinen Zeugentod zu erlangen die Verheißung hat, das ist den getreuen Ehepartnern in ihrer Gemeinschaft verheißen: die ewigen Kronen und den Kelch des Heils. Dies wird noch einmal deutlich gemacht durch das Trinken aus dem vom Priester gesegneten, nicht-eucharistischen Gemeinschaftskelch, während der Chor singt: „Ich will den Kelch des Heils erheben und den Namen des Herrn anrufen“ (Ps 115,4). Es ist also nicht einfach der Ehestand an sich, der den Siegerpreis mit sich bringt, so wie es ja im Mönchstand auch nicht die Askese an sich oder beim Märtyrer der Tod an sich ist. Es kommt viemehr darauf an, daß beim Trinken aus dem gemeinsamen Kelch der Name des Herrn angerufen wird.
Bemerkenswert ist im übrigen, was im orthodoxen Ritus der Eheschließung fehlt: nämlich nicht nur das gegenseitige Ja-Wort, sondern vor allem auch die Begrenzung der Treuepflicht „bis daß der Tod euch scheidet“. Denn nach orthodoxer Auffassung vermag der Tod nach Christi Hadesfahrt nicht mehr die zu scheiden, die im Herrn leben. Deshalb gilt die Ehe auch über den Tod hinaus[1]. Jede zweite Ehe, auch nach dem Tod des ersten Ehepartners, ist Ehebruch. Sie wird, wie auch jede
Scheidung, nur geduldet, um der Härte der Herzen willen (Mt 19,8; Mk 10,5).[2] Darum findet sich ohne Diskussion der Schuldfrage im einzelnen bei jeder Zweiten oder Dritten Eheschließung durch die Brautleute im Verlobungsritus nach dem Tauschen der Ringe ein epikletisches Büß- und Absolutionsge­bet des Priesters. Eine vierte Eheschließung dagegen wird nicht mehr gekrönt. Kirchliche Dispense kennt die Orthodoxie nicht.[3]

 

[1] Vgl. Heitz, Christus in euch, a. a .O., S. 155 ff.

[2] Diakonen und Priestern ist nach der Akribie eine zweite Ehe nicht gestat­tet (vgl. l Tim 3,2). Klerikern ist nach der Weihe zum Diakon keine Heirat mehr möglich.

[3] Dafür kennt sie das Prinzip der Oikonomeia, vgl. Heitz, Christus in euch, a. a. O., S. 119

(Auszug aus: Sergius Heitz: Mysterium der Anbetung III)

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